Für mein Team:
Martha, Fritzi, Anna und Bine
»Singin’ they don’t make ’em like this anymore. They don’t make ’em like this anymore. Anymore.«
David Bazan, »The Ballad of Pedro y Blanco«
Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und Ereignissen sowie auf überlieferten Erinnerungen. Nicht alles lässt sich nachprüfen, das Gedächtnis ist ein Erfinder. Manche Figuren tragen geänderte Namen.
Prolog

Es war klar, dass dieser Tag kommen würde. Mein halbes Leben lang habe ich Dirk Nowitzkis Karriere begleitet, erst selbst als Basketballer, dann aus solidarischer Distanz, später als Sportreporter und schließlich als Autor dieses Buches. Knapp sieben Jahre ist es jetzt her, dass ich zum ersten Mal über Dirk Nowitzki geschrieben habe, seitdem sehe ich ihm bei der Arbeit zu.
Dirk Nowitzki und ich haben in zahllosen Hotelzimmern gesessen, auf Autositzen und Kabinenbänken, auf einer Kuhweide in den slowenischen Alpen, im Kinderzimmer seiner Tochter in Preston Hollow, in Arztpraxen, auf Terrassen und Filmsets, in Stadien und staubigen Turnhallen. Wir waren in San Francisco und Los Angeles, Kranjska Gora und Warschau, Randersacker und Schanghai. Wir haben über Basketball geredet und über alles andere, über unsere Eltern, die Kinder, über Bücher und unsere alten Knochen. Wir haben sogar einmal zusammen trainiert. Ein paar seiner Meilensteine habe ich mit eigenen Augen gesehen, und von den anderen habe ich mir erzählen lassen. Ich habe zugesehen, wenn die Scheinwerfer erloschen waren und Dirk Nowitzki trotzdem weiter seine Sache machte: Er spielte Basketball.
Bei seinem 30.000sten Karrierepunkt habe ich neben Holger Geschwindner auf der Tribüne gesessen und war zutiefst gerührt. Vom Erreichten, vom Geleisteten und von der Liebe, die Dirk entgegenschwappte. Weil ich dort saß und weil ich in dieser Sekunde ahnte, was es Dirk Nowitzki gekostet haben muss, dorthin zu kommen, wo er jetzt war. Ich saß dort und wusste, dass ich diesen Moment beschreiben würde. Ich wusste aber auch, dass – egal wie gut und packend mir das gelänge – meine Worte immer hinter dem Dirk Nowitzki dieser leuchtenden Momente herlaufen würden, sich nach ihm strecken, nach seiner Geistesgegenwärtigkeit, der absoluten Beherrschung seiner Mittel. Seine Verteidiger konnten nichts ausrichten, und auch meine Sätze würden immer ein Sekundenzehntel zu spät kommen.
Nowitzkis Welt ist eine Blackbox, ein geschlossenes System mit einer eigenen Denkweise und einer eigenen Sprache. Sein Umfeld ist verschwiegen und diskret, und wenn man seine Leute kennenlernt, wird man sie nicht mehr los.
Dirks Terminkalender ist immer rappelvoll gewesen, jedes Jahr war bis auf die Minute durchgetaktet. Wenn er aus Zeitgründen nicht sprechen konnte, habe ich mit den Menschen geredet, die ihm wichtig sind, und mit vielen anderen, denen er etwas bedeutet. Ich habe versucht zu begreifen, was ihn von all den anderen Basketballspielern unterscheidet. Von allen anderen Sportlern. Was ihn besonders macht.
Ich habe ihn nie um ein Autogramm gebeten, wir haben nie ein Selfie gemacht, ich habe mit Dirk an Tischen in Restaurants gesessen, habe Wein bestellt, während er beim Wasser geblieben ist. Wir sind zusammen geflogen, gefahren, spaziert. Einmal bin ich in Oklahoma City wegen Dirk in eine Schlägerei geraten. Ich habe meine journalistische Unabhängigkeit aufgegeben, um das System Nowitzki zu verstehen. Meine Töchter sind während der Recherche zu diesem Buch geboren worden, und wenn man sie fragt, was ich beruflich mache, sagen sie: »Dirk Nowitzki.«
Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich mit Dirk Nowitzki zu seinem letzten Heimspiel fahren würde, ich hatte mir diese Szene immer wieder vorgestellt und skizziert. In den vergangenen Jahren haben wir oft nebeneinander im Auto gesessen, er am Steuer, ich mit meinem Notizbuch auf dem Beifahrersitz. Wenn ich mir in den letzten Jahren den heutigen Tag ausgemalt hatte, saß ich immer im Auto und schrieb mit, wenn Dirk Nowitzki und sein Mentor, Coach und Freund Holger Geschwindner zu seinem letzten Heimspiel fahren. Auf der Rückbank, im toten Winkel, das Notizbuch auf den Knien. Aber an diesem 9. April 2019 fahre ich in einem ganz normalen Taxi zur Halle. Die beiden fahren allein, dieser Moment soll unbeobachtet bleiben.
Der Verkehr fließt zäh nach Süden, vorbei an den immer gleichen Gebäuden und Werbetafeln, an einem Nowitzki-Billboard, in der Ferne die Skyline von Downtown Dallas und die schneeweißen Bögen über den Trinity River. Der Reunion Tower. Irgendwann verlässt der Wagen den Highway, ich notiere den künstlichen Wasserfall oberhalb der Straße, die Werbung für Coors Light.
Während ich mich dem American Airlines Center nähere, wird mir klar, dass genau diese Haltung der Grund ist, warum Dirk Nowitzki so erfolgreich werden konnte: Er und Geschwindner sind nie unterwegs gewesen, um die Wünsche und Vorstellungen der anderen zu erfüllen. Und sie sind es auch heute nicht.
Das Taxi fährt unter der ramponierten Brücke in der Senke der North Houston Street durch, den Harry Hines Boulevard entlang und biegt dann auf die Olive Street. Dann das American Airlines Center. The house that Dirk built. »Es ist genau richtig, wie es ist«, notiere ich. »Manchmal müssen die Türen geschlossen bleiben und die Rückbank leer.«
Als ich an der Halle aus dem Taxi steige, liegen Wehmut und Feierlichkeit in der Frühlingsluft. Schon wieder, es ist fast wie im letzten Jahr: Die Saison der Dallas Mavericks ist seit einigen Wochen bedeutungslos, seit einigen Monaten, wenn man ehrlich ist, aber erst heute spielt das Team sein letztes Heimspiel, wieder gegen die Phoenix Suns, immer noch das schlechteste Team der Liga. Heute Abend geht es sportlich um nichts mehr, aber die Fans drängen sich schon drei Stunden vor Spielbeginn auf der Plaza vor der Arena. Was anders ist: Vor einem Jahr hat Dirk seine Entscheidung verkündet, noch ein Jahr dranzuhängen.
