Für Julia
Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Hilde Domin
I see friends shaking hands
saying how do you do
They’re really saying I love you
Louis Armstrong
oder ein sich stetig verändernder Untergrund vermag im Gehirn unter Umständen eine Fehlermeldung auszulösen. Es reicht schon aus, dass ein anderer Sinn zeitgleich signalisiert, dass sich der Körper in Ruhe befindet, und schon krampft sich der Magen zusammen, wölbt sich nach innen, als hätte man ihm die Luft entzogen.
So muss es sich angefühlt haben, wenn sie als Kind mit angezogenen Beinen auf der Rückbank im Trabant der Eltern saß und gegen das Erbrechen kämpfte. Winterferien, Sommerferien, Herbstferien, die Wochenenden bei den Großeltern väterlicherseits. In der Erinnerung schließt sie die Augen vor der bewegten Landschaft, die ihr das Seitenfenster zeigt, hält sich ein Taschentuch gegen den Benzingeruch vor die Nase und versucht an etwas zu denken, das ihr Freude macht. An das Ankommen später, in einem Betriebsferienheim unweit einer Seepromenade oder in einem Bungalow mitten im Wald. An das Kofferauspacken danach, das ihr viel lieber als das Einpacken ist, an einen sandigen Strand am Meer, an einen schneebedeckten Rodelberg oder an einen Irrgarten aus dichten Himbeer- und Brombeersträuchern. Wenn du die Augen zumachst, wird es nur noch schlimmer, sagt der Vater nach einem kurzen Blick in den Rückspiegel, und fordert sie auf, an seinem Sitz vorbei durch die Frontscheibe zu schauen. Sie sieht den schwarz gelockten Hinterkopf ihres Vaters, die weißen Markierungen auf dem Asphalt der Straße, entgegenkommende Ortseingangs- und Ortsausgangsschilder, die Lichter der Autos vor ihnen. Manchmal war es auch zu spät, dann hielten sie am nächstgelegenen Parkplatz oder irgendwo direkt am Straßenrand, damit sich ihr Magen entleeren oder an der frischen Luft, mit festem Boden unter den Füßen, beruhigen konnte und wieder wusste, wo er war. Der Vater rauchte eine Zigarette und machte ein paar Kniebeugen, die Mutter verschwand im Gebüsch oder holte die Kühltasche mit den gekochten Eiern und den Würstchen aus dem Kofferraum. Anfang der Neunziger gab der Vater das Rauchen schließlich auf und sie fing gerade damit an. In dieser Zeit saß sie auch das erste Mal am Steuer eines Autos und jene Übelkeit, die in der Medizin als ein Symptom der Kinetose oder Reisekrankheit aufgeführt wird, schien überwunden. Sie kam auch nicht wieder, wenn sie als Beifahrerin Karten studierte oder Reiseführer las, wenn sie die Veränderung der Umgebung durch das Seitenfenster beobachtete oder den Kopf in den Nacken legte und die Augen schloss. Es war, als hätte sich ihr Körper an diese Art der Fortbewegung gewöhnt. Oder sie hatte sich daran gewöhnt, im rechten Moment wieder nach vorn zu schauen.
Und dann, mit Mitte dreißig, ist sie plötzlich wieder da. Das erste Mal im Bus beim abrupten Bremsen und Beschleunigen mitten im Feierabendverkehr, es kommt ihr wie ein Versehen vor, dicht gedrängt zwischen anderen schwankenden Fahrgästen, ein anderes Mal auf einer Autofahrt durch die italienischen Dolomiten. Seit der Geburt ihrer Tochter hockt die Übelkeit dazu verlässlich auf den Schaukeln, Wippen und Drehkreiseln der Spielplätze. Einmal passiert es sogar im Theater, bei der Inszenierung eines Shakespearestücks, zu deren Beginn sich die Schauspieler im flackernden Stroboskoplicht minutenlang von einer Bühnenseite auf die andere warfen. Auf diese Weise imaginierten sie die stark schlingernden Bewegungen eines Schiffes auf stürmischer See und ihr wurde sofort übel davon. Im ersten Moment dachte sie daran, den Zuschauerraum zu verlassen. Doch dann bemerkte sie, wie das Publikum um sie herum anfing, die Bewegungen, die es auf der Bühne sah, mit den eigenen Körpern nachzuahmen. Und sie, Kristine, begann ebenfalls vorsichtig mitzuschwingen, zunächst kaum merklich mit dem Kopf, dann zunehmend auch mit dem Oberkörper. Einige Leute lachten laut auf und verhakten ihre Arme ineinander; sie fanden Gefallen an dem imaginären Sturm, der den Figuren auf der Bühne Angst und Schrecken einflößte. Schließlich wurde aus dem schwankenden Schiff ein gestrandetes Schiff, und während die Schauspieler auf dem Eiland der Bühne einen neuerlichen Sturm der Gefühle und wechselnden Identitäten heraufbeschworen, fanden die Zuschauer langsam in die Rolle des Publikums zurück.
