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DER AUTOR

© Uldis Baldolis

Caleb Roehrig ist Autor und TV-Producer. An chronischem Fernweh leidend, hat er bereits in Chicago, Los Angeles und Helsinki gelebt. Er hat über dreißig Länder bereist und kann Empfehlungen abgeben, wie man trotz eines bescheidenen Budgets die schönsten Orte zu sehen bekommt. Heute lebt er mit seinem Mann in Los Angeles.

Von Caleb Roehrig ist bei cbj bereits erschienen:

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CALEB ROEHRIG

Aus dem amerikanischen Englisch

von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair

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Quellennachweis:

Mottozitat S. 4 aus Arthur Conan Doyle, Die Abenteuer des Sherlock Holmes, S. 98, neu übersetzt von Henning Ahrens, Fischer Taschenbuch 2016.

Die Zitate aus den Scott-Pilgrim-Comics von Bryan Lee O’Malley sind aus folgenden Ausgaben zitiert: S. 311 aus Scott Pilgrim (3), Drama ohne Ende, S. 66 und 163, Stuttgart, Panini Verlag, 2011, S. 312 aus Scott Pilgrim, Scott Pilgrim (2), Gegen den Rest der Welt, S. 37, Stuttgart, Panini Verlag, Scott Pilgrim (3), Drama ohne Ende, S. 49, Stuttgart, Panini Verlag, 2011, und Scott Pilgrim (4) … hat’s voll drauf, S. 19, Stuttgart, Panini Verlag, 2011, alle übersetzt von Sandra Kentopf.


© 2018 by Caleb Roehrig

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »White Rabbit« bei Feiwel and Friends, einem Imprint der Macmillan Publishing Group, LLC, 175 Fifth Avenue, New York, NY 10010

© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Arcangel Images/Lee Avison

kk · Herstellung: SeS

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-23490-4
V002

www.cbj-verlag.de

Für meine Mutter, Kay Nichols.

Du hast einmal gesagt: »Ein Buch macht nur Spaß,

wenn dauernd jemand stirbt.«

Ich hoffe, die Zahl der Todesopfer genügt deinen Ansprüchen.

Und

in Erinnerung an meine Tante Holly und meinen Onkel Andy,

die zu früh von uns gegangen, aber für immer vereint sind.

Danke, dass ihr an mich geglaubt habt.

Nichts ist irreführender als

eindeutige Tatsachen.

Arthur Conan Doyle

1

DIE LEITUNG IST TOT. Die plötzliche Stille in meinem Ohr ist so absolut, so unheilvoll, dass mir ein kalter Adrenalinstoß trotz der stickigen, schwülen Nachtluft Gänsehaut verursacht. »Hallo?«, sage ich idiotischerweise und merke, wie aufgewühlt ich klinge. »Bist du noch da?« Ein kurzer, sinnloser Blick auf das Display bestätigt mir, dass die Antwort natürlich »Nein« lautet.

»Was ist?«, fragt der Junge hinter mir, er scharrt mit seinen uralten Chucks auf dem rauen Straßenpflaster. Sebastians »Glücksschuhe« sind so zerfleddert, dass sie buchstäblich auseinanderfallen, durch die ausgefransten Löcher in dem grau gewordenen Segeltuch sieht man seine dunklen Socken. Früher fand ich das süß. »Wer war das?«

Ich wedle gereizt in seine Richtung, um ihn zum Schweigen zu bringen, während ich die Nummer mit meinem Handy zurückrufe. Es klingelt mehrmals, aber niemand nimmt ab. »Komm schon«, bettle ich laut. »Geh schon ran, verdammt noch mal.«

»Rufus, wer war das?«, wiederholt Sebastian, als ich es frustriert aufgebe, das Handy wieder in meine Hosentasche stecke und mich zu ihm umdrehe. Seine weit aufgerissenen, dunklen Augen sind voller Sorge und das macht mich wütend. Er hat kein Recht, sich um mich zu sorgen – nicht jetzt, nicht nach allem, was er getan hat –, aber auf einmal bin ich zu beunruhigt und verunsichert, um, wie noch vor ein paar Minuten, berechtigten Zorn zu empfinden.