Dirk Nowitzki hat sein Karriereende noch nicht offiziell verkündet, aber vor der Halle ist alles darauf vorbereitet. An jeder Straßenlaterne hängen Flaggen mit seinem Gesicht, sein Lebenswerk in Zahlen und Bildern: Meister 2011, Platz 6 der ewigen Scorerliste, 14-facher Allstar und so weiter und sofort. Als erster Spieler in der Geschichte der Liga ist er seit 21 Jahren für denselben Klub aktiv, die Dallas Mavericks, auf einem riesigen Banner an der Frontseite prangt ein mehrere Stockwerke hohes Bild von Nowitzki, darunter der hochmoderne Slogan: »41.21.1.«
Dirk Nowitzki: Die 41 auf dem Trikot.
21 Jahre auf dem Buckel.
1 Klub.
In den letzten Tagen haben die Spekulationen seltsame Blüten getrieben. Könnte die Eins am Ende bedeuten, dass er vielleicht doch noch nicht aufhört? Dass Dirk Nowitzki noch ein weiteres Jahr dranhängt? Dass es weitergeht? Alle hier rechnen mit dem Ende, aber wirklich begreifen können es die wenigsten.
Viele Fans kommen von weit her, aus Deutschland und China, sie tragen selbst gemalte Schilder und Kostüme, manche sind zum ersten und vielleicht letzten Mal hier. Viele der Leute aus Dallas kennen ihre Stadt nicht ohne Dirk, viele sind mit ihm erwachsen geworden, und nur die Älteren wissen noch, wie es hier in der Vor-Dirk-Ära einmal ausgesehen hat. Clinton war Präsident, es gab keine Smartphones, »I Don’t Want to Miss a Thing« von Aerosmith war auf Platz eins der Charts. Die Stadt war eine andere, wo jetzt das AAC steht, war damals eine riesige Brache. Die Türen öffnen zwei Stunden vor Spielbeginn, aber man solle besser früher erscheinen, stand in der Zeitung.
Ich sehe mich auf der Plaza vor der Halle um. Am Straßenrand stehen die Fans Spalier, sie warten auf Dirk, obwohl sie nicht wissen, mit welchem Auto er kommt und auf welchem Weg. Victory Avenue, Olive Street. Fast alle tragen Dirk-Trikots, Dirk-T-Shirts, historische und aktuelle. Sie haben Schilder gemalt, um sich zu bedanken und ihren Respekt zu zeigen, ein paar haben Blumen mitgebracht. Als dann der Wagen tatsächlich um die Ecke biegt, erkennen die Leute ihn sofort und beginnen sein Lied zu singen, ein wehmütiger Jubel, ein Wirrwarr aus allen möglichen Gefühlen.
Dirk hält nicht an, sondern lässt den Wagen langsam in den Bauch der Halle hinunterrollen. Silver Garage. Ich sehe dem Range Rover nach. Alles wird so sein wie immer: Dirk wird den Motor ausmachen, wie immer, so sind die Vorschriften. Ein Bombenspürhund wird den Wagen beschnüffeln, wie vor allen Spielen, der Security Guard wird Dirk schweigend die Faust hinstrecken, die alte Dame am Gate wird ihm einen Handkuss zuwerfen. So war es immer, all die Jahre ist es so gewesen. »Thanks, my boy«, wird sie sagen, als wäre Dirk ihr Lieblingsenkel. »Thank you for winning tonight!«
Auch am Presseeingang, am Sicherheitscheck, im Aufzug hinunter in die Katakomben ist alles vorbereitet, auch hier liegt eine eigentümliche Feierlichkeit in der Luft. Die Dame, die den Lift bedient, trägt heute ein T-Shirt mit der 41. Als Nowitzki und Geschwindner den Wagen abstellen, erwarten sie Scott Tomlin und 200 Arena-Mitarbeiter, vielleicht 300. Security, Pommesverkäufer, Putzkräfte und Techniker. High fives, Fistbumps, Dirk kennt viele dieser Gesichter seit Jahren, und ihr Jubel rührt ihn. Geschwindner bleibt sitzen und sieht Dirk nach, wie er sich langsam durch das Spalier arbeitet.
Am Aufgang zum Ladedock haben sie einen blauen Teppich auf den nackten Beton geklebt, damit Dirk heute auf angemessene Weise zur Kabine schreiten kann, vorbei an den Kameras und Fotografen. Ich sehe zu, wie er an uns vorbeiläuft. Er scheint gut gelaunt.
»Finals!«, ruft er. »Aaaah!«
Dirk Nowitzki verschwindet in der Kabine und aus unserem Blick. Was er nicht weiß: dass in diesem Moment vier Ebenen über ihm seine Jugendidole Charles Barkley, Larry Bird und Scottie Pippen eine VIP-Box beziehen und ihre Drinks auf ihn erheben. Shawn Kemp ist auch da. Und Detlef Schrempf, der beste deutsche Basketballer, den es je gegeben hat. Bis Dirk kam.
Hinter Dirk Nowitzki liegt eine anstrengende Saison, besser: eine Tortur. Die Knöcheloperation im April ist zunächst gut verlaufen, es gab Hoffnung, dass es schnell besser werden würde. Wurde es aber nicht. Stattdessen kamen Entzündungen und Komplikationen, die Genesungsgeschichte war kompliziert und langwierig. Während der ersten 26 Spiele der Saison hat er im Anzug am Spielfeldrand gesessen und zugesehen, wie die nächste Generation um das Übertalent Luka Dončić übernimmt. Er hat den Jubel gehört und beobachtet, wie Dončić seine Nachfolge angetreten hat. Er hat ihn dabei unterstützt. Dirk hat wie besessen an seinem Körper gearbeitet, um noch einmal zurückkehren zu können. Er hat sich alle zwei Tage Nadeln in die geschundenen Muskeln stechen lassen, Dry Needling, Massagen, das Biegen und Brechen der Physios. Überhaupt auf das Spielfeld zu kommen, hat irrsinnig viel Kraft gekostet, aber richtig ausgeheilt ist der Fuß nicht.
Es hat für 6,6 Punkte und knapp 15 Minuten Spielzeit gereicht, Dirk hat versucht, jeden Tag bewusst wahrzunehmen. Jeden Flug. Jedes Hotel. Jede Arena. Jeden albernen Scherz in der Kabine.
