
Doris Jannausch
Roman

Der Pekinese rollte gemächlich nach Kunkelsbeuren. Ich freute mich darauf. Auch auf Marions erstauntes Gesicht, wenn sie erfuhr, dass zwischen mir und Cornelius alles in Butter war. Hochzeit zu meinem Geburtstag. Noch vor Weihnachten. Nur der verstörte Rudi machte mir Sorgen. Musste der sich ausgerechnet in mich verknallen! Ich dachte immer, man spüre es, wenn einer in einen … Bei Rudi hatte ich nichts gespürt. Nicht das Geringste. Oder doch? Sein aggressives Benehmen bei Flusenbergs Party – ob das schon damit zu tun hatte? Mein lieber, guter Till. Hat sich in seine Freundin Nele verliebt! Vielleicht gelang es Marion, ihn ein wenig aufzuheitern? Und ich ertappte mich bei dem Gedanken an eine Doppelhochzeit. Zu schön, um wahr zu sein.
Als ich in Kunkelsbeuren ankam, fielen mir die zahlreichen parkenden Autos auf: längs der Straße, an der Mühle, den beiden Gasthäusern und vor der Kirche. Autos aus der gesamten Umgebung. Wer war gestorben? Ich entdeckte die Mitterschmitts in einer Gruppe von Trauernden. Sie gingen auf den Kirchhof zu. Ina, ausnahmsweise nicht in Jeans, folgte mit gesenktem Kopf. Eintönig bimmelte das Glöckchen.
»Ina!« Sie drehte sich um, wollte über die Straße auf mich zukommen, besann sich aber, zuckte die Achseln und ging weiter. Ich stieg aus. Die Oma! dachte ich. Natürlich, die Oma Mitterschmitt ist gestorben. Die älteste Einwohnerin Kunkelbeurens.
Herr Kroninger, der Bauer, dem die Wiese hinter Tante Melanies Haus gehörte, kam vorbei. Wir begrüßten uns. »Es ist die Oma Mitterschmitt, nicht wahr?«, fragte ich.
Er schüttelte betrübt den Kopf. »Der geht’s ausgezeichnet.«
»Wer denn?«
»Der Munzinger Georg«, antwortete Herr Kroninger. »Ganz plötzlich.«
Ich musste mich setzen. Auf den nächsten Kilometerstein am Straßenrand. Herr Munzius! Ich schluckte schnell einen Kloß im Hals hinunter. »Bestimmt Herzschlag«, sagte ich. »Durch den vielen Alkohol. Das war zu erwarten.«
Doch ich irrte mich. »Ausgerechnet an diesem Tag hat der Georg keinen Tropfen getrunken«, erklärte Herr Kroninger. »Er wollte damit aufhören, weil der Doktor … na ja, da ist er halt gegen eine Planke gefahren, oben am Kammweg. Das Auto hat sich überschlagen. Er war sofort tot. Und ganz nüchtern. Ist das nicht traurig?«
»ja«, sagte ich erschüttert. »Sehr traurig.«
Armer Herr Munzius! Wer wird mir jetzt am frühen Morgen die Post bringen und mich mit erwartungsvoll-verglastem Blick fragen, ob das Bier kalt sei? Ein Stück Kunkelsbeuren war dahin. Adieu, Herr Munzius. Schade, dass ich nie gehört hatte, wie gut er einen Kuckuck nachmachen konnte. Oder einen Hahn.
Da ich Begräbnisse nicht ausstehen konnte, fuhr ich langsam die Dorfstraße entlang. Im Rückspiegel sah ich jemanden die ausgetretenen Stufen vom Kirchhof herunterkommen: mit gesenktem Kopf, die Hände tief in den Taschen vergraben. Ein Einzelgänger!
Ich bremste. Der Pekinese blieb stehen. Wir warteten, bis der Mann uns erreicht hatte. Dann sagte ich: »Hallo, Rudi!« Er blickte lustlos auf. Ließ sich Zeit mit der Erwiderung: »Nele! Auch schon zurück?«
»Wie du siehst …«
Er bemühte sich, an mir vorbeizusehen, wieder war diese blöde verkrampfte Fremdheit zwischen uns. Wenn er wenigstens ein Marzipanschweinchen aus den Ohren gezaubert hätte. Oder von mir aus auch nur einen ganz gewöhnlichen Drops. Aber danach war ihm wohl nicht. Ich bestellte ihm Grüße aus Konstanz. Erzählte von einem lobenden Zeitungsartikel über unsere Ausstellung, aber er interessierte sich nicht dafür. »Morgen kommt Marion«, fuhr ich fort, in der Hoffnung, das Eis zu brechen. »Ich möchte euch miteinander bekannt machen. Wann passt es dir?«
Er betrachtete mich traurig, fast feindselig. »Ruf mich an, wenn sie da ist. Ich bin zu Hause.«
Zwischen uns hatte es nie ein feierliches Voranmelden gegeben, wir waren einfach gekommen, wenn wir den anderen besuchen wollten. Jederzeit. Aber wie der Herr meinen!
»Von Liebe durchdrungen, ohne zu leiden«, das war wohl nichts geworden. Ich hatte es ja gleich nicht geglaubt.
»Kann ich dich ein Stück mitnehmen?«
Er dankte. Die Hände noch immer tief in den Taschen vergraben, die Schultern hochgezogen. Ganz Abwehr. Dann ging er grußlos davon.
