CATHERINE AUREL hat drei große Leidenschaften: das Schreiben, die Beschäftigung mit der Geschichte – und das Reisen. Als großer Toskana-Fan hat es sie schon vor vielen Jahren zum ersten Mal nach Pisa verschlagen, wo sie den Schiefen Turm bestiegen hat. Seit damals reifte die Idee, über die Entstehungsgeschichte eines der berühmtesten Gebäude der Welt einen Roman zu schreiben. Nach intensiven Recherchen, die sie an die Originalschauplätze zurückführten, hat sie diesen Traum nun verwirklicht.
Grimaldi – Der Fluch des Felsens in der Presse:
»Eine unglückliche Liebe, perfide Intrigen, brutale Schlachten: In dem Historienroman werden die Anfänge der Fürstenfamilie packend erzählt.« Frau von Heute
»Fesselndes Familienepos!« SuperILLU
»Aurels Erzählstil ist kenntnisreich und humorvoll-augenzwinkernd. Die Gestalten des ١٣. Jahrhunderts werden vor den Augen des Lesers lebendig. So macht Geschichte Spaß.« Westdeutsche Zeitung
Außerdem von Catherine Aurel lieferbar:
Grimaldi – Der Fluch des Felsens
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Das Zitat auf S. 600 stammt aus: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Askanischer Verlag.
Umschlag: Bürosüd
Umschlagmotiv: Bürosüd
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-23802-5
V003
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(Historische Persönlichkeiten sind mit einem * versehen)
Ugolino della Gherardesca (*), Oberhaupt der guelfischen Linie des Hauses Donoratico
Capuana (*), Ugolinos zweite Ehefrau
Guelfo (*), Gaddo (*), Uguccione (*), Lotto (*), Ugolinos Söhne aus erster Ehe
Matteo (*) und Beatrice (*), Ugolinos Kinder aus zweiter Ehe
Nino (*), Enrico (*) und Anselmuccio (*), Ugolinos Enkelsöhne
Bianca, Enricos Frau
Guelfuccio (*), Enricos Sohn
Baccio da Caprona (*), ein treuer Gefolgsmann der Gherardesca
Bonifazio (*), Vetter von Ugolino und Oberhaupt der ghibellinischen Linie des Hauses Donoratico
Ranieri, genannt Neri (*), Bonifazios Bruder
Gaddo (*), Bonifazios Sohn
Nino Visconti (*), Ugolinos Neffe, Oberhaupt der guelfischen Visconti
Ganno Scornigiano (*), ein Gefolgsmann der Visconti
Das Haus Sismondi (*)
Das Haus Lanfranchi (*)
Das Haus Gualandi (*)
Abelardo Gualandi, Pisaner Kaufmann
Riccia, seine Frau
Bona, Riccias Dienerin
Aziza, Abelardos Ziehtochter
Marcantonio, Azizas Hauslehrer
Bella, Azizas Tochter
Witwe Petrulia, Bellas und Bonas Nachbarin
Giovanni di Simone (*), Pisaner Architekt und Baumeister
Jalil, arabischer Bauarbeiter
Nicola (*) und Giovanni (*) Pisano, Tino di Camaino (*), Tommaso Pisano (*), Pisaner Bildhauer
Gironimo und Fabrice, Lehrlinge von Tino di Camaino
Elia, junger Pisaner Bildhauer
Michele Scacceri (*), Verwalter der Pisaner Dombauhütte
Gabriele, ein Glockenbauer
Fiora, seine Frau
Aiutamicristo, genannt Cristo, Gabrieles Gefährte
Alberto Morosini (*), Guido da Montefeltro (*), Uguccione della Faggiola (*), Piero Gambacorta (*), Herren von Pisa im 13. und 14. Jahrhundert
Castruccio Castracani (*), Herr von Lucca
Ruggieri degli Ubaldini (*) und Otto von Sala (*), Erzbischöfe von Pisa
Maurizio (*), Ruggieris Neffe
Lotario, Waisenknabe, später Domkanoniker und Rechtsgelehrter
Bruder Gismondo, ein Mönch
»Eines schönen Tages erwachte der große Baumeister Bonanno beim ersten Dämmerlicht. Sobald er sich aus dem Bett erhoben hatte, richtete er wie immer ein Gebet an Gott, ein zweites an die Jungfrau Maria, ein weiteres an den Heiligen Ranieri, einen großen, gleichwohl sehr bescheidenen Sohn Pisas. Erst dann schlüpfte er in seinen Kittel, klopfte sich den Staub ab, spülte seinen Mund mit Wein – und just in diesem Augenblick fiel sein Blick auf den Domplatz. Der Weinkrug entglitt Bonannos Händen. Sie zitterten, als er sich bekreuzigte, ein Ruf des Entsetzens kam über seine Lippen.«
Der Mönch machte eine kunstvolle Pause. Erst als er sich sicher war, dass die Blicke sämtlicher Umstehenden auf ihn gerichtet waren, fuhr er heiser raunend fort: »Bonanno starrte auf den frei stehenden Glockenturm – oder vielmehr auf das, was ein solcher werden sollte. Er selbst überwachte seit nunmehr einem Jahrzehnt die Bauarbeiten, erst kürzlich war das dritte Stockwerk fertiggestellt worden. Doch nun musste er Schreckliches feststellen.«
Eine noch längere Pause folgte, bis die Versammelten den Atem anhielten, obwohl sie den Ausgang der Geschichte längst kannten.
