Zum Buch
Davon haben sie immer geträumt: Ein Haus in den Wäldern, Blaubeerkuchen und Gartenarbeit – das gute, das einfache Leben. Als Merry und Sam mit dem kleinen Conor aufs schwedische Land ziehen, können sie kaum glauben, wie glücklich sie sind. Doch dann kommt Merrys älteste Freundin Frank zu Besuch, und das Glück zeigt erste Risse. Frank weiß Dinge über Merry, die sonst niemand weiß. Sie baut sofort eine Bindung zu dem kleinen Conor auf, versteht sich prächtig mit John. Und ganz allmählich fühlt sich Merry aus dem eigenen Leben verdrängt …
Zur Autorin
MICHELLE SACKS, geboren in Südafrika, hat Film und Literatur in Kapstadt studiert. Mit ihren Erzählungen war sie für den südafrikanischen PEN Literary Award und für den Commonwealth Short Story Prize nominiert. »Die perfekte Lüge« ist ihr Debütroman. Michelle Sacks lebt in der Schweiz.
MICHELLE SACKS
DIE
PERFEKTE
LÜGE
THRILLER
Aus dem Englischen
von Judith Schwaab

Für meine Mutter Avril
Sei vorsichtig, wenn du in den dunklen Wäldern Schwedens unterwegs bist, denn dort leben viele dunkle, dunkle Kreaturen. Hexen und Werwölfe und böse, böse Trolle. Hüte dich vor den Trollen! Denn sie haben die Angewohnheit, Menschenkinder zu stehlen und bei sich zu behalten. Oh, hüte dich bloß vor den Trollen, denn du wirst sie niemals kommen sehen. Sie sind Meister der Verstellung.
Åsa Lindqvist, Den Hämnd Troll
Ihr würdet uns wahrscheinlich hassen. Wir sehen aus wie eine Familie aus der Versicherungswerbung: glücklich und zufrieden. Eine perfekte kleine Familie, die ein perfektes kleines Leben lebt.
War das nicht wieder ein perfekter Tag?, sagen wir am Abend immer. Ein Tag wie ein Versprechen. Wie eine Bestätigung. Ein Abwehrzauber gegen alle Tage, die anders sind als unsere. Die meisten Tage hier in Schweden sind perfekt, fast alle, mehr, als ich zählen kann.
Es ist so schön hier, besonders jetzt, mitten im Sommer, wenn das Licht tanzt und die Sonne milde scheint. Das kleine rote Holzhaus, in dem wir leben, sieht aus wie aus dem Bilderbuch – wie es sich gemütlich in den Wald schmiegt, mit all den Bäumen rundum und dem kleinen Garten, in dem alles grünt und blüht. Leben im Überfluss – die Gemüsebeete mit ihren vielen Blättern, die Sträucher prallvoll mit sommerreifen Beeren, von Bienen umschwirrt. Es ist hell bis zehn Uhr abends, der See ein blasser, ruhiger Spiegel, das zarteste Blau, das auf der Farbpalette zu finden ist. Und diese Stille – überall nur Vogelgezwitscher und das Rascheln der Blätter in den Bäumen.
In unserem Leben hier gibt es keinen Straßenverkehr, keine Umweltverschmutzung, keine Nachbarn, die in der Wohnung über uns zu laute Musik hören, keine Nachbarn, die unter uns ihr Elend hinausschreien, keinen Abfall auf den Straßen, keinen stinkenden Müll wie in Manhattan, keine schwitzenden Pendler in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, keine Menschenmassen, keine Touristen, keine Ratten oder Kakerlaken, die einem tagtäglich begegnen, keine Triebverbrecher oder Straßenprediger. Nichts von alldem, nur dieses unfassbar schöne Leben der Leichtigkeit und Träume. Sam und das Baby und ich, auf unserer kleinen Insel, die nur uns dreien gehört.
Wie fast jeden Morgen legte ich das Baby schlafen und ging in die Küche, um zu backen. Diesmal einen Blaubeerkuchen aus den Beeren, die wir am vergangenen Wochenende im Wald gepflückt haben. Ich knetete den Teig, rollte ihn aus, stach mit der Gabel kleine Löcher hinein und schob ihn kurz in den Ofen, um ihn schön knusprig zu backen. Die Sonne strömte durch die großen, offenen Fenster herein, breite Lichtstrahlen, die schräg über die Holzböden unseres hübschen kleinen Hauses fielen. Ich ließ die reifen Beeren zusammen mit etwas Ahornsirup und einer Zimtstange in einem Topf schmurgeln, ganz behutsam, damit sie ihren ganzen Saft abgaben und nicht anbrannten. Sam roch in seinem Studio die Butter, den Zucker und die Süße der Früchte und kam in die Küche, um nachzusehen, was ich machte. Er sah mich an und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
»Siehst du«, sagte er, »ich hab’s dir doch immer gesagt. Du bist wie gemacht für dieses Leben.«
Der Kuchen war gut; wir aßen ihn noch warm mit einem großen Becher Kaffee dazu, draußen in der Nachmittagssonne im Garten. Ich gab dem Kleinen einen Löffel von der Füllung zum Probieren, und als sie ihm aus dem Mund quoll, sah er aus wie ein kleiner Büroangestellter, der an seinem blauen Kugelschreiber gekaut hatte. Sam lachte und strich die Reste vorsichtig mit dem Löffel wieder ab.
