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Buch

Carrie und ihr Mann Adrian haben sich in London ein gemeinsames Leben aufgebaut. Sie ist erfolgreiche TV-Produzentin, er ein preisgekrönter Drehbuchautor. Kinder waren für sie nie ein Thema – bis Carrie plötzlich schwanger wird. Sie freut sich über das Baby, sieht der Elternzeit jedoch mit Sorge entgegen. Denn ihre Vertretung Emma ist jung, klug und ehrgeizig. Bald ist sie der neue Star in der Produktionsfirma und arbeitet eng mit Adrian zusammen. Zu eng. Carrie spürt zunehmend, dass Emma alle um sich herum manipuliert. Doch mehr und mehr isoliert von ihrem alten Leben und ihrem Mann steht sie mit ihren Ängsten allein da …

Weitere Informationen zu Michelle Frances

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Michelle Frances

Die Andere

Sie hat deinen Job.

Jetzt will sie dein Leben.

Spannungsroman

Aus dem Englischen

von Andrea Brandl

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

»The Temp« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, London.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2019

Copyright © Michelle Frances 2018

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © gettyimages/RooM/mattscutt

Redaktion: Lothar Strüh

KS · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-18943-3
V002

www.goldmann-verlag.de

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Für Sally Cooper und Tina Frances –

zwei überaus inspirierende Mütter

TEIL 1

Carrie

1

Sonntag, 14. Mai

»Acht ist deine Glückszahl«, murmelte Carrie Adrian ins Ohr, sorgsam darauf bedacht, den Kopf so zu drehen, dass die TV-Kamera ihre Lippen nicht erfassen konnte. Mit betont gelassener Miene sah sie zu den Leinwänden hinauf, auf denen Szenen aus den für das »Beste Originaldrehbuch« nominierten Serien gezeigt wurden. Dies war eine Live-Sendung, und man konnte nie wissen, wann die Regie einen Schwenk auf einen anordnete.

»Und …«, erwiderte Adrian, ohne sie anzusehen.

»Wir sitzen in der achten Reihe.«

Er blickte auf die Sitze vor ihnen, auf denen sich die Crème de la Crème der britischen Fernsehszene zur alljährlichen Verleihung in der Royal Albert Hall eingefunden hatte. Carrie sah, wie er lautlos zählte, und tat es ihm nach. Ihre Blicke blieben an den Leuten hängen, die vor ihnen saßen – auf ihren Plätzen: der angesehene Drehbuchautor einer höchst erfolgreichen Krimiserie und direkt neben ihm sein Hauptdarsteller, der einen skrupellosen, aber charmanten Killer spielte.

In diesem Moment erschien das BAFTA-Logo auf der Leinwand, und die Schauspielerin, die den Preis überreichen sollte, betrat die Bühne.

»Und der Preis geht an …«, verkündete die Aktrice in ihrem bonbonfarbenen, figurbetonten Kleid (Roland Mouret, hatten sämtliche Newsfeeds berichtet, sobald sie einen Fuß auf den roten Teppich gesetzt hatte) »… Adrian Hill für die erste Folge von Generation Rebel

Carrie schlang die Arme um ihn, während er sich mit einem verdatterten Lächeln erhob. Ihr Blick folgte ihm bis auf die Bühne.

Er hat es geschafft.

Er nahm die goldene Maske entgegen und ließ sich auf beide Wangen küssen. Der Applaus erstarb.

»Äh … damit habe ich überhaupt nicht gerechnet«, begann Adrian und scherzte darüber, dass er das Mikrofon erst einmal auf seine geringe Körpergröße herunterlassen müsse. Das Publikum lachte. Er fuhr sich mit der Hand durch sein wirres Haar – eine Geste, deren Vertrautheit eine Woge der Zuneigung in Carrie auslöste. »Ernsthaft … ich habe eben erst gemerkt, dass ich nicht auf meinem Glücksplatz sitze, und wollte gerade den fiesesten Mörder aller Zeiten verjagen, als mir dämmerte, dass es vielleicht keine gute Idee ist …« Er hielt inne, während ein Kichern durch den Saal ging und die Kameras auf den Hauptdarsteller schwenkten, der sich redlich bemühte, belustigt dreinzusehen und sich seine Verdrossenheit über den nicht gewonnenen Preis nicht anmerken zu lassen.

»Ich danke BAFTA, der ganzen Crew, meiner wunderbaren Produzentin, Elaine Marsh, am allermeisten jedoch meiner bildschönen, klugen Frau Carrie.«

Carrie bemühte sich, ihre Verlegenheit zu kaschieren, als er mit einer Hand die Augen gegen das grelle Kameralicht abschirmte und zu ihr heruntersah.

Er hat gewonnen, er hat gewonnen, er hat gewonnen!, jubilierte sie innerlich, während er von der Bühne zum obligatorischen Fototermin geführt wurde. Ihre Freude war aufrichtig, trotzdem wurde sie das ungute Gefühl nicht los, das sich in den letzten Tagen in ihrer Magengegend eingenistet hatte. Es gab etwas, das sie ihm dringend sagen musste. Vielleicht half der gewonnene Preis ihm ja, die Nachricht zu verdauen.

Carrie ließ sich durch das Aftershowparty-Volk treiben. Aus Erfahrung wusste sie, dass mit jedem Gespräch potenziell ein neues Projekt ins Leben gerufen oder ein Deal unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Adrian war seit gut zwanzig Minuten verschwunden, nachdem ihm alle möglichen Leute gratuliert und ihn entführt hatten, um ihm eine brillante neue Idee für eine Serie vorzuschlagen oder sich schlicht im Glanz seines Sieges zu sonnen, in der Hoffnung, dass er sich auch auf sie übertrug.

Schließlich entdeckte sie ihn und machte sich mit einem frischen Drink in der Hand auf den Weg zu ihm.

»Endlich ein freundliches Gesicht zwischen all den Haifischmäulern«, sagte er, als sie ihm das Glas reichte und er ein gutes Drittel in einem Zug hinunterspülte. Sie selbst hatte ihren eigenen noch nicht einmal angerührt.

»Daran solltest du dich als BAFTA-ausgezeichneter Drehbuchautor lieber gewöhnen«, meinte sie. »Allerdings hoffe ich, dass du dich nicht plötzlich mit dem Feind verbrüderst.«

»Auf keinen Fall, nachdem du mich für die nächsten drei Jahre an dich und dein außergewöhnliches Produktionstalent gefesselt hast.«

»So klingt es ja fast, als hätte ich dich in Ketten gelegt.«

»Stimmt doch auch. In welche aus massivem Gold.« Er küsste sie grinsend. »Aber ganz im Ernst. Ich kann es kaum erwarten, exklusiv für dich zu arbeiten und mit dir verheiratet zu sein. Ich bin der größte Glückspilz auf Erden.«

»Da ist er ja, mein Lieblingsautor«, ertönte eine tiefe Raucherstimme.

