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BERND MARTINSCHITZ

DIE LEBENDIGE
KRAFT
DER
BERGE

DAS GEMEINSAME WACHSEN
VON MENSCH UND NATUR

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Copyright © 2017 Verlag »Die Silberschnur« GmbH

ISBN: 978-3-89845-558-9
eISBN:978-3-89845-780-4

1. Auflage 2018

Umschlaggestaltung: XPresentation, Güllesheim; unter Verwendung eines Motivs von © Kotenko Oleksandr, www.shutterstock.com

Verlag »Die Silberschnur« GmbH · Steinstraße 1 · D-56593 Güllesheim

www.silberschnur.de · E-Mail: info@silberschnur.de

Die Menschen

sollen wieder lernen,

uns als das zu erkennen,

was wir sind.

Als Wesenheiten

die fühlen und atmen,

aufnehmen und ausstrahlen,

verteilen und zentrieren

und euch lehren,

in all der Natur

das Lebendige zu sehen

und zugleich

sich selbst als Spiegelbild

darin zu erkennen.

Monte Cimone

2379 m

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Inhalt

Vorwort

Einleitung: Die Hüter unseres Lebensraums

Kapitel1Das Holon in Landschaft und Mensch

Kapitel2Der Tanz der Polaritäten

Kapitel3Die vier Elemente und ihre Wandlung

Kapitel4Die Sprache des Herzens

Kapitel5Die Wahrnehmung des Ortes

Kapitel6Die Lebenskraft des Raumes

Kapitel7Die 7 Zentren der Kraft

Kapitel8Die Wesen der Elemente

Kapitel9Die Ebenen des Geistes und der Seele

Kapitel10Das Wesen der Berge

Kapitel11Die Berge und Orte außerhalb ihrer Kraft

Kapitel12Das Wesen der Alpen

Kapitel13Die Berge und ihre Menschen

Schlusswort

Über den Autor

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Vorwort

Deine Zukunft liegt in den Bergen” – ein Satz, den ich vor vielen Jahren in einer Nacht während des Schlafes wahrgenommen hatte und der mich aufwachen ließ. Damals ahnte ich nicht im Geringsten, woher diese Worte gekommen waren, ob ich mitten aus einem Traum gerissen worden war oder ob ich es mir einfach nur eingebildet hatte.

Die Worte sind daraufhin wieder in Vergessenheit geraten, wie alles langsam in Vergessenheit gerät – oder man glaubt zumindest, dass es vergessen ist. Doch der Satz sollte sich in der Zukunft dichter und dichter in mein Bewusstsein drängen und mir immer deutlicher zeigen, wohin mein Weg mich führen würde.

Wenn ich damals einen Berg bestieg, dann nur nach Puls, Höhe, Zeit und in Begleitung eines Trainingsplans, der darauf ausgerichtet war, eine weitere Leistungsverbesserung bei einem Berglauf oder einem Marathon zu erzielen.

Natürlich war es für mich schon damals eindrucksvoll, auf einem Gipfel zu stehen oder erneut einen Berg bezwungen zu haben. Dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit und Weite zu erfahren und trotz der körperlichen Verausgabung auch ein inneres Glücksgefühl zu empfinden. Doch lag damals das Wesentliche viel mehr darin, eine Leistung zu erbringen oder eine Trainingseinheit absolviert zu haben. Das Lebendige und Kraftvolle der Natur – wenn ich heute darüber nachdenke – war damals eher eine Nebenerscheinung. Ich war weit entfernt von der Freiheit, davon, die verschiedensten Qualitäten unseres Lebensraumes und das Einzigartige sowie Wundersame jedes einzelnen Berges in mich aufzunehmen oder mich einfach zu öffnen für das Vitale und Wesenhafte dieser Orte. Kurz gesagt, ich übersah, was in den vielen Steinen, Bäumen und Gipfeln gezeichnet und zu spüren war. Minuten und Pulsschläge, mentale Muster und emotionale Verformungen bildeten Grenzen, die es mir nicht erlaubten, das Lebendige und Pulsierende der Erde zu sehen.

