
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2019
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Covergestaltung bürosüd, München
Coverabbildung Umschlagabbildung: Susan Fox/Arcangel
Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.
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ISBN 978-3-644-20029-6
www.rowohlt.de
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
ISBN 978-3-644-20029-6
Maddy
Summerhill würde ich auf jeder Karte entdecken. Ich könnte es mit verbundenen Augen zeichnen, ohne abzusetzen oder zu zögern. Es hatte die Form eines Herzens, dessen eine Seite sich an den Fluss schmiegte und dessen Spitze ins Meer hineinragte. In Wirklichkeit war das Anwesen natürlich nicht so klar umrissen, war eine grünbraune Wildnis, an der die Gezeiten zerrten. Und an die Seite, auf der sich der Fluss zur Bucht weitete, klammerte sich das Haus. Aber mein Kopf hatte es genau so abgesteckt, als herzförmige Landkarte meiner Kindheit, wo ich sicher war und nichts mir etwas anhaben konnte.
Selbst jetzt, da sich die Situation merklich zuspitzte, dass es an der Zeit war zu handeln, und meine Tante Marjorie entweder am Radio klebte oder den Horizont nach Anzeichen für eine Invasion der Deutschen absuchte, schien es unmöglich, dass sich das Leben hier ändern würde.
Mein Vater hätte widersprochen. Mit dem Krieg ist es wie mit der Liebe, sagte er mal, als ich sechs oder sieben war. Er findet immer einen Weg, Maddy. Wir vergessen ihn, aber ehe wir es uns versehen, ist er wieder da. Er war immer der Meinung, meine Schwester und ich sollten Bescheid wissen über all die schrecklichen Dinge, zu denen Menschen fähig waren. Ich wollte es nicht hören, aber Georgiana bettelte förmlich um Geschichten aus dem Weltkrieg, wollte von den Schrecken von Ypern und der Westfront hören und wie er es geschafft hatte zu überleben. Ich überließ das ihnen, lief nach unten in die Küche, um mir einen von Cookies Rosinenkeksen zu nehmen, pfiff nach den Hunden und verschwand mit meinem Skizzenbuch nach draußen. Durch den Wald und runter an den Fluss, wo ich mich bäuchlings auf den Steg legte, um die Kaulquappen im Schlick zu zeichnen, und bei Ebbe durch die Gezeitentümpel watete. Bis zu der winzigen Insel, wo man am besten schwimmen konnte und die Sonne am Ende eines weiteren herrlichen Summerhill-Tages im Wasser versank, wobei sie die Bucht mit glühenden Rot- und Orangetönen überflutete, für die meine gesamte Farbpalette nicht ausreichte.
Heute spuckte das Radio ständig neue alarmierende Nachrichten aus Deutschland aus, im Dorf drängten sich die uniformierten Männer von der nahegelegenen Militärbasis, und Hobson suchte verzweifelt nach etwas, das sich als Verdunkelungsvorhang für die riesigen Buntglasfenster in der Eingangshalle eignete, und ich tat, was ich immer tat. Während meine Tante Marjorie in der Zeitung studierte, was Herr Hitler im Schilde führte, schnappte ich mir mein Skizzenbuch und eine Schaufel – die Mauer in Fairings Corner war wieder in sich zusammengebrochen – und verschwand nach draußen.
Als ich die kleine Steinlawine sah, die die schweren Regenfälle der letzten Woche ausgelöst hatten, und ich anfing, die Steine aufzusammeln und, so gut es ging, Erde in die Lücken zu pressen, wurde mir etwas schwer ums Herz. Um diese Mauer hätte sich eigentlich mal jemand richtig kümmern müssen. Der Zaun oben bei Pixies Wald musste auch geflickt werden, der Brunnen am unteren Ende des Gartens leckte, und ohne Papas prüfenden Blick war der Garten in den letzten sechs Jahren explodiert. Georgiana sagte oft, eines Tages würden wir aufwachen und feststellen, dass er uns mit Haut und Haaren verschluckt hatte.
In Gedanken bei meiner Schwester, schob ich den letzten Stein in die Mauer und lief den Hügel hinauf. Von ganz oben kann man die Straße sehen, die aus dem Dorf herführt, und ich wollte die Erste sein, die Georgie kommen sah. Sie war vor sechs Monaten nach Europa aufgebrochen – trotz all der düsteren Nachrichten aus Deutschland –, wo sie sich bei sämtlichen entfernten Verwandten eingeladen hatte. Mit Papas altem Auto war sie erst nach London gefahren und dann weiter nach Amsterdam und Frankreich, von wo sie ekstatische Postkarten geschickt hatte, die sehr deutlich machten, dass sie nicht im Entferntesten daran dachte, ihre Reise abzukürzen. Schließlich rief unsere Cousine Xenia aus Nantes an, um die liebe Marjorie eindringlich zu bitten, ihre Remmidemmi-Nichte unter Kontrolle zu bringen, da alle vernünftigen Engländer den Kontinent verlassen würden. Georgiana hatte keine andere Wahl, als zurückzukommen, und ich war glücklich darüber. Ich hatte vorher keinen einzigen Tag ohne meine Schwester verbracht, und die letzten sechs Monate waren die längsten meines Lebens gewesen.
Ich befahl den Hunden streng, in der Nähe der Steinmauer keine Löcher zu buddeln, zog mich in die alte Eiche hoch und lehnte mich an den Stamm, um die Straße im Blick zu haben. Georgiana fuhr immer schnell. Sie hatte sich das Fahren selbst beigebracht, als sie siebzehn war, obwohl Tante Marjorie missmutig auf dem Vorplatz stand und irgendwas von Handarbeit und Französischstunden grummelte. Frank hatte ihr nach langem Betteln geholfen, den alten Morris meines Vaters wieder zum Laufen zu bringen. Zunächst hatte sie auf dem Vorplatz geübt, mit Heuballen als Straßenbegrenzung, und später war sie die Landstraße entlanggebrettert, mit mir auf dem Beifahrersitz, denn ich wusste, dass sie sich umbringen würde und das mindeste, was ich tun konnte, war, dann bei ihr zu sein.
