Cover

J. Kenner

Dich

HALTEN

(Stark 5)

Roman

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Beck

Diana

Der Roman

Nikki genießt das Prickeln an der Seite ihres attraktiven Ehemanns Damien Stark und die Stunden voller Lachen mit ihren beiden Töchtern. Doch gerade als das Glück vollkommen zu sein scheint, ziehen dunkle Wolken auf. Ein Unbekannter verfolgt Nikki, und die Geheimnisse ihrer Vergangenheit drohen ans Tageslicht zu kommen. Mehr denn je müssen Nikki und Damien an ihre große Liebe und das Feuer zwischen ihnen glauben, um das zu schützen, was ihnen am wichtigsten ist.

Die Autorin

Die Bestsellerautorin J. Kenner arbeitete als Anwältin, bevor sie sich ganz ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Ihre Bücher haben sich weltweit mehr als drei Millionen Mal verkauft und erscheinen in über zwanzig Sprachen. J. Kenner lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Texas, USA. Ihre lieferbaren Romane und Erzählungen finden Sie unter J. Kenner im Diana Verlag. Wenn Sie mehr über J. Kenner erfahren wollen, entdecken Sie Das große J. Kenner Fanbuch.

Die Serie

Romane mit Nikki und Damien Stark

Dir verfallen (Stark 1)

Dir ergeben (Stark 2)

Dich erfüllen (Stark 3)

Dich lieben (Stark 4)

Dich halten (Stark 5)

Erzählungen mit Nikki und Damien Stark

Dich befreien (Stark Novella 1)

Dir gehören (Stark Novella 2)

Dir vertrauen (Stark Novella 3)

Dich begehren (Stark Novella 4)

Dich beschenken (Stark Novella 5)

Dich besitzen (Stark Novella 6)

Dich berühren (Stark Novella 7)

Dich fühlen (Stark Novella 8)

Dich erleben (Stark Novella 9)

Erzählungen aus der Stark-Welt

Zähme mich (Jamie & Ryan) (Stark Friends Novella 1)

Verführe mich (Jamie & Ryan) (Stark Friends Novella 2)

Halte mich (Sylvia & Jackson) (Stark Friends Novella 3)

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Copyright © 2018 by Julie Kenner

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel Lost With Me bei

Martini & Olive Books.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Diana Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Janine Malz

Covergestaltung: t. mutzenbach design

Covermotiv: nereia / shutterstock.com

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN 978-3-641-23961-9
V002


www.diana-verlag.de

Kapitel 1

Ich stehe auf der Holzterrasse meines Bungalows mit Meerblick, die beschwingten Noten von Mozarts Rondo Alla Turca erklingen, der schnelle Rhythmus der Warteschleifenmusik passt nicht zu der relativen Ruhe des Pazifiks, der sich vor mir ausbreitet. Ich drücke mit den Fingerspitzen auf das Headset in meinem Ohr, presse es beim Warten fester in die Muschel, dann greife ich wieder ans Geländer vor mir, während ich auf das Meer schaue und die Schönheit in mir aufnehme, die sich bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckt.

Um kurz nach zehn hat der Himmel bereits die orange- und lilafarbenen Nuancen des Morgens verloren und legt sich wie eine himmelblaue Decke über ein tanzendes Meer, das im hellen Licht der aufgehenden Sonne glitzert.

Die schönen Künste sind mir nicht fremd – das wäre unmöglich, wo ich doch mit einem Mann wie Damien Stark verheiratet bin, der Kunst liebt und das Geld hat, sich zu kaufen, was ihm gefällt. Und als ich diese unglaubliche Aussicht genieße, kommen mir zwei Gedanken. Erstens: Kein Gemälde und keine Fotografie könnten jemals die Herrlichkeit dieses Ausblicks wiedergeben. Und zweitens: Ich wurde vom Schicksal reicher bedacht, als ich jemals zu hoffen gewagt hatte, und ich bin jeden Tag dankbar für das Leben, das ich nun habe und das sich so sehr von dem Horror damals in Texas unterscheidet.

Ich habe meine Kinder. Mein Zuhause. Meine Arbeit. Diese Aussicht.

Und Damien, denke ich und erschaudere wonnig vor Lust. Vor allem habe ich Damien. Meinen Ehemann, meinen Liebhaber, mein Herz.

