Inhaltsverzeichnis

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Hilde Domin

I see friends shaking hands

saying how do you do

They’re really saying I love you

Louis Armstrong

oder ein sich stetig verändernder Untergrund vermag im Gehirn unter Umständen eine Fehlermeldung auszulösen. Es reicht schon aus, dass ein anderer Sinn zeitgleich signalisiert, dass sich der Körper in Ruhe befindet, und schon krampft sich der Magen zusammen, wölbt sich nach innen, als hätte man ihm die Luft entzogen.

 

So muss es sich angefühlt haben, wenn sie als Kind mit angezogenen Beinen auf der Rückbank im Trabant der Eltern saß und gegen das Erbrechen kämpfte. Winterferien, Sommerferien, Herbstferien, die Wochenenden bei den Großeltern väterlicherseits. In der Erinnerung schließt sie die Augen vor der bewegten Landschaft, die ihr das Seitenfenster zeigt, hält sich ein Taschentuch gegen den Benzingeruch vor die Nase und versucht an etwas zu denken, das ihr Freude macht. An das Ankommen später, in einem Betriebsferienheim unweit einer Seepromenade oder in einem Bungalow mitten im Wald. An das Kofferauspacken danach, das ihr viel lieber als das Einpacken ist, an einen sandigen Strand am Meer, an einen schneebedeckten Rodelberg oder an

 

Restaurierte Backsteinbauten und moderne Fassaden, Stadthäuser und Grünanlagen prägen die Umgebung der Wohnanlage. Die nächste katholische Kirche ist in 15 Minuten, die evangelische Kirche in 5 Minuten, die S-Bahn in circa 10 Minuten Fußweg zu erreichen. Die Wohnanlage selbst besteht aus vier nach außen hin verglasten Etagen mit insgesamt siebenundzwanzig Ein-Personen-Wohnungen ab 28 bis maximal 45 Quadratmetern und achtzehn Zwei-Personen-Wohnungen ab 54 bis 71 Quadratmetern Grundfläche. Alle Wohnungen verfügen über Laminatboden, Einbauküche, Bad mit WC, Zentralheizung, Kabelfernsehen und einen internetfähigen Telefonanschluss. Das Gebäude ist mit einem Fahrstuhl ausgestattet, mit Gemeinschafts- und Veranstaltungsräumen, einer Teeküche, einer Gartenterrasse und einer Waschküche. Es stehen gegen Aufpreis Kellerräume und auf Wunsch auch Tiefgaragenstellplätze zur Verfügung. Regelmäßig finden Veranstaltungen und Etagentreffen mit den Nachbarn statt. Ein Hauswart und eine Hauswirtschafterin sind rund um die Uhr vor Ort, ein Hausnotruf kann darüber

 

Nun muss sie aber langsam aufstehen, die Dinge brauchen ihre Zeit. Sich mit leichtem Schwung über die Seite aufrichten, die bestrumpften Füße ertasten das glatte Laminat, einen Punkt an der Wand gegenüber fokussieren. Sich auf die nächste Bewegung konzentrieren, damit das Gleichgewicht (der untreue Gefährte) sie nicht verlässt. Es gibt die guten und die schlechten Tage. An guten Tagen beschränkt sich die Krankheit auf den Tremor in den Händen und das Gesicht im Spiegel wirkt einigermaßen vertraut. An schlechten Tagen scheint der gesamte Körper wie eingefroren. Wenn sie an schlechten Tagen zu schnell aufsteht, kann es passieren, dass sie das Gleichgewicht verliert.

 

 

Über all das weiß Almut Bescheid. Sie hat sich frühzeitig informiert, was auf sie zukommen wird. Sie hat in den Wochen nach der Diagnose, zusammen mit Hans, all die Broschüren und Bücher gelesen. Das war 1994. Und ihre Tochter Elli, damals erst zwanzig und gerade zurück aus New York, hat sich ebenfalls informiert. Die Tochter im Arm halten und ihre Angst und Sorge aushalten. Die eigene Angst für sie zurückhalten. Zuversichtlich sein. Mit der Zeit haben sie sich an die Krankheit wie auch an die Zuversicht gewöhnt.

