Das Buch
Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal: Sein Erbauer wurde kaltblütig ermordet und dessen Geliebte von einem Lynchmob gehängt. Und die Finch-Schwestern, die Jahre später in das Haus einzogen, sollen dort immer noch ihr Unwesen treiben. Seitdem hat die böse Aura des Hauses jeden potenziellen Bewohner abgeschreckt. Könnte es also eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA an Halloween zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall …
Der Autor
Scott Thomas hat an der University of Kansas Englisch und Filmwissenschaften studiert. Er ist Co-Creator und Produzent von Disney Channel’s Best Friends Whenever und Disney XD ’s Randy Cunningham: 9th Grade Ninja und hat Fernsehfilme und Teleplays für verschiedene Netzwerke wie MTV und VH1 geschrieben. Kill Creek ist sein Debüt; sein zweiter Roman, Violet ((kursiv)), erscheint im September 2020 bei Heyne. Scott Thomas lebt mit seiner Familie in Sherman Oaks, Kalifornien.
SCOTT THOMAS
KILL CREEK
Roman
Aus dem Amerikanischen übersetzt
von Kristof Kurz
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Titel der amerikanischen Originalausgabe
KILL CREEK
Deutsche Übersetzung von Julian Haefs
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Deutsche Erstausgabe 09/2019
Redaktion: Elisabeth Bösl
Copyright © 2017 by Scott Thomas
Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT GbR, München
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN: 978-3-641-24492-7
V002
www.heyne.de
Für Kim, Aubrey und Cleo.
Für meine Eltern.
Und für Old Parker,
denn die unglaublichsten Geschichten
werfen oft die längsten Schatten.
»Schlimmes Gered’ ist leicht, insofern du’s ohne Bemühen aufregst, doch schlimm zu ertragen und schwer zum Erliegen zu bringen. Nie mehr schwindet die Kunde so ganz, die unter den Leuten viele verkünden; sie ist ja zugleich unsterbliche Göttin.«
– Hesiod
»Nur die stillen, schläfrigen, starrenden Häuser in der tiefsten Provinz können von all dem berichten, was seit den frühen Tagen verborgen wurde … Manchmal spürt man, dass es ein Gnadenakt wäre, diese Häuser abzureißen, denn sie träumen wohl häufig.«
– H. P. Lovecraft
Kein Haus ist von vornherein böse. An die meisten Häuser denkt man voller Zuneigung, wenn nicht sogar Liebe. Und da machte das Haus am Kill Creek anfangs auch keine Ausnahme.
Das Haus bestand aus ganz gewöhnlichem Holz, aus Nägeln, Mörtel und Stein. Es stand nicht auf unheiligem Boden, und weder Hexen noch Zauberer wohnten darin. Ein Mann erbaute es im Jahre 1859 in Kansas, ganz allein mit seinen eigenen Händen. Nur gelegentlich halfen ihm Freunde aus der nahe gelegenen Ortschaft Lawrence. Einige schöne Jahre lang erfüllte eine leidenschaftliche Liebe seine vielen Räume, wenngleich es auch eine geheime Liebe war, das Flüstern zweier Herzen.
Wie in den meisten Häusern, in denen es angeblich spukt, spielte sich auch im Haus am Kill Creek eine Tragödie ab. Der Mann, der es erbaut hatte, wurde ermordet – und das nicht einmal einen Meter von der Frau entfernt, die er liebte. Er streckte die Hände nach ihr aus, um ihre dunkle Haut zu berühren, ihr Haar zu streicheln, doch es gelang ihm nicht, diese lächerlich kurze Entfernung zu überbrücken. Sein Verstand beharrte darauf, dass sie beide gerettet würden, wenn er sie nur in die Arme schloss. Wenn er es sich nur fest genug wünschte, würden sie zusammenbleiben.
Doch es gab keine Rettung. Der Leichnam seiner Liebsten wurde weggezerrt und an dem einzigen Baum aufgehängt, der vor dem Haus stand – eine verkümmerte Buche. Sie war bereits tot und der Akt des Aufknüpfens nur eine letzte Demütigung. Dann wurden die toten Körper so kalt, wie es der sengend heiße August erlaubte, während sich Stille wie ein Leichentuch über das Haus und seine Umgebung senkte. Mehrere Wochen lang blieben sie ungestört. Niemand sah nach ihnen, da das Örtchen Lawrence selbst von einer Tragödie heimgesucht wurde. Als die Sonne unterging, flackerte ein orangefarbener Flammenschein am südöstlichen Himmel. Lawrence brannte.
Ein Haus, in dem Blut geflossen ist, wird zwangsläufig zum Ziel übler Gerüchte. Sooft ein Einwohner von Lawrence auf den abgelegenen Feldwegen nach Kansas City unterwegs war, sprach er über das Haus, als wäre es lebendig. Groß war das Mitleid mit diesem armen, traurigen Ort, verwaist wie so viele Kinder nach den blutigen Grenzscharmützeln, die dem Bürgerkrieg vorausgegangen waren. Was wohl in den langen, dunklen Winternächten in jenem Haus vor sich ging, wenn der Wind durch den kahlen Wald fegte und an den Fensterläden rüttelte? Unwillkürlich beschleunigte jeder Reisende seinen Schritt, sobald er an der Kill Creek Road vorbeikam.
