Über das Buch

Als Valéry Barre 1890 in Frankreich den Zug besteigt, will er seine neueste Erfindung zum Patent anmelden. Er hat den ersten Film der Welt gedreht. Das 20. Jahrhundert steht vor der Tür: Neue technische Ideen und Utopien schießen ins Kraut, gleichzeitig glauben die Menschen noch an Hellseher und Gedankenleser. Auf einmal ist Barre spurlos verschwunden. Während sein Sohn dem Vater in Europa und Amerika nachspürt, lässt sich Thomas Edison die Erfindung des Films patentieren. Edisons Frau wiederum scheint mehr an Barre junior interessiert. Marente de Moor hat einen fulminanten Roman geschrieben, der nicht nur den Wettlauf ehrgeiziger Erfinder, sondern ein ganzes Zeitalter porträtiert.

Marente de Moor

Aus dem Licht

Roman

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach

Carl Hanser Verlag

Für meinen Vater

I

Aus dem Licht

1

Am 16. September 1890 stieg ein Mann in den Zug von Dijon nach Paris, danach hörte man nie wieder etwas von ihm. Er hatte nicht vor zu verschwinden. Außerdem ist ein Mensch für sein Verschwinden genauso wie für seine Entstehung von anderen abhängig. Er kann nicht mal eben im stillen Kämmerlein beschließen, dass es ihn nicht mehr gibt, erst muss er vermisst werden. Wie auch immer, als Valéry Barre in den Zug stieg, hatte er noch vor, in Paris anzukommen. Unterwegs muss ihm etwas begegnet sein, das ihn ausgelöscht hat, und diejenigen, die ihn herbeisehnten, taten es noch lange Zeit vergeblich.

Die »Kaiserliche Linie«, die Eisenbahnstrecke, die Louis-Napoléon in sein Reich kerben ließ, führte quer über den schönen Körper Frankreichs, doch der Zug fuhr zu schnell. Die Reisenden starrten durch die Aussicht hindurch in ihre Erinnerungen an ein Land, in dem die Zeit noch nicht vereinheitlicht war, wo die Menschen von der Sonne abhängig waren, von Ebbe, Flut, fallenden Blättern und sich füllenden Eutern statt von der Eisenbahnzeit. In Tunnel hinein und aus ihnen heraus schoss der Zug, an Häusern, Bäumen, Flüssen, Bergen vorbei, ließ die Menschen stumm zurück, während über die Telegrafenleitungen entlang der Schienen Tausende Wörter ausgetauscht wurden. Valéry Barre betrachtete seine Heimat mit dem abwesenden Blick eines Reisenden. Von Paris aus wollte er nach England weiter, sich von Freunden und Kollegen verabschieden und einige Wochen später nach Amerika übersetzen. Das war der Plan. Doch mit ihm wollte und konnte er sich im Moment nicht befassen. Gedanken schossen ihm durch den Kopf wie Fledermäuse, die sich in ein Haus verirren: Rechts herum, links herum kreisend, ohne etwas zu berühren, mit hörbarer, aber kaum sichtbarer Geschwindigkeit, bis eine unnachahmliche Rechenaufgabe sie zum Fenster zurückfinden lässt. Vor einer Woche war er mit einer gefährlichen Idee im Kopf aufgewacht. Weder kam sie ihm gelegen, noch wollte sie wieder weichen. Als dürfte er nicht aufbrechen, sondern müsste in Europa bleiben, um sich ihr zu widmen. Nur am Morgen gönnte sie ihm einige leere Momente, einen glasigen Blick durchs Fenster auf den neuen Tag, doch dann gewann sie wieder an Boden. Jahrelang hatte er sich abgerackert, den heißen Atem der anderen im Nacken, doch jetzt lagen die Fahrkarten für seine triumphale Rückkehr bereit, und dann das. Wie eine Dirne provozierte sie ihn, verdrängte seine Arbeit, die patentiert werden konnte: Lass doch ab von diesem alten Kram, der ist zu Ende gedacht, bleib bei mir, ich bin spannender. War sie ihm eingeflüstert worden? An Konkurrenten, die ihn mit rebellischen und auf den ersten Blick genialen Gedanken von der Arbeit abhalten wollten, herrschte kein Mangel. Alle Erfinder keuchten unter der Last ihrer Furcht, vor allem ab einem gewissen Alter, wenn ihnen mehr einfiel, als sie noch zu Ende denken könnten. Doch was er spürte, war keine Eile. Es war Widerwillen. Diese Idee war nicht von ihm, und er hatte sie auch keinem Kollegen abgeluchst. Vielleicht war sie gar nicht von dieser Welt. Sie ähnelte vage der Erfindung, für die er vor drei Jahren Glück und Liebe geopfert hatte: dem Film.

Er war nicht der Einzige, der sich damit befasste. In Europa und in Amerika standen an die zwanzig Mann kurz davor, das Wesen der Bewegung zu erfassen und einzufangen. Wem würde es gelingen? Eigentlich hatte alles schon im zweiten Jahrhundert begonnen, bei den alten Chinesen, die mit ihren Wundertrommeln Vögel und Drachen an die Wand bliesen. Es hing ganz davon ab, was man als Bewegung ansah. Einige versuchten, sie auf Fotografien einzufangen, andere klebten Bilder hintereinander auf, ließen diese Runden drehen oder rannten selbst im Kreis. Die Zuschauer wurden in kleine Züge gesetzt, bekamen Brillen und Schachteln auf den Kopf, die Erfinder erblindeten oder drehten durch, und die Namen ihrer Erfindungen wurden immer länger, doch noch war es keinem gelungen, sich die flüchtige Wirklichkeit zu angeln. Nur Barre. Niemand wusste, dass er der Erste war. Er war sich selbst nicht sicher.