Sein Karriereende hat Dirk sich immer anders vorgestellt, das weiß ich aus unseren Gesprächen, nämlich: leise und unbemerkt. Noch vor einem Jahr in San Francisco hat er in seinem Hotelzimmer gesessen und gesagt, dass er kein großes Trara wolle, als ich ihn nach seiner Vorstellung von den letzten Spielen fragte: »Einfach spielen und dann sagen: Das war’s«, hat er gesagt. »Danke schön. Keine Lust mehr. Der Körper kann nicht mehr. Habe alles gegeben. War ein Riesenspaß. Aber im Endeffekt möchte ich nicht, dass die Leute das vorher wissen.«
Jetzt aber doch das ganz große Trara. Am Ende ist Lametta. An den Türen der Arena hängen Hinweisschilder: »Tonight’s game will be using heavy amounts of pyro«, und unten in den Katakomben der Halle stehen Dutzende Kisten mit Krachern und Funkenfontänen. Auf jedem einzelnen Sitz der Halle liegen ein Pappschild mit Dirks strahlendem Gesicht, ein T-Shirt mit dem Slogan des Tages, »41.21.1«, dazu eine goldgefasste Erinnerungskarte. Die Merchandise-Stände verkaufen heute noch ein letztes Mal fast ausschließlich Dirk-Memorabilia. Courtside seats für dieses Spiel kosten mehr als 10.000 Dollar.
Die Mavericks hatten alle Hände voll zu tun mit der Organisation der Festivitäten, mit Lasershow und Pyrotechnik, mit dem unfassbaren Medienandrang. Die deutschen Journalisten sind alle noch einmal nach Dallas gekommen, weil sie alle ihre persönliche Geschichte mit Dirk haben. Jeder Einzelne. Für sie ist das vermutlich die letzte Reise nach Dallas, keine Redaktion wird sie je wieder hierherschicken. Auch sie müssen sich neu sortieren. Noch einmal wohnen sie in »ihren« Hotels, in denen sie all die Jahre gewohnt haben. Gehen in »ihre« Restaurants und Bars, laufen noch einmal »ihre« Laufstrecken, trinken noch einmal den »besten Kaffee der Stadt«. In der Brauerei in Deep Ellum kaufen sie T-Shirts und Trucker-Caps zur Erinnerung. Alle hoffen darauf, dass sie Dirk noch einmal exklusiv vor die Kameras bekommen. Er gehört ihnen, sie wollen sich verabschieden. Den Amerikanern geht es ähnlich, aber die Deutschen sind die nostalgischeren. Die melancholischeren. »Die deutschen Journalisten sind die anstrengendsten«, lacht Scott Tomlin vor der Kabine der Mavericks. Vermutlich meint er mich, will es aber nicht direkt sagen.
Ich bin heute zum letzten Mal in dieser Halle, denke ich, als ich aus dem Spielertunnel in das Scheinwerferlicht trete. In einer Stunde wird Dirk diesen Weg nehmen, alles ist vorbereitet. Das Parkett glänzt. Auf dem Spielfeld werfen sich bereits ein paar junge Mavericks ein, die Kameracrews bauen ihr Equipment auf, auf dem Jumbotron über ihren Köpfen läuft der deutsche Dokumentarfilm Der perfekte Wurf in voller Länge. Im Film ist Dirks Vater zu sehen, seine Mutter, seine Schwester. Holger Geschwindner. Donnie Nelson, der General Manager. Alle erzählen, was sie mit Dirk verbindet.
Die Fans und Journalisten, die Platzanweiser und Sicherheitsfrauen starren auf den Würfel. Alle sind hier, alle warten. Tausende Menschen und Tausende Versionen davon, wer Dirk Nowitzki eigentlich ist. Alle haben ihre eigene Fassung von seiner Geschichte, für jeden hat Dirk Nowitzki eine andere Bedeutung. Für den massigen Ordner mit dem Tic hinter dem Korb. Für den Fernsehmann Skin Wade am Spielfeldrand. Für das zwölfjährige Mädchen und seinen Großvater in Block 107, beide in Dirks grünem Vintagetrikot. Für mich. Wir alle glauben zu wissen, wie er ist.
Aber so einfach ist es nicht.
7:00 pm. Die Halle knistert wie vor einem Finalspiel, als die Spieler aus dem Tunnel kommen. Die Leute stehen und filmen jeden Wurf, den Dirk beim Aufwärmen nimmt. Als er einmal einigermaßen spektakulär dunkt, jubelt das Publikum wie sonst nur in der Crunch Time am Ende des Spiels. Die Halle will heute ihm gehören. The house that Dirk built. Um ihn herum nimmt seine Geschichte Platz: Robert Garrett, Mannschaftskamerad seit Kinderjahren, sitzt gegenüber der Mavericks-Bank. Dirks Blick sucht seinen Vater und seine Schwester, er sucht Geschwindner, seinen Freund und Trainer. Seine Frau Jessica.
Auf seinen eigens für das heutige Spiel hergestellten Schuhen prangt das rote Logo seines Würzburger Heimatvereins, der DJK Würzburg.
Und dann seine Halle. Das Spiel beginnt und alles läuft über Dirk. Ich schreibe mit, ich könnte aufzählen, wie viele Würfe er nimmt. Wie oft er trifft und von wo, aber dann wird mir bewusst, dass es heute nicht um Basketball geht. Es geht nicht darum, dass er die ersten zehn Punkte des Spiels erzielt, um seinen Fadeaway und seinen Trailer-Dreier. Es geht nicht um den Sieg. Heute geht es um Dirk Nowitzki. Und um uns.
Im zweiten Viertel erwischt es ihn. Auf dem Jumbotron wird ein Video eingespielt, das ihn bei seinen Besuchen in einer Kinderklinik zeigt. Seit mehr als 15 Jahren macht er diese Besuche, aber erst im letzten Jahr war erstmals ein Journalist dabei. Dirk sieht sich das Video an, und obwohl noch ein paar Minuten zu spielen sind, überkommt es ihn. Vielleicht ist es der getragene Tonfall, die rührende Stimme. Vielleicht wird ihm sein Glück bewusst. Dirk Nowitzki steht allein in der Mitte des Spielfelds, und als er seine Rührung nicht in den Griff bekommt, senkt er den Blick, die Arme auf die Knie gestützt. Die Halle kämpft mit seinen Tränen.
Irgendwann fängt er sich und bringt das Spiel zu Ende. Luka Dončić spielt aus einem Pick-and-Roll einen perfekten Pass auf Dwight Powell auf dem High Post, der steckt durch zu Dirk, und Dirk dunkt, und ich frage mich, ob wir gerade den letzten Dunk seiner Karriere gesehen haben.
Irgendwann passiert alles zum letzten Mal.