»Elaine, wie nett von dir, dass du mir gratulieren kommst«, sagte Adrian.

»Noch habe ich es ja nicht getan.« Ihre Armreifen klirrten, als sie ihre dunkelrot gefärbte Mähne zurückstrich und ihre pflaumenrot geschminkten Lippen zu einem breiten Grinsen verzog. »Nette Dankesrede.«

»Danke.«

»Schön zu wissen, dass du mich noch nicht ganz vergessen hast«, sagte Elaine.

»Wie könnte ich jemanden mit einer solchen Dynamik und Überzeugungskraft vergessen?«

»Aber mit der Frau, die dich vögelt, kann ich natürlich nicht konkurrieren.« Elaine lächelte Carrie zu, die Mühe hatte, ihre Kinnlade unter Kontrolle zu halten. »Aber immerhin habe ich einen BAFTA aus dir herausgeholt, bevor du dich vom Acker gemacht hast.«

»Dass du mir zum Durchbruch verholfen hast, werde ich dir nie vergessen«, sagte Adrian.

Elaine nickte anerkennend und legte den Kopf schief.

»Und dafür gesorgt hast, dass ich für eine so erfolgreiche Serie schreiben konnte.«

Wieder nickte Elaine und schob ihre Brille mit dem rosa Gestell ein Stück hoch.

»Das sollte jetzt doch mal reichen, oder?«

»Es ist nie genug, Schätzchen. Wie du sehr wohl weißt.« Und damit wandte sie sich um und verschwand in der Menge.

Carrie spürte, wie Adrian ihre Hand drückte. Offensichtlich hatte sie sich durch die Heirat mit dem schärfsten Drehbuchautor des Landes eine echte Feindin geschaffen, ganz zu schweigen von dem Exklusivdeal für die angesehene Produktionsfirma, bei der sie vor Kurzem angefangen hatte. Das Team hatte bereits eine Idee für ein neues Projekt entwickelt, eine brillante, wie sie fand: über einen Superstar aus den Nullerjahren, der jedoch sein gesamtes Vermögen verprasst hatte und daher Insolvenz anmelden musste. Als Folge hatte ihn seine fünfundzwanzig Jahre jüngere Freundin wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, weshalb er nun allein und pleite war und Mühe hatte, im Alltag klarzukommen. Sie hatten das Konzept bereits dem Unterhaltungschef und dem Chef-Controller der BBC präsentiert, die es beide kaum hatten erwarten können, sich mit ihnen zu treffen. Wenige Wochen später hatten sie grünes Licht bekommen, und nun stand die öffentliche Ankündigung bevor.

Adrians Bartstoppeln kitzelten, als er ihre Wangen an die ihre schmiegte. »Hey, du und ich. Wahnsinn!«

Sie lächelte, während ihre Nerven neuerlich zu flattern begannen. »Ja …«

»Du bist doch nicht sauer wegen Elaine, oder? Denk nicht weiter darüber nach. Es ist alles bestens. Wir werden diese Geschichte zusammen auf die Beine stellen. Ich habe vollen Zugriff auf dein superkreatives Hirn, und dann kann ich ein tolles Drehbuch daraus stricken … etwas, das kein kompletter Schwachsinn ist. Allerdings musst du mich im Auge behalten. Und falls dir mitten in der Nacht etwas Tolles einfällt, weckst du mich einfach …«

»Adrian, nicht ich werde diejenige sein, die dich aufweckt.«

»Was? Elaine wird es jedenfalls nicht sein.« Er verzog das Gesicht, als sich ein alles andere als einladendes Bild vor sein geistiges Auge schob.

»Ich bekomme ein Baby.«

Sie sah zu, wie seine »Im Bett mit Elaine«-Miene erstarrte, ehe ihm die Gesichtszüge entgleisten.

»Was?«, wiederholte er langsamer.

»Ich bin schwanger. In der vierzehnten Woche.«

»In der vier… vierzehnten Woche?«

»Ich habe es erst vor drei Tagen herausgefunden.«

Er wirkte so verloren, dass sie beinahe Mitleid mit ihm hatte. Aber es würde alles gut werden. Alles wird gut, wiederholte sie im Geiste.

»Okay. Aber … du bist … ich meine, wir haben doch immer gesagt … Wir hatten beschlossen … dass wir nicht … dass eine Familie für uns nicht infrage kommt.«

Sie lächelte kurz, hoffnungsvoll.

Er wurde blass.

»Verstehe.«

Für ihn zählte jetzt seine Karriere, und eigentlich konnte sie ihm keinen Vorwurf daraus machen. Das Timing war katastrophal. Alles war so gut gelaufen: Zuerst ihr neuer Job, dann hatten sie Adrian an Bord und noch dazu grünes Licht für die Serie bekommen. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für ein Baby gab es nicht.

2

Sonntag, 14. Mai

Emma saß mit untergeschobenen Beinen im hellgrau-weiß gestrichenen Wohnzimmer ihrer Eltern. Sie hatte ihren Sessel ein Stück nach hinten gezogen, damit sie sowohl sie beide auf dem Sofa als auch den Flachbildschirmfernseher an der Wand im Blick hatte, wo gerade die Übertragung der BAFTA-Verleihung lief.

»Oh, die Serie hat gewonnen!«, rief ihre Mutter Alice. Gebannt verfolgten sie, wie Adrian Hill auf die Bühne trat, um die Auszeichnung entgegenzunehmen.

»Tolle Serie«, bemerkte ihr Vater Brian wohlwollend. Er hatte sich wie üblich nach dem Abendessen seinen Whisky auf Eis eingeschenkt. Ihre Mutter trank ein Glas Wein und richtete ihre Aufmerksamkeit abwechselnd auf den Fernseher und auf das kryptische Kreuzworträtsel des Telegraph auf ihrem Schoß. Die beiden hatten ihre geregelten Abläufe und Ansichten, von denen sie keinen Millimeter abwichen. Nicht zum ersten Mal fühlte Emma sich wie ein Fremdkörper zwischen ihnen. Ihr Zuhause war nie ein heimeliger Ort gewesen, doch inzwischen war es regelrecht erdrückend.

»Das muss dir doch neuen Auftrieb geben, oder, Emma?« Die Enttäuschung war ihrem Vater wie gewohnt ins Gesicht geschrieben, als er sich zu ihr umdrehte. »Dieser Autor, Adrian Hill – die Story ist gut geschrieben, oder nicht?« Seine Worte waren voller Erwartung.