Verglichen mit dem Sturm in seinem Innern kam der Zug nicht sehr schnell voran. Draußen grasten Kühe noch nicht gemähte Weiden ab, Kuh um Kuh, Weide um Weide. Immer dasselbe Bild. Manchmal kam ein Heuhaufen oder eine Scheune vorbei, und er war sich sicher, dass er sie eben schon gesehen hatte. In seinem Abteil tat sich genauso wenig. Links gegenüber saß immer noch der Fettsack, in seinen Samtanzug gezwängt, den Fuß gegen die Abteiltür gestemmt, den Kopf passgenau an die Lehne geschmiegt, als wollte er so der Geschwindigkeit trotzen, mit der er durch die Lande befördert wurde. In seiner Hand hatte er immer noch die Taschenuhr, klappte sie seufzend alle drei Minuten auf. Sein Nebenmann genauso, etwas weniger häufig, außerdem war dessen Uhr mindestens vergoldet. Er trug sie nicht an einer Kette, sondern hielt sie in einer Hand, stützte diese mit der anderen ab, damit die gravierte Pferdeszenerie auf dem Deckel ja keinem entging. Beide Männer überboten sich gegenseitig im Hinblick auf die Zeit, während der dritte im Begriff war, aus der Zeit zu fallen.

Er sah hinaus, und ein Dorf kam vorbei, das er, wiederum, irgendwoher kannte. Wenn er all diese Dinge erkannte, mussten auch sie ihn kennen, klare Sache. Es konnte gar kein Zufall sein. Sowieso musste es mal vorbei sein mit seiner Gutgläubigkeit. Früher wären sie ihm nicht aufgefallen, all diese Herren, die wegschauten, sich in Schaufenster vertieften, sobald er sich nach ihnen umdrehte. Einmal wäre ihm seine Angst fast zum Verhängnis geworden. Da war er in einem verwinkelten Elendsviertel von Leeds blind losgerannt, wobei er sich immer wieder an den rauen Mauern abstützte, bis er sich beim Fluss ins Gras fallen ließ. Dennoch kam er nicht wieder zu Atem, weil auch die Luft ihn bestürmte, ihm eine wolkenlose Schicht nach der anderen auf die Brust drückte, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Alles war ihm auf den Fersen, das stand fest. In Wirklichkeit nahmen ihn seine Mitreisenden jedoch nicht wichtig. Sie hatten ihn kaum begrüßt, als wäre er bereits unsichtbar. Aber seine Tasche war ihnen aufgefallen, denn er hatte gezögert, sie ins Gepäcknetz zu legen. Es war kein gewöhnliches Gepäck, das sah man an seinen Gesten wie von einer Mutter, die prüft, ob ihr Kind ordentlich eingemummelt ist. Der Mann selbst konnte ihnen gestohlen bleiben, sein Meter vierundneunzig in vornehmem Harris-Tweed, sein unrasierter Hals über dem schmutzigen Kragen, sein gepeinigter Finger in dem zu engen Ehering. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn er sich vorgestellt hätte. Vielleicht hätten sie dann seinen Namen von den riesigen Bildern wiedererkannt: Valéry Barre, Panoramen. Doch so hielten sie ihn für einen der vielen Zugreisenden, die Angst vor Geschwindigkeit haben, einen Nagelbeißer, den schwindelt, wenn er Schienen sieht, und der in Schluchzen ausbricht, wenn er die Trillerpfeife des Schaffners hört. Angeblich war Tachophobie ansteckend, also ignorierten sie ihn lieber und klappten stattdessen die Zeit auf und zu.

Und Barre erkannte immer weitere Dinge. Einen Kirchturm aus Schiefer, eine Buche, eine merkwürdige Brücke. Es konnten falsche Erinnerungen sein, das passierte ihm in letzter Zeit öfter. Ganz schwummerig wurde ihm davon, beinahe übel. In der Revue Philosophique war er auf den Begriff des Déjà-vu gestoßen und auf die Theorie, dass es sich um Erinnerungen aus einem früheren Leben handelte, vermutlich lag es aber nur an Übermüdung, an neurologischen Prozessen, die die Zeit auf den Kopf stellten und die Ereignisse mal vor- und mal zurücklaufen ließen wie ein Kutscher seinen festgefahrenen Wagen. Er sollte erst einmal etwas essen. Claire, die steinalte, ständig flatulierende Köchin seines Bruders, hatte ihm Pasteten mitgegeben. Doch auf kindliche Weise ekelte er sich vor ihnen. Sein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen war ihm im Weg. Vor seinem inneren Auge sah er genau vor sich, Szene für Szene, wie die halbblinde Alte sich ihren Weg durchs Haus bahnte und danach mit ihren Händen, die alles abgetastet hatten — Hühnerstall, Latrine, Wände —, die Butter unters Mehl knetete. Und wie von einer Stanhope-Linse vergrößert, sah er Speichel aus ihrem schrumpeligen Mund kommen, zusammen mit den Worten: »Mit Speck und Nieren, für unterwegs«. Eine Gute war sie, die alte Claire, aber eine schmuddelige Gute. Auf dem Bahnhof hatte er den Proviant einem Straßenkind geschenkt. Wie viele andere Denker war er kein großer Esser. Beim Verarbeiten einer Idee nach der anderen entging ihm völlig, dass er auch so ein Ding war, das hin und wieder Brennstoff brauchte. Ein Übel seiner Zeit. Vor einem Monat hatte sich ein Mann in Grenoble zu Tode gedacht. Seine Frau schlug Alarm, nachdem er eine Woche nicht mehr aus seinem Arbeitszimmer rausgekommen war. Die Tür musste eingetreten werden, und man fand ihn über seine Arbeit gebeugt, dem Tode nah, die Nägel in seine Aufzeichnungen gekrallt, graue Haare wucherten ihm aus den Ohren, in der Falte auf seiner Stirn wuchs Moos. Natürlich war er nicht mehr zu retten, kaum hatte man ihn von seinem Schreibtisch entfernt, ging er ein wie ein entwurzelter Strauch. Wie es der Zufall wollte, arbeitete er gerade an einem Mittel, das einen im Handumdrehen mit Nahrung versorgen konnte:

Geben Sie getrost noch eine Runde aus! Saturatus, erhältlich in Pulver- und Tablettenform! Für fünfzehn Franc im Monat braucht Ihre Familie zu Hause keinen Hunger mehr zu leiden, und Sie können in aller Ruhe die Nacht durch zechen.

Die Reisenden hatten schon eine halbe Stunde kein Wort mehr gewechselt. Barre hoffte, dass es so blieb. Als das Dorf wieder außer Sicht war, steckte der Kavallerist seine Uhr ein, um ein Schläfchen zu halten, streckte die Beine geradezu unverschämt lang aus, ließ den Kopf zur Seite sinken, der Mund erschlaffte, doch die Augen blieben leicht geöffnet. Zwischen seinen schwarzen Wimpern trieben zwei zunehmende Monde: Lagophthalmus. Hasenauge.