»April«, antworte ich steif und ärgere mich kurz über mich selbst, weil ich auf seine Frage reagiere. Warum antworte ich ihm eigentlich? Mein Leben geht ihn nichts an. Nicht mehr.

»Deine Schwester?« Fassungslos zieht er die Nase kraus und die Augenbrauen zusammen. Es ist ein vertrauter Anblick, und auch das fand ich früher süß an ihm – früher, bevor er mir das Herz gebrochen hat.

»Eine andere April kenne ich nicht.«

»Warum hat sie dich angerufen?« Er will keine Zusammenfassung unseres Gesprächs. Ihn verblüfft die bloße Tatsache, dass mich meine Schwester überhaupt angerufen hat – und ich bin genauso überrascht wie er.

April ist gerade mal zehn Monate jünger als ich, sie fünfzehn, ich sechzehn, trotzdem kennen wir uns kaum. Ich bin nur rein formal ihr Bruder und man kann uns nicht einmal als Freunde bezeichnen; Freundschaft ist etwas, was unser Vater Peter Covington II, ein kontrollsüchtiger, aufgeblasener Wichtigtuer, niemals zwischen uns dulden würde. Und auch wenn es mir persönlich scheißegal ist, was der heuchlerische Arsch duldet und was nicht, will ich mit keinem der Covingtons auch nur das Geringste zu tun haben.

April jedoch hat so eine Art, sich einem ins Herz zu schleichen, egal wie viele Hindernisse man ihr in den Weg legt. Sie ist geht auf andere zu, ist immer gut drauf und traut sich was, und bisher hat es noch keine Regel gegeben, bei der April Covington nicht ein Schlupfloch gefunden hätte. Sie hat etwas Liebenswertes an sich, was ihr nicht einmal ihre gefühlskalten Eltern austreiben konnten – und garantiert haben sie sich nach Kräften bemüht. Allerdings ist es Peter und seiner Frau Isabel gelungen, ihr ein paar schlechte Eigenschaften mitzugeben; und daher ist April, so liebenswert sie auch sein mag, zuweilen durchaus berechnend, manipulativ und verzogen. Mit ihr zusammen zu sein, hat meistens seinen Preis, und ich bin ziemlich sicher, dass sie gerade angerufen hat, weil ich ihr noch was schuldig bin.

»Sie ist in Schwierigkeiten«, höre ich mich zu Sebastian sagen. Es klingt absurd distanziert, meine Gedanken überschlagen sich bereits, während ich mir zu überlegen versuche, was ich jetzt tun soll. »Sie – sie braucht meine Hilfe.«

»April braucht deine Hilfe.« Er wiederholt die Worte, um sie abzuwägen, kann sich jedoch genauso wenig einen Reim darauf machen wie ich. Und dennoch hat sie das vor nicht einmal zwei Minuten zu mir gesagt.

»Hallo?« Mein Ton war verärgert, meine Geduld schon recht strapaziert, als ich den Anruf annahm. Kaum hatte ich es getan, bereute ich es bereits – wünschte mir, ich hätte einfach zu der wütenden Tirade angesetzt, mit der ich Sebastian gerade überziehen wollte.

Es folgte eine seltsam geräuschvolle Stille, ein raschelndes Nichts in der Leitung, das langsam von flachen, angestrengten Atemzügen abgelöst wurde. Schließlich, als ich das Ganze schon für einen Streich hielt: »Rufus?«

Ihre Stimme zitterte, klang wie von weit weg, mein Name rutschte in ihrem Mund herum wie ein Eiswürfel, und im Nu war mein Ärger verflogen. »Ja, ich bin dran. Was … Was ist denn?«

»Rufus«, wiederholte sie quengelig. Wieder hörte ich ihren Atem – gepresst und unnatürlich – und dann ihre wie von weit weg klingende Stimme. »Ich brauche … ich brauche Hilfe, Rufus.«

»Wovon redest du? Was ist los?«

»Ich bin … in Fox’ Cottage«, machte sie weiter, die Worte kamen unzusammenhängend, stockend heraus, als kostete es sie eine enorme Anstrengung, sie aneinanderzufügen. »Im Cottage von Fox’ Eltern. Du musst mir helfen. Bitte.«

