Buch
Weihnachten 2067: Auf der Krankenstation eines halb zerstörten Raumschiffs erwacht May Knox aus der Bewusstlosigkeit. Sie scheint die letzte Überlebende einer hoffnungsvollen Mission zu sein und hat doch keine Erinnerungen an einen möglichen Unfall. Bald kämpft sie gegen eine Vielzahl von Gefahren ums Überleben. Ihre einzige Rettung ist die Funkverbindung zur NASA, vor allem zu dem Wissenschaftler Stephen, der Schiff und Auftrag kennt wie kein Zweiter. Doch Stephen ist auch Mays Ex-Mann, dessen Herz sie brach und der ihr und der NASA den Rücken kehrte. Jetzt ist seine Stimme alles, was ihr noch Hoffnung geben könnte in der Schwärze des Alls …
Autor
S. K. Vaughn ist das Pseudonym eines Autors, der bereits drei international äußerst erfolgreiche Romane veröffentlicht hat und als Drehbuchautor für verschiedene große Hollywoodstudios arbeitet.
S. K. Vaughn

Die Astronautin
Roman
Deutsch
von Thomas Bauer

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Across the Void«
bei Sphere, an imprint of Little, Brown Book Group, London, Great Britain.
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Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2019
Copyright © der Originalausgabe 2018 by S. K. Vaughn 2019
Copyright © der deutschsprachigen Juni 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München
Umschlagfoto: Arcangel/David & Myrtille
GettyImages/Thinkstock
Redaktion: Kerstin von Dobschütz
TH · Herstellung: kw
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-23033-3
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Pokey.
Zusammen kann uns alles gelingen.
Die Liebe kennt keine Grenzen. Sie nimmt Hürden, springt über Zäune und durchdringt Wände, um voller Hoffnung an ihrem Ziel anzugelangen.
– Maya Angelou
Ich glaube nicht an Gott, interessiere mich aber sehr für sie.
– Arthur C. Clarke
1.
April 2045 – Bournemouth, Vereinigtes Königreich
»Du bist zu weit rausgeschwommen.«
Eve stand im schwindenden Sommerlicht am Rand eines Schwimmteichs. Für die Sorgenfalten in ihrem jungen Gesicht war ihre draufgängerische Tochter verantwortlich, die zehnjährige May, die mit ihrer zitronengelben Lieblingsbadekappe und passender Schwimmbrille im grünen Wasser planschte. May lächelte, als sie den besorgten Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah – eine Bestätigung dafür, dass das, was sie tat, tatsächlich gefährlich war. Eve war keine überängstliche Mutter, doch den trüben Tümpel vollständig zu durchschwimmen, die ganze Strecke unter Wasser, erschien ihr weder spaßig noch klug. Sie hielt Mays Handtuch hoch.
»Es ist sowieso Zeit zum Mittagessen, also bitte komm jetzt aus dieser Brühe raus und …«
»Miss meine Zeit!«, rief May und tauchte ab.
»Mist«, schimpfte Eve.
Unter Wasser war May begeistert vom gedämpften Klang der verärgerten Stimme ihrer Mutter. Es spornte sie an, unter Beweis zu stellen, dass sie der Sache gewachsen war. Sie strampelte energisch über eine, wie sie glaubte, riesige Entfernung und tauchte auf, um mit einem verstohlenen Blick zu prüfen, wie sie vorankam. Bestürzt stellte sie fest, dass sie erst ungefähr ein Drittel der Strecke zurückgelegt hatte. Sie war ohnehin schon erschöpft, und das kalte Teichwasser ließ ihre Muskeln steif werden. Zu allem Übel sorgte ihr kurzes Auftauchen dafür, dass Eve ihr gereizt zurief, sie solle sofort auf sie hören und aus dem Teich kommen, da sie sonst noch ertrinken werde.
Ertrinken.
May war von klein auf eine ausgezeichnete Schwimmerin gewesen, talentiert und für ihr Alter außergewöhnlich kräftig. Die Vorstellung, in einer Welt zu sterben, in der sie sich so heimisch und sicher fühlte, vielleicht sogar mehr als an Land, war ihr immer absurd erschienen – bis jetzt. Mit jedem Schwimmzug fühlten sich ihre Gliedmaßen schwerer an, und ihre Lunge brannte trotz des kurzen Luftschnappens. In dem Hinterstübchen ihres Kopfes hallten die Warnungen ihrer Mutter nach. Das Wasser dieses Teichs war immer kalt, da die Sonne nie lange genug schien, um mehr als ein paar Zentimeter davon unter der trüben Oberfläche zu erwärmen. Und im Gegensatz zu Salzwasser bot es überhaupt keinen Auftrieb, schon gar nicht für ein Kind mit sehr wenig Körperfett und Masse. Nicht schlecht, um sich an einem heißen Sommertag abzukühlen, aber keinesfalls mit einem Swimmingpool zu verwechseln.
Aber ich bin außergewöhnlich, dachte sie. Ich bin etwas Besonderes.
Ihre innere Cheerleaderin hatte sie schon öfter erfolgreich motiviert, doch in ihren schmerzhaft kalten kleinen Ohren klang alles hohl. Sie warf ihren Stolz über Bord und tauchte erneut auf, um Luft zu holen, stellte dabei aber fest, dass sie noch das letzte Drittel der Strecke hinter sich bringen musste, um zur anderen Seite zu gelangen – eine Entfernung, die ihr so riesig erschien wie der Ärmelkanal. Sie schnappte nach Luft und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, indem sie Wasser trat, doch in ihrem ganzen Körper breitete sich schon ein Taubheitsgefühl aus.