»Ist er nicht zum Schreien?«, sagte er, hob ihn hoch und knuddelte ihn, bis der Kleine vor Vergnügen lachte und quietschte und blaubeerblau zu sabbern begann. Ich sah den beiden zu. Meine Jungs. Vater und Sohn. Ich lächelte und spürte die Wärme der Sonne auf meiner Haut.
Am Ende des Feldweges, der die Häuser in dem Reservat miteinander verbindet, hat einer der Nachbarn eine ganze Koppel voller preisverdächtiger Rennpferde, die gerade gefohlt haben. Die Jungtiere staksen auf spindeldürren, noch unsicheren Beinen herum, und die Mütter stupsen sie mit weichen Mäulern an, um ihren Nachkommen sanft den Weg in die Welt hinauszuweisen. Es sind gute Mütter. Geduldig folgen sie ihrem Instinkt. Und sie lieben ihre Kinder über alles, so wie die Natur es von ihnen verlangt.
Sam und ich gingen zusammen mit dem Baby hinüber, um uns die Pferde auf der Koppel anzuschauen. »Pferd«, sagte Sam, zeigte auf die Tiere und wieherte, und das Baby gluckste. Ich streckte die Hand nach einer kastanienbraunen Stute aus, die sich dem Zaun genähert hatte, spürte das bebende Leben und die zuckenden Muskeln unter meinen Fingern. Sie war schön. Stark und selbstbewusst. Ihre schwarzen Augen blickten stolz.
»Vorsicht«, warnte Sam. »Junge Mütter können gefährlich sein.«
Wir verließen die Weide und gingen langsam zum Haus zurück. Unser Zuhause seit nunmehr fast einem Jahr. Es liegt etwa fünfundvierzig Minuten außerhalb von Stockholm in einem Naturreservat ganz in der Nähe von Sigtuna, der ältesten Stadt Schwedens. Das Reservat befindet sich auf einem ziemlich großen Stück Land und besteht hauptsächlich aus Feldern und Wald, die rund um einen See liegen. Ab und zu steht ein Haus inmitten der Kiefern. Viele der Häuser gehören seit Generationen einer einzigen Familie; es sind die stets gleichen roten Holzhütten, die im Laufe der Jahre, wenn nötig, ausgebaut oder renoviert worden sind. Sie alle bezeugen das Kommen und Gehen ihrer Bewohner, der Neugeborenen, der kürzlich Verstorbenen.
Sam hat das Haus von Ida geerbt, der zweiten Frau seines Großvaters, die hier geboren wurde und aufwuchs. Sie hatte keine eigenen Kinder, aber Sam war ihr ganz besonderer Liebling, der immer genau wusste, wie er sie um den Finger wickeln konnte, ob er nun ihren Rosengarten lobte, ihre Spekulatiuskekse oder den weichen schwedischen Akzent, der ihren Worten einen besonderen Singsang verlieh. Als sie vor einigen Jahren starb, erfuhr Sam, dass sie ihm das Haus vermacht hatte, unter der Bedingung, dass es niemals verkauft werden dürfe, sondern höchstens vererbt.
Bis voriges Jahr waren wir nie hier, hatten nicht einmal einen Gedanken an dieses Haus oder das Land verschwendet. Genauer gesagt war unser einziger Bezugspunkt zu Schweden eines dieser kleinen roten Dalapferde gewesen, das uns Ida einmal bei einem Besuch mitgebracht hatte. Es stand auf dem Gewürzregal in unserer Wohnung in Brooklyn, gleich neben der Pfeffermühle und einer immer noch ungeöffneten Dose mit Safranfäden, die ich auf einem Nachtmarkt in Marrakesch günstig erstanden hatte.
Natürlich war es Sams Idee, hierherzuziehen.
Die guten Ideen sind immer seine, scherzt er gern.
Er sagte, es werde sein wie im Märchen. Und dass wir glücklicher sein würden denn je.
Und er hatte recht. Das hat er immer. Er zeigt uns, wo’s langgeht, ist der Kompass, der mich aus dem Sturm rettet. Wie glücklich ich mich schätzen muss, ihn zu haben.
Am späteren Nachmittag machten wir drei einen langen Spaziergang im Wald, das Baby saß in der Trage, eng an Sams Rücken geschmiegt. Während der Wanderung benannten wir all die Bäume und Vögel, deren Namen wir in diesem vergangenen Jahr gelernt hatten – hier eine Fichte, dort ein Nest mit Finken, da hinten fraxinus excelsior, die gemeine Esche. Das Spiel mit den Namen ist unser neuestes Hobby, eines der Dinge, mit denen wir uns hier beschäftigt halten. Manchmal müssen wir über uns selbst lachen, wenn wir daran zurückdenken, was für Menschen wir früher einmal gewesen sind.
In der kleinen Stadt Sigtuna machten wir Pause und aßen in dem Café am Pier in Roggenbröseln gebratene Heringe mit Kartoffelsalat, lauschten dem Geschrei der Möwen und dem Klatschen der Wellen an die Mole, was zusammen mit dem leisen Geplauder der Schweden in ihren Sonntagsgewändern eine berauschende Mischung ergab. Die Kellnerin kitzelte das Baby an der Wange und nahm in makellosem Englisch unsere Bestellung auf. Tack, sagten wir. Tack.