»Was ist passiert?«, fragte ich. Mein angeborener Argwohn gegen alles, was mit den Covingtons zu tun hat, machte es mir schwer, den Anruf meiner Halbschwester für bare Münze zu nehmen. »Sag mir, was …«

»Du bist der Einzige, dem ich vertrauen kann!«, platzte sie schrill heulend heraus und wimmerte: »Du musst kommen, Rufus. Du musst! Bitte versprich es … versprich es mir.« Darauf folgte wirres Gefasel, eine Aneinanderreihung von Unsinn, als würde sie rückwärts sprechen, und schließlich: »Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe solche Angst. Ich glaube, ich … HILF MIR!«

Und dann war die Leitung tot.

Ich gebe Sebastian eine grobe Zusammenfassung, eigentlich will ich es ihm nicht erzählen, bin aber zu aufgeregt, um es nicht zu tun. Wir stehen vor seinem Auto, die bernsteinfarbene Straßenlampe taucht sein unverschämt schönes Gesicht in Sepiatöne und in der schweren, stehenden Luft um uns herum riecht es nach Schwarzpulver. Einen Häuserblock weiter veranstaltet meine beste Freundin, Lucy Kim, ihre Party zum 4. Juli mit Feuerwerk und allem Drum und Dran; das ist unser jämmerlicher Versuch, all den kultigen Hollywood-Teenagerfilmen gerecht zu werden, in denen abwesende Eltern und eine Menge Bier genügen, um einer Handvoll quirliger, liebenswerter Underdogs eine unvergessliche, alles verändernde Nacht zu bescheren. Wir haben es allerdings bisher nur geschafft, eimerweise Kotze und ein paar Brandflecken auf dem Sofa zu produzieren, für die sich Lucy eine gute Erklärung überlegen muss, wenn Mr und Mrs Kim am 6. Juli aus Boston zurückkehren.

»Was willst du tun?«, fragt Sebastian besorgt. Er kommt näher, als wollte er mich berühren, und ich trete einen Schritt zurück. Er nimmt die Abfuhr zur Kenntnis und hält inne, doch seine Augen sind weiter auf meine gerichtet, und in seinem Blick liegt genug Gefühl, um etwas in meinem Innern zu wecken, dem ich eigentlich längst einen Pfahl ins Herz getrieben hatte.

»Ich weiß es nicht«, murmle ich und sehe zu Lucys Haus hinauf, um seinem Blick auszuweichen. Ich höre Rufe, Musik und Lachen, und von irgendwo am See knallen immer noch gelegentlich Feuerwerkskörper. Es ist fast zehn … Gibt es auf der Party überhaupt noch jemanden, der nüchtern ist? »Ich weiß es ni… vielleicht sollte ich Peter anrufen.«

»Euren Dad?« Dieser Vorschlag verwirrt ihn noch mehr als Aprils Hilferuf an mich. »Ist das eine gute Idee?«

»Nein«, gebe ich zu und merke, wie ich rot werde. »Aber was soll ich sonst machen? Ich habe kein Auto, alle meine Freunde sind stockbesoffen, und ich habe keinen Schimmer, wo April eigentlich ist. Dieses Cottage von Fox’ Eltern, wo zum Teufel soll das sein? Es könnte überall sein!«

»South Hero Island«, antwortet Sebastian prompt. Klar, er weiß es natürlich. »Ich war ein paarmal dort. Von hier ist es nur so eine halbe Stunde – ich fahre.«

»Nein, danke«, sage ich kühl, mit dem Rest Würde, den ich zusammenkratzen kann, auch wenn ich mir offensichtlich gerade ins eigene Fleisch schneide – ein stillschweigendes und peinliches Eingeständnis, dass es mir immer noch wehtut. Dass ich nicht darüber hinweg bin.