Das Haus stand nicht lange leer, dafür war es zu groß und seine Architektur zu majestätisch. Im Lauf der Zeit wollte es so mancher zu seinem Heim machen, doch niemand fühlte sich dort willkommen, und die meisten verließen es innerhalb eines Jahres wieder. Warum sie den Zwang verspürten, wieder auszuziehen, konnten sie nicht erklären. Es war, als wollten die Wände die Wärme nicht aufnehmen. Selbst im Sommer war es innerhalb seiner Mauern zehn Grad kälter als draußen.
Es war ein böses Haus geworden. Ein Haus, vor dem man sich fürchtete.
Ende der Zwanzigerjahre wurde der Kansas Highway 10 gebaut, der Lawrence mit Kansas City verband, und in den Siebzigern war aus dieser bescheidenen Pflasterstraße eine vierspurige Autobahn geworden. Wer mit beinahe hundert Stundenkilometern unterwegs war, konnte die Ausfahrt zur Kill Creek Road sowie das dazugehörige Schild leicht verpassen. Der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten, das früher so einfache Leben wurde immer hektischer, und das Haus am Kill Creek war nur ein weiteres verlassenes Gemäuer, das sich die Prärie allmählich zurückholte. Selbst der Bach, der einst so üppig vom Kansas River gespeist worden war, vertrocknete. Die Sonne brannte unbarmherzig auf ihn nieder, bis sein Bett so rissig war wie die Haut eines alten Menschen.
Die nächsten Nachbarn konnten nach wie vor von merkwürdigen Vorkommnissen berichten, die sie im Lauf der Zeit beobachtet hatten – Lichter in den Fenstern, ein Klopfen an der Tür, ein Flüstern in der Dunkelheit. Doch inzwischen waren das Haus und seine blutige Geschichte nicht mehr als ein Märchen, das die Eltern ihren Kindern vor dem Schlafengehen erzählten, obwohl sie selbst nicht mehr daran glaubten. Es waren nur Geschichten, die die Kinder davon abhalten sollten, in dem verfallenen und baufälligen Gemäuer herumzuklettern. Damals war das Haus einsam und die Leidenschaft, mit der es errichtet worden war, verloren, verpufft wie Morgennebel.
Nachdem es der letzte Bewohner im Frühling 1961 aufgegeben hatte, war das Haus der Regierung zugefallen. Im Jahre 1975 kauften die Finch-Schwestern es ihr samt dem dazugehörigen Grundstück ab. Die finstere Geschichte des Hauses machte den achtundsechzigjährigen eineiigen Zwillingsschwestern keine Angst. Sie hatten in ihrem Leben schon mehr durchgemacht als ein paar merkwürdige nächtliche Geräusche – insbesondere Rebecca, die seit einem Unfall, über den keine der beiden Frauen sprach, an den Rollstuhl gefesselt war.
Viele begrüßten die Ankunft der Schwestern und glaubten, sie würden dem Haus die Liebe und Zuwendung zukommen lassen, mit der es einst erbaut worden war. So fanden sie unter den Einheimischen auch viele bereitwillige Helfer, und sowohl die Lawrence Journal-World wie auch der Kansas City Star brachten mit DAS HAUS AM KILL CREEK WIRD ENDLICH EIN TRAUTES HEIM respektive ZWILLINGSSCHWESTERN ERWECKEN »SPUKHAUS« ZU NEUEM LEBEN betitelte Berichte.
Leider wurden die Finch-Schwestern den Erwartungen nicht gerecht. Sie waren, wie sich die Leute in der Gegend ausdrückten, »schräge Vögel«. Sie redeten mit den Handwerkern, die im und am Haus arbeiteten, nur das Nötigste, und sobald sie eingezogen waren, setzten sie praktisch keinen Fuß mehr vor die Tür. Am zugänglichsten war noch Rachel, die ihr langes, fließendes schwarzes Haar offen trug. Sie bezahlte die Arbeiter unverzüglich und gerecht. Rebecca dagegen, die das Haar zu einem strengen Knoten zusammenzubinden pflegte, ließ sich so gut wie nie blicken. Sie hielt sich im einzigen Raum des zweiten Stocks auf, bis es ihr ein Aufzug – eine der ersten Baumaßnahmen, die die Schwestern in Auftrag gaben – erlaubte, sich mit ihrem Rollstuhl frei im Haus zu bewegen. Und doch tat sie das nur selten und kehrte danach schnell wieder in ihr Zimmer zurück, wo sie die übrige Welt lediglich durch ein einsames, einen halben Meter breites Fenster betrachten konnte.
Einmal erkundigte sich ein Klempner, der die Rohrleitungen überprüfte, bei Rachel, weshalb ihre Schwester nicht öfter nach unten kam. »Da oben muss es doch furchtbar einsam sein«, sagte er. Rachel verzog ihr Gesicht, soweit es ihr möglich war, zu der Andeutung eines Lächelns. »Sie hat alle Gesellschaft, die sie braucht«, erklärte sie.