May zappelte mit ihren Gliedmaßen, um ihren Mund über Wasser zu halten, und sie empfand eine ohnmächtige Wut, weil sie so dumm gewesen war, die Warnungen ihrer Mutter zu ignorieren. Sie versuchte, Blickkontakt mit Eve aufzunehmen, in der Hoffnung, ihre Mutter würde ihren stillen Hilferuf verstehen, nachdem ihre zitternde Brust für einen Schrei keine Luft hatte. Sie sah jedoch nur den metallisch grauen Himmel, der in eine triste Landschaft überging, dann sank sie wie ein Stein. Ihren letzten Atemzug anzuhalten, war alles, wozu sie noch imstande war, und sie spürte diese Fähigkeit ebenfalls schwinden. Ihr Körper fühlte sich an, als wäre er bereits halb erfroren und blau verfärbt, als die Dunkelheit der veralgten Tiefen sie umschloss. Dann spürte sie einen heftig stechenden Schmerz in ihrer Brust und hörte eine strenge Stimme rufen, die sie aus dem Abgrund zog.
»Atme!«
2.
25. Dezember 2067 – Forschungsraumschiff Hawking II
Mays nackter Körper lag auf hypothermisches Gel gebettet in der gespenstischen Stille einer Intensivpflege-Isolationskapsel. Intubiert und an jedes erdenkliche Reanimationsgerät angeschlossen, war ihr einziges Lebenszeichen ein zirpender Chor roboterhafter Geräusche. Die Kapsel, ein knollenförmiger Kokon mit milchig-undurchsichtiger Außenhaut, pulsierte leicht im Takt mit ihren flachen Atemzügen. Ihr Schein war die einzige nennenswerte Lichtquelle in der abgedunkelten Krankenstation. Mays hageres, von dem milchigen Beobachtungsfenster eingerahmtes Gesicht wirkte tot.
Sensoren stellten REM-Schlaf fest, das Dämmern des Bewusstseins, begleitet von einem kaum wahrnehmbaren Flattern der Wimpern. Die Kapsel reagierte, indem sich ihre weiße Außenhaut rötlich verfärbte, und steigerte allmählich die Temperatur, während sie Neurostimulanzien verabreichte. Außer verschwommenen Lichtblitzen und gedämpften, fernen Geräuschen nahmen Mays getrübte Sinne nichts wahr. Ihre Finger krallten sich kraftlos in die Luft, während eine ganze Galaxie von Neuronen durch ihr träges Gehirn schoss. Ihre Haut errötete unter einer dünnen Schicht Schweiß. Jeder Knochen in ihrem Körper summte qualvoll, und ihr Blut fühlte sich an, als würde es siedend heiß durch ihre Adern fließen.
Obwohl ihre Lebensgeister rasch erwachten, hatte May Schwierigkeiten, durch den scheinbar undurchdringlichen mentalen Nebel klar zu sehen. Sie benötigte unbedingt einen Anstoß, um nicht am Schlauch des Beatmungsgeräts zu ersticken, während das Lebenserhaltungssystem des Behälters herunterfuhr. Dieser Anstoß erfolgte in Form einer Fanfare festlicher Musik, die über die Lautsprecheranlage des Raumschiffs ertönte, gefolgt von einer aufgezeichneten Begrüßung, die feierlich in mehreren Sprachen gebrüllt wurde. Mit dem schrillen Crescendo eines Kinderchors, der O Holy Night sang, schütteten Mays geschwächte Nieren sämtliches überschüssiges Adrenalin aus. Der Effekt war ähnlich wie der von einer Starthilfe bei einem Auto, das wochenlang bei Minusgraden herumgestanden hatte. Ihr vegetatives Nervensystem folgte schnell dem Beispiel und stimulierte ihre Muskeln zu einem heftigen Zittern, um sie von innen aufzuwärmen. Während Mays Bewusstsein stockend und bruchstückhaft zurückkehrte, erreichte der Chor sein schrilles Crescendo, und sie öffnete die Augen.
3.
»Patient wiederbelebt. Deaktiviere Isolationskapsel.«
Die weibliche Stimme der künstlichen Intelligenz des Raumschiffs übertönte die ausklingenden Geräusche der herunterfahrenden Maschinen. Mays Beatmungsgerät verlangsamte sich und kam mit einem erschöpften Seufzer zum Stillstand. Der Schiebedeckel der Kapsel öffnete sich, und von den Innenwänden lief Kondenswasser auf den Boden. Völlig orientierungslos, nicht imstande, scharf zu sehen, und kaum in der Lage, ihre geschwächten Gliedmaßen zu bewegen, geriet May in Panik. Ihr Schreien entkam allerdings nicht dem Beatmungsgerät und der Magensonde, die sie heftig würgen ließen. Sie umklammerte sie mit ihren langsam auftauenden Fingern und zog sie heraus, während sie gegen den Husten- und Würgereiz ankämpfte.
Als sie sich endlich von den Schläuchen befreit hatte, sank sie in das hypothermische Gel zurück, das inzwischen warm und zähflüssig war. Es kroch ihr über die Brust, umschloss ihren Hals und drohte, sie zu ersticken. Eine elektroschockähnliche Panikattacke schickte Wellen schmerzhafter Zuckungen durch ihre Muskeln und steckte ihre Haut mit einem Kribbeln in Brand. Das übel riechende Gel schwappte ihr bis ans Kinn, und sie drehte sich ruckartig auf die Seite. Die Kapsel schwankte und kippte um. Als sie auf dem Boden aufschlug, wurde May brutal herausgeschleudert und schlitterte wild strampelnd durch den Raum, bis sie gegen etwas prallte, das sich wie eine Wand anfühlte. Sie blieb zusammengekrümmt liegen und erbrach blutgefärbte Flüssigkeit.
In Mays Kopf wirbelten Tausende Fragen herum. Was sie mit ihrem getrübten Sehvermögen im Dunkeln erkennen konnte, war nichtssagend. Ihr war klar, dass sie sich im Krankenhaus befand, aber wo? Sie konnte sich nicht erinnern, krank gewesen zu sein, geschweige denn, eingewiesen worden zu sein. Doch sie fühlte sich, als läge sie im Sterben. Panik schlang sich um sie, zog sich zusammen, raubte ihr den Atem. Sie hatte das Bedürfnis zu schlafen, und der Tod flüsterte ihr zu, einfach die Augen zu schließen und den Griff zu lockern, mit dem sie am Leben festhielt. Das klang verlockend, geradezu verführerisch, doch das würde ihren sicheren Tod bedeuten. Blind tasteten ihre Hände nach irgendetwas Festem, woran sie sich festhalten konnte, während sich der Raum übelkeiterregend drehte. Mit der Unbeholfenheit eines Neugeborenen fing sie zu krabbeln an.