Wieder daheim, bekam der Kleine sein tägliches Bad, dann wiegte ich ihn auf meinen Armen in den Schlaf. Ich pustete ihm in den Nacken und strich sanft mit der Hand über sein flaumiges goldenes Haar, das allmählich dicker wird. Ich legte ihm eine Hand auf die Brust, spürte seinen Herzschlag, so regelmäßig, dass es mir wie ein Wunder vorkam, tadamm, tadamm, das Echo des Lebens. Müde von dem Spaziergang und der frischen Luft schlüpften Sam und ich unter die kühlen Bettlaken, noch bevor es draußen dunkel war. Ich schmiegte mich in die Arme meines Mannes und nahm das alles in mich auf – sein gut aussehendes Gesicht, die dunklen Augen, das kantige Kinn und diese Brust, so hart, als trüge er eine Rüstung. Ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht, der das Gewicht einer anderen Person mittragen kann, und der das auch tut.
Ich stieß einen zufriedenen Seufzer aus. »War das nicht wieder ein perfekter Tag?«, fragte ich.
Sam küsste mich auf die Stirn und schloss die Augen. Ich zog meinen Arm weg und wollte mich auf den Bauch drehen.
»Nein«, sagte er. »Bleib.«
Ja, es ist wirklich so, wie Sam gesagt hat. Ein Leben in den Wäldern, wie im Märchen.
Heute feiern wir den ersten Jahrestag unseres Umzugs nach Schweden. Kaum zu glauben. Ein ganzes Jahr, ein neues Land, ein Baby. Ein ganz neues Leben. Und ein besseres, so viel ist sicher. Zur Feier des Tages kam ich von meinem Meeting in Stockholm mit einem Strauß frischer Frühlingsblumen nach Hause, dazu eine Flasche Wein sowie eine Wikinger-Strickmütze für Conor, die ich in einem Souvenirladen in der Altstadt gekauft hatte.
Merry war in der Küche. Sie hatte ihr langes, dunkles Haar hochgesteckt und trug eine Schürze. Sie lächelte, als sie mich sah. Ich küsste sie, und sie holte eine Vase für die Blumen.
»Schön«, sagte sie.
»So wie meine Frau«, erwiderte ich. Ich weiß, sie mag es, wenn ich sie so nenne.
Sie legte die Arme um mich, und ich atmete tief ihren Duft ein; sie roch nach Parfüm und frisch Gebratenem. »Herzlichen Glückwunsch, alter Schwede«, sagte sie. »Schau mal, zur Feier des Tages habe ich schwedische Fleischbällchen gemacht.«
»Wo ist denn mein Junge?«, fragte ich und ging Conor suchen. Er lag auf dem Rücken auf seiner Spielmatte im Wohnzimmer und versuchte, nach dem Frosch zu schnappen, der von der grünen Plastikstange baumelte. Dieses Kind – ich kriege einfach nicht genug von ihm. Gerade mal acht Monate ist er alt, und er wächst jeden Tag, eine kleine Evolution in Lichtgeschwindigkeit, immer ein bisschen anders und immer in Bewegung.
»Na, wie geht’s meinem Kumpel heute«, sagte ich und legte mich neben ihn auf den Boden. Er lächelte mich an, dieses Lächeln, bei dem mein Herz immer einen Hüpfer macht – zahnlos und rosa und voller Liebe. Ich drückte mein Gesicht an seinen Bauch, schnupperte diese unverkennbare Mischung aus Talkumpuder und Babycreme.
Ich setzte ihm die Mütze auf seinen kleinen Kopf und hob ihn hoch, um ihn Merry zu zeigen. Zwei blonde Wikingerzöpfe hingen rechts und links herunter. Conor grabschte nach einem und stopfte ihn sich in den Mund.
»Super«, sagte Merry lachend, »jetzt ist er bereit für seinen ersten Eroberungsfeldzug.«
Sie ist so glücklich hier. Unbeschwert und glücklich. Wie schwerelos. Ich liebe es, sie so zu sehen. Genau das habe ich mir immer für sie gewünscht. Für uns.
Ich reichte ihr das Baby und ging nach oben, um mir vor dem Abendessen die Hände zu waschen. Sie setzte sich das Kind auf die Hüfte, und ich blieb noch einen Augenblick stehen, um sie zu betrachten.
»Schön«, sagte ich noch einmal.
Wir saßen zusammen um Idas alten Eichentisch, Conor in dem Hochstuhl, den ich ihm gebaut habe, Merry und ich einander gegenüber. Sie trug ihr Haar jetzt offen, seitlich gescheitelt, wie ich es am liebsten mag. Dazu hatte sie eine blaue Bluse an, durch die ihre grauen Augen fast durchscheinend wirkten, als wären es die Türen zu einer anderen Welt, oder auch zu einem großen Nichts.
Ich schenkte den Wein ein, Merry füllte die Teller und wischte die Ränder ab, wo sie etwas Sauce verschüttet hatte. Sie hatte Kerzen angezündet, obwohl es draußen noch für Stunden hell sein würde, und stellte die Blumen ans andere Tischende.