Nach Spielende fahren die Mavericks alles auf, was man auffahren kann, ohne es zu übertreiben. Es werde ein besonderer Abend, hat Teambesitzer Mark Cuban angekündigt, ganz gleich, ob Dirk das gefalle oder nicht. Coach Carlisle sagt ein paar rührende Worte, und als dann auf den Bildschirmen Bilder seiner Idole eingeblendet werden, sitzt Dirk auf seinem Platz auf der Spielerbank und guckt zunächst verständnislos. Scottie Pippen? Charles Barkley? Larry Bird? Schrempf? Kemp? Warum werden diese Superstars eingeblendet, diese Legenden, was haben die mit ihm zu tun?
Ein Sondereinsatzkommando hat seit Monaten an diesem Moment gearbeitet, in höchster Verschwiegenheit, Dirk durfte nichts mitbekommen und offenbar ist er tatsächlich ahnungslos. Als dann aber Barkley, Pippen und Bird einer nach dem anderen auf das Spielfeld geführt werden, dämmert es ihm. Neben ihm sitzt sein Mitspieler Devin Harris und kann seine Freude über diesen Moment kaum kontrollieren. Dirk beißt in sein Handtuch, um die Tränen zurückzuhalten. Die Legenden stehen in ihren Lichtkegeln, die Zeit schlägt eine Schleife: Dirk Nowitzki, 15 Jahre alt, in seinem Kinderzimmer in Würzburg-Heidingsfeld, ein Poster von Scottie Pippen über seinem Bett und eins von Charles Barkley an seinem Schrank. Und Dirk Nowitzki, vierzig Jahre alt. Einer von ihnen.
Dirk steht auf und wirft das Handtuch zur Seite, als würde er noch einmal eingewechselt werden. Er umarmt die Legenden ungelenk, er lächelt, und während sie ihre rührenden Abschiedsreden halten, steht Dirk gerührt daneben und hört zu.
»Man«, sagt Scottie Pippen. »You have been an inspiration to me.«
Und dann steht Dirk allein im Scheinwerferlicht. Wir alle sehen ihm zu. Die Arena ist komplett verdunkelt worden, nur die Notbeleuchtung funzelt. Dirk steht im Mittelkreis. Jemand drückt ihm ein Mikrofon in die Hand. Und dann sagt Dirk Nowitzki das, was wir alle wissen, aber nicht wahrhaben wollen.
Ich sehe in die ernsten Gesichter um mich herum. Viele weinen jetzt, und wer nicht weint, wird gleich zu weinen beginnen. Wir alle haben unsere Nowitzki-Geschichten im Gepäck, unsere Dirk-Momente. Wir alle haben ihn scheitern sehen, wir sind selbst so oft gescheitert. Wir alle können uns erinnern, wo wir waren, als er 2011 Meister wurde. Sein Sieg fühlt sich immer noch an wie unser Sieg. Für die, die jetzt hier auf den Tribünen stehen, die in Europa vor ihren Rechnern hängen und in den Bars in Amerika am Tresen lehnen, ist Dirk Nowitzki eine beständige Begleitung gewesen, eine emotionale Konstante. Wir sind mit ihm erwachsen geworden, er ist das, was von unserer Jugend übrig ist.
Ob ich Dirk Nowitzki begriffen habe, kann ich bis heute nicht sagen. Aber als er allein im Mittelkreis seiner Halle steht, vor seinen Leuten, vor seiner Stadt, als er am Ende seiner langen, glanzvollen Karriere das Mikrofon ergreift, stehe ich oben auf der Tribüne neben Krenz, Ott, Bielek und allen anderen und halte den Atem an. Die Halle ist voll von uns: Freunde, Verwandte, Weggefährten. Seine Schwester, sein Vater, seine Frau. Unter uns liegt die Halle in dunklem Blau, nur Dirk leuchtet, und wir holen Luft.
»Ihr werdet es vermutet haben«, sagt Dirk Nowitzki. »Das war mein letztes Heimspiel.«

Dieses Buch ist keine Trainingsanleitung, keine Motivationsrede und kein Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-nur-willst-Ratgeber. Dieses Buch ist die unwahrscheinliche Geschichte von Dirk Nowitzki, der von einem schmächtigen Jungen in Würzburg-Heidingsfeld zu einem Superstar in Dallas, Texas, wurde. Der 21 Jahre lang für einen einzigen Klub spielte, der zu einer Legende seiner Sportart wurde. The Great Nowitzki. Der das Spiel, das er liebt, geprägt und verändert hat. Der das mit einer kaum zu erklärenden Würde getan hat und ohne sich zu verraten.
Es ist auch meine Geschichte. Die Geschichte von einem, der an diesem Spiel gescheitert ist und der trotzdem nicht aufgehört hat, Basketball zu lieben. Das, wofür dieses Spiel steht. Solche wie mich gibt es viele. All diejenigen, die Dirk Nowitzki all die Jahre zugesehen haben, wie man einem alten Mannschaftskameraden zusieht, der es weiter gebracht hat als man selbst. Die sich immer noch fragen, wie jemand seine Sache so gut können kann, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren, nicht die Liebe zum Spiel und den Respekt vor den Menschen.
Ich habe Dirk Nowitzki und die Leute um ihn herum beobachtet – in aller Subjektivität, mit allen blinden Flecken des teilnehmenden Beobachters; ich habe mich verstrickt und verzettelt. Dieses Buch ist meine Suche nach Dirk Nowitzkis Bedeutung, seiner Besonderheit, seiner Akribie und Genauigkeit. Dieses Buch ist keine Biografie, dieses Buch ist mein Versuch, aus Dirk Nowitzki schlau zu werden.
»You’re meeting Dirk? Are you fucking joking?«
3. Mai 2012

Meine Jahre mit Dirk Nowitzki begannen in einem Flugzeug über dem Atlantik. Ich hatte gerade ein Buch über die Welt der Basketballprofis von Alba Berlin geschrieben. Ich war gut im Thema und hatte dem ZEITmagazin deshalb auf gut Glück eine Reportage über Nowitzki angeboten. Seine Karriere hatte ich komplett verfolgt, er hatte mich immer fasziniert, und die Meisterschaft seiner Mavericks im letzten Sommer war mir – wie so vielen anderen auch – ziemlich nahegegangen.