Die Theke, die an der Wand entlang verlief, war zum Greifen nahe, deshalb nahm May sie ins Visier, krallte sich in den Fußboden und schob sich mit ihren kraftlosen Füßen an. Ihre Knöchel klopften gegen einen der kühlen metallenen Lagerschränke, und eine sanfte Woge der Erleichterung gab ihr das Selbstvertrauen weiterzumachen. Zuerst auf einen Ellbogen, dann auf den zweiten. Mit aller Kraft stemmte sie sich auf Hände und Knie, wobei die zitternden Muskeln ihren Körper nur mit Mühe stützten. Sie hatte keine Ahnung, was sie als Nächstes tun sollte, deshalb wartete sie, bis sie einen Geistesblitz hatte.
Wasser.
Ihre Zunge war so trocken, dass sie ihr ständig am Gaumen kleben blieb, der noch immer nach Blut schmeckte. Dehydrierung. So lautete die Bezeichnung für ihren Zustand. Irgendwo hatte sie schon einmal so empfunden, mehr als einmal. Niedriger Blutdruck. Dieser verursachte die Schwindelgefühle und die Kraftlosigkeit.
Setz dich in Bewegung.
Ihr Verstand schüttelte den Nebel ab, zeigte ihr die Umgebung mit Weichzeichner. Auf der Theke neben ihr befand sich eine medizinische Untersuchungsstation mit einem OP-Waschbecken einen Meter über dem Boden. Die Vorstellung aufzustehen war absurd, sie streckte trotzdem die Hände nach oben aus, packte die Kante der Theke und zog sich auf ein Knie. Indem sie ihre Kraft zwischen Beinen und Armen hin und her verlagerte und es den einen erlaubte, sich auszuruhen, während die anderen arbeiteten, gelang es ihr, sich in die Hocke zu kämpfen. Dieser kleine Sieg verschaffte ihr das nötige Selbstvertrauen, um beharrlich weiterzumachen. Sie zog sich so weit hoch, dass sie die andere Hand in das Waschbecken gleiten lassen und den Wasserhahn packen konnte. Mit aller Kraft drückte sie die Beine durch und zog mit den Armen, bis es ihr gelang zu stehen.
May starrte in das Metallbecken und lächelte stolz. Ihre Lippen platzten auf und bluteten, doch sie kümmerte sich nicht darum, da Wasser aus dem Hahn tröpfelte, als sie die Hände darunter hielt. Sie beugte sich vor, ließ es über ihren Mund laufen und schluckte jeden Tropfen, den sie erwischte. Es schmeckte so gut, dass sie geweint hätte, wenn sie noch Tränen übrig gehabt hätte. Nach ein paar weiteren langen Schlucken belebte das Wasser ihre Lebensgeister. Ihre Sicht wurde viel klarer, genauso wie ihr Verstand. Hinter dem Waschbecken befand sich eine Notfall-Taschenlampe in einer Wandhalterung. Sie zog sie heraus, schaltete den trüben Strahl ein und inspizierte vorsichtig ihre Umgebung.
Was ist hier passiert?
In der Krankenstation herrschte völliges Chaos: Der Inhalt der Schubladen, Schränke und abgedichteten Magazine lag überall verstreut, dem Anschein nach von verzweifelten Händen herausgerissen. Weshalb verzweifelt? Fahrbare Krankenbetten waren verschmutzt und abgezogen. May fühlte sich an eine Triage in einem Kriegsgebiet erinnert. Woher weiß ich, wie so was aussieht? Sie suchte nach Gründen, doch die eklatanten Defizite ihres Gedächtnisses und ihrer Wahrnehmung lösten ein heftiges Unbehagen aus, das sie unbedingt vermeiden wollte. Sie nahm sich vor, ihr Augenmerk darauf zu richten, ihrem Körper zumindest wieder den Schein von Normalität zu verleihen, ehe sie dasselbe mit ihrem Verstand versuchte.
»Beschränk dich aufs Wesentliche.«
Ihre Flüsterstimme klang heiser und fremd, trotzdem freute sie sich, sie zu hören. Und sie stimmte dem Gedanken zu: Beschränk dich aufs Wesentliche. Sie hob einen Kittel vom Fußboden auf, schlüpfte hinein und genoss seine sofortige Wärme. Das Wasser war ein Geschenk des Himmels gewesen, doch sie spürte, wie sie abermals die Kraftlosigkeit und der dumpfe Kopfschmerz beschlichen, die mit Dehydrierung einhergingen. Der Strahl ihrer Taschenlampe streifte einen Glasschrank mit Infusionsbeuteln. Das war es, was sie brauchte: eine ausgiebige Infusion, um wiederaufzufüllen, was noch von ihr übrig war. Nur zehn Schritte entfernt. Sie schlurfte seitwärts, wobei sie darauf achtete, sich an der Theke festzuhalten, um nicht über herumliegende Gegenstände zu stolpern.
Als sie den Schrank erreichte, erwies sich dieser als verschlossen. Der Versuch, sich an den Zugangscode zu erinnern, war eine Folter, die sie nicht über sich ergehen lassen wollte. Als sie sich nach etwas umsah, um das vermutlich kugelsichere Glas zu zertrümmern, entdeckte sie neben der kleinen Tastatur einen handförmigen Scanner. Sie legte die Handfläche darauf. Ein kleines Display neben dem Handscanner flackerte und zeigte an:
Commander Maryam Knox, Forschungsraumschiff Stephen Hawking II
»Hallo, Commander Knox«, sagte die künstliche Intelligenz fröhlich.
»Was?«, erwiderte May erschrocken.
»Hallo, Commander Knox.«
»Ich … ich bin gerade erst aufgewacht und … Wie hast du mich genannt?«
»Commander Knox.«
»Commander?«
»Ich verstehe die Frage nicht.«
Bei der Angst, die May keimen gespürt hatte, handelte es sich jetzt um blankes Grauen.