Restaurierte Backsteinbauten und moderne Fassaden, Stadthäuser und Grünanlagen prägen die Umgebung der Wohnanlage. Die nächste katholische Kirche ist in 15 Minuten, die evangelische Kirche in 5 Minuten, die S-Bahn in circa 10 Minuten Fußweg zu erreichen. Die Wohnanlage selbst besteht aus vier nach außen hin verglasten Etagen mit insgesamt siebenundzwanzig Ein-Personen-Wohnungen ab 28 bis maximal 45 Quadratmetern und achtzehn Zwei-Personen-Wohnungen ab 54 bis 71 Quadratmetern Grundfläche. Alle Wohnungen verfügen über Laminatboden, Einbauküche, Bad mit WC, Zentralheizung, Kabelfernsehen und einen internetfähigen Telefonanschluss. Das Gebäude ist mit einem Fahrstuhl ausgestattet, mit Gemeinschafts- und Veranstaltungsräumen, einer Teeküche, einer Gartenterrasse und einer Waschküche. Es stehen gegen Aufpreis Kellerräume und auf Wunsch auch Tiefgaragenstellplätze zur Verfügung. Regelmäßig finden Veranstaltungen und Etagentreffen mit den Nachbarn statt. Ein Hauswart und eine Hauswirtschafterin sind rund um die Uhr vor Ort, ein Hausnotruf kann darüber hinaus jederzeit installiert werden. Für jene Bewohner und Bewohnerinnen, die regelmäßig medizinisch versorgt werden müssen, jetzt oder später, beherbergt das Haus weitere praktische Einrichtungen, die bei Bedarf ergänzend dazugebucht werden können.
Ein langsames Auftauchen, wie vom Grunde eines Sees hinauf. Sie spürt ein leichtes Frösteln auf der Haut. Wie lange hat sie geschlafen? Eine Stunde oder wenige Minuten? Vorsichtig dreht Almut den schmerzenden Kopf zur Seite, nur ein bisschen zur linken Seite, wo auf dem Nachtisch neben dem Bett der Wecker steht. 14:52 Uhr. Es braucht eine Weile, bis die Zahlen den Weg in ihren Kopf finden. Dann hat sie doch beinahe eine Stunde geschlafen. Ein leichter, fast traumloser Schlaf, bis auf das Gesicht von Hans, das sie in sich trägt. In den Nächten wie am Tag. Das dumpfe Pochen hinter den Schläfen ist noch da, der Schnee vor dem Fenster ist noch da. Weiße Schneeflocken wie dicke, taumelnde Hummeln. White bumblebees. Auf seine alten Tage wollte Hans unbedingt noch Englisch lernen (oder vielmehr: endlich Englisch lernen), ein grauhaariger Siebzigjähriger, der mit einer vergilbten DDR-Ausgabe eines englisch-deutschen Wörterbuchs neben ihr im Bett liegt und Vokabeln wie Gedichte rezitiert. Es gibt Tage, da scheinen ihr die drei Jahre seit seinem Tod eine halbe Ewigkeit, an anderen Tagen muss sie sich nach dem Aufwachen erst orientieren, wie in den ersten Tagen und Wochen. Almut blinzelt abermals in Richtung der rot leuchtenden Anzeige ihres Weckers. Noch eine Stunde, bis Kristine kommt, sicher wieder mit dem Fahrrad, trotz des Schneetreibens draußen. Es wird besser sein, heute drinnen zu bleiben, aber kräftig durchlüften muss sie vorher noch mal. Almut weiß, dass es im Zimmer nach Alter und Tabletten riecht, sie riecht es ja selbst jedes Mal, wenn sie nach einem Spaziergang an der frischen Luft in die Wohnung zurückkehrt. In ein, zwei Monaten wird sie die Fenster wieder Tag und Nacht offen lassen können, tagsüber weit offen und nachts zumindest angekippt, dann wird sie auch wieder auf einer der Bänke unten im Park sitzen können, erst auf der Sonnenseite mit Blick auf die große Wiese, wo sich die Jongleure und Hundebesitzer treffen, und später, wenn die Sonne schon morgens heiß im Nacken und auf den Schultern brennt, wird sie in den Schatten unter die Bäume am Spielplatz wechseln. Gleichmäßig atmet sie gegen das Pochen in ihren Schläfen an. Vier Zählzeiten ein, vier halten, vier Zählzeiten aus, wie sie es bei einer Kur im Harz vor einigen Jahren gelernt hat. Und vor dem Fenster taumeln die weißen Flocken dazu.