»Wie kommst du dann hin?«

»Ich lasse mir was einfallen.«

»Ach ja?«, fragt er herausfordernd, und endlich macht sich ein Anflug von Ärger unter seiner ewig coolen Fassade bemerkbar. »Willst du zu Fuß raus auf die Insel laufen? Und bei jedem Haus an die Tür klopfen, bis du April findest?« Er tritt einen Schritt zurück und zeigt auf seinen anderthalb Meter entfernt geparkten Jeep. »Mein Auto steht da und ich kenne den Weg. Wenn du mich anbrüllen willst, und das seh ich dir an, kannst du es unterwegs tun, dann schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe.«

Diesen Vorschlag unterstreicht er mit einem verwegenen Lächeln – jenem verschlagenen Wolfsgrinsen, das in allen vier Jahrgangsstufen der Ethan Allen High die Herzen zum Schmelzen bringt und für erotische Fantasien sorgt –, und ich wappne mich gegen seine beängstigende Macht, indem ich mein Herz mit einem dicken Eispanzer überziehe. Ein ängstlicher Blick auf mein Handy sagt mir jedoch, dass die Uhr bereits tickt; ich habe keine Ahnung, welche Art von Hilfe April braucht, wie ernst ihre Lage ist, und ob ich mir die Zeit nehmen kann, noch mal auf Lucys Party zu gehen und dort nach jemandem zu suchen, der nüchtern genug ist, um mit mir einen halbstündigen Ausflug zum Lake Champlain zu unternehmen.

Ganz abgesehen davon könnte es trotz meiner Abneigung gegen Sebastian Williams ganz vorteilhaft sein, ihn dabei zu haben. Aprils Clique ist auch seine Clique, und wenn sich herausstellt, dass es doch eine Falle ist, könnte seine Anwesenheit ihre Pläne durchkreuzen. Könnte.

Innerlich zittriger, als ich mir anmerken lasse, und trotz all meiner Bedenken allmählich doch in Sorge um meine Schwester nicke ich kurz und wortlos und gehe zur Beifahrertür. Sebastians Lächeln wird breiter, als er das Auto aufsperrt, aber ich tue so, als bemerkte ich es nicht, und beschäftige mich damit, mir eine Erklärung für Lucy zu überlegen. Ich habe das Haus noch keine zehn Minuten verlassen, und schon hat sie mir eine (reichlich betrunkene) Nachricht geschrieben, in der sie sich nach meinem Verbleib erkundigt: WO BIST DU, RUFUS HOLT?? ZEIT FÜR TEQUILA SHOTS UND ICH BRAUCHE MEINEN BESTEN FREUND!!!

Vor drei Jahren, als ich tief im Sumpf eines wirklich grauenvollen Coming-outs steckte, war Lucy Kim die erste Freundin, die sich auf meine Seite schlug und ihre Loyalität in einer Reihe überschwänglicher Textnachrichten zum Ausdruck brachte. Zuerst: HAB GERADE RAUSGEFUNDEN DASS MEIN ALLERBESTER FREUND SCHWUL IST OMFG SUPERCOOL WOW LASS UNS SCHUHE KAUFEN GEHEN, gefolgt von: jkjkjk du weißt, dass ich dich über alles liebe, Rufus, und ich bin zu 110 % auf deiner Seite, egal was kommt mwah xoxo. Und: Wenns sein muss, kämpfe ich wie eine Löwin für dich, du musst nur was sagen. Und schließlich: Im Ernst, ich brauch wirklich neue Schuhe, also wie siehts aus?

Lucy ist total energiegeladen und total aufmerksamkeitssüchtig und manchmal einfach nur total high, aber ich liebe sie heiß und innig. Während ich in Sebastians Jeep klettere, feuere ich mit den Daumen eine Nachricht ab: Musste los. Irgendwas mit April?!? Melde mich morgen bae. Bis morgen früh schickt sie mir bestimmt noch siebzig Nachrichten.

❊ ❊ ❊

Während wir nach Norden Richtung Winooski und Malletts Bay fahren, sausen die Straßen von Burlington in einem Wirbel aus Laub und Sternenlicht an uns vorbei. Unser Ziel ist die schmale Dammstraße, die das Ufer mit der Kette von Inseln inmitten des gewundenen Sees an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Vermont und New York verbindet. Sebastian hatte vollkommen recht – ich hätte ihn am liebsten angebrüllt, aber ich bin viel zu besorgt wegen Aprils Anruf, um mein Hirn auf all die angestauten Vorwürfe an den Typen zurückzuschalten, der sich bereitwillig als mein Chauffeur angeboten hat. Und der vor nicht allzu langer Zeit mein erster richtiger Freund war.