»Tut mir leid. Ich … kann mich nicht erinnern. Mein Gedächtnis. Ich war sehr krank, glaube ich. Ich bin schwach und brauche Flüssigkeit … und Nahrung. Würdest du mir bitte helfen?«
»Selbstverständlich. Welche Krankheit haben Sie? Ich habe momentan keinen Zugang zum Netzwerk des Raumschiffs, um Ihre medizinischen Dateien einzusehen.«
»Das weiß ich nicht«, sagte May in scharfem Tonfall und bestrafte damit ihre empfindlichen Stimmbänder.
»Tut mir leid, dass ich Sie verärgert habe. Direkt hinter Ihnen befindet sich ein Rapidscanner. Damit kann ich bei der Beurteilung Ihrer Beschwerden helfen.«
May drehte sich um und zog den rollbaren Scanner zu sich her.
»Pusten Sie in den Lungenschlauch und legen Sie den Finger auf das Bluttest-Pad.«
May blies in den Schlauch und bekam einen Hustenanfall. Das Test-Pad pikste sie in den Finger, und der Schmerz ließ sie aufschreien.
»Ich kann keine bekannten Krankheitserreger ausmachen«, berichtete die KI. »Allerdings sind Sie stark dehydriert und unterernährt, und Ihre Lungenfunktion ist deutlich schlechter als normal.«
»Du bist ein Genie«, stellte May sarkastisch fest.
»Danke. Wir beginnen sofort mit einer Infusionstherapie.«
Unter Anleitung der KI konnte May den Schrank öffnen und nahm einen Beutel elektrolytreiches Hydrierungsmittel, eine Packung Infusionspflaster und zwei Adrenalinspritzen heraus. Mühsam legte sie diese Dinge auf ein Krankenbett, und die KI instruierte sie, sich zuerst die Adrenalinspritzen zu verabreichen, bevor sie sich für die Infusion hinlegte. May schob den Ärmel ihres Kittels hoch und suchte zwischen blutunterlaufenen Einstichstellen nach einer brauchbaren Vene. Ihre Arme waren mit seltsamen roten Flecken übersät, die sie auch auf anderen Körperteilen entdeckte. Einige davon waren mit Schorf bedeckt. Hatten sie vielleicht etwas mit ihrer Erkrankung zu tun?
»Commander Knox, bitte führen Sie die Infusionsnadel ein.«
»Okay, okay. Meine Güte.«
May stöhnte, fand an ihrem Oberschenkel eine Vene, die noch nicht misshandelt worden war, und schob langsam und vorsichtig die Infusionsnadel hinein. Es fühlte sich an, als würde sie von einem glühend heißen Schürhaken aufgespießt werden. Dann fing die Infusion an zu fließen, und der Energieschub, der sie überrollte, war so belebend, dass sie endlich imstande war, ein paar Freudentränen herauszudrücken. Als sie dann auch noch die Atemmaske aufsetzte und tief das sauerstoffreiche Luftgemisch inhalierte, fühlte sie sich sofort kräftiger und geistig wacher.
»Ich gebe Ihnen ein schwaches Beruhigungsmittel, damit Sie besser schlafen können«, sagte die KI besänftigend.
May schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr aufwache. Und ich muss wissen, was …«
Sie gähnte und legte sich wieder hin, außer Atem.
»Sie müssen Ihrem Körper unbedingt eine Ruhepause zugestehen. Ich werde Ihre Vitalparameter genau überwachen und Sie mit einem Stimulans wecken, falls irgendwelche Probleme auftauchen. Außerdem verhindert das Adrenalin, das Sie bekommen haben, dass Sie in Tiefschlaf fallen. Zerstreut das Ihre Bedenken?«
»Ja danke«, entgegnete May widerwillig.
Sie hatte keinen Grund, der KI zu vertrauen. Wer wusste schon, ob sie nicht die Ursache der Katastrophe war, die über das Raumschiff hereingebrochen war? Vielleicht würde das Beruhigungsmittel gar nicht so schwach ausfallen? Aber wenn die KI dich töten wollte, wärst du nie aus der Intensivpflegekapsel herausgekommen. Die KI ist erst auf dich aufmerksam geworden, nachdem du aufgewacht bist.
May beendete ihren internen Dialog und verbuchte das Ganze unter Paranoia, ausgelöst von der Erkrankung, die sie niedergestreckt hatte. Selbstverständlich fühlte sie sich verletzlich. Doch wenn sie der KI nicht trauen konnte, war sie ohnehin verloren. Und sie konnte sich nicht daran erinnern, ein Problem mit ihr gehabt zu haben, bevor all das passiert war. Bevor all das passiert war. Wie war es da gewesen? Sie hoffte inständig, sie würde feststellen, dass alles nur ein Albtraum gewesen war, wenn sie erneut aufwachte. Dann konnte sie mit ihrer Crew Witze darüber machen. Sie würden sich bestimmt alle gut amüsieren.
Als sie die Augen schloss, um zur Ruhe zu kommen, dachte sie an die anderen. Manche ihrer Gesichter sah sie vor sich. Sie waren verschwommen, dann wieder scharf, hatten unvollständige Namen. Langsam fügte sich eine Erinnerung an sie zusammen. Sie standen da und betrachteten etwas. Ihre Lippen bewegten sich schnell, als sie sprachen, doch May verstand nicht, was sie sagten. Ihre Augen waren schmal vor Sorge, vielleicht auch vor Angst. Für einen kurzen Moment stellte sich die Szene scharf. Die Crewmitglieder betrachteten May, blickten auf sie hinab, als läge sie auf dem Boden. Hände untersuchten sie, tasteten an ihrem Hals nach ihrem Puls. Ein Mann beugte sich zu ihr hinunter, lauschte ihrer Atmung. Jon? Hatte sie aufgehört zu atmen? Die Crewmitglieder riefen: »Commander Knox!«, klatschten vor ihrem Gesicht in die Hände, leuchteten ihr in die Augen. Sie versuchten, sie wiederzubeleben.
4.
»Commander Knox!«, rief die KI.