Nun muss sie aber langsam aufstehen, die Dinge brauchen ihre Zeit. Sich mit leichtem Schwung über die Seite aufrichten, die bestrumpften Füße ertasten das glatte Laminat, einen Punkt an der Wand gegenüber fokussieren. Sich auf die nächste Bewegung konzentrieren, damit das Gleichgewicht (der untreue Gefährte) sie nicht verlässt. Es gibt die guten und die schlechten Tage. An guten Tagen beschränkt sich die Krankheit auf den Tremor in den Händen und das Gesicht im Spiegel wirkt einigermaßen vertraut. An schlechten Tagen scheint der gesamte Körper wie eingefroren. Wenn sie an schlechten Tagen zu schnell aufsteht, kann es passieren, dass sie das Gleichgewicht verliert.
Dabei ist es ihr Kopf, der die Kontrolle verliert. In den Patientenbroschüren und Fachbüchern steht geschrieben: Im Gehirn eines Parkinson-Patienten können Bewegungsimpulse nur noch ungenügend weitergeleitet werden. Die Broschüren und Bücher sagen aber auch: Betroffene mit einem Tremor können auf einen günstigeren Verlauf der Krankheit hoffen. Es ist möglich, dass der Tremor hier über Jahre das hauptsächliche Symptom bleibt. Doch auch bei diesen Patienten werden die Phasen guter Beweglichkeit mit der Zeit immer kürzer. Im Spätstadium wird ein Hilfsbedarf bei der Ernährung, der Körperpflege und anderen Verrichtungen des Alltags anfallen. In vielen Fällen kommt es zur Bettlägerigkeit, dann muss gegen Lungenentzündung und Thrombose vorgebeugt werden.
Über all das weiß Almut Bescheid. Sie hat sich frühzeitig informiert, was auf sie zukommen wird. Sie hat in den Wochen nach der Diagnose, zusammen mit Hans, all die Broschüren und Bücher gelesen. Das war 1994. Und ihre Tochter Elli, damals erst zwanzig und gerade zurück aus New York, hat sich ebenfalls informiert. Die Tochter im Arm halten und ihre Angst und Sorge aushalten. Die eigene Angst für sie zurückhalten. Zuversichtlich sein. Mit der Zeit haben sie sich an die Krankheit wie auch an die Zuversicht gewöhnt.
Mit flatternden Händen drückt sich Almut von der Bettkante hinauf in den Stand. Das Bett hat genau die richtige Höhe für ihren Körper. Eine Maßanfertigung aus dem Holz ihres alten Ehebetts, sie habe da eine Idee, hatte Elli nach Hans’ Tod gesagt, und ihren Entwurf in der Werkstatt eines befreundeten Bildhauers eigenhändig in die Tat umgesetzt. Mit dem Tod des Vaters kehrte die Sorge zurück, und ist seitdem ein Dauergast in Ellis Kopf, egal was Almut dagegen vorzubringen weiß. Am Telefon, und neuerdings auch per Skype. Almut will keine Last sein. Das wollte sie nie. Wozu sollen die Erfahrungen, das Lernen aus dem eigenen Tochtersein sonst gut sein, wenn nicht dafür, die Abzweigungen in der Wiederholung zu finden, diese kleinen, selbst geschaffenen Pfade, die mit ein bisschen Glück auf neue, unbekannte Wege führen. Es ist nicht Aufgabe der Kinder, sich um die Eltern zu sorgen. (Eine im Laufe vieler Jahre hart erarbeitete und inzwischen tief sitzende Überzeugung.) Es ist Aufgabe der Kinder, für sich selbst und irgendwann auch für die eigenen Kinder Sorge zu tragen. Letzteres: Ein wunder Punkt ihrer Tochter. Almut umrundet das Bett, das ihre sichere Insel ist, berührt das abgeschliffene, hell geölte Holz. Wie begabt und geschickt die rauen Hände ihrer Tochter Elli sind, das konnte man bereits an den ersten Basteleien im Kindergarten sehen und später an den Schnitzereien mit Hans’ Taschenmesser und noch später an den Arbeiten mit Feile, Säge und Lötkolben im Werkunterricht. In der Kindergartenzeit hat sie ihr Mädchen noch Eliška genannt, die tschechische Koseform von Elisabeth, doch in der Schule hat sich schnell die Kurzform Elli durchgesetzt. Der alte Kosename überdauert als Anrede in Briefen, auch kommt er Almut in den Sinn, wenn sie sich verabschiedet oder die Tochter Kummer hat.