Dabei schlafen Hasen mit geschlossenen Augen. Barre hatte es in seiner Kindheit gesehen. Sein Vater hatte einmal einen lebenden Hasen mitgebracht, um ihn mit einem Kaninchen zu kreuzen. Er hatte irgendwo aufgeschnappt, man müsse dazu erst den Rhythmus des Kaninchens, eines Nachttiers, auf den des Hasen abstimmen, der nachts normalerweise schläft. Weil sie nur einen Hasen hatten, aber ein Dutzend Kaninchen, beschloss sein Vater, die Rollen zu vertauschen. Der Hase verbrachte eine Woche in einem Käfig im Keller, den man tagsüber leicht verdunkeln und nachts mit einer Lampe erhellen konnte. Der Junge bekam die Aufgabe zu kontrollieren, ob er schlief. Dazu zog er die Schuhe aus, schlüpfte mit angehaltenem Atem durch den Türspalt, tastete sich an den Wänden, dem abblätternden Kalk entlang nach unten und kauerte sich im Dunkeln auf die Fersen. Nach einer Weile zeichnete sich der Käfig mit dem flauschigen Gefangenen darin ab, der meistens herumscharrte, weil er den Jungen schon entdeckt hatte, nur ein Mal schlief er, mit geschlossenen Augen, den Pelzkragen auf den Vorderpfoten. Am Tag vor dem Experiment versuchte Louis Daguerre, ein Freund seines Vaters, den Hasen zu fotografieren. Natürlich wollte der nicht stillhalten. Als der Junge und sein Bruder ihn zu Daguerres Kamera brachten, wogte es im Käfig, als hätten sie ein Aquarium mit einem Walfisch darin in den Händen. Verzweifelt und mit irrsinniger Gewalt sprang der Hase immer wieder gegen die Gitterstäbe, als wollte er sich partout in den Tod stürzen. Dann wieder blieb er stocksteif sitzen, sein Atem bebte durch den ganzen Körper, und ein Auge, so weit aufgerissen, dass es halb so groß war wie der Kopf breit, starrte in die Linse. Die Linse starrte zurück. Bestimmt eine Minute lang, aber Daguerre war es trotzdem nicht lange genug. Wieder einmal erlebten die Jungen einen seiner Wutanfälle. Mit zitternden Wangen deckte der Alte die Linse ab und stob heftig gestikulierend durch den Garten davon. Auch aus dem Kreuzungsversuch wurde nichts. Drei Kaninchen, alles Weibchen, metzelten den Hasen mitten in der Nacht nieder. Am nächsten Morgen fanden sie ihn, an den Ohren angefressen, den flauschigen weißen Bauch voller Blut. Das Fell hing in Fetzen an ihm herunter. So kam ihr Vater auf die Idee, ihn zum Tierpräparator zu bringen. Den ausgestopften Hasen schenkte er Daguerre bei seinem nächsten Besuch, doch der fasste es als Kritik auf. Seine Konkurrenten arbeiteten schon mit Linsen, bei denen man nicht wie tot dasitzen musste, ihre Fotos gelangen in einem Bruchteil der Zeit, in der seine Opfer noch still vor sich hin litten.

Heute, da Barre älter war als sein Vater damals, wurde ihm bewusst, wie anders sein Leben aussah. Vor allem sein Privatleben. Beruflich ähnelten seine Interessen denen seines Vaters, die Leidenschaft fürs Abbilden hatte er von ihm geerbt und sich damit einen Namen gemacht. Doch seine Familie war fern, auf der anderen Seite des Ozeans. Es gab keinen Tisch, an dessen Kopfende er sich jeden Tag voll Stolz setzen konnte, kein Kleinkind, das ihn von der Arbeit ablenkte, keine Frau, die ihm, wie seine Mutter früher seinem Vater, beim Stricken mit skeptisch gerunzelter Stirn zuhörte. Es war nicht anders gegangen, sie hatten keine Wahl gehabt. Seine Arbeit war daran schuld. Nein, das stimmte nicht: Die Zeit war daran schuld, die verging wie im Flug. Alles wurde nur noch hingeschludert. Wie ermüdend und armselig das Leben doch geworden war, und das, obwohl es bis zu seinem Dreißigsten, vor knapp zwei Jahrzehnten, freundlich, ruhig und stimmig gewesen war. Er glaubte weder, dass es an seinem Alter lag, noch, dass seine Eltern es zu ihrer Zeit genauso empfunden hatten. 1830 unterschied sich viel weniger von 1850 als 1870 von 1890. Bei seinen Großeltern war alles ein halbes Jahrhundert lang an derselben Stelle stehen geblieben, sogar das Salzfass auf dem Spitzenuntersetzer im Gläserschrank. Seine Eltern verbrachten ihr ganzes Leben im selben Haus. Doch er war mit seiner Familie von Frankreich nach England nach Amerika gezogen. Ach, und noch was: Er hatte seit Monaten nicht mehr gelacht.