May schreckte auf der Krankenstation aus dem Schlaf. Die Szene aus ihrem Traum verweilte. Ich lag im Sterben. Meine Crew wollte mich wiederbeleben. Meine Crew. Sie bemühte sich, die Erinnerung an ihre Gesichter festzuhalten, doch sie entglitt ihr immer wieder. Ich lag im Sterben.
»Wie war Ihre Ruhepause?«
»Was? Gut.«
»Fühlen Sie sich besser?«
»Ein bisschen. Kräftiger.«
»Freut mich, das zu hören. Bitte entfernen Sie Ihre Infusionsnadel und entsorgen Sie sie in ein geeignetes Behältnis.«
May zog die Nadel langsam aus ihrer dünnen, empfindlichen Haut und fühlte sich kräftig genug, um damit zum Behälter für medizinische Abfälle zu gehen. Aus der Lautsprecheranlage tönte »Stille Nacht« – irgendeine mehrsprachige Falsett-Pop-Version, die in ihrer Vorstellung von einem Chor von Eunuchen in roten Rollkragenpullovern gesungen wurde. Von himmlischer Ruh’ konnte ganz bestimmt keine Rede sein.
»Würdest du bitte diese fürchterliche Musik ausschalten?«
»Ja.«
Als die Musik verstummte, konnte May ein wenig klarer denken, doch es tauchten noch weitere Fragen auf, die ihre Aufmerksamkeit erforderten. Sie gab sich alle Mühe, ihre Gedanken zu ordnen. Ich bin Commander Knox. Forschungsraumschiff Hawking II. NASA. Wo war die Missionsleitung? Warum bekam sie keine Unterstützung? Wie hatten sie es zulassen können, dass das geschehen war? Was war das überhaupt? Sie versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war, doch ihr Gedächtnis glich einem Fernseher, bei dem der Empfang aufgrund atmosphärischer Störungen immer wieder unterbrochen war. Beliebige Bruchstücke tanzten ihr höhnisch auf der Zunge herum, unmittelbar außer Reichweite.
»Ich lag im Sterben …«
»Bitte wiederholen Sie«, sagte die KI.
»Ich versuche, mich zu erinnern. Aber mein Kopf … Alles ist diffus.«
»Leiden Sie unter Gedächtnisverlust?«
»Ich sehe Stücke, Bruchstücke von Dingen, von Gesichtern. Mein Gott, was ist mit mir passiert?«
»Sind Sie in der Lage, sich Langzeiterinnerungen ins Gedächtnis zu rufen, wie zum Beispiel, wo Sie geboren wurden, die Namen Ihrer Eltern, wo Sie zur Schule gegangen sind?«
May begab sich in die Vergangenheit, die sich als erfrischend zugänglich erwies. Sie wollte so viel wie möglich rekapitulieren, aus Angst, es zu verlieren.
»Ich wurde in England geboren. Meine Heimatstadt: Bournemouth. Meine Mutter und mein Vater waren Eve und … Wesley. Beide Piloten, inzwischen verstorben. Mein Vater starb, als ich noch sehr jung war. Er war ein Royal Marine. Im Einsatz gefallen. Ich erinnere mich an Fotos von ihm in Uniform, auf denen er mich als Baby hält … An seine strahlend blauen Augen und an sein weißblondes Haar. Er sah immer aus wie aus dem Ei gepellt. Meine Mum hat mich großgezogen. Sie war Pilotin bei der Royal Air Force. Die einzige Schwarze in ihrer Kadettenklasse, die es zum Oberstleutnant geschafft hat. Sehr streng. Eher Ausbilderin als Mutter. Aber sie hat mir das Fliegen beigebracht … Geschwister habe ich keine. Grundausbildung an der Duke of York Academy. Royal Air Force College in Cranwell. Offiziersausbildung. Danach Testpilotenprogramm, Raumfahrtprogramm. Mein Ehemann ist Dr. Stephen Knox …«
May hielt inne. Sie verspürte eine schmerzende Traurigkeit, als sie Stephens Namen erwähnte, ohne zu wissen, warum. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass irgendetwas mit ihrer Ehe war, dass irgendetwas damit nicht stimmte, was wie ein ruheloser Geist am Rand der Schatten lauerte. Sie konnte sich kaum überwinden, es zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, es der KI gegenüber zu erwähnen.
»All das fühlt sich greifbar an«, fuhr sie fort, »als wäre es gestern passiert.«
»Wie sieht es mit Ihrer Ausbildung und Ihren Pflichten als Commander aus?«
»Unmittelbar nach dem Aufwachen war alles ein bisschen trüb, aber inzwischen scheint das meiste leicht zugänglich zu sein, wie etwa Instinkte oder das motorische Gedächtnis.«
»Erinnern Sie sich, erkrankt zu sein oder intubiert worden zu sein?«
»Nein, das ist es ja. Ich habe an nichts dergleichen eine Erinnerung. Neuere Erinnerungen sind wesentlich lückenhafter.«
»Ohne eine umfassende neurologische Untersuchung kann ich keine formale Diagnose bei Ihnen stellen, aber angesichts der Tatsache, dass Ihnen nicht Ihr Langzeitgedächtnis, sondern Ihr Kurzzeitgedächtnis die größten Probleme bereitet, leiden Sie womöglich unter einer Form der retrograden Amnesie.«
»Amnesie?«, spottete May. »Ich dachte, das haben nur Leute in miesen zweitklassigen Spielfilmen.«
»Das kommt häufig vor nach einem Schädel-Hirn-Trauma, einer infektionsbedingten Hirnhautentzündung und der Verabreichung von Anästhetika oder Beruhigungsmitteln in großen Dosen …«
»In meinem Fall könnte all das zutreffen«, jammerte May. »Ist das von Dauer?«
»Ich finde keine Prädiktormodelle für die Genesung. Anscheinend ist es von Fall zu Fall verschieden.«
»Wie sieht es mit Behandlungsmethoden aus? Gibt’s Medikamente, die helfen?«
»Nein, Patienten mit retrograder Amnesie werden normalerweise mit ergotherapeutischen und psychotherapeutischen Methoden behandelt, die mithilfe von Auslösereizen im Lauf der Zeit die Gedächtniswiederherstellung stimulieren.«
»Im Lauf der Zeit«, wiederholte May.