Aber die Straße lag so still und verschlafen da wie immer, und ich holte mit einem behaglichen kleinen Seufzer mein Skizzenbuch hervor. Der mit grünem Leinen bezogene Block war fast voll, denn ohne Georgie hatte ich mehr gezeichnet als sonst. Tante Marjorie, die gern dozierte, und das über eine Vielzahl von Themen, hatte mich angehalten, mit dem Papier sparsam umzugehen, und ich hatte es versucht und allen verfügbaren Platz genutzt, schließlich war es sehr wahrscheinlich, dass die Welt bald kein Papier mehr hätte, wenn ich nicht langsam anfing zu sparen. Ich zeichnete ständig, alles und jedes. Das Haus. Die Küche. Mein liebstes Fuchsjunges, wie es den Igel verfolgte, der in Pixies Wald hinter dem morschen Baum lebte. Wie das Licht durch die Bäume auf die wilden Erdbeeren fiel. Auch Menschen: Cookie beim Schichten von Pflaumenauflauf. Hobson, wie er hinter den Stallungen heimlich raucht. Susan, die mit einem Eimer die Treppe hinaufläuft. Georgiana, die nicht mal eine gerade Linie ziehen könnte, wenn man ihr eine Pistole an den Kopf hielte, die Schreiben liebt und mit der ich mir über die Jahre unzählige Geschichten ausgedacht habe. Den ganzen Sommer über hatte ich an einer lustigen kleinen Serie mit dem Fuchsjungen und seinem besten Freund gearbeitet, einem besorgten kleinen Eichhörnchen, das wir Stu nannten. Langsam blätterte ich zu der Seite, auf der ich begonnen hatte, mit winzigen roten Strichen Foxys Fell zu zeichnen, der gerade versuchte, den Sturz in die Regentonne zu überleben.
Die Spätsommerwärme breitete sich langsam aus, und weit oben leuchtete der Himmel so stark in der Farbe von Glockenblumen, dass man glaubte, man bräuchte sich nur abzustoßen und könnte fliegen. Eine leichte Brise raschelte durch die Blätter, aber so leise, dass man hören konnte, wie mein Stift über das Papier strich, wie die Hunde verstohlen an einem Kaninchenbau neben der Mauer buddelten und oben die Schwalben sangen. Georgiana kam endlich nach Hause, und es war gar nicht schwer zu vergessen, dass es Ende August 1939 war und sich in der Welt ein Krieg zusammenbraute.
Ohne Vorwarnung teilte ein Dröhnen die Morgenluft, und wie aus dem Nichts war der Glockenblumenhimmel über der Eiche voller dunkler Gebilde. Flugzeuge. In Formation, wie die Gänse, die die Küste im November verließen, um über den Kanal Richtung Süden zu fliegen, dröhnten sie an mir vorbei, flugzeugförmige Schatten flitzten über Felder und Weiden. Ich atmete aus, ohne gemerkt zu haben, dass ich die Luft angehalten hatte, und ließ mich wieder gegen den Stamm sinken. Entspann dich, Maddy, du meine Güte. Das sind unsere, unsere Flugzeuge, vom Flugplatz im Norden, ein Übungsmanöver. Tante Marjorie hatte erst am Morgen davon gesprochen, ganz aufgeregt, denn war es nicht großartig, wie sich die Söhne der Nation der Herausforderung stellten und sich Herrn Hitler widersetzten, wie es nur die Briten konnten? Ich verfolgte die Gebilde, die am Horizont kleiner wurden, wartete, dass sich der Lärm im Glockenblumenhimmel verlor. Aber das tat er nicht. Weit draußen wendeten die Flugzeuge in einem großen Bogen, und dann kamen sie zurück, schienen direkt auf mich zuzufliegen, beinahe, als sähen sie, wie ich mich zwischen den Ästen versteckte. Jetzt waren sie über mir, so dicht, dass ich die kleinen Räder sehen konnte, wie ein auf mein Summerhill-Herz gerichteter Pfeil.
Die Hunde duckten sich unter mir, die Ohren an die flauschigen Köpfe gelegt, und fiepten beunruhigt, und zusammen sahen wir die Flugzeuge über uns hinwegfliegen, während die Krone der alten Eiche von einem ohrenbetäubenden Krach erfüllt war. Es schien ewig zu dauern, sie flogen immer neue Formationen und Kurven, und gerade als ich glaubte, es nicht länger auszuhalten, verschwanden sie schließlich, eins nach dem anderen, im Landesinneren.
Aber auch als sie außer Sicht waren, blieb die Luft noch von Motorenlärm erfüllt, und als ich auf den Ozean sah, bemerkte ich, dass eins zurückgeblieben war und noch immer seine Kurven übte. Die Hunde und ich sahen noch eine Weile zu, ehe ich begriff, dass irgendwas nicht stimmte. Das Flugzeug flog ein seltsames Muster, und obwohl die Felsen es manchmal verdeckten, sah man, dass es … es schien tatsächlich abzustürzen. Die Äste über mir waren für das Gewicht meiner sechzehn Jahre zu dünn, trotzdem begann ich, höher zu klettern, meine Hände und Füße suchten Halt an dem schlanken, biegsamen Grün. Da war es wieder, auf einer Höhe mit den Klippen – das Wort formte sich in meinem Kopf, ehe ich etwas dagegen machen konnte. Die Henkersklippen. Mir lief ein Schauder über den Rücken, und in meinem Nacken zog sich die Haut zusammen und ließ mich nach Luft schnappen, denn wenn jemand wusste, wie steil diese Klippen waren, wie gefährlich, wie tödlich, dann war ich es.
Ich presste den Atem durch meine zugeschnürte Kehle und wollte wegsehen, wollte wieder weiter runter und mich hinter meinem Skizzenbuch verstecken, wollte Foxy dabei zeichnen, wie er in der Dämmerung in großen Sätzen über die kleine Weide hinter Pixies Wald sprang. Stattdessen sah ich weiter hin, mit aufgerissenen Augen, als das Flugzeug über den Klippen sank, noch schneller jetzt, als hätten die Insassen die Hoffnung schon aufgegeben. Und dann verschwand es ganz aus meinem Blickfeld und war verloren.
Mit dem Krieg ist es wie mit der Liebe, Maddy, er findet immer einen Weg.
Meine schweißnassen Hände rutschten an der Borke ab, meine Augen, die noch auf den schmalen Streifen am Horizont gerichtet waren, tränten im hellen Sonnenlicht. Was, wenn ich die Einzige war, die es gesehen hatte, was, wenn niemand kommen würde, um zu helfen? Von hier aus konnte ich zu den Klippen gelangen, wenn ich ums Feld herumlief, bis zu dem Zaunübertritt an der östlichen Seite, und dann den schmalen Weg nahm, den mein Vater und ich vor sechs Jahren gegangen waren, an einem Morgen, der diesem so ähnlich war. Frank hatte gesagt, man lasse die Schafe inzwischen bis an den Rand grasen, weil die Leute Angst hätten, dort langzugehen.
Ich bin nie wieder bei den Henkersklippen gewesen, nicht, seit sie die Leiche meines Vaters aus der darunterliegenden Bucht gezogen haben, der Bucht, die bei Flut immer verschwand. Ich hatte Summerhill kaum je verlassen, und vom Meer kannte ich vor allem den blaugrauen Horizont, den ich von der Eiche aus sah und über den jetzt ein paar luftige weiße Wolken zogen, als wäre nicht wieder etwas Schreckliches passiert bei den Henkersklippen.
