Buch
Eines Morgens begegnen Isabel und ihre elfjährige Tochter River einem Mann vor dem Londoner Zoo. Vom Regen durchnässt sitzt er schluchzend auf einer Parkbank. Als sie ihn ansprechen, kann er ihnen nicht antworten. Er weiß nicht einmal seinen eigenen Namen. Isabel beschließt, ihn mit ins Krankenhaus zu nehmen, in dem sie arbeitet. Doch die Tests ergeben, dass dem Mann nichts fehlt. Er hat keine Papiere bei sich, und eigentlich müsste sie die Polizei informieren, doch die Augen des Mannes verraten ihr, dass er vor nichts mehr Angst hat als vor den Behörden. Während Isabel das beunruhigende Gefühl beschleicht, dass ihm womöglich etwas so Furchtbares widerfahren ist, dass er sich entschieden hat, alles zu vergessen, knüpft River eine besondere Beziehung zu ihm: Sie malen gemeinsam Bilder, und er stellt sich als talentierter Künstler heraus. Isabel verspricht River, dem Mann zu helfen. Doch wird sie dieses Versprechen halten können, wenn sie die Wahrheit über seine Vergangenheit erfährt?
Weitere Informationen zu Virginia Macgregor sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Virginia Macgregor
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Die Bilder in unseren Herzen
Roman
Aus dem Englischen
von Wibke Kuhn

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »You Found Me« bei Sphere, an imprint of Little, Brown Book Group, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2019
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Virginia Macgregor
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: FinePic®, München; GettyImages/h2o_color; Stocksy/Lumina
Redaktion: Eva Wagner
AB · Herstellung: kw
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-23532-1
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für meine Töchter: Somerset Wilder, die mich beim Schreiben dieses Buches begleitet hat, und Tennessee Skye, deren Liebe zu Elefanten eine Inspiration für diese Geschichte war.
Denn die Dinge, an die man sich nicht erinnert, sind ebenso wichtig; vielleicht sind sie sogar wichtiger.
Virginia Woolf, Augenblicke des Daseins
Unter den großen, mächtigen Eichen, die hier seit Hunderten von Jahren wachsen, in einem der ältesten Wälder Europas, steht eine leere Hütte. Sie steht jetzt schon seit geraumer Zeit leer.
Dämmerlicht fällt durch die Fenster herein. Staub liegt in der Luft. Auf dem Küchentisch steht eine Vase mit vertrockneten Wiesenblumen.
Draußen bewegt sich eine Kinderschaukel leicht in der morgendlichen Brise.
Ihr Vater hat sie aufgehängt, an dem Tag, als sie hier eingezogen sind. Bevor sie ihre Kartons ausgepackt oder die Glühbirnen in die Fassungen geschraubt hatten, hatte er dicke Seile über die Äste geworfen und dann ein Holzbrett als Sitz daran befestigt.
Bis Mitternacht war er dort draußen. Bis es endgültig unmöglich war, vor dem nächsten Morgen noch für die Beleuchtung im Haus zu sorgen.
An einem Sommertag wie heute ist das Laub so dicht, dass das Sonnenlicht kaum durchkommt. Hie und da ein Strahl wie das Licht, das durch ein Kirchenfenster hereinfällt. Aber hauptsächlich Schatten. Und Dunkelheit.
An dem Tag, als sie hier einzogen, hatte ihre Tochter bis Mitternacht gewartet, bis er fertig war. Sie war zu alt dafür, das wusste sie, aber als sie im richtigen Alter gewesen wäre, hatten sie in einer Wohnung in der Stadt gewohnt, ohne Garten oder Bäume. Und er hatte ihr immer eine Schaukel versprochen.
Da stand sie jetzt also, unter dem Mond, und das raue Holz drückte von unten gegen ihre Oberschenkel.
Sie hatte ihre Wolldecke abgelegt, den Rücken durchgestreckt und den Kopf zurückgelegt, so dass ihr langes braunes Haar über den Waldboden fegte.
Dann hatte sie die Augen zugemacht und den Geruch des Harzes eingeatmet, das aus den Bäumen lief, von den Kiefernnadeln, die den Boden bedeckten, und von den dicken, saftigen Blättern.
Und sie hatte den Vögeln gelauscht, dem Orchester ihres neuen Zuhauses.
Und sie hatte ihm zugerufen:
Höher! Schubs mich an, ich will noch höher!
Ihre glockenhelle Stimme hallte zwischen den Bäumen.
Höher!
Stundenlang hatte er sie angeschubst, bis ihnen ganz schwindlig war und sie zu müde waren, um weiterzumachen. Und dann waren sie Hand in Hand ins Haus gestolpert und hatten sich schlafen gelegt.
Jetzt ist die Schaukel genauso verlassen wie die Hütte im Wald, an diesem heißen Sommertag, und sie bewegt sich leicht im Sommerwind.
Isabel
In London in einem möblierten Zimmer über einem italienischen Restaurant steht Isabel am Fenster und verscheucht eine Taube.
Es regnet. Die Taube sucht Schutz, und sie weiß, der Vogel sollte ihr leidtun, aber sie hat nicht mehr genug Energie, um sich um noch ein weiteres Lebewesen zu kümmern.
Das Tier pickt im Zement am Fensterrahmen herum.
Dummer Vogel, denkt sie – egal, wie energisch sie ihn verscheucht, er kommt immer wieder zurück.
Die Taube rückt näher ans Fenster heran, als wollte sie sie herausfordern. Noch ein paar Schritte, und sie wird drinnen sein, in der Wohnung herumfliegen, und dann kriegt sie sie überhaupt nicht mehr raus.
Ksch!
Sie knallt das Fenster zu.
Hinter ihr rührt sich ein kleines Mädchen im Schlaf.
Isabel setzt sich auf die Kante des Schlafsofas und streicht River das Haar aus den Augen. Dicke braune Locken, die sie sich absolut nicht schneiden oder bürsten oder zu einem Zopf binden lassen will – ganz anders als Isabels dünnes blondes Haar.
Als River noch ein Baby war, schauten die Leute in den Kinderwagen und runzelten die Stirn, wenn sie ein Kind erblickten, das seiner Mutter so gar nicht ähnlich sah. Es ist unfair, dass River so viel von ihm geerbt hat und nichts von ihr.
Manchmal fragt sich Isabel, ob River überhaupt ihr Kind ist. Oder ob das Ganze vielleicht einfach nur ein wirrer Traum war.
Sie muss sie bald aufwecken, heute ist der letzte Grundschultag des Mädchens. Sie wird groß, sie entfernt sich immer mehr von ihr.
Muttersein ist eine einzige jahrelange Lektion im Loslassen, hat sie irgendwo einmal gelesen.
Aber dafür ist sie noch nicht bereit. Noch nicht jetzt.