»Das ist richtig. Abhängig vom jeweiligen Patienten, kann das bis zu …«
»Ich glaube, ich habe erst mal genug gehört, danke.«
»Nichts zu danken.«
May dachte über die Mission nach. Je weiter sie in der Zeit zurückging, desto klarer wurde alles. Sie erinnerte sich an den Start und an einen großen Teil der Reise zum Planeten … Europa. Doch dann begann alles zu zerbröckeln: das Erreichen seiner Umlaufbahn, die planetarische Expedition. Auf der Rückreise, auf der sie auf irgendeine Weise erkrankt war, wurden die Bruchstücke kleiner und unverbundener.
»Soll ich noch ein paar Tests durchführen, um das Problem zu beurteilen?«
»Später«, brummte May. Ihr Verstand fühlte sich zäh an, und ihr Magen knurrte wütend. »Mir ist schwindelig, ich bin am Verhungern und habe Kopfschmerzen, und ich fange jeden Moment an zu heulen. Ich hasse es zu heulen, verdammt.«
»Ihr Blutzuckerspiegel ist möglicherweise unter den Normalwert gesunken. In dem Schrank, in dem Sie die Infusionsbeutel gefunden haben, befinden sich Glukosetabletten.«
May steckte sich so viele von den Tabletten in den Mund, wie hineinpassten. Sie schmeckten widerlich süß, lösten sich aber schnell auf und sorgten dafür, dass sie sich besser fokussieren konnte. Außerdem reduzierten sie ihre Kopfschmerzen zu einem entfernten dumpfen Pochen.
»Schon besser, danke. Auf in die Bordküche.«
May wurde bewusst, dass sie sich nicht ganz sicher war, wie man zur Bordküche gelangte.
»Äh, könntest du mich dorthin lotsen?«
»Bitte legen Sie die Handfläche auf den Wandbildschirm und loggen Sie sich in die Kommandokonsole ein. Ich stelle eine gehighlightete Route auf dem Raumschiffplan bereit.«
May legte die Handfläche auf die Wand. Der breite, gewölbte Bildschirm erwachte in leuchtenden Splittern zum Leben, und das NASA-Logo erschien, gefolgt von einem Foto von May im NASA-Fliegeroverall mit ihrem Namen und Titel. Ihr Ebenbild ließ ihr den Atem stocken. Die Frau auf dem Foto mit ihrer strahlend braunen Haut wirkte glücklich und gesund. Ihre Lippen waren leicht gekräuselt vom Anflug eines ironischen Grinsens, das ihre funkelnden Augen entfachte. Diese nahmen alles in Besitz, was sie betrachteten, wie das Motiv eines Gemäldes, dessen Blick man nicht entfliehen konnte. Sie begutachtete ihr Spiegelbild auf dem Bildschirm, um sich zu vergewissern, dass sie dieselbe Person sah. Ähnlichkeit war vorhanden, wenn auch nur schmerzhaft vage. Jetzt sah alles an ihr kränklich aus. Ihr einst kurz geschnittenes Haar mit dezenten goldfarbenen Strähnen am Ansatz ihrer Locken war jetzt verfilzt und stumpf, und ihre Haut war blass geworden. Die Trauer, die sie um ihr verlorenes Ich empfand – nicht nur darum, wie sie einmal ausgesehen hatte, sondern auch darum, was sie gewusst hatte und wer sie gewesen war –, trieb ihr bittere Tränen in die Augen.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich die KI.
May war nicht imstande zu antworten. Jedes Wort wurde zu einem Kloß in ihrem Hals. Sie musste unbedingt etwas unternehmen, irgendetwas, um ihre abscheuliche Erscheinung zum Positiven zu verändern. Sie riss den Schrank mit Bedarfsartikeln für das Personal auf und tauschte ihren verschmutzten Kittel gegen frische OP-Bekleidung. Stiefel wärmten ihre frierenden Füße. Nachdem sie sich ein paar Packungen Nutri-Gel aus dem Schrank einverleibt hatte, schrubbte sie sich das Gesicht mit Seife und warmem Wasser. Weiter ging es mit ihrem Haar, das irreparabel verfilzt war. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es mit einer chirurgischen Schere auf Stoppellänge zu stutzen. Als sie fertig war, schaute sie in den Spiegel. In ihre Haut war ein Teil der Farbe zurückgekehrt, und ihre Augen wirkten wieder etwas leuchtender.
So, jetzt siehst du aus wie eine richtige Leiche, dachte sie und rang sich ein Lächeln ab.
5.
Kalt wie ein Grab, durchfuhr es May auf dem Weg zur Bordküche. Der Korridor, den sie entlangging, war das Erste, was sie außerhalb der Krankenstation von dem Raumschiff zu sehen bekam, und dieses schien nur noch wenig mit dem Schiff gemein zu haben, das sie ein paar Monate zuvor triumphierend aus dem Weltraumdock pilotiert hatte. Die Dunkelheit war allumfassend, bis auf das trübe Flackern einiger schwacher Notlichter, die überall verstreut waren. Der Strahl der Taschenlampe erleuchtete einen schmalen Pfad auf dem Metallfußboden, schaffte es aber nicht, weiter vorzudringen. Abgesehen vom leisen Brummen der Triebwerke war die Stille ebenso beherrschend wie die Dunkelheit.
Bei einem Raumschiff von dieser Größe war die Leere zutiefst verstörend und warf einen kalten, erdrückenden Schatten auf jeglichen Hoffnungsschimmer.
»Das Raumschiff ist dunkel«, sagte May. »Von der Crew ist nichts zu sehen … Eigentlich sehe ich gar nichts.«
Sollte das die Summe ihrer Errungenschaften sein? Eine wunderschöne Bekundung all der Stärke und der guten Absichten der Menschheit, über Bord geworfen und im freien Fall, ohne die Hoffnung, jemals auf dem Boden anzukommen? Wie konnte ich zulassen, dass das passiert? Wie konnte alles so schiefgehen?