Zwei Jahre später starb Rebecca Finch. Herzversagen, stellte der Amtsarzt fest. Rachel blieb im Haus am Kill Creek wohnen. Sie empfing keine Besucher, noch nicht einmal diejenigen, die ihr ihr Beileid zum Ableben ihrer Schwester aussprechen wollten. Fünf Jahre lang war Rachel Finch der einzige Mensch im Haus. Der einzige lebende jedenfalls.
Daher kam es umso überraschender, dass Rachel im Jahr 1982 dem weltbekannten Parapsychologen und Autor Dr. Malcolm Adudel ein Interview gewährte. Obwohl Adudel in Wissenschaftskreisen als Scharlatan galt, kamen die Bücher über seine übersinnlichen Abenteuer bei einem sensationslüsternen Publikum gut an.
Nur Rachel Finch und Dr. Adudel wurden Zeuge dessen, was an dem Wochenende seines Besuchs geschah. Das Buch mit dem Titel Phantome der Prärie: Ein Tatsachenbericht über die Schrecken des Übernatürlichen, das er daraufhin verfasste, machte das Haus am Kill Creek landesweit bekannt. Obwohl Kritiker und Skeptiker die darin beschriebenen Ereignisse als pure Fiktion abtaten, hielt sich das Buch erstaunliche sechsunddreißig Wochen auf der Bestsellerliste. Dr. Adudels Bericht war arm an Fakten, doch dafür umso reicher an atmosphärischen Beschreibungen, und jeder, der nach Beweisen für die Existenz von Geistern suchte, fand brauchbares Material darin. Das Haus am Kill Creek galt nun offiziell als Pforte zur anderen Seite. Ein Haus der Albträume, dessen Name wieder einmal in aller Munde war.
Rachel Finch starb 1998 im Alter von einundneunzig Jahren. Genau wie der Leichnam des Mannes, der ihr geliebtes Haus erbaut hatte, wurde auch Rachel Finchs toter Körper erst Wochen nach ihrem Ableben gefunden. Ein paar Teenager aus einem Vorort von Kansas City hatten, sozusagen als Mutprobe, die verwitterte Brücke über das trockene, staubige Bett des Kill Creek überquert. Etwa dreißig Meter nach der Brücke blieben sie wie angewurzelt stehen. Dort, an demselben Ast der Buche, an dem man seinerzeit die geheime Geliebte des ersten Bewohners aufgehängt hatte, baumelte nun Rachel Finchs Leichnam langsam hin und her. Ein stümperhaft gebundener Knoten fraß sich in das verwesende Fleisch ihres lang gezogenen Halses. Das dünne schwarze Haar wehte sanft im Wind und fiel dann auf ihre Schultern zurück. Während die Jugendlichen noch versuchten, das, was sie da vor sich sahen, zu begreifen, drehte sich die Leiche plötzlich zu ihnen herum, und ein Käfer kroch vergnügt aus der Höhle, die einst eines ihrer grauen Augen beherbergt hatte.
Es wurde viel darüber spekuliert, warum sich die alte Frau erhängt hatte. Aus Einsamkeit, glaubten manche. Sie hätte den Tod ihrer Schwester nicht verkraftet. Andere sagten, das Haus wäre schuld – es hätte sie dazu gebracht. Doch wie oder warum das geschehen war, wusste niemand zu sagen. Und die wenigen, die Freude an menschlichen Tragödien hatten, deuteten mit geflüsterten Worten an, dass Rachel sich nicht erhängt hatte, sondern vielmehr gegen ihren Willen aus dem Haus gezerrt und am Baum aufgeknüpft worden war. Irgendjemand – oder irgendetwas – hatte ihr das angetan. Ein weiterer Beweis dafür, dass man das Haus am besten in Frieden ließ.
Rachel hatte testamentarisch verfügt, dass all ihre Besitztümer nach ihrem Tod im Haus verbleiben sollten, wozu auch die Einrichtung des Zimmers im zweiten Stock gehörte. Was genau sich dort befand, wusste jedoch niemand. Der Eingang war zugemauert, die Treppe dorthin endete an einer Backsteinwand, als hätte es nie ein Zimmer im zweiten Stock gegeben.
Wieder einmal machte das Gerücht die Runde, dass es im Haus am Kill Creek nicht mit rechten Dingen zuging. Rachel Finchs Tod war nur das jüngste Kapitel seiner finsteren Geschichte. Das Haus samt Grundstück fiel wieder an das Douglas County zurück und wurde erneut zum Verkauf ausgeschrieben, doch es fand sich kein Interessent. Sehr zum Leidwesen des Sheriffs, der mit seinen Mitarbeitern routinemäßig Patrouille fahren musste, zog das berüchtigte Anwesen lediglich die Neugierigen und Schaulustigen an. 2008 finanzierten die örtlichen Geschäftsleute einen Maschendrahtzaun um das Grundstück, der Unbefugte am Betreten hindern sollte. So konnten sie ruhiger schlafen, sagten sie, und spendierten sogar eine Rolle Stacheldraht, der oben am Zaun befestigt wurde.