David
Tief in den Eingeweiden der Stadt, während die U-Bahn sich langsam in Richtung Euston Square schlängelt, fährt sich David mit den Fingern unter die Brillengläser und reibt sich die Augen. Manchmal ist er so müde, dass er vergisst, wohin er eigentlich gerade unterwegs ist: ob er nach Hause fährt, um sich auszuruhen, oder ob er gerade wieder zur nächsten Schicht ins Krankenhaus fährt.
Jemand drückt einen Ellbogen in das weiche Fleisch seines Bauchs. Er weiß, dass sein Körper einfach zu massig ist für so enge Räume. Er spürt, wie die anderen gereizt darauf reagieren, als würde er mehr beanspruchen als den ihm zustehenden Anteil.
Er schiebt sich die Brille auf der Nase hoch, holt tief Luft und versucht, seinen dicken Bauch einzuziehen.
Der Zug kommt schaukelnd zum Stehen. Die Türen gehen auf. Der Geruch von Metall und regenfeuchten Sachen schlägt herein. Noch mehr Pendler schieben sich in den bereits vollen Zug.
Er wird weiter ins Waggoninnere gedrückt.
Eine junge Frau fällt ihm ins Auge. Ihr kurzes, stoppeliges Haar steht ihr in allen Richtungen vom Kopf ab, sie hat blonde und schwarze, braune und gelbe Strähnchen. Sie trägt ein Herrenhemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Auf dem Arm hat sie ein Tattoo mit einer Krähe. Vor ihr steht ein Buggy mit drei schlafenden Babys, und auf der Hüfte balanciert sie ein Kleinkind.
Die junge Frau isst Süßigkeiten, die Gummibärchen in der goldenen Tüte.
Sie sieht nicht aus wie eine Mutter, denkt David. Und dann drückt ihn das Gewissen. Er ist neununddreißig und Single und hat keinerlei Aussicht, demnächst zu heiraten oder Kinder zu bekommen – was weiß er schon davon?
Die junge Frau blickt auf, und als sie merkt, dass sie angeschaut wird, setzt sie ein finsteres Gesicht auf.
Sein Blick geht ihr gewaltig auf die Nerven, denkt er sich, genauso wie sein Umfang den Menschen um ihn herum gewaltig auf die Nerven geht.
Er schaut auf seine verschrammten schwarzen Schuhe und auf den ausgefransten Saum seines grauen Anzugs und fragt sich, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn man unsichtbar wäre.
Wieder ruckelt und bremst der Zug. Die nächste Haltestelle. Noch mehr Geschubse und Gedränge.
Als er wieder aufblickt, ist sie verschwunden.
Vor dem Eingang zum Londoner Zoo sitzt ein Mann auf einer Bank. Der Regen macht ihm schon lange nichts mehr aus, er gehört mittlerweile zu ihm, zu seinem Haar und seinem Bart und seinen Kleidern. Bald wird er ihm durch die Haut dringen und dann durch seine Adern rinnen wie ein Fluss. Wie das Meer.
Wie lange sitze ich hier schon?, überlegt er.
Er schiebt eine Hand in die Tasche und tastet nach dem kleinen Silberanhänger. Dem hochgereckten, aufgerollten Rüssel, dem dicken Körper, den stämmigen Beinen. Saphire als Augen.
Er schließt die Augen. Wenn er gut hinhört, vor allem frühmorgens oder am Spätnachmittag, bevor die Besucher in den Zoo kommen, kann er die Tiere hören.
Er überlegt, wo wohl die Elefanten sind. Wo sie schlafen und essen und leben. Jemand hat ihm einmal erzählt, dass sich Elefanten mit dem Rüssel gegenseitig Trost spenden. Fast, als ob sich Menschen streicheln.
Wie lange ist es schon her, dass er die Haut eines anderen Menschen berührt hat? Und wessen Haut war das?
Er greift in die Innentasche seiner Jacke und zieht einen regenfeuchten Umschlag heraus – jemand hat einen Stadtplan von London daraufgezeichnet. Das Papier hängt schlaff in seiner Hand. Mit jedem Regentropfen lösen sich die Bilder noch mehr auf: die Straßen, die Brücken, der Zoo – der Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt.
Jemand hat das einmal für ihn gezeichnet. Jemand, der wollte, dass er diese Orte alle zu sehen bekommt.
Er muss auf sie warten. Er hat ihr versprochen, dass er auf sie warten wird.
River
River schlägt die Augen auf. Sowie sie aufgewacht ist, sirrt ihr Körper, als würde sie die ganze Elektrizität spüren, die durch London strömt.
Sie schaut zum Fenster und sieht die Taube, die auf dem Fensterbrett balanciert. Regentropfen auf ihren Federn. Das Tier schaut kurz auf, wirft sich in die Brust, legt den Kopf schräg und öffnet ganz leicht den Schnabel. River weiß, was jetzt kommt – ein tiefes, kummervolles Gurren, so laut, dass es die ganze Wohnung erfüllen wird.
Es hat Hunger, das arme Tier.
Sie legt den Finger auf die Lippen. Pschht, bedeutet sie der Taube, und dann zeigt sie auf Mum, die mit dem Rücken zu ihr in der Küche steht.
Die Taube ist eines von vielen Themen, über die sie mit Mum streitet. River glaubt, dass sie genauso viel Recht hat, hier zu sein, wie sie – Mum wäre es lieber, wenn sie sie in Ruhe lassen würde.
Der Vogel schlägt mit den Flügeln.
Mum fährt herum und schaut stirnrunzelnd zum Fenster, aber er ist schon weg – so schnell, dass man meinen könnte, er wäre nur ein Geist gewesen.
Braver Junge, flüstert River in den grauen Himmel.
Mum kommt zu ihr und legt River eine Tablette auf die Handfläche: die Tablette, die sie beruhigt und die ihr hilft, sich besser zu konzentrieren. Manchmal. Dann setzt Mum sich auf Rivers Regenbogen-Steppdecke.
Zusammen mit den Tauben gehören Regenbogen zu Rivers absoluten Lieblingssachen. Es ist unmöglich, einen Regenbogen anzuschauen, ohne Glück zu empfinden. Sie denkt an Regenbogen, wenn sie ihre Gedanken davon abzuhalten versucht, in alle möglichen Richtungen gleichzeitig zu rasen.
Heute ist ein ganz besonderer Tag: Rivers letzter Tag in der Grundschule. Jetzt muss sie nicht mehr stillsitzen und versuchen, sich zu konzentrieren, oder sich anhören, dass sie sich doch einen Zopf machen soll. Keine Schuluniform mehr oder dämliche Regeln, was für eine Farbe ihre Strumpfhose haben soll. Ihr ganzer Körper seufzt erleichtert auf: Vor ihr liegt ein langer Sommer, in dem sie rumrennen und machen kann, was ihr gefällt.