»Ist es irgendwie möglich, mehr verdammte Lampen einzuschalten?«, wollte May von der KI wissen.
Keine Antwort.
»Hallo? Hier ist es wie in einer Höhle. Ich sehe kaum meine eigene Hand vor den Augen.«
Noch immer keine Antwort. Wütend ging sie zurück zur Krankenstation.
»Warum antwortest du mir nicht?«, fragte sie die KI.
»Tut mir leid, ich habe Sie nicht gehört.«
»Du hörst mich nicht, wenn ich im Gang bin?«
»Fehlanzeige, Commander Knox. Anscheinend sind meine Prozessoren nicht mehr mit dem Netzwerk der Raumfähre verbunden. Ich sehe und höre Sie nur in Räumen mit Kommandokonsolen, in die Sie sich eingeloggt haben, wie in diesem.«
»Dann ist dir also nicht bewusst, dass auf dem Raumschiff Dunkelheit herrscht und von der Crew weit und breit nichts zu sehen ist?«
»Nein. Ich empfange von nirgendwo auf dem Raumschiff Daten. Haben Sie eine Ahnung, was los ist, Commander Knox?«
Die Frage klang seltsam kindisch, und May kam in den Sinn, dass das, was für den Ausfall der internen Energieversorgung verantwortlich war, womöglich auch die KI beschädigt hatte.
»Das wollte ich dich fragen. Soweit ich es beurteilen kann, funktionieren die internen Energiesysteme des Raumschiffs nicht mehr richtig.«
»Das ist sehr beunruhigend.«
»Nicht so beunruhigend wie die Tatsache, dass du dir dessen nicht einmal bewusst warst. Oder, noch schlimmer, nicht so beunruhigend wie die Tatsache, dass ich auf dem Raumschiff noch nichts von einem anderen menschlichen Wesen gesehen oder gehört habe, seit ich aufgewacht bin.«
»Laut Vorschrift müssen alle Posten rund um die Uhr besetzt sein.«
Wieder die kindliche Naivität. Die KI wusste noch weniger als May.
»Ich glaube, über Vorschriften brauchen wir uns schon lange keine Gedanken mehr zu machen«, flachste sie. »Weißt du wenigstens, wann du den Kontakt zum Rest des Raumschiffs verloren hast?«
»Ich bin nicht in der Lage, den Zeitpunkt zu bestimmen, da ich keinen Zugriff auf die Uhr des Raumschiffs habe.«
»Aber erinnerst du dich wenigstens daran, dass du den Kontakt verloren hast?«
»Ich bin nicht in der Lage, irgendwelche Daten zu finden, die im Zusammenhang mit diesem Ereignis stehen.«
»Tja, das ist ganz große Kacke«, sagte May.
»Ich verstehe nicht.«
»Dann sind wir schon zu zweit. Aber da es so aussieht, als würden wir beide unter Amnesie leiden, weiß ich nicht, was ich als Nächstes tun soll.«
»Vielleicht können Sie mich wieder verbinden?«
»Wie denn? Das ist ein Fall für die Technikabteilung. Nicht mein Gebiet. Ich war noch nicht ein einziges Mal da drin.«
»Wenn Sie sich in meinen Prozessorraum begeben, kann ich Ihnen bei der Analyse des Problems helfen. Wenn es behebbar ist, werde ich die entsprechenden Wartungsarbeiten Schritt für Schritt mit Ihnen durchgehen.«
»Wenn es behebbar ist?«
»Meine Prozessoren bestehen zum Teil aus organischer Materie, die sich in einer hochgradig regulierten Umgebung befindet. Ein Stromausfall, der auch nur zu kleinsten Veränderung der Umgebung führt, kann katastrophale Folgen haben. Da ich keine Verbindung zum Reinraum habe, bin ich nicht in der Lage …«
»Ich habe schon verstanden«, sagte May knapp. »Sieht so aus, als müsste das Abendessen warten. Bitte schick mir eine neue Wegbeschreibung zum Reinraum.«
»Ist unterwegs.«
May stopfte einen Kopfkissenbezug mit Taschenlampen, Nutri-Gel-Packungen und Wasserflaschen voll und eilte zurück in den Korridor. Ohne die KI bestand keine Hoffnung auf Überleben, und jede Sekunde war kostbar, falls die organische Materie in den Prozessoren bereits abzusterben begonnen hatte. Sie erinnerte sich daran, dass sie einst die Blumen ihrer Mutter eine Woche lang nicht gegossen hatte und alle eingegangen waren. Sie hatten ausgesehen wie tote Soldaten in der Schusslinie eines Exekutionskommandos, vornübergebeugt und zerfetzt. Du hattest eine einzige Aufgabe, hatte ihre Mutter vorwurfsvoll gesagt.
»Hier ist Commander Knox«, rief sie. »Ist jemand auf dem Raumschiff?«
Sie erinnerte sich an die Namen einiger ihrer Crewmitglieder und rief nach ihnen.
»Captain Escher? Gabi Dos Santos? Hört mich jemand?«
Ihre Taschenlampe wurde kurz dunkler, und sie klopfte panisch auf das Batteriefach, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Waren die anderen womöglich aus irgendeinem Grund von Bord gegangen? Wegen der Krankheit? Das bedrohliche Gefühl, abgekapselt zu sein, kroch in ihren Magen und verknotete ihn. Um den neuerlichen Anfall von Paranoia abzuschütteln, konzentrierte sie sich darauf, sich Details zu ihrer Crew ins Gedächtnis zu rufen: Jon Escher, Pilot und ihr Stellvertreter. Ein draufgängerischer US-Navy-Pilot, der wie die großspurigen Cowboy-Astronauten der Vergangenheit ziemlich von sich eingenommen war. Mit seiner Igelfrisur, dem kantigen Unterkiefer und seinem aggressiven Trainingsplan war er in Mays Augen allerdings eher eine Karikatur dieses archaischen Typus. Er war fähig, doch May hatte auf einen erfahreneren Piloten als ihre rechte Hand gehofft.