Klack, schnappte die Uhr des Dicken wieder auf, und bei diesem Signal rollten auch die Augen des Kavalleristen in die richtige Position zurück. Wie erwartet tastete der sofort nach seiner Uhr, an der er ablesen konnte, dass noch keine zehn Minuten vergangen waren. Barre begann sich über diesen Automatismus seiner Mitreisenden zu ärgern. Lieber sah er nach draußen, wo eine lange Allee dicht neben den Schienen die Aussicht in einzelne Bilder zerschnitt, als der Zug verlangsamte. Ein Feld — Baum. Ein halbes Haus — Baum. Das nächste Haus — Baum, vermutlich ein Gemüsegarten, Baum, der Anfang einer Straße, Baum, das Ende eines Feldes, Baum, die vordere Hälfte eines Pferdes, Baum, schließlich, als sie im Schritttempo fuhren: eine Frau. Sie hatte einen großen Strauß Feldblumen auf dem Arm und blickte geradeaus, konnte ihn aber nicht sehen, weil er einer von vielen hinter dunklen Scheiben war, während sie allein in der grellen Mittagssonne stand. Sie hatte keine Eile, konnte da bleiben und weiter Blumen pflücken, während die Menschen im Zug vorbeirasten, von einem als wichtig geltenden Leben zum anderen, ebenso wichtigen, wo der Zufall abgeschafft und alles miteinander verbunden war. Sie weiß nichts davon, dachte Barre melancholisch, während ich keuche unter der Last bleischwerer Ideen im Gepäcknetz, etwa anderthalb Meter über meinem Kopf, in dem sie entstanden sind, eine heikle Lage. Als der Zug in einen Tunnel fuhr, sah er sich Auge in Auge mit diesem Kopf in der Fensterscheibe. Von außen betrachtet ziemlich zerschlissen. Grübeln tut einem Kopf nicht gut. Seiner hatte gute Seiten, den progressiven Kiefer zum Beispiel oder den Lockenschopf, und er thronte auf einem langen Körper, aber auch mit großen Männern geht es einmal bergab. Auch sie kommen irgendwann in ein dunkles Haus zurück. Er sollte sich um sein Antlitz kümmern, seine flusigen Koteletten wieder in Form trimmen. Sie waren ganz weiß geworden. Ebenso die Augenbrauen. Zwischen beiden ein Paar traurige Augen, die auch traurig blieben, wenn er lächelte. In den Ringen unter seinen Augen war eine Falte, als hätte er oben und unten Lider: In der schwarzen Scheibe sah er ganz abgehärmt aus, weil der dunkle Hintergrund alle Schatten anzog, Falten tiefer erscheinen ließ und enthüllte, was bei Tageslicht erst in zehn Jahren sichtbar werden würde. Immerhin war nicht zu sehen, was im Innern seines Kopfes vor sich ging, ein Glück. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Apparat erfunden wurde:

Die Gedanken Ihres Geliebten in klarer Sprache, Schwarz auf Weiß! So einfach wird man sich in Zukunft austauschen können. Vergessen Sie Esperanto, Fremdsprachen sind keine Hürde mehr! Eine Investition, die sich schnell bezahlt macht, wenn Ihre Geschäftspartner ihre Absichten nicht mehr vor Ihnen verbergen können!

Bestimmt befasste sich schon jemand damit. Garantiert der Verdunkler. Der würde es »Phrenograph« nennen, weil in seiner Welt alles auf -graph endete und weil ein solcher Apparat ihm seinen Ideenklau gewaltig erleichtern würde. Ach, da verblasste das Spiegelbild. Die Sonne kam heraus, der Zug fuhr aus dem Tunnel, in einen Bahnhof ein. Die Fliesen auf dem langen Bahnsteig waren frisch gewischt, die Mauern blendend weiß verputzt. Im Schatten unter dem Schutzdach saß ein älterer Herr mit Strohhut. Neben ihm auf der Bank stand eine kleine Schachtel ohne Deckel, weiter nichts. In einiger Entfernung lehnten vier Burschen an den Türen. Ihrem leeren Blick nach zu urteilen erwarteten sie niemanden. Und eine Süßigkeitenverkäuferin schlich herum, lächelte mit geschlossenen Augen in die Sonne. Zugpersonal kreuzte ihren Weg, zwei Männer, die in ihren schlabbrigen Hosen die Knie durchdrückten. Ein Kind verkleckerte etwas, eine Taube ließ sich darauf nieder. Das Kind bekam einen Rüffel von seiner Mutter, die ihren Sonnenschirm im Wind verlor. Der Herr mit Hut sprang dem wirbelnden Ding hinterher, tauschte lächelnd ein paar Sätze mit der Mutter und trabte anschließend davon. Nur die Schachtel blieb auf der Bank zurück. Welchen Sinn hatte dieser Bahnhof, auf dem niemand einem Geschäft nachging? Niemand hier schien sich über irgendetwas Gedanken zu machen. Barre beschloss auszusteigen.

Ein letztes Mal müsste er sich beeilen, dann wäre es vorbei. Dann war sein Leben leichter. Wenn er erst draußen war, in diesem Städtchen voller Müßiggänger, wo nichts den geringsten Zusammenhang hatte, würde keinem etwas auffallen, weil dort keine Pläne geschmiedet wurden, niemand sich den Kopf zerbrach. Eine Last würde ihm von den Schultern fallen. Abrupt stand er auf, nahm seine Tasche aus dem Gepäcknetz, verabschiedete sich von seinen Mitreisenden und verließ den Zug in dem Moment, als der Pfiff ertönte. Er lief schnurstracks auf die Schachtel zu. Natürlich war sie leer.

2

Zum Glück. Nicht auszudenken, wenn etwas von Bedeutung darin gewesen wäre. Sein ganzes Leben drehte sich um nichts anderes. Seine Arbeit bestand darin, Dingen Bedeutung zu verleihen, die noch keine hatten, nutzlose Stoffe zu etwas Nützlichem zusammenzufügen, und er untersuchte jedes Phänomen danach, ob es sich verbessern, vereinfachen, beschleunigen ließ. Er war nicht der Einzige. In den letzten Jahren dieses Jahrhunderts tauchten überall Männer auf, die insgeheim tüftelten. Die Zeitungen waren voller unausgegorener Erfindungen, und die Leute gaben sogar Geld dafür aus. Die Zeiten, als sein Beruf, insofern man ihn als solchen bezeichnen konnte, in hohem Ansehen stand, waren lange vorbei. Jeder kannte irgendjemanden, der in seinen Mußestunden »gern bosselte«, und Hinz und Kunz gestand Barre, er habe reichlich Ideen, aber, ach, die Zeit, nicht wahr, daran fehle es, sonst an nichts! Als ob seine tiefe Kenntnis der Chemie, seine jahrelange Erfahrung überhaupt nichts wert wären, als ob jeder sich, vertieft in Selbstgespräche, die Nächte allein um die Ohren schlagen könnte.