Ich atme langsam aus, genieße bewusst den Augenblick. Heute ist ein guter Tag. Ein leichter Tag, und es fühlt sich an, als hätte ich dazu beigetragen. Schließlich hatte es nach unserem Trip nach San Francisco vor einigen Monaten eine Kluft zwischen Damien und mir gegeben. Sie war nicht tief – ich weiß nicht, ob es jemals eine Kluft zwischen uns geben könnte, die tief oder unüberbrückbar wäre, und wenn das so wäre, würde mich der Schmerz dieser Trennung umbringen. Aber er hat mir Geheimnisse vorenthalten. Er hat versucht, mich zu beschützen.

Ein ironisches Lächeln umspielt meinen Mund. Ich verstehe, warum er so gehandelt hat, doch Geheimnisse zwischen uns haben noch nie gut funktioniert. Und natürlich schuldet er mir nun eine Wiederholung dieses Ausflugs.

Ich überlege, wann wir uns beide Zeit für eine kleine Auszeit an der Küste freischaufeln könnten, als Abby außer Atem wieder in die Leitung zurückkehrt: »Sorry! Sorry! Ich hatte nicht gedacht, dass es so lange dauert. Diesen Code zu debuggen wird mich noch umbringen.«

Meine Firma, Fairchild & Partners Development, entwirft und implementiert Unternehmenssoftware sowie Apps für das Internet und Smartphones – sowohl für den geschäftlichen als auch für den Unterhaltungsbereich. Derzeit rauft sich Abby wegen Mommy’s Helper die Haare, einer von ihr entwickelten, vermeintlich unkomplizierten App, die Erinnerungen, Terminplanung, Audio- und Videoüberwachung, direkte Kommunikation mit Babysittern und andere hilfreiche Dienste für Eltern miteinander verbindet. Wir haben in den letzten beiden Wochen Beta-Tests durchgeführt, und der offizielle Veröffentlichungstermin steht kurz bevor.

Klar, je näher er rückt, desto mehr Fehlerchen tauchen auf, doch Abby ist eine brillante Programmiererin, die bislang jede Schwierigkeit gemeistert hat. Wenn sie nun Probleme hat, muss es diese Codereihe tatsächlich in sich haben.

»Konnte Travis dir nicht helfen?«, frage ich und meine damit unseren neusten Angestellten.

»Eigentlich nicht.« Stille hängt zwischen uns, und sie spricht schnell weiter. »Ich meine, er hat so viel zu tun, dass ich ihn nicht gefragt habe.«

Ich presse die Handflächen wie zum Gebet aneinander und fasse mir grübelnd ans Kinn, wäge ab, ob ich schweigen oder etwas sagen soll. Schweigen ist einfacher, aber das hier ist meine Firma, und einer muss ja erwachsen sein, wenn es meine Angestellten schon nicht hinbekommen.

Partner, korrigiere ich mich. Abby hat bloß eine zehnprozentige Beteiligung an der Firma, ist aber ganz offiziell meine Partnerin. Ich habe sie angestellt, als mir die Doppelbelastung als Firmeninhaberin und junge Mutter zu viel wurde, und habe diesen Schritt nicht bereut. Denn sie ist nicht nur eine verdammt gute Programmiererin, sie ist auch verlässlich. Wenn sie sagt, dass sie etwas kann, kann sie es auch. Wenn sie unsicher ist oder etwas vergeigt, sagt sie Bescheid. Und sie spielt keine Spielchen am Arbeitsplatz.

Beziehungsweise hat sie es bislang nicht gemacht.

Seufzend nehme ich auf einem gepolsterten Terrassenstuhl Platz. Ich trage einen schwarzen Bikini mit einer durchscheinenden Bluse und einem großen Tuch, das ich mir als Sarong um die Hüfte gewickelt habe. Als ich mich hinsetze, werden durch den Schlitz meine nackten Oberschenkel sichtbar, die beide mit Narben übersäht sind. Abrupt schließe ich die Beine und lege mir das Tuch wieder über. Dann zwinge ich mich, über Abby nachzudenken. Nicht über meine Vergangenheit und ganz sicher nicht über die Rede, die ich morgen früh halten werde.

Nur Abby.