Vom Bett geht es über die Schwelle zum Flur, im Flur an den Jacken, dem Wintermantel und dem Schuhregal vorbei, am Staubsauger vorbei, bis zur Tür des kleinen, fensterlosen Badezimmers. Lichtschalter an, Lüftung an. Vor allem der Toilettengang braucht seine Zeit, das umständliche Nesteln an den Sachen, heute stürmt es wieder mächtig, hat sie zu Hans gesagt, wie beiläufig und etwas spöttisch zugleich, wenn er wieder einmal vor ihr in die Knie ging, um ihr mit den Knöpfen oder Reißverschlüssen zu helfen, und sie die Gelegenheit nutzte, sein weiches, immer dünner werdendes Haar zu zerzausen. Hans war es auch, der Elli nach ihrem Jahr in den USA von einem Medizinstudium ab und zum Theater hingeraten hatte: Du brauchst eine Bühne für deine Hände und keinen OP-Saal! Am Theater sind sie sich dann über den Weg gelaufen, Elli und Kristine, bei einem dieser Praktika während des Studiums, die Bedeutung des Wortes musste sich Almut erst erfragen. Ich habe jemanden kennengelernt, hatte Elli damals erzählt, und Almut dachte im ersten Moment an einen Mann. Doch die Männer kamen und gingen in dieser Zeit noch unerzählt und wurden ihr erst Jahre später vorgestellt. Almut lächelt zufrieden, als sich der Reißverschluss endlich schließt.
Auf dem Weg zur Küche fällt ihr Blick wieder auf den Wecker neben dem Bett, jetzt ist es schon kurz vor vier. Wasser aufsetzen für den Tee, Teller raussuchen, das Klirren der Hände im Besteckkasten. Elli wird nun schon vierzig dieses Jahr, und wenn Almut genau hinschaut, sieht sie die kleinen Fältchen unter den Augen, da wo die Haut am sichtbarsten müde wird, aber sonst? Seit Jahr und Tag trägt Elli ihre grauen oder schwarzen Jeans und einfarbige T-Shirts dazu, das dicke, gewellte und orangerot gefärbte Haar am Hinterkopf mit einem Gummi verknotet, und ab Herbst holt sie den obligatorischen Parka aus dem Schrank, mal grün, mal braun, mal dunkelblau mit Fellkragen. Wie Almut dagegen als junge Frau aussah, mit Mitte zwanzig im Grunde schon wie Mitte vierzig, sie erinnert sich noch gut an die schlecht sitzenden, dunklen Kostüme und den unvorteilhaften Pagenschnitt. Inzwischen sind die Haare kurz und pflegeleicht wie nie und die Falten trotz jahrelanger Cremerei wie feine Schnitte auf einem alten Küchenbrett verteilt, einundachtzig Lenze in den Knochen und im Fleisch, und im September wird wieder ein Jahr draufgerechnet. Im Wasserkocher brodelt es, Almut legt ein gefaltetes Geschirrtuch um die Kanne und gießt mit beiden Händen vorsichtig das heiße Wasser auf. Was dabei danebengeht, saugt das Geschirrtuch sofort auf. Dann greift sie nach den Aluminiumstreifen neben dem Brotkorb und drückt sich drei Tabletten in die Hand. Die große weiße geht am schwersten, die ovalen, farbigen sind mit einer Art Plastikfilm überzogen, das hilft beim Schlucken. Das Schwerste immer zuerst, dann hat man es hinter sich. Almut gießt sich ein Glas Leitungswasser ein, schiebt sich die weiße Tablette in den Mund und verspürt einen leichten Würgereflex. Sie schließt die Augen und trinkt das lauwarme Wasser hinterher. Langsam schiebt sich das gepresste, bittere Pulver durch die enge Speiseröhre, eine halbe Ewigkeit, so kommt es ihr vor, dann schickt Almut die beiden anderen Tabletten hinterher.