Mit Sebastian Williams zusammen zu sein, war das Beste und das Schlimmste, was mir je passiert ist. In vielerlei Hinsicht gab mir die Zeit mit ihm das Gefühl, als hätte ich vorher gar nicht richtig gelebt. Ich war wie eine Geige – ein Gegenstand, der keinen rechten Zweck hat, bis jemand ihn berührt, ihn zum Klingen bringt, Dinge aus ihm herausholt, die er allein nie hervorbringen könnte. Sebastian war derjenige gewesen, der mir die Musik entlockt hatte, und deswegen war das Ende auch so schlimm; vor ihm war mir nie bewusst gewesen, wie schmerzhaft die Stille ist.

Doch das Schwierigste an unserer Trennung war zugleich das Schwierigste an unserer gesamten Beziehung: Wir mussten es vor allen, die wir kennen, geheim halten.

Ich sehe zu ihm rüber, als wir uns in einen Kreisverkehr einfädeln, das Licht streicht auf eine Art über sein Gesicht, wie ich es tausendmal erfolglos auf ein Foto zu bannen versucht habe. Er ist so verdammt attraktiv, dass es mir immer noch den Atem verschlägt, auch wenn ich wünschte, ich hätte ihn nie kennengelernt. Mit seiner dunklen Haut, den flirtenden Augen und dem rotzfrechen Lächeln sieht er besser aus, als gut für ihn ist – und da ist sein langbeiniger, schmalhüftiger und durch und durch straffer Körper noch gar nicht miteinberechnet.

Fuck.

Es ist erst sechs Wochen her, dass er urplötzlich und ohne Erklärung aufgehört hat, meine Nachrichten zu beantworten; fünf Wochen, dass er ganz offiziell auf unfassbar schmerzhafte Art mein Herz zertrampelt hat, als würde er eine Kippe austreten; und erst eine Woche, dass ich aufgehört habe, die sinnlose Illusion zu hegen, er könnte eines Tages zu mir zurückkehren – oder würde mir zumindest die Gelegenheit geben, ihm ins Gesicht zu sagen, was ich von ihm halte. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als er dann aus heiterem Himmel auf Lucys Party auftauchte und mich sprechen wollte, sofort. Aber wir waren kaum zum Thema gekommen, als mein Handy in meiner Hosentasche klingelte und April mit ihrem rätselhaften Notfall anrief, und jetzt sind wir hier, sitzen einen halben Meter voneinander entfernt in unbehaglichem Schweigen, während die Nacht um uns herum immer merkwürdiger wird.

Was auch immer er auf dem Herzen hat, es muss etwas Wichtiges sein – wichtig genug für ihn jedenfalls, um herauszufinden, wo Lucy wohnt. In den vier Monaten unserer Beziehung hat er nämlich immer tunlichst darauf geachtet, meinen Freunden aus dem Weg zu gehen. Trotzdem bin ich entschlossen, ihm zuerst meine Meinung zu sagen, mich von all den giftigen, ätzenden Gefühlen zu befreien, die sich im Lauf von sechs langen Wochen bis in mein Knochenmark gefressen haben. Ich habe diese Szene so oft im Kopf durchgespielt, dass es mir nicht schwerfallen sollte, meine berechtigten Vorhaltungen loszuwerden … nur dass ich mich inzwischen sieben Tage lang darin geübt habe, nicht mehr daran zu denken, aus der idiotischen, dem Selbstschutz dienenden Auffassung heraus, dass mir all die negativen Gefühle nicht guttaten. Und so sind meine kristallklaren Beschuldigungen und Argumente hoffnungslos durcheinandergeraten. Aprils Anruf anzunehmen, war zum Teil auch der Versuch gewesen, Zeit zu gewinnen, um meine Gedanken zu sortieren.