»Ich schick dir den Code rüber«, sagt sie. »Und dann kannst du noch einmal selbst Hand anlegen, okay?«

»Das ist eine Option. Oder du könntest Travis bitten. Wenn ich mich richtig erinnere, gehört das Debuggen zu den Hauptaufgaben seines Arbeitsbereichs.« Ich höre den mütterlichen Unterton in meiner Stimme, kann ihn aber nicht zurückhalten. »Und weil du noch nicht um seine Hilfe gebeten hast, vermute ich, dass du entweder zu stolz bist – was in dieser Firma nicht geduldet wird – oder du nicht an dieser dunklen Wolke vorbeikannst, die sich zwischen euch geschoben hat. Und auch das wird nicht geduldet.«

»Ach, verdammt.« Kaum hörbar murmelt sie irgendwelche Flüche vor sich hin, die vermutlich nicht für meine Ohren bestimmt sind, und holt dann tief Luft. »Es tut mir leid, Nikki«, sagt sie und hört sich wieder wie die professionelle Kraft an, die ich kenne. »Ich wollte nicht, dass sich unsere persönlichen Probleme auf die Arbeit auswirken.«

Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar und denke nach. Ich bin mir sicher, dass es in den ersten Wochen nach seiner Einstellung zwischen beiden gefunkt hat. Nun sind diese Funken einer unangenehmen Spannung gewichen, die offenbar eine Zusammenarbeit zwischen beiden unmöglich macht.

Widerstrebend stehe ich auf, denn mir ist bewusst, was ich tun muss, aber es gefällt mir ganz und gar nicht. »Ich weiß zwar nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber ich weiß, dass es sich auf eure Arbeit auswirkt. Auf deine zumindest, Abby. Soweit ich das beurteilen kann, macht Travis die Arbeit, die ihm aufgetragen wurde. Aber ich habe dich als Partnerin eingestellt, weil ich dachte, du wärst der Aufgabe gewachsen. Und das bedeutet, dass du über das hinwegkommen musst, was zwischen euch vorgefallen ist.«

»Ich weiß.«

»Wir sind so wenige, ich hätte nie gedacht, dass ich Regeln fürs Dating innerhalb der Firma aufstellen muss …«

»Wir hätten nie …«

»… und ich glaube auch nicht, dass wir jetzt solche Regeln brauchen. Aber vielleicht entscheide ich mich um, wenn ihr beiden das nicht klärt.«

Eigentlich bin ich nicht so viel älter als die fünfundzwanzigjährige Abby. Doch im Augenblick scheinen noch Welten zwischen uns zu liegen. Ich habe so viel erlebt – Gutes wie Schlechtes –, und Abby wirkt in vielerlei Hinsicht noch wie ein Mädchen aus der Kleinstadt, obwohl sie schon vor Jahren als Erstsemesterstudentin an die UCLA nach L. A. gekommen ist.

»Kannst du das Problem aus der Welt räumen? Oder müssen wir uns von Travis trennen?« Ich beiße mir auf die Lippe, während ich auf ihre Antwort warte und hoffe, dass sie meinen Bluff nicht bemerkt.

Glücklicherweise entgegnet sie rasch: »Nein, nein, er ist ein echter Gewinn für die Firma. Und es ist wahrscheinlich mein – ach egal. Also, ich frage ihn, ob er mir bei diesem Teil des Codes helfen kann.«

»Woran arbeitet er gerade?«

»Er geht alle Supportanfragen durch, die wir diesen Monat für die Smartphone-App bekommen haben, und beauftragt unsere Freelancer mit der Fehlerbehebung, wenn es sich um einen wirklichen Fehler handelt. Aber er sollte Zeit zum Helfen haben. Und du hast recht. Er ist spitze. Bestimmt findet er eine Lösung.«

Mein ganzer Körper erschlafft vor Erleichterung. Ich musste mich seit der Firmengründung nicht viel mit Managementfragen auseinandersetzen – wahrscheinlich, weil ich lange ein Einfraubetrieb war – und klopfe mir mental auf die Schulter, weil ich das erfolgreich gemeistert habe.

Ganz ehrlich, ich hätte nicht abwarten sollen, bis die Spannungen zwischen den beiden diesen Punkt erreichen. Aber das ist der negative Aspekt daran, dass ich in diesem Bungalow arbeite – ich verbringe weniger Zeit mit meinen Mitarbeitern als damals, als sich mein Büro noch in Studio City befand, was bedeutet, dass ich die Stimmung zwischen ihnen seltener mitbekomme.

Positiv ist natürlich, dass ich näher an zu Hause bin. Tatsächlich sind es nur wenige Schritte, weil sich der Bungalow, den ich seit knapp zwei Jahren als Büro nutze, am tiefsten Punkt unseres Anwesens in Malibu befindet.