Emma schäumte vor Wut. Sie spürte, dass ihre Mutter auf eine Erwiderung wartete, und zwang sich, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich irgendwie aus dieser Zwangslage zu befreien. Es wäre klüger gewesen, sich eine Schicht in der Bar geben zu lassen, in der sie regelmäßig abends arbeitete, statt zu Hause zu hocken und sich dieser Tortur auszusetzen.

»Ja. Er ist ein guter Autor.« Es gäbe so viel mehr dazu zu sagen, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Sie merkte ihrem Vater an, dass er sich über ihre unzulängliche Antwort ärgerte, doch sie war viel zu deprimiert, um darauf einzugehen. Fürs Fernsehen zu schreiben war ihr großer Lebenstraum, doch bisher war der große Durchbruch nicht einmal ansatzweise in Sicht. Sie schaffte es noch nicht einmal, einen Agenten zu überzeugen, sie unter Vertrag zu nehmen, und ihr spec script – nicht das, was sie eigentlich hatte schreiben wollen, weil sie es im Moment einfach nicht schaffte, etwas Brauchbares zu Papier zu bringen – nun ja, selbst sie wusste, dass es bei Weitem kein Meisterwerk war.

»Vielleicht solltest du ein bisschen häufiger unter Leute gehen«, meinte Brian, »und dich nicht ständig hier im Haus vergraben. Was treibst du eigentlich den lieben langen Tag?«

Seine Worte waren ein Schlag ins Gesicht. Emma wusste genau, was er damit sagen wollte, obwohl der Rest unausgesprochen blieb … »während deine Mutter und ich einer anständigen Arbeit nachgehen«. Brian war Dermatologe, Alice in einer leitenden Position beim staatlichen Gesundheitsdienst. Beides gut bezahlte Jobs, angesehen und mit klar definierten Aufstiegschancen.

Emma holte tief Luft. »Schreiben, Dad. Ich bin zu Hause, weil ich an meinem Computer sitzen und schreiben muss.« In Wahrheit schien ihr in letzter Zeit überhaupt nichts mehr einzufallen. Nicht dass sie es nicht versuchen würde, im Gegenteil – sie probierte ständig neue Ansätze aus, aber keiner davon mündete letzten Endes in einer brauchbaren Idee.

»Wenn du mich fragst, solltest du deine Strategie ändern.« Brian richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher, als falle es ihm dadurch leichter, seine Verärgerung über sie zu vergessen. Unterdessen verließ Adrian mit einer coolen Siegergeste die Bühne. Emma fluchte innerlich. Sie hatte den Schwenk der Kameras auf seine Frau verpasst.

Sie stand auf. Die Vorstellung, auch nur eine Sekunde länger mit ihren Eltern im selben Raum zu sein, war unerträglich. Sie ging nach oben in ihr Zimmer und schloss die Tür. Inzwischen war die Dunkelheit über die hübsche Wohnstraße im südlichen London hereingebrochen. Sie zog die Vorhänge zu, setzte sich an den Schreibtisch, fuhr ihren Laptop hoch und öffnete ihr letztes Drehbuch. Ihre Finger schwebten über der Tastatur.

Sie zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte. Bevor sie etwas sagen konnte, trat Alice ein, setzte sich und legte eine Zeitschrift vor sich auf das Bett.

»Dein Vater sagt all das doch nur, weil du ihm wichtig bist.«

Schon klar, aber noch wichtiger sind ihm die 217.000 Pfund, die er für mein Internat ausgegeben hat – eine Summe, die nicht nur er, sondern auch ihre Mutter als unfassbare Geldverschwendung betrachteten. Eine Fehlinvestition vor dem Herrn. Seit sie denken konnte, kam sie sich wie eine Art Aktivposten auf zwei Beinen vor – wie ein Vermögenswert, den man mit der Geburt erwarb und der fortan der steten Investition bedurfte, der gestriegelt, gebügelt und ausgebildet wurde wie ein Rennpferd, das nun leider nicht den erhofften Profit abwarf.

»Seit deinem Abschluss sind zwei Jahre vergangen. Und natürlich hielten wir es für eine gute Idee, wenn du das erste Jahr erst einmal ein bisschen reist und die Welt siehst, aber seitdem hast du bis auf dieses dreimonatige Praktikum, für das sie dich noch nicht einmal bezahlt haben, keinen Job gehabt.«

Alice’ Tonfall verriet, was sie dachte: Hätte ihre Tochter etwas getaugt, hätte man sie dort bestimmt behalten und ihr einen anständigen, bezahlten Job angeboten. Alice hatte nicht die leiseste Ahnung, wie das Berufsleben für jemanden in Emmas Alter in Wahrheit aussah, vor allem in der heftig umkämpften Fernsehbranche, wo Neulinge systematisch ausgebeutet wurden. Dabei versuchte Emma, es ihr wieder und wieder zu erklären. Nein, Alice stammte aus einer Generation, die glaubte, dass jeder, der etwas auf der Pfanne hatte, einen Job quasi hinterhergetragen bekam.

Kurz fragte sie sich, was ihre Mutter denken würde, wenn sie wüsste, weshalb ihr Praktikum in Wahrheit geendet hatte.

»Bloß drei Monate ohne Bezahlung innerhalb eines ganzen Jahres. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich mal ein paar Gedanken zu machen«, fuhr Alice sanft fort.

Emmas Herz wurde noch schwerer.

»Du hast doch eine gute Abschlussnote. Ich kann dir helfen und dein Vater auch. Wir könnten dich mit ein paar Leuten zusammenbringen.«

»Aber du weißt doch, dass ich mit Medizin nichts am Hut habe, Mum. Ich will zum Fernsehen. Außerdem habe ich nicht den richtigen Abschluss für Medizin.«

»Hättest du das Angebot in Oxford angenommen, würde das jetzt keine Rolle mehr spielen.«

Da haben wir’s mal wieder, dachte Emma. Ihr ganzes Leben sollte sie der Mensch sein, den ihre Eltern sich vorstellten. Sie hatte die Hauptfächer nach ihren Wünschen belegt, ihren Schwerpunkt auf Naturwissenschaften gelegt und sich lediglich bei Englisch als ihrem letzten Hauptfach durchgesetzt. Dann hatte ihr Vater sie weichgeklopft, sich an der Oxford University zu bewerben, wo er schon studiert hatte, und sogar einen Brief an den Rektor geschrieben. Prompt hatte man ihr einen Studienplatz für Medizin angeboten, und Dad hatte ihr bis heute nicht verziehen, dass sie abgelehnt hatte, um stattdessen aus Trotz an einer weniger renommierten Uni Englische Literatur zu studieren.

Der Frust hing zwischen ihnen in der Luft, vibrierend wie elektrische Spannung zwischen zwei Polen.