Mein Vorschlag war einfach und zugegebenermaßen nicht ganz uneigennützig gewesen: Ich würde mir in Dallas ein paar spannende Playoff-Spiele ansehen, texanisches Barbecue essen, Dirk Nowitzki persönlich treffen, mein Bild von ihm überprüfen und anschließend ein Porträt schreiben, um von seiner Bedeutung für seine Stadt, seine Sportart und für mich zu erzählen. Nichts leichter als das, nichts lieber. Ich wollte zwei Wochen damit zubringen, dann hätte ich das Phänomen Nowitzki begriffen und erzählt. Zu meiner Überraschung hatte der Redakteur zugesagt, und jetzt war ich tatsächlich unterwegs nach Dallas, Texas. Ich wusste nicht, dass meine Reise zu Dirk Nowitzki sieben lange Jahre dauern würde. Ich hatte keinen blassen Schimmer.
Auf den billigen Plätzen war an Schlaf nicht zu denken, also versuchte ich zu lesen: eine eilig aus dem Regal gefischte Novelle von F. Scott Fitzgerald, zwei fotokopierte Tennis-Essays von David Foster Wallace (»Roger Federer as Religious Experience« und »String Theory«). Und zwei Dirk-Nowitzki-Biografien. Ich wollte vorbereitet sein. Es war mein erster Besuch in Dallas, gleich heute Abend würde ich zum ersten Mal die Halle der Mavericks betreten. Ich freute mich.
Vielleicht lag es am Whisky, den mir der schwere Ingenieur neben mir in die Hand drückte, dass ich nicht zum Lesen kam. Charles war sein Name, er stammte aus einer Kleinstadt in Oklahoma. Er hatte meine Nowitzki-Bücher gesehen, mir zugenickt und kurzerhand für mich mitbestellt. Vor ihm lag der Sportteil der USA Today, also fingen wir an über Basketball zu diskutieren. Charles’ Team, die Oklahoma City Thunder, waren heute Abend der Gegner der Mavericks, erste Playoff-Runde, die ersten beiden Spiele waren bereits gespielt. Das erste hatte Oklahoma mit nur einem Punkt Unterschied gewonnen, 99:98, das zweite war ebenfalls eng gewesen, 102:99. Nowitzki hatte 25 und 31 Punkte erzielt, er war der beste Werfer gewesen. Beide Spiele hätten die Mavericks gewinnen können, am Ende hatten Winzigkeiten entschieden. Nowitzki hatte im zweiten Spiel den Sieg in den Händen gehabt, dann aber eine Minute vor Schluss einen offenen Dreier verworfen.
Im Jahr zuvor waren die beiden Teams schon einmal aufeinandergetroffen. Dallas hatte damals die Serie 4–1 gewonnen und war anschließend Meister geworden. Dirk Nowitzki hatte den vielleicht besten Basketball seiner Karriere gespielt. Die drei jungen Nachwuchsstars der Thunder – Kevin Durant, Russell Westbrook und James Harden – waren die Zukunft des Spiels, aber die Mavericks hatten die Zukunft noch einmal verschieben können. Jetzt waren die Thunder ein Jahr älter und reifer, und das Team lag 2:0 vorne. »Beide Spiele hätten auch anders ausgehen können«, sagte ich. Ein getroffener Dreier, eine saubere Verteidigungssequenz. »Sind sie aber nicht«, sagte Charles und bestellte noch zwei Whiskys. »Wir führen.«
Wir sprachen über die allumfassende Überlegenheit des amerikanischen Spiels (seine Überzeugung) und den höheren taktischen Anspruch der europäischen Variante (meine Theorie). Charles war Großhändler für Baumaschinen, hatte beruflich in Europa zu tun gehabt, würde in Dallas umsteigen und mit dem Auto zurück nach Oklahoma fahren. Er interessierte sich auf sehr amerikanische Weise vor allem für die wirtschaftliche und statistische Seite der Sportart. An Dirk Nowitzki lobte er die Freiwurfquote und die Wirtschaftskraft für die Region. Sonst nichts. Er sei kein großer Fan, sagte er. Nowitzki? Zu soft, zu europäisch. Das Wort »european« sprach er aus wie eine schlimme Diagnose. »Gestern hat er den entscheidenden Dreier versemmelt«, sagte er. »Und wir haben gewonnen.« Ich nickte, Charles hob etwas onkelhaft seinen Plastikbecher und kippte den Whisky herunter.
»Sweep!«, sagte er. »OKC gewinnt 4:0!«
»Ums Verrecken nicht«, sagte ich.
»Wetten wir?«
»Ich wette nicht.«
»Hundert Dollar«, sagte er und kramte in seiner Tasche. »Du glaubst nicht an euren Jungen? Du denkst auch, dass Oklahoma gewinnt?«
»Danke«, sagte ich. »Warten wir ab.«
Auch wenn der Ingenieur es anders sah: Dirk Nowitzki gehörte zu den absolut Besten einer amerikanischen Sportart. Er hatte sich in einer Welt bewiesen, die nicht auf ein »Weißbrot aus Würzburg« gewartet hatte (Geschwindners Worte, nicht meine). Die eigenen Fans liebten Nowitzki, die gegnerischen fürchteten ihn. Sie wussten, wovon sie sprachen, denn sie waren mit dieser Sportart aufgewachsen. Man konnte sich in Grinnell, Iowa, beim Grillen über Basketball unterhalten und ebenso bei Old Fashioneds in Brooklyn Heights, New York. Oder eben mit Baumaschineningenieuren an Bord der Lufthansa.
Nowitzkis Spiel hielt dem immensen Sportwissen Amerikas stand – statistisch, taktisch und historisch. Er war der wohl beste Europäer, der jemals Basketball gespielt hat. Er hatte ein amerikanisches Spiel grundlegend verändert, er hatte es revolutioniert. Basketball seit Nowitzki war anders als Basketball vor ihm: beweglicher, variabler, weniger erwartbar, feiner, raffinierter. Das Spiel war internationaler und weltgewandter. Die Amerikaner konnten diesen Einfluss einordnen, auch wenn sie Dirk dafür nicht mochten. Er hat sich etwas genommen, was ihnen gehörte.
In Deutschland war Nowitzki bekannter als das Spiel, das er spielte. Seit Jahren warb er für die ING-DiBa und für Nike. Er saß bei Wetten, dass..? und im Sportstudio, Angela Merkel empfing ihn im Kanzleramt, Barack Obama lud ihn ins Weiße Haus ein. Er saß bei Conan O’Brien und David Letterman. Er war Fahnenträger bei den Olympischen Spielen gewesen, zigfacher Allstar, NBA-Champion. Ein Botschafter Deutschlands in der Welt. Aber für die Deutschen blieb er der nette Typ aus der Werbung, dibadibadu. Er hätte sich nicht großartig verändert, sagen sie, er sei immer auf dem Boden geblieben. Dirk war einer von uns, aber seinen tatsächlichen Arbeitsalltag verfolgten die wenigsten. Nur wir Nerds standen nachts auf und sahen uns die Spiele an. Es fiel Deutschland schwer, zu begreifen, wie gut Nowitzki tatsächlich spielte. Was er tatsächlich tat. Bei uns war er berühmt, weil er berühmt war.