Ganz am Anfang, als wir miteinander ausgegangen waren – oder vielmehr, als mir Damien eine Million Dollar für ein Nacktporträt gezahlt hatte, das nun in unserem offenen Wohnbereich in der zweiten Etage hängt –, war er fast fertig mit dem Bau der atemberaubenden, in den Hang geschmiegten Villa, die nun unser Zuhause ist. Damals wie heute war für mich der einzige Nachteil an diesem Ort die Entfernung zum Strand. Das Haus liegt am Hang, bietet eine atemberaubende Sicht und jeden nur vorstellbaren Komfort, von einem Infinity-Pool bis hin zu einem Hubschrauberlandeplatz. Wenn man aber am Strand flanieren möchte, muss man zunächst einen gewundenen Schotterpfad entlanggehen. Man kann nicht vom Hintereingang auf den Sand treten, denn obwohl das Grundstück eigentlich am Strand liegt, grenzt das Haus nicht daran.

Und hier kommt mein Mann ins Spiel, der von einem Architekten diesen Bungalow als Geschenk für mich gestalten ließ. Und obwohl das Gebäude anfangs nur eine Erweiterung unseres Zuhauses war, verwende ich ihn nun als Büro – ein wundervolles Arrangement, da es mir erlaubt, nah bei unseren Töchtern Anne und Lara zu sein, selbst wenn ich wahnsinnig viel um die Ohren habe.

Das wird allerdings in wenigen Tagen ein Ende haben, wie mir Abby mit ihrer nächsten Frage in Erinnerung ruft. »Also sehen wir uns nachher im Büro?«

»Das ist der Plan. Ich möchte schließlich, dass Travis, Marge und du mit euren Büros zufrieden seid.« In gut einer Stunde treffe ich mich in einer Bäckerei in der Nähe mit einer Journalistin, die einen kleinen Artikel über mich schreiben will. Dann gehe ich mit meiner besten Freundin Jamie Mittag essen, bevor ich noch einige Erledigungen mache und unter anderem zum neuen Büro fahre, um das neuste Mängelprotokoll durchzugehen.

»Hört sich gut an«, sagt sie. »Weißt du, ich dachte, ich würde es schade finden, nun, da der Termin näherrückt. Klar, im Schlafanzug arbeiten und nicht zur Arbeit fahren ist toll, aber ich freue mich wirklich darauf, wieder ins Büro zu gehen. Ich fange schon an, mit meinen Wollmäusen zu sprechen.«

»Lass deine ungewöhnlichen Haustiere bitte daheim«, ermahne ich sie. »Aber vielleicht können wir uns auf einen weniger förmlichen Dresscode einigen.«

Abby quittiert meinen Witz mit einem wenig damenhaften Schnaufen. »Ich schicke dir die Liste mit den aktiven Projekten, sobald wir aufgelegt haben«, verspricht sie. »Sie ist unendlich lang, was gut ist – weil es bedeutet, dass wir unsere Sache sehr gut machen.«

»Schon, oder?« Wir mieten uns unter anderem deswegen neue Büroräume, weil es so gut läuft. Mein früheres Büro hatte ich kurz nach Annes Geburt verkauft, als ich mich entschieden hatte, im Bungalow zu arbeiten. Damals gab es nur mich, Abby und Marge, unsere Sekretärin/Bürokraft/Mädchen für alles. Abby hat seither hauptsächlich von zu Hause gearbeitet, und Marge hat sich die Zeit zwischen Homeoffice und Bungalow aufgeteilt.

Nun ist Anne fast zwei, unsere Kundenliste wächst, wir haben ein zuverlässiges Team von Freelancern, und wir suchen noch nach mindestens einem Programmierer in Vollzeit, einer Führungskraft im Marketing und einem Manager für Kundenentwicklung. Und was noch wichtiger ist: Die Einnahmen sind nicht nur gewachsen, sondern steigen ziemlich steil nach oben.

»Wow«, sagt Abby.

»Was denn?«

»Ich weiß nicht, ob ich mich noch daran erinnere, wie man sich schminkt.«

»Lügnerin«, entgegne ich und bringe sie zum Lachen. »Du legst selbst Make-up auf, um einkaufen zu gehen.«

»Da haben wir wohl etwas gemeinsam.«

Dem kann ich nichts entgegnen. Ich habe hart daran gearbeitet, jede Lektion aus dem Handbuch des Lebens der Elizabeth Fairchild aus meinem Gedächtnis zu löschen, aber in dem Punkt hat meine Mutter gewonnen: Ich schaffe es nicht, aus dem Haus zu gehen, ohne so gut wie möglich auszusehen. »Ich glaube, deswegen sind wir so ein gutes Team.«

»Bis Mittwoch«, sagt sie und meint den ersten Tag in unserem neuen Büro.