Wieder durchschnitt Lärm die Luft: Auf der Dorfstraße hupte ein Auto. Ich tastete nach einem Ast, meine Augen für einen Moment blind von der Anstrengung, in die Ferne zu sehen. Als mein Blick wieder klar war, sah ich ein vertrautes, verbeultes Auto und einen Arm, der aus dem Fenster ragte und fröhlich in meine Richtung winkte. Meine Schwester, die mich besser kannte als sonst jemand auf der Welt, wusste, dass ich in der Eiche sitzen und auf sie warten würde. Ich sprang vom Baum, merkte kaum, dass sich ein Ast in meinem Hosenbein verfing und es zerriss, und rannte, ohne anzuhalten, ohne mich umzusehen, den ganzen Weg bis zum Küchengarten, vorbei an unserem alten Baumhaus und dem kleinen Teich mit dem Riesenkarpfen, den Georgiana hasste, stolperte auf den Vorplatz und meiner Schwester direkt in die Arme.
Chloe
«Es besteht überhaupt kein Zweifel, Mrs. MacAllister. Nicht der geringste.»
Chloe betrachtete den Mann ihr gegenüber, der die Hände auf dem Rand seines Kassenarzt-Schreibtischs gefaltet hatte. Gab es einen unwahrscheinlicheren Boten des Schicksals als diesen fast schon kahlköpfigen, gereizten Mann, der sie missmutig anblickte?
Sie sah, wie der Blick des Arztes kurz zur Uhr auf seinem Computerbildschirm zuckte, und versuchte, sich zusammenzureißen. Der staatliche Gesundheitsdienst versuchte, die Termine auf zehn Minuten oder weniger zu begrenzen, und Aidan hatte ihr unzählige Geschichten von Patienten erzählt, die zu langsam waren und das ganze System durcheinanderbrachten. Sie war schon fünf Minuten über ihrer Zeit, und vier davon hatte sie damit verschwendet, kreidebleich zu schweigen und sinnlos die Tatsache zu leugnen, dass es keinen Zweifel gab. Nicht den geringsten.
«Ich gebe Ihnen die Unterlagen mit nach Hause», sagte der Arzt kurz angebunden und machte mit den Händen kleine flatternde Bewegungen, als könne er sie so antreiben, von ihrem gelben Plastikstuhl aufzustehen. «Was Sie in den nächsten paar Wochen tun sollten, ist –»
Es waren die Worte «nach Hause», die schließlich dafür sorgten, dass sich Chloes Zunge von ihrem Gaumen löste und das Rauschen in ihren Ohren immerhin leise genug wurde, um zu sagen: «Entschuldigen Sie, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, noch ein letztes Mal nachzusehen? Nur, um absolut sicher zu sein, meine ich. Vielleicht wurde ja etwas verwechselt?» Sie atmete tief durch und ließ die Hände in den Schoß sinken. «Fehler passieren doch immer mal, nicht?» Sie hatte versucht, es beiläufig klingen zu lassen, als meinte sie auf gar keinen Fall, dass ihm ein Fehler unterlaufen könnte.
«Wir haben es bereits zwei Mal überprüft, Mrs. MacAllister», sagte Doktor Webb ungeduldig, «und das auch nur, weil Sie so darauf bestanden haben, denn eigentlich ist es überflüssig. Der Test ist genau. Ich verstehe das Problem nicht – Ihre Werte sind ideal, Sie sind im idealen Alter. Arbeiten Sie?»
Sie schüttelte den Kopf, und er nickte zustimmend. «Na also. Sie trinken nicht, Sie rauchen nicht, Sie haben ein schönes Zuhause in …» Er konsultierte seine Notizen. «… im schönsten Viertel von Plymouth. Meine Patentante lebt in Hartley.»
Er wartete den Bruchteil einer Sekunde, ob Chloe etwas sagen würde, entweder zu dieser zweifellos angesehenen Dame oder etwas, das ihren sofortigen Aufbruch ankündigte.
«Aus medizinischer Sicht ist alles ideal», fuhr er fort. «Es könnte nicht besser sein. Margie am Empfang wird Ihnen einen Informationsflyer mitgeben.»
Sie ließ seine Stimme über sich ergehen, hörte nur wunderbar und Blut und überflüssig. Und ideal. Ja, es war alles einfach ideal. Ihr Mann würde begeistert sein. Er wartete seit Monaten auf diese Nachricht.
Doktor Webb stand jetzt an der Tür, sodass sie keine Wahl hatte, als ebenfalls aufzustehen, langsam, um sich so weit zu sammeln, dass sie eine letzte entscheidende Frage stellen konnte.
«Könnten Sie, ich meine, wäre es möglich, dass Sie ihm nichts davon sagen? Meinem Mann, meine ich.»
Doktor Webb tastete nach seiner Brille und blinzelte sie kurzsichtig an.
«Es ihm sagen? Warum sollte ich?» Doktor Webb schien Aidan nicht ganz so zu verehren wie alle anderen, was einer der Gründe dafür war, dass Chloe ihn als ihren Hausarzt ausgesucht hatte, auch wenn das bedeutete, dass sie bei ihren unregelmäßigen Besuchen gereizt behandelt wurde. Aber so viele Ärzte gab es in Plymouth nicht, die Wahrscheinlichkeit, dass Doktor Webbs Weg den von Aidan MacAllister in naher Zukunft kreuzen würde, war groß, und Chloe war es lieber, wenn es in dem sich daraufhin entspinnenden Gespräch nicht um sie ging.
«Ich möchte es ihm nur … selbst sagen. Im richtigen Augenblick.»
Doktor Webb schnaubte und riss die Tür auf. «Natürlich. Käme mir nicht im Traum in den Sinn. Schweigepflicht und so. Ich habe gehört, die Praxis wird erweitert. Er ist sicher sehr beschäftigt. Also, ich verrate nichts», sagte er beherzt.
Er deutete an, die Tür hinter ihr schließen zu wollen, aber sie hielt ihn noch ein letztes Mal auf. «Und Danny, mein Bruder, wissen Sie … glauben Sie, das könnte … ein Problem sein? Hierfür?»
Er überlegte kurz.
«Dafür müsste ich weitere Untersuchungen machen», sagte er dann. «Mehr über Ihre Eltern in Erfahrung bringen. Einen weiteren Termin vereinbaren. Falls es von Ihren Eltern ein neueres Blutbild gibt, bringen Sie es mit. Dann besprechen wir das.»
Und bevor sie noch etwas hinzufügen konnte, zum Beispiel den sachdienlichen Hinweis, dass es weder Eltern gab noch ein neueres Blutbild, hatte er sie schon aus der Tür gescheucht und sie hinter ihr geschlossen.