»Auf Schweden«, prostete ich ihr zu.
Merry hielt ihr Weinglas hoch, und wir stießen an.
»Ist das gut!«, sagte ich mit vollem Mund. »Erinnerst du dich noch, als wir uns kennengelernt haben, da konntest du nicht mal einen Toast machen.«
Manchmal ist es schwer, sich an die Merry von damals zu erinnern. So viel ist seither geschehen.
»Ein anderes Leben«, sagte Merry.
»Ja«, stimmte ich ihr zu. »Und das hier ist so viel besser.«
Sie strahlte, und das Abendlicht, das von draußen hereinschien, verlieh ihren Konturen einen goldenen Schimmer.
Sie versuchte, Conor zu füttern, doch er wandte den Kopf ab.
»Was hast du denn heute für ihn?«
»Brokkoli, Karotten und Huhn«, sagte sie.
»Hat der ein Glück«, sagte ich und lächelte. »Soll ich’s mal versuchen?«
Ich nahm ihr den blauen Plastiklöffel aus der Hand.
»Brumm, brumm, brumm.« Er sperrte den Schnabel weit auf und hatte blitzschnell leer gegessen.
»Siehst du?«, sagte ich und zwinkerte ihr zu. »Er will nur, dass du dir ein bisschen mehr Mühe gibst.«
Später, als Conor in seinem Bettchen lag und schlief, legten wir uns draußen auf den Rasen und tranken den restlichen Wein. Ich zog sie an mich und küsste sie leidenschaftlich.
Über uns funkelten die Sterne am Himmelszelt. Der Lavendel verströmte seinen intensiven Duft, fast ein wenig zu stark. Ich konnte gerade eben noch Merrys Augen erkennen, die mich betrachteten, und in ihnen mein Spiegelbild. Ich schob ihre Bluse hoch und rollte sie herum, sodass sie unter mir lag.
»Sam«, protestierte sie.
»Sssh«, sagte ich, »hier ist doch weit und breit niemand.«
Sie entspannte sich unter mir, und ein leiser Schauder durchlief sie, als ich ihre Beine spreizte.
»Außerdem«, erinnerte ich sie, »wollen wir die Arbeit an unserem zweiten Baby nicht vernachlässigen.«
Ja.
Das ist unser Leben.
Es ist genau so, wie es sein soll.
Für mich stand Marmeladekochen und die Herstellung von Babynahrung auf dem Programm. Die Ernte aus dem Garten war überreichlich, und im Kühlschrank standen fast keine der Portionsgläser mehr, in die ich immer die Babynahrung abfülle. Sam und ich sind uns einig, dass Conor so viel Bio und Selbstgekochtes essen sollte wie nur möglich, deshalb bauen wir das meiste Gemüse eigenhändig an, und ich dämpfe und püriere es, um es in Gläschen abzufüllen, die man einfrieren kann. So viel Arbeit ist das eigentlich gar nicht. Und ich denke, wenn es um unsere Kinder geht, kann man sich gar nicht genug Arbeit machen.
Als wir im vergangenen Jahr hierherkamen, war der Garten fünfzehn Jahre lang vernachlässigt worden und vollkommen überwuchert, auf dem Rasen stand meterhoch das Unkraut, die Bäume waren modrig. Wir fällten die kranken Fichten, gruben die Sträucher mit den knotig verwachsenen Wurzeln aus und jäteten den mit Vogelmiere und Ackerfuchsschwanz übersäten Rasen. Dann kauften wir uns ein paar Bücher über Gartenbau und pflanzten Reihen um Reihen die Setzlinge aus dem Gartencenter. Sam baute eigenhändig aus Backsteinen und Holzrahmen ein Gewächshaus für das Gemüse, um es vor dem strengen Frost zu schützen. Es gab eine Schneckenplage und Pilzbefall, manche Setzlinge wollten einfach nicht treiben, außerdem pflanzten wir einiges auch am falschen Ort oder zur falschen Jahreszeit an. Doch ganz allmählich fanden wir heraus, in welchem Rhythmus man pflanzen und ernten muss, wie lange es dauert, bis der Kohl wächst, und welches der optimale alkalische Gehalt des Bodens ist. Mittlerweile sind wir fast zu Experten geworden, oder zumindest ich. Ebenso wie die Küche ist auch der Garten mein Bereich.
Zu dieser Jahreszeit mangelt es an nichts. Ich bin jeden Morgen draußen und säe an, jäte Unkraut und ernte das Gemüse, das reif ist. In der Luft liegt der schwere Geruch nach Erde, ein Geruch, so gesund und gut. »Zurück zu unseren Ursprüngen«, sagt Sam. Er tut immer so, als würde er den Unterschied schmecken; dann nimmt er eine Gabel voller Salat und rät, ob es selbst angebauter oder gekaufter aus dem Supermarkt ist. Ich sage ihm normalerweise nicht, wenn er falsch liegt. Ich möchte nicht, dass er sich blöd vorkommt.
Wenn ich Babynahrung zubereite, dünste ich das Gemüse mit ein wenig Wasser. Ein Topf für die Karotten, einer für den Brokkoli, einer mit Zucchini. Ich etikettiere die Gläschen, als könnte das Baby schon lesen und würde sich sein Abendessen selbst aussuchen. Sam liebt es, die Kühlschranktür zu öffnen und all die Gläschen aufgereiht zu sehen, wie eine kleine Armee von Soldaten, die nur darauf warten, verfüttert zu werden.