»Kein Begrüßungsschluck für mich?«, fragte ich enttäuscht.
Er schüttelte den Kopf, ohne sich umzudrehen. »Ich stecke bis über die Ohren in Arbeit.«
»Blasmusikanten?« Ich fuhr langsam neben ihm her. »Karikaturen.« Und dann war ich Luft für ihn.
Vorbei also. Vorbei die Zeit des Kopfsalats und der Blasmusikanten. Ich hatte mich an beides gewöhnt. Ein neuer Abschnitt begann, ich hatte zurückgefunden. Zurück – wohin?
Marion kam spät am Abend. Sie war gleich nach Geschäftsschluss am Mittag von Berlin abgefahren, um recht bald bei mir zu sein. Wie immer, wenn wir uns längere Zeit nicht gesehen hatten, sagten wir erst einmal gar nichts. Standen nur voreinander und betrachteten uns eingehend. Marion sah fabelhaft aus. Das Haar mit einem Tuch streng nach hinten gebunden, die Augen funkelnd vor Unternehmungslust. Die Arbeit bekam ihr wie anderen Leuten der Sommerurlaub auf Mallorca.
»Du bist mir eine –«, sagte sie dann kopfschüttelnd. »Eine richtige olle Doofe!«
Und ich rügte streng: »Benimm dich gefälligst, sonst sehe ich mich leider gezwungen …«
Wir fielen uns lachend um den Hals.
Marion und Rudi … ich hatte es ja geahnt. Da war von Anfang an eine Wellenlänge, und die stimmte. Wenn sie zusammensaßen, schien jeder dritte überflüssig. Und wie dieser Rudi Zander auflebte –! Kaum zu glauben. Zuerst dachte ich, es sei vielleicht nur der »neue Besen«, der angeblich stets gut kehren soll. Dann hoffte ich, Rudi tat nur so, um mich zu ärgern.
Aber schließlich merkte ich es: die beiden harmonierten wie zwei alte Latschen. So gut, dass die sonst so gewissenhafte Marion noch einige Tage zulegte, »wegen Ruza«, wie sie ehrlich versicherte, also nicht meinetwegen. Monatelang hatte ich sie mir beide als Freunde gewünscht, und nun war ich eifersüchtig. Natürlich wegen Marion, die sich nicht genug um mich kümmerte, seit sie Rudi kannte. Ich saß im Sessel am Fenster, ganz tief hinuntergerutscht, und hörte ihnen zu. Nur Saskia hielt mir die Treue, hatte ihren dicken Kopf auf meine Knie gelegt und blickte mich aufmerksam an.
»Ich muss gehen«, sagte ich mürrisch. »Cornelius kommt.« Kaum dass sie aufsahen. Sie winkten nur flüchtig.
Saskia, die treue Seele, wich nicht von meiner Seite. Wir spazierten den Wiesenweg hinauf, vielleicht zum letzten Mal. Alles war geregelt.
Mit Tante Melanie hatte ich telefoniert, um meinen Mietvertrag zu kündigen. Es kam ihr gelegen, denn sie wollte selbst mit ihrem Friedemann wieder aufs Land ziehen. Die Stadt bekam ihnen nicht. Der Salat stand gut, nur musste der Winter-Butterkopf ins Freie. Dazu kam ich nun nicht mehr.
Die Berge lagen in leichtem Dunst, eine Spur von Herbst zitterte in der Luft, nahm dem prallen Sommer die Kraft.
Auf dem Plateau stand das gelbe Postauto. Daneben eine Frau in Schwarz: Frau Munzius, die seit dem Tode ihres Mannes die Post austrug. Sie tat es gern, wie sie versicherte, fühlte sich dadurch nicht so einsam und hatte sich überhaupt zu ihrem Vorteil verändert. Nichts mehr von lauerndem Misstrauen, sie war eine emsige, herzliche Frau. Erste Eindrücke sind nicht immer die richtigen.
»Ein Telegramm«, sagte Frau Munzius. »Ich habe es in den Kasten gesteckt.«
Ich bedankte mich und rannte den Berg hinauf, voller Vorahnungen.
Saskia sprang gleich über den Zaun in den Garten und empfing mich oben an der Tür. Ich brauchte das Telegramm nicht erst zu öffnen, wusste schon vorher, was darin stand. Es konnte gar nicht anders sein: »Erwarte dich in Berlin. Musste dringend zurück. In Liebe Cornelius.«
So würde es immer sein. Auch die Ungewissheit bliebe: möglich, dass er wirklich geschäftlich zurück musste. Möglich aber auch, dass eine Jule in Konstanz … Vertrauen wächst nicht nach wie Zehennägel.
Ich saß neben dem Telefon, überlegte lange und sehr gründlich. Dann wählte ich die Nummer des Palais’. Adrian meldete sich. Herr Grissinger, ja, der sei im Büro, habe Besuch von Geschäftsfreunden. Es gehe um eine Filiale in Paris …
»Ich möchte ihn trotzdem sprechen!«
»Dann stelle ich durch.«
Gleich darauf Cornelius’ erstaunte Stimme: ob ich denn das Telegramm nicht erhalten hätte? Und wann ich käme? »Es bleibt dabei: Hochzeit zu deinem Geburtstag. Was heißt – nein? Schmollst du wieder? Was ist denn los, Anschi? He, so kenne ich dich doch gar nicht! Waaas? Du willst mich nicht heiraten?« Lange fassungslose Pause. Dann sehr dünn: »Du, das finde ich aber nicht sehr komisch.«
»Ich auch nicht. Hör zu, Cornelius: Ich werde Marion alles genau erklären. Sie wird versuchen, es dir auszurichten. Ja–?«
Zum ersten Mal schien Cornelius irritiert. Er musste sich räuspern. »Ist das endgültig, Anschi?«
»Ja.«
»Aber warum? Weil ich nicht nach Kunkelsbeuren gekommen bin?«
»Nein.«
»Warum sonst?«
»Es hat zu lange gedauert, Cornelius. Acht Jahre, sechs Monate und fünf Tage zu lang.« Ich legte auf, ohne das geringste Geräusch.
