

Für Freya Sophie
&
meiner ganzen Familie
in Dankbarkeit und Liebe
gewidmet!

© 2018 Johannes Höggerl
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback: |
978-3-7469-8207-6 |
Hardcover: |
978-3-7469-8208-3 |
e-Book: |
978-3-7469-8209-0 |
Das Foto auf dem Umschlag stammt von Ulrike Mai, www.futureandhopecounselling.co.za, mit freundlicher Genehmigung;
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Leid und Leidverwandlung
Plädoyer für ein integratives Leidverständnis
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT: LEID – MEIN LEID – WIESO?
A. ERSTER TEIL: THEORIE VON LEID UND LEID VERWANDLUNG
I. Was ist Leid
ENTFREMDUNG
SCHMERZ
II. Quellen des Leidens oder wodurch es entsteht
DIE NATUR ODER DIE POLARITÄT
DAS ZWISCHENMENSCHLICHE LEIDZUFÜGEN
DIE SELBSTSCHÄDIGUNG
III. Leidensfähigkeit und Realisierung von Leid
DIE REALISIERUNG VON LEID DURCH VERGLEICHE
DER INNERE VERGLEICH ODER DER WILLENSVERGLEICH
DER ÄUßERE VERGLEICH ODER FREMDVERGLEICH
DER EIGENVERGLEICH
ANDERE REALISIERUNGEN VON LEID
SCHUTZMECHANISMUS, UM NICHT ZU LEIDEN
DIE LEIDTOLERANZ
LEID ALS SEELISCH-KÖRPERLICHES EREIGNIS
IV. Arten von Leid
UNABWENDBARES – VERÄNDERBARES LEID
EXTREMES – NICHT-EXTREMES-LEID
SINNLOSES – SINNVOLLES LEID
EIGENES – FREMDES LEID
V. Zeit und Leid
B. ZWEITER TEIL: PRAXIS VON LEID UND LEIDVERWANDLUNG
I. Wie wir Leid sicher nicht verwandeln
1. SICH INS LEID VERSENKEN ODER INS LEID FALLEN LASSEN
2. DAUERHAFTES VERHARREN IN STARKEN, NEGATIVEN EMOTIONEN
3. SCHWARZE THEOLOGIE
4. AUFGEBEN ODER RESIGNATION
5. MITLEIDEN – NEIN, MITFÜHLEN – JA
6. RESSENTIMENT ODER DIE ENTWERTUNG VON EIGNEN WERTEN
7. DIE W-FRAGEN
II. Wege aus dem Leid oder die Anverwandlung von Leid
1. BEKÄMPFEN
2. MACHE NUR VERGLEICHE, DIE DIR NÜTZEN
3. REDUKTION DER ERWARTUNGSHALTUNG
4. ANPASSUNG AN DEN ISTZUSTAND ODER IN BESCHRÄNKUNGEN GLÜCKLICH LEBEN
5. GELASSENHEIT
6. DAS RECHTE MAß DES LEIDENS
7. SINN UND WERT
8. ACHTSAMKEIT
9. HUMOR/LEBENSFREUDE/OPTIMISMUS
10. PERSPEKTIVENWECHSEL
11. HOFFNUNG UND SELBSTWIRKSAMKEITSERWARTUNG
12. RESILIENZ
13. ABWEHRMECHANISMEN
14. ANNEHMEN VON LEID
15. VERZEIHEN
16. LOSLASSEN
17. TRAUER
C. DRITTER TEIL: POSITIVE ASPEKTE DES LEIDENS
Die Rückseite der Liebe
Ein Produkt von Veränderung
Leistungsaspekte
Sichtbarmachung von Werten
Leid kann Solidarität erzeugen
Reifeprozesse
Antriebskraft – nur wer leidet, ändert sich!
ANHANG
Der Autor
Literaturverzeichnis
VORWORT: LEID – MEIN LEID – WIESO?