»Wer war denn da heute wieder eine fleißige kleine Hausfrau?«, sagt er dann.
»Na ja, das war dann wohl ich«, erwidere ich und zwinkere ihm zu. Ganz sittsam und artig.
Natürlich bin ich eine fleißige kleine Hausfrau. Das ist die Rolle, für die ich geboren bin, sagt Sam. Er kriegt nicht genug von mir, wenn ich so bin: ganz die gute Ehefrau und Mutter. Vielleicht hat er ja recht, und ich bin dafür geboren. Jedenfalls mache ich meine Sache gut. Ein Naturtalent, könnte man sagen, wenn man nicht wüsste, wie viel Mühe es mich kostet, diesem Bild zu entsprechen.
Aber egal; es ist die Anstrengung wert, oder nicht? Was sonst hätte ich verlangen können? Und was brauche ich mehr? Die Liebe eines Ehemannes, ein Kind als Geschenk. Das ist genug – das ist alles.
Manchmal fühle ich mich in diesem neuen Leben, als wäre ich einer der Siedlerfrauen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ich baue mein Gemüse an, backe Brot, gehe auf den Wochenmarkt und stelle mir meinen kleinen Karton mit den Sachen zusammen, die ich selbst nicht ziehen kann – Zucchini, Grünkohl, Sellerie. Sam staunt über das Angebot hier – wie frisch der norwegische Lachs ist, wie gut die echte Bauernbutter schmeckt, oder die Eier, fast noch warm von der Henne.
»Wie haben wir es in den Staaten bloß ausgehalten?«, sagt er.
»Kaum nachvollziehbar«, erwidere ich dann.
Das machen wir oft – unser vorheriges Leben und das heutige zu vergleichen; die neue Welt und die alte. Schweden gewinnt immer. Und wir sind uns fast immer einig. Schweden ist Sams Geschenk an mich, an uns. Es ist die Antwort auf alles, und es war die Heilung für alles, das uns vorher zu schaffen gemacht hat. Paradies, sagt er und wartet darauf, dass ich ihm zustimme.
Das tue ich immer. Wie könnte ich auch widersprechen.
Neben dem Marmeladekochen und der Zubereitung der Babynahrung waren an diesem Tag das Badezimmer und die Küche fällig. Ich stelle mein eigenes Scheuermittel aus Essig und Backpulver her – ein Rezept aus einem Blog, den Sam für mich entdeckt hat. Auf der Website gibt es unzählige Haushaltstipps: wie man zum Beispiel Duftkerzen herstellt oder hartnäckigen Schimmel aus den Fugen entfernt. Sam hat mich für den Newsletter angemeldet, damit ich keinen Tipp verpasse.
Sam ergreift gern die Initiative. Ich bewundere diese Eigenschaft an anderen Menschen – die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und sie in die Tat umzusetzen. Ich bin in diesen Dingen nie besonders gut gewesen. Oft frage ich mich, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich es wäre.
Ich lag auf den Knien im Badezimmer und fing mit der Wanne an. Ich schrubbte und wienerte die Armaturen, bis ich mich darin spiegeln konnte, verzerrt und kopfüber, dann holte ich unsere gemeinsamen Haarreste von einer Woche aus dem Abfluss, einen einzigen Klumpen. Als Nächstes nahm ich mir die Toilette vor, eine unangenehme Arbeit, mit dem Kopf in der Schüssel. Was würde meine Mutter sagen, wenn sie mich so sehen könnte? Ich schaute mich im Spiegel an. »Ungepflegt«, hätte meine Mutter gesagt. Oder, was wahrscheinlicher war, »grauenvoll«. Ungewaschen, ungeschminkt, die Haut fettig. Ein dünner Faden Schweiß, der mir über das Gesicht rann. Ich schnüffelte unter meinen Armen.
Dann lächelte ich meinem Spiegelbild zu, breit und strahlend. Öffnete die Arme, als wollte ich jemanden willkommen heißen.
»Schön, dass du hier bist«, sagte ich laut. »Willkommen in unserem Leben!«
Die Frau im Spiegel sah glücklich aus. Überzeugend glücklich.
Früher am Morgen hatte ich einen Anruf von Frank bekommen. Das Klingeln hatte das Baby geweckt.
»Ich komme nach Schweden«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Ich komme euch besuchen!«
Ich hatte es ihr im vergangenen Jahr immer wieder angeboten, am Ende jeder E-Mail und jedes Telefongesprächs. »Du musst uns besuchen kommen, es ist wunderbar; wir würden uns so freuen, wenn du kommen könntest.«
Und jetzt kommt sie wirklich. In ein paar Wochen ist sie hier.
»Deine beste Freundin«, sagte Sam, als ich es ihm erzählte. »Das sind wundervolle Nachrichten.«
»Ja, finde ich auch«, sagte ich und lächelte.