»Es gibt Kuchen«, verspreche ich.

»Dann sehe ich zu, dass ich pünktlich bin.«

Ich verdrehe die Augen, was sie natürlich nicht sehen kann.

»Soll ich Travis bitten, an den Updates von Greystone-Branch zu arbeiten?«, fragt Abby. »Oder denkst du, wir sollten damit warten, bis wir zusätzliches Personal eingestellt haben?«

»Wir können damit eine Woche warten. Lass uns schauen, wie die Vorstellungsgespräche am Dienstag und Freitag verlaufen.« Wir haben schon seit einer Weile die Fühler ausgestreckt und nun fünf potenzielle Programmierer zum Gespräch in unsere neuen Räumlichkeiten eingeladen, sowie Bewerber für andere Stellen.

»Hört sich gut an. Ach, und Marge und ich kommen beide zum Brunch. Travis auch. Wir freuen uns alle sehr.«

»Das ist toll.« Ich schlucke und fühle mich ein wenig schuldig, dass ich sie nicht persönlich eingeladen habe. Ich hatte zugestimmt, dass die Stiftung Stark Children’s Foundation allen meinen Angestellten eine Einladung schickt – schließlich spendet das Unternehmen regelmäßig an die SCF –, aber ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sie bei meiner Rede tatsächlich im Publikum sitzen würden.

Diese Aussicht ist erschreckend, und ich lasse mich langsam in den Stuhl sinken, verspüre erneut Angst, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Dass der Samstag völlig in die Hose geht.

»Nikki?«

»Tut mir leid. Die Verbindung war schlecht. Du meintest, ihr kommt alle zusammen?«

»Wir freuen uns sehr.«

»Ich mich auch«, lüge ich. Oder zumindest lüge ich teilweise. Ich freue mich sehr wohl. Es ist eine Ehre, beim jährlichen Brunch der Stiftung sprechen zu dürfen. Aber ich fürchte mich auch zu Tode.

Ich will das Gespräch gerade beenden, als Abby sich räuspert und sagt: »Ich würde gern noch eine Sache sagen.«

Etwas in ihrer Stimme lässt mich erschaudern, und ich zögere, bevor ich mit einem lang gezogenen »Okay« antworte, das zeigt, dass eine schlechte Nachricht auf mich wartet.

»Nein, nein«, sagt sie rasch. »Es ist nichts Schlimmes. Ich wollte dir nur mitteilen, dass wir heute eine neue Bewerbung für die Stelle als Programmierer bekommen haben. Brian Crane. Du hast mal mit ihm zusammengearbeitet, oder?«

Ich verziehe das Gesicht und bin froh, dass sie es nicht sehen kann. Brian hat mit mir bei C-Squared gearbeitet. Meine tiefe Abneigung gegen dieses Unternehmen und alle, die damit zu tun hatten, rührt daher, dass der Inhaber, Carl Rosenfeld, ein absoluter Arsch war, was leider auch auf meine Kollegen abfärbte. Brian war schon damals ein solider Programmierer, und ich kann nur vermuten, dass er inzwischen besser geworden ist. »Leite sie mir weiter, dann schaue ich sie mir mal an. Auch wenn ich vielleicht nur neugierig bin, was er so in der Zwischenzeit getrieben hat.«

Nachdem sie es mir zugesagt hat und auflegt, atme ich tief und lange ein. Brian Crane. Der Mann interessiert mich nicht besonders, aber Carl weckt alle möglichen Gefühle, allen voran elende Abneigung.

Aber vielleicht bin ich unfair ihm gegenüber. Wenn Carl nicht gewesen wäre, wären Damien und ich schließlich vielleicht nie zusammengekommen.

Mein Telefon klingelt, und ich tippe auf das Headset in meinem Ohr: »Was hast du vergessen?«, frage ich, weil ich mir sicher bin, dass es Abby ist.

Aber es ist nicht Abby. Es ist Damien.