Und danach? Wenn der Sommer vorbei ist?
Tja, sie hat Mum schon gesagt, dass sie nicht auf die weiterführende Schule gehen will. Dass niemand sie zwingen kann. Nicht mal die Politiker, von denen Mum immer redet, die das Gesetz gemacht haben, dass Kinder zur Schule gehen müssen.
Mum steht auf und geht zum Fenster, und sie murmelt irgendetwas, dass sie wohl Regenschirme brauchen werden.
River überlegt, wo ihre Taube jetzt ist, ob sie irgendwo anders Schutz gefunden hat, zumindest, bis die Sonne wieder herauskommt.
Ganz kurz stellt sie sich ihren Täuberich vor, wie er mit weit ausgebreiteten Flügeln mit regennassen Federn über einen Regenbogen fliegt.
Heute wäre der perfekte Tag für einen Regenbogen, denkt sie. Ein Zeichen, dass wirklich alles passieren kann.
River und Mum brauchen genau dreiunddreißig Minuten für den Fußweg von ihrem möblierten Zimmer in der Acacia Road durch Regent’s Park und über Chester Gate bis zu Rivers Schule. Und dann dauert es noch einmal fünfzehn Minuten, bis Mum beim Krankenhaus ist, wo sie als Putzfrau arbeitet. Sie gehen jeden Tag zu Fuß. Auch wenn es regnet oder schneit oder der Wind so stark weht, dass River sich vorstellt, sie könnten jeden Augenblick von den Füßen gerissen und in die Luft gewirbelt werden, der sie erst im Löwenkäfig im Londoner Zoo wieder absetzt.
Mum sagt, dass River die frische Luft braucht. Doch River weiß, dass es auch noch andere Gründe gibt.
Zum Beispiel, dass sie kein Auto haben.
Und dass der Bus zu teuer ist.
Und vor allem weiß Mum, dass River, wenn sie vor dem Unterricht ein bisschen von der Energie abbauen kann, die in ihrem Körper tobt, höchstwahrscheinlich besser ein paar Minuten stillsitzen und tatsächlich etwas lernen kann.
Heute regnet es. Richtig stark. Regelrechte Wasservorhänge laufen seitlich von Rivers Regenschirm herunter. Ihre Schulschuhe sind jetzt schon durchnässt.
River isst ihren Müsliriegel auf und wirft die Packung in einen Abfalleimer im Park.
»Komm, Mum!«, schreit River durch den Regen.
Mum schlurft heute ganz langsam dahin, was bedeutet, dass sie nicht viel Schlaf bekommen hat. Und ihr Regenschirm ist so klein, dass er kaum ihren Kopf schützt. Aber andererseits ist Mum ja auch schmal, in beide Richtungen: senkrecht wie waagrecht. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist River größer als sie – vielleicht wird Mum dann endlich mal auf sie hören.
Auf jeden Fall möchte River ausnahmsweise richtig früh in der Schule sein. Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien und überhaupt ihr allerletzter Tag in der Caius Primary School, was bedeutet, dass kein Unterricht stattfindet, sondern nur ein paar Versammlungen und Abschiedspartys – und wenn der Regen mal kurz aufhört, können sie auf dem Pausenhof spielen, was überhaupt das Beste an der ganzen Schule ist. Wenn sich River zu lange in geschlossenen Räumen aufhält, breitet sich ein nervöses Jucken in ihrem ganzen Körper aus, als würden die Eingeweide gleich aus ihr herausplatzen. Sie wünschte, sie könnte in eine Schule gehen, in der der ganze Unterricht draußen stattfindet. Auch bei Regen.
»Mum?«
River rennt den Weg zurück und entdeckt Mum, die auf eine Reihe von Terrakottatöpfen im Italienischen Garten starrt, aus denen die roten Geranien quellen. Die Blüten sind mit Millionen von Regentropfen überzogen: Sie liegen auf den Blütenblättern wie große glänzende Tränen.
Rote Geranien sind Mums Lieblingsblumen. Sie hat River einmal verraten, dass sie in Venedig den ganzen Sommer über aus den Blumenkästen hängen und dass damit jedes Haus so aussieht, als hätte es hellroten Lippenstift aufgetragen.
Mum liebt Venedig. Sie war einmal dort, als sie noch ganz jung war.
Jeden Tag bleiben sie hier stehen, damit Mum schauen kann, wie es den Blumen geht.
River nimmt Mum bei der Hand. »Alles in Ordnung, Mum?«
Mum beißt sich auf die Lippe und nickt. »Ich kann einfach nicht glauben, dass heute dein letzter Schultag ist. Du wirst so schnell groß, River.«
River hat sich schon immer aufs Großwerden gefreut, aber wenn Mum davon redet, hört es sich immer an, als wäre es etwas Schlimmes.
Sie bleiben eine Weile dort stehen und lauschen dem Tropf, Tropf, Tropf – Pling des Regens auf ihren Schirmen.
»Jetzt komm, Mum«, sagt River.
Sie gehen weiter, bis sie an den zweiten Ort kommen, an dem sie jeden Tag stehen bleiben: dem Eingang des Londoner Zoos. River mag Tiere so sehr, wie Mum Blumen mag. Sie schaut sich gern die neuesten Poster und Aushänge an. Und manchmal meint sie zu hören, wie ein Schimpanse sich von Ast zu Ast schwingt, wie eine Hyäne lacht, wie die Pinguine ihre Frackflügel energisch nach hinten werfen, bevor sie ins Wasser hechten. Manchmal überlegt River, was passieren würde, wenn die Tierpfleger vergessen würden, die Käfige abzusperren, und alle Tiere aus den Ausgängen laufen und sich im Regent’s Park breitmachen würden. Das würde ihr gefallen.
Mum geht voraus und schaut auf ihr Handy, während River zu einer Anschlagtafel geht, um nachzuschauen, was es diesen Sommer für Veranstaltungen gibt. Aber dann hält sie inne, bevor sie ganz dort ist.
Da weint jemand. Und es hört sich nicht so an, wie wenn Mum weint – klein und unterbrochen von Schluckauf und Geschniefe. Wer hier weint, der weint so richtig: mit großen geräuschvollen Schluchzern.
River schaut sich um, um festzustellen, woher es kommt.
Auf einer Bank sitzt ein Mann, direkt neben dem Zooeingang. Er ist ganz allein. Den Kopf hat er in die Hände gestützt. Alles an ihm ist nass. Das zerzauste braune Haar klebt ihm am Gesicht, und das Regenwasser tropft ihm vom Saum seiner Jacke. Sein Schlips ist pitschnass, und sein weißes Hemd ist so nass, dass es durchsichtig geworden ist. Sogar die Anzughose klebt ihm an den Beinen – und seine Füße stehen in einer Pfütze.