Erst wenige Tage zuvor hatte ich ihr gemailt. Wieder einmal eine Lobeshymne auf unser wundervolles Leben in Schweden, mit den Beweisfotos im Anhang. Das Bild eines frisch gebackenen Kuchens, ein lächelndes Baby, ein Ehemann ohne Hemd. Sie antwortete fast sofort und berichtete von ihrer Beförderung und einem funkelnagelneuen Penthouse in Battersea. Ihr Foto im Anhang zeigte sie selbst im Urlaub auf den Malediven. Frank in einem Bikini mit Ananasmuster, zart gebräunt und geölt, im Hintergrund die sanften Wellen des Indischen Ozeans. Frank mit einem Kokosnuss-Cocktail in der Hand.
Ich frage mich, was sie wohl von alldem hier halten wird. Wie sie mein Leben finden wird, wenn sie es wirklich sieht.
Ich wischte den Spiegel ab und öffnete die Fenster, damit der Essiggeruch verflog. In der Küche räumte ich die Spülmaschine aus und kehrte den Schmutz weg, der sich an der Wand gesammelt hatte. Dann reinigte ich den Ofen von Fett und kletterte die Leiter hoch, um die Oberseite des Kühlschranks abzuwischen. Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, vorher etwas in die Staubschicht zu schreiben. HILFE, habe ich heute Morgen geschrieben, ohne genau zu wissen, warum.
Der Kleine wachte auf und fing an zu weinen, als ich erst halb fertig mit dem eingelegten Gemüse war. Das Einlegen von Gemüse in Salzlake ist auch etwas, das ich erst kürzlich gelernt habe. Es lohnt sich. Ich ging ins Kinderzimmer und schaute in Conors Bettchen.
Er brüllte wie am Spieß, offenbar wütend darüber, dass ich ihn nicht sofort beachtet hatte. Schaumbläschen standen ihm um den Mund. Als er mich sah, runzelte er die Stirn und streckte die Ärmchen aus, wippte auf und ab, versuchte sich selbst aus dem Bettchen zu stemmen.
Ich beobachtete ihn und versuchte mit all meiner Kraft, dieses Gefühl heraufzubeschwören. Bitte, dachte ich, bitte.
Man nennt es Instinkt, etwas Selbstverständliches also, aber für mich ist es weit, weit weg. Irgendwo in mir drinnen begraben, unter zu vielen Schichten, vielleicht ist es auch gar nicht da.
Bitte, drängte ich mich weiter. Aber alles Betteln, alles Flehen nützte nichts, in mir war wie immer nur Leere. Kalt und hohl. Eine große innere Leere.
Ich konnte nur dastehen und ihn anschauen.
Die Schreie des Babys wurden dringlicher, das kleine Gesicht war verzerrt und rot vor Zorn, fast blau. Ich stand hilflos da, wie angewurzelt. Ich wandte mich ab, damit ich seinen flehenden Blick nicht länger sehen musste, sein Betteln um die Linderung seiner Wut. Er war unfähig zu begreifen, dass ich dazu nicht in der Lage war.
Ich schaute mich in seinem Zimmer um, das voller Bücher und Plüschtiere war. An der Wand hing eine Weltkarte, daneben schablonenhafte Zeichnungen von Säugetieren der Arktis. Der Eisbär. Der Elch. Der Fuchs. Der Wolf. Ich hatte die Zeichnungen selbst angefertigt, im letzten Schwangerschaftsmonat, einen Farbkasten auf meinem Kugelbauch balancierend. Die ganze Welt, nur für ihn. Und trotzdem ist es nicht genug. Ich bin nicht genug.
Und er ist mir zu viel.
In dem Lärm versuchte ich, wieder ruhiger zu atmen, meinen Puls zu spüren. Mein Herz schlug heftig und laut, wie eine wütende, pulsierende Faust in meinem Brustkorb.
Ich trat näher an das Bettchen heran und blickte auf das vollkommen hysterische Kind. Mein Kind. Ich schüttelte den Kopf.
»Tut mir leid«, sagte ich schließlich. »Mommy hat keine Lust.«
Ich verließ das Zimmer und machte die Tür hinter mir zu.
Karl und ich saßen draußen, während die Frauen in der Küche die Salate anrichteten. Er und seine Frau Elsa sind unsere Nachbarn von der anderen Seite des Feldes, gute, bodenständige Schweden, gesunde, hart arbeitende Menschen. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig, er hat eine Firma gegründet, die Heizsysteme energieeffizienter macht. Letztes Jahr, kurz nachdem wir eingezogen sind, haben sie uns zu ihrer Mittsommernachtsparty eingeladen, und nun hat es lange gedauert, bis wir endlich die Gegeneinladung ausgesprochen haben.
»Das Baby«, sagte ich zur Entschuldigung, und Karl zuckte vollkommen entspannt mit den Achseln. Was sonst.
Ihre Tochter Freja saß auf dem Rasen und spielte mit Conor. Karl und ich unterhielten uns, und ich bemühte mich, ihn nicht anzustarren. Ich konnte kaum den Blick von ihm wenden, von seinen leuchtend blauen Augen, seiner beeindruckenden Statur. Ein Wikinger, wie er leibt und lebt. Als Geschenk hatte er uns ein Stück eingeschweißtes Elchfleisch mitgebracht.