Aus journalistischer Sicht gab es nicht viel Neues über Dirk Nowitzki zu berichten. Die Statistiken waren abrufbar, die Chronologie der Ereignisse, die Erfolge und Niederlagen bekannt, die Skandale und die Anekdoten oft erzählt. Es gab unfassbar viele Texte zu Nowitzki, es gab die Biografien auf dem Sitz neben mir, es gab Hunderte Interviews und Porträts, Hunderttausende Spielberichte. Dirk Nowitzki stand in der Gala, im Spiegel und in der Westfalenpost. In der USA Today, im New Yorker, in der Pittsburgh Post-Gazette. Die Geschichte, die erzählt wurde, war immer ähnlich: Ein Junge aus Würzburg wird allen Widerständen und Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz einer der besten Basketballer der Welt. Mit der Hilfe seines verschroben-genialischen Mentors Holger Geschwindner geht er unkonventionelle Wege, trainiert in der Zurückgezogenheit einer oberfränkischen Schulturnhalle, bis er schließlich sein großes Ziel erreicht. Dirk Nowitzki hatte Ruhm, Respekt und scheinbar grenzenlosen Marketingwert. Ich mochte die Geschichte des freundlichen Helden, seine Kämpfe und Niederlagen, ein leuchtendes Heldenepos mit verzeihbaren, vielleicht sogar sympathischen Kratzern. Ich war froh über seinen Triumph. Seine Siege waren irgendwie auch meine.
Wie viele andere auch habe ich als Kind den Traum vom Profisport geträumt. Ich bin in Hagen aufgewachsen, am Rand des Ruhrgebiets. Sport war bei uns Basketball, es gab fast nichts anderes. Ich war neun, vielleicht zehn, als mir im Sommer 1984 mein Trainer Martin Grof in der winzigen Turnhalle der Vinckeschule den ersten Korbleger erklärte, rechts – links – hoch. Martin tat so, als sei das Spiel Musik und unsere Schritte der Takt, tam-tam-tak. Und noch mal: tam-tam-tak. Immer wieder.
Im Herbst darauf spielte ich mein erstes Spiel, D-Jugend, ich trug das Trikot mit der Nummer 14. Die hohen Nummern waren für die großen Spieler reserviert. Wir verloren haushoch.
An den Wochenenden ging ich mit meinem Vater zu den Bundesligaspielen des TSV Hagen 1860 in die enge und pickepackevolle Ischelandhalle, 3000 Leute auf 1950 Plätzen, Brandschutz egal, überall auf Treppen und Aufgängen standen Leute. Ich sammelte die Eintrittskarten und Zeitungsschnipsel dieser Spiele und brüllte mir die Seele aus dem Leib. Von meinem Taschengeld abonnierte ich das Fachmagazin Basketball, das jeden Dienstag mit ein paar Tagen Verspätung Spielergebnisse, Punkteverteilungen und Tabellenstände lieferte. Ich erinnere mich an das raue Papier.
In unserer Stadt gab es zwei Bundesligisten, es gab erbitterte Derbys, bei den Duellen bebte die Halle. Im Foyer der Halle wurde geraucht und gesoffen wie im Fußballstadion, der Rauch waberte nach oben. Noch heute kenne ich die Namen der Spieler von damals: der gewaltige Sly Kincheon, der Springer Keith Gray, die Litauer Rimas Kurtinaitis und Sergej Jovaiša von unserem Rivalen SSV, die ersten Ostblockspieler im Westen. Ich erinnere mich an einen Weihnachtsnachmittag bei meinem Schulkameraden Guido, dessen Vater Litauer war. Als ich ins Wohnzimmer trat, saßen drei riesige Männer um den Weihnachtsbaum und tranken Wodka aus Wassergläsern: Jovaiša, Kurtinaitis und die Centerlegende Arvidas Sabonis, zu Besuch aus Spanien. Basketball war überall.
Später verbündeten sich beide Klubs gegen den Rest der Liga, sie nannten sich Brandt Hagen, die örtliche Zwiebackfabrik sponserte den Laden. Ich erinnere mich an die Pokalsiegermannschaft von 1994, an Coach Krüsmann, die Scharfschützen Arnd Neuhaus, Adam Fiedler und an Keith Gatlin, den großartigen Point Guard der University of Maryland, den es nur nach Hagen verschlug, weil sein Mitspieler Len Bias kurz nach dem NBA-Draft an einer Überdosis Kokain gestorben war. Sippenhaft für ein ganzes Team. Aber jetzt spielte er für uns, für Hagen, und wie er spielte!
Ich erinnere mich gut daran, wie begeistert ich als Kind war. Basketball war das Spiel unserer Stadt, es war das Spiel der großen weiten Welt. Ich erinnere mich an den Geruch der Turnhalle Friedensstraße, die Weichbodenmatten, die Sprossenwände, die Spiele am Sonntagmorgen. Das Malzbier danach. Die langen Tage in den Hallen, die Sommer auf den Freiplätzen. Basketballer waren anders als die Fußballer, unter Basketballern herrschte ein guter Tonfall, ein guter Witz. Basketball war clever, Basketball war smart. Ich erinnere mich an die Körper in Kurven, die fliegenden Menschen, den Rhythmus, den Takt. Zuerst war ich Fan, später wurde ich Spieler.
Eine Profikarriere war jahrelang mein Ziel, Schule und Bücher waren mir egal. Sämtliche meiner Freunde spielten Basketball, meine erste Freundin Marta war Point Guard, erste Liga, Nationalmannschaft. Die Jungs und ich trugen Chicago-Bulls-T-Shirts, an unseren Wänden hingen Scottie-Pippen-Poster. An besonderen Tagen ließen wir uns von unseren Eltern zu den Europaliga-Spielen von Bayer Leverkusen fahren und sahen Henning Harnisch durch die Dopatka-Halle fliegen, wir trugen Stirnband und lange Haare wie er, wir sahen Mike Koch hustlen und Toni Kukoč von Benetton Treviso passen. Wir saugten alles auf, was an Basketball zu bekommen war, bestellten Air Jordans im Mailorder-Katalog, guckten wieder und wieder importierte Videokassetten einzelner NBA-Spiele und tauschten Sammelkarten von Topps und Upper Deck. Wir kannten die Namen und Legenden, aber wie in Amerika tatsächlich Basketball gespielt wurde, wussten wir nicht. NBA-Basketball schien uns nicht realistisch, nicht konkret, noch nicht einmal denkbar. Das Linoleum der Ischelandhalle war das maximal Erreichbare. »H A G E N« stand im Mittelkreis, rot auf weißem Grund, der Mittelpunkt unserer Welt. In allen Hallen des Landes wurde so gedacht. In Braunschweig. Berlin. Leverkusen. Bamberg. Dirk Nowitzki würde das alles ändern.