»Ich gebe ja zu, dass weder dein Vater noch ich sonderlich begeistert von deiner Idee waren, in die Fernsehbranche zu gehen, trotzdem haben wir es dich versuchen lassen. Aber es scheint nichts daraus zu werden, zumindest nicht so, wie du es dir vorstellst.« Alice erhob sich mit einem leisen Seufzer. »Du solltest inzwischen längst an deiner Karriere basteln. Die Fernsehbranche ist ziemlich unsicher, das sagst du ja selbst immer. Ich habe einfach Angst, dass du dein Leben vergeudest.« Und damit ging sie hinaus.

Emma spürte, wie sich auch noch der letzte Rest Luft verflüchtigte, sobald sich die Tür hinter ihrer Mutter schloss. Sie ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Sie hatte Talent, tief in ihrem Innern wusste sie das ganz genau. Ihr Blick fiel auf die Zeitschrift – Broadcast, die Branchenbibel. Sie riss die Plastikhülle auf und schlug die Seiten mit den Stellenanzeigen auf. Wie üblich war das Angebot mager, vor allem im kreativen, redaktionellen Bereich, aber sie würde sich für jeden Job bewerben, nur um einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Ganz unten auf der einzigen Seite stand eine winzige Annonce – Drehbuchredakteur/in für eine träge gewordene Langzeitserie gesucht. Der Name der Produktionsgesellschaft ließ sie hochschnellen.

Sie trat an ihren Computer und begann, ein Anschreiben zu verfassen.

3

Mittwoch, 11. Oktober – fünf Monate später

Die Büros von Hawk Pictures nahmen das gesamte zweite Stockwerk eines Gebäudes in Soho ein. Carrie ging den Korridor entlang zu ihrem Büro und ließ sich vorsichtig auf das üppig gepolsterte Jacquard-Sofa sinken. Es war definitiv nicht das erste Mal während ihrer Schwangerschaft, dass sie sich nicht gut fühlte.

Sie hatte gehofft, dass die Übelkeit in der sechsunddreißigsten Woche längst kein Thema mehr wäre, trotzdem wurde sie immer wieder davon heimgesucht. Das Neueste waren die nächtlichen Schmerzen in der Hüfte, als bereiteten sich ihre Knochen darauf vor, das Baby zu gebären, und wieder einmal fragte sie sich, ob sich die Schwangerschaft nicht erheblich einfacher gestaltet hätte, wäre sie zehn Jahre jünger gewesen. Doch mit zweiunddreißig hatte sie kein Baby gewollt, sagte sie sich und schob entschlossen den Gedanken beiseite, dass auch dieses kein Wunschkind gewesen war und sie sich bis heute fragte, was sie bewogen hatte, ihre Meinung zu ändern. Damals wie heute stand ihre Arbeit an erster Stelle, doch etwas hatte sich in ihr verändert, als sie gemerkt hatte, dass sie schwanger war. Mit einem Mal hatte Panik sie überfallen, dies könnte ihre letzte Chance sein, die in dem verblüffend übermächtigen Drang gipfelte, das Baby um jeden Preis behalten zu wollen.

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag, und Carrie fühlte sich wie ein Walross. Sie rutschte ein Stück zur Seite, damit der durchs Fenster hereinfallende Sonnenschein sie nicht streifte. Sie hatte es gründlich satt, wegen ihrer Hüftschmerzen, ihres ausladenden Bauchs und der Tritte nachts nicht schlafen zu können. Das Baby bestimmte ihren Körper und ihr Leben in jeder erdenklichen Weise, und dabei war es noch nicht einmal geboren.

Sie sah ihre Chefin, die ihr durch die Glastür zuwinkte. Liz – grazil, gertenschlank, bester Dinge und in der Lage, wie ein normaler Mensch ihrer Arbeit nachzugehen. Sie hatte erst vor Kurzem die vierzig überschritten, ihre zwei Söhne gingen inzwischen auf die weiterführende Schule, und sie stand in dem Ruf, ein echtes Powerpaket zu sein und keinen Aufwand zu scheuen, um ihre gesteckten Ziele zu erreichen. Andererseits war dies vermutlich die einzige Methode, um in dieser brutalen Branche den Kopf über Wasser zu behalten.

Liz setzte sich neben sie auf das Sofa und beugte sich über ihren Bauch, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken.

»Du siehst super aus wie immer.«

»Tue ich nicht. Ich bin fett und völlig erledigt.«

Liz schnalzte mit der Zunge. »Blödsinn. Außerdem ist es doch bald so weit, oder? Vier Wochen noch, stimmt’s?«

Carrie nickte. Die bevorstehende Geburt bereitete ihr größere Sorgen, als sie zugeben wollte. Nicht nur der rein körperliche Akt, sondern vielmehr die Tatsache, dass das Baby dann tatsächlich existieren würde, in der realen Welt. Sie würde … alles Mögliche für das Kind tun müssen. Sich kümmern. All das war nur schwer vorstellbar, obwohl sie wusste, dass es bald passieren würde. Noch drehte sich ihr ganzes Leben um den täglichen Arbeitswahnsinn, und manchmal ertappte sie sich bei einem ganz tief in ihrem Innern verborgenen Gedanken, den sie noch nie irgendjemandem anvertraut hatte: Was, wenn ich die falsche Entscheidung getroffen habe? Und was, wenn meine Schwangerschaftsvertretung die Anforderungen nicht oder – was noch viel schlimmer wäre – viel zu gut erfüllen kann? Ihr blieb nichts anderes übrig, als das zu glauben, was auf all den Baby-Websites stand: Sie würde sich Hals über Kopf in das Baby verlieben, sobald es das Licht der Welt erblickte. Oder zumindest es nicht länger als Last betrachten, sondern als etwas, worum es sich zu kümmern galt, ehe sie in ihren Job zurückkehrte, was sie nach drei Monaten tun wollte. Sie konnte sich schlicht keine längere Auszeit leisten, vor allem, weil sie so hart dafür gearbeitet hatte, um diesen Job überhaupt an Land zu ziehen. Bis vor Kurzem hatte sie noch als freie Producerin gearbeitet, und Festanstellungen waren Mangelware. Aber sie hatte einen der seltenen Jobs ergattert und kam in den Genuss des äußerst großzügigen Mutterschutzpakets, obwohl sie noch nicht einmal ein Jahr dabei war. Sie war Liz dankbar für ihre Großzügigkeit, doch trotz ihrer Beteuerungen, dass alles in bester Ordnung sei, fand Carrie keine Ruhe. In dieser Branche rümpfte man die Nase, wenn sich jemand auch bloß krankmeldete, und nur einen Moment lang die Zügel locker zu lassen, war häufig mit einem hohen Preis verbunden.