Als wäre er mit Sachen schwimmen gegangen.
Im ersten Moment ist River nicht ganz sicher, ob die Tropfen, die dem Mann von den Augen kullern, Regen oder Tränen sind, aber nach den gurgelnd schluckenden Geräuschen zu urteilen, die er eben gerade noch von sich gegeben hat, weint er offensichtlich. Er ist wie so ein Clown, der sich das Gesicht bunt und fröhlich angemalt hat, aber trotzdem wie der traurigste Mensch auf Erden aussieht.
River kann sich nicht entsinnen, wann sie zum letzten Mal einen Mann hat weinen sehen – einen richtigen erwachsenen Mann.
Sie geht zu ihm, setzt sich neben ihn und kippt ihren Schirm leicht zur Seite, um ihn auch ein bisschen vorm Regen zu schützen.
»Alles in Ordnung?«, fragt sie.
Er blickt zu River auf und blinzelt, weitere Tränen laufen ihm aus den Augen. Die Augen hinter seinen Tränen sind groß und braun: Sie passen haargenau zu seiner Haarfarbe. Obwohl ihm der Regen ein etwas zerdrücktes Aussehen verpasst hat, ist er nicht alt. Er muss ungefähr in Mums Alter sein, vielleicht ein bisschen älter. Weswegen es dann wieder seltsam ist, dass er hier sitzt. Leute in Mums Alter haben normalerweise Jobs, zu denen sie morgens um diese Zeit eilig unterwegs sind.
»Wie heißen Sie?«, fragt River ihn.
»River – komm jetzt her!« Man hört Mums Stimme aus etwas weiterer Entfernung, sie ist die Straße schon ein Stück weitergegangen.
Der Mann blickt verdutzt auf.
»Keine Sorge – das ist bloß Mum.« River verdreht die Augen. Sie hat das Augenverdrehen geübt für den Fall, dass ihr jemand auf die Nerven geht, wie die Lehrer in ihrer Schule oder die Mädchen mit dem ordentlichen Haar, die schön still auf ihren Stühlen sitzen bleiben.
Jules, Mums beste Freundin, hat ihr das beigebracht: Sie ist die beste Augenverdreherin der Welt. Jules ist mehr oder weniger Rivers zweite Mutter. Sie wohnt bei ihnen, und River verbringt mehr Zeit mit ihr als mit jedem anderen, vor allem, weil Mum so viel arbeitet.
River mustert den Mann genau.
»Na, jetzt sagen Sie schon, wie heißen Sie?«
Er schaut auf seine Hände hinunter, als wollte er versuchen, seinen Namen irgendwo auf seinen Handflächen abzulesen. River entdeckt einen verschmierten Tintenfleck auf seinem linken Zeigefinger. Vielleicht ist er ja ein Linkshänder wie sie. Vielleicht hält er seinen Füller auch immer zu weit unten fest. Vielleicht haben ihn die Lehrer auch immer geschimpft, dass er seinen Füller verkehrt hält, als er noch klein war. So haben es Rivers Lehrer nämlich auch gemacht.
»Ich weiß nicht, warum Sie traurig sind, aber es ist höchstwahrscheinlich gar nicht so schlimm, wie Sie jetzt glauben«, erklärt ihm River sanft.
Das sagt Jules auch immer zu ihr, wenn sie über die Schule jammert.
»Warten Sie darauf, dass der Zoo aufmacht?«, fragt sie.
Er schaut zum Eingang, gibt aber keine Antwort.
Der Mann riecht feucht und schimmelig, wie Rivers Sachen, wenn Mum vergisst, sie aus der Waschmaschine zu nehmen. Vielleicht ist er ja obdachlos, denkt River. Aber Obdachlose tragen doch eigentlich keine Anzüge, oder?
Da fällt River ein Gehstock auf, der neben ihm an der Bank lehnt. Sie überlegt, ob wohl irgendwas mit seinen Beinen nicht stimmt und ob er deswegen im Regen sitzt und pitschnass wird: weil er sich nicht bewegen kann.
»River! Du kommst zu spät zur Schule!«
Sekunden später steht Mum vor ihnen. Sie starrt den Mann an, und River sieht, dass sie seine ganze Gestalt sekundenschnell erfasst: sein fleckiges, tränennasses Gesicht und seine klatschnassen Sachen und die quatschigen Schuhe.
River steht auf und zieht Mum beiseite. »Ich glaub, der ist traurig«, flüstert sie.
Mum schaut den Mann eine Sekunde an, und River sieht ihr an, dass sie genauso neugierig ist wie sie. Aber dann nimmt Mum River bei der Hand und sagt: »Der will jetzt wahrscheinlich ein bisschen ungestört sein. Komm, River, belästige ihn nicht.«
Mum zieht River energisch an der Hand.
Sie windet ihre Hand aus Mums Griff.
»Das sagt Jules nicht zu mir, wenn ich traurig bin. Sie sagt, es ist immer das Beste, wenn man seinen Kummer mit jemandem teilen kann. Und du sagst immer, dass Jules total klug ist und dass ich auf sie hören soll.« Diese Jules-Karte spielt River nur zu gern aus: Mum hört mehr auf Jules als auf jeden anderen Menschen. »Außerdem ist er pitschnass. Wir können den hier nicht einfach so sitzen lassen.«
Mum geht zu dem Mann. »Tut mir leid, wenn wir Sie gestört haben«, sagt sie. »River redet einfach gerne mit Leuten.«
Mum meint nicht Leute – sie meint Fremde auf der Straße. Sie hat River schon öfter dafür geschimpft. Das ist auch so etwas, was Mum nachts wach halten kann: dass River mit Fremden redet, und ihre Angst, dass sie ihr eines Tages gestohlen wird. Nur dass die meisten Fremden, die River so kennengelernt hat, wirklich nett schienen – manchmal netter als die Nichtfremden in ihrem Leben.
»Ich heiße River.« Sie streckt dem Mann die Hand hin. »Mum hat mich so genannt, weil sie Venedig liebt.« River macht eine Pause, denn ihr wird klar, dass jemand, der nicht die ganze Hintergrundgeschichte dazu kennt, das nicht unbedingt kapieren wird. »In Venedig gibt es eben viele Kanäle, die sind wie Flüsse, aber man kann seine Tochter ja schlecht ›Kanal‹ nennen, deswegen hat sie mich ›River‹ genannt.«
Die Augen des Mannes wirken jetzt schon wieder ein bisschen heller.