Die professionellen Nachwuchsstrukturen deutscher Basketballvereine in den Neunzigern waren einfach: Man gab uns Spielern Trainingsanzüge und Busfahrkarten, und wir kamen täglich zum Training. Die Besten bekamen Handgeld und irgendwann einen Profivertrag, der ihnen das Studium finanzierte. Reich wurde niemand. Für die Kondition rannten wir durch den Fleyer Wald, sprinteten die Stadionstufen hinauf, für die Kraft stemmten wir Gewichte in einer Muskelbude in Hallennähe, für den Teamgeist stand eine Kiste Andreas Pils in der Kabine oder im Bus. Wir gewannen mehr Spiele, als wir verloren. Wir waren nicht schlecht, wir hielten uns für die Besten.
Mit ungefähr 15 traf ich in einem Spiel einen Dreipunktewurf vom linken Flügel, Brandt Hagen gegen den UBC Münster, die Uhr lief ab, wenn ich mich richtig erinnere, und mein Trainer wechselte mich sofort aus und ermahnte mich: Ich sei ein großer Spieler, mein Platz sei unter dem Korb, ich dürfe allenfalls aus der Mitteldistanz werfen. Distanzwürfe waren etwas für unseren Aufbauspieler Marko Pešić. »Wer trifft, hat recht«, murmelte ich, setzte mich aber fügsam auf die Bank.
Wir kannten Basketball damals als regelhaftes Spiel mit klaren Rollenverteilungen für jeden Spieler, mit eindeutig zugeordneten Positionen und Funktionen im Mannschaftsgefüge, cholerischen Trainern und Merksätzen wie »Mit Angriff gewinnt man Spiele, mit Verteidigung gewinnt man Meisterschaften«. Die Laufwege waren vorgegeben, Disziplin wurde vorausgesetzt und Vereinsmeierei gehörte dazu. Unsere Coaches schworen auf physische Verteidigung und klar festgelegte Spielzüge im Angriff. Wir Spieler taten, was wir tun mussten. In Hagen wurde gut und enthusiastisch Basketball gespielt, das Spiel bedeutete in meiner Stadt etwas. Aber wir spielten nicht, um am Ende einen Punkt mehr erzielt zu haben als der Gegner. Wir spielten, um dem Gegner einen Punkt weniger zu gestatten. Man verwendete die Strategien, die man seit Ewigkeiten kannte, und nannte es das »richtige« Spiel, wir spielten altmodisch und nannten es oldschool.
Vielleicht wäre ich ein guter Distanzschütze geworden, wenn man mich hätte werfen lassen. Vielleicht wäre ich höher gesprungen, wenn wir anders trainiert hätten. Vielleicht hätte ich ein anderer Basketballspieler sein können. Aber es war vermutlich viel einfacher: Ich war zu klein, nicht eiskalt genug, wahrscheinlich konnte ich nicht gut genug mit Leistungsdruck umgehen. Ich war nicht geistesgegenwärtig in meinen Bewegungen, statt mit intuitiver Zuversicht spielte ich mit ständig bewusster Angst vor dem Scheitern. Ich war ganz einfach körperlich und mental nicht gemacht für diese Sportart auf höchstem Niveau. Im Sommer 1994 hörte ich auf, an meinen Traum zu glauben. Meine Trikots aus jenen Jahren habe ich heute noch, sie liegen ganz hinten im Schrank. Ich machte Zivildienst und zog weg, um zu studieren. Meine Basketballkarriere endete, ehe sie richtig begann. Solche wie mich gibt es viele.
Genau zu dieser Zeit betrat Dirk Nowitzki das Spielfeld. 1994 hörte man zum ersten Mal Gerüchte von einem talentierten Jungen aus Würzburg, Jahrgang 1978, knapp zwei Meter groß, sehr beweglich und mit exzellentem Wurf. In den Turnhallen des Landes erzählte man sich, dass er das Zeug zum besten Spieler Deutschlands habe. Sogar Europas. Besser noch als Harnisch, als Dejan Bodiroga vielleicht, möglicherweise auf dem Level eines Toni Kukoč, der Spinne von Split.
Auch in Hagen hatte man angefangen, das Spiel anders und moderner zu denken. Hagen hatte Bernd Kruel und Matthias Grothe, zwei große und bewegliche Spieler, die positionsloser und beweglicher spielen durften. Grothe war der gleiche Jahrgang wie Nowitzki, ein Forward mit Physis und Finesse und einem fiesen Dreier. Kruel konnte werfen und war ähnlich groß und beweglich wie Dirk. Beide hatten vor allem keine Angst, sie dachten das Spiel richtig. Sie hatten keine Angst, zu verlieren.
Ich tauschte die Basketballschuhe gegen Laufschuhe, traf meine spätere Frau, eine Tennisspielerin, und zog mit ihr nach Hamburg. Ich hatte meine Jugend mit diesem großartigen Spiel verbracht, aber wir hatten uns enttäuscht und auseinandergelebt. Irgendwann fand ich mit der Literatur etwas, das mir ähnlich viel bedeutete wie das Spiel. Mein Gefühl für Basketball, sagen wir ruhig: meine Liebe, hatte sich abgekühlt, aber selbst als ich meinen alten Traum längst aufgegeben hatte, erinnerte sich mein Körper an das Spiel, eine Art Muskelerinnerung, ein eigentümlicher Phantomschmerz: Immer noch wusste ich genau, wie sich ein Korbleger anfühlt, tam-tam-tak, rechts – links – hoch, immer noch spürte ich die Dichte des Spiels, die Spannungsbögen und das Drama, immer noch zählte ich die Sekunden herunter, 3–2-1, und warf dann mit der Schlusssirene die zusammengeknüllten Manuskriptseiten in den Mülleimer. Swish.
Zumindest ging es mir so bis zum 13. September 1998.
An jenem Septembertag war ich zu Besuch in Hagen. Heimaturlaub. Mein Vater hatte ein Ticket besorgt wie früher, Ischelandhalle, Block E hinter dem Korb. Vor dem Spiel tranken wir im Foyer der Halle ein Bier. Fachsimpeleien und Frotzeleien. Alle sprachen von diesem Nowitzki – oder wie der hieß. War der Pole? War der wirklich so gut? Als wir dann etwas früher als sonst unser Bier ausgetrunken hatten und in das Neonlicht und den Lärm der Halle hineintraten, beäugten alle das Aufwärmprogramm der jungen Würzburger: Demond Greene, Robert Garrett, Marvin Willoughby. Und eben Dirk Nowitzki.