Ein weiteres Mal wurde es still um das Haus. Kniehohes Präriegras wuchs auf dem Grundstück, Schlingpflanzen kletterten die Wände hinauf.
Das Haus am Kill Creek steht immer noch. Leer. Verlassen. Aber nicht vergessen. Nicht ganz. Denn es atmet Geschichten und nährt sich von Gerüchten.
ERSTER TEIL
Vergangenen Oktober
»Ich tat einen weiteren Schritt ins Dunkel hinein. »Was ist da unten?«, rief ich zu ihr hinauf, da ich ihre Anwesenheit am Ende der Treppe spürte.
»Keine Sorge«, antwortete Rachel. »Es hat mehr Angst vor Ihnen als Sie vor ihm.«
Ich hörte ihr Kichern, ein Laut, der aus ihrer Kehle drang, aber niemals ihre Lippen erreichte.
Wie immer musste ich es wohl auf eigene Faust herausfinden.«
– Dr. Malcolm Adudel
Phantome der Prärie
Freitag, 7. Oktober
Die Luft brannte.
Die Buntglasscheiben des hohen Spitzbogenfensters glühten in der Nachmittagssonne. Staubflocken tanzten im Licht, das durch das Glas fiel.
Im Schatten hinter dem Sonnenschein herrschte unruhige Bewegung.
Gesichter.
Starrend. Stumm. Hungrig.
Alle Augen waren auf einen gut aussehenden Mann Ende dreißig mit kurz geschorenen braunen Haaren gerichtet. Er war etwas über eins achtzig groß und trug eine alte schwarze Levi’s. Unter seinem Pullover zeichnete sich ein schlanker, muskulöser Körper ab. Der Mann hatte die Ärmel hochgekrempelt, sodass die vielen Tätowierungen auf seinem linken Unterarm zum Vorschein kamen. Die Haut unter den scheinbar willkürlich verlaufenden dunklen Linien war uneben und bis zum Handrücken hinab völlig vernarbt. Inmitten des abstrakten Musters waren hier und da Bilder zu erkennen: Bäume. Eine Wildblume. Die leere Augenhöhle eines Schädels. Und Flammen. Viele, alles verschlingende Flammen.
Der Mann ließ die Augen über die dreihundert Studenten schweifen, die sich auf den ansteigenden Sitzreihen drängten. Wo er auch hinsah, blickte er in gespannte Gesichter. Offiziell fand hier, im Hoch-Auditorium der Budig Hall, eine Einführungsveranstaltung zum Thema »Horror in der Populärkultur« statt, doch das erklärte wohl kaum den großen Andrang. Dass der Hörsaal bis zum letzten Platz besetzt war, lag an seiner Person: Er war nicht nur Einwohner von Lawrence und Absolvent der University of Kansas, sondern auch Bestsellerautor und »Experte«, wenn es um das Thema Horror ging.
Sam fuhr mit der Hand über den geschorenen Kopf und spürte die Stoppeln unter der Handfläche.
Jetzt bau bloß keinen Scheiß – immerhin bist du doch angeblich ein Meister des Makabren.
Er ging einmal durch den Hörsaal. Die Blicke der Anwesenden verfolgten ihn wie ein Jäger seine Beute.
»Was wissen wir nicht?« Seine Stimme hallte bis in die letzten Winkel des dunklen, hohen Raums, als er diese rhetorische Frage stellte. »Was wurde absichtlich vor uns verborgen? Im traditionellen Schauerroman geht es um Geheimnisse. Dunkle Geheimnisse, schreckliche Geheimnisse, die direkt hinter der Fassade der Normalität lauern. Diese Tradition hat den modernen Horror entschieden beeinflusst. Heute sind es nicht mehr nur unheimliche alte Schlösser, in denen sich diese Geheimnisse verbergen. Heute lauert der Horror im Alltag. In The Texas Chain Saw Massacre ist es ein altes Bauernhaus, in The Grudge eine japanische Vorstadt, bei The Ring sogar eine Videokassette. Das Böse, das in der Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auf verfallene Ruinen beschränkt war, wie zum Beispiel in Lewis’ Der Mönch, Radcliffes Udolphos Geheimnisse oder Maturins Melmoth der Wanderer, hat sich auf die Städte, die kleinen Ortschaften, ja sogar auf unseren Wohnraum ausgebreitet. Und das macht es noch viel gruseliger, finden Sie nicht auch?«
Zustimmendes Gemurmel ertönte. Er sah mehrere Köpfe in der Menge nicken.
Sam tigerte noch schneller hin und her. Seine Begeisterung für das Thema gewann allmählich die Oberhand. »Was macht eine Geschichte zu einer Gruselgeschichte? Bei Nightmare on Elm Street dreht sich alles um ein Geheimnis, das die Eltern vor ihren Kindern verbergen: dass sie das Gesetz in die eigene Hand genommen und Freddy Krueger ermordet haben. Bei Saw besteht das Geheimnis in der Identität des Mörders und seinem Motiv. Und dennoch scheinen diese Filme nicht so tief in der Tradition der Schauerliteratur verwurzelt zu sein wie andere Genrestreifen. Wieso?«
Die Studenten sahen sich ratlos an. Niemand wollte der Erste sein, der eine falsche Antwort gab.