»Hin und zurück dauert es eine Stunde«, bemerkt Sebastian im Konversationston, seine Stimme durchschneidet die Stille. »Du kannst mich nicht die ganze Zeit ignorieren.«

»Herausforderung angenommen«, gebe ich frostig zurück. Auf diese Weise muss ich wegen meiner eigenen perversen Sturheit meine Rachegelüste noch weiter zügeln. Es ist wirklich bescheuert; so gern ich ihm den Kopf waschen würde: Wenn er darauf wartet, werde ich den Teufel tun und ihm die Genugtuung gönnen. Ich habe einmal aus purem Groll auf Tickets für ein Konzert von Death Cab for Cutie verzichtet, weil sie ein Friedensangebot meines Freundes Brent waren. Damals befand ich mich mitten in einer blutigen Fehde mit ihm und wollte nicht, dass er sich besser fühlte, was immer er mir auch angetan hatte.

Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, was Sebastian mir nach all der Zeit zu sagen hat – was ihn dazu veranlasst haben mag, sich spätabends auf die Suche nach mir zu machen, wo er doch eigentlich mit seinen coolen Freunden Party machen sollte – und ich gebe zu, dass es mich brennend interessieren würde. Auch wenn ich wollte, es wäre nicht so. Und ebenso wenig kann ich mir im Entferntesten vorstellen, wie April darauf gekommen ist, ausgerechnet mich anzurufen und zu behaupten, ich sei der Einzige, dem sie vertrauen könne. Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn; der ganze Abend ist innerhalb kürzester Zeit so bizarr geworden, dass ich mir in den Oberschenkel kneife, bis es wehtut, nur um mich zu vergewissern, dass ich wirklich wach bin.

»Das ist aber nicht irgendein Trick, oder?«, frage ich schließlich mit eingerosteter Stimme, als Sebastian den Jeep auf die zweispurige Dammstraße lenkt. Der Himmel ist mit Sternen übersät, und links und rechts von uns glänzt der See wie geriffeltes schwarzes Metall.

»Was meinst du damit?« Wieder zieht er die Nase kraus.

»Ich meine damit, ich werde doch nicht in irgendeinen Hinterhalt gelockt, oder?«

»Das würde April nicht mit dir machen«, entgegnet Sebastian überzeugt.

»Doch. Das hat sie schon mal gemacht.«

In der fünften Klasse, als ich noch nicht wusste, dass man den Covingtons auf keinen Fall trauen darf, kam April eines Tages nach der Schule zu mir. Ich hatte gerade mein Rad aufgeschlossen, da stand sie plötzlich am Ende des langen Metallständers, nervös, aber aufgekratzt.

»Rufus, ich muss mit dir reden!«, zischte sie mir in drängendem Ton zu und sah sich mit ihren riesigen blaugrünen Augen um. Wir sollten eigentlich nicht miteinander reden, und ich nahm an, sie machte sich Sorgen, dass man uns sehen könnte. »Es ist echt wichtig. Es geht … um meinen Dad und deine Mom?«

»Ähm, okay«, sagte ich, nur leicht argwöhnisch. Sie benahm sich komisch, ihre Worte klangen irgendwie unnatürlich, aber ich konnte mir keinen Reim darauf machen. »Was ist mit ihnen?«

»Nicht hier – unter vier Augen!« Sie zog sich zurück. »Komm hinter die Turnhalle, ja? Ich will nicht, dass jemand davon erfährt.«

»April, was …«, fing ich an, doch sie lief schon quer über den Spielplatz zu dem großen Backsteinanbau, der Turnhalle unserer Grundschule. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme meiner Zweifel schloss ich mein Rad wieder ab und trottete ihr nach.

Ich bog um die Ecke und lief direkt in eine Falle. April stand an die Mauer gelehnt, ihre blauen Augen ernst und feierlich, und sah mit stummer Faszination zu, wie unser älterer Bruder, Hayden, und zwei seiner Freunde die nächsten vier Minuten damit verbrachten, mich zusammenzuschlagen und in ein zitterndes, blutendes Häufchen zu verwandeln.

»Damals wart ihr noch Kinder«, meint Sebastian, der die Geschichte kennt und so tut, als wäre es nichts Besonderes – als wäre es nicht Teil einer riesengroßen Hölle, aus der es für mich buchstäblich kein Entkommen gibt.