 

Mit flatternden Händen drückt sich Almut von der Bettkante hinauf in den Stand. Das Bett hat genau die richtige Höhe für ihren Körper. Eine Maßanfertigung

 

Vom Bett geht es über die Schwelle zum Flur, im Flur an den Jacken, dem Wintermantel und dem Schuhregal vorbei, am Staubsauger vorbei, bis zur Tür des kleinen, fensterlosen Badezimmers. Lichtschalter an, Lüftung an. Vor allem der Toilettengang braucht seine Zeit, das umständliche Nesteln an den Sachen, heute stürmt es wieder mächtig, hat sie zu Hans gesagt, wie beiläufig und etwas spöttisch zugleich, wenn er wieder einmal vor ihr in die Knie ging, um ihr mit den Knöpfen oder Reißverschlüssen zu helfen, und sie die Gelegenheit nutzte, sein weiches, immer dünner werdendes Haar zu zerzausen. Hans war es auch, der Elli nach ihrem Jahr in den USA von einem Medizinstudium ab und zum Theater hingeraten hatte: Du brauchst eine Bühne für deine Hände und keinen OP-Saal! Am Theater sind sie sich dann über den Weg gelaufen, Elli und Kristine, bei einem dieser Praktika während des Studiums, die Bedeutung des Wortes musste sich Almut erst erfragen. Ich habe jemanden kennengelernt, hatte Elli damals erzählt, und Almut dachte im ersten Moment an einen Mann. Doch die Männer kamen und gingen in dieser Zeit noch unerzählt und wurden ihr erst Jahre später vorgestellt. Almut lächelt zufrieden, als sich der Reißverschluss endlich schließt.

 

Auf dem Weg zur Küche fällt ihr Blick wieder auf den Wecker neben dem Bett, jetzt ist es schon kurz vor vier.

 

Nun deckt sie den ovalen Tisch im Wohnzimmer ein, der wie das Bett noch aus ihrer alten Wohnung stammt, die Küche ist zu klein zum Essen, ein Kabuff in Form einer sechs Quadratmeter großen Ausbuchtung, die vom Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer ist, abgeht, mit Flur und Bad sind es knapp dreiunddreißig Quadratmeter. Es gibt auch Zwei-Zimmer-Wohnungen hier im Haus, die sind mehr als 50 Quadratmeter groß, aber das macht gleich einen großen Unterschied im Preis und sie braucht es auch nicht. Der Umzug hat ihr geholfen, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Die Verkleinerung hat ihr geholfen. Wie groß und leer ihr die alte Wohnung plötzlich vorkam, als es sich noch an den Gedanken zu gewöhnen galt, dass Hans nicht mehr neben ihr schlafen, essen oder lesen würde, als sie entscheiden musste, wie es weitergehen würde. Die Einsamkeit nicht zu groß werden lassen, sonst verschwindest du darin. Das Verstehen ging einher mit einer Erinnerung. Und so fing sie mit dem Packen an und dem Packen ging ein Aussortieren voran. Dabei musste sie überhaupt nicht entscheiden, was alles weg sollte. Im Gegenteil. Es ging ausschließlich darum, zu entscheiden, was sie mitnehmen würde. In ihr neues

 

Die Wohnung schließlich leer geräumt und besenrein. Ein letzter Blick aus dem Fenster, der Bund mit den Wohnungs-, Haustür-, Briefkasten- und Kellerschlüsseln auf der Fensterbank. Ellis Hand in ihrer verschränkt. Jetzt hätte sie doch beinahe das Lüften vergessen.

 

Entschuldige die Verspätung, sagt Kristine, und wirkt noch ganz atemlos vom Fahrradfahren oder von der Kälte, dazu von oben bis unten zugleich nass und eingeschneit. Sie schiebt die Kapuze in den Nacken und die beschlagene Brille hoch auf den feuchten Haaransatz und reicht Almut die Plastiktüte mit dem Kuchen entgegen.

Ende März treiben bereits die ersten Blätter aus, und nur wenige Wochen später blüht und duftet der Flieder in der ganzen Stadt. Weiß, lila und violett umrandet er Bänke, Springbrunnen und poröses Mauerwerk, und schlängelt sich den Park am Špilberk bis zur weißen Festungsanlage hinauf. In ihrem Inneren verbirgt die Festung lichtlose, kalte Kasematten, eine düstere Kerkeranlage, die jeden Häftling blind und mutlos machen muss, aber oberhalb ihrer Gräben und Wehranlagen umarmen sich Wind und Sonne sorglos in einem weiß betupften Königsblau. Hier ist der Himmel herrlich weit, hier fängt der Süden an, hier reicht der Blick über die mährische Stadt, die verwunschene Märchenstadt, über die spitzen Türme der Kirchen und die roten Dächer der Häuser, über das Grün in ihren Hinterhöfen und den zahlreichen Parkanlagen. Sandige und gepflasterte Wege führen durch das Bild, an prächtigen Villen vorbei, mit ihren wechselnden Bewohnern. Eine Stadt wie gemacht für alte Lieder und Geschichten, für die schönen wie die grausamen, eine Stadt wie gemacht dafür, fern von ihr Sehnsucht zu empfinden, an ihr zu hän