Drei Minuten später stand Chloe vor der Praxis und sah dem 52er-Bus hinterher. Sie hatte den Schwestern am Empfang keine weiteren Fragen gestellt, weil die sich immer nach dem lieben Doktor MacAllister erkundigten und lachend fragten, warum sie denn den langen Weg auf sich nähme, wo sie doch jemanden zu Hause hatte, der ihre Beschwerden lindern konnte. «Also, ich wüsste schon, was ich machen würde», flüsterte eine hübsche rothaarige Schwester kichernd einer anderen zu, als Chloe ihre Unterlagen etwas rabiater als nötig in ihre Tasche stopfte.
Sie stand lange an der Haltestelle, ließ die Busse vorbeifahren, die Menschen zur Arbeit, in die Schule und in den Supermarkt brachten. 14er. 44er. 62er. Die Zahlen flackerten, als versuchten sie, Chloe einen geheimen Code zu übermitteln, durch den das Gespräch mit Doktor Webb zu einem Teil von ihr würde, statt ein abstraktes Testergebnis in ihrer Tasche zu bleiben. Sie könnte Traubensaftschorle kaufen. Sie hatte irgendwo gehört, dass Traubensaft in so einer Situation das Getränk der Wahl war.
Der 5er, und dann wieder der 62er. Es war warm und diesig, und nachdem das Wetter wochenlang seltsam ruhelos und unstet gewesen war, türmten sich im Osten die Wolken. Die nach Diesel riechenden Windböen, die die vorbeifahrenden Autos mitbrachten, ließen ihr Haar flattern und zerrten an ihrem Rock, was sie daran erinnerte, dass es Aidan nicht gefiel, wenn sie öffentliche Verkehrsmittel benutzte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du eine Staphylokokken-Infektion bekommst, Chloe. Und die Leute. In so einem Bus könnte ja jeder sein. Ein Serienmörder. War es nicht ein Glück, dass Chloe gar nicht so oft irgendwohin musste? Und wenn, dann konnte er ihr schließlich immer das Auto dalassen.
Heute Morgen hatte er ihr das Auto nicht dagelassen, weil er nicht wusste, dass sie in die Stadt musste. Früher waren Busse ihre einzige Möglichkeit gewesen, sich fortzubewegen, und sie ließ sich eigentlich ganz gern von ihnen durch die Gegend fahren. Es war ein engmaschiges Streckennetz, mit dessen Hilfe man überallhin kam, theoretisch sogar einmal quer durch ganz England. Außerdem gefiel ihr die Anonymität des Ganzen, dass sich niemand darum scherte, was sie tat, was sie trug, was sie dachte. Wenn ich nur wüsste, was du denkst, sagte Aidan gern und sah sie an, als müsste er nur noch ein bisschen intensiver gucken, ein bisschen länger, und er würde in ihren Kopf eindringen. Die Leute im Bus sahen durch einen hindurch, und man konnte einfach dasitzen und seinen Gedanken nachhängen, ohne sie mitteilen zu müssen.
Sie musste den 52er nehmen, und zwar bald, wenn sie nicht zu spät kommen wollte. Montags kam Aidan gleich nach seiner letzten Operation nach Hause, und dann wollte er, dass sie zu Hause war und sie auf ihrer Dachterrasse zivilisiert einen Drink zu sich nahmen und sich über den Tag unterhielten. Wen er operiert hatte und was sie am Wochenende machen würden. Über den neuen Arzt, den sie einstellen würden. Wo sie Urlaub machen würden. Und heute Abend über die Tatsache – die nicht ignorierbare, unbestreitbare und völlig unbezweifelbare Tatsache – dass sie, Chloe MacAllister, ein Baby bekommen würde. Dass sie achtundzwanzig Jahre alt war, vollkommen gesund und das ideale Leben führte, das nun vollkommen perfekt sein würde. Eine Familie.
Ein Taxi hielt an der Bushaltestelle und entließ eine Schar Mädchen, die offenbar in das Kino im Einkaufszentrum wollten, und Chloe steckte den Kopf durchs Fenster und bat den Fahrer, sie nach Hause zu bringen.
Sie drückte die Haustür auf und blieb für einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Sie konnte die Wäsche riechen, die in der Waschküche trocknete, und die Lasagne, die sie vorhin schon vorbereitet hatte, weil sie wusste, dass nach ihrem Termin nicht viel Zeit sein würde. Der süße, berauschende Duft der Callas, die Aidan gestern Abend mitgebracht hatte, ein aufwendiger Strauß von dem Floristen, zu dem er immer ging. Alles, damit du das Gefühl hast, etwas Besonderes zu sein, Chloe. Die Erweiterung seiner Praxis hatte ihn in letzter Zeit so in Anspruch genommen, dass er manchmal etwas barsch mit ihr gewesen war. Er hatte es wiedergutmachen wollen. Ihre Hände zuckten in kleinen, krampfartigen Bewegungen über ihrem Bauch, und einen verrückten Augenblick lang kämpfte sie gegen den Drang an, auf dem Absatz kehrtzumachen, aber dann schüttelte sie sich. Sei nicht dumm, Chloe. Es ist Zeit, das Abendessen vorzubereiten und die Staubgefäße aus den Blüten zu schneiden, wie Aidan es ihr aufgetragen hatte, bevor sie seine teure Arbeitsfläche mit gelber Schmiere bedeckten.
Sie wollte gerade ihren Mantel aufhängen, als das Geräusch eines Schlüssels hinter ihr sie innehalten ließ.
«Halloooo!» Aidan hatte offensichtlich angenommen, sie wäre in der Küche, wo sie um diese Zeit immer war, und fuhr zusammen, als er sie hinter der Tür entdeckte.
«Chloe, Liebling. Ich hab dich nicht gleich gesehen.» Er kam rein, stellte seine Aktentasche ab, zog sein Jackett aus und beugte sich vor, um ihr einen Kuss zu geben. «Wo bist du denn gewesen?»
Jetzt war der Moment, es ihm zu erzählen. Genau jetzt war der richtige Zeitpunkt, um zu sagen: Aidan, Schatz, ich habe wunderbare Neuigkeiten.
«Ich war noch kurz einkaufen», sagte sie schnell.
«Was denn?» Er gab ihr sein Jackett. «Nein, nicht an den Haken, Liebling, auf den Bügel.»
«Nur noch etwas fürs Abendessen», sagte sie eilig, ehe ihr bewusst wurde, dass sie gar keine Einkaufstasche dabeihatte. «War aber aus», improvisierte sie und verschwand in die Küche, um weiteren Fragen zuvorzukommen.
«Ich kann auch mal was mitbringen», rief er. «Direkt gegenüber von der Praxis ist doch dieses Feinkostgeschäft.»
«Sicher.» Chloe schob die Lasagne in den kalten Backofen und stellte ihn an. Jetzt. Sie musste es jetzt sagen. Wenn er wieder runterkam, geduscht und sich umgezogen hatte und plaudern wollte. Es würde bestimmt gut sein, die Neuigkeiten loszuwerden, den kleinen harten Klumpen, den sie jetzt seit Stunden im Magen hatte. Ab dann wäre es Teil ihrer Zukunft, ihrer gemeinsamen Zukunft. Sie atmete tief ein, um den Klumpen nach oben zu holen, aber als sie ausatmete, entwich ihrer Kehle ein schreckliches Schluchzen.