Mum ist von Italien besessen. Und nicht nur von den Blumen. Jules, River und sie wohnen über einem italienischen Restaurant namens »Gabino’s«, und sie zahlen wenig Miete, weil Mum für den Besitzer putzt. Den nennen sie Grummel-Gabs, weil er irgendwie nie glücklich aussieht. Mum hat versprochen, dass sie eines Tages, wenn sie ganz, ganz viel Geld gespart haben, mit River in den Urlaub nach Venedig fahren wird, und dann kaufen sie sich Masken und lungern den ganzen Tag auf den Gondeln herum.
River wartet darauf, dass er ihr jetzt auch seinen Namen verrät, aber er sagt keinen Ton. Also beugt sie sich zu ihm vor, versucht, den feuchten Geruch nicht einzuatmen, und sagt:
»Ich hoffe, es geht Ihnen bald wieder besser.«
Der Himmel verfärbt sich von Dunkelgrau zu hellerem Grau, und auf einmal hört der Regen auf.
River schaut hoch. »Puh!« Sie lässt den Regenschirm sinken und schüttelt ihn aus. Dann grinst sie ihn an. »Jetzt kriegen wir vielleicht einen Regenbogen.«
Ganz langsam wandern die Mundwinkel des Mannes nach oben, und einen Augenblick lang sieht er schon nicht mehr ganz so traurig aus.
»Mögen Sie Regenbogen?«, fragt sie ihn.
Er nickt.
»Ich auch. Ich glaube, die mag ich am liebsten von allen Sachen auf der ganzen Welt.«
Das Lächeln des Mannes wird noch ein bisschen breiter.
»Ich glaube, jetzt haben wir den Gentleman lange genug belästigt«, sagt Mum. »Komm, wir müssen uns jetzt wirklich auf die Socken machen, River.«
Aber River will nicht gehen, bis sie weiß, wer er ist.
»Haben Sie keinen Namen?«, fragt sie.
River findet furchtbar gern die Namen anderer Leute raus, vor allem, wenn es ungewöhnliche sind. Solche aus fernen Ländern, in denen sie nie gewesen ist – Namen, die man auf der Zunge rollen lassen kann und erst ein bisschen üben muss, bis man sie richtig aussprechen kann. Einer von Mums Putzkollegen heißt Ashur, das bedeutet »großer Krieger«, das ist schon irgendwie cool. Allerdings nennen ihn alle Ash, weil er sich immer rausschleicht, um auf der Feuertreppe zu rauchen. Und River mag auch die Geschichten, wie die Leute zu ihrem Namen gekommen sind, so wie sie den Namen River bekommen hat und wie Mums Freundin Jules heißt, obwohl ihr richtiger Name Juliet ist, aber den hasst sie, weil sie findet, dass das zu mädchenhaft klingt. Jules mag den Namen Jules, weil sie sagt, dann wissen die Leute nicht, ob man ein Mann oder eine Frau ist, und das ist gut, weil es genug Menschen auf der Welt gibt, die immer versuchen, die anderen in Schubläden zu stecken. River ist auch so ein Name – für Jungen und Mädchen.
River überlegt, was Jules von diesem Mann halten würde. Sie hat immer ganz klare Meinungen zu den meisten Leuten.
»Wenn wir Ihren Namen kennen, können wir Freunde werden«, sagt sie.
Dann überlegt sie kurz, ob es wohl möglich wäre, mit jemandem befreundet zu sein, ohne jemals seinen Namen zu erfahren.
Mum zupft River am Arm und zieht sie weg.
River sucht verzweifelt nach einem Grund, ihre Mutter zu überzeugen, noch ein bisschen zu bleiben, und in dem Moment hört sie eine leise Stimme hinter sich.
»Ich weiß es nicht mehr.«
Sie fährt herum. Seine Stimme klingt anders als bei Engländern. Sie rollt irgendwie ganz komisch.
»Was wissen Sie nicht mehr?«, fragt sie.
Der Mann schaut ihr direkt in die Augen. »Ich weiß nicht mehr …« Er hustet, und es dauert eine Weile, bis er wieder normal Luft kriegt. Dann schaut er mit seinen großen, traurigen braunen Augen wieder zu River empor und sagt: »Ich weiß nicht mehr, wie ich heiße.«
Isabel sitzt im Wartezimmer der Neuropsychiatrie neben dem seltsamen, stillen Mann, den River vor dem Londoner Zoo entdeckt hat.
Nachdem sie unter den Fundstücken im Krankenhaus keine Sachen finden konnte, die groß genug für seine bohnenstangenlangen Gliedmaßen wären, hat sie ihn in ein Krankenhausgewand gesteckt und in ein Handtuch gewickelt. Das muss jetzt erst mal so gehen.
Seine nassen Sachen stecken in einer Tüte neben seinen Füßen. Die Tüte steht in einer Pfütze, die Isabel wohl aufwischen muss, sobald sie sich endlich an die Arbeit machen kann, die sie schon längst angefangen haben sollte – Putzen.
Sie überlegt, wie er in diesem Anzug aussehen würde, wenn der trocken und sauber wäre und der Mann nicht in einem so elenden Zustand. Er hat glatte Haut – die einzigen Falten in seinem Gesicht sind die winzigen Lachfältchen an seinen Augenwinkeln. Sein Haar hat eine sattbraune Farbe, und obwohl seine Augen traurig aussehen, sind sie klar und strahlend.
Isabel stellt sich vor, dass er ziemlich schick ausgesehen haben muss in seinem Anzug, bevor er so nass und krank wurde. Er hätte jederzeit einer von den Pendlern sein können, die auf dem Weg in die Arbeit durch die City fahren. Jemand mit einem hübschen Büro und Frau und Kindern, zu denen er abends nach Hause kommt.
Der Mann hustet. Es ist ein gewaltiger, übler Husten, der aus den tiefsten Tiefen seiner Lunge kommt. Das klingt gar nicht gut. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er anscheinend keinen Schimmer hat, wer er ist oder wo er ist oder wie es kommt, dass er vor dem Londoner Zoo saß.
Als er weiterhustet, holt ihm Isabel einen Becher Wasser.
Doch als sie damit zurückkommt, ist er nicht mehr da.
Sie dreht sich einmal um die eigene Achse und entdeckt ihn dann, wie er über den Flur davongeht. Sie trabt los und hält ihn am Arm fest.
»Wo wollen Sie denn hin?«
Er schaut sie an, die braunen Augen weit aufgerissen.
Manchmal hat man, wenn man jemanden kennenlernt, nicht das Gefühl von Unvertrautheit oder Fremdheit, sondern von Erinnerung. Selbst wenn man weiß, dass man denjenigen noch nie gesehen hat.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Isabel zu diesem Anderssein hingezogen fühlt. Es gibt ihr eine gewisse Erleichterung, einen Fremden zu treffen, vor allem einen, der von weit her kommt – von einem Ort, der nichts mit ihr und ihrem Leben zu tun hat. So hat sie sich gefühlt, als sie vor all den Jahren mit Jules nach Venedig fuhr – als wäre in diesem kurzen Zeitfenster alles vergessen gewesen, was vorher war, und als könnte sie jemand Neues sein.