Nach und nach aber sollte sich dieses Gerüst verändern, und ich wurde durch eine Krankheit, die meinen Körper und meinen Geist auf einen schmalen Grat gedrängt hatten, gezwungen, dieses Muster, dieses mentale Programm zu erkennen, zu durchschauen. Oder mein körperliches und seelisches Ungleichgewicht hatte mich gezwungen, diesen Zustand durchschauen zu müssen. Das Erleben machte mir deutlich, dass es an der Zeit war, mich für etwas Wesentlicheres zu öffnen, mich einer anderen Wahrnehmungsebene anzunähern, Schritt für Schritt, Höhenmeter für Höhenmeter.

Nachdem ich auf einem langen Weg der Heilung eine Unzahl von wissenschaftlichen Büchern über Psychologie, Pathologie und Philosophie gelesen hatte, wurde mir immer bewusster, dass sich hinter diesen Tabellen, Zahlen und Fakten unserer Wissenschaften weit mehr verstecken musste, als in der gängigen Literatur zu finden war. Es fehlte sozusagen der Boden, in dem diese Strukturen wurzeln konnten. Und so war es wie das langsame Öffnen eines großen geschmiedeten Tors, welches sich nur Millimeter um Millimeter bewegen ließ – je weiter, desto ernsthafter ich unsere wissenschaftsorientierten Denkmuster immer wieder hinterfragte und durchleuchtete.

Das Aufgehen dieses ersten Türspaltes öffnete mir zugleich den Blick in eine andere, weitaus größer wirkende Welt und bildete gleichzeitig auch den Anfang einer langen Auseinandersetzung mit vielen Methoden der Naturmedizin und Naturphilosophie. Natürlich erwies es sich als große Schwierigkeit, eine gewohnte Welt aus mentalen Denkformeln und Zahlenspielen zu durchleuchten und zu hinterfragen sowie zu erkennen, in welcher Resonanz man selbst in dieser Welt hin- und herpendelt und sich an alles, was erklärbar ist, fast panisch festklammert.

Gleichzeitig entwickelte sich aber auf einer anderen Seite das Gefühl, einen neuen Raum zu betreten oder eine Begegnung mit einer neuen Freiheit zu machen, in der eigentlich keine Notwendigkeit mehr besteht, irgendetwas beweisen, bewerten oder messen zu wollen. Ich erkannte den Grund und dadurch auch den Sinn. Oder einfacher gesagt: Es gab keinen Grund mehr, nach einem Sinn zu suchen.

Während dieser persönlichen Genesungsphase wurde mir immer bewusster, welche Grenzen in der Entwicklung und der Geschichte der Menschheit gesetzt worden sind, um erst dieses rein verstandesorientierte und enge Denkkleid zu schaffen, in dem der Verstand den Körper beherrscht, den Geist besetzt und auch glaubt, die Seele im Griff zu haben.

Den Anfang hiervon sehe ich in der Zeit, als das römische Imperium über die restliche Welt herfiel, getrieben von einem ethisch überzeugten Größenwahn. Man nahm sich die Philosophie der alten Griechen und anderen weisen Völker des Orients zur Brust und glaubte in der Folge, mit dem Schwert Zivilisation und Kultur verbreiten zu können. So wurden die sogenannten heidnischen Völker, wie die Kelten, Germanen oder Slawen, niedergemetzelt und mussten sich der römischen Ethik unterordnen. Die Heiligtümer der alten Völker, wie uralte Bäume oder Steinformationen, die an kraftvollen Orten standen, wurden gefällt oder zerstört, um darüber römische Tempel oder später Kirchen zu bauen, um der Natur ihre Heilkraft zu entziehen oder diese in die Heiligenfiguren der Weltlichkeit zu bannen.