Einmal feilte Barre monatelang an einer Erfindung, bis er begriff: Stopp. Manches will eben nicht. Damals hatte er es schade gefunden, doch diesmal hoffte er von Herzen, dass die Idee, die ihn die letzten sieben Tage schon beim Aufstehen bedrängt hatte, ihn bald in Ruhe ließe. Dass sie sich als nicht lebensfähig herausstellte und ihm in den nächsten vier Wochen aus dem Kopf platzen würde wie ein zu groß geratenes Gänseküken aus dem Ei. Dann nähme er sein normales Leben wieder auf, ließe seine fertige Erfindung patentieren, damit sich niemand mehr daran vergreifen konnte. Sich Zeit für seine Familie gönnen. Ein gewöhnlicher Mensch werden.

Hinter ihm machte sich der Zug mit Nachdruck abfahrbereit. Schrilles Pfeifen, Türenknallen, husch, husch, steigen Sie ein! Plötzlich waren seine Zweifel verflogen. Wenn er nicht wieder einstieg, konnte er in den milden, wehenden Wochen eines echten Spätsommers zurückbleiben, der für Kinder endlos ist, für Erwachsene aber wie im Flug vergeht. Gedankenverloren in Gesellschaft einer langsam sinkenden Sonne in Vergessenheit geraten — das war es doch, wonach er sich gesehnt hatte, wenn ihm an seiner Werkbank wieder einmal ein Bleistift über einem widerspenstigen Plan zerbrochen war, oder? Der Zug wird die Reisenden in die düstere Hauptstadt bringen. In dem Bahnhof mit den Tauben unter dem Dach, ein paar Vagabunden und einem in seiner Bude schlafenden Marionettenspieler wird man sie abholen, stellte er sich vor, aber er hätte in jedem Fall seinen Weg durch das Getuschel gefunden. Er müsste seine Tasche an die Brust pressen, weil sich dort immer irgendwelche alerten Burschen herumtrieben. Diesen Alerten würde er auf seiner ganzen Reise immer wieder begegnen, auf der Straße, auf dem Kanal, auf dem Meer, und es fiele ihm immer schwerer, sie zu identifizieren, Etappe um Etappe wurden sie fremder. Die Ozeanriesen hatten alle mindestens zwanzig verschiedene Nationalitäten an Bord. Wie las man Getriebenheit an Schlitzaugen ab? Wie gute Absichten an einem Gesicht, das kaum Licht reflektiert? Tagelang dürfte er sich nicht von seiner Tasche trennen, nachts unweit des Zwischendecks mit all den zurechtgemachten Hoffnungsvollen und abends im Rauchzimmer inmitten der gewachsten Schnurrbärte, bis sie in den Hudson River einfuhren. Nein, er blieb hier.

Wieder sah er in die Schachtel, unterdrückte einen Jubelschrei. Wie herrlich, dass seine Reise nirgendwohin führte, zumal es nur ihm bewusst war. Er müsste sich noch ein paar Wochen gedulden, bevor er als verschollen galt, ein Fragezeichen hinter seinem Namen stand. Man würde ihn erst vermissen, nachdem die entlauste und entflohte Fracht der Etruria über die Landungsbrücken in der Clarkson Street, New York, gelöscht worden war. Zuletzt war er mit fünfzehn ungehorsam gewesen, da war er zu spät nach Hause gekommen, ohne den Einkauf, den er besorgen sollte, aber den Bauch voller Süßigkeiten. Danach hatte er seinem Vater immer gehorcht. Nicht aus Duckmäuserei, sondern aus Bequemlichkeit. Es lohnte sich, folgsam zu sein. Wenn sein Vater stolz war, war er zufrieden, und schon damals, von Natur aus also, hatte Valéry gern seine Ruhe gehabt. Doch bald stapelte sich eine Aufgabe auf die andere, und zu früh in seinem Leben hatte er Ruhe gegen Perfektionismus getauscht. Kein guter Tausch, hätte er seinem Sohn, der denselben Weg einzuschlagen drohte, jetzt gern gesagt. Guillaume, der kleine Guy, wollte sein bester Assistent sein, hatte deswegen schon mal die Schule geschwänzt. In der Werkstatt hatte er alte und erfahrene Männer blamiert, weil er die Namen physikalischer und chemischer Prozesse besser kannte als sie. Das war nicht gut. Er sollte wissen, dass er mit Aufsässigkeit auf lange Sicht mehr Sympathie ernten würde, doch sein Vater war der Letzte, ihm das zu erzählen.

Barre sah dem Zug hinterher, hoffte, dass es nicht zu spät war für seine Flucht. Immer hatte er sich zu viele Gedanken über andere gemacht, darüber, was sie von ihm denken könnten. Man kann ein Leben mühelos mit den Gedanken anderer füllen. Doch jetzt war er ausgestiegen, und es galt, draußen zu bleiben. Die Schienen surrten nach. Dann verflüchtigte sich der Dampf, und die Sonne lud ihn ein, sich auf die Bank niederzulassen, wo der Herr mit Strohhut gesessen hatte. Wahrscheinlich war das Städtchen V., das nicht so aussah, als hätte es die geringste Bedeutung, immer noch zu groß für sein Vorhaben. Er hoffte, der Bahnhofsvorsteher ließe ihn in Ruhe, doch zu spät, da kam er schon aus seinem Büro, voll guter, sterbenslangweiliger Absichten.

»Einen schönen Tag, der Herr! Was für ein sonniger Nachmittag. Vorläufig erfreuen wir uns noch daran. Vorläufig!«

Da war sie wieder, die Uhr, der quasi erstaunte Blick aufs Zifferblatt. »Sie werden abgeholt, nehme ich an? Dort unten vielleicht, beim Bahnhofsbüfett?«

»Nein.«

Barre bekam fast kein Wort über die Lippen. Am liebsten hätte er den guten Mann einfach ignoriert, doch damit hätte er unnötig Aufsehen erregt. Er musste antworten, es führte kein Weg dran vorbei.

»Ich werde nicht abgeholt.«

Wieder der Blick auf die Uhr, irgendetwas musste man ja tun.

»Ich fürchte, der Zug nach Nancy kommt erst in einer Dreiviertelstunde, und der nach Lyon lässt noch eine ganze Stunde auf sich warten.«

Schon musste er sich entscheiden, was für ein Pech. Nancy oder Lyon. Keck stand der Bahnhofsvorsteher vor ihm, die Stiefelabsätze aneinander, doch allmählich schlich sich Misstrauen in seine Haltung. Es begann in den Augen und würde bald seinen ganzen dicken Körper befallen. Das musste er verhindern.