»Der Turm hatte sich über Nacht geneigt«, flüsterte der Mönch, »er wuchs nicht mehr gerade zum Himmel empor, er stand so schief wie ein vom Sturm umgeknickter Baum.«
Ein Raunen ging durch die Menge, lauter noch als das Rauschen der Pinie, die gleich neben der Eremitage des Mönchs wuchs. Sie war an jener breiten Straße entlang des linken Ufers des Arnos errichtet, die von Pisa zum Hafen führte, und nur ein kleines Stück von weiteren Hütten entfernt, in denen ebenfalls Männer Gottes wohnten. Die Mönche taten den ganzen Tag nichts anderes, als zu beten und um Almosen zu betteln – und dann und wann Geschichten zu erzählen. Es waren spannende, wundersame, schreckliche und lustige Geschichten, und sie veranlassten die Reisenden, eine Pause einzulegen, neugierig zu lauschen und hinterher ergriffen ihre Geldbörse zu zücken.
Nicht dass sich der Mönch, der soeben die Geschichte des Baumeisters Bonanno und des Glockenturms der Stadt erzählte, allein darauf verließ. Neben der Holzhütte war ein Schaf angebunden, das ihn mit Wolle und Milch versorgte, sich heute jedoch leider als Störenfried erwies, weil es just in diesem Moment laut mähte. Das führte dazu, dass wiederum das Huhn im Holzverschlag aufgeregt gackerte, wie es das ansonsten nur tat, wenn es ein Ei legte – und schon war es dahin mit der Spannung.
Ein Kaufmann – zumindest ließ sein Gewand aus mit Gold bestickter Seide, vor allem die kostbaren Stoffknöpfe, mit denen die Tunika an der Brust geschlossen wurde, vermuten, dass er einer war – sagte forsch: »Na und? Jeder, der je in Pisa war, weiß, dass unser Glockenturm schief ist und das seit nunmehr zweihundert Jahren. Und fast jeder, der mit den Pisanern darüber gesprochen hat, weiß, wer Schuld daran hat.«
Nun war es der Mönch, der den Atem anhielt, nicht vor Aufregung, vielmehr vor Empörung, weil seine Erzählung so dreist unterbrochen wurde. Ebenso verdrossen war Cristo, der sich zu den Umstehenden gesellt hatte. Ihn hatte nicht die Geschichte herbeigelockt – er hatte sie oft genug gehört –, sondern die Geldbörsen der Passanten, ihre kostbaren Gürtel und ihr Schmuck.
Eben hatte er sich an den Kaufmann heranpirschen wollen, um unbemerkt den Dolch von seinem Gürtel zu klauen. Doch nun waren alle Blicke auf diesen Mann gerichtet, und Cristo musste in den Schatten der Pinie treten und so tun, als wäre er einzig an den Worten des Kaufmanns interessiert.
»Guglielmo von Innsbruck trägt die Verantwortung dafür, dass der Turm schief ist«, fuhr der Kaufmann fort, die finstere Miene des Eremiten missachtend. »Er hatte einen größeren Buckel, als meine Katze ihn macht, wenn sie einem knurrenden Köter begegnet, und er hat für Bonanno die Steine des Turms so aufeinandergeschichtet, dass der Turm am Ende seinem schiefen Rücken glich. Es heißt, er wollte sich an Gott für seinen Buckel rächen – oder an den Pisanern, die ihn deswegen verspotteten.«
Der Mönch musterte den Mann grimmig, Cristo hingegen sah sich lieber nach seinem nächsten Opfer um.