Weiter ging es in diesem Stil im Mittelalter, als sich die Verstandeswissenschaft unserer heutigen Medizin langsam bildete und sich parallel dazu der Gegenentwurf, die alles beherrschende Kirche, weiter formte und formierte. Während der alte Katholizismus noch das Zepter schwang, wurde im Laufe dieser Epochen die menschliche Anatomie – das Körperliche und Greifbare – immer mehr verständlich gemacht. Überall in einem Europa, das sich in der Renaissance vermehrt auf die Tugenden der Vernunft besann, schossen Universitäten wie Pilze aus der Erde und man begann immer mehr, durch das Skalpell zu denken und später auch durch das Mikroskop zu fühlen. Gleichzeitig bedeutete dieser Entwicklungsschritt aber, dass die Verbindung zur Natur und zur Einheit mit jedem sezierten Herzen verloren ging, verloren gehen musste. Im übertragenen Sinne entfernte man in den Universitäten das alte Herz der Wissenschaft immer weiter und versuchte, jene Kraft der Einheit und Verwobenheit aus den Köpfen zu entfernen. Alles, was vorher Jahrtausende entstehen und wachsen durfte, wurde herausoperiert und in Zahlen und Fakten gebannt. So sind wir aus einer natürlichen Weltanschauung, wie diese der Philosophie der alten Griechen oder des Orients noch innewohnte, hineingeschlittert in eine hermetisch abgeriegelte Welt aus Strukturen, Systemen und Apparaten, Krankheiten und Seuchen. Das Denken wurde kategorisiert und in undurchdringbare Zäune gepfercht. Religion, Politik und Medizin hatten es sich zur höchsten Aufgabe gemacht, den Menschen aus einer Einheit hinein in eine Unfreiheit zu manövrieren. Der Mensch wurde sozusagen in diesem Käfig aus Materiellem, Mentalem und Intellektuellem eingeschlossen, gezüchtigt und bis heute darin festgehalten. Ein Käfig, in dem wir bis in die Gegenwart mit einer ungeheuerlichen Perfektion gesteuert und mit Zinsen und Krediten genährt werden. So entstand eine Notwendigkeit des Vergessens, sich überhaupt in einer Gefangenschaft des Geistes und des Herzens zu befinden.

Heute sehe ich aber eine Zeit gekommen, in der immer mehr Menschen diese Systematik erkennen und in der immer mehr Menschen nicht gegen die Natur, sondern wieder mit ihr leben wollen. Der Käfig, der uns lange Zeit eingeengt hat, fängt an, im Rost brüchig zu werden. Anders könnte man auch sagen, dass unserer guten alten Mutter Erde nun selbst einiges bewusst geworden ist und sie nun auch dieses Erwachen in ihren Menschenkindern sehen möchte, so dass sie ihr selbstgeschaffenes Gefängnis erkennen und Verantwortung für ihr Handeln und Tun übernehmen mögen. Es ist eine äußerst intensive Zeit der Wahrnehmung und der Wandlung gekommen, die jeden Ruf, den wir in der Vergangenheit getan haben, aus den weiten Tälern und von schroffen Felswänden widerhallen und uns aufwachen lässt. Eine Zeit, die uns verdeutlicht und weiter verdeutlichen wird, auf welch lockerem Gestein die Politik, die Kirche oder die gesamte Finanzwelt gebaut sind. Der Käfig wird dadurch immer mehr zu einer Farce, und die Menschheit beginnt kopfschüttelnd wahrzunehmen, in welch betrügerischen Welten wir genötigt und missbraucht worden sind.

In meiner Geschichte trug auch ein Buch dazu bei, welches mich dabei unterstützte, diesen ersten Spalt in der Tür zu öffnen. Zu dieser Zeit gab es ähnlich viele Bücher wie heute, die sich mit Energetik, Esoterik und Naturheilkunde beschäftigten. Ich selbst war Buchhändler und wusste genau um die Vielfalt und Auswahl. Umso interessanter fand ich es, auf diesen Klassiker aus den Sechzigern zu stoßen. Es war die Geschichte eines jungen Inders, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Auftrag verspürte, in den Westen zu reisen, um dort die Lehre des Yoga zu verkünden. Natürlich hat es davor schon ähnliche Werke und danach wohl tausende mehr gegeben. Was aber dieses Buch so einzigartig machte, war die Bescheidenheit und Einfachheit, die Herzensqualität und Verbundenheit zur Natur. Keine Verbote und Entsagungen, kein indischer Gesang und keine Niederwerfungen, keine Mantren in Sanskrit und kein “Du musst”. Einfach ein Werk, das von einem stillen und leuchtenden Geist durchdrungen war, dessen Inhalt das östliche Denken mit dem westlichen verband und im Wesentlichen beschrieb, wie und wo sich beide Denkarten begegnen und auch, was mir ganz wichtig erscheint, dass beide Ebenen eigentlich eine einzige sind, wenn man die Natur als das erkennt, was sie ist – als kraftgebende und lebendige Essenz, die nicht im Außen zu suchen ist und sich uns als Spiegelbild öffnet.