Nun deckt sie den ovalen Tisch im Wohnzimmer ein, der wie das Bett noch aus ihrer alten Wohnung stammt, die Küche ist zu klein zum Essen, ein Kabuff in Form einer sechs Quadratmeter großen Ausbuchtung, die vom Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer ist, abgeht, mit Flur und Bad sind es knapp dreiunddreißig Quadratmeter. Es gibt auch Zwei-Zimmer-Wohnungen hier im Haus, die sind mehr als 50 Quadratmeter groß, aber das macht gleich einen großen Unterschied im Preis und sie braucht es auch nicht. Der Umzug hat ihr geholfen, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Die Verkleinerung hat ihr geholfen. Wie groß und leer ihr die alte Wohnung plötzlich vorkam, als es sich noch an den Gedanken zu gewöhnen galt, dass Hans nicht mehr neben ihr schlafen, essen oder lesen würde, als sie entscheiden musste, wie es weitergehen würde. Die Einsamkeit nicht zu groß werden lassen, sonst verschwindest du darin. Das Verstehen ging einher mit einer Erinnerung. Und so fing sie mit dem Packen an und dem Packen ging ein Aussortieren voran. Dabei musste sie überhaupt nicht entscheiden, was alles weg sollte. Im Gegenteil. Es ging ausschließlich darum, zu entscheiden, was sie mitnehmen würde. In ihr neues und zugleich letztes Heim. Alles andere weg: auf den Sperrmüll, in den Trödel – eine Haushaltsauflösung schon zu Lebzeiten. Diese Erleichterung plötzlich. Nur um das geliebte, aber viel zu große Ehebett tat es ihr leid. Die Auflösung eines ganzen Lebens, so hatte es Elli empfunden, und sich sogleich über die Kartons mit den aussortierten Sachen hergemacht, die allesamt schon gestapelt im Schlafzimmer zur Abholung bereitstanden. Dabei hatte Almut ihr doch bereits einen Karton im Flur beiseitegestellt, einen Karton extra für sie, für die Erinnerung und für das Abschiednehmen. (Einen zweiten, kleineren Karton hat sie noch hier, auf dem Zwischenboden im Flur, darin aufgehobene Kindersachen von Elli, überwiegend selbst genäht, aus fast jedem Jahr ein Lieblingsstück, der erste winzige Strampler mit den blassgelben Milchflecken, ein rot-weiß gestreifter Kinderschlafanzug, eine Latzhose aus blauem Cord und vieles mehr – denn auch sie hat sich jahrelang kaum von etwas trennen können und wider besseres Wissen zu vielen Dingen eine Bedeutung gegeben.) Am Ende standen vier weitere Kartons im Flur, dazu noch das riesige Bett, in seine Einzelteile zerlegt, die Elli nacheinander zum Auto trug, nicht allein, denn ja, auch Kristine war damals dabei, um Elli zu helfen.
Die Wohnung schließlich leer geräumt und besenrein. Ein letzter Blick aus dem Fenster, der Bund mit den Wohnungs-, Haustür-, Briefkasten- und Kellerschlüsseln auf der Fensterbank. Ellis Hand in ihrer verschränkt. Jetzt hätte sie doch beinahe das Lüften vergessen. Almut reißt eines der beiden Fenster im Wohnzimmer auf und riecht die kalte, frische Luft. Vergesslich und müde, kein guter Tag heute. Sich nicht wieder hinlegen, die Stunden nicht einfach vorbeiziehen lassen. Im Takt von vier Zählzeiten atmen. Almut platziert sich im Sessel und streckt gerade die Beine aus, als es laut klingelt. Eine lang gezogene, scheppernde Melodie, die sich nach Aussage der Hauswirtschafterin, die hier jeden Morgen nach dem Rechten sieht, beschwingt anhören soll, also doch gleich wieder aus dem Sessel hoch, aber nicht zu schnell, die Stille nach dem Läuten begleitet Almut zur Tür.