«Du meine Güte, reiß dich einfach zusammen», zischte sie, riss die Ofenklappe auf und inspizierte die Lasagne, die Stirn an die Metalleinfassung gelehnt, wo warme Ofenluft entlangströmte. Das rotbraune Gericht verschwamm vor ihren Augen, und sie presste die Lippen zusammen, verspürte einen Anflug der Übelkeit, die sie schon seit Tagen zu ignorieren versuchte und die nun endlich Sinn ergab. Oft erzählen werdende Eltern der Familie und Freunden erst nach zwölf Wochen etwas von dem Baby, hatte die Schwester heute gesagt. Es besteht kein Grund zur Sorge, meine Liebe, in Ihrem Alter und überhaupt, aber bis zur zwölften Woche kann alles passieren. Danach natürlich auch, aber die meisten Fehlgeburten passieren in den ersten drei Monaten.
Es konnte also alles passieren. Chloe schloss die Ofenklappe und dachte darüber nach. Alles. Vielleicht … Sie richtete sich entschlossen auf. Als sie Aidan durch die Glastür kommen hörte, setzte sie ein Lächeln auf.
«Ich habe heute einen Anruf bekommen», sagte Aidan hinter ihr.
«Einen Anruf?» Die Praxis würde doch nicht –
«Von einem Verlag. In London.»
Er wandte sich ihr zu und reichte ihr einen Gin Tonic, und sie überspielte ihre Erleichterung, indem sie einen Schluck trank, als ihr einfiel, dass sie das eigentlich nicht durfte. Verstohlen setzte sie das Glas wieder an und ließ die Flüssigkeit zurückfließen. Eigentlich machte sie sich gar nicht viel aus Gin, aber Aidan zufolge gab es nach einem Tag harter Arbeit nichts Besseres als einen kalten Gin Tonic. Nicht, dass sie hart arbeitete. Als meine Frau wird man niemals arbeiten müssen, sagte Aidan gern, was immer leicht biblisch klang, als versammele er viele Frauen um sich, von denen keine irgendeinen sinnvollen Beruf hatte.
«Wen kennst du denn in der Verlagsbranche?», fragte sie und schnitt eine Tomate in perfekte, gleich große Stücke, schließlich essen die Augen mit, Chloe, Liebling.
«Aidan?» Sie sah auf, weil er nicht gleich antwortete.
«Er wollte dich sprechen.» Aidan war still geworden, den Drink in beiden Händen haltend, seine Aufmerksamkeit war jetzt ganz auf sie gerichtet. «Er hat gesagt, er hätte einen Job für dich.»
Sie starrte ihn an. «Aber – ich habe seit Ewigkeiten nicht gearbeitet», sagte sie. Zwei Jahre, um genau zu sein, seit dem schönen, sonnigen Junitag, an dem sie und Aidan heimlich zum Standesamt in Plymouth gegangen waren, um zu heiraten. Als seine Mutter herausgefunden hatte, dass ihr einziger Sohn mit einer armen Fotografin in wilder Ehe lebte, die praktisch keine Familie hatte, missfiel ihr das zutiefst. Aidan lachte darüber, aber Chloe tat es leid, seine Mutter um eine große Hochzeit gebracht zu haben. Er hatte abgewinkt. Ich bin jetzt deine Familie, sagte er. Du und ich, wir gehören zusammen.
Zuerst war es gar nicht so gedacht gewesen, dass sie das Fotografieren ganz sein ließ. Aber der Umzug von Torquay nach Plymouth und das Einrichten ihres neuen Zuhauses hatten sich hingezogen, und als sie ihre Nikon wieder hätte in die Hand nehmen und sich neue Kunden suchen können, sorgte immer irgendwas dafür, dass sie es noch ein bisschen aufschob. Als meine Frau wird man niemals arbeiten müssen, hatte Aidan dann mal wieder gesagt, und Chloe, die das zuerst für einen Witz gehalten hatte, wurde allmählich klar, dass er es tatsächlich so meinte. Und langsam sah sie sogar einen Sinn darin, es war eine Erleichterung gewesen, nicht von unregelmäßigen Aufträgen abhängig zu sein, sich nicht ständig um Geld sorgen zu müssen. Sie hatte bei einer Fotografin namens Liz Tallis gelernt, einer hochtalentierten Diva, die so inspirierend wie nervig gewesen war und so fordernd, dass Chloe ständig fürchtete, ihre richtige Arbeit zu verlieren, den Tagesjob hinter der Kasse im Großmarkt und den Nachtjob am Empfang einer kleinen Privatklinik. Als Chloe bei Liz Tallis kündigte, wollte die es zuerst gar nicht glauben, dann wurde sie wütend und ging sogar so weit zuzugeben, dass Chloe «Potenzial hatte», das größte Lob, das ihr zur Verfügung stand. Liz gab nicht so schnell auf, schickte Chloe Flyer zu Ausstellungen und Projekten, lud sie zu Vernissagen in London, New York und Edinburgh ein, zu denen die MacAllisters allerdings nie kamen. Und es gab Weihnachtskarten mit Liz’ ungeduldiger Krakelschrift: Frohe Zeit. Happy Happy. Und ab und zu ein ausführlicheres, wenn auch leicht drohendes Arbeitest du? Ruf mich an.
Aber Aidan war es wichtig, dass Chloe zu Hause war, und es überraschte sie, wie leicht es ihr fiel, all das hinter sich zu lassen. Es war eine Erleichterung, die Sorgen um Dannys und ihren Lebensunterhalt los zu sein.
«Jedenfalls schien er dich zu kennen», sagte Aidan jetzt gedehnt, immer noch mit seinem eindringlichen Blick. Chloe hatte die zarte, sehr helle Haut, die oft mit rotem Haar einherging, so zart, dass ich direkt hindurchsehen kann, Liebling, sagte Aidan oft. Er kniff die Augen zusammen, als würde ihm genau das dadurch möglich, als könne er so erkennen, welche Verbindung zwischen seiner Frau und diesem geheimnisvollen Mann bestand. «Er hatte deine Handynummer. Ein Matt Cooper. Hat gesagt, er hätte dich auf dem Handy nicht erreicht. Hast du sie ihm gegeben?»
«Was?»
«Hast du. Ihm. Deine Handynummer. Gegeben. Chloe?», fragte Aidan seinerseits, jedes Wort einzeln betonend.
«Nein!», sagte sie. «Ich kenne ihn gar nicht.»
Aidan sah sie an. «Ich habe natürlich gesagt, du hättest keine Zeit.»