Yesudian, der Autor des Buches, versuchte also nicht, dem Westen eine fremde Spiritualität überzustülpen, sondern erkannte die Seelen beider Weltenpole und suchte darin die Einheit. Je mehr ich davon in mein Denken und in meinen Alltag hatte einfließen lassen, je mehr ich die wunderbaren Asanas des Yogas übte, desto weiter wuchs auch mein Verstehen und desto heilvoller wirkte sich dies auf meinen Körper und meine Emotionen aus. Es war eine Zeit des Verstehens, des Zusammenfügens und zugleich war es eine Zeit, in der durch dieses Verstehen nach und nach eine Heilung geschehen durfte.

Bei meiner Ausbildung zum Shiatsu-Praktiker und natürlich im täglichen Praktizieren kam ich dann mit der Philosophie der Naturmedizin noch enger in Verbindung. Ich erlernte die Anschauung der Fünf Elemente und die Philosophie der Traditionellen Chinesischen Medizin, deren Basis es auch ist, den Menschen als Teil der Natur zu betrachten. Und so geschah es nach vielen Jahren und unzähligen Behandlungen, die ich gegeben hatte, dass ich immer weiter in die feinen Essenzen des Lebens und die vitalen Membranen vordringen durfte, ich lernte nicht nur durch Talent, nicht durch einen Blitzschlag, sondern durch tausende Behandlungen, die Energien im Menschen und im Raum zu spüren. Gleichzeitig war mir die Verwobenheit immer bewusster geworden und damit auch, dass nirgendwo eine Trennung sein kann. Und so veränderte sich meine Wahrnehmung, mein Empfinden und meine Sensibilität verfeinerte sich. Wenn ich jetzt bei einer Quelle Rast machte, um dort Wasser zu trinken, verspürte ich deutliche Unterschiede in der Qualität und der Wirkung zwischen dem Wasser, das aus der Leitung kommt, und dem, welches voller Kraft zwischen Steinen hervorquillt. Der Wind, die Kälte oder der Regen wurden nicht mehr als unliebsam empfunden, sondern als Sprache der Elemente, die es neu zu übersetzen galt.

Manchmal besuchte ich einen Berg gerade deshalb, weil es draußen regnete oder schneite, und tauchte ein in dieses nährende Element des Wassers, in diese Formgebung der Natur. Im Denken besitzen wir die Eigenschaft, die äußerlichen Qualitäten zu formen oder – einfacher gesagt – sie zu dem zu machen, als was wir sie erkennen wollen, wie wir sie sehen und wie diese demnach im Nachhinein auf uns wirken. Wenn wir denken, dass es draußen kalt ist, wird uns kälter, und wenn wir manifestieren, dass wir genau bei dieser Kälte krank werden, so öffnen wir uns dafür, eine Krankheit in uns entstehen zu lassen. Doch wenn wir eintauchen in den Regen, in die Hitze, in die Dunkelheit und genau diese Eigenschaften in uns aufnehmen, sie als Kraft wahrnehmen und nicht negativ bewerten, so können uns jene auch nicht in ein körperliches Ungleichgewicht führen, ganz im Gegenteil. Demnach programmieren wir uns täglich selbst mit alten Gedankenmustern, und in vielen Fällen sind es diese dann auch, die uns in eine Krankheit begleiten.