»Du musst mal mit uns auf die Jagd gehen«, sagte er. »Alle Schweden machen das.«
»Hilf mir auf die Sprünge«, sagte Karl. »Was machst du noch gleich?«
Ich rutschte auf meinem Stuhl herum. »Ich versuche, in der Filmbranche Fuß zu fassen. Dokumentarfilm.«
»Hast du das vorher auch gemacht?«
»Nein«, sagte ich. »Vorher war ich an der Uni. Dozent für Anthropologie an der Columbia.«
Er hob die Augenbrauen. »Interessant. Womit genau hast du dich beschäftigt?«
Ich lächelte. »Die transformativen Masken der Rituale und Zeremonien in Westafrika, insbesondere an der Elfenbeinküste. Glaub mir, ich weiß, wie das klingt.«
»Ist bestimmt interessant.«
»Das war es, ja«, sagte ich. »Die Art und Weise, wie die Masken bei diesen Stämmen den fließenden Wechsel der Identitäten und der Macht ermöglichen, und wie abhängig die Eingeborenen von der Maskerade und den Ritualen sind, nur weil sie …«
Ich unterbrach mich, verstummte. Weil ich die Erinnerung verdrängen wollte. Daran, was ich vermisste.
Weiter, einfach weitermachen.
»Es war Zeit für eine Veränderung«, sagte ich schließlich.
Ich trank mein Bier aus und dachte an das allerletzte Gespräch mit dieser alten Jungfer Nicole von der Personalabteilung zurück. »Unterschreiben Sie hier, und hier bitte auch.« Eine schnelle und schnörkellose Entlassung, durch die sich fast zwei Jahrzehnte der Arbeit – mit all ihren Erfolgen und Auszeichnungen und Titeln – in Luft auflösten.
»Aber Sie haben sich nicht einmal angehört, was ich zu der Sache zu sagen habe«, hatte ich eingewandt.
»Wir wissen mehr als genug«, erwiderte sie kühl.
»Dann seid ihr wegen eines neuen Jobs hierhergezogen«, sagte Karl.
»Nicht wirklich«, erwiderte ich. »Ich will noch mal von vorn anfangen. Und das wird eine Weile dauern. Im Moment sind es hauptsächlich Meetings und Präsentationen, und ich versuche, meine Videos den richtigen Leuten zu zeigen.«
Ich ließ die Finger knacken – dieses beruhigende Geräusch, das zeigt, dass alles noch am Platz ist. Aber Karl ließ nicht locker.
»Und wie seid ihr auf Schweden gekommen?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Wir hatten das Haus. Wir haben uns ein anderes Leben gewünscht. Amerikaner leben so oberflächlich – zu viel Ablenkung vom Wesentlichen, zu viel Lärm. Ich – na ja, wir – wollten etwas, das realer ist.«
»Amerika ist nicht real?« Karl lächelte. Er hatte bereits sein zweites Bier getrunken. Ich griff in die Kühltasche und reichte ihm ein drittes.
»Amerika ist ein Land, das auf Mythen erbaut wurde«, sagte ich. »Der Glaube an ein unabwendbares Schicksal, der amerikanische Exzeptionalismus. Der Gedanke, dass wir besser seien, als wir wirklich sind.«
Karl nickte. »Und, wie lautet dein Urteil? Ist es hier nun besser?«
»Natürlich«, sagte ich. »Schweden fühlt sich für uns an wie der beste Ort auf Erden.«
Karl lachte. »Vermutlich schaust du nicht so genau hin.« Er hob sein Bier und prostete mir spöttisch zu.
Ich blickte zu Conor auf der Wiese. Er war putzmunter, seine Augen leuchteten.
Natürlich waren wir hier am richtigen Ort.
Freja kam herüber, um Karl zu zeigen, dass sie sich in den Finger geschnitten hatte. Er sagte etwas auf Schwedisch zu ihr, und sie nickte und ging zu Conor zurück.
»Dann habt ihr also kein Heimweh«, sagte Karl. »Keine Sehnsucht danach, wieder unter euresgleichen zu sein.«
»Es gibt nichts, rein gar nichts, was ich aus den USA vermisse«, sagte ich.
Elsa kam aus dem Haus, in der einen Hand eine Schüssel Krautsalat, in der anderen eine mit grünem Salat. Merry folgte ihr mit einem Stapel Teller und Besteck. Sie sah müde aus. Sie war seit dem frühen Morgen auf den Beinen und hatte alles für die Gäste vorbereitet. Neben Elsa sah sie ein wenig unappetitlich aus, mit ihrem ungewaschenen Haar, das sie nachlässig zu einem Knoten zusammengebunden hatte.
»Keine Zeit«, hatte sie gesagt, als ich sie danach fragte.
»Dafür findet sich immer eine Minute«, sagte ich. »Alles, was man braucht, ist ein gutes Zeitmanagement.«
»Was ist mit dir, Merry?«, fragte Karl. »Vermisst du die Staaten?«
Merry sah zu mir herüber und zuckte mit den Achseln. »Was sollte ich da schon vermissen?«
Wir setzten uns, um zu essen, reichten Schüsseln und Salzstreuer herum. Merry hatte zu viel Dressing an den Salat getan, aber ich sagte nichts.
»Es ist alles sehr gut«, lobte Elsa.
Ich bemerkte, dass sie kaum etwas aß.
Merry holte ein Gläschen mit Babynahrung für Conor, und Freja fragte, ob sie ihn füttern dürfe. Sie nahm einen Löffel, tat so, als wäre es ein Flugzeug, und ließ den Brei direkt in seinen Mund fliegen.