»Na schön«, sagte Sam nach einer Weile. »Meiner Meinung nach gibt es dafür mehrere Gründe.«
Er zog die Kappe von einem Filzstift, und sofort stieg ihm der chemische Geruch in die Nase. Sam drehte sich zu dem riesigen Whiteboard hinter sich um und notierte den ersten Punkt.
»Erstens: die Beschränkung auf einen klar abgegrenzten Ort«, sagte er beim Schreiben.
Er wandte sich wieder den Studenten zu und stützte sich auf ein schweres Holzpult. »Obwohl uns schon der Titel verrät, dass der Albtraum in der Elm Street stattfindet, haben wir im Film selbst nie das Gefühl, dass das Böse dort seinen Ursprung hat. Der Film legt keinen Wert darauf, uns die Geografie der Elm Street näherzubringen, und es wird auch nie behauptet, dass sich Freddys schreckliche Taten auf diesen Straßenzug in Springwood beschränken. Der heimelige, idyllische Klang des Wortes ›Elm Street‹ soll einfach nur einen schönen Kontrast zu dem von sich aus bedrohlichen ›Albtraum‹ bilden.
In Texas Chainsaw Massacre dagegen spielen sich alle schrecklichen Dinge mehr oder weniger in einem alten Haus auf dem Land ab. Hätten sich die neugierigen Teenager von Leatherface’ Haus ferngehalten, wäre ihnen nichts zugestoßen. Das Böse lauert hinter dieser Tür. Wenn man sie nicht öffnet, hat man auch nichts zu befürchten.«
Der Filzstift glitt über das Whiteboard und quietschte dabei wie die Stimme einer Zeichentrickfigur.
»Zweitens: ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Besagter Ort hat eine düstere Geschichte, sei es die heimliche Affäre zwischen Quint und der ehemaligen Gouvernante in The Turn of the Screw oder der alte Friedhof, auf dem das vorstädtische Neubaugebiet in Poltergeist errichtet wurde. In diesen Beispielen, die immer ein deutliches übernatürliches Element beinhalten, wird diese düstere Geschichte vor den Hauptfiguren absichtlich geheim gehalten.
Drittens: eine Atmosphäre des Verfalls und Verderbens. Entweder handelt es sich hierbei um einen materiellen Verfall wie in der klassischen Schauerliteratur – die bereits erwähnten baufälligen Burgen und finsteren Schlösser, wie man sie auch in Filmen wie The Others, Die Frau in Schwarz oder Crimson Peak findet. Genauso gut kann es sich aber auch um geistigen Verfall handeln, dem beispielsweise der Protagonist von Roman Polanskis Der Mieter anheimfällt, sobald er in seine neue Wohnung zieht. Dieses Motiv begegnet uns immer wieder, in Büchern wie Spuk in Hill House oder Filmen wie Session 9, wo der gewalttätige Anführer einer Baukolonne bei Renovierungsarbeiten zunehmend den Verstand verliert. Und schließlich …«
Sam schrieb den letzten Punkt an die Tafel.
»Viertens: die Korrumpierung der Unschuldigen. Damit sind Sie gemeint.«
Gelächter.
Er steckte die Kappe wieder auf den Stift, legte ihn auf seinen Platz unter das Whiteboard zurück und wandte sich wieder seinem Publikum zu.
»Das vielleicht wichtigste Element jeder guten Gruselgeschichte, ohne das wir nur ein baufälliges altes Gemäuer hätten, für dessen Geschichte sich niemand interessiert, weil sich niemand daran erinnert. Das Böse braucht einen Unschuldigen, um weiterexistieren zu können.«
Sam nahm ein abgegriffenes Taschenbuch aus einem Fach des Rednerpultes und hielt es in die Höhe, damit alle das elegante, handgemalte Cover und die in geschmackvollen Lettern gesetzten Namen des Verfassers und Titels sehen konnten.
»Der Letzte macht das Licht aus von Sebastian Cole. Ich hoffe, dass Sie sich alle mittlerweile ein Exemplar besorgt haben.«
Der Großteil der Studenten nickte. Manche hielten ihre Ausgabe sogar in die Höhe, um zu beweisen, dass sie Sams Lektüreempfehlung beherzigt hatten.
»Wahrscheinlich fragen Sie sich jetzt, weshalb Sie das ganze Buch kaufen mussten, wenn wir nur eine Kurzgeschichte daraus besprechen. Ganz einfach: weil Sebastian Cole einer der größten Horrorautoren aller Zeiten ist. Sie sollten zumindest eines seiner Werke besitzen. Wer ist mit Sebastian Cole bereits vertraut?«
Mehrere Hände schossen in die Höhe. Leider nicht so viele, wie Sam erwartet hatte. »Ein langer, dünner Schatten«, rief ein pickliger junger Mann aus einer der mittleren Reihen.