»Manche Menschen ändern sich nicht«, beharre ich fest. Wie kann ich ihm deutlich machen, wie gefährlich April trotz ihrer einnehmenden Art ist? Dass sie in einer Blase aufgewachsen ist, was sie zugleich hilflos und skrupellos hat werden lassen, geschützt vor den Konsequenzen ihrer Handlungen durch eine Familie, die sich weigert wahrzunehmen, was sie tut?

»Das wäre eine idiotische Falle. Ich meine, sie weiß doch, dass du kein Auto hast, wie könnte sie also sicher sein, dass du …«

Er verstummt, als ihm das ganze Ausmaß meiner Unterstellung klar wird, und seine Stimme wird abweisend, was unendlich viel angenehmer ist als seine vorherigen Versuche, freundlich zu sein. »Du denkst, dass ich da vielleicht mit drinstecke.« Ich quittiere seinen Vorwurf mit Schweigen, und er bemerkt schroff: »So was würde ich nicht machen, Rufe. Das würde ich dir nicht antun. Das weißt du.«

»Ich habe keine Ahnung, wozu du fähig bist«, gifte ich zurück, und sechs Wochen Schmerz und Zweifel und rohe Wut durchbrechen wie eine Unterwasserexplosion die Oberfläche, das Gift verätzt meine Kehle und sticht in meinen Augenlidern. Beschämt drehe ich mein Gesicht zum Fenster.

Wir verlassen die Dammstraße und fahren landeinwärts auf dem Highway Number Two, rollen an den Apfelgärten und Landhäusern von South Hero Island vorbei, die Stille der Nacht noch immer durchbrochen vom Knallen der Feuerwerke. Gerade biegt Sebastian von der Hauptstraße auf einen schmalen Weg ab und fährt durch einen Korridor üppig wuchernder Bäume auf das Westufer zu. Es herrscht absolute Dunkelheit, man fühlt sich wie abgeschnitten und auf einmal kommt mir die Insel schrecklich abgelegen vor. Meine Hände wandern zum Sicherheitsgurt, nesteln mit rhythmischen Bewegungen daran herum, während unter den Reifen des Jeeps die geteerte Straße in einen Feldweg übergeht. Wo zum Teufel fahren wir hin?

Schließlich teilen sich die Bäume und Sebastians Scheinwerfer fallen auf die mondbeschienene Leere des Lake Champlain. Er wendet sich parallel zum See Richtung Norden. Wir passieren einige Cottages – hauptsächlich Ferienhäuser –, bevor wir endlich unser Ziel erreichen und der Jeep langsamer wird.

Zu unserer Linken schlängelt sich eine Kiesauffahrt durch ein Wäldchen aus Espen und Kiefern und führt zu einem dekorativen Holzhaus, dessen Dachgeschoss mit Spitzgauben ausgebaut ist. Dichte Büsche drängen sich unter einer umlaufenden Veranda, und in einem separaten Carport parkt ein schwarzer Range Rover. Sebastians Scheinwerfer beleuchten den Aufkleber eines Playboy-Häschens auf der imposanten Stoßstange des Rover, und als ich ihn erkenne, rutsche ich auf meinem Sitz herum. Der SUV gehört Aprils superbescheuertem Freund, Fox Whitney.

Fox ist siebzehn, angehender Zwölftklässler an der Ethan Allen und so widerlich und überflüssig wie ein Mastdarmvorfall. Außerdem ist er der jüngste von drei Söhnen eines Wirtschaftsanwalts und einer Dermatologin und somit fast genauso verzogen wie meine Schwester. Verwirrt blinzelnd betrachte ich sein Auto, wobei sich mein Unbehagen noch mehr steigert; wenn Fox hier ist, wozu braucht April dann mich? Und warum ausgerechnet mich und nicht den Bruder, mit dem sie sich abgeben darf – oder einen ihrer vielen angesagten Freunde?