Er starrt sie weiter verständnislos an. O Gott, der steht ja völlig neben sich, denkt Isabel. Völlig neben sich.
»Schon gut.« Sie drückt ihm den Arm. »Kommen Sie einfach mit zurück und setzen Sie sich hin.«
Der Mann schaut von ihr weg, den Flur entlang, in die Richtung, in die er gegangen ist.
»Na kommen Sie, ich hab Ihnen ein Glas Wasser geholt«, sagt Isabel.
Sie bugsiert ihn behutsam zurück zu den Stühlen und drückt ihm dann den Becher Wasser in die Hand.
Er nimmt einen kleinen Schluck.
»Danke«, sagt er, aber es kostet ihn Mühe, das Wort deutlich auszusprechen, weil er schon wieder den nächsten Hustenanfall bekommt.
Isabels Handy vibriert. Eine Nachricht von Ash:
VIEL LÄNGER KANN ICH DEIN FEHLEN JETZT NICHT MEHR VERTUSCHEN.
Wenn Isabels Vorgesetzter, Stachel-Simon, herausfindet, dass sie schon eine Stunde von ihrer Schicht versäumt hat, wird er ihr den Lohn kürzen.
BIN GLEICH DA, schreibt sie zurück.
Dann steht sie auf und sagt zu dem Mann: »Warten Sie hier.«
Er nickt, und seine Augen werden traurig, wie in dem Moment, als River ihn im Park nach seinem Namen fragte. Sie hofft, dass er jetzt nicht wieder anfängt zu weinen. Sie hat das Gefühl, sie sollte irgendetwas sagen, damit er sich ein bisschen besser fühlt, oder ihm vielleicht den Arm um die Schultern legen.
Isabel krampft sich das Herz zusammen. Vielleicht war nicht nur River so viel daran gelegen sicherzustellen, dass es ihm gut geht.
»Ich bin gleich wieder zurück«, sagt sie sanft.
Sie geht den Korridor zu dem Zimmer, in dem die ganzen Ärzte sitzen und Kaffee trinken. Sie weiß, dass sie den Dienstweg gehen sollte, aber der Dienstweg dauert jetzt einfach zu lange.
Sie klopft.
Eine Ärztin, die sie noch nie gesehen hat, macht die Tür auf. Eine Frau mit weißblonden Haaren. Jung. Viel jünger als Isabel. Isabel sieht den Namen auf dem Schild der Frau: Dr. Reed.
Die Ärztin mustert Isabel von oben bis unten, sieht ihren Putzfrauenkittel.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie.
»Könnte ich bitte mit David sprechen?«
Dr. Reed zieht die dünnen Augenbrauen hoch. Die hat Zeit für so was, denkt Isabel. Die hat Zeit, sich um ihr Aussehen zu kümmern.
»David?«, wiederholt die Frau.
»Dr. Deardorff. Ich muss ihn was fragen wegen einem Patienten.«
Er ist der beste Psychiater der Station. Wahrscheinlich in ganz London. Aus dem ganzen Land werden Patienten zu ihm geschickt – schwere Fälle, denen andere Ärzte nicht helfen konnten.
Dr. Reed runzelt die Stirn, legt den Kopf schräg und zeigt deutlich, dass sie die ID-Karte liest, die von Isabels Schlüsselband hängt. »Ein Patient?«
Isabel wünscht sich, sie hätte nie an die Tür geklopft.
»Ich glaube, er ist gerade beschäftigt …«, beginnt die Frau.
Doch dann schiebt David sie beiseite. »Isabel! Dachte ich mir doch, dass ich deine Stimme hier höre.«
David ist klein und rundlich, hat eine Brille mit dicken Gläsern und Grübchen – diese Grübchen verleihen ihm eher das Aussehen eines Kindes als eines erwachsenen Mannes. Aber sie verleihen ihm auch ein warmes und freundliches Aussehen, das nicht ganz so einschüchternd ist wie das der anderen Ärzte.
David scheint nie nach Hause zu gehen, und Isabels Schichten sind auch lang, deswegen überschneiden sich ihre Leben im Krankenhaus immer oft.
David schiebt sich die Überreste eines Jammie-Dodger-Kekses in den Mund, schluckt und wischt sich ein paar Krümel von der Oberlippe. Dann zieht er eine Schachtel Rennies aus der Tasche. Mit dieser Gewohnheit ist Isabel vertraut: Jammie Dodgers, gefolgt von Rennies.
»Was kann ich für dich tun, Isabel?«, fragt er, während er auf seiner Tablette herumkaut.
»Ich brauch deine Hilfe.«
Er schluckt den Rest der Tablette und lächelt sie dann an, als wäre es das Netteste, was sie überhaupt für ihn tun könnte an diesem grauen, regnerischen Tag, dass sie ihn um einen Gefallen bittet.
»Es tut mir leid, dich zu stören …«, stottert sie. »Ich weiß, dass du sehr viel zu tun hast …«
»Quatsch. Worum geht’s?«
»Würde es dir was ausmachen, dir einen Patienten anzusehen?«
Die junge Ärztin drückt sich immer noch in ihrer Nähe herum. »Ich mach das hier schon«, sagt er zu ihr.
Dr. Reed bedenkt David mit einem galligen Lächeln und geht wieder ins Personalzimmer.
»Bring mich zu ihm«, sagt David.
Er macht keine Bemerkung zu der klatschnassen Plastiktüte neben den Füßen des Mannes oder warum er in ein Handtuch gewickelt ist oder was er mit Isabel zu tun hat. Vielmehr schüttelt er dem Mann die Hand und lächelt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Isabel die Parallelen zwischen David und River auffallen: diese erschütternde Offenheit, mit der sie der Welt begegnen.
»Hallo, ich bin Dr. Deardorff.« Er schiebt sich die Brille auf der Nase nach oben.
Der Mann nickt.
David nimmt ihn beim Ellbogen und hilft ihm vom Stuhl hoch.
Der Mann greift nach seinem Stock, zuckt schmerzlich zusammen und reibt sich das Knie.
»Tut Ihnen das sehr weh?«, erkundigt sich David und schaut auf das Bein.
Wieder nickt der Mann.
David nickt ebenfalls. »Gut, dann besorgen wir Ihnen jetzt mal ein Bett und schauen uns das alles ganz genau an.«
Der Mann fängt an zu husten und hustet ein paar Minuten weiter. David reibt ihm langsam und behutsam mit kreisenden Bewegungen den Rücken, wie man es bei einem verstörten Kind tun würde.