Der Tisch ist gedeckt, zwei Teller, zwei Gabeln, zwei Tassen, darüber hängt das Mobile aus hellblauen und lachsfarbenen Glasballons, das, wie Kristine weiß, ein Mitbringsel aus Brno ist. Sie selbst hatte die luftigen Gebilde im Schaufenster eines tschechischen Blumengeschäftes entdeckt, aber Elli wusste sie der Ladenbesitzerin in einem fröhlichen Gemisch aus englischen und deutschen Halbsätzen kurzerhand abzuschwatzen. Das farbige Glas schimmert leicht im Sonnenlicht. Dahinter an der Wand hängt ein gerahmtes Kinderfoto von Elli, es rührt Kristine jedes Mal. Kräftige 80er-Jahre-Farben, Elli als Zehn- oder Elfjährige im dunkelblauen Gymnastikkleid, Oberkörper und rechtes Bein in die Standwaage gestreckt, die Arme wie Propeller seitlich ausgebreitet. Ein akkurat geschnittener Pony umrahmt das konzentrierte Gesicht. Es könnte die Pose einer Eistänzerin oder Turnerin sein, aber nein, es ist das inszenierte Standbild von einem Faschingsfest.

 

Weitere Familienbilder hängen an dem Streifen Wand zwischen den beiden Fenstern, deren Flügel weit offen stehen, wie sonnig es heute ist, freut sich Almut, als sie aus dem Bad zurückkommt. Kristine nickt, ihr Blick schweift kurz über den gegenüberliegenden Park mit der Town-House-Siedlung darin. Dann folgt sie Almut in die Küche, auf der Küchenzeile steht die bauchige Teekanne schon bereit. Kristine fischt mit spitzen Fingern die Teebeutel heraus und wirft sie in den

 

Nach dem Essen spült Almut das Geschirr, und Kristine neben ihr trocknet ab. Das seifige Spülwasser verschwindet gurgelnd im Abfluss. Im Flur greift Almut nach ihren hellen Turnschuhen mit dem Klettverschluss und einer leichten Daunenjacke. Kristine streift sich ihren dicken Pullover über und bindet die langen blonden Haare hoch zum Zopf. Dann nimmt sie die bereitliegende Decke unter den Arm. Als sie im Foyer der Wohnanlage aus dem Fahrstuhl treten, hakt sich Almut bei Kristine ein. Sie überqueren eine schlecht asphaltierte Straße, begrenzt von hohen Bordsteinen auf beiden Seiten, sie weichen Hundekot und einem entgegenkommenden Fahrradfahrer aus. Dann öffnet Kristine das hüfthohe schmiedeeiserne Tor der Parkanlage. Sie spazieren einen sandigen Weg entlang, an den vom Winter und von Winterschuhen geplagten, ausgedünnten Wiesen vorbei. Kristine kann die Konzentration spüren, mit der Almut auf ihre Schritte achtet. Sonne im Gesicht, ein leichter Wind im Haar, Sätze über dies und das. Über eine Postkarte von Elli aus Basel, wo diese seit einigen Monaten lebt. Über Kristines Pläne für Ostern (sie wird zu ihren Eltern nach Pirna fahren), über einen Nachbarn von Almut, der mit seinem Rollator ebenfalls im Park unterwegs ist und grüßend zu ihnen herüberwinkt. Fragen auch nach Kristines Arbeit

 

Auf einer frühen Aufnahme, die inmitten zahlreicher Fotos in Kristines Küche hängt, trägt Elli die damals schon orangerot gefärbten Haare offen, ihr braun gebranntes Gesicht schaut sich nach der Kamera um, während die Beine kräftig weiter voranschreiten. Sonne im Auge, ein Blinzeln im Auge. Vor ihr ein blauer Streifen Meer, der mit dem Horizont verschmilzt. Jetzt bleib doch mal stehen!, hatte Kristine ihr lachend hinterhergerufen und dabei das Foto gemacht.

 

Soll’s weit fortgehen? / Zum Meere. / So weit fort! / Und weiter noch.