Ich bemerkte nach und nach, wie eng die Elemente und Zustände der Natur sich in Verknüpfung mit den Menschen und ihren Denkmustern befinden oder wie das gesamte Außen zu einem Spiegelbild unserer Innenansicht werden kann. Bei einer intensiven Beschäftigung mit der Lehre der Fünf Elemente Erde, Wasser, Metall, Feuer und Holz, durfte ich noch weiter in ein Verständnis der Wechselwirkung von Mensch und Natur eintauchen. Bei dieser Anschauung wurde bereits vor vielen Tausenden von Jahren ein Bild erschaffen, das es uns ermöglicht, die natürlichen Qualitäten unseres Umfelds auch therapeutisch und diagnostisch für die Menschen zu nutzen. Mit seiner Hilfe ist es möglich, ein Zuviel an Kälte und zugleich auch ein Übermaß an Hitze im Menschen zu erzeugen. Man erkennt, warum der Körper diese Kälte durch Hitze auszubrennen versucht oder welche Nahrungsmittel oder Kräuter hier wieder zu einem rascheren Ausgleich der beiden Polaritäten Hitze und Kälte führen können.

Zugleich erkannte ich aber, dass der menschliche Körper sich in einem Krankheitsfall eigentlich ähnlich verhält wie die Natur zum Beispiel nach einem Unwetter. In meiner täglichen Praxis durfte ich dann erfahren, wie leicht es wiederum sein kann, den Menschen in einen gesunden Zustand zurückzuführen, wenn die krankheitsauslösenden Faktoren von jedem Einzelnen selbst erkannt worden sind, wenn man zum Beispiel die Energiebahnen geöffnet hat; selbstverständlich nur, wenn dieser auch bereit und offen dafür war, dies zu verstehen und es in sich selbst reifen und wirken zu lassen. So lernte ich auch, dass niemals der Therapeut, Arzt oder Heiler heilt, sondern dass dieser nur eine Basis schafft, auf der man sich selbst erkennt und dadurch auch sein Ungleichgewicht wahrnimmt, welches eine Krankheit hat entstehen lassen.

Und so geschah es auch, dass ich nach weiteren Möglichkeiten suchte, mich weiterzubilden und zu formen. Ich begann eine Geomantieausbildung und erlernte über Jahre eine noch tiefere Verbundenheit zwischen uns Menschen und der Erde bzw. ihren Elementen und Strukturen. In diesem wunderbaren Austausch der Kräfte verbrachte ich eine ebenso wunderbare Zeit zwischen einer gut gehenden Praxis als Shiatsupraktiker, meiner Familie und meinen Bergen. Ich arbeitete an einem geomantischen Projekt, welches die Berge des Gebirgskrieges 1915 bis 1918 in den Julischen und Karnischen Alpen zum Thema hatte. An die einhundert Berge waren es in dieser Zeit, die ich erwanderte, erstieg und erkletterte. Ich tauchte ein in die Wunden dieser Berge und in die Wunden unserer Geschichte und stellte fest, wie tief und manifest der Krieg noch in unserer Landschaft weilt und zugleich in den Menschen wirkt. Entlang der damaligen und heutigen Grenzen unserer aller Staaten konnte ich mental nicht fassen, welchem Leid die Soldaten im Hochgebirge ausgesetzt waren, wobei die meisten von ihnen nicht im Kampf ums Leben gekommen waren, sondern durch Kälte und Schnee. Oft verbrachte ich selbst Nächte in Hütten, wo hundert Jahre zuvor Soldaten Monate verbrachten, und spürte auch hier, dass sich bis ins Heute Berge in ihrer Ausstrahlung von diesen unsagbaren Kämpfen und Leiden beeinträchtigt zeigten, zumindest spürte ich das, was in das Bewusstseinsfeld des Menschen dringen konnte. Bei wenigen von ihnen wirkte nicht nur allein der Schmerz, die Angst und die Gewalt des Krieges. Es war so, als schien der gesamte Berg, das Wesen des Berges selbst, traumatisiert zu sein. Ganze Landschaftsabschnitte waren vernichtet worden und bei einigen Bergen ist der gesamte Gipfelbereich weggesprengt worden, der Berg ist bildlich gesehen geköpft worden.