Entschuldige die Verspätung, sagt Kristine, und wirkt noch ganz atemlos vom Fahrradfahren oder von der Kälte, dazu von oben bis unten zugleich nass und eingeschneit. Sie schiebt die Kapuze in den Nacken und die beschlagene Brille hoch auf den feuchten Haaransatz und reicht Almut die Plastiktüte mit dem Kuchen entgegen.
Ende März treiben bereits die ersten Blätter aus, und nur wenige Wochen später blüht und duftet der Flieder in der ganzen Stadt. Weiß, lila und violett umrandet er Bänke, Springbrunnen und poröses Mauerwerk, und schlängelt sich den Park am Špilberk bis zur weißen Festungsanlage hinauf. In ihrem Inneren verbirgt die Festung lichtlose, kalte Kasematten, eine düstere Kerkeranlage, die jeden Häftling blind und mutlos machen muss, aber oberhalb ihrer Gräben und Wehranlagen umarmen sich Wind und Sonne sorglos in einem weiß betupften Königsblau. Hier ist der Himmel herrlich weit, hier fängt der Süden an, hier reicht der Blick über die mährische Stadt, die verwunschene Märchenstadt, über die spitzen Türme der Kirchen und die roten Dächer der Häuser, über das Grün in ihren Hinterhöfen und den zahlreichen Parkanlagen. Sandige und gepflasterte Wege führen durch das Bild, an prächtigen Villen vorbei, mit ihren wechselnden Bewohnern. Eine Stadt wie gemacht für alte Lieder und Geschichten, für die schönen wie die grausamen, eine Stadt wie gemacht dafür, fern von ihr Sehnsucht zu empfinden, an ihr zu hängen wie an einer Geliebten, der man sich einst versprochen hat.
Der Tisch ist gedeckt, zwei Teller, zwei Gabeln, zwei Tassen, darüber hängt das Mobile aus hellblauen und lachsfarbenen Glasballons, das, wie Kristine weiß, ein Mitbringsel aus Brno ist. Sie selbst hatte die luftigen Gebilde im Schaufenster eines tschechischen Blumengeschäftes entdeckt, aber Elli wusste sie der Ladenbesitzerin in einem fröhlichen Gemisch aus englischen und deutschen Halbsätzen kurzerhand abzuschwatzen. Das farbige Glas schimmert leicht im Sonnenlicht. Dahinter an der Wand hängt ein gerahmtes Kinderfoto von Elli, es rührt Kristine jedes Mal. Kräftige 80er-Jahre-Farben, Elli als Zehn- oder Elfjährige im dunkelblauen Gymnastikkleid, Oberkörper und rechtes Bein in die Standwaage gestreckt, die Arme wie Propeller seitlich ausgebreitet. Ein akkurat geschnittener Pony umrahmt das konzentrierte Gesicht. Es könnte die Pose einer Eistänzerin oder Turnerin sein, aber nein, es ist das inszenierte Standbild von einem Faschingsfest.
Weitere Familienbilder hängen an dem Streifen Wand zwischen den beiden Fenstern, deren Flügel weit offen stehen, wie sonnig es heute ist, freut sich Almut, als sie aus dem Bad zurückkommt. Kristine nickt, ihr Blick schweift kurz über den gegenüberliegenden Park mit der Town-House-Siedlung darin. Dann folgt sie Almut in die Küche, auf der Küchenzeile steht die bauchige Teekanne schon bereit. Kristine fischt mit spitzen Fingern die Teebeutel heraus und wirft sie in den weißen Mülleimer unter der Spüle. Almut drapiert derweil den Kuchen auf einem Teller mit Blütenrand. Das laute Knistern der Zellophantüte, als Almut sie in eine Schublade zu vielen anderen Tüten schiebt.