Cristo hieß eigentlich Aiutamicristo – Hilf mir, Christus –, und bis heute hatte er keine Ahnung, ob seine Mutter die Hilfe Christi ihm oder sich selbst gewünscht hatte, als sie ihn so hatte taufen lassen. Als er alt genug gewesen war, um diese Frage zu stellen, nämlich vier, war sie schon tot gewesen. Und mit seinen mittlerweile zehn Jahren war er längst zu dem Schluss gekommen, dass man nicht auf Christus zählen sollte, sondern sich selbst helfen musste.
Könnte er vielleicht die junge Gattin eines Greises, deren Augen fast aus den Höhlen und deren Brüste fast aus dem engen Kleid quollen, bestehlen? Diese war im Übrigen ebenfalls der Meinung, sie könnte mitreden, denn soeben erklärte sie: »Guglielmo hat den Turm nicht schief gebaut, weil er selbst einen schiefen Rücken hatte, sondern weil Bonanno ihm nicht den vereinbarten Lohn bezahlt hat. Daraufhin wurde er so zornig, dass er dem Turm den Befehl gab, sich zur Seite zu neigen.«
Cristo pirschte sich unmerklich an die Frau heran, die zwar keine Geldbörse trug, am Ausschnitt des engen Kleides aber ein paar Perlen. Ob er eine abreißen könnte, ohne dass sie es bemerkte? Allerdings könnten diese nur allzu schnell in den Schlitz ihrer Brüste kullern. Besser, er beklaute den jungen Mann, der am Holztisch vor der Eremitage saß. Zugegeben, dieser war nicht besonders elegant gekleidet. Weder trug er Samt und Seide noch Stoffknöpfe und erst recht keine Perlen, sondern lediglich eine schlichte Tunika aus Schafwolle. Aber an seinem Gürtel hing ein Beutel, und der sah sehr schwer aus. Cristo hätte schwören können, dass er randvoll mit Münzen war, und es begann ihm in den Fingern zu jucken!
Den Eremiten juckte gar nichts, er hob drohend die Hand, die er eben noch in seiner rauen Kutte versteckt gehalten hatte. »Was für ein Unsinn! Kein Mensch vermag es, einem Turm zu befehlen, schief zu werden, der eben noch gerade stand! Kein Fluch wäre mächtig genug! Gott allein hat die Macht, ganze Türme zu zerstören.«
»Aber dass der Turm verflucht ist, leugnest du nicht«, warf die Frau mit den großen Brüsten ein. »Kein Wunder, er wurde schließlich in der Nähe eines Gräberfeldes errichtet. Und in diesen Gräbern liegen nicht nur gute Christenmenschen begraben, auch Sarazenen und Juden.«
Cristo hatte den jungen Mann erreicht, stellte fest, dass der Sack, in dem sich wohl etliche Münzen befanden, mindestens zweimal verknotet war. Verdammt! Cristo war nicht gut darin, Knoten zu lösen, zumindest nicht so gut wie Silvio, mit dem er sich manchmal das taubenverschissene Eckchen hinter dem Brunnen von San Cristofano teilte. Wobei er Silvio nicht unbedingt brauchte, Cristo trug ja sein kleines Messer mit sich, mit diesem konnte er den Lederbeutel aufschlitzen und … Himmel!
Der Mann, der eben noch gemächlich am Holztisch gesessen hatte, erhob sich abrupt. »Wenn man zu erklären versucht, warum der Turm schief ist, sollte man nicht allein von Gott und von Männern reden«, sagte er, »nein, wenn man die Geschichte des Turms erzählt, sollte der Name einer Frau fallen.«
Alle fuhren zu ihm herum, und Cristo überlegte, ob ihm das zum Vorteil oder Nachteil gereichte. Zwar starrten alle neugierig in das Gesicht des Mannes, jedoch nicht auf seinen Gürtel. Leider hatte sich der Mann aber soeben leicht von ihm weggedreht.
»Von welcher Frau redest du?«, fragte der Kaufmann und haderte sichtlich damit, dass ein anderer noch vorlauter war als er.