Beim Gedanken an ihr Projekt fuhr sie sämtliche Schutzwälle hoch. Dies war nicht ihre erste erfolgreiche Serie – für eines ihrer Doku-Dramas hatte sie sogar schon einmal eine BAFTA-Nominierung eingeheimst –, aber eindeutig das größte. Leon war eine kostspielige, auf Dauer angelegte Serie mit internationalem Vertrieb, und sie war ihr Baby. Ihr anderes Baby, korrigierte sie sich eilig. Und wenn sie nicht hier war, um die Entwicklung und Produktion selbst voranzutreiben, vor allem bei einem so prestigeträchtigen Projekt wie diesem, würde jeder andere mit dem größten Vergnügen ihren Platz einnehmen. Und genau deshalb saß sie hier, auf diesem Sofa, in diesem Büro.

»Also, zu deiner Vertretung. Emma ist sehr engagiert, klug und ein echtes Talent bei der Lösung von Plot-Problemen«, erklärte Liz.

»Ich hoffe, nicht zu talentiert«, warf Carrie leichthin ein, während sie sich innerlich ohrfeigte, weil sie ihre Verunsicherung nicht besser kaschierte. Die Frau, die der Firma während Carries Mutterschutz zur Seite stehen sollte, war die Dramaturgin einer Langzeitserie, die vor Kurzem eingestellt worden war.

»Natürlich spielt sie nicht in deiner Liga, aber … an die Wand fährt sie es bestimmt nicht«, fuhr Liz fort. »Und hatten wir nicht gesagt, dass du niemanden haben willst, der sich als Producer bewirbt?«

»Ich verstehe nicht, wieso ich nicht einfach weitermache.«

»Und die Drehbuchanweisungen erteilst du dann aus dem Kreißsaal?« Liz lächelte. »Sie soll doch bloß Adrian ein bisschen zur Seite stehen, falls er Hilfe braucht. Um den ganzen Produktionskram kümmere ich mich selbst.«

»Hmm.« Carrie war nicht überzeugt.

»Ich verstehe dich. Niemand will gern, dass jemand anders seinen Job übernimmt, schon gar keine hormongesteuerte Schwangere, die sich den Hintern aufgerissen hat, um dort zu sein, wo sie heute ist. Ich war ganz genauso.«

Carrie lächelte. »Ehrlich?«

»O Mann, ich konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Das Mädchen war viel zu gut.«

»Und was ist passiert?«

»Ich bin ziemlich schnell zurückgekommen, wurde befördert und sie in eine andere Abteilung versetzt.« Liz drückte Carries Arm. »Ich kenne dich – du arbeitest auch dann noch, wenn du vor der Wickelkommode stehst. Hier geht es doch nur darum, dass jemand im Büro ist, der dich vertritt. Und falls das nicht funktionieren sollte, können wir uns immer noch etwas anderes überlegen. Okay?«

Carrie zögerte kurz, ehe sie nickte.

»Du kennst sie noch nicht, oder?«, fuhr Liz fort.

»Nein.« Ihr Ersatz war bislang in den Pinewood Studios eingesetzt gewesen, wo die mittlerweile ausgelaufene Serie Buried Evidence gedreht worden war.

Liz lächelte. »Sie war vorher bei Elaine Marsh, aber das solltest du ihr nicht zum Vorwurf machen. Und falls sie dir aus irgendeinem Grund nicht gefällt, müssen wir das auch nicht tun.« Sie sah auf ihre Uhr. »Sie müsste eigentlich schon hier sein. Moment, ich gehe kurz nach ihr sehen.«

Carrie stieß einen tiefen Seufzer aus. Normalerweise unterstützte sie Anfänger nach Kräften, weil sie nur zu gut wusste, wie schwierig es war, in der Branche Fuß zu fassen. Außerdem hatte sie mehr als genug exzentrische und eiskalte Vorgesetzte gehabt, die sie skrupellos für ihre privaten Belange benutzt hatten – Carrie hatte die Geburtstagspartys ihrer Kinder organisieren und sogar zu ihnen nach Hause fahren müssen, nur um ihre Pflanzen zu gießen, obwohl sie nichts anderes wollte, als alles über Drehbücher und das Fernsehgeschäft zu lernen. Statt also die Belastbarkeit des Nachwuchses mit erniedrigenden Botendiensten zu demütigen, hatte sie, als sie in die Chefriege aufgestiegen war, sie unter ihre Fittiche genommen, sie gefördert und ermutigt.

Sie ist nur eine Dramaturgin, sagte sie sich. Hör auf, dir ins Hemd zu machen. Doch das mulmige Gefühl hatte sich mit aller Macht zurückgemeldet.

4

Mittwoch, 11. Oktober

Emma folgte Liz, der Geschäftsführerin von Hawk Productions, den Korridor entlang, wobei ihre Absätze laut auf dem glänzenden Fußboden widerhallten, dabei wäre sie doch am liebsten so leise und unbemerkt wie möglich in das Büro geschlüpft. Ihre Nerven lagen derart blank, dass sie fürchtete, sich gleich übergeben zu müssen – ihr schlotterten so sehr die Knie, dass sie einen Moment stehen bleiben und sich sammeln musste.

Liz warf ihr einen Blick zu. »Alles in Ordnung?«

Emma rang sich ein Lächeln ab. »Ja, ja, ich bin nur mit dem Absatz hängen geblieben.« Sie hob das Bein und rückte ihren Schuh zurecht.

In Wahrheit konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen, aber es war wichtig, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren – es stand zu viel auf dem Spiel. Außerdem wäre es ihr lieber, wenn sie als Erste einen Blick auf Carrie werfen könnte statt umgekehrt. Das würde ihr vielleicht helfen, ihre flatternden Nerven zu beruhigen.

Schließlich standen sie vor dem Konferenzraum. Emma sah eine Frau mittleren Alters, die sich aus dem Sofa hochstemmte und auf sie zutrat. Sie trug ihr hellblondes, leicht gewelltes Haar in einer Bobfrisur, wodurch es aussah, als schwebe eine kleine Wolke um ihren Kopf. Zu Emmas Freude – auch wenn es völlig absurd war – hatte sie ein auffallend hübsches Gesicht. Unvermittelt verspürte Emma den Wunsch, sich als würdigen Ersatz zu bewähren. Carries Bauch, der in krassem Gegensatz zu ihrer zierlichen Gestalt stand, war so gewaltig, dass Emma kaum den Blick davon wenden konnte.

Liz stellte sie einander vor. Die Berührung von Carries Finger war ganz leicht – distanziert, war Emmas erster Gedanke –, wohingegen sich ihre eigene Handfläche feucht und klamm anfühlte.