Sam nickte begeistert. »Wahrscheinlich Coles bester Roman, obwohl ich wirklich Schwierigkeiten habe, mein Lieblingsbuch aus seinem umfangreichen Werk zu benennen. In der Geschichte, die Sie für heute lesen sollten …«
Ein junger, arabisch aussehender Mann hob die Hand. Selbst im Sitzen war seine außergewöhnliche Körpergröße deutlich zu erkennen – er hatte die langen Beine ungeschickt angewinkelt, die Knie in den Sitz vor sich gedrückt und schien mit dem ausgestreckten Arm beinahe die Decke berühren zu können.
»Ja?«, fragte Sam.
»Was ist mit Ihren Büchern?«, fragte der junge Mann. »Trifft das auch auf die zu?«
»Was ist mit Unter dem Teppich?«, fragte eine weibliche Stimme von der rechten Seite her.
Mehrere übereifrige Studenten pfiffen und jubelten.
Vorsicht, dachte Sam. Sonst nehmen sie dich auseinander.
Er legte die Hand auf die raue Reptilienhaut auf seinem linken Arm und drückte zu.
»Na schön«, sagte er, sobald der Applaus verstummt war. »Also gut. Steht mein Werk in der Tradition der Schauerliteratur? In Unter dem Teppich habe ich zumindest versucht, alle vier Elemente zu einem modernen Schauerroman zu verbinden. Ein alleinerziehender Vater aus der Arbeiterklasse zieht mit seinem Sohn in ein altes, verfallenes Farmhaus in Oklahoma. Punkt eins auf der Liste: die örtliche Begrenzung. Der Vater hofft, mit seiner Hände Arbeit den steinigen Boden urbar machen zu können, um Feldfrüchte darauf anzubauen, weiß aber nicht, dass das Land verödet ist, weil dort vor hundert Jahren etwas geschehen ist. Wenn Sie das Buch gelesen haben, wissen Sie, wovon ich rede, und wenn nicht, dann will ich Ihnen die Überraschung nicht verderben. Nur so viel: Es geht um einen Kindsmörder, ein entführtes Baby und um blutige Rache. Das wäre Nummer zwei: das Geheimnis aus der Vergangenheit. Nummer drei: Verfall und Verderben. Das bezieht sich einerseits auf die Farm selbst, andererseits auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Sosehr sich der Vater auch bemüht, er kann nur Unkraut ernten, gleichzeitig entwickelt der Junge furchterregende, übersinnliche Kräfte. Und schließlich Nummer vier: die Korrumpierung der Unschuldigen. Die Kräfte, die der Junge entwickelt, sind kein Gottesgeschenk, sondern die Nebenwirkungen einer bösen Macht, die auf ihre Wiedergeburt hinarbeitet. Man würze alles mit unterschwelligen Bezügen zum Thema Fruchtbarkeit und der Fragilität des Männlichen, füge mehrere unerwartete und grausame Todesfälle hinzu, garniere es mit einer Falltür, die sich buchstäblich ›unter dem Teppich‹ befindet, und voilà, fertig ist das moderne Horrorsüppchen – gerade so scharf, dass es niemand mit Limonade verwechselt.«
Diese Bemerkung wurde mit wohlmeinendem Gelächter quittiert. Ein blasses, rothaariges Mädchen hob die Hand. »Und was ist Ihr Geheimnis?«, fragte sie, bevor sie Sam aufrufen konnte.
Sam schmeckte Rauch. Einen Augenblick lang schnürte sich ihm die Kehle zu. Als er wieder Luft bekam, schmeckte sie nach beißender, grauer Asche.
»Verzeihung«, sagte er, sobald er sich wieder in der Gewalt hatte. »Was meinen Sie?«
»Sie haben gesagt, dass es in diesen Büchern und Filmen immer um ein Geheimnis geht, richtig?« Sie bewegte beim Sprechen kaum die dünnen Lippen, und ihre Stimme war so leise, dass Sam gezwungen war, sich zu ihr vorzubeugen, was merkwürdigerweise ein Gefühl der Beklemmung bei ihm hervorrief.
»Ja, nun …«, fing er an.
Sofort fiel sie ihm ins Wort. »Sie haben gesagt, dass das Schreiben immer eine persönliche Sache ist, dass der Autor immer etwas von sich selbst in seinen Geschichten preisgibt. Also, was ist Ihr Geheimnis?«
Sam fehlten die Worte.
»Sie will wissen, warum Sie Horrorromane schreiben«, rief jemand aus der letzten Reihe.
Er hob den Blick. Der schmale Streifen Sonnenlicht war bis in die Mitte der Sitzreihen gewandert. Die Reihen darüber lagen fast völlig im Dunkeln. Er konnte unmöglich sagen, wer ihm diese Bemerkung zugerufen hatte.
Der dünne Rauchfaden glitt seine Kehle hinunter und in seine Lunge. Sam biss die Zähne zusammen und atmete schwer. Die Rauchschlange kroch an seinen Rippen entlang und drückte fester zu, ihr grauer Kopf schlängelte sich um seine geriffelte Luftröhre, stieß mit der Schnauze gegen die oberen Lungenlappen, suchte nach einem Loch, durch das sie hindurchschlüpfen konnte.
»Warum schreiben Sie Horrorromane?«, fragte die tiefe Stimme erneut.