»Ich ruhe mich nur kurz aus, bevor ich in die Stadt gehe.«

Na bitte, schon entspannte sich der Schnurrbart wieder, doch da sprang ihm die Schachtel ins Auge.

»Ist das Ihre?«

»Nein, sie stand schon da.«

»Eine Schachtel von der Patisserie Thibaudet … Oh, sie ist leer.«

»Leider.«

»Thibaudet macht Eclairs, die man mit einem Bissen in den Mund bekommt! Happs, weg ist es, bevor irgendjemand etwas gesehen hat! Dass vor ihm noch keiner auf die Idee gekommen ist!«

»Sie sagen es.«

»Nicht wahr? Die besten Erfindungen sind die einfachsten. Das hier zum Beispiel, kennen Sie das?«

Mit flinken Fingern zauberte er ein dunkelgrünes Fläschchen aus der Innentasche.

»Hören Sie«, flüsterte er, »ich habe noch mehr davon, ich kann Ihnen so viele beschaffen, wie Sie brauchen. Zwei Tropfen in jedes Auge, und Sie sehen wieder gestochen scharf. Brillen werden überflüssig.«

Klarer Fall, der Bahnhofsvorsteher verdiente sich in seinen Mußestunden ein Zubrot. Barre brauchte keine Augentropfen.

»Nicht so voreilig, nicht so voreilig. Das Retinofluid ist lange haltbar. Man kann nie wissen, wann einen das Sehvermögen im Stich lässt. Riechen Sie mal.«

Barre roch nichts.

»Genau! Geruchlos, risikolos. Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass alle in Ihrem Umkreis Adleraugen haben. Praktische Geschenke sind die schönsten Geschenke. Stellen Sie sich nur vor, wie dankbar man Ihnen sein wird. Aber hüten Sie sich vor Fälschungen, nicht wahr? Da sind genug im Umlauf. Sie glauben doch nicht, dass ich meine Position als Vorsteher dieses Bahnhofs für Quacksalberei aufs Spiel setze? Hören Sie zu.«

Er macht seine Sache gut, dachte Barre, ein Meister seines Fachs. Guten Verkäufern gelingt es innerhalb von drei Minuten, ihre Kunden zu überzeugen, dass sie etwas brauchen, über das sie anfangs die Nase gerümpft haben. Gleich wird er seine Ware mit etwas vergleichen, das ich schon habe. Und das nicht funktioniert. Mir danach ein einmaliges Angebot machen, das ich nicht ausschlagen kann.

»Nein«, sagte Barre, entschieden genug, denn der Blick des Bahnhofsvorstehers entspannte sich.

»Na gut, ich dachte ja bloß … Sagen Sie, bleiben Sie lange in unserem schönen Landstrich?«

Kein Erbarmen, dachte Barre, er kennt kein Erbarmen. Er griff nach seiner Tasche, aber einfach davonzulaufen wäre verwegen. Stattdessen tat er, was in den letzten Jahren anstelle eines Lächelns oder einer entwaffnenden Geste getreten war: Er zückte seine Uhr. Zur Beruhigung. Es war eine Uhr ohne Kette, er musste sie tief aus der Westentasche kramen. Der Kerl ist in Ordnung, sah er den Bahnhofsvorsteher denken, wer mitten im Leben steht, muss wissen, wie spät es ist, nur die, die Böses im Sinn haben, die Alerten, haben alle Zeit der Welt. Er sah aufs Zifferblatt, ohne die Uhrzeit abzulesen. »Ich muss los«, sagte er. »Auf Wiedersehen.«

»Natürlich! Alles Gute für Sie. Und nicht vergessen: Patisserie Thibaudet!«

Ohne sich umzudrehen, wusste er, dass der dumme Fresssack tat, als würde er sich ein Eclair in den Mund schieben.

Draußen erwartete ihn eine übersichtliche Stadt mit Häusern aus Sandstein an einem schmalen Kanal, kaum Verkehr, und die wenigen Geschäfte in seinem Blickfeld waren geschlossen. Sehr gut für ein Panorama auf dreihundert Tafeln geeignet. Aber konnte er sich noch guten Gewissens als Maler bezeichnen? Und falls nicht, was war er dann? Sein altes, jahrelang ausgeübtes Fach hatte er aufgegeben, um einen Apparat zu entwickeln, mit dem am Ende jeder Idiot Bilder machen könnte, die seinen Gemälden den Rang ablaufen würden. Seit zwei Jahren hatte er keinen Pinsel mehr angerührt. Von dem endlosen Gefriemel in Handschuhen und mit Pinzette waren seine Gebärden zu beschränkt geworden zum Malen. Vor allem für seine Art zu malen. Ein ordentliches Panoramagemälde war fünfzehn, zwanzig Meter lang und sechs bis acht Meter hoch. Bei der Panoramamalerei ging es darum, das Ganze korrekt zu berechnen und manches in Auftrag zu geben, denn an Zeit, alles selbst zu machen, fehlte es immer. In dieser Hinsicht unterschied es sich kaum von seiner jetzigen Tätigkeit, aber danach ging es erst los mit dem Gezerre und Geschleppe. Gerüste aufbauen. Leinwände neu spannen. Mit den Zimmerleuten streiten, die die Skizzen nicht kapierten, alles zum Einsturz brachten. »Wenn du doch wieder kleine Aufträge annehmen könntest«, sagte seine Frau eines Tages, »gemütliche, einfache Arbeit. Die Leute bezahlen immer noch gutes Geld dafür, ihr Landgut oder ihre Frau malen zu lassen.« Doch über solche Bildchen staunte niemand mehr, wie er wusste, und ums Staunen drehte es sich heutzutage. Die Menschen wollten immer wieder überrascht werden, Sachen herausfinden, »Ach, so ist das also!« rufen oder »Das hätte ich ja nicht gedacht«, denn immer schneller machte sich Langeweile breit. Lebensgroß sollte ihr Erstaunen sein. Mindestens. Barre schätzte die Entfernung. Die Pferde auf der anderen Seite des Kanals sollte Jean Meunier malen, der konnte das viel besser. Er selbst würde in jedem Fall die Begrenzungen des Panoramas übernehmen, das Trompe-l’œil am oberen Rand, bis zur Überdachung. Von faux terrain würde er auch hier absehen. Wenn man Sand vor die Leinwand streute, brauchte man Unmengen Wasser und musste Vögel an Schnüren baumeln lassen, und womöglich käme früher oder später jemand auf die Idee, einen Schilfgürtel und ein paar ausgestopfte Otter hinzustellen, Stadtansicht hin oder her. Nein, nicht zu viel Leben. Wozu? Im Augenblick war es doch auch nicht lebendig. Da hinten spielten ein Schuhputzer und sein geduldiger Kunde schon eine Weile Silhouette. Auch bei der Farbgebung sparsam sein: Hier war alles Erde, Boden, sogar der Himmel wirkte wie aus Ton. Mit einer guten Truppe könnte man innerhalb eines Monats fertig sein. Zusammenrollen, mitnehmen, aufspannen. Nicht interessant genug? Egal, was man ihnen zeigte, die Menschen strömten herbei und zückten das Portemonnaie. Begafften genauso gern ihre graue Wirklichkeit wie eine orientalische Kamelkarawane. Nicht die Exotik war beeindruckend, sondern die Illusion: Pan-o-rama, alles-ist-Schauspiel, auch dieses Kind, das auf der Straße hockt und seine Notdurft verrichtet. Für Lebendigkeit mussten die Zuschauer selbst sorgen. Vor einem konventionellen Gemälde blieb man stehen, rührte sich nicht, darauf war die Perspektive ausgelegt. Doch bei einem Panorama musste der Zuschauer am Bild entlanggehen, und dieses blieb hinter ihm zurück. Das war das Prachtvolle seiner Arbeit im Gegensatz zu anderen Künsten, fand er: Dass nicht das Bild zum Leben erwachte, sondern der Zuschauer. Wenn er ihn dazu bringen konnte sich zu bewegen, kam das Denken von selbst. Vielleicht sollte er ja seine unterbrochene Reise als Panorama malen, dreihundertsechzig Grad im Kreis, damit die anderen sein Leben in einem coup d’œil nachverfolgen konnten. Dann wäre er zumindest den ganzen Ärger los. Ein narratives Gemälde, das all seine Pläne festlegte. Name drunter, zusammenrollen, ausbreiten. Keiner könnte mehr einen Bogen um ihn machen.