»Nun, von … Aziza.«
Ein heiserer Schrei ertönte, von dem Cristo kurz nicht sagen konnte, wer ihn ausgestoßen hatte. Der Kaufmann jedenfalls nicht, der murmelte nur, dass er diesen Namen noch nie gehört hatte. Erst verspätet erkannte Cristo, dass er aus der Richtung des Mönchs gekommen war. Dessen Gesicht, gefurcht wie der Stamm der Pinie, lief rot an. Seine Miene verriet kein geringeres Entsetzen, als es Bonanno beim Anblick des schiefen Turms überkommen haben musste. Er schnappte nach Atem, als hätte der junge Mann nicht einfach nur einen Namen genannt, sondern ihm vielmehr die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Seine Augen schienen feucht zu werden, sich dann in den Höhlen zu verstecken, als wäre es eine Zumutung, die Welt betrachten zu müssen. Und noch etwas war da in seiner Miene zu lesen, kein kurz aufflackerndes Gefühl, sondern etwas, das schon seit vielen Jahren sein Leben verdunkelte. Schlechtes Gewissen. Verzweiflung. Trauer.
»Wage nie wieder, den Namen dieser Frau in meiner Gegenwart auszusprechen«, knurrte er, »und ihr anderen … ihr anderen verschwindet jetzt!«
Er stampfte auf, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, wandte sich ab, ohne abzuwarten, ob sein Befehl befolgt wurde, und betrat hastig seine winzige Hütte. Er schlug die Tür so heftig zu, dass das ganze Gebäude erzitterte. Das Schaf mähte wieder, das Huhn gackerte noch närrischer. Kaum weniger nervös klang das Kichern aus dem Mund der jungen drallen Frau. Rasch riss es wieder ab, denn auf die brennende Neugierde folgte bald die Einsicht, dass diese hier und heute nicht gestillt werden würde. Sie zerrte ihren greisenhaften Mann mit sich, auch der Kaufmann ging zu seinem Diener, der mit den Pferden beim Wagen wartete, und bald zerstreute sich der Rest. Nur der junge Mann, auf dessen Vermögen es Cristo abgesehen hatte, trat zur Tür der Eremitage, verharrte dort, schien kurz zu überlegen, ob er klopfen, sich gar gewaltsam Einlass verschaffen sollte. Am Ende tat er aber nichts von beidem, sondern ließ sich gedankenverloren, nahezu verstört auf die Bank fallen.
Endlich! Lautlos schlich sich Cristo an ihn heran, zückte sein Messer. Nur mehr ein kleiner Schnitt, dann würde wenigstens eine Münze hervorkullern, er müsste sich nur bücken und … Die Klinge berührte das Messer noch nicht, als der Mann herumfuhr, ihn am Handgelenk packte, es leicht drehte, bis ihm vor Schmerz das Messer entglitt. Verdammt, es war doch sein einziger Besitz! Wobei der ihm im dunklen Kerker nichts helfen würde, in dem er jetzt unweigerlich landen würde!
»Was machst du denn da?«
Bis jetzt hatte Cristo den jungen Mann nur von hinten gesehen, festgestellt, dass er die Haare länger trug als die meisten Pisaner, außerdem weiche Locken hatte. Nun starrte er in Züge, so fein, als wären sie aus Elfenbein gemeißelt wie die vielen Madonnenstatuen der Stadt. Das Ebenmaß täuschte allerdings nicht über das Misstrauen hinweg, das aus der Miene sprach.
Cristo deutete hastig auf das Schaf, obwohl das ein geraumes Stück von ihm entfernt stand. »Ich wollte das Schaf scheren, um mir aus der Wolle Schuhe zu machen«, log er und deutete auf seine Füße, denen man ansah, dass sie nie Schuhwerk getragen hatten. Die Haut war verhornt, verschorft, die Nägel gelb und viel zu lang.
»Schuhe aus Wolle werden dir nichts nützen. Was du brauchst, ist Leder.«
Cristo nickte vermeintlich zerknirscht. Wenn der andere schon von Leder sprach, würde er sich womöglich gleich seines Lederbeutels und dessen Inhalts vergewissern, und damit sank die Chance, ihn doch noch zu bestehlen, endgültig. Nun, Hauptsache, er wurde losgelassen, doch obwohl sich der Griff nun etwas lockerte, gab der Mann sein Handgelenk nicht frei. »Wenn du Geld für Leder von mir haben willst, musst du es dir verdienen.«
Cristo unterdrückte ein Stöhnen. Der Letzte, der ihm angeboten hatte, für ihn zu arbeiten, war ein Gerber gewesen, der von ihm verlangte, er müsse stundenlang im kalten Wasser stehen, die Häute spülen und sie hinterher in der stinkenden Gerbergrube einweichen. Nein danke!