Auch Liebe kann altbacken werden, wie Brot. Das wusste ich jetzt.
Und noch eines: Cornelius war ein Mann für heitere Sommertage. Ich aber brauchte einen für schlechtes Wetter. Wenn es stürmisch wurde und kalt. Ein Herz, das wärmen konnte.
Ich nahm einen Zettel und schrieb darauf: »Mir ist ganz toll nach Wolfsmühle und Landleberwurst. Ob mich jemand dazu einlädt?« Den Zettel schob ich unter Saskias Halsband und schickte sie mit einem Klaps aufs Hinterteil nach Hause.
Nach kurzer Zeit kehrte sie zurück, sprang über meine gepackten Koffer und hielt mir den Hals auffordernd entgegen. Ich zog das Papier aus dem Halsband. Da stand nur: »Ja!«
Das feuchtwarme Tuch legte sich über mein Gesicht, ich schnappte nach Luft – jetzt ist es aus, dachte ich.
»Na, na«, sagte Marions Stimme, »wer wird sich denn so anstellen? Wenn du schon mal nach Berlin kommst, musst du dir auch eine anständige kosmetische Behandlung gefallen lassen! Du wirst mir sonst ein richtiges Landei.«
»Was hast du gegen Kunkelsbeuren?«, fragte ich dumpf in das feuchte Tuch hinein. »Es ist eine heilsame Gegend.«
»Scheint mir auch so.« Marion klapperte mit irgendwelchen Instrumenten, es klang sehr entschlossen.
Ich meuterte: »Wenn Till mein zerquetschtes Gesicht sieht, läuft er mir glatt davon!«
»Das glaubst du selbst nicht!« Marion lachte. »Wenn du fünf Arme und drei Brüste hättest, würde er dich immer noch lieben.«
»Danke für die Blumen«, murmelte ich mit halbgeschlossenen Lippen, denn mir wurde gerade eine Magnolienmaske aufgetragen.
Wir wollten abends im Palais feiern, es gab zwei Gründe dafür: unseren einjährigen Hochzeitstag und außerdem einen vielversprechenden Auftrag der Firma Grissinger: Rudi und ich sollten einen internationalen Kunstkalender zeichnen, Instrumente vergangener Jahrhunderte. »Die erste Geige male ich«, hatte ich gesagt. Und Till darauf: »Wie willst du das machen? Geige bleibt Geige, es kommt nur auf den an, der sie spielt.« Auch gut. Wir spielten im Duett, ohne Dirigent, mit einander angepassten Harmonien.
»Grins nicht so blödsinnig glücklich vor dich hin«, ermahnte mich Marion. »Sonst platzt die Maske.« Mein Lächeln erstarb unter der festen Pampe. »Wenn ihr Cornelius nicht hättet, stündet ihr ganz schön belämmert da!« Und weil ich nicht antworten konnte, fuhr sie eifrig fort:
»Sehr fein war das nicht von dir, ihn derart im Stich zu lassen; einfach abzuspringen, im letzten Augenblick! Ich habe ihm zureden müssen wie einem störrischen Esel, denn er war in einer scheußlichen Verfassung, wie ich es ihm nie zugetraut hätte. Du bist der einzige Mensch, der ihn sitzengelassen hat! Das musste er erst überwinden. Jetzt hat er es geschafft, der arme Junge. Ein bisschen Unsicherheit ist geblieben, kleiner Schock fürs Leben. Aber …« sie lächelte, ich sah es durch die halbgeschlossenen Lider, »vielleicht ist es für uns alle am besten so.«
Eine Kundin steckte den Kopf in die Kabine und nickte Marion zu: »Bleibt es beim nächsten Freitag? Oder wollen Sie das Geschäft aufgeben?«
»Warum soll ich es aufgeben?«, fragte Marion verwundert. »Es bleibt alles wie immer.« Leiser fügte sie hinzu: »Vorläufig wenigstens.«
Die Kundin machte ein zufriedenes Gesicht. »Also dann – auf Wiedersehen, Frau Grissinger.«
Es klang gut. Und es passte zu Marion.
Kurschattenspiele
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Lore Hubai führt in Berlin ein geregeltes und etwas eintöniges Single-Leben: eigene Wohnung, feste Anstellung in einem Anwaltsbüro, sonst noch ein paar Freunde und ein etwas zu aufdringlicher Ex-Mann. Einzige Abwechslung: jedes Jahr vier Wochen Kururlaub, um geistig und körperlich fit zu bleiben. Dabei ist es allerdings wichtig, sich an folgende Regel zu halten: nur keine Involvierung in die sogenannten »Kurschattenspiele«!