Dieses Buch ist die Zusammenfassung meiner Beschäftigung mit dem Thema Leid; und es könnte ganz berechtigt gefragt werden: „Wie komme ich darauf?“ Die Antwort ist ganz einfach, weil ich sehr viel in meinem Leben litt: Ich leide unter einer progressiven Muskelschwundkrankheit namens Calpainopathie (LGMD2a). Diese Erbkrankheit führt zu einer völligen Zerstörung meiner Muskulatur: Mit etwa neun Jahren nahm ich sie das erste Mal wahr und bis heute ist sie mein ständiger Begleiter. Ich versuchte trotz oder wegen dieser mein Leben so gut es geht zu meistern: Studierte Jus sowie Philosophie, heiratete eine tolle Frau, arbeitete jahrelang in Behörden und wurde mit einer bezaubernden Tochter beschenkt. Meine Krankheit entwickelte sich auch in dieser Zeit fort; bis vor fünf Jahren konnte ich noch Gehen und Stehen. Leider ist das heute nicht mehr möglich, ich bin von einem Rollstuhl abhängig und kann krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten, weswegen ich Ende 2015 in Pension ging. Diese chronische Krankheit, für die es leider noch keine Therapie gibt, zwingt mich mein Leben eingeschränkter zu führen als ich möchte, sie war Ursache und Auslöser für die Beschäftigung mit Leid. Ich erlebte über die Jahre sehr viele erzwungene Veränderungen: Mit etwa 25, ich beendete gerade mein Jus-Studium, konnte ich noch alleine von einem Bürostuhl aufstehen und auf der Straße gehen. Mit 30, ich fing gerade in meiner dritten Arbeitsstelle – abermals einer Verwaltungsbehörde – an, benötigte ich zum Aufstehen bereits technischer Hilfsmittel (hochfahrbaren Sessel) und konnte nur noch langsam mit einem Rollator gehen. Als ich 35 Jahre alt wurde, war meine Geh- und Stehfähigkeit so schlecht, dass ich mich nur sehr schwer aufrichten und in meiner Wohnung ein paar Schritte machen konnte. Der große Einbruch erfolgte rund um meinen 40 Geburtstag: Aufrichten, Stehen und Gehen war fortan unmöglich; seither nehme ich die Welt nur noch sitzend wahr. Augenblicklich bin ich im 45. Lebensjahr und entwickle mich in Richtung eines schweren Pflegefalls, der ständige Betreuung in alltäglichen Dingen, dazu später mehr, benötigt. Langsame Progressionen, wie bei mir, besitzen viele Vorteile, aber einen großen Nachteil: Wir – die Kranken und Leidenden – müssen uns bisweilen verändern, weil keine Stabilität durch die Krankheit existiert. Ich musste immer wieder – gezwungenermaßen – mein Leben ändern, es an meine Krankheit neu anpassen, was Leid erzeugte, da ich etwas aufgeben musste, auf was ich eigentlich nicht verzichten wollte und erlebte depressive Phasen, in denen ich mich fragte: „Warum gerade ich?“ Selbstverständlich entstanden zudem negative Gefühle und ständige Fragen kreisten in mir: „Wie geht es weiter?“, „Wie werde ich in ein paar Jahren beisammen sein?“ Erst durch die nähere Beschäftigung mit dem Leidthema entwickelte ich – für mich – Strategien, wie ich damit umgehen und später wie ich es verwandeln konnte. Ich wurde durch die Krankheit sicher sehr reflexiv, wollte immer alles genau verstehen, weshalb ich irgendwann begann, mich damit näher zu beschäftigen: Ich schuf Distanz zu meinem Leid, anderseits lernte ich, welche Strategien für seinen Umgang entwickelt wurden. Über viele Jahre, eigentlich waren es sicher mehr als fünfundzwanzig, entstanden in mir verschiedene Gedanken zum Thema Leid, ich überlegte mir oft, wie ich mein persönliches „Wissen“ weitergeben könnte, und kam schließlich auf die Idee, ein Sachbuch darüber zu schreiben. Ich will damit Mut machen, denn wir können trotz einer schweren chronischen Krankheit ein erfülltes und glückliches Leben führen. Mein Dasein empfinde ich als sinnvoll, schön und lebenswert, trotz und wegen meiner Krankheit. Alles, was mir half, diese positive Lebenseinstellung zurückzugewinnen, packte ich in das Buch.