»Na, das müssen wir uns dann wohl auch anschauen. Sie sind ja der reinste Invalide, hm?«
Einen Augenblick schaut ihn der Mann verblüfft an. »Ein Invalide?«
David lächelt warm. »Das hab ich bloß so gesagt.« Er wendet sich an Isabel. »Kommen Sie, Schwester Rushworth?«
So nennt er sie, wenn sie ihm mit einem Patienten hilft. Er ist der Einzige im Krankenhaus, der weiß, dass sie vor langer Zeit genau das werden wollte: Krankenschwester.
»Ich muss zurück an meine Arbeit«, sagt Isabel. »Tut mir leid.«
David verbeugt sich leicht, als sie geht. »Selbstverständlich.«
Sie dreht sich noch einmal zu David um. »Danke, dass du ihm hilfst.«
Als sie zuschaut, wie der kleine pummelige Arzt den großen langgliedrigen Mann stützt, während sie gemeinsam den Flur entlanggehen, denkt sie sich, dass es wohl kaum ein ungleicheres Paar geben könnte.
Die Flut steigt. Wellen lecken nach seinem Körper, als wäre er das Ufer.
Jetzt dauert es nicht mehr lange, denkt er, dann werde ich komplett weggeschwemmt. Vielleicht wird dann alles einfacher.
Er versucht, die Hände an die Ohren zu heben, um die Geräusche auszublenden, aber die Klemme ist im Weg, die seinen Kopf in Position hält.
Das ist nichts Schlimmes, hatte der Arzt ihm erklärt. Wir müssen nur dafür sorgen, dass Ihr Kopf exakt in derselben Position bleibt, damit wir eine scharfe Aufnahme bekommen.
Er schlägt mit den Armen gegen das Bett.
Warum hat er zugelassen, dass sie ihn hierherbringen?
Seltsam klirrende Geräusche, etwas gedämpft durch seine Ohrenstöpsel. Aber trotzdem noch laut genug. Hinter den geschlossenen Augen sieht er eine Metallleiter, die gegen eine Schiffsseite schlägt.
Klonk. Klonk. Klonk.
Es dauert nicht lange, hatte der Arzt gesagt. Wir schauen nur ganz schnell, um uns zu vergewissern, dass wir da nichts Größeres übersehen bei Ihnen.
Aber es fühlt sich an, als wäre er schon Ewigkeiten hier drin.
Klonk. Klonk. Klonk. Das Geräusch wird von seinen Schädelknochen zurückgeworfen.
Es wird nicht wehtun, hatte er gesagt und ihm den Arm gedrückt.
Aber es tut alles weh.
Er versucht, seinen Kopf hin- und herzudrehen, doch der wird von der Klemme fixiert.
Er will hier weg. Er will wieder draußen sein, unter freiem Himmel, neben dem Zooeingang. Und dort warten.
Wenn er die Kraft aufbringen könnte, sich genau dort hinzustellen, wo die Leute reingehen, würde es vielleicht besser klappen. Vielleicht hätte er sich nie auf diese Bank setzen dürfen. An Bänken gehen die Leute einfach vorbei. Sie sehen nichts.
Er schlägt die Augen auf. Hier drinnen ist es dunkel.
Wo ist der Arzt?
Da spürt er den Knopf in der Hand. Er drückt ihn mehrmals.
»Geht es Ihnen gut da drinnen?«, hört er eine Stimme.
Es ist nicht die Stimme des Arztes.
Wo ist er?
Und wo ist die Schwester, die ihn gebracht hat? Die Mutter von diesem kleinen Mädchen. Dem Mädchen, das ihn gefunden hat.
Wo sind sie jetzt?
Er schlägt die Augen auf. Es ist dunkel. Irgendwo in weiter Ferne blinken Lichter über dem dunklen Ozean.
Er muss hier raus.
Er versucht aufzustehen, aber er kann sich nicht rühren.
Ich sollte hier gar nicht sein.
Er bewegt die Beine. Seine Knie brennen und stechen.
Davon machen wir auch noch schnell ein Bild, hatte der Arzt gesagt. Wollen uns doch vergewissern, dass da nichts gebrochen ist.
Er hebt die Hände an den Kopf und hämmert mit den Fäusten gegen die Wände.
Klonk. Klonk. Klonk.
Alles ist zu laut hier drinnen.
Und die Flut steigt.
Es kann einem ein bisschen seltsam vorkommen, aber Sie müssen sich wirklich keine Sorgen machen, hatte der Arzt gesagt.
»Wir sind jetzt fast durch.« Wieder kommt die Stimme von draußen.
Ich muss hier raus. Ich muss wieder zurück zu der Bank vorm Zoo. Ich hätte nie gehen dürfen.
Wieder schlägt er mit den Armen um sich. Dann drückt er den Knopf immer und immer wieder. Er schreit jetzt, seine Stimme überschlägt sich. Er hustet. Die Worte kommen nicht über seine Lippen.
Und die Flut steigt weiter.
»Lassen Sie mich hier raus!« Er schreit es immer und immer wieder, biegt den Rücken durch, spannt sämtliche Muskeln an. »Lasst mich hier raus!«
»Du hast ihn also im Regent’s Park gefunden?«, fragt Ash, während er den Bereich um das Schwesternzimmer feucht aufwischt.
Neben Jules ist Ash Isabels engster Freund. Sie treffen sich zwar nie außerhalb des Krankenhauses, aber sie haben gleichzeitig angefangen, und so arbeiten sie jetzt schon seit über zehn Jahren zusammen.
»Genau.«
»Und er weiß nicht mehr, wie er heißt?«
»Genau.«
»Schaust du dann noch mal nach ihm?«
»Weiß nicht.«
»Wieso weißt du das nicht?«
»Ich kann ja nicht viel mehr machen. Man kümmert sich doch jetzt um ihn.«
»Bist du denn gar nicht neugierig?«
Neugier bringt einem nichts als Ärger und Scherereien ein. Das hat sie schon mehrfach erfahren, seit sie ihre Tochter River hat.
»Das war ganz schön nett von Dr. Deardroff – ich meine, er hätte ja nicht helfen müssen. Also, ich finde ihn echt nett.«
»Ja, stimmt.« Isabel hält kurz inne.
Ash stützt sich auf seinen Mopp auf, lehnt sich zu Isabel und grinst sie an.
»Der könnte dir nie was abschlagen.«
Isabel zupft am Kragen ihres Putzfrauenkittels. Sie hasst das Polyester auf der Haut.
»Er ist Facharzt, Ash, und ich bin Putzfrau. Außerdem bin ich fertig mit den Männern – Anwesende natürlich ausgenommen.«
In Wirklichkeit ist Isabel freilich nicht fertig mit den Männern: Sie ist nur noch nicht über den Mann hinweggekommen, in den sie sich vor mehr als elf Jahren verliebt hat. Nein, das stimmt so auch nicht. Sie waren ja nur ein paar Stunden zusammen. Man muss schon länger mit jemandem zusammen sein, um ihn wirklich zu lieben, oder?