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Kurz vor Weihnachten wird die kleine Musikalienhandlung »Zum Notenschlüssel« renoviert. Die Inhaber, Johanna und ihr Jugendfreund Peer, ahnen nicht, dass kurz darauf auch ihr eher ruhiges Leben aus den Fugen gerät und neu sortiert werden will. Der Verkauf einer ungewöhnlichen silbernen Gitarre an den bekannten Künstler Lothar März führt dazu, dass der Notenschlüssel zum Schauplatz ungeahnter, wechselnder und verwirrender Gefühle und zum lebendigen Treffpunkt alter und neuer Freunde wird: Trennungen, neue Beziehungen, aufgegebene und verwirklichte Karriere- und Lebensträume … Der »Notenschlüssel« ist Ausgangspunkt für aufregende Ausflüge in eine andere Welt, aber immer auch der sichere Hafen. Oder doch eher ein Erbe, das für Johanna und Peer zum Hemmschuh wird?
Als hätten die Engel im Sande gespielt
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Franziska weiß schon früh ganz genau, was sie später einmal werden will: Schauspielerin. An dem Tag, an dem Deutschland Russland den Krieg erklärt, besteht sie die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule in Aussig. Franziska ist überwältigt, allerdings nimmt ihre Familie zu ihrer Enttäuschung diesen Erfolg angesichts der politischen Ereignisse kaum wahr. Aber Franziska gibt nicht auf. Schon bald bekommt sie in Wien ihr erstes Engagement. Doch bevor ihre Karriere überhaupt beginnen kann, werden die Theater geschlossen. In den Wirren des Krieges kehrt Franziska zurück nach Teplitz. Und obwohl die Situation immer auswegloser wird, verliert sie eines nie: ihren ungebrochenen Willen zum Theaterspielen.
Als hätte der Teufel die Karten gemischt
978-3-95751-130-0
Genau ein Jahr ist es her, seit in den Wirren des Krieges die Theater in Wien geschlossen wurden und Franziska zurück nach Teplitz gekehrt ist. Nach Kriegsende verlässt Franziska ihre nordböhmische Heimat erneut. Ihr einziges Gepäck: ein Rucksack, überwiegend gefüllt mit Büchern. Franziska ist fest entschlossen, im zerstörten Dresden endlich ihren Traum von der Schauspielerei zu verwirklichen. Dieses Ziel verliert sie nie aus den Augen. Auch in den harten Jahren des Neubeginns lässt sie sich nicht beirren, nicht von den Ruinen und auch nicht von all den zerstören Hoffnungen um sie herum.
Doris Jannausch setzt nach Als hätten die Engel im Sande gespielt die Geschichte von Franziska Buresch fort.
Als hätten Funken die Nacht erhellt
978-3-95751-131-7
Die Bretter, die die Welt bedeuten zu erobern, ist noch immer Franziskas großer Lebenstraum. In Hamburg wollte sie eigentlich ein Engagement bekommen, der Ostzone entrinnen und im Westen neu anfangen. Doch dieses Vorhaben fällt ins Wasser und Franziskas Einfallsreichtum, was aufgefallene Nebenjobs angeht, wird herausgefordert: Als »Taxigirl« animiert sie die Männer auf der Hamburger Reeperbahn. Nach ihrem abenteuerlichen Ausflug in den Westen erhält sie schließlich doch einen langfristigen Vertrag beim Theater. Schnell stellt Franziska fest: Um sich durchzusetzen, braucht man nur eines, nämlich Talent. Wird Franziska es schaffen, sich zu behaupten?
Doris Jannausch knüpft mit ihrem Roman an die Erfolge von Als hätten die Engel im Sande gespielt und Als hätte der Teufel die Karten gemischt an.
Doris Jannausch (1925–2017) studierte Dramaturgie und Schauspiel. Während ihrer Engagements in Dresden, Greifswald und Berlin war sie als Journalistin tätig und bearbeitete Jugendstücke für die Bühne. Doris Jannausch schrieb neben zahlreichen Kinderbüchern auch heitere Romane, die überwiegend auch in andere Sprachen übersetzt wurden.
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Doris Jannausch: Kopfsalat und Liebeskummer. Roman
Copyright © 2018 by Nachlass Doris Jannausch
vertreten durch AVA international GmbH, Germany
Covergestaltung: Joachim Luetke (www.luetke.com) unter Verwendung eines Motivs von Romolo Tavani/shutterstock.com
Überarbeitete Neuausgabe © 2018 by hockebooks gmbh
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.
Die Originalausgabe ist 1977 im Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, erschienen.
ISBN: 978-3-95751-295-6
www.ava-international.de
Das feuchtwarme Tuch legte sich über mein Gesicht, ich schnappte nach Luft – jetzt ist es aus, dachte ich. »Na, na«, sagte eine Stimme, »wer wird sich denn so anstellen?« Dann drückte mir jemand die Nase zu. Ich röchelte. »Das muss sein«, versetzte die Stimme energisch, »wegen der Mitesser.«
Das Tuch wurde weggezogen, ich sah Marions Gesicht über mir, seitenverkehrt. Sie roch nach Pfefferminzbonbons, um den Nikotinduft der großen weiten Welt zu verdrängen, was aber nicht viel nützte. »Meine Güte, das sieht aber aus«, jammerte sie aus reiner Gewohnheit und bearbeitete mein Gesicht mit verschiedenen Instrumenten: zwecks Säuberung, Straffung und Belebung der Haut. »Wenn du diese Prozedur überstanden hast, wird Cornelius dich nicht wiedererkennen.«
»Das wäre fein«, murmelte ich mit halbgeschlossenem Mund, denn mir wurde gerade eine Gesichtsmaske aus glättender Magnolienblütenessenz aufgetragen. »Vielleicht fragt er mich dann endlich, ob ich ihn heiraten will.«
Marion lachte. »Ganz aus Versehen, wie? Warum fragst du ihn eigentlich nicht?«
»Hab ich schon«, seufzte ich durch die zusammengepressten Zähne, wie ein Bauchredner. »Aber er ist noch nicht reif für die Ehe.«
Leider konnte ich nicht mitlachen. Wegen der Gesichtsmaske – und auch sonst. Mir war recht mulmig.