Carrie persönlich kennenzulernen, hatte etwas beinahe Surreales. Schon seit Jahren verfolgte Emma ihre Karriere, teilweise weil sie mit dem Drehbuchautor verheiratet war, der irgendwann einmal eine Art Idol für sie gewesen war. Die Aussicht, mit ihm zusammenzuarbeiten, war ein Glücksfall und zugleich beängstigend. Sie musste diesen Job bekommen.

Liz’ Anruf war das reinste Wunder gewesen. Nachdem es ihr gelungen war, den Job als Dramaturgin für die mittlerweile eingestellte Serie (mit allerlei Schönfärbereien und ein bisschen Schummeln in ihrem Lebenslauf) zu ergattern, hatte sie sich vom ersten Tag an den Hintern wund gearbeitet, hatte nachts Drehbücher gelesen, mit Notizen und Verbesserungsvorschlägen versehen und alles darangesetzt, das Drehbuchteam wunschlos glücklich zu machen. Es war zwar kein Job als Autorin gewesen, aber immerhin hatte sie sich im Dunstkreis der Kreativen aufgehalten und ihnen bei den Skripten geholfen. Und sie hatte eine Menge dabei gelernt. Aber dann war die Pechsträhne gekommen – vor zwei Wochen hatte sie erfahren, dass die Serie eingestampft wurde und man keine Verwendung in einem anderen Projekt für sie hatte. Und da sie außer fünf Monaten als Dramaturgin und dem dreimonatigen Praktikum im Lebenslauf nichts weiter vorzuweisen hatte, sah es alles andere als rosig für sie aus.

Emma graute davor, ihren Eltern zu gestehen, dass sie schon wieder arbeitslos war … was sich jedoch vermeiden ließe, wenn Carrie sie mochte. Lieber Gott, bitte mach, dass sie mich leiden kann, dachte sie und ballte in verzweifelter Hoffnung die Fäuste.

Emma setzte sich, als Carrie wieder Platz nahm, und überlegte kurz, was sie wohl von ihr halten mochte. Prompt begannen ihre Nerven neuerlich zu flattern, und sie verspürte den Drang, etwas zu sagen, bevor sie völlig verkrampfte.

»Kann ich … ich muss Ihnen einfach sagen, wie toll ich Ihre Serien finde. Sie behandeln so wichtige Themen, und Ihre Dokus sind so erstklassig und anders als alle anderen … es ist fast, als würden Sie definieren, was wir uns im Fernsehen anschauen.«

Du lieber Gott, sie schwärmte wie ein Schulmädchen. Schalt mal einen Gang runter. Die Frau kriegt ja Angst! Sie grub die Nägel in ihre Handflächen, bis der Schmerz fast unerträglich wurde. Erst als Carrie das Wort ergriff, entspannte sie sich ein wenig.

»Sie haben also bis vor Kurzem bei Buried Evidence mitgearbeitet?«

»Ja, und es hat mir großen Spaß gemacht. Es war eine gute Gelegenheit, Teil einer Produktion zu sein, die schon angefangen hatte, und ich habe mit vielen tollen Autoren zusammengearbeitet … sowohl mit alten Hasen als auch mit Neulingen.«

»Und davor? Waren Sie bei Elaine Marsh? Wie fanden Sie es dort?«

Emma wählte ihre Worte mit Bedacht. Sie wusste, dass Elaine innerhalb der Branche einen Ruf wie Donnerhall hatte. »Sie hat mich ganz schön hart rangenommen, aber ich habe eine Menge gelernt.«

Carrie hob kaum merklich eine Braue. Emma fragte sich, ob sie genauer erklären sollte, was sie damit meinte. Sie wusste, dass Adrian erst kürzlich von Elaine zu Hawk Productions gewechselt hatte, und war ein wenig verunsichert. In der Branche gab es an jeder Ecke Fettnäpfchen.

Carrie blickte auf das Blatt Papier vor ihr – ihr Lebenslauf, vermutete Emma. »Sie waren nicht allzu lange dort«, meinte Carrie. »Drei Monate. Wieso sind Sie weggegangen?«

Bleib ganz ruhig, dachte Emma und versuchte zu ignorieren, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. »Der Vertrag ging von vornherein nur über drei Monate.«

Noch immer lächelnd, sah sie Carrie direkt in die Augen und betete, sie möge nicht näher darauf eingehen.

»Worin besteht Ihrer Ansicht nach die Aufgabe einer Dramaturgin?«, fragte Carrie.

»Ich soll die Autoren unterstützen und als Bindeglied zwischen ihnen, den Produzenten und dem Sender fungieren. Außerdem helfe ich gegebenenfalls bei der Recherche, bei Plot-Ideen und Drehbuchnotizen.«

Sie wand sich innerlich – das klang wie auswendig gelernt. Sie sah Carrie an, die kaum merklich nickte. Emma rutschte das Herz in die Hose.

»Natürlich wird Carrie auch weiterhin an all ihren Projekten weiterarbeiten«, warf Liz ein. »Wahrscheinlich genau dann, wenn sie es eigentlich gar nicht sollte«, fügte sie mit mildem Tadel hinzu.

Alle drei lächelten nachsichtig. Keine sagte etwas.

Sie versucht, mir eine Abfuhr zu erteilen, dachte Emma betrübt. Sie will mich nicht und überlegt jetzt, wie sie das Meeting zu Ende bringen kann. Bestimmt erklärt sie mir gleich, dass sie noch andere Bewerber eingeladen haben.

»Aber es wäre gut, jemanden hier im Büro zu haben, der die Stellung hält«, sagte Carrie, und Emma spürte, wie sie neue Hoffnung schöpfte.

Liz wandte sich an Carrie. »Was hältst du davon, wenn Emma nächste Woche anfängt, damit sie sich einarbeiten kann?«

Carrie nickte. »Klar. Passt das für Sie, Emma?«

»Super!«, sagte Emma. Plötzlich freudig erregt, war sie sorgsam darauf bedacht, das Zittern ihrer Hände zu kaschieren. Geschafft! Sie hatte den Test bestanden! Ihr war klar gewesen, dass es in der Fernsehbranche nicht zwingend nur um Erfahrung ging, darum, wie gut man seine Sache machte – sondern in hohem Maß darum, ob einen die Leute mochten oder nicht.

Carrie schien sie zu mögen. Emma verspürte einen Anflug von Befriedigung. Sie würde sich so große Mühe geben, wie sie nur konnte … und dafür sorgen, dass Carrie sie liebte.

5

Mittwoch, 11. Oktober

»Sie ist blutjung, gerade einmal vierundzwanzig«, sagte Carrie und verlagerte ihr Gewicht auf dem Küchenstuhl. Ihr Rücken schmerzte. Es wäre klüger, es sich mit ein paar Kissen auf dem Sofa bequem zu machen, aber Adrian kochte, und sie genoss ihre abendlichen Unterhaltungen.