Er wollte ihr ihren Drink wieder in die Hand drücken, aber Chloe schüttelte den Kopf und stellte die Teller in die Wärmeschublade. Porträts hatte sie immer gut gekonnt, dachte sie mit einem plötzlichen sehnsüchtigen Stich.
«Chloe? Ist das Essen bald fertig?»
«Zehn Minuten», sagte sie automatisch. Er wich ihr nicht von der Seite. Der süßliche Geruch des Antiseptikums, das er bei der Arbeit benutzte, fuhr ihr direkt in den Magen und löste dort kleine Übelkeitswellen aus, die um das Babygeheimnis herumwaberten. Warum nannte man es bloß Morgenübelkeit, wenn es den ganzen Tag anhielt? Sie hatte sich ihm wohl etwas entzogen, denn er legte die Arme um sie, damit sie blieb, wo sie war, und wiegte sie an seiner Brust. Als sie seine Hände in den Seiten spürte, die sich in Richtung ihres Bauches bewegten, fuhr sie zurück, wobei ihr Arm gegen seine Brust stieß.
«Mann, was ist denn los, Chloe?» Er inspizierte seine Ärmel, die von feinen roten Tomatensaftspritzern bedeckt waren, und sah dann stirnrunzelnd sie an, ihr rotes Gesicht, den Pfannenwender.
«Es tut mir so leid», sagte sie. «Gib es mir am besten gleich, wenn ich Fleckenentferner draufmache, kriege ich es raus.»
Er zog eine Grimasse und knöpfte seine Ärmel auf.
«Du bist heute so fahrig», sagte er vorwurfsvoll.
«Weißt du», sagte Chloe schnell, ehe sie es sich anders überlegen konnte. «Es wäre nett gewesen, mit diesem Matt Cooper zu reden … persönlich, meine ich. Vielleicht war es ja etwas, das ich hätte machen können – ohne allzu oft weg zu sein.»
«Ach, Chloe.» Aidan lachte fröhlich. «Warum solltest du denn irgendeine alte Frau fotografieren? Das kann ja nur total deprimierend sein.»
«Eine alte Frau?», wiederholte sie. «Wen?»
«Hamilton, glaube ich», sagte er leichthin. «Sie schreibt Kinderbücher. Hat geschrieben, nehme ich an, denn es klang, als stünde sie mit einem Fuß im Grab und –»
«Hamilton?», unterbrach ihn Chloe. «Madeleine und Georgiana Hamilton?»
Aidan, der dabei war, sein Hemd auszuziehen, hielt inne. «Könnte aber genauso gut jemand anders sein», sagte er verhalten. «Wieso?»
«Die großartigen Abenteuer des grandiosen Foxy. Whizzy, die rasende Hexe. Der Hund Pipper», spulte Chloe herunter. «Danny und ich haben sie geliebt, so kluge, witzige Bücher!»
«Nie gehört.» Aidan drapierte sein Hemd über die Arbeitsfläche und kratzte an einem Tomatensaftfleck. Ganz offensichtlich bedauerte er, den Namen überhaupt verraten zu haben. «Aber ist ja auch egal. Du hast ja mich und das Haus, und du liebst es, Dinge schön zu machen.»
«Das Haus ist schön.» Sie wusste selbst nicht, warum sie so insistierte. Es musste mit diesem Nachmittag zu tun haben, mit dem geheimen Klümpchen in ihrem Bauch. Aber sie blieb dabei. «Mehr als ein paar Stunden bin ich hier nicht beschäftigt. Ich könnte völlig problemlos ein bisschen arbeiten, Aidan, das würde mich von nichts abhalten.»
«Aber Liebling, du hast deine Kamera seit Ewigkeiten nicht angerührt, und der Mann klang, als wäre es eine ziemlich große Sache. Wichtig. Und auch eilig. Du könntest das unmöglich tun, Chloe.»
Er faltete sein Hemd zu einem akkuraten Rechteck, legte die Krawatte und das Jackett im selben akkuraten Rechteck darauf und beendete das Gespräch, indem er mit seinem schmutzigen Hemd durch die Glastür verschwand. Chloe stocherte im Tomatensalat herum. Die Hamilton-Schwestern. Ihre Figuren, die rasende Hexe und der Hund Pipper, fand man heute in jedem Klassenzimmer und jeder Buchhandlung, aber von ihrem allerersten Buch über einen kleinen Fuchs, der ständig etwas im Schilde führte, sprach heute kaum noch jemand. Aus Foxy war nie eine Reihe geworden, er war stillschweigend in der Versenkung verschwunden, bevor er Teil des Kinderbuchkanons hätte werden können. Aber zu Chloes Kindheit hatte er so sehr dazugehört, dass sie nicht an ihn denken konnte, ohne sich zu erinnern, wie ihr Vater ihr in ihrer kleinen, schäbigen Sozialwohnung daraus vorgelesen hatte. Sie war in ihrem zu großen Schlafanzug und dicken Strümpfen ins Wohnzimmer getappt gekommen – ihre Heizung war ständig ausgefallen – und hatte vorsichtig das Buch vor sich hergetragen, das so alt war, dass ihr Vater es als kleiner Junge schon mit seiner Mum gelesen hatte. Sie war auf seinen Schoß geklettert und hatte gespürt, wie er die Arme um sie legte, um das Buch vor ihr aufschlagen zu können. Das Gewicht des Buchrückens auf ihren Oberschenkeln, wenn sie versuchte, sich bequemer hinzusetzen. Die Stimme ihres Vaters, der Duft von Old Spice, das weiche, abgetragene Hemd an ihrer Haut, das Knarren des Sessels, wenn die halbe Stunde begann, die nur ihr gehörte. In der es nicht um Rechnungen ging oder um Krankheit oder schreckliche Dinge wie «Überziehungskredite» – Chloe hatte keine Ahnung, was das war, aber sie sollten bald das Zepter übernehmen in ihrem Leben. Wenn ihr Vater mal nicht Überstunden in der Werkstatt machte, wenn sie nicht an Chloes Mama dachten, die sie verlassen hatte, als Chloe noch ein Baby war, und ohne ihren Bruder Danny, der ein unruhiges, ekliges Baby war, das jede Minute ihrer Zeit beanspruchte.
Chloe dachte nicht oft an diese erste Zeit, als ihr Vater noch lebte und Danny noch, na ja, Danny war. So war das eben mit der Zeit, sie verging und schob die Erinnerungen immer weiter nach hinten, bis man nur noch sah, was danach kam. Die Sorgen und die Verantwortung und das schnelle Erwachsenwerden. Manchmal, dachte sie, wäre es schön, wenn sie sich an Danny oder ihren Vater ohne all das erinnern könnte, daran, wie sie in diesen kleinen Momenten waren, die sich genau angefühlt hatten wie Foxy, sicher und warm.