Das Thema Leid ist eine Querschnittsmaterie, die alle Wissenschaften beschäftigt, deswegen versuchte ich, möglichst viele verschiedene Bereiche zu Wort kommen zu lassen: Neben Medizin, Biologie und Psychologie sollen insbesondere immer wieder auf philosophische Aspekte eingegangen werden. Da ich selbst ein Leidender bin, nehme ich mir das Recht heraus, auch auf meine persönlichen Erfahrungen einzugehen. Ich will anderen meinen eigenen Zugang erschließen und Hoffnung sowie Kraft schenken. Mir ist durchaus bewusst, alles, was ich für mich als richtig erkannt habe, muss für andere nicht gelten.
Dieses Buch gliedert sich in drei Teile, die jeweils eigenständig voneinander gelesen werden können, da sie abgeschlossen sind: Der Erste probiert dem Phänomen des Leidens philosophisch näher zu kommen. Er versucht Entstehung, Inhalt und Ursachen von Leid offen zu legen, auch werden verschiedene Arten davon dargestellt. Zwar ist Leid widersinnig, aber durch das begreifen, was es ist und wie es entsteht, können wir doch viel für uns gewinnen. Wer keine Lust auf die etwas sperrige, philosophische Erörterung des ersten Abschnitts besitzt, empfehle ich gleich, sich mit dem zweiten zu beschäftigen, da dieser konkrette Strategien darlegen versucht, wie Leid verwandelt werden kann. Es geht nicht um das Erklären einer einzigen, richtigen Praktik, weil es diese nicht gibt, vielmehr sollen verschiedene, sich teilweise widersprechende, vorgestellt werden, da Leid unterschiedlich sein kann, anderseits die Leidenden divergent sind. Darum werden möglichst viele Strategien nähergebracht, um jedes Leid transformieren zu können.
Der Schlussteil ist eigentlich ein Bruchstück und beschäftigt sich mit den Aspekten oder Früchten des Leidens. Er stellt die Frage: „Was aus dem Leid gewonnen werden kann?“ oder: „Welche positiven Aspekte es aufweisen könnte?“. Leid ist an sich sinnlos, aber im Umgang damit kann für unser eigenes Leben sehr wohl Erkenntnisse und Einstellungen gewonnen werden. Der letzte Teil fragt nach dem „Wozu können wir Leid gebrauchen?“ respektive „Was kann ich ihm abgewinnen?“. Er versucht somit aus und in unserem Umgang damit Sinn zu finden.
Das Buch fasst Wissen zusammen, welches nicht nur von mir stammt. Ich bemühte mich möglichst genau anzugeben, von wem die betreffende Idee stammt und welche Quellen ich verwendete. Ich zitierte ganz bewusst andere häufig; dies geschah, weil jedes kreative Produkt irgendwie ein Gemeinschaftswerk ist und wir das ruhig sagen dürfen. Kaum ein Werk in der Ideengeschichte der Menschheit stammte von einer Person alleine. Die meisten waren Kompendien von unterschiedlichen Gedanken verschiedener, die sich mit einer Anregung beschäftigten, deswegen finde ich es nur redlich, wenn ich die „Vor“-Denkenden1 nicht nur benenne, sondern auch selbst zu Wort kommen lasse. Ich hoffe, dieses Buch hilft vielen, die über Leid mehr wissen wollen, als Informationsquelle; aber vor allem möge es allen Leidenden als Kraftquelle, damit sie mit ihm besser umgehen können, dienen.