»Vergessen?« Seine klangvolle und sinnliche Stimme bringt mein Blut in Wallung, lässt meinen Körper mit mindestens so viel Aufmerksamkeit erbeben, als würde er neben mir stehen, mit einem Blick aus seinen dunklen Augen über mich hinwegfahren und mich völlig elektrisieren. Ich bemerke, dass ich stehe, als hätte mich die Kraft seiner Stimme auf die Füße gehoben. »Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas vergessen habe, das mit dir zu tun hat.«

»Das ist gut zu wissen, Mr. Stark.« Meine Stimme klingt rau und ist voller Verlangen. Und als mir die kühle Meeresbrise über meine inzwischen heiße Haut fährt, stellen sich meine Nippel unter dem Bikinioberteil auf.

Selbst nach so vielen gemeinsamen Jahren – selbst nach zwei Kindern und schlaflosen Nächten und Wutanfällen von Kleinkindern – brauche ich nur ein Wort von Damien, und ich schmelze dahin. Manchmal frage ich mich, ob das brodelnde Verlangen zwischen uns jemals abkühlen wird, aber ich glaube eigentlich nicht daran.

»Erzähl mir, was du denkst.«

Ich schließe die Augen, male mir aus, wie er vor mir steht, groß und schlank und fordernd. »Ich habe gerade an dich gedacht«, gebe ich zu. »Du solltest wissen, dass ich immer an dich denke.«

»Dann haben wir noch eine Sache gemeinsam, Ms. Fairchild.«

»Ich heiße Mrs. Stark, vielen Dank auch.« Ich weiß, dass er das Lachen in meiner Stimme hören kann.

»Ja, das stimmt«, sagt er. »Und mir gefällt der Klang davon sehr. Woran genau hast du gedacht?«

»An diesen ersten Abend bei Evelyn zu Hause. Und auch wenn Carl eine miese kleine Ratte ist: Wenn ich in jener Nacht nicht für ihn gearbeitet hätte, wären wir nie zusammengekommen.«

»Das wären wir wohl«, sagt er und klingt äußerst bestimmt. »Wenn ich erfahren hätte, dass Sie in L. A. sind, hätte ich Sie ausfindig gemacht. Darauf können Sie wetten, Mrs. Stark. Wir sind ein Teil voneinander, Nikki. Wir gehören zwangsläufig zusammen, du und ich. Und Carl Rosenfeld war bloß ein Statist auf der Bühne unseres gemeinsamen Lebens.«

Ich lausche seinen wahren Worten und seufze glücklich. Er hat natürlich recht. Irgendwie hätten wir einander gefunden. »Woran hast du gedacht?«, frage ich.

»Dass ich dich seit über sechzig Stunden nicht gesehen habe und dass wir – wenn ich heute Abend nach Hause komme – schon gefährlich nah an siebzig Stunden sind.«

»Das ist viel zu lang«, stimme ich zu. Damien ist früh am Dienstagmorgen nach Chicago geflogen. Nun ist Freitag. Und obwohl er heute früh nach L. A. zurückgekommen ist, ist er gleich ins Büro gefahren.

»Glücklicherweise habe ich eine sehr lebendige und sehr bildliche Vorstellungskraft.«

»Wirklich?« Angesichts der Hitze in seiner Stimme ist mein Mund wie ausgetrocknet. »Was hast du dir vorgestellt?«

»Meine Frau, nackt, keuchend und verzweifelt in unserem Bett. Wie mein Schwanz steif wird, während ich sehe, wie sie die Lippen öffnet und sich aufbäumt, wenn sie kurz vorm Explodieren ist. Wie sie sich an meinem Gesicht reibt, während ich ihre wundervolle Pussy lecke.«

»Mein Gott, Damien.« In meiner Stimme liegt so viel Lust, dass ich die Worte kaum herausbekomme, und ich presse die Beine in einem vergeblichen Versuch aneinander, das pulsierende Verlangen zwischen meinen Oberschenkeln zu unterdrücken.

»Ich will, dass du auf mich wartest. Aber nicht im Haus. Ich will dich ganz für mich allein.«

Ich nicke stumm, was lächerlich ist, weil er mich nicht sehen kann.