»Hier ist es«, sagt Sebastian leicht unsicher, als er die Tür des Jeeps aufstößt und hinausspringt. Ich folge seinem Beispiel und bin sofort von einem Mückenschwarm umgeben, was mich fast bereuen lässt, dass ich zu Lucys Party ein Muskelshirt angezogen habe. »Fast« aus zwei einfachen Gründen: 1) Meine Arme und Beine sind ohnehin schon mit Stichen übersät, was machen da ein paar mehr aus?, und 2) Fest entschlossen, bei meiner nächsten Begegnung mit Sebastian superheiß zu sein, habe ich in den letzten sechs Wochen hart trainiert, und meine Arme sehen ziemlich gut aus.

Mein Ex-Freund geht voran zu einer Holztreppe, die zur Veranda führt, und ich ignoriere nach Kräften, wie gut seine Arme aussehen – wie seine Wadenmuskeln direkt vor meinen Augen spielen, wie der Duft seines blöden Rasierwassers mich auch nach all der Zeit noch trügerisch betört –, und konzentriere mich darauf, was mich da drin womöglich erwartet. Im Cottage brennt Licht, jedes Fenster ist hell erleuchtet, und ich höre Musik wummern.

Als Sebastian an die Haustür klopft und durch die rautenförmigen Scheiben späht, würde ich ihm am liebsten sagen, dass das Zeitverschwendung ist; ich habe April auf der Fahrt hierher immer wieder Nachrichten geschickt und versucht sie anzurufen, ohne irgendeine Reaktion. Wenn sie da drin ist, wird sie nicht aufmachen. Ich greife an ihm vorbei zum Türknauf, drehe versuchsweise und die Tür öffnet sich.

»April«, rufe ich besorgt. Ein holzgetäfelter Eingangsbereich geht in ein Wohnzimmer über, eingerichtet in einem Stil, den obszön reiche Menschen als »rustikal« bezeichnen würden. Es ist jene Art von bodenständigem Landhaus-Charme, zu dem Kissenbezüge aus Rohseide und aus der Provence importiertes Kunsthandwerk gehören. Der Zustand des Zimmers lässt jedoch zu wünschen übrig; die Möbel wurden von ihrem Platz gerückt, überall stehen rote Plastikbecher und herrenlose Flaschen herum, und der Boden ist mit Glas- und Keramikscherben übersät wie mit Killer-Konfetti. Von meiner Schwester keine Spur.

Vorsichtig trete ich über die Schwelle und meine Sorge wächst. Dennoch nehme ich Sebastians Gegenwart hinter mir überdeutlich wahr und frage mich – nicht zum ersten Mal –, wie er seine Anwesenheit hier zu erklären beabsichtigt. Es besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass das Ganze ein Trick ist, dass er mich in eine Falle gelockt hat, um seinen Arschlochfreunden, die uns vermutlich ohnehin auf die Schliche gekommen sind, etwas zu beweisen. Vielleicht besteht er bei seiner Clique gerade irgendeine unbarmherzige soziale Mutprobe auf meine Kosten. »April, ich bin’s, Rufus. Bist du da?«

Rechts von mir befindet sich eine auf Hochglanz polierte Treppe, die, wie ich vermute, zu einem loftartigen Schlafzimmer oder Arbeitszimmer führt, und ich spitze die Ohren in Richtung Obergeschoss. Das schwache Geräusch, das ich vernehme – eine Mischung aus Seufzen und Flüstern – kommt allerdings nicht von oben, sondern von irgendwo im Erdgeschoss.

Beim Betreten des Wohnzimmers sehe ich, dass es links weitergeht in einen Essbereich – und von dort aus wiederum in die Küche. Dort entdecke ich April endlich, als ich die Kücheninsel umrunde und auf den Boden blicken kann.

Meine Schwester kauert zusammengesunken vor dem Schränkchen unter dem Spülbecken, ihre Haut ist wachsweiß im Kontrast zu ihrem purpurroten Bikini; Fox liegt zusammengekrümmt neben ihr auf dem Fliesenboden, fast wie ein Kind im Mutterleib, sein Gesicht albtraumhaft schlaff.

Beide sind blutüberströmt und in den Fingern von Aprils rechter Hand liegt der Griff eines großen Fleischermessers.