Und gerade jene Berge zogen mich magisch an, so dass ich nicht anders konnte, als mich ganz und gar über Jahre hinweg mit ihnen zu beschäftigen. So kam ich dem Wesen der Berge näher und näher. Ich lernte von unterschiedlichsten Charakteren mit unterschiedlichstem Charisma. Ich fühlte die Kräfte und Ausstrahlungen. Versuchte, ihre Sprache zu verstehen, und scheiterte oft an den Antworten. Oft schienen die kleinen und unbekannten Berge kräftiger und wesenhafter zu sein als die großen und oft bestiegenen. Sie alle bildeten eine Einheit untereinander, die sich in sich austauschte, in Perfektion kommunizierte, Aufgaben übernahm und diese auch teilte. Sie waren die Riesen, die den Odem der Erde ein- und ausatmeten, die Liebe ausstrahlten, aber auch Ängste manifestierten. Sie waren die Herrscher der Landschaften, die untereinander und miteinander in einer Einheit thronten, die wir Erde nennen.

In einem Loslassen, Aufarbeiten und gleichzeitigen Wiederankommen erkenne ich heute, dass die Verbindung mit der Natur und ihren Bergen immer bestand, für uns alle immer bestehen muss. Die Verbundenheit mit der Erde und ihren elementaren Landschaften, mit den Bäumen, Steinen, Pflanzen und Tieren, mit den seelischen und geistigen Essenzen unseres gesamten Umfelds. Und so hatte ich auch die Erfahrung gemacht bzw. einen Reifungsprozess durchschritten, an dessen Ende ich fähig war, der alten, schmerzenden Energie des Krieges und seinen Schauplätzen anders zu begegnen, als ich dies zuvor bewertend getan hatte. Ich konnte dieses nicht tief verankerte Bild langsam aus der Landschaft lösen und es als völlig anders erkennen, ich konnte eben dahinter sehen und diese ursprüngliche, archaische Kraft erkennen, welche die Gesamtheit der Erde und all ihre Lebewesen durchstrahlt.

Dieses Erleben und Bewusstmachen möchte ich in dem vorliegenden Buch teilen und einen vielleicht anderen oder weiteren Zugang dadurch ermöglichen. Es gilt lediglich, eine Einladung auszusprechen, mit auf eine Reise zu gehen, auf eine Bergfahrt, auf der wir die wunderbare Ganzheit der Erde und ihrer Felsriesen erfahren. Dadurch kann eine Öffnung entstehen, die es uns erlaubt, die nächsten Jahre des Klima- und Erdwandels mit anderen Augen zu betrachten, als dies die heutige Wissenschaft oft tut. Ich möchte beschreiben, wie zart und fein alles miteinander verwoben ist, um auch diverse Medienberichte zu entschärfen, die oft strafend und drohend wirken und uns allzu oft an eine Ausweglosigkeit, eine ungewisse Zukunft bzw. einen bevorstehenden Weltuntergang glauben lassen.

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Bild 1: Am Creta Grauzaria in den Friulanischen Dolomiten

Natürlich werden in nächster Zeit viele Veränderungen auf vielen Ebenen geschehen, die nicht in ein altes, gewohntes Leben und Denken integriert werden können. Gerade deshalb aber sollten wir uns aufgefordert fühlen, diese Veränderungen mitzumachen, diesen Wandel der Erde mit zu erfahren und in diesem entstehenden offenen Zusammenleben mit der Welt auch das Lebendige, Gesunde und Liebevolle unserer Zivilisation zu erkennen. In dieser gelebten Verbindung von Mensch und Raum, Tier und Pflanze, Berg und See können wir wieder lernen, den Wandel des Klimas und der Finanzwelt aus einem weiteren Blickwinkel zu sehen: Die Erde lädt uns ein – heute mehr als jemals zuvor –, mit ihr zu wachsen und mit ihr – sozusagen Hand in Hand – neue Ideen entstehen zu lassen, neue Möglichkeiten zu erdenken und neue Lebensweisen zu kreieren, anstatt sich mit Angst in alte Systeme zu verkrallen. Nur in diesem Prozess der Veränderung bzw. durch das Akzeptieren der Erneuerung können die alten, schmerzenden Bilder aus der Landschaft und gleichzeitig aus unseren Seelen gelöscht werden.