»Ich komme zu dir in den Bungalow«, sagt er. »Ich will dich nackt, dein Körper über das Geländer gebeugt, während ich dich von hinten ficke, meine Hände auf deinen Brüsten und mein Gesicht in deinem seidigen Haar. Ich will, dass du unter mir erbebst, deine Haut vor Verlangen brennt. Ich will es in die Länge ziehen, dich kurz davor, aber nicht zum Kommen bringen. Bis der Augenblick gekommen ist, wenn die Sonne schließlich untergeht und die letzten orange- und lilafarbenen Sprenkel am Himmel leuchten, dann bringe ich dich in meinen Armen zum Kommen.«

Meine Beine sind inzwischen Wackelpudding, und ich setze mich wieder auf den Stuhl. »Verdammt, Damien. Ich glaub, ich bin gerade gekommen.«

Ich werde von seinem leisen Lachen belohnt. »Drei Tage sind so verdammt lang. Ich erhebe Anspruch auf dich, Nikki. Markiere mein Territorium. Heute Nacht nehme ich mir, was mir gehört.«

»Ja«, flüstere ich. »Gott sei Dank, ja.«

»Und nachdem wir beide wieder atmen können, will ich Hand in Hand mit dir zum Haus gehen, damit ich unsere Mädchen sehen kann.«

»Sie haben dich vermisst«, sage ich und fühle Glück, das sich wie eine Decke um mich legt.

»Ich habe sie auch vermisst.« Er räuspert sich. »Früher bin ich gern gereist. Nun ist es bei jedem Wegfahren so, als würde man mir Gliedmaßen abtrennen.«

»Für uns auch«, sage ich. »Natürlich komme ich zurecht«, sage ich beschwingt. »Gestern Abend zum Beispiel war ich nicht allein bei uns im Bett.«

»Aha? Hat da etwa eine junge Dame so lange verhandelt, bis sie auf meiner Bettseite schlafen durfte?«

»Ganz der Papa«, sage ich. »Die Kleine wird später mal große Projekte an Land ziehen.« Laura wird in ein paar Wochen vier und ist bereits jetzt eine sehr gute Manipulatorin.

»Sie meinte, sie würde mir Gesellschaft leisten, damit ich nicht traurig bin, dass Daddy weg ist. Wie hätte ich da ablehnen können?«

»Mir wäre es nicht anders gegangen, die Bitte hätte ich ihr auch nicht abschlagen können.« Einen Augenblick lang ist er ruhig, die Stille hängt schwer zwischen uns. »Ich habe meine drei Mädels diese Woche vermisst.«

»Wir dich auch. Ganz schlimm sogar. Musst du nächste Woche wieder dorthin?« Ich versuche, normal zu klingen, aber ich kenne die Antwort bereits, und sie gefällt mir nicht. Damien ist lediglich wegen einer Reihe Meetings zurück nach L. A. gekommen, die nicht verschoben werden konnten. Aber wenn die Krise in Chicago nicht gelöst wurde, fürchte ich, werde ich Damien am nächsten Montag wieder einen Abschiedskuss am Santa Monica Airport geben.

»Das ist unter anderem der Grund, weshalb ich anrufe. Um dich vorzuwarnen, dass ich nächste Woche meine Bettseite zurückhaben möchte. Da wird deine Bettgenossin leider enttäuscht sein.«

»Dass Daddy zu Hause ist? Auf keinen Fall.« Mir ist, als wäre mir eine zentnerschwere Last vom Herzen gefallen, weil er nicht wieder wegfliegen wird, und erst als ich merke, dass mein Lächeln mir in den Wangen schmerzt, wird mir klar, wie sehr ich mich vor Damiens erneutem Abflug am Montag gefürchtet habe.

»Was machst du gerade?«, fragt er.

»Abgesehen davon, dass ich mit meinem Mann spreche? Ich habe vor deinem Anruf mit Abby telefoniert. Im Augenblick genieße ich einfach die Aussicht.«

»Was für ein Zufall«, sagt er. »Genau wie ich.«

Ich stelle ihn mir vor der bodentiefen Fensterfront seines Penthouse-Büros im Stark Tower vor. Seinen langen und schlanken Körper, sein mitternachtsschwarzes Haar, das im Morgenlicht schimmert. Ein moderner Gladiator, der in seinem maßgeschneiderten Anzug auf seinen Machtbereich herabschaut.

»Du bist so verdammt schön«, sagt er, und ich brauche eine Minute, bis mir klar wird, was er meint. Er blickt nicht aus dem Fenster. Er schaut mich an.

Ich drehe mich um, drehe mich mit dem Rücken zum Meer, damit ich in den Bungalow schauen kann. Doch er ist nicht da, und als ich konsterniert die Stirn runzele, gluckst er leise.

Die Sicherheitskameras.