Sam McGarver befand sich nicht länger in einem Hörsaal auf dem Campus der University of Kansas.
Er war zehn Jahre alt. Sein Hemd war mit dem Blut eines anderen Menschen befleckt, der wütende Schein eines unlöschbaren Feuers fiel auf sein Gesicht. Er war nur ein kleiner Junge, eine winzige Silhouette vor einem brüllenden Inferno.
Sam – nun wieder erwachsen – stand sprachlos vor seinen Studenten, bis ihn die Glocke von der Frage erlöste, die er auf keinen Fall beantworten wollte.
Eli Bloch saß in seinem verknitterten Anzug mit einem Bierglas in der einen und seinem Handy in der anderen Hand auf der Terrasse der Free State Brewery. Er hatte noch kaum einen Schluck getrunken, weil er ganz darauf konzentriert war, seinen Assistenten per E-Mail mit so wenig Buchstaben wie möglich zur Sau zu machen. Doch eigentlich war er hier mit Sam McGarver verabredet, seinem wichtigsten Klienten.
»Meine Güte, du siehst ja beschissen aus«, sagte jemand.
Eli sah auf. Sam. Endlich.
»Mir geht’s auch beschissen. Hier ist es ja grauenhaft. Könntest du bitte sofort nach New York ziehen?«
Sam lächelte müde. »Keine Chance.«
Eli machte ihm soweit möglich auf der überfüllten Bierbank Platz. »Setz dich.«
»Gleich. Ich hol mir erst noch ein Bier.«
»Du kannst meines haben.« Er drückte Sam das Glas in die Hand, ohne eine Antwort abzuwarten.
Sam ließ sich auf der schmalen Kante der Bank nieder, setzte das Glas an und trank es in zwei Zügen zur Hälfte aus. Eine Lichterkette aus kleinen Kürbissen war im Zickzack über ihnen aufgespannt. Einer flackerte und schien jeden Moment den Geist aufgeben zu wollen. Sam lehnte sich gegen das Holzgeländer, holte tief Luft und beobachtete den defekten Kürbis. An. Aus. An. Aus.
»So schlimm ist es also schon?«, fragte Eli.
Sam nahm noch einen Schluck Bier. Nun war das Glas so gut wie leer. »Was willst du, Eli?«
»Nur mal nach dem Rechten sehen. Wie’s dir so geht.«
»Und deshalb bist du extra hergeflogen? Du hättest auch anrufen können.«
Jetzt fehlten Eli die Worte. Da er sowieso nicht wusste, wie er es durch die Blume sagen sollte, konnte er auch direkt auf den Punkt kommen.
»Erin hat mich angerufen. Sie macht sich Sorgen um dich.«
»Das hätte sie nicht tun sollen.«
»Ich mache mir auch Sorgen.«
Sam leerte das Glas und hielt es in die Höhe, um die Kellnerin auf sich aufmerksam zu machen. »Pale Ale«, formte er mit den Lippen. Sie nickte und verschwand im Innenbereich des Restaurants.
»Du schreibst nicht«, sagte Eli geradeheraus.
»Du bist wohl kaum in der Lage, das zu beurteilen, oder?«
»Ach, nicht? Kannst du denn auch etwas vorzeigen? Hast du schon was zu lesen für mich?«
»Bald.«
»Und wann ist bald?« Der letzte Rest Höflichkeit war aus Elis Stimme verschwunden. »Böses Blut ist vor einem Jahr von der Taschenbuchbestsellerliste gerutscht. Die Leute wollen wissen, wann dein nächster Roman erscheint. Was soll ich ihnen sagen? Ich glaube ja schon selbst nicht mehr dran.«
»Ich bin so gut wie fertig«, sagte Sam beschwichtigend.
»Bullshit. Ich habe noch nicht eine Zeile gelesen. Und dein Lektor auch nicht.«
»Werdet ihr schon noch. Wenn ich fertig bin.«
»Und wann ist das?«, fragte Eli, dem man die Verzweiflung allmählich anmerkte. »Du arbeitest seit zwei Jahren daran. Behauptest du zumindest.«
Wie durch Zauberhand erschien die Kellnerin neben ihm und reichte ihm ein frisches Bier. Sam deutete mit dem Kopf auf Eli. »Schreiben Sie’s auf seine Rechnung.«
Sie sah Eli an. Der nickte unwirsch, woraufhin die Kellnerin wieder verschwand.
Eli rieb mit den schweißbedeckten Händen über seine Hose, als wollte er sie glatt streichen. »Was soll das, Mann? Du schreibst nicht, sondern redest über anderer Leute Bücher. Du verschanzt dich in einem verfluchten Klassenzimmer und unterrichtest.« Er hielt kurz inne, als wüsste er nicht so recht, ob er das nächste Thema überhaupt zur Sprache bringen sollte. »Und es sieht ganz danach aus, als müsstest du dich demnächst mit einer Scheidung herumschlagen.«
»Wir leben getrennt«, berichtigte Sam ihn.
»Aha. Okay. Und wie viele getrennt lebende Ehepaare kennst du, die wieder zusammengefunden haben?«
Sam schwieg.