Er runzelte die Stirn. »Das ist wirklich jung. Und hat sie was drauf?«

»Wie’s aussieht, hat sie sich hier und da sehr hervorgetan«, antwortete Carrie verdrossen.

Adrian sah von den Kartoffeln auf, die er stampfte. »Du hast doch keine Angst, oder?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Nicht mehr lange, dann muss ich meinen Traumjob zurücklassen.« Er antwortete nicht sofort. Sie wusste, was er dachte: Hätte sie sich nicht für das Baby entschieden, bräuchte sie das nicht zu tun. Seit Monaten ging es zwischen ihnen nur noch um »Die Entscheidung«, und das Leben hatte sich zu einem ständigen Balanceakt entwickelt.

»Aber nur für eine Weile«, gab er zurück.

»Die Leute in der Branche vergessen schnell.«

»Du bist ihre schärfste Neuerwerbung.«

»Dabei gehört der Titel doch eigentlich dir, oder?«

Einen Moment lang sonnte er sich in ihrem Lob, ehe ihm wieder einzufallen schien, wo er stand. »Ich bin nur der verlängerte Arm der renommierten Producerin, die gleich mehrere hochgelobte Doku-Dramas erschaffen hat.«

»Lange her.«

Adrian blickte sie ungläubig an. »So lange nun auch wieder nicht. Gerade mal ein paar Jahre. Außerdem macht sie das ja nicht weniger brillant. Wieso stellst du dein Licht so unter den Scheffel? Mal wieder?«

»Ach, du kennst mich doch. Ich denke immer, irgendwann merkt jemand, dass das alles bloß heiße Luft ist. Die Hälfte der Zeit komme ich mir wie eine Hochstaplerin vor. Wie zum Teufel habe ich eigentlich diesen Job bekommen?«

Sie sah ihm an, wie er sich bewusst entschied, nicht auf ihre Bemerkung einzugehen – weil er ihre Unsicherheit ein wenig anstrengend fand. Und er hatte durchaus recht damit. Sie musste zugeben, dass sie eine Reihe wirklich guter Sendungen produziert hatte, sehr guter sogar. Trotzdem lebte sie in der ständigen Sorge, dass sie ihren Erfolg lediglich Glück oder gutem Timing verdankte.

»Hast du dein Päckchen schon gesehen?« Er nickte in Richtung des großen Kartons in der Ecke. Sie stand auf, riss den Karton auf und nahm ein mit einer weißen Spitzendecke ausgeschlagenes Babykörbchen heraus.

»Wie findest du es?«

Er sah herüber. »Ja, sehr nett.«

»Das ist alles?«

Er sah ein zweites Mal hin. »Was willst du denn hören? Es ist ein Körbchen. Für ein Baby.«

»Für unser Baby. Das in vier Wochen zur Welt kommt.«

Keine Begeisterungsrufe, keine leuchtenden Augen.

»Erbsen oder Bohnen?«

Enttäuscht verstaute sie das Körbchen im Karton. »Egal.«

»Dann beides. Mehr Vitamin C für dich … und das Baby.« Sie wusste, dass er ihr diesen Olivenzweig aus schlechtem Gewissen reichte. »Und du musst aufhören, dir wegen deiner Arbeit Sorgen zu machen«, fuhr er fort. »Keiner sägt an deinem Stuhl.« Carrie zuckte zusammen, woraufhin er ihr einen strengen Blick zuwarf. »Und falls doch, gehe ich gleich mit.«

Ihr war bewusst, dass dies vertraglich gar nicht möglich wäre, aber es war seine Art, sich bei ihr zu entschuldigen. Wenig später stellte er zwei Teller auf den Tisch. Drei gut durchgebratene Würstchen ragten wie Alienfinger aus einem Berg Kartoffelbrei, umgeben von dem grünen Gemüse, das er wie einen Bart arrangiert hatte.

»Okay?«, fragte er.

Sie lächelte. »Sieht gut aus.«

Dies war ihr Ritual – er kochte, während sie im überfüllten Pendlerzug nach Blackheath im Südosten Londons saß. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen hatten sie ein Reihenhaus mit vier Zimmern gekauft und Stück für Stück renoviert. Es war der Traum eines kinderlosen Paars: weiß getünchte Wände, eine frei schwebende Treppe, Springbrunnen im Garten. Es hatte einige Zeit gedauert, all die Umbauten zu finanzieren, da sie beide am Anfang noch für dieselbe Soap gearbeitet hatten, sie als Dramaturgin, er als freier Autor. Sie hatten beide unbedingt ihre Karriere vorantreiben wollen, allerdings ließ der gnadenlose Produktionsrahmen einer Sendung, die an vier Tagen pro Woche während des ganzen Jahres produziert wurde, kaum Spielraum für irgendetwas anderes. Urlaub war auf maximal eine Woche am Stück begrenzt, die Arbeitstage zogen sich häufig bis spät in die Nacht hinein, und krank werden kam gar nicht infrage. Einmal hatte Carrie sich eine Mandelentzündung zugezogen, sich aber nicht getraut, länger als einen Tag zu Hause zu bleiben, um sich auszukurieren. Wenn sie nicht bei der Arbeit erschiene, wären die Drehbücher nicht bereit für die Produktion. Und obwohl sie krank war, wäre es ihre Schuld, und davon hing ab, ob ihr zeitlich begrenzter Vertrag verlängert werden würde oder nicht.

Sie und Adrian hatten sich bei der monatlichen Story-Konferenz kennengelernt, sich auf Anhieb gut verstanden und sich wenig später ineinander verliebt. Nach etwa vier Wochen war Adrian nach einem Kinoabend mit in ihre Wohnung gekommen und hatte gemeint, er wolle ganz ehrlich zu ihr sein. Kurz hatte Carrie gefürchtet, er wolle ihr gestehen, dass er verheiratet war oder eine feste Freundin hatte, doch stattdessen ging es ihm um das Thema Kinder.

»Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt … ich will einfach keine Kinder. Die meisten Frauen allerdings schon, deshalb hielt ich es nur für fair, gleich damit herauszurücken. Du kannst mir jetzt sagen, dass ich mich gleich wieder verziehen kann … sofern du das willst.« In seinen großen braunen Augen hatte sich eine solche Angst widergespiegelt, dass sich ihr Herz zusammengezogen hatte. In diesem Moment hatte sie gewusst, dass sie füreinander bestimmt waren, da auch sie niemals einen Kinderwunsch verspürt hatte – nicht nach dem, was ihr als Teenager passiert war.