Nun wende ich mein Gesicht bewusst der Kamera an einer Ecke des Dachs zu. Ich neige den Kopf und stemme eine Hand in die Hüfte. »Solltest du nicht ein Imperium leiten?«

»Das steht definitiv auf der Tagesordnung. Im Augenblick bringe ich mich in Stimmung dafür, die Welt zu unterwerfen.«

Er betont das letzte Wort, und ich blicke keck in die Kamera. »In diesem Fall, Mr. Stark, freue ich mich darauf, Sie heute Abend zu sehen. Obwohl …«

»Obwohl?«

Ich lächele unschuldig. »Ich wollte einen kleinen Strandspaziergang machen, bevor ich Jamie zum Mittagessen treffe. Ein wenig Sonne tanken, mich etwas entspannen. Du weißt schon …«

»Hört sich nach einer ganz wunderbaren Art der Entspannung an.«

»Ja, das schon«, stimme ich zu und drehe mich dann um, damit er meinen Rücken betrachtet. »Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich diese Art von Entspannung noch brauche.«

Beim Sprechen knöpfe ich die weite Bluse auf, die ich trage, lasse sie dann auf den Boden fallen und entblöße dabei mein Bikini-Top.

»Nikki …«

»Du hast mich da auf eine andere Idee gebracht. Mich noch erregter gemacht. Nun sehne ich mich nach einer anderen Art von Hitze.« Ich greife mir in den Rücken und öffne die Klammer zwischen meinen Schulterblättern, dann halte ich mit einer Hand mein schulterlanges blondes Haar hoch, während ich mit der anderen Hand den Knoten im Nacken löse. Die Schleife öffnet sich, und ich lasse das Bikini-Top auf den Sand fallen.

»Besser«, sage ich, während Damien einfach atmet. »Aber nicht gut genug.« Ich wollte später in der Brandung spazieren gehen und habe mich dementsprechend angezogen. Nun löse ich den Knoten an meiner Hüfte und lasse das Tuch auf die Holzterrasse fallen.

»Nikki.« Seine Stimme klingt rau. Angespannt.

»Hmm?« Ich hingegen bin die Unschuld in Person, während ich mich aus meinem Bikini-Höschen schäle und dann anmutig aus dem Kleiderhaufen um meine Füße steige. Nun schaue ich auf den Ozean, bin völlig nackt, stehe mit dem Rücken zur Kamera, und das offene Meer liegt vor mir. Ganz zu schweigen von einem Gott sei Dank leeren Strand. Das ist einer der Vorteile dieses Ortes. Viel Privatsphäre. »Wolltest du mich nicht so?«

»Verdammt, Nikki. Ich habe in fünfzehn Minuten ein Meeting.«

Ich zwinge mich, nicht zu lächeln, während ich mich zur Kamera drehe. »Deine Hose sitzt ein wenig eng, oder?«, frage ich aufrichtig unschuldig, während ich mir mit der Hand langsam über den Bauch fahre, bis meine Finger zwischen meinen Oberschenkeln verschwinden. Ich habe an Damien gedacht, deswegen bin ich natürlich feucht, und mir entfährt ein kurzer lustvoller Atemzug aus meinen geöffneten Lippen.

Ich schließe die Augen und fahre mir mit den Fingern über meine nasse Muschi, während ich den Zeigefinger meiner anderen Hand zum Mund hebe. Ich lutsche sanft daran, dann streiche ich mir mit den Fingerspitzen über meine Nippel. Beim Gedanken daran, was das mit Damien macht, bin ich bereits sehr erregt, doch das Gefühl der Meeresbrise an meinen befeuchteten Brustwarzen lässt mich vor Lust erbeben.

»Ich habe dich vermisst«, sage ich. »Und obwohl du wieder da bist, bist du immer noch zu weit weg.«

»Ich kann in vierzig Minuten daheim sein. Schneller, wenn ich den Helikopter nehme.«

Ich lache. »Verlockend«, sage ich. »Aber ich muss mich anziehen und losfahren. Jamie wartet auf mich.«

»Wie schade«, sagt er, »dann muss ich wohl warten.«

»Vorfreude, Mr. Stark.«

»Heute Abend, Baby.« Seine Worte klingen rau. Grob.

»Jeden Abend«, kontere ich.

»Ja.« Er atmet ein. »Ich bin gegen sechs zu Hause. Stell dir bis dahin vor, dass ich dich anfasse.«

Ich schließe die Augen und nicke, während er auflegt.

Das tue ich immer.