Du bist in deine Vorstellung von diesem Mann verliebt, sagt Jules. Und diese Vorstellung langweilt langsam.
Sie hat ja recht.
Seit Jahren ist Isabel verliebt in die Erinnerung, was für Gefühle er in dieser einen Nacht in ihr geweckt hat und wie sie sich selbst sah, als ihr Leben noch voller Möglichkeiten war. Und jetzt hat sie Angst, dass sie nie wieder jemanden finden wird, bei dem sie genau so viel empfinden wird. Und wenn doch, hat sie Angst, dass ihr genau dasselbe wieder passiert: Eines Tages wird sie aufwachen, und dann ist er weg, und sie steht wieder allein da.
Und selbst wenn nicht so viel im Weg stünde – wann sollte sie denn überhaupt die Zeit finden, um sich neu zu verlieben? Sie arbeitet Doppelschichten im Krankenhaus, damit sie über die Runden kommen, und wenn sie nicht hier ist, dann macht sie sich Sorgen um River.
Ash schüttelt den Kopf. »Na, wir werden’s ja sehen.«
»Was werden wir sehen?« David steht hinter ihnen. Er schiebt sich die Brille die Nase hoch und schaut sie aufmerksam an.
Ash zwinkert ihr zu. Isabel wirft ihm einen vielsagenden Blick zu.
»Ich dachte, du kommst noch mal hoch und schaust nach, wie es unserem Patienten geht?«, sagt David. »Er wartet auf dich.«
»Auf mich?«
»Du bist diejenige, die ihn hergebracht hat – er vertraut dir, Isabel.«
Der kennt mich ganze fünf Minuten, denkt Isabel, er ist wahrscheinlich bloß durcheinander.
Und dann denkt sie an seine großen braunen Augen und wie er sie angeschaut hat, als würde er versuchen, eine Antwort in ihrem Gesicht zu finden.
»Tut mir leid«, sagt sie. »Ich hab zu viel zu tun hier unten.«
David legt den Kopf schief. »Er hatte einen ziemlich unschönen Vormittag«, sagt er.
Isabel schaut zu ihm auf. »Ja?«
»Er hat nicht so gut auf das MRT reagiert. Und er sagt die ganze Zeit, dass er gehen will.«
»Der arme Kerl«, wirft Ash ein.
»Ja, der hat echt eine Menge mitgemacht.« David richtet seine Augen auf Isabel. Sie kennt diesen Blick: Er will, dass sie ihm hilft, und er weiß, dass sie Ja sagen wird. »Er würde dich gerne sehen, Isabel.«
»Hat er das gesagt?«
David nickt. »Dich und River.«
David kennt River fast genauso lange wie Isabel, und wenn Jules sie nicht sitten kann, erlaubt er ihr, sie mit ins Krankenhaus zu bringen.
Ash sagt, dass das Krankenhaus Davids Familie sei, was Isabel immer ziemlich traurig findet. Obwohl sie wahrscheinlich nicht so viel anders ist. Sie verbringt mehr Zeit damit, diese Station zu schrubben, als mit allen anderen Dingen.
»Er ist ganz schön eingenommen von euch«, fügt David hinzu. Seine Ohren sind am Rand ganz rot.
Zwischen ihnen hängt ein unbehagliches Schweigen in der Luft, in das sich jetzt Gott sei Dank Ash einklinkt: »Haben Sie rausgefunden, was mit ihm ist?«
»Sein Knie ist ziemlich lädiert, aber mit ein bisschen Physiotherapie werden die Schmerzen bald weniger.«
»Hatte er einen Unfall?«
David reibt sich die Schläfen. »Ich hab die Bilder sehr lange angestarrt, und ich kann mir hinten und vorn keinen Reim drauf machen. Es ist kein Bruch und keine Verstauchung. Es sieht so aus, als wären die Bänder vielleicht mal gerissen, aber nicht von irgendeiner körperlichen Aktivität, wie man annehmen würde. Es ist eher so, als wäre sein gesamtes Bein irgendwie gestreckt worden. Ich werde jetzt auf jeden Fall eine Physio organisieren, und gegen die Schmerzen werden entzündungshemmende Medikamente helfen.«
»Und der Husten?«, fragt Isabel.
»Seine Lunge ist auch in schlechter Verfassung, aber das ist leichter zu erklären – er hat nämlich eine Lungenentzündung.«
»Vom Draußenschlafen?«, will Ash wissen.
»Ich nehme es mal an. Unter bestimmten Bedingungen kann man schnell mal eine Lungenentzündung bekommen, vor allem wenn das Immunsystem am Boden ist.«
Isabel denkt an heute Morgen zurück, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hat: seinen Bart; sein langes zottiges Haar; wie ihm der Regen bis auf die Knochen gegangen zu sein schien, als hätte er schon ein Leben lang auf dieser Bank gesessen. Sie überlegt, ob es möglich wäre, dass River und sie schon früher mal an ihm vorbeigegangen sind, ohne ihn zu bemerken. Aber andererseits weiß sie sehr gut, dass das nicht möglich ist.
»Also, das Knie und die Lungenentzündung sind behandelbar«, fährt David fort. »Wie sich herausgestellt hat, wird die Sache mit der Amnesie um einiges komplizierter.«
»Kannst du den Grund für seinen Gedächtnisverlust nicht ermitteln?«, fragt Isabel.
Manchmal denkt Isabel immer noch darüber nach, an die Uni zu gehen und ihr Diplom in Krankenpflege zu machen: Sie würde gerne so viel darüber wissen, was die Menschen krank macht. Aber dann fällt ihr wieder ein, dass sie kein Geld hat und nicht mehr die Jüngste ist und dass sie keine Zeit hat, und sie tut es als dumme Idee ab.
»Wir sind immer noch an den letzten Untersuchungen«, sagt David. »Er hat wahrscheinlich irgendeine Art Schock erlebt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er sich bald wieder an Dinge erinnert. Diese Art von Amnesie dauert normalerweise nicht lange.«
»Welche Art?«
»Wenn es eben keine Anzeichen von physischem Trauma am Gehirn gibt.«
»Isabel hat gesagt, dass er nicht mal mehr weiß, wie er heißt – ist das nicht ein bisschen seltsam?«, fragt Ash.
»Es ist seltsam«, sagt David. »Aber wir müssen der Sache ein bisschen Zeit geben.« Er wendet sich wieder an Isabel. »Hat er dir irgendwelche Informationen gegeben, als ihr mit ihm gesprochen habt? Habt ihr irgendwelche Papiere bei ihm gefunden? Hatte er eine Tasche oder so was?«