»Warum wirfst du deine Karriere einfach so weg?«
»Tue ich doch gar nicht.«
»Na ja, aber du kämpfst auch nicht darum.«
Ein wellenförmiger Ruck ging durch die Menge, als jemand zur Eingangstür ging. Ein bärtiger Mann vor Sam trat einen Schritt zurück und stieß gegen Sams Schulter. Das Bier in Sams Hand schwappte über, die kühle Flüssigkeit lief über seine Hand und in die Rillen zwischen den Narben.
»Alles, was ich schreibe, ist platt und leicht zu durchschauen«, beichtete Sam plötzlich. Er runzelte die Stirn, als wäre er selbst von diesem Geständnis überrascht. »Alles. Dabei hat Erin immer gesagt, dass ich das Zeug zu einem guten Geschichtenerzähler habe.«
»Wirklich?«, wollte Eli wissen. Es war keine rhetorische Frage, sondern echtes Interesse.
»Tut mir leid, dass du den weiten Weg hierhergekommen bist«, sagte Sam und trank das Bier zur Hälfte aus. »Das weiß ich wirklich zu schätzen, Eli. Aber ein Anruf hätte auch gereicht.«
»Ich weiß«, sagte Eli.
Sam stand auf, klopfte Eli auf die Schulter und drängte sich durch die Menge.
»Warum schreiben Sie Horrorromane?«, rief ihm Eli hinterher, als er das Ende der Terrasse beinahe erreicht hatte.
Sam blieb wie angewurzelt stehen.
Das war die Stimme. Die Stimme, die ihm in der Budig Hall genau diese Frage aus dem Schatten heraus zugerufen hatte.
Langsam drehte sich Sam zu Eli um. »Das warst du?«
Eli erwiderte seinen Blick herausfordernd, sogar kampfeslustig. »Ich wollte wissen, was das beste Pferd in meinem Stall vom Schreiben abhält. Was auch immer dich daran hindert, dein Buch zu Ende zu bringen, du musst dich ihm stellen. Du kannst dich nicht in alle Ewigkeit in deinem Klassenzimmer verstecken.«
»Leck mich, Eli.«
»Wenn du wirklich so ein guter Geschichtenerzähler bist, wie Erin behauptet, dann erzähl eine Geschichte. Schreib über etwas, das dir am Herzen liegt. Wenn es so etwas überhaupt noch gibt.«
Ohne zu antworten, glitt Sam durch die Menge und verschwand.
Die Bulleit-Flasche stand noch auf der Arbeitsfläche.
Mit einem leisen Klirren nahm Sam ein Whiskeyglas aus dem Schrank und goss sich zwei Fingerbreit ein. Der erste, scharfe Schluck löste die verkrampften Muskeln in seiner Kehle, die sanfte Hitze des Alkohols verdrängte die erstickende Wolke aus Asche und Rauch. Er schloss die Augen und spürte, wie sich die Wärme von seiner Brust aus in seinem Körper ausbreitete.
Sam ging ins Wohnzimmer und lauschte dort der vollkommenen Stille des leeren Hauses, das über ein separates Esszimmer, zwei Badezimmer und drei Schlafzimmer verfügte, von denen er eines zu seinem Büro umfunktioniert hatte. Alles war noch genauso wie vor fünf Jahren, als er mit Erin hier eingezogen war. Nur dass es jetzt seine Zimmer waren, sein Haus.
Sam führte das Glas an die Lippen, trank aber nicht, sondern stand so unbeweglich da wie ein in Bernstein eingeschlossenes Insekt, dem die Zeit nichts anhaben konnte. Er wollte einfach nur auf der Stelle stehen bleiben. Er wollte nicht allein ins Bett gehen und erst recht nicht vor Schuldgefühlen zerfressen dasitzen und den leeren Bildschirm anstarren. Wenn er einfach nur hier stehen blieb, war er sicher, sogar vor seinen eigenen Launen.
Der Computer in seinem Büro am Ende des Flurs im Obergeschoss verkündete mit einem leisen Ping! das Eintreffen einer E-Mail.
Eine Sekunde später vibrierte das Handy in seiner Tasche.
Sam nahm es heraus. Das Display leuchtete auf.
Erin erschien darauf. Mit Mitte dreißig war sie so schön wie nie zuvor. Ihre grünen Augen leuchteten vor Freude. Auf dem Foto hatte sie den Arm um Sams Hüfte gelegt und ihre Wange an seine gepresst.
Sammy, es wird Zeit für einen Tapetenwechsel.
Er strich über den Bildschirm, und gnädigerweise verdeckte eine Flut aus Icons das Foto.
Über der Mail-App schwebte eine 1 in einem roten Kreis.
Sam tippte darauf, und in seinem Posteingang war in dicken, schwarzen Buchstaben der Betreff der eingegangenen Nachricht zu lesen:
Einladung
Er runzelte die Stirn. Die Mail kam von einem gewissen Wainwright@WrightWire.com.
Er öffnete die Nachricht und überflog sie.
Das leere Haus wartete geduldig darauf, dass Sam die Stille durchbrach.