»Cornelius ist der geborene Egoist«, erklärte Marion so dozierend, als spräche sie von der Kanzel. »Ein Augenblicksmensch ohne Verantwortungsgefühl.« So was sagte sie nur, wenn sie genau wusste, dass ich nichts erwidern konnte. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie mir jeden Monat in ihrem Salon Magnolia eine ausgiebige kosmetische Behandlung spendierte; so konnte sie ihrem Herzen ungehindert Luft machen. »Er lässt Leute auf ein Fingerschnippen anmarschieren und schickt sie wieder weg, wenn er genug von ihnen hat. Ganz wie es ihm passt. – Mund zu, sonst platzt die Maske.«
Es hatte keinen Zweck, sich zu wehren, ich war ausgeliefert, und wenn ich heute Abend halbwegs ordentlich aussehen wollte, war es ratsam, sie nicht zu reizen. Ich musste mir noch einiges über Cornelius anhören, ehe sie unvermittelt milde sagte: »Jetzt entspann dich endlich: Augen zu und angenehme Gedanken, wenn ich bitten darf.« Es klang wie Ironie, war aber keine. Langsam senkte sich sanfter Schlummer über mich. Ich hörte Marion in der Nebenkabine hantieren, es klang sehr weit entfernt, in meine Träume klatschten heftige Schläge: Marion kämpfte mit einem Doppelkinn. Ich wünschte ihr von Herzen, dass sie Sieger bleiben möge, und das war nett von mir – sie hatte es wahrhaftig nicht verdient.
Diese Scheidungsparty bei Cornelius lag mir schwer im Magen. Ich konnte mich beim besten Willen nicht darüber freuen, dass er nun wieder frei war, denn schon übermorgen war er ja doch von Neuem unter der Haube mit irgendeiner Zufallsbekanntschaft, bestimmt nicht mit mir. Auf die Dauer war das recht ärgerlich, und es tröstete mich nur wenig, dass die »Eintagsfrauen« schnell in Vergessenheit gerieten, während ich als unerschütterlich geliebtes, wenn auch ungeehelichtes Monument in Cornelius’ ungestümem Leben blieb. Marion hatte nicht ganz unrecht. Ich durfte es nur niemals zugeben, weil sie dann vor lauter Selbstbewusstsein aus den Nähten platzte. Und das konnte ich nicht vertragen.
Ich kam erst wieder zu mir, als sich das dampfende Tuch auf mein Gesicht legte, um die erstarrte Maske abzulösen.
»Zärtliche Träume gehabt?« Ich sah Marions feines, anzügliches Lächeln über mir, das aber gleich in eine besorgte Miene überging, als ich nichts erwiderte. »Bammel vor heute Abend?«, fragte sie leise.
Ich nickte. Und nuschelte dumpf unter dem nun eiskalten Tuch hervor: »Ich hab so das Gefühl, dass noch irgendwas passiert.«
»Wie immer bei dem lieben Cornelius!«
Nun wurde ich eingecremt, massiert, beklopft und (»Ein Tüpfelchen Rot auf Wangen und Lippen macht eine neue Frau aus dir!«) mit Hingabe betüpfelt. »Na?« Marion hielt mir triumphierend einen Spiegel vors Gesicht. »Wie findest du dich?«
Die »neue Frau« starrte mir mit zerquetschtem, fleckigem Gesicht entgegen. »Schön verquollen!«, brummte ich. »Ein Grund, mich zu Hause einzuschließen.«
»Das wirst du gefälligst bleiben lassen!« Marion begleitete mich hinaus. »Ich hol dich gegen acht ab. Wenn ich ehrlich sein soll: Tendenz lustlos! Aber ich kann dich doch nicht allein in die Höhle des Löwen gehen lassen.«
»Der Löwe ist ja bloß ein netter Bernhardiner mit ein paar Macken«, wandte ich achselzuckend ein. Und Marion konnte sich nicht verkneifen zu antworten: »Du tust den Bernhardinern unrecht – die sind treu.«
Ich stieg in meinen Pekinesen und startete. Marion, im hellgrünen Kittel unter der Tür, winkte mir nach, sträflich gut gelaunt. Ein Mann ging vorbei, blieb verwundert stehen, betrachtete sie andächtig wie einen Kunstgegenstand und verlor die Beherrschung über sein Gesicht. Ein leichter Vorfrühlingswind fuhr in Marions langes, von einem Stirnband zurückgehaltenes Haar, schlug es wie einen Fächer auf. Dann ging sie, ohne von dem faszinierten Mann auch nur Notiz zu nehmen, in den Salon zurück.