Doch der Fremde fuhr fort: »Du stammst doch von hier, nicht wahr? Hast gewiss auch viele Geschichten und Legenden gehört. Ich … ich brauche deine Hilfe, um ein Geheimnis aufzudecken.«
Cristo fing sich rasch wieder. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Geheimnisse wie Gerbergruben stanken, und hatte nicht vor, bis zu den Oberarmen darin zu wühlen. Dennoch behauptete er dreist: »Oh, ich kenne jedes Geheimnis von Pisa!«
»Dann weißt du auch, warum der schiefe Turm schief ist?«
»Durchaus«, nickte Cristo eifrig, hatte er den Eremiten doch schon öfter davon erzählen gehört – nicht immer in der hanebüchenen Variante von heute. »Natürlich war nicht der krumme Guglielmo daran schuld, was für ein Unsinn, sondern der feuchte Untergrund. Schließlich senkte sich der Turm nicht von einem auf den anderen Tag, sondern erst mit den Jahren. Nach den ersten drei Stockwerken ließ man den Bau deswegen ruhen, nahm ihn erst hundert Jahre später wieder auf, errichtete weitere Stockwerke. Ob der Turm aber nun krumm ist oder nicht, er bleibt ein Zeichen für den Ruhm Gottes. Die Menschen haben ja auch krumme Seelen, und Gott hört trotzdem nicht auf, ihnen seine Barmherzigkeit zu erweisen.«
Das hatte er sich nicht selbst ausgedacht, er gab nur die Worte des Eremiten wieder, um den jungen Mann zu beeindrucken. Der schien allerdings enttäuscht. »Du hast mich falsch verstanden. Es geht mir nicht darum, warum der Turm schief ist, sondern warum er schief blieb.«
»Weil … weil …« Cristo geriet ins Stocken. Er hatte nie von Versuchen gehört, den Turm zu begradigen.
»Der Name Aziza ist dir also auch fremd, oder?« Der junge Mann klang plötzlich unendlich traurig, als er hinzufügte: »Der Turm ist … er war ein Symbol für ihre Liebe.«
Cristo hob skeptisch seine rechte Augenbraue. »Viele Pisaner sehen im schiefen Turm ein sichtbares Zeichen dafür, dass Pisas große Zeit vorbei ist, aber ganz sicher nicht von Liebe«, murmelte er.
Der Mann zuckte die Schultern, ließ ihn endlich los, erhob sich. Obwohl er jung und sehnig war, ging er mit gesenktem Haupt und hängenden Schultern davon, als schleppe er eine schwere Last mit sich.
»Warte!«, rief Cristo. »Warum hast du den Eremiten überhaupt nach dieser Aziza gefragt?«
»Wer ihre Geschichte kennt, weiß womöglich noch mehr und kann mir helfen …«
»Helfen, das Geheimnis zu lüften, von dem du sprachst? Warum ist dir das so wichtig?«
»Weil … weil mein Leben davon abhängt.« Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber es war traurig wie der Rest der Miene. »Nein«, berichtigte sich der junge Mann, »das ist übertrieben. Nicht mein Leben hängt davon ab, nur mein Glück. Es ist ja ein Irrtum zu glauben, dass das Leben und das Glück unweigerlich zusammengehören. Genauso wenig tun es die Liebe und das Glück. Eigentlich macht nichts so unglücklich wie die Liebe.«
Cristo wusste nichts von der Liebe. Und Glück war für ihn, einen vollen Magen und einen windgeschützten, nicht völlig verdreckten Schlafplatz zu haben.
»Nun, es stimmt«, sagte er, »ich habe noch nie etwas von Aziza gehört. Aber wenn du mir von ihr erzählst, kommt mir vielleicht eine Idee, wer dir weiterzuhelfen vermag, und zu diesem Menschen kann ich dich bringen.«
Der andere blickte ihn erst nachdenklich an, dann nickte er schließlich. »Bevor ich dir von Aziza erzähle, sollte ich mich vielleicht vorstellen.« Er machte eine kurze Pause. »Ich heiße Gabriele.«
Das Zögern vor dem Namen erweckte in Cristo den Verdacht, dass der junge Mann nicht wirklich so hieß. Aber das bekümmerte ihn nicht weiter, er hatte den anderen schließlich auch belogen. Sein Versprechen, ihm zu helfen, war nichts wert. In Wahrheit wollte er Azizas Geschichte nur hören, um doch noch eine Münze aus dem Lederbeutel stehlen zu können.