»Schau dir das an«, sagte ich zu Merry. »Ein echtes Naturtalent.«
»Ja«, sagte Karl, »sie kann es kaum erwarten, endlich ein Brüderchen oder Schwesterchen zu bekommen, mit dem sie spielen kann.«
Elsa legte ihr Besteck ab. Karl nahm einen Schluck Bier, lächelte und warf mir einen wissenden Blick zu. »Bis es so weit ist, haben wir ihr eine Katze gekauft.«
Elsa schaute zu Conor hinüber und tätschelte seinen Arm. »Er ist ein wundervolles Baby«, sagte sie. »Sehr süß.«
»Na klar ist er das«, sagte ich und überlegte, wie Karl das machte, dass er sie nicht jedes Mal erdrückte, wenn er auf ihr lag.
Merry stand auf, um das Geschirr abzuräumen, schob Essen zusammen, stapelte die Teller, lehnte aber ab, als Elsa ihr helfen wollte. Als sie wieder herauskam, trug sie einen Kuchen auf beiden Händen, den wir als Nachtisch essen würden: Sommerbeeren in der Mitte, darüber ein großer Klecks Sahne.
»Meine Küchengöttin«, sagte ich. »Was hast du denn wieder gezaubert?«
Merry reichte die Glastellerchen herum, dazu silberne Kuchengabeln. Ich erkannte sie wieder; sie gehörten zum Tafelsilber ihrer Mutter.
»Merry«, sagte Karl. »Du hast uns noch gar nicht erzählt, was du machst.«
Ich zeigte auf den Kuchen. »Sie macht das hier«, sagte ich, und alle lachten.
»Ich habe früher als Szenenbildnerin gearbeitet«, sagte Merry, fast unhörbar.
»Fürs Kino?«, wollte Karl wissen.
»Film, TV-Shows, oft für die Werbung.«
»Ja«, sagte ich. »Sie hat ständig diese Modelle gebaut. Kleine Küchen und Wohnzimmer, die ganzen Wohnungen, die man in diesen blöden Werbespots für Handseife oder Matratzen sieht.«
»Na ja, aber es gab auch ein paar interessantere Projekte«, sagte Merry.
Auf einmal fiel mir ein, wie sie eines Abends mit einem grünen Armsessel nach Hause gekommen war. Sie war den ganzen Tag danach auf der Jagd gewesen und hatte mich gebeten, ihr beim Rauftragen in die Wohnung zu helfen. Ich erinnerte mich, wie sauer ich auf diesen Sessel gewesen war, und auf sie, weil sie mich mit etwas so Bescheuertem störte, während ich Seminararbeiten benotete. Ihr Job war einfach unter ihrer Würde. Unter unserer Würde.
Ich schaute sie mir jetzt an. Sie hatte diesen Blick, den sie manchmal hat. Nachdenklich. Traurig. Als wäre sie mit den Gedanken ganz woanders. Als hätte sie sich selbst vergessen.
Ich nahm noch einen Bissen von dem Kuchen. »Gott, ist der gut! Findet ihr nicht?«
»Ja«, stimmte Karl mir zu. »Ein sehr guter Kuchen.«
Merry blinzelte und lächelte.
»Planst du denn, dir hier drüben etwas Ähnliches zu suchen?«, wollte Elsa wissen. »Es gibt viele Shows, die in Stockholm oder Göteborg gedreht werden. Das wäre doch praktisch, sehr nah für dich.«
Ich begegnete Merrys Blick, und sie schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Für den Moment ist es gut, wenn ich mich auf das Muttersein konzentriere. Das ist wirklich das Allerwichtigste.«
Bevor die Gäste gingen, nahm ich Karl und Elsa mit nach drinnen und zeigte ihnen meine afrikanischen Masken. Sechs geschnitzte Holzgesichter: drei von der Elfenbeinküste, eine aus Benin, zwei Fruchtbarkeitsmasken der Igbo, die ich von meinem Auslandssemester in Nigeria mitgebracht hatte.
»Wie exotisch«, sagte er.
»Sie sind furchterregend.« Elsa erschauderte.
Ich lachte. »Merry findet das auch. Sie fleht mich schon seit Jahren an, die Dinger wegzupacken.«
»Und sie hängen immer noch an der Wand«, sagte Elsa und lächelte.
Als wir uns verabschiedet hatten, machte ich die Tür hinter ihnen zu und zog Merry an mich.
»Das hat Spaß gemacht«, sagte ich.
»Ja.«
»Sind sie nicht wie aus dem Wachsfigurenkabinett, die beiden?«
»Ja«, erwiderte sie. »Elsa ist makellos.«
Ich nahm mir vor, gelegentlich auf Karls Vorschlag, mit ihm jagen zu gehen, zurückzukommen, während Merry noch mit Aufräumen beschäftigt war, das Geschirr in die Spülmaschine stellte und sich Brotkrümel von der Arbeitsplatte in die Hand wischte.
Ich hob Conor vom Teppich hoch und drückte ihn an mich. Er roch nach Elsas Parfüm. Und nach Kacke.
Ich reichte ihn an Merry weiter. »Der braucht offenbar eine frische Windel«, sagte ich.