Den Pekinesen hatte ich so getauft, weil die Kühlerhaube flach und zerquetscht aussah wie eine Pekinesennase und die Karosserie weit über die Räder hing, was ihn kurzbeinig und gedrungen aussehen ließ. Außerdem keuchte er asthmatisch, und honiggelb war er auch. Ich hatte ihn einem Studenten abgekauft, der sich verbessern wollte.
Der Kurfürstendamm war nicht übermäßig belebt, der Berufsverkehr hatte noch nicht begonnen. Durch die Abgase wehte Erdgeruch. Ganz leicht, man musste aufpassen, dass man ihn nicht verlor. Schön müsste es jetzt irgendwo auf dem Land sein, zusammen mit Cornelius. Immer wenn mir ein besonderer Duft in die Nase stieg, musste ich an Cornelius denken. Neulich zum Beispiel roch ich im Vorübergehen Kakao. Ein süßlich-bitterer Schokoladenduft aus einem Fenster. Schnuppernd blieb ich stehen und sah mich mit Cornelius in einer gemütlichen Zimmerecke sitzen und Kakao trinken, obwohl wir beide keinen mochten. Aber es roch so nach Zuhausesein. Draußen Sturm und Regen, wir beide eng zusammen, warm und wohlig. Mein töricht-verklärtes Lächeln musste aufgefallen sein, denn eine Frau sah mich verwundert an. Ich ging schnell weiter. Alles wegen einem bisschen Kakaogeruch, idiotisch! Übrigens war Cornelius kein Mann für schlechtes Wetter.
Und nun roch ich frühlingsfrische Erde, mitten auf dem Kudamm! Sah mich ausgestreckt im Gras neben Cornelius liegen, ohne was zu denken, ganz vertraut. Acht Jahre schon. Gemeinsam älter werden, etwas Ruhe, schau nur, dort drüben die Himmelschlüssel …
Ein Hupkonzert riss mich von meiner Himmelschlüsselwiese. Das einzige Grün, das weit und breit zu sehen war, leuchtete herausfordernd von der Ampel – und ich stand noch immer wie festgenagelt davor. Ein Riesenschlitten rollte an mir vorbei, dicker als der Kalauer, den mir der Fahrer zurief: »Warum fahren Sie nicht, Fräulein? Grüner wird’s nicht!«
Von Weitem schon sah ich den Oldtimer vor dem Haus: ein mausgraues Vehikel mit zurückgeschobenem Dach und halbblinden Kunststofffenstern. Ein Mann stand stolz daneben und winkte mir zu: »Hallo Anschi!«
Ich bremste. Der Pekinese kreischte empfindlich auf, ich stieg aus und stolperte in Cornelius’ ausgebreitete Arme.
»Ich wollte dir nur schnell mal den Asterix vorstellen. Komm, eine Rundfahrt machen!«
Ich wurde zum Oldtimer gezerrt, kletterte auf den hohen, steinharten Sitz, während sich Cornelius mit aufreizender Elastizität auf den Platz des Fahrers schwang.
»Was passt besser zu Asterix?« Er hielt mir zwei Kopfbedeckungen unter die Nase: eine Kreissäge à la Maurice Chevalier und eine karierte Schirmmütze.
»Keine«, antwortete ich. »Fasching ist längst vorbei.« Ich konnte es nicht ausstehen, wenn Cornelius mich überrumpelte und schon gar nicht, wenn er dann auch noch den Clown spielte.
Cornelius lachte ausdauernd. Übrigens waren seine Lachanfälle das Einzige, was er mit Ausdauer erledigte. Darin ähnelte er Marion. Aber auch nur darin!
Schwungvoll knallte er die Kreissäge aufs Haupt, setzte den Anlasser in Betrieb. Es knatterte, rüttelte und schüttelte, die Hupe schmetterte heiseres Trompetengeheul über die Straße und dann fuhren – oder besser: zuckelten – wir los. Auf dem Bayerischen Platz überholte uns ein Junge mit dem Roller.
»Dagegen ist mein Pekinese ja ein Düsenjäger!«, sagte ich, aber Asterix war lauter.
Cornelius schwenkte seinen Strohhut munter grüßend durch die Gegend, bestaunt, belacht, bewundert, nur wenige schüttelten missbilligend den Kopf. Die meisten winkten. Manche fotografierten sogar.
Ich sah mir den albernen Mann neben mir an und überlegte, warum ich ausgerechnet mit ihm auf irgendwelchen Himmelschlüsselwiesen herumliegen und kakaotrinkend alt werden wollte. Sein Haar war für einen seriösen Herrn im Glencheck-Anzug eine Spur zu lang, aber entschieden zu kurz für den dummen Jungen, den er gerade spielte.
»Wem willst du das Schmuckstück denn andrehen?«, brüllte ich in den Motorlärm.
»Mir!«, brüllte Cornelius begeistert zurück. »Ist eine Mordsreklame für die Firma, du wirst schon sehen. Wozu habe ich denn mein Grafikgenie?«
»O Gott, was willst du denn schon wieder von mir?«
Ich ahnte Schlimmes. Cornelius beutete mein Zeichentalent hemmungslos aus. Mir ging es wie dem Wanderburschen im Märchen, dem der König unmögliche Aufgaben stellt, meistens drei, mit dem knappen Hinweis: »Wenn du es schaffst, kriegst du die Prinzessin. Wenn nicht – Kopf ab!« Im Märchen klappte es immer, denn irgendein hilfreiches Zauberwesen erbarmte sich im letzten Augenblick des Wanderburschen und ging ihm zur Hand. Ich musste es allein schaffen.
Natürlich – ich hatte es ja gewusst: »Du machst zwei große Plakate mit einer verrückten Karikatur und dem Text: Alle Welt liebt Grissinger! Damit schicken wir Asterix auf Werbetour. Heute Abend bringst du …«
»Heute Abend?!«, rief ich entgeistert. »Da sind ja noch nicht mal die Farben trocken!«
»Heute Abend«, wiederholte Cornelius unerbittlich, »bringst du mir zwei Entwürfe zur Auswahl mit, nur Skizzen, aber so deutlich, dass ich mir ein Bild machen kann. Lass dir was Lustiges einfallen! Die Leute sollen neugierig werden.«
»Wie Sie wünschen, Herr Grissinger«, murmelte ich und sah auf die Uhr. Ich hatte knapp zwei Stunden Zeit, mir etwas einfallen zu lassen und es gleich zu skizzieren. »Dann fahr mich schnell nach Hause, sonst musst du deine Scheidung allein feiern!«
Cornelius wendete das Vehikel. Ich fühlte mich wie nach einem Dreitageritt durch die Wüste, meine Sitzfläche tat weh. Nun begann auch noch schlagartig der Berufsverkehr, und wir gerieten in einen Stau.
»Wer kommt denn heute Abend alles?«, fragte ich in der Hoffnung, Cornelius’ Winkerei zu stoppen: Tatsächlich, er ließ sie sein. »Eine Menge Leute!«, antwortete er. »Terry Larsen natürlich. Evelyn und Katja. Die Hartmanns, die Hendersons …«
»… die Treuters, die Muxeneders, die Steinhügels«, leierte ich resigniert herunter, ich hätte ebenso gut sagen können: »Die Jasminduftstreichhölzers, die Puderdosenspieluhrens, die Wellenbettens, die Badewannenspringbrunnens, die Horrorsparkassens«, denn diese monströsen Scheußlichkeiten stellten jene netten Leute her; das heißt: ließen sie in ihren Betrieben herstellen. Und Cornelius, von allen ausgefallenen Dingen hell begeistert, vertrieb ihre Kuriositäten bis nach Amerika. Alle Welt liebt Grissinger.
Nun ja, mit allem hätte ich mich abgefunden, nur nicht mit den drei Blasmusikanten … »Und die Seibolds!«, platzte Cornelius in meine Gedanken.
»Was ist los?«
»Die Seibolds kommen auch. Zum ersten Mal. Büstenhalter mit eingebautem Duftbeutel. Vollwaschbar.«
»Wie praktisch«, sagte ich pflichtschuldigst. »Lässt du mich bitte aussteigen? Ich bin zu Hause.«
Asterix blieb schnaufend stehen.
»Steig doch!«, forderte mich Cornelius auf, nahm den Strohhut ab, um nun die Karoschirmmütze aufzusetzen. Rötliches Wellengewuschel fiel in die Stirn. Dann hupte er anhaltend und ließ seinen ganzen Charme explodieren. Die Leute blieben stehen. Ich bekam einen herzhaften Abschiedskuss.
»Bravo!«, rief ein Mann beifällig. »Wird das gefilmt?«
»Nee«, lachte Cornelius.
»Fürs Fernsehen?«, fragte ein Mädchen hoffnungsvoll.
»Auch nicht. Das ist alles ganz ernst gemeint.« Ich kletterte von Asterix, der leise blubbernd vor sich hin kochte, ich hoffte, er tat es nicht aus Wut. Cornelius warf mir einen Handkuss zu und rief so laut, dass man es bis zum Grunewald hören musste: »Übrigens: warum bist du eigentlich so fleckig? Kriegst du die Masern?«
Alle sahen mich an, ich wäre am liebsten in die Erde versunken.
Ein Motor heulte auf, schwarze Auspuffwolken umhüllten uns, ich fühlte mich erschöpft und glücklich zugleich. Was war das? Das war Cornelius – eine Naturgewalt. Bei aller verbreiteten Helligkeit viel Regen, viel Nebel, nur wenig Sonne. Wenig für mich. Zu wenig.
»Solange du Cornelius für eine Naturgewalt hältst, kriegst du weder dich noch ihn in den Griff!«
Marion, im zartgrünen Flatterchiffonkleid, mit hochgestecktem Haar, hockte vor meinem Kühlschrank und suchte vergeblich nach einem Leckerbissen. Sie war, genau wie ich, noch nicht zum Essen gekommen, denn sie hatte nach Geschäftsschluss zwei Kundinnen besucht und hasste es, hungrig auf eine Party zu gehen. Sie meinte, es sei unfein, fast den ganzen Abend lang begehrliche Blicke auf das kalte Buffet zu werfen, das falle auf, und es sei nun mal so: je vornehmer die Party, umso später das kalte Buffet. Das wisse schon der Säugling an der Mutterbrust.
Ein Jubelschrei verkündete, dass Marion den Rest Mettwurst gefunden hatte. Auch die zwei einsamen Ölsardinen.
»Ich will Cornelius gar nicht in den Griff bekommen«, sagte ich, tief über die Asterix-Skizzen gebeugt, um ihnen den letzten Schliff zu geben. »Dazu ist er eine viel zu starke Persönlichkeit.«
»Dass ich nicht lache!« Marion kostete von dem schalen Bier, schüttelte sich – ich konnte es von meinem Arbeitsplatz mit Genugtuung sehen! – und fuhr gutgelaunt fort: »Er ist bloß geschickt und hat einen Riecher fürs Geschäft. Und er spielt furchtbar gern den süßen Jungen.«
»Den spielt er nicht, er ist es!«, verteidigte ich Cornelius.
»Also auch noch infantil.« Marion aß Ölsardinen, und ich bedauerte einen Augenblick lang, dass sie nicht mit Zyankali präpariert waren. »Außerdem hört der Goldjunge schwer.«
»Cornelius hat Ohren wie ein Luchs«, widersprach ich entrüstet. »Der und schwer hören! Du suchst immer nur nach Fehlern bei ihm. Mag sein, dass er eine kleine Macke hat, aber keinen Fehler.«
Es schnurpste. Marion hatte sich die Mettwurst auf ein Knäckebrot gestrichen und verzehrte es mit Behagen, kam ins Zimmer geschlendert, steckte mir ein Stück in den Mund und ließ sich mit einem wohligen Grunzlaut in den Sessel fallen. Ich sah unruhig zur Uhr: die Zeit wurde knapp.
»Du solltest dich anziehen«, meinte Marion. »Tief Luft holen und dann auf zur Scheidungsfeier!«
Ich packte die Skizzen in eine Mappe und streckte mich erst mal ausgiebig. Mir tat der Rücken weh, am liebsten wäre ich ins Bett gegangen. Ich spürte Marions besorgten Blick. Sie hatte nie irgendwelche Schwierigkeiten. Liebeskummer oder ähnliche »unproduktive Dinge« kannte sie nicht. Sie blieb allein, und das aus purer Überzeugung. Ihr Kosmetiksalon ging ihr über alles. Und so würde es auch bleiben, egal, ob sie heiratete oder nicht. Marion wusste immer, was sie wollte.
»Wie lange willst du das noch durchhalten?« Damit meinte sie natürlich nicht meine Arbeit, sondern die Geschichte mit Cornelius. »Kratzt so was nicht mächtig am Selbstbewusstsein? Ich meine, dauernd weggeschubst zu werden?«
Ich begann meine Nägel zu feilen und versuchte, ihnen einen eleganten Schliff zu geben, was ziemlich aussichtslos schien, denn sie waren gespalten wie mein von Cornelius geplagtes Herz. Aber dafür gab es leider keine Feile.
»Kein Mensch wird hier weggeschubst«, antwortete ich bockig. »Und ums Heiraten geht es mir nicht, das weißt du.«
»Ja«, nickte Marion, nicht sehr überzeugt.
»Na ja, ein bisschen stört es mich manchmal schon, wenn sich Cornelius Hals über Kopf in irgendein Mädchen verliebt und vom Fleck weg heiratet.«
»Und sich im gleichen Tempo scheiden lässt«, ergänzte Marion. »Eine aufregende Freundschaft, das muss ich sagen!«
»Er liebt seine Eintagsfrauen eben nicht.«
Marion grinste. »So gesehen ist es eine Ehre, von Cornelius nicht geheiratet zu werden! Können wir bald abmarschieren?«
Ich merkte, dass sie außer dem Brotrest noch etwas anderes hinunterschluckte: eine bissige Bemerkung über Cornelius. Sie mochte ihn nicht, weil er – wie sie behauptete – ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzte. Sie hasste Selbstherrlichkeit und patriarchalisches Gehabe. Doch sie tat ihm unrecht. Cornelius hatte nichts von einem Patriarchen; er respektierte die Eigenheiten anderer, vor allem meine, soweit sie seinen Lebenskreis nicht einengten. Gerade Marion hätte das verstehen müssen, denn in diesem Punkt war sie ihm sehr ähnlich. Aber nein, sie konnte ihn eben nicht leiden. Na gut. Und wenn sie sich auf den Kopf stellte: für mich blieb Cornelius der einzige Mann, um den es sich lohnte. Warum? Schwer zu sagen. Dass er zärtlich war, das allein machte es nicht. Oder doch? Nein, bestimmt nicht. Da war noch einiges mehr: gleiche Wellenlänge vielleicht. Sich durchschaut fühlen und doch nicht verspottet – wenn er nicht gerade seine biestige Tour bekam! Als wir das erste Mal miteinander ausgingen, in ein beängstigend feines Lokal, in dem ich mir wie in einem luftleeren Raum vorkam, sagte er plötzlich, als hätte er meine Gedanken erraten: »Bisschen steril hier, nicht?« Und dann gingen wir in eine gemütliche Kneipe, steckten die Köpfe zusammen und quatschten bis zur Polizeistunde. Cornelius passte nicht in diese Umgebung, er tat es meinetwegen und hätte es keinem anderen zuliebe getan. Er saß gern in gepflegten Räumen, immer mit dem Verlangen nach bester Qualität, in jeder Beziehung, nicht aus Snobismus, nein, möglicherweise aus einem bestimmten ästhetischen Empfinden. An ihm gemessen, besaß ich einen barbarischen Geschmack. Früher hatte ich den für einigermaßen erlesen gehalten. Ehrlich gesagt: ich habe nie begriffen, warum mich Cornelius liebte, wenn er mich überhaupt …
Ich sah Marion wartend an, kampfbereit, aber sie schüttelte den Kopf: »Ich sage kein Wort mehr gegen den Göttlichen. Meine Lippen sind versiegelt.«