Foxy. Schon das Wort ließ sie innehalten und die Augen schließen, nach den Erinnerungen an den kleinen braunen Fuchs suchen, der frech hinter einem Holzstapel hervorlugte, um eine in sich zusammengefallene Mauer herumschlich oder sich hinter einem Eimer versteckte, immer dort, wo man ihn am wenigsten vermutete. Findest du den Fuchs, Kleine? Hoffentlich wird er nicht gefangen.
Sie spürte hinter sich Unruhe, und kurz darauf kam Musik aus den riesigen Lautsprechern zu beiden Seiten des Sofas. My Blue Heaven, eine der Originalschallplatten, die Aidan sammelte. Eine sanfte, raue Stimme, überlagert von Klaviergeklimper, das unter der Nadel des alten Plattenspielers kratzig und unregelmäßig klang. Der Abend war samtweich und duftete süß, und die Musik schloss sich der Brise an. Ohne Vorwarnung legte Aidan wieder seine Arme um sie, drehte sie zu sich herum und begann, mit ihr zu tanzen, direkt vor dem Backofen.
«Du weißt doch, dass ich dich liebe, Schatz», murmelte er ihr ins Ohr. «Du bist mir das Wichtigste und Wertvollste. Ich will nur, dass du glücklich bist, hier zu Hause mit mir, nicht da draußen mit irgendwelchen Fremden. Nur du und ich, für immer zusammen.» Er zog sie noch fester an sich, bis sie nur noch sein Flüstern hören konnte, Worte, aus denen die Liebe tropfte wie Honig, und schließlich verzog sie die Lippen zu einem Lächeln, entspannte die Schultern und ließ sich von ihm halten. Es würde alles gut werden. Bald würde sie es ihm sagen. Sie würden glücklich sein.
«Natürlich», flüsterte sie. «Für immer.»
Sie hielt die Augen geschlossen, versuchte, die Erinnerung an ihren Vater und den kleinen braunen Fuchs festzuhalten, aber sie zerfaserte bereits, löste sich schimmernd auf, bis nur noch Chloe und ihr Mann und ihr geheimes ungeborenes Kind da waren und sich alle drei zur Musik wiegten in ihrem perfekten Wohnzimmer.
Maddy
«Da ist ein Flugzeug abgestürzt! Da ist ein Flugzeug abgestürzt –»
Ich hatte die Arme um den Hals meiner Schwester geschlungen und hielt mich so fest wie früher, als ich neun war und sie fünfzehn, wenn ich nach einem Albtraum zu ihr ins Bett krabbelte. Vage nahm ich wahr, dass Georgiana seltsam roch, nach Parfüm und anderen Großstadtgerüchen, nicht nach Hunden und Gras und der Veilchenseife, die Tante Marjorie uns immer zum Geburtstag schenkte, um den schändlichen Zustand unserer Hände zu bekämpfen. Aber als ihre Hände über meine Schultern strichen und über meinen Rücken, als taste sie mich ab, fühlte es sich ganz genauso an wie immer, tröstend und warm.
«Foxy, wovon redest du, um Himmels willen?», lachte sie in mein Ohr. «Auf den Straßen war die Hölle los, ich hätte es fast nicht hierher geschafft. Ganz England ist auf den Beinen, weißt du.»
Abrupt löste ich mich von ihr. «Wir müssen jemandem Bescheid sagen. Ich hab sie fliegen sehen, Georgie, erst hab ich mir nichts dabei gedacht, und dann – ich hatte Angst, hinzugehen und nachzusehen. Es ist so dumm, es tut mir leid – einer hat den Anschluss verloren, und dann ist er einfach abgestürzt –» Ich hielt inne und starrte sie an, registrierte, dass sie sich die Haare abgeschnitten hatte, die sich wie eine glänzende Kappe vor ihr Gesicht schoben, als sie sich vorbeugte. Sie lachte nicht mehr.
«Bist du sicher, Maddy?», fragte sie eindringlich, und ohne meine Antwort abzuwarten: «Wo genau, über der Bucht oder dichter am Hafen?»
«Bei den Henkersklippen», sagte ich verzweifelt, und sie schloss die Augen. «Oh Georgie, ich hätte hinlaufen sollen und gucken, ob ich helfen kann.»
«Schhh, Schätzchen, ist schon gut.» Ganz kurz nahm sie mein Gesicht in beide Hände und legte ihre Stirn an meine, während ihre Daumen über meine Wangen strichen. «Ist ja gut. Jetzt bin ich ja da.»
Und dann lief sie los, sprang die Stufen am Eingang hoch, und ich folgte ihr auf dem Fuß.
«Tante!», schrie Georgiana. «Hobson!»
«Georgiana, endlich!» Tante Marjories graue Korkenzieherlocken tanzten um ihr Gesicht, als sie aus dem kleinen Wohnzimmer kam, in dem sie am Radio auf Neuigkeiten wartete. «Ich weiß beim besten Willen nicht, was dich so lange auf dem Kontinent gehalten hat. Und das jetzt, wo Herr Hitler und Stalin unter einer Decke stecken. Kann man sich etwas Furchtbareres vorstellen –»
«Es gab ein Flugzeugunglück über der Bucht», sagte Georgiana ohne Vorgeplänkel.
Tante Marjorie hielt mitten im Schimpfen inne, ihr Mund ein entsetztes «O». Dann fand sie ihre Stimme wieder und wogte mit wehenden Röcken und Tüchern vorwärts. «Oh, dieser gottlose Krieg», krähte sie. «Habe ich es nicht gesagt? Ich hab es doch immer gesagt! Was für Tragödien, schon jetzt!» Sie klang leicht triumphierend, dass die Schrecken, die sie nun seit über einem Jahr vorhersagte, endlich eingetreten waren. «Aber was können wir denn tun, was können wir nur tun?»
«Beim Flugplatz anrufen, Tante», sagte Georgiana ungeduldig. «Und jemand muss zur Unglücksstelle und –», sie warf mir einen kurzen Blick zu –, «nach Überlebenden suchen», beendete sie ihren Satz entschlossen. «Hobson!»
«Schon gut, schon gut.» Die raue Stimme des älteren Mannes kam irgendwo aus dem Inneren des Hauses. «Immer mit der Ruhe, Miss Georgie, ich komme ja schon. Offenbar ist es auf dem Kontinent auch nicht gelungen, Sie zu zähmen.»
«Niemals», rief sie zurück und warf mir ein gequältes Grinsen zu, als Hobson auch schon auftauchte, eine Vase in der einen Hand, einen Haufen schwarzen Samt in der anderen. Seine Augen leuchteten auf, als er sie sah. «Miss Georgie, ich muss schon sagen, Sie sind so schön wie ein neuer Tag –»
«Hobson, es gibt furchtbare Neuigkeiten», unterbrach Georgiana ihn schnell, gerade als Cookie und Susan die Treppe heruntergeeilt kamen. Susan hielt ebenfalls schwarzen Stoff im Arm, und Cookie stürzte strahlend auf ihre geliebte Georgiana zu, die sie viel zu lange im Stich gelassen hatte und nun endlich zu Hause war. Sie hatte extra Victoria Sponge Cake gebacken.