Gabriella Dos Santos, Flugingenieurin. Gabi und sie waren Seelenverwandte, beide jung und vor Talent strotzend und beide ständig gezwungen, ihren Wert unter Beweis zu stellen. Wie May stammte Gabi aus einer Militärfamilie und war eine interessante Mischung: Ihr Vater war ein brasilianischer Helikopterpilot und ihre Mutter NATO-Flugärztin. May hoffte inständig, dass Gabi sich noch irgendwo lebend im Raumschiff befand. Niemand kannte die Hawking II besser, und sie würde bestimmt alles wieder reparieren können.
Matt Gallagher, Nutzlast-Commander. May hatte immer gewitzelt, er sei der vollkommenste Langweiler, den sie jemals kennengelernt habe. Alles an ihm war durchschnittlich, bis auf sein enormes Wissen auf dem Gebiet der Raumfahrttechnik und -forschung. Er kannte ihren Ehemann Stephen gut, da er unter Rajah Kapoor arbeitete, dem Mann, der die Hawking II für die Europa-Mission entworfen hatte. May hatte den gewaltigen Aufwand nicht gerne auf sich genommen, sechsundzwanzig Intellektuelle ins All mitzunehmen, die keine Astronauten waren, damit sie all die wichtigen Aufgaben erledigten, die Stephen und sein Team angesetzt hatten. Matt hatte ihr hervorragend den Rücken frei gehalten, indem er ihre völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten gehandhabt und gleichzeitig sichergestellt hatte, dass ihr Equipment mit maximaler Effizienz funktionierte. Der gute alte langweilige Matt, dachte sie.
Sie hörte ein leises, mechanisches Geräusch in der Ferne und blieb stehen.
»Hallo?«
Das Geräusch setzte erneut ein. Dieses Mal klang es sehr nach Schritten, nach schweren Stiefeln, die energisch über den metallenen Fußboden stampften.
»Ist da jemand?«
Das Geräusch dröhnte und nahm Geschwindigkeit auf, als hätte irgendetwas Großes ihre Anwesenheit wahrgenommen und würde sich nähern, um sie zur Strecke zu bringen. Sie verfügte weder über die Waffen noch über die Kraft, um sich zu verteidigen. Um was oder wen mochte es sich handeln?
»Halt! Wer ist …«
Das rhythmische Poltern beschleunigte zu einem explosiven, ohrenbetäubenden Vibrieren. Das Raumschiff zitterte heftig und neigte sich weit nach backbord wie ein Schoner, der es bei Sturm mit schwerem Seegang aufnahm. May stürzte hart, schlug mit der Stirn auf dem Fußboden auf und rutschte gegen eine Wand. Sie spürte eine Stütze im Rücken und klammerte sich daran fest, um heil zu überstehen, was sich anfühlte wie ein Erdbeben. Als das Raumschiff wieder zur Ruhe kam und sich aufrichtete, rappelte May sich hoch, obwohl ihr schwindelig war. Leichtere Erschütterungen dauerten noch einige Minuten an, krochen wie Nachbeben kreuz und quer durch die Eingeweide des Schiffs. Ihre Taschenlampe verdunkelte sich zu einem trüben Glühen und erlosch dann ganz. Dieses Mal erweckte sie Mays Klopfen auf das Batteriefach nicht mehr zum Leben.
»Nein, nein, nein, nein, nein …«
Ein warmes Rinnsal Blut aus einer klaffenden Wunde über ihrer rechten Braue lief ihr ins Auge. Sie riss die Brusttasche von ihrem OP-Kittel herunter und presste sie auf die Wunde. Ihr Herz hämmerte schneller, als sie atmen konnte, um mit ihm mitzuhalten. Ihr Bewusstsein ging langsam verloren.
»Entspann dich, Commander Knox«, ermahnte May sich. »Erledige deinen Job. Lass dich nicht von deinem Job erledigen.«
Als sie tief Luft holte, bekam sie einen schrecklichen Hustenanfall. Sie hielt die Augen fest geschlossen, bis ihre Angstattacke nachließ und die Blutung der Schnittwunde über ihrem Auge gestillt war. Sie nahm eine neue Taschenlampe und schaltete sie ein. Ihr Strahl besaß nicht die volle Stärke, was bedeutete, dass sie nicht ganz geladen war. Es ließ sich unmöglich einschätzen, wie viel Zeit ihr blieb, bis sie wieder in Dunkelheit gehüllt war, deshalb steigerte sie das Tempo.
Erledige deinen Job. Lass dich nicht von deinem Job erledigen.
Die Phrase rüttelte die Erinnerung an einen Mann mit struppigem grauem Haar und einer Ausgehuniform der Royal Air Force wach. Vier goldfarbene Streifen an der Schulter und am unteren Ärmel. Litzen auf der Klappe …
»Baz«, sagte sie erfreut. »Der gute alte Baz.«
Ihr ehemaliger befehlshabender Offizier und Mentor, Oberst Basil »Baz« Greene, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Als sie in Cranwell Offiziersanwärterin gewesen war, hatte Baz sie unter seine Fittiche genommen. Zunächst hatte sie geglaubt, er hätte sie herausgegriffen, weil sie eine Frau war, und er sie mürbemachen wollte, damit sie den überwiegend männlichen Genpool nicht vergiften konnte. Sie hatte recht gehabt. Er hatte sie zwar herausgegriffen, aber nicht aus den Gründen, wie das Leben sie zu denken gelehrt hatte. Er hatte ihre Begabung erkannt und nicht zulassen wollen, dass diese ungenutzt blieb. Genau genommen hatte er seine Karriere und seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt, indem er sie für das Testpilotenprogramm vorschlug. Damals stand die Raumfahrt kurz davor, noch nie da gewesene Fortschritte in der Antriebstechnik zu machen, die sich über die Physik hinwegsetzen und die unermesslichen Weiten des Sonnensystems schrumpfen lassen sollte. Baz half May, auf dieser Welle mitzureiten. Pilotin bei zukunftsweisenden kommerziellen Transportflügen zum Mars mit fünfundzwanzig. Captain mit siebenundzwanzig. Commander der ersten Mission zum Planeten Europa mit zweiunddreißig.
»Und sieh mich jetzt an«, sagte sie mit einem verbitterten Lachen.