Der Schuhputzer war fertig, der Kunde bezahlte und verschwand von der Bildfläche. Ein Kutscher kam aus einem Haus, die Pferde fuhren aus dem Schlaf und trabten davon, dann waren auch sie weg. Unter dem öligen Himmel waren nur noch das Kind und der Schuhputzer zu sehen. Es war so ruhig, dass Barre es wagte, die Tasche abzustellen und den Hals zu strecken. Nicht der kleinste Windhauch. Er ging über die Brücke. Ein Steg zwischen zwei Häusern hatte ihn aus der Ferne angelockt, weil er ihn für eine Sackgasse hielt, doch als er näher kam, entpuppte er sich als taghelle Straße, in der drei Frauen etwas schleppten, und wie es sich anhörte, kamen hinter ihnen noch ein paar mehr. Es stank nach Kohl und Pisse. Er zuckte zusammen, zurück auf die Hauptstraße, wo das Kind schon wieder die Hose hinunterließ, wechselte einen Blick mit dem Schuhputzer, wandte sich jedoch von seinen Gebärden ab und stand dann vor der Café-Pension Le Vieux Cèdre.

Waren Dörfer und kleine Städte nicht alle unschuldig, bis man ihnen näher kam? Waren sie nicht alle mit dem dicken Pinsel hingeworfen, die Figuren gesichtslos, so dass sie sich in alle Richtungen und vor allem in die aufrichtige, edle entwickeln konnten? Doch sobald man ihre Sprache verstand, sobald sich herausstellte, welchen Unsinn sie verzapften, ging es schief. Egal, wie exotisch sie aussahen, ob sie Chinesen waren oder Apachen. Alle Menschen reden an erster Stelle über andere, an zweiter über Essen. Aus der Nähe wurde der grobe Pinsel kleinteiliger, bis eine Miniatur übrig blieb, die rein gar nichts der Fantasie überließ. Aus der Nähe erwiesen sich bildschöne Komparsen als profane Hauptdarsteller, die aus dem Mund stanken und sich kratzten. In dem Lokal war es auch nicht anders. Dort saß eine biedermeierartige Jagdgesellschaft bei der Suppe, vier Männer mit grünen Jagdhütchen, sehr von sich eingenommen, fand Barre. So, stellte er sich vor, hatten sie morgens ihre Hütchen aufgesetzt: Lasst-uns-mal-ganz-anders-an-die-Sache-rangehen. Wir vier machen uns heute einen feinen Nachmittag, und, oh, wie sehr wir allen imponieren werden! Wie selbstzufrieden sie vor sich hin löffelten und brabbelten, doch aus ihrem Mund kam nichts anderes heraus als das, was sie hineingesteckt hatten. Diesen Dörflern war nicht mehr zu helfen.

»Was kann ich für Sie tun?«

Die Wirtin kam hinter dem Tresen hervor, um ihn genauer zu betrachten. Nein, dieser Anzug war nicht sein bester, und ja, richtig, sein Hut war ziemlich staubig. Vor zehn Jahren hätte sie sich noch für ihn interessiert, dann wäre sie rot geworden, statt so müde zu lächeln, und er hätte es mit jedem der Suppe schlürfenden Winzlinge da hinten aufnehmen können. Er streckte den Rücken, bis es zwischen den Schulterblättern knackte.

»Haben Sie noch ein Zimmer frei?«

Die Jäger starrten ihn an, gleich würden sie sich Fragen stellen. Er sah sich schon allein hier am Tisch sitzen, und dieses Bild gefiel ihm nicht. Nur eine Nacht, wenn sie sagte, dass ein Zimmer frei war, dann würde er eine Nacht bleiben, bevor er weiterreiste.