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Einleitung

Die Hüter unseres Lebensraums

Als ich mich damals für das Wesen der Natur zu öffnen begann, nahm ich immer deutlicher wahr, dass mich eine Kraft besonders stark anzog – die Welt der Berge. Anfangs waren es noch die Berge, die in meiner nächsten Umgebung als schwierig galten oder die die meisten Höhenmeter aufwiesen. Nach und nach aber verlor sich auch hier diese Art der Betrachtung und ich begann, mich immer mehr für die unterschiedliche Charakteristik der Felsriesen zu interessieren. Neben entsprechender Ausrüstung erwarb ich auch Literatur, von der ich mir erhoffte, sie würde mich auf meiner Reise in das Innere der Berge unterstützen. Bald schon stellte ich fest, dass es fast ausschließlich Bücher oder Filme über Berge und deren Besteiger gab, die von Extremen erzählten. Todeszonen, Gletscherspalten und übermenschliche Leistungen scheinen das Publikum mehr anzuziehen als die (leistungsfreie) Betrachtung der Vielfältigkeit und Schönheit der Natur. Aus dem Wunsch heraus, immer herausragendere Leistungen zu vollbringen, drängen sich heute Bergsteigermassen in langen Warteschlangen den größten Gipfeln unserer Welt entgegen. Zeltlager, fast Dörfern gleich, werden errichtet und als Basislager erklärt. Bergsteigermassen – Touristenschwärmen gleich – hinterlassen Tonnen von Müll und entzaubern die Unberührtheit der Natur. Teilweise von einheimischen Führern auf den Gipfel getragen, werden sie dann stolz berichten können, einen besonders hohen Berg erstiegen oder einen besonders schwierigen Felsen erklettert zu haben. Nach Anerkennung und Selbstwert ringend, bilden diese Menschen heute einen gar nicht geringen Teil der Bergsteigerwelt.

Als ich mich damals der Gebirgswelt zu nähern begann, zog ein Berg mich immer intensiver in seinen Bann. Es handelte sich um keinen der Großen und Schwierigen, die nur mit Seilen und Haken zu bezwingen sind, sondern um einen Wanderberg inmitten der Julischen Alpen. Damals konnte ich überhaupt nicht erkennen, warum mich gerade dieser Berg so angezogen hat oder wie mein Schicksal mit ihm in Verbindung stand. Ich weiß nur zu behaupten, wie es ist, wenn einen sprichwörtlich “der Berg ruft”. In manchen Nächten wachte ich auf und hatte seinen Namen in meinen Gedanken, so als wäre er mir zugetragen worden, so als hätte ihn mir jemand gesagt. Öffnete ich eine Karte dieses Gebiets, haftete mein erster Blick immer an den Buchstaben dieses Berges. Im Vorbeifahren zog es meine Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen Berg. Deutlich und deutlicher werdend.

Ich kannte diesen Berg und hatte ihn schon vor einigen Jahren auf einer leichteren Route im Sommer bestiegen. Er war mir landschaftlich schön in Erinnerung geblieben, abgesehen von den Stellungsresten und Kavernen, die überall – teilweise verfallen und zerstört – aus der Zeit des Ersten Weltkriegs übrig geblieben und damals in den Fels des Berges geschlagen worden waren. Doch diesmal war es mitten im Winter, und der Berg hörte nicht auf, sich in meinem Bewusstsein zu verfestigen. Und so geschah es, dass ich Anfang Jänner aufbrach und über eine mir unbekannte Route den Berg besteigen wollte. Ich wusste von einem Steinhaus aus dem Ersten Weltkrieg, welches in den 30er-Jahren als Biwak umgebaut worden war und wo ich eine Nacht verbringen wollte, um am nächsten Tag wieder den mir bekannten Weg ins Tal zu nehmen. Die Wettervorhersage war gut und ich machte mich mit einem großen Rucksack auf den Weg, den Jof di Miezegnot zu besteigen.