Sie hatten geheiratet und praktisch zeitgleich das Haus gekauft – gerade mal ein Jahr nach ihrem Kennenlernen. Adrian, der sich inzwischen zu einem der »Starautoren« der Soap Opera hochgearbeitet hatte, war mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem er sich aus dem gnadenlos eng getakteten Tagesgeschäft zurückziehen konnte, um sich Gedanken über eigene Serienkonzepte zu machen. Einige davon wurden mit Entwicklungsgeldern belohnt, andere nicht, doch keine einzige seiner Ideen wurde je realisiert, sondern landete innerhalb von ein oder zwei Jahren im Papierkorb.

Dann fiel ihm etwas so Brillantes und Verkäufliches ein, dass Elaine Marsh sich das Konzept sofort unter den Nagel riss und sich an die Arbeit machte. Es gelang ihr, die BBC dafür zu gewinnen, und ehe er sich versah, hatte er grünes Licht für die Umsetzung. Die Story um eine Schülerin, die in ihrer Schule einen Aufstand mit tragischem Ausgang anzettelte, schlug ein wie eine Bombe und katapultierte Adrian in den Olymp der Drehbuchschreiber.

Carrie hatte sich unterdessen auf Real-Life-Storys spezialisiert und war dort ebenfalls sehr erfolgreich. Sie arbeiteten beide extrem hart und belohnten sich dafür mit Urlauben an exotischen Orten, wann immer sie sich in ihre engen Terminkalender quetschen ließen. Sie tauchten mit Walhaien auf den Malediven und reisten sogar in die Antarktis. Sie tranken nur die besten Weine. Adrian fuhr einen BMW-Zweisitzer und hatte in Broadstairs an der Küste von Kent ein Ferienhaus gekauft. Sie hatten sich einen Lebensstil angewöhnt, um den sie ihre Freude mit Kindern glühend beneideten. Trotzdem war Carrie instinktiv vor dem Gedanken zurückgeschreckt, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, als sie mit zweiundvierzig plötzlich schwanger geworden war. Vielleicht war dies ihre letzte Chance, sich fortzupflanzen. Vielleicht lag es auch daran, dass der Fötus bereits vierzehn Wochen alt war und ein Mienenspiel besaß, sprich, die Augen zusammenkneifen konnte und solche Dinge. Sie hatte keine Ahnung, warum, doch eine Abtreibung kam definitiv nicht infrage.

Adrian hatte die Neuigkeit komplett aus den Socken gehauen. Eine Schwangerschaft war so jenseits jeglicher Vorstellungskraft für ihn, dass er volle zwei Tage gebraucht hatte, um zu begreifen, dass sie es ernst meinte. Dann waren die Schuldzuweisungen auf sie eingeprasselt. Wie es sein konnte, dass sie schwanger geworden war? (Sie hatte ihre Pille vergessen, ganz einfach.) Es tat ihr leid für ihn, aber es war, wie es war. Sie konnte sich schließlich nicht »entschwangern«, auch wenn sie häufig überlegte, dass es deutlich einfacher wäre, als sich der komplexen Entscheidung zu stellen, während der Sand immer schneller durch die Uhr rieselte. Am Ende hatten sie beide begriffen, dass es kein Zurück mehr gab, ganz egal, wie sie zu all dem standen. Bis heute hatte Adrian sich nie wirklich mit ihrer Entscheidung anfreunden können, und tief im Innern wusste Carrie, dass sie beide die Köpfe in den Sand gesteckt hatten und schlicht ignorierten, dass schon bald eine dritte Person Teil dieses Haushalts sein würde.

Besagtes drittes Haushaltsmitglied verpasste ihr einen kräftigen Tritt in die Rippen.

»Aua!«

»Alles in Ordnung?«

»Das Baby hat Fußballtraining.«

Er nickte.

»Es hat keine Ahnung, wie weh das tut. Apropos … wir haben heute Abend Schwangerschaftsmassage.«

Ein verlegener Ausdruck erschien auf seiner Miene.

»Tut mir leid …«

»Du kannst nicht?«, fragte sie enttäuscht.

»Ich hatte heute eine großartige Idee für Folge vier, die ich unbedingt zu Papier bringen will, solange sie noch frisch im Kopf ist.«

Sie runzelte die Stirn. Wieso konntest du das nicht schon während des Tages machen, statt bis zum Geburtsvorbereitungskurs zu warten?

»Hey, komm schon, sei nicht so. Bei allen anderen war ich doch, oder? Und ich will unbedingt, dass dieses Drehbuch gut wird. Liz … sie macht mir echt Angst.« Er setzte sein bestes Jungen-Grinsen auf.

Sein heuchlerisches Getue deprimierte sie, aber sie wollte es ihm nicht sagen, aus Angst, dass es wieder Ärger geben würde. Aber in letzter Zeit war es immer so zwischen ihnen, ein ständiges Hin und Her, ohne dass jemals echte Nähe zwischen ihnen entstand. Die entspannte Harmonie war ihnen während der vergangenen Monate irgendwo abhandengekommen.

Wie sich später herausstellte, war sie als Einzige ohne Partner zum Kurs erschienen, weshalb sie sich mit der Hebamme zusammentat. Adrian müsse arbeiten, erklärte sie, was allerdings keinen zu interessieren schien, weil die künftigen Mamis damit beschäftigt waren, ihren mehr oder weniger gut aussehenden Ehemännern oder Partnern die besten Massagepunkte zu zeigen. Carrie stellte fest, dass einige Frauen ihre Mütter als Begleitung mitgebracht hatten, die allesamt vor Stolz über ihr künftiges Enkelkind beinahe platzten.

O Mum, dachte Carrie. Ich könnte dich jetzt so gut gebrauchen. Eine Woge brutaler Traurigkeit schlug über ihr zusammen. Die Hebamme, die ihre Anspannung bemerkte, massierte ihr die Schultern.

»Alles klar?«

»Ja«, behauptete Carrie und spürte, wie die Lüge ihr Gefühl der Einsamkeit noch verstärkte. Doch selbst jetzt noch, zehn Jahre danach, traute sie sich nicht, in den Abgrund des Schmerzes zu blicken, der sich von Zeit zu Zeit vor ihr auftat. Er war zu tief, zu klaffend. Mehr als gegen das Gefühl anzukämpfen, wie ihr Magen sich beim Gedanken an ihre Mum zusammenkrampfte, schaffte sie im Augenblick einfach nicht. Wenn es ein Mädchen ist, nenne ich sie Helen, beschloss sie und spürte, wie die Trauer ein ganz klein wenig nachließ.

Die Hebamme beendete die Massage, dann erhob sie sich und ging herum, um die Techniken der anderen Partner zu überprüfen. Carrie sah zu, wie sie einigen künftigen Vätern Tipps gab, und dachte an Adrian und die Tatsache, dass er sich rarmachte. Dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass bald alles ganz anders sein würde. Sobald das Baby auf der Welt war, würden sie sich unsterblich in das Kleine verlieben.