»Das Balkonzimmer«, sagte sie und zeigte zur Decke, »das ist noch zu haben. Zwei Zimmer sind Stammgästen vorbehalten, die kommen und gehen. Das vierte Zimmer ist zu klein für Sie. Das Balkonzimmer ist das schönste. Ich kann es Ihnen zeigen, aber ich kann es auch sehr gut beschreiben, mit dem kleinen Finger mache ich das. Ich bin für mein gutes Gedächtnis für Dinge und Gesichter bekannt. Sie werden sehen, meine Beschreibung gibt die Wirklichkeit genau wieder. Ehrenwort.«

Sie sprach betont langsam, es sollte nicht bedrohlich klingen. Nach all den Jahren im Ausland hatte er vergessen, was plötzlich aus dem vermeintlich müden Lächeln der Französinnen werden konnte: ein schmachtender, äußerst eindringlicher Blick, so kurz, dass sich ein Mann in seinem Alter beschämt eingestehen musste, dass es wohl Einbildung war. In England und Amerika machten die Frauen so etwas nicht. Die Wirtin sollte damit aufhören, schließlich war sie auch nicht mehr die Jüngste. In ihre Wangen hatte sich eine halbe Million Lächeln gegraben, da kam kein Ernst mehr gegen an. Aber es war schon zu spät. Er hatte die Gaststätte einer Frau betreten, die mit Worten zeichnen konnte und sich sein Gesicht eingeprägt hatte. Sie drehte ihm den Allerwertesten zu und fragte, ob er vorab etwas essen wolle. Eine Kleinigkeit, sagte er, er habe keinen Hunger. Er wollte sich nur kurz setzen, um kein Misstrauen zu wecken. In der Ecke war eine gute Stelle, um seinen Kopf an die Wand zu lehnen, die Tasche klemmte er sich zwischen die Beine. Sie schien zwischen seinen Waden größer zu werden, sich aufzubauschen und um die eigene Achse zu drehen wie ein Hund unter dem Esstisch. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Ruhig den Hut abzusetzen, neben sich zu legen.

Le Vieux Cèdre war ein schmuddeliges Lokal. Die Sonne kam heraus, und über den Tischen hingen dicke Decken von Staub. In der Küche kochte die Wirtin jetzt dieselbe Suppe, die sie den Jägern serviert hatte. Dabei redete sie ununterbrochen, vielleicht mit sich selbst, vielleicht mit einem Bettlägerigen, der still im Nebenzimmer blieb, um die Gäste zu belauern. Oder sie betete, wie das Dienstmädchen in seiner Kindheit. Fili hatte auch so einen Hintern gehabt. Ein Ei kochte sie »einen Rosenkranz lang«, sogar nachdem Vater ihr eine Uhr in die Küche gehängt hatte. Die Gewohnheit, betend statt nach Minuten zu kochen, hatte sie sich in ihrer Jugend in der Gaume im belgischen Lothringen angewöhnt, sie ließ sich nicht mehr austreiben. Ein Soufflee dauerte einen Rosenkranz. Rinderlende — ein Vaterunser auf jeder Seite und dann das Ganze wiederholen. Als sein Vater ihr befahl, die Uhr zu benutzen, ging alles schief, aber nicht, weil sie keine Uhr lesen konnte, sondern weil »Speisen nicht im Stillen garen«. Beim Gedanken an Fili zog sich sein Bauch vor Rührung und Scham zusammen. Sie hatten sie immer ausgelacht. Die ganze Familie saß am Tisch und schmunzelte über die Witze des Vaters, die gar nicht witzig waren, aber es hatte sich so ergeben, dass der Pater familias den Raum mit seiner Anwesenheit füllte und seine feigen Söhne ihm nach dem Mund redeten. Wegen ihres Akzents sprach Fili wiederum nie laut. Flüsternd und schlurfend ging sie durchs Leben, tat alles Lustige heimlich, zum Beispiel versteckte sie Leckereien in ihren Betten. Einmal schlief er die ganze Nacht auf einem Törtchen. Als er mit dem Rücken voller Schlagsahne und geschmolzener Schokolade aufwachte, musste Fili so lachen, dass sie sich die Röcke zwischen die Beine klemmte und davonrannte, ohne ihn ins Bad zu stecken. Heimlich pflückte sie Rosen im Kirchgarten und steckte sie einzeln in ihren Rasen. Und sie posierte für einen berühmten Naturalisten aus Metz, der ihre stolze Nacktheit genauso minutiös einfing wie die Flügel einer Laubheuschrecke — aber das fanden sie erst viel später heraus.

Verglichen mit seinen Jugenderinnerungen erschien Barre seine heutige Situation abgenutzt und unsympathisch. Nichts war mehr einmalig. Jeder Gegenstand, jedes Wort, jedes Lebensmittel musste unbedingt in Serie erscheinen, als Duplikat, Faksimile. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das Leben mit identischen Gegenständen und Markenzeichen gefüllt, und alle sollten sie kennen, diese besserwisserischen Tanten und breit lächelnden Doktoren mit ihren Hustensäften in riesiger Ausfertigung, die wie Götter zu jedermanns Leben gehörten. Solche Reklame sollte verboten werden. Der beste Stift, das beste Kopfkissen, der beste Strumpfhalter. Hinken Sie nicht hinterher, kaufen Sie jetzt! Es konnte doch nicht gut sein, die Menschen ständig so vollzuquatschen. Die würden vielleicht erst in zehn Jahren, wenn dieses Jahrhundert mit einem dumpfen Knall zu Ende gegangen war, verstehen, dass man sie mit unausgegorenen Erfindungen und nutzlosen Neuigkeiten abgespeist hatte. Schon erlahmte das Interesse. Die Konzentration ließ nach.

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Natürlich hatte er selbst eifrig dazu beigetragen. Als er sich vor drei Jahren in seine Ideenwelt zurückgezogen hatte, waren seine Erwartungen hoch gewesen. Das Leben mit all seiner Dynamik einwandfrei auf Film zu bannen, alle würden große Augen machen. Inzwischen fürchtete er immer häufiger, mit seiner Kamera ein Monster in die Welt gesetzt zu haben, sie brachte nur plumpe Parodien zustande, die der Wirklichkeit hinterherhinkten.

Die Frau, die von Weitem Ähnlichkeit mit Fili hatte, brachte ihm eine Suppe, er musste sie nach dem Vorbild der Komparsen da drüben an Ort und Stelle essen, obwohl er keinen Hunger hatte. »Das Zimmer kostet vier Franc pro Nacht«, sagte sie, als sie den Teller abstellte, »möchten Sie mehr darüber hören?«