Nach dem Essen spült Almut das Geschirr, und Kristine neben ihr trocknet ab. Das seifige Spülwasser verschwindet gurgelnd im Abfluss. Im Flur greift Almut nach ihren hellen Turnschuhen mit dem Klettverschluss und einer leichten Daunenjacke. Kristine streift sich ihren dicken Pullover über und bindet die langen blonden Haare hoch zum Zopf. Dann nimmt sie die bereitliegende Decke unter den Arm. Als sie im Foyer der Wohnanlage aus dem Fahrstuhl treten, hakt sich Almut bei Kristine ein. Sie überqueren eine schlecht asphaltierte Straße, begrenzt von hohen Bordsteinen auf beiden Seiten, sie weichen Hundekot und einem entgegenkommenden Fahrradfahrer aus. Dann öffnet Kristine das hüfthohe schmiedeeiserne Tor der Parkanlage. Sie spazieren einen sandigen Weg entlang, an den vom Winter und von Winterschuhen geplagten, ausgedünnten Wiesen vorbei. Kristine kann die Konzentration spüren, mit der Almut auf ihre Schritte achtet. Sonne im Gesicht, ein leichter Wind im Haar, Sätze über dies und das. Über eine Postkarte von Elli aus Basel, wo diese seit einigen Monaten lebt. Über Kristines Pläne für Ostern (sie wird zu ihren Eltern nach Pirna fahren), über einen Nachbarn von Almut, der mit seinem Rollator ebenfalls im Park unterwegs ist und grüßend zu ihnen herüberwinkt. Fragen auch nach Kristines Arbeit und ihrer fünfjährigen Tochter Ada (gut geht’s, soweit). Die Langsamkeit der Bewegung ist angenehm, sie schlägt eine Schneise durch den Feierabendtrubel mit Einkaufstüten und Kinderwagen. Nach einer Weile entscheiden sie sich für eine Bank in der Sonne und Kristine breitet die Wolldecke aus. Almut verschränkt ihre flatternden Hände im Schoß und schließt für einen Moment die Augen. Sie spürt den Widerstand der Banklehne in ihrem Rücken. Den Druck noch ein wenig verstärken, weil die Begrenzung gegen die Entgrenzung des Körpers hilft. Ihre Wimpern wirken beinahe transparent, wie vom Alter ausgebleicht, sie sind kurz und kaum gebogen – ein gerader, dichter Fächer wie bei Elli. Auch am Mund sieht Kristine die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter, der schöne, fast symmetrische Bogen von Ober- und Unterlippe, als würden sie einander spiegeln.
Auf einer frühen Aufnahme, die inmitten zahlreicher Fotos in Kristines Küche hängt, trägt Elli die damals schon orangerot gefärbten Haare offen, ihr braun gebranntes Gesicht schaut sich nach der Kamera um, während die Beine kräftig weiter voranschreiten. Sonne im Auge, ein Blinzeln im Auge. Vor ihr ein blauer Streifen Meer, der mit dem Horizont verschmilzt. Jetzt bleib doch mal stehen!, hatte Kristine ihr lachend hinterhergerufen und dabei das Foto gemacht.
Soll’s weit fortgehen? / Zum Meere. / So weit fort! / Und weiter noch.
Ibsen, Peer Gynt. Das ist die erste gemeinsame Arbeit, bei der sie und Elli sich mit Anfang zwanzig kennenlernen. 1997 war das, da sind sie beide noch mitten im Studium. Die vielen anderen Produktionen der nächsten Jahre, in und auch außerhalb von Berlin, in denen sie immer wieder auch gemeinsam engagiert sind, Elli als Ausstatterin, Kristine als Dramaturgin – und auch wenn sie nicht zusammenarbeiten, besprechen sie ihre Entwürfe und Strichfassungen regelmäßig auf Kristines Sofa oder an Ellis großem Ateliertisch. Eine Lösung finden für den einen oder anderen Knoten im Kopf, eine Idee bestärken oder gemeinsam verwerfen, nach Worten für ein Bauchgefühl suchen, damit ich weiß, in welche Richtung du willst. Eine Zeit lang teilen sie sich sogar eine Wohnung, die vielen Bilder aus dieser Zeit, hauptsächlich im Kopf und weniger in der Fotokiste, dazu kommen die gemeinsamen Reisen, von denen es wiederum sehr viele Fotos gibt: Mit dem Flugzeug nach London und nach Lissabon, mit dem Auto zum Theaterfestival nach Avignon und per Anhalter durch Spanien, mit dem Zug nach Zürich oder Wien, und immer wieder auch spontan an die Ostsee. 2005 dann die Fahrt nach Brno, denn mit Anfang 30 beginnt sich Elli plötzlich für die Herkunft ihrer Mutter zu interessieren. Die Strecke führt über Dresden und Pirna, der Stadt, in der Kristine geboren und aufgewachsen ist, dann weiter nach Bad Schandau, Děčín, Ústí nad Labem, Prag, Kolín, Pardubice, Brno (wie sehr sie darauf bedacht sind, keinesfalls Brünn zu sagen). Hinter Dresden bis zur tschechischen Grenze kurzzeitig diese sieh doch mal hier!