Ihrer Trainingsgruppe eilte damals das Vorurteil voraus, dass sie das Spiel nicht »richtig« spiele, sondern wild. Wobei »wild« für alles stand, was man im deutschen Basketball noch nicht zusammendachte: Geschwindigkeit, Mathematik, Psychologie, Takt, Taktik, Freude, Improvisation. Das moderne Spiel. Offiziell stand Klaus Perneker an der Seitenlinie, Holger Geschwindner war eine Art Schattentrainer: ohne gültige Lizenz, aber mit Zukunftsvision. Nowitzki warf sich ein. War er wirklich so besonders, wie alle sagten? Hagener sind kritisch. Das Spiel war nicht ausverkauft, daran erinnere ich mich.
Und dann sah ich Dirk Nowitzki zum ersten Mal tatsächlich spielen.
Er war jetzt 2,13 Meter und musste sich längst nicht mehr an die Rollen und Regeln halten, an die man in Deutschland glaubte: große und schwere Spieler unter den Korb, kleine und schnelle nach außen. Weil an jenem Sonntag schon klar war, dass Dirk Nowitzki demnächst nach Amerika in die NBA wechseln würde, warfen Grothe und Kruel und Hagen ihm alles entgegen, was wir hatten. Ich sage wir, weil ich hoffte, dass Hagen gewinnen würde. Die Geschichte des Underdogs war unsere Geschichte.
Die drei kannten sich aus der Jugendnationalmannschaft, erst vor ein paar Wochen hatten sie während der U22-Europameisterschaften in Trapani miteinander gespielt, und vor ein paar Monaten, bei einem Showspiel für Nike in Dortmund, hatten alle drei gemeinsam in der Starting Five gestanden. Eine Auswahl deutscher Talente hatte gegen ihre großen Idole gespielt, gegen die Vertragsathleten Scottie Pippen und Charles Barkley, Vin Baker, Reggie Miller, Gary Payton und Dirks späteren Point Guard Jason Kidd. Die Amerikaner waren über Paris nach Deutschland gekommen, hatten sich in ihren Hotels gelangweilt, sie hatten Porsches auf der deutschen Autobahn ausgefahren und anschließend Rottweiler und Kleinflugzeuge gekauft. Wenn wir ehrlich waren: Unsere Amerikaner waren zweite Liga, aber Barkley und Pippen waren die besten der Welt. Der Hagener Journalist Frank Buschmann hatte im knietiefen Trockeneisnebel gestanden und den Deutschen die großen Stars vorgestellt. Dirk Nowitzki hatte bei einem Fast Break über Barkley gedunkt, was später zu einer wichtigen Anekdote werden würde. Barkley würde sie noch Jahre später erzählen, und Dirk würde darin immer besser werden, je weiter das Spiel zurücklag.
Der Sportreporter Marc Stein, in jenen Tagen der Mavericks-Beat-Writer der Dallas Morning News und später ein guter Freund der Nowitzkis, hatte sich in jenem Spätsommer entschieden, auf seinem jährlichen Reportagetrip durch englische Fußballstadien einen Abstecher nach Würzburg zu machen. Auf eigene Kosten. Die NBA befand sich im Spielerstreik, und Stein war neugierig. Er wollte sich ansehen, woher der rätselhafte Spieler kam, den die Mavericks im Draft ausgewählt hatten. Wer dieser Spieler überhaupt war. Ob er überhaupt etwas taugte. Stein war interessiert, er mochte Europa und europäische Spieler.
DJK»I loved it.«
DJK
ZWACK
Kruel hatte Grothe springen sehen, sich von seinem Gegenspieler James Gatewood gelöst, um auszuhelfen, und war mit zwei, drei langen Schritten bei Nowitzki, die Arme hochgerissen, der Mund sperrangelweit auf, die Augen auf dem Ball. Nowitzki sah Kruel heranstürmen, er zeigte ihm kurz den Ball, eine winzige Andeutung nur, und auch Kruel hob ab, weil er mit dem Wurf rechnete, den jeder andere Spieler jetzt genommen hätte. Nowitzki wusste, was er tun wollte. Er sah sich die Szene an: Kruel segelte an ihm vorbei, unwiederbringlich abgehoben, ausgeliefert an Physik und Naturgesetz, und auch Grothe in seinem Rücken war immer noch mit sich und der Schwerkraft beschäftigt. Gatewood an der Freiwurflinie war komplett offen, Steinbach wuchtete seine 120 Kilo unter den Korb. Das Spiel war aus dem Gleichgewicht. Nowitzki konnte in diesem winzigen Sekundenzehntel alles tun, was er wollte. Er entschied.
Tak-tadamm,Swish.
anders
Ich war damit nicht allein. Jeder Basketballer, jede Basketballerin in Deutschland hat ihre Nowitzki-Momente, Momente des Starrens, Wartens, Staunens, explodierenden Jubels. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen »Flashbulb Memories«: emotionale, detailreiche Erinnerungen an besondere Ereignisse, die immer wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorgeholt werden. Gewollt oder ungewollt. Erinnerungen, die lebhafter werden, je öfter man sich erinnert, je häufiger man von ihnen erzählt, Geschichten, die mit jedem neuerlichen Erzählen konkreter und detailreicher werden. In diesen Augenblicken, schreibt der Schriftsteller David Foster Wallace in seinem grandiosen Essay über den Tennisspieler Roger Federer, »klappt einem die Kinnlade runter, man bekommt Stielaugen und produziert Geräusche, die Partner aus Nebenzimmern herbeieilen lassen, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist. Federermomente fallen intensiver aus, wenn man selbst genug Tennis gespielt hat, um zu wissen, dass das, wobei man ihn gerade beobachtet hat, unmöglich ist. Jeder von uns hat Beispiele parat.«
two degrees of separation.
Der Wurf über Jorge Garbajosa im Europameisterschaftshalbfinale gegen Spanien, die Weltmeisterschaft von Indianapolis von 2002, die Standing Ovations von Belgrad 2005, die Olympia-Qualifikation gegen Puerto Rico 2008. Die Olympischen Spiele 2008.
kiss off the glass,
Auf dem Bildschirm vor mir erreichte unser Flugzeug die großen Seen und den Mittleren Westen, später die Plateaus von Kentucky, flyover country, das amerikanische Nichts, und dann endlich Texas mit seinen Ölpumpen, kilometerweiten Äckern und Lagerhäusern. Wir kamen der Sache näher.
Dallas Morning News,MVP