Beide hielten inne, als sie Georgianas letzte Worte hörten.
«Doch nicht die Deutschen? Jetzt schon?», brachte Hobson mit Mühe hervor, und mir fiel wieder ein, dass er 1918 an der Seite meines Vaters gekämpft hatte, der ihn dann mit nach Summerhill gebracht hatte, vom Gas halb blind und nie wieder richtig in Form für die Welt da draußen. Als nach Papas Tod Tante Marjorie einzog, die es mit erbittertem Stoizismus trug, an diesem gottverlassenen Ort leben zu müssen, der ihre Schwester und ihren Schwager gefordert hatte, war es Hobson gewesen, der dafür sorgte, dass alles ruhig seinen Gang ging. Und Frank, der mich in seinen täglichen Kampf mit dem Garten und dem Grundstück einband, damit wir gesund blieben und satt wurden. Und Cookie, die Susan Arbeit in Summerhill gab und fest daran glaubte, dass Tee und Kuchen noch den düstersten Tag ein kleines bisschen besser machten.
«Schlimmer!», kreischte Tante Marjorie aus ihrem Wohnzimmer, wo sie über das Telefon gebeugt stand. Es war im Jahr, bevor mein Vater starb, mit großem Trara installiert worden, und Tante Marjorie betrachtete es neben dem Radio als zweites großes Geschenk, weil es ihr ermöglichte, jeden Tag ihre Schwester anzurufen, meine Tante Hilly, die in Yorkshire lebte. «Sinnloses Sterben und Zerstörung, jetzt schon, dabei ist Herr Hitler noch gar nicht in der Nähe. Ja? Mrs. Claxton, seien Sie so lieb und stellen Sie mich zum Kommandanten der Royal Air Force durch.»
Cookie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund, ich sah Georgiana augenrollend an, und Susan schloss mit großer Geistesgegenwart die Tür hinter Tante Marjorie, als sie gerade etwas vom kalten Meeresgrab murmelte. Ich legte den Arm um Cookies breiten Rücken und lenkte so alle in Richtung der Bibliothek, wo mein Vater für Notfälle immer eine Flasche Sherry auf der Glasvitrine stehen hatte.
«Hol Frank und nehmt ein Boot», sagte Georgiana zu Hobson. «Bis von der Armee jemand an der Küste ist, wird es Ewigkeiten dauern. Die Straßen sind völlig dicht.»
«Über den Fluss können wir aber nicht, nicht wenn die Flut kommt.» Hobson band sich mit fliegenden Händen die Schürze auf. «Aber am Steg gegenüber von den Henkersklippen liegen meistens ein paar Jollen. Wo ist Frank überhaupt?»
«Der jätet das Kürbisbeet», sagte Cookie mit schwacher Stimme und kippte den Rest ihres Sherrys auf einmal hinunter.
«Hobson, warte.» Ich zog einen großen Wollumhang aus dem Schrank in der Halle, der meinem Vater gehört hatte und Hobson bei seiner Suche nach Verdunkelungsmaterial, das keine Kosten verursachte, bisher entgangen war. «Für den Piloten, wenn Sie ihn finden.» Ich hielt ihm den Umhang hin. «Er wird frieren.»
«Na, ich weiß nicht, ob wir den überhaupt brauchen oder –» Hobson unterbrach sich, strich mir über den Arm und nahm den Umhang. Er rollte ihn vorsichtig zusammen und warf ihn sich über die Schulter. «Sie haben schon recht, Miss Maddy. Den können wir brauchen. Wenn wir ihn finden.»
Nachdem Hobson weg war, herrschte eine Weile Stille. Cookie stand bei uns, einen Arm um Susan gelegt, der andere lag auf meiner Schulter. Sie hatte gerade den Mund aufgemacht, um Georgiana endlich angemessen zu begrüßen, als durch die offene Haustür ein Geräusch drang. Das Brummen eines Motors und Reifen, die auf dem mit Muscheln bedeckten Vorplatz knirschten.
«Du meine Güte, was denn jetzt?», sagte Susan besorgt.
«Ach, da sind sie schon! Sie müssen gerast sein, wie immer.» Georgiana sprang auf. «Maddy, komm schnell, ich will dich vorstellen.»
Wie der Blitz war sie aus der Tür, unter dem ungewohnten Klackern ihrer neuen hochhackigen Schuhe, und dirigierte wie eine Windmühle mit kreisenden Armen zwei Autos, die auf den Vorplatz gefahren waren. Ein junger Mann winkte ihr überschwänglich zu und lehnte sich dabei so weit aus dem Autofenster, dass er beinahe hinausfiel. Der Fahrer, ein blonder junger Mann mit einer großen, etwas seltsam wirkenden dunklen Brille und so glänzendem Haar, dass es die Sonne reflektierte, drückte wiederholt auf die Hupe, sodass eine Schar Vögel in einem nahestehenden Bergahorn aufflog. Das Dach des zweiten Autos war schwer beladen, ich erkannte Koffer und einen Vogelkäfig, Tennisschläger und etwas, das aussah wie Angelruten.
«Georgiana!» Ich lief hinter ihr her, erwischte ihren Arm und schaffte es, sie zurückzuhalten. «Wer sind die denn alle?»
«Keine Sorge.» Georgiana drehte sich zu mir um. «Das sind meine neuen Freunde. Es war eine ziemlich spontane Idee, aber sie wollten unbedingt mitkommen, ich konnte sie nicht mehr davon abbringen, zumal Laney so nett war, mich in ihrem Pariser Apartment aufzunehmen, als mir das Geld ausgegangen ist.» Sie nahm mich beim Ellenbogen. «Sag, dass es dir nichts ausmacht, ja? Ich weiß, es passt gerade überhaupt nicht, aber es gibt jemanden, den ich dir unbedingt vorstellen wollte. Ich habe Tante Marjorie letzte Woche angerufen, und für sie schien es in Ordnung zu sein.»
Ich hatte Tante Marjorie gemieden, die ihren Platz neben dem Radio selten verließ, die Gasmaske immer in Reichweite, und nur darüber nachdenken konnte, wie sie es schaffte, nicht im Schlaf von den Deutschen ermordet zu werden.
«Ich glaube nicht, dass sie das an irgendwen weitergegeben hat», sagte ich erschrocken. «Es ist nichts vorbereitet, Essen, die Schlafzimmer …»
«Ach, das ist schnell gemacht, die trinken sowieso lieber als dass sie essen, und wo sie schlafen, ist ihnen egal. Wenn sie spät aus dem Club kommen, pennen sie ja auch immer bei irgendwem auf dem Sofa. Schnell, wenn die Jungs runter zu den Klippen laufen, können sie Hobson helfen. Alle Mann an Deck.»