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Doris Jannausch

Treffpunkt Notenschlüssel

Roman

hockebooks

Melusine auf Abwegen

Fräulein Schlegel war außer sich. Die sonst so träumerische Melusine pflegte in letzter Zeit ihren Lieblingsplatz auf dem Fernseher des Öfteren zu verlassen, um ruhelos maunzend durch die Wohnung zu ziehen.

»Sie hat ihren Trieb«, meinte Fräulein Schlegel sachverständig. »Den hat sie im Frühling immer, aber diesmal ist es besonders schlimm. Da ist ein Kater in der Umgebung. Ich weiß nicht einmal, wem er gehört. Die ganze Nacht hält er im Hof Konzerte ab. Melusine und ich können nicht mehr schlafen. Was aber das Schlimmste ist: Bei Melusine hat das Nachwirkungen. Sie ist verliebt. Aber sie kann sich doch nicht an einen gewöhnlichen Straßenkater wegwerfen.«

»Hofkater«, verbesserte Johanna. »Zum Glück kann sie ja nicht raus.«

»Das nicht. Aber manchmal lasse ich die Balkontür offen, man muss ja auch lüften, nicht wahr. Dabei habe ich Melusine ertappt, wie sie oben auf dem Geländer sitzt und so tut, als spränge sie gleich hinunter. Möglich, dass sie es schaffen würde. Doch wie leicht könnte sie sich dabei etwas brechen. Eine Katze ist doch auch nur – auch nur …«

»Ein Mensch«, fügte Johanna hinzu.

Doch Fräulein Schlegel wollte den Witz nicht verstehen, dazu waren ihre Sorgen als Katzenmama zu groß. Überhaupt schien sie mit der Lage unzufrieden. Ihr fehlte der Joost. Mit dem Wesendong kam sie nicht klar. Mit dem konnte man keinen kleinen Klatsch veranstalten. Und was Johanna betraf – die zeigte sich in letzter Zeit ebenfalls recht einsilbig.

»Übrigens habe ich erfahren«, plauderte Fräulein Schlegel weiter und löste sich endlich von ihrem Kummer um Melusine, »dass die Schuhetage über dem Notenschlüssel wegzieht. Die oberen Räume werden demnächst frei.«

»Und?« Johanna empfing Fräulein Schlegels auffordernden Blick zunächst noch arglos.

»Es ist nur«, das alte Fräulein zögerte kurz, »weil Peer mal darüber gesprochen hat: Er wollte das Geschäft gern erweitern. Boxen zum Kassettenhören einbauen, das Plattenlager vergrößern, zusätzlich einige Literatur über Musik wäre ganz gut, meinte er.«

Johanna begriff noch immer nicht.

»Wenn ihr den oberen Laden dazu mietet oder gar kauft …«

Jetzt war es heraus. Der Wesendong stand dabei und machte gierige Augen. Nun sah er auch Johanna an.

»Vergrößern?«, rief sie. »Wir sollen den Notenschlüssel vergrößern, auf zwei Etagen ausdehnen?«

»Genau«, gab Fräulein Schlegel zu.

»Ausgerechnet jetzt, wo ich allein bin?«

Der Wesendong mischte sich ein. »Sie sind nicht allein, Frau Gauss. Ich bin ja da. Wenn das klappen würde, könnte ich meinen Job aufgeben und hier tüchtig mithelfen.«

Es war fast wie ein Komplott.

»Und das Geld?«, fragte Johanna. »Woher soll ich das Geld nehmen?«

»Es gibt Bankkredite«, meinte Wesendong. »Wenn Sie wollen, könnte ich mich darum bemühen.«

»Oder pachten«, warf Fräulein Schlegel ein. »Ich weiß, dass sich bis jetzt noch kein Interessent gefunden hat. Doch das kann sich von Stunde zu Stunde ändern.«

Johanna nagte versonnen an ihrer Unterlippe. »Eigentlich«, sagte sie, »wollte ich das Geschäft aufgeben.«

»Und heiraten«, ergänzte Fräulein Schlegel. Ihre flinken Augen durchbohrten Johanna. »Ob das wirklich der richtige Entschluss ist? Wenn ich an eure Mütter denke, an Jenny und Jessica …« Sie wusste genau, wie sie Johanna weichmachen konnte. Was lag dem alten Fräulein an dem Notenschlüssel? War es wirklich nur die alte Verbundenheit mit der Familie?

»Ich möchte euch ganz einfach nicht verlieren«, sagte sie schnell, als wolle sie sich rechtfertigen.

»Aber den Joost haben wir ja schon verloren«, wandte Johanna ein.

Nun seufzte Fräulein Schlegel tief. Dann bezahlte sie die bestellten Noten – diesmal war es der Barbier von Bagdad, vierhändig – und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Überlegen Sie sich alles genau, Jo. Tun Sie bloß nichts aus Trotz.«

»Aus Trotz?«, fragte Johanna unwillig. »Wieso denn aus Trotz?«

»Weil der Peer verschwunden ist.«

»Also erstens«, gab Johanna ärgerlich zurück, »ist er nicht verschwunden, sondern in Berlin und spielt dort brav im Rundfunkorchester. Zweitens tu ich nie etwas – aus Trotz.«

»Dann ist es ja gut.« Fräulein Schlegel lächelte sehr lieb und ging davon.

Abends wieder Telefongespräch mit Pierrot. Von ihm aus: sehr drängend. Inzwischen war es Mai geworden, und sein Geburtstag stand bevor. Er hoffte noch immer, Johanna käme nach Hamburg, um seinem Erfolg als Dozent beizuwohnen. Sie hätte es auch gern getan, doch zwei Dinge hielten sie davon ab: Sein unerschütterliches Vertrauen zu Wolter, den er noch immer für unersetzlich hielt, mehr noch, er wollte Johanna sogar davon überzeugen, dass Wolter aus purer Gutmütigkeit so gehandelt hatte. – »Der Joost wollte unbedingt nach Berlin, also hat Wolter ihm dazu verholfen. Schließlich hat der Kälbler ja auch mitgemixt, na, und der hatte doch bestimmt nichts gegen dich. Was mich betrifft: Ich wollte schon längst mal für einige Wochen als Dozent nach Hamburg, also hat der Wolter das eben eingefädelt. Wie kannst du nur glauben, er tut das, um uns auseinanderzubringen?«

»Hat er es zu Silvester nicht auch getan?«

»Ein kleiner Scherz. Lieber Himmel – wir sind ja trotzdem zusammengekommen.«

Unerträglich, dieses Bagatellisieren. Pierrot verschloss die Augen vor der Wahrheit. Hätte er gesagt: »Der Wolter ist ein Schwein, aber ich brauche ihn« oder »Ich will ihn nicht im Stich lassen«, hätte sie sich wohl noch anders besonnen. Aber Pierrot hielt zu Wolter. Mehr denn je. Und so würde es immer bleiben. Diese Einsicht ließ Johannas Antipathie gegen den Producer wachsen, die Sehnsucht nach Pierrot abnehmen.

Ein wenig nur.

Nach wie vor hielt sie die Haarnadel aus Rio, seinen Talisman, sehnsüchtig in Händen, betrachtete das goldene Vyšehrad-Plakat. Nach wie vor warf sie heimliche Blicke zum Regal im Büro, wo der Porzellan-Pierrot stand. Noch immer zog sich ihr Magen schmerzlich zusammen vor Sehnsucht.

Der zweite Grund, weshalb sie nicht zu Pierrot fuhr, war der Notenschlüssel. Die Idee, die Schuhetage dazuzukaufen, hatte sich festgesetzt.

»Komm nach Hamburg«, bat Pierrot. »Zu meinem Geburtstag. Bitte, komm, Pierrette.«

»Ich kann nicht«, sagte Johanna und streichelte das Telefon, als sei es seine Hand.

»Wenn ich mich nun von Wolter trennen würde? Ist es wirklich nur das?«

»Nein«, gab sie ehrlich zu. »Es ist nicht nur das.« Es war zu schwer, es ihm zu erklären. Sie dachte an Fräulein Schlegels dürftige Liebesgeschichte, mit einer saftigen Wahrheit: »Die Liebe hat nicht ausgereicht.« War es das?

»Ich ruf dich bald wieder an, Pierrot, ja?«

Und er: »Ich liebe dich, Johanna.«

»Hängst du für mich wieder Lieder an die Äste der Bäume?«

»Ich tu noch viel mehr für dich«, antwortete er. »Wenn du mich nur lässt.«

Sie war davon überzeugt, dass er es in dem Augenblick so meinte, wie er es sagte. Trotzdem legte sie auf. Mit Nachdruck.

In wenigen Tagen hatten sie den Kredit. Johanna konnte die Räume über dem Notenschlüssel kaufen. Nun mussten sie nur noch eingerichtet werden.

Als Wesendong ihr alle Papiere vorlegte, wurde sie blass. »Da haben wir uns auf ein Risiko eingelassen …«, sagte Johanna kleinlaut.

»Kein Risiko.« Wesendong lebte sichtlich auf. »Wenn wir viel arbeiten, können wir bald noch eine Verkaufskraft einstellen. Ich garantiere Ihnen, dass wir in zwei Jahren schuldenfrei sind. Die zentrale Lage des Notenschlüssels …«

»Und Ihr Job?«

Stolz erklärte er: »Gekündigt. Ich bin jetzt ganz für Sie da.«

Am Abend luden sie Fräulein Schlegel ein und feierten.

»Immerhin waren Sie der Anstoß dazu«, sagte Johanna. »Ich lasse mir doch nicht vorwerfen, dass ich aus Trotz alles hinschmeiße.«

»Und Ihr Freund?«, erkundigte sich Fräulein Schlegel und meinte natürlich Pierrot.

»Der kommt ja auch mal wieder zurück nach München.« Johanna drehte das Glas spielerisch in den Händen. »Wissen Sie, immer nur auf Reisen, auf Tournee sein und mich auf einen Star einstellen müssen, das ist auf die Dauer nichts für mich. Lieber im Notenschlüssel die Erste sein als auf der Bühne die Zweite oder Dritte.«

»Und nur als seine Frau?«

Johanna lachte. »Das glauben Sie doch selbst nicht, Fräulein Schlegel, dass ich als Ehefrau mitreise, nur bedacht auf das Wohl des …« Mit sanfter Ironie: »… Einmaligen.«

»Aber wenn Sie ihn lieben?«, fragte Fräulein Schlegel hartnäckig.

»Wenn er von mir erwartet, dass ich den Sinn meines Lebens nur in seinem Wohl und Wehe sehe, liebt er mich nicht. Und eingleisig fahren – das kann ich nun mal nicht. Aber darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.«

»Nicht über die Details der Zukunft gesprochen?«, staunte Fräulein Schlegel. »Was für eine merkwürdige Liebe.«

Wesendong hatte einen Schwips. Er vertrug sehr wenig und sah ziemlich verschwiemelt aus. Sein Gesicht zeigte Knitterfalten wie ein bekümmerter Dobermann.

»Es wird noch so weit kommen, dass ich sie heirate«, meinte er und blickte Johanna tief in die Augen.

Einige Tage lang dachte Johanna daran, sich an Wolter zu rächen. Sie hatte sogar schon einen Plan. Wenn sie ihn bis ins Innerste treffen wollte, dann nur über Sylvi. Sie war seine schwächste Stelle, seine Achillesferse. Sylvi müsste sich endgültig mit dem netten Jungen aus der Preiselbeere zusammentun und den Wolter sausen lassen, sich aber zuvor mit ihm verabreden. Statt ihrer würde dann Johanna aufkreuzen und sich an seiner Enttäuschung weiden. Doch was hätte das gebracht? Gut, mit ihm zu sprechen wäre nützlich gewesen, nützlich deshalb, um ihren Zorn abzureagieren. In Gedanken sagte sie ihm hundertmal die Meinung, fand passende Worte, schleuderte sie wie Pfeile auf ihn ab. Danach war ihr leichter. Aber ihm das alles wirklich ins Gesicht sagen …?

Hass muss produktiv machen, sonst ist er sinnlos. Wenn Johanna sich selbst gegenüber ehrlich war, musste sie zugeben: Produktiv machte sie der Hass auf Wolter nicht. Also ließ sie ihn und den Gedanken an Rache fallen.

Es war am Nachmittag, als Fräulein Schlegel angestürzt kam.

»Melusine …« Sie konnte nicht sprechen, schnappte nach Luft, war wachsbleich. »Melusine ist weg.«

Johanna hatte soeben einige Takte auf der Elektronenorgel angeschlagen, für die sich eine Gruppe von jungen Leuten interessierte. Das alte Fräulein war in einem bejammernswerten Zustand. Nur ein Unmensch wäre unbeeindruckt geblieben.

»Wo ist sie denn …«

»Gesprungen«, kam es mit tränenerstickter Stimme. »Sie ist tatsächlich vom Balkon gesprungen und dem Kater nachgelaufen. Helfen Sie mir suchen, bitte! Ich weiß doch nicht, wen ich sonst …«

Die jungen Leute, die sich um die Orgel geschart hatten, zwei Mädchen und drei Jungen, offensichtlich Musiker, boten sich sofort an, mit zu suchen. Wesendong blieb im Laden.

»Es ist eine honiggelbe Siamkatze«, erklärte Johanna den jungen Leuten, weil Fräulein Schlegel dazu nicht imstande war. »Nur damit Sie nicht die falsche angeschleppt bringen.«

Sie verstreuten sich über Straße und Höfe. Eine halbe Stunde ging die Suche bereits, ohne dass Melusine gefunden wurde. Im Hinterhof eines Hinterhofes parkte ein Lieferwagen. Da hörte Johanna ein klägliches Maunzen. Es hörte sich so an, als käme es direkt unter dem Lieferwagen hervor. Der Fahrer stieg ein.

»Halt!«, rief Johanna und rannte. »Bleiben Sie stehen, sonst überfahren Sie eine Katze!«

»Dann machen Sie schnell, Fräulein«, brummte der Fahrer, nahm das Steuer in die Hand und wartete, während er darauf herumtrommelte.

Johanna legte sich neben dem Auto auf den Bauch: Melusine hockte zusammengekauert da, traute sich nicht hervor und maunzte, dass sich der Auspuff bog. Sie schrie wohl nach ihrem Liebsten, der nicht kam. Da hatte sie nun den Absprung gewagt, Ruf und Leben riskiert, und er war nicht da.

»Komm, komm«, lockte Johanna und angelte nach der introvertierten Melusine. Die machte einen Buckel und fauchte. Johanna lag flach auf dem Pflaster, sie rief und flötete, umsonst.

Plötzlich legte sich auf der anderen Seite des Lieferwagens ebenfalls jemand lang. Ein Gesicht erschien, eine Hand streckte sich aus und zog vorsichtig die nun willige Melusine an sich. Neben dem honiggelben Katzenkopf sah Johanna ein bekanntes, sehr vertrautes Gesicht.

»Peer …!«

Da lagen sie beide auf dem Bauch und sahen sich durch das eiserne Gestänge eines Lastwagens an.

»Was ist denn?« Der Fahrer reckte den Kopf aus dem Fenster. »Wollen Sie hier übernachten oder was? Haben Sie das Vieh?«

Noch immer konnte keiner etwas sagen. Sie schauten sich nur an. Melusine schmiegte sich an den Joost und zitterte.

Endlich sagte er: »Ich habe Fräulein Schlegel getroffen. Die hat mir Bescheid gesagt. Ich bin dir nach und hab dich in den Hof verschwinden sehen.« Nach einer Pause: »Was machen wir nun?«

»Wir«, Johanna schluckte, »wir bringen ihr Melusine.«

Der Fahrer ließ den Motor an.

»Wir sollten jetzt aufstehen«, meinte der Joost, »wenn es dir nichts ausmacht.«

»Es macht mir nichts aus.«

Sie erhoben sich, der Wagen fuhr ab. Sie blieben im Abstand stehen, der Joost die enttäuschte Melusine im Arm.

»Ganz schön heiß heute, was?«, fragte der Peer und sah verlegen an Johanna vorbei.

»Für Mai ein wenig zu heiß«, gab Johanna zu.

Dann trabten sie los, um Fräulein Schlegel die Ausreißerin zu bringen.

»Haben Sie Urlaub vom Rundfunk?«, fragte das glückliche alte Fräulein, nachdem sie ihre Melusine liebevoll ausgescholten und in ein grünseidenes Körbchen gelegt hatte, wo sie jedoch nicht blieb, sondern lieber ihren Platz auf dem Fernseher einnahm.

»Der Probemonat ist um«, antwortete der Joost. »Aber ich habe den Anstellungsvertrag nicht unterschrieben.« Er holte ihn heraus und zeigte ihn ihr lachend. »Nur damit Sie nicht denken, die hätten mich rausgeschmissen.« Er zerriss den Vertrag. »Hoffentlich braucht man mich hier noch.«

»Das will ich meinen«, plauderte das nun wieder muntere Fräulein Schlegel aus. »Jetzt, wo das Geschäft doppelt so groß geworden ist!« Sie berichtete alles haargenau. Der Joost hörte zu, staunte, freute sich, konnte es kaum erwarten, den Notenschlüssel zu sehen.

»Hast du die Sprache verloren, Jo?«

»Ich – nein, der Wievielte ist heute?«

»Der neunzehnte Mai.«

Da begann Johanna zu lachen. »Mein Hochzeitstermin«, sagte sie, und dann ging sie ins Heulen über. »Jemand, der mich heiraten wollte, hat heute Geburtstag.«

»Dann sollten wir gratulieren«, meinte der Joost.

»Später. Irgendwann. Nicht jetzt. Jetzt nicht.«

Am Abend saßen beide im Büro und tranken Kaffee.

»Noch eine Tasse?«, fragte Johanna. Der Joost wehrte entsetzt ab, daran hatte sich nichts geändert. Johanna registrierte es freudig.

»Wie ist es denn … ich meine, wieso bist du plötzlich …« Johanna hatte viele Fragen auf den Lippen, doch sie war nicht imstande, sie zu formulieren.

Der Joost antwortete bedächtig: »Gar nicht plötzlich. Als du in Berlin von mir weggegangen bist, stand für mich fest, dass ich nicht bleiben würde.«

»Und Aline?«

»Hat mit mir gesprochen. Ein bisschen weh hat es schon getan. Aber sie hat mir etwas Eigenartiges gesagt.«

»Was denn?«

»Dass wir beide, du und ich, nur auseinanderlaufen, um uns nicht zu umarmen.«

»Das hat sie mir auch gesagt. Ein dummes Ding.«

»Ein kluges Kind.«

Sie schwiegen. Johanna sah den Pierrot im Regal. Sie griff nach ihm. »Was machen wir mit dem?«

»Untersteh dich und wirf ihn weg!«, rief der Joost.

»Aber …« Johanna drehte ihn um. »Er hat einen infantilen Podex.«

»Dann sieh ihn dir von vorne an! Er soll dich an mich erinnern.«

»An dich?«

»Ich habe ihn dir schließlich mitgebracht.«

»Aber da ist noch ein goldenes Vyšehrad-Plakat von Prag und eine Strasshaarnadel aus Rio«, sagte Johanna.

»Da du nicht in Rio gewesen bist, kannst du die Haarnadel möglicherweise entbehren.« Sie nickte. Immerhin war die Nadel Pierrots Talisman, den musste sie zurückgeben.

»Und das Plakat vom Vyšehrad?«

»Wird dich an Prag erinnern – und an einiges mehr.« Er sah sie lange an. »Wir wollen nichts verdrängen oder vergessen. Abgemacht?«

»Abgemacht.« Sie stimmte nur allzu gern zu.

»Du, Peer?«

»Hm.«

»Ich habe eine Bitte. Leg doch mal die Arme um mich, ja?« Er tat es. »Ganz fest, noch fester.« O Gott, war das ein schönes Gefühl! Lieder hingen zwar keine an den Ästen der Bäume, aber Arme hielten sie fest. »Ich bin ganz gerührt, dass wir uns umarmen«, sagte sie leise.

Plötzlich riss er sich los und stürmte in den Laden, wo hinter der Theke sein Gepäck noch immer stand. »Ich habe dir etwas mitgebracht.«

»Eine Orchidee?«, fragte sie. Er antwortete nicht, war mit Suchen beschäftigt. »Oder Rosen?«

Eine Flasche Sekt. Die machte er auf, und sie stießen an: auf sich und den Notenschlüssel. Dann klingelte die Ladentür, die eigentlich schon hätte verschlossen sein sollen. Ein Junge stand da und sagte: »Ich komme vom Feinkostgeschäft Hübner und soll das hier abgeben.« Er sah Johanna fragend an. »Sind Sie eine gewisse Frau Gauss?«

Johanna nickte.

»Ein gewisser Herr Joostmann hat etwas bei uns bestellt.« Er hielt eine Klarsichtpackung in der Hand, in der es rötlich schimmerte: Walderdbeeren! »Der Chef lässt ausrichten: Als Strauß wären sie leider nicht zu haben.«

»Die verspäteten Walderdbeeren von deinem Vater«, meinte der Joost. »Hast du nicht gesagt, dass du auf den Mann wartest, der sie dir schenkt?«

»Ach Joost, du verrückter Kerl!«

»Und danke, dass du heute nicht geheiratet hast.«

Weitere Titel von Doris Jannausch bei hockebooks

Kurschattenspiele

978-3-95751-294-9

Viele meinen, eine Kur ohne Flirt sei eigentlich nur eine halbe Sache. Aber Lore, eine attraktive junge Frau aus Berlin, will sich wirklich nur erholen – vom faden Büro und vom anhänglichen Geschiedenen. Dann aber wird sie von einem Minister geküsst und mit dem Kurfrieden ist es aus und vorbei. Denn Lore stolpert – nicht ganz unfreiwillig – in ein Kurschattenspiel, das ihr Herz ein bisschen zu hoch schlagen lässt.

Kopfsalat und Liebeskummer

978-3-95751-295-6

Mit einer silbernen Gitarre fängt alles an: Lothar März, Virtuose zwischen Kunst und Pop, kauft sie in der Musikalienhandlung Zum Notenschlüssel – und schaut dabei die hübsche Inhaberin ein bisschen zu lange an. So turbulente Tage wie die darauf folgenden hat der kleine Laden noch nie erlebt: Johanna Gauss und ihr Geschäftspartner erleben allerlei Verwicklungen.

Als hätten die Engel im Sande gespielt

978-3-95751-129-4

Franziska weiß schon früh ganz genau, was sie später einmal werden will: Schauspielerin. An dem Tag, an dem Deutschland Russland den Krieg erklärt, besteht sie die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule in Aussig. Franziska ist überwältigt, allerdings nimmt ihre Familie zu ihrer Enttäuschung diesen Erfolg angesichts der politischen Ereignisse kaum wahr. Aber Franziska gibt nicht auf. Schon bald bekommt sie in Wien ihr erstes Engagement. Doch bevor ihre Karriere überhaupt beginnen kann, werden die Theater geschlossen. In den Wirren des Krieges kehrt Franziska zurück nach Teplitz. Und obwohl die Situation immer auswegloser wird, verliert sie eines nie: ihren ungebrochenen Willen zum Theaterspielen.

Als hätte der Teufel die Karten gemischt

978-3-95751-130-0

Genau ein Jahr ist es her, seit in den Wirren des Krieges die Theater in Wien geschlossen wurden und Franziska zurück nach Teplitz gekehrt ist. Nach Kriegsende verlässt Franziska ihre nordböhmische Heimat erneut. Ihr einziges Gepäck: ein Rucksack, überwiegend gefüllt mit Büchern. Franziska ist fest entschlossen, im zerstörten Dresden endlich ihren Traum von der Schauspielerei zu verwirklichen. Dieses Ziel verliert sie nie aus den Augen. Auch in den harten Jahren des Neubeginns lässt sie sich nicht beirren, nicht von den Ruinen und auch nicht von all den zerstören Hoffnungen um sie herum.
Doris Jannausch setzt nach Als hätten die Engel im Sande gespielt die Geschichte von Franziska Buresch fort.

Als hätten Funken die Nacht erhellt

978-3-95751-131-7

Die Bretter, die die Welt bedeuten zu erobern, ist noch immer Franziskas großer Lebenstraum. In Hamburg wollte sie eigentlich ein Engagement bekommen, der Ostzone entrinnen und im Westen neu anfangen. Doch dieses Vorhaben fällt ins Wasser und Franziskas Einfallsreichtum, was aufgefallene Nebenjobs angeht, wird herausgefordert: Als »Taxigirl« animiert sie die Männer auf der Hamburger Reeperbahn. Nach ihrem abenteuerlichen Ausflug in den Westen erhält sie schließlich doch einen langfristigen Vertrag beim Theater. Schnell stellt Franziska fest: Um sich durchzusetzen, braucht man nur eines, nämlich Talent. Wird Franziska es schaffen, sich zu behaupten?

Doris Jannausch knüpft mit ihrem Roman an die Erfolge von Als hätten die Engel im Sande gespielt und Als hätte der Teufel die Karten gemischt an.

Die Autorin

Doris Jannausch (1925–2017) studierte Dramaturgie und Schauspiel. Während ihrer Engagements in Dresden, Greifswald und Berlin war sie als Journalistin tätig und bearbeitete Jugendstücke für die Bühne. Doris Jannausch schrieb neben zahlreichen Kinderbüchern auch heitere Romane, die überwiegend auch in andere Sprachen übersetzt wurden.

Zweimal Kundschaft

»Du bist ein unmöglicher, indiskreter Klatschmolch!«, tobte Johanna mit dem Joost. »War dir denn nicht klar, was du anrichtest, wenn du Ulrich erzählst, wohin ich gegangen bin?«

»Doch«, gab er mit kaum verborgener Schadenfreude zu. »Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass er sich gleich auf den Weg zu dir macht.«

»Zu mir, zu mir«, rief Johanna. »In die Preiselbeere ist er gekommen und hat mir eine eindrucksvolle Szene hingelegt.«

»Wie schön für dich. Dann haben wir ihn endlich aus der Reserve gelockt.«

»Wer sagt dir denn, dass ich ihn locken wollte? Noch dazu vor einer gespannt lauschenden Zuhörerschaft?«

Sie musste unterbrechen, denn zwei junge Leute vom Konservatorium kamen herein, verlangten Saiten für ihre Geigen und Kolophonium. Es war der letzte Tag vor Weihnachten. Am vierundzwanzigsten Dezember sollte der Laden geschlossen bleiben.

Dauernd kamen Kunden, sehr zu Joosts Freude, denn so konnte Jo ihre Empörung wenigstens nicht loswerden. Nicht dass der Joost ihr den Kummer gegönnt hätte, aber er konnte Ulrich nicht leiden. Peer hatte etwas gegen alternde Schönlinge, die Sonnyboys spielten, sich sportlich, lüstern und jugendlich gaben, letzten Endes jedoch nur angepasste Spießer waren. Durch das Geschäft kannte der Joost eine Menge Leute. Echte Musikanten, mit Pfeffer in sich; Trantüten, die ihre halb ausgegorenen Ideen als gesellschaftspolitisches Engagement verkauften; verhinderte Talente, die sich krampfhaft wie Bohemiens benahmen. Alles Getue war dem Joost zuwider. Sollte sich doch jeder so zeigen, wie er war. Jo sollte nicht länger ihre Zeit mit diesem Schmalspur-Cäsar vergeuden.

»Was wird jetzt mit Ulrich?«, fragte der Joost, als sie in einer Atempause Kaffee tranken und Johanna ihren Groll so lange unterdrückt hatte, dass er verschwunden war.

Sie zuckte die Achseln.

»Was machst du übrigens morgen Abend?«

Auch das wusste sie nicht. Mit Ulrich feiern ging nicht. Mit Pierrot? Sie kannte ihn kaum. Und der Joost, was machte der? Sie fragte ihn.

»Jutta will bei mir feiern, hat sie gesagt. Aber ich fürchte, sie wird schwach werden und mich doch noch zu ihren Eltern locken wollen.«

»Möchtest du das?« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Wenn sie dich tatsächlich wie im vorigen Jahr nach Wolfratshausen schleifen will, dann kommst du einfach zu mir. Wir feiern zusammen. Einverstanden?«

Sie reichten sich die Hand. Beiden ging es nicht besonders gut, seelisch gesehen. Sie wussten nicht recht, wohin sie gehörten. Als sie sich gerade so schön in ihr Wehklagen eingesponnen hatten, ging die Ladentür und Lothar März erschien. Er kam von einer Probe im Rundfunk. Ein wenig niedergeschlagen war er. Unruhig blickte er zur Uhr, tat, als käme er nur auf einen Sprung. Doch seine Augen ruhten sich auf Johanna aus.

»Wie hast du mich – wie haben Sie mich gestern genannt?«, fragte er, nachdem er Peer und Jo begrüßt hatte.

Der Joost blickte sie fragend an. Er ahnte etwas. »Pierrot?«, fragte er.

Sie lachte und nickte.

»Wie kommen Sie – wie kommst du darauf, Pierrot zu mir zu sagen?«

»Also erstens«, mischte sich der vorlaute Joost ein, »sagt endlich Du zueinander. Und zweitens …« Er eilte ins Büro und kam gleich darauf mit der weiß-schwarzen Porzellanfigur zurück. »Deshalb! Wir finden, dass Sie dem da ähnlich sehen.«

»Du hast es zuerst gefunden«, verteidigte sich Johanna, der die Sache peinlich war.

Lothar März starrte den gelackten Pierrot an.

»Nicht schlecht«, sagte er. »Gefällt mir, der Junge. Kühl und distanziert.«

»Stier oder Jungfrau«, mutmaßte Johanna.

Der Joost drehte den Pierrot um. »Wissen Sie, was Jo behauptet?« Er deutete auf das Porzellan-Hinterteil.

»Ich behaupte gar nichts«, unterbrach Johanna ihn hastig. Musste der Joost alles ausplaudern? Das vom »infantilen Podex« ging keinen was an. Am allerwenigsten den Lothar März. Doch der war nun neugierig geworden und wollte unbedingt wissen, was Johanna behauptete.

»Dass die Halskrause von hinten noch lebendiger aussieht als von vorn«, behauptete sie schnell.

»Feigling«, raunte der Joost und trug den Pierrot wieder zurück.

Kurz waren sie allein.

»Dann habe ich wohl meinen Spitznamen weg?«, fragte Lothar März.

»Sozusagen.« Johanna lächelte ihn an, sie fand ihn mit seinem hochgestellten Pelzkragen sehr nett, das Gesicht wirkte hellwach und blitzgescheit. Auffallend sensible Mundwinkel.

»Wissen Sie denn überhaupt genau, was Pierrot heißt?«, erkundigte er sich liebevoll. Der muntere Joost kam aus dem Büro und antwortete an Johannas Stelle: »Peterchen.«

»Wie?«, machte Johanna nicht sehr geistreich.

»Pierrot heißt französisch Peterchen«, sprudelte der gut informierte Joost heraus. »Er ist die komische Gestalt des italienischen Theaters in Paris, seit 1637 nachweisbar, trug weite weiße Kleider und war weiß gemehlt oder geschminkt, was man von Ihnen …« Er schenkte Lothar März einen beifälligen Blick. »… nicht unbedingt sagen kann. Die weibliche passende Gestalt dazu heißt Pierrette.«

»Woher, zum Kuckuck, weißt du das so genau, du wandelndes Lexikon?«

»Weil ich gestern Abend ebenda nachgeschlagen habe, geliebte Pierrette. So was interessiert einen doch, wenn man damit konfrontiert wird.«

»Soso.« Lothar März nickte und dachte nach. »Eine komische Gestalt also …« Er setzte sein betrübtestes Gesicht auf, doch ein Funke Spaß tanzte in seinen Augen.

»Aber eine recht anziehende, wenn man an den Film Kinder des Olymp denkt, an den Pierrot von Jean-Louis Barrault«, tröstete der Joost.

»Ja, das stimmt.« Lothar März stieß einen sehnsüchtigen Seufzer aus. Und dann mussten sie alle lachen.

Peer packte die Gelegenheit am Schopf, ging wieder mal aufs Ganze und fragte rundheraus: »Was machen Sie morgen Abend, Pierrot? Unsere kleine Pierrette ist nämlich durch widrige Umstände allein …«

»Halt den Mund«, fuhr Jo den Joost wütend an. »Lass deine Dummheiten und spiel hier nicht den Clown.«

»Selber schuld, wenn du dich mit Narren umgibst«, konterte Peer. »Also kurz und gut – sie ist allein …«

»Ruhe«, rief Johanna. »Es geht keinen was an, ob ich allein Weihnachten feiere oder mit einem Fußballverein.«

Doch Pierrot schien es tatsächlich nicht gleichgültig zu sein. »Was ist mit Cäsar?«, fragte er.

»Muss bei der Familie bleiben, was sonst. Aber mir ist das wirklich egal, verdammt noch mal, das müsst ihr mir glauben!« Sie wusste selbst nicht, weshalb sie derart loslegte. »Ich will überhaupt nicht feiern, Weihnachten kann mir gestohlen bleiben, mir ist kein Kindlein geboren …«

»Das wollen wir sehr hoffen«, warf der unverbesserliche Joost ein. »Wie ist das also mit Ihnen, Pierrot? Was machen Sie morgen? Haben Sie auch einen Haufen Familie?«

Der März biss sich auf die Lippen. Aha, wohl doch eine Freundin?

»Das ist so«, begann er langsam, wurde jedoch von Johanna mit einem scharfen »Sie müssen sich nicht vor uns rechtfertigen!« unterbrochen. Er ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Zwar bin ich allein, habe weder Weib, Kind, Freundin oder Eltern. Nur eine Mutter in Wien, die hat einen Lebensgefährten und braucht mich nicht. Ich könnte auch gar nicht hinfahren, denn …« Nach einer Pause, dass es fast wie ein Geständnis klang: »Mein Producer ist angekommen.«

»Wer?« Diesmal hatte der Joost nicht im Lexikon nachgesehen.

»Er ist mein zweites Ich, der Mann, der sich um alles kümmert. Jeder Star oder der es werden will, hat einen Producer, man kann auch Manager zu ihm sagen. Der Producer bestimmt die Art des Auftretens – auf der Bühne und privat, die Antworten auf Pressekonferenzen, Anzug und Frisur, macht das Programm und stellt die Tournee zusammen.«

»Kann man das alles nicht selber tun?« Johanna schien es unbegreiflich, dass einem ein anderer vorschreiben durfte, was man anzuziehen, zu singen und zu antworten hatte.

»Man könnte es selber tun«, erwiderte Pierrot. »Aber gewiss nicht so wirkungsvoll.«

»Ein Producer«, sagte Johanna, »ist also, wenn ich recht verstehe, eine Art patriarchalischer Ehemann.«

»Wenn du es so nennen willst.« Pierrot lachte. »Aber im Gegensatz zu dem Ehemann wirkt er zum Wohle des Künstlers.«

»Und zu seinem eigenen.« Der Joost rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Lothar März stimmte zu. Sie verstanden sich prächtig.

»Wie heißt denn Ihr Producer?«, fragte der Joost. »Ist er sehr bekannt?«

»Er heißt Erwin Wolter«, antwortete Pierrot mit unglücklichem Gesicht. »Er hat noch eine Menge anderer Stars laufen.« Er sprach wie von einem Rennstallbesitzer und dessen Pferden. »In der Branche ist er ziemlich das Beste, was drin ist. Auf mich schwört er. Jetzt hat er mit einer Plattenfirma verhandelt und fürs Frühjahr ein Gastspiel in Prag abgeschlossen. Das alles muss in den nächsten Tagen bequatscht werden. Also habe ich Erwin Wolter über Weihnachten, bis einschließlich Neujahr, auf dem Hals.«

»Hat Erwin keine Familie?«, wollte der Joost wissen.

»Keinen Strohhalm.« Pierrot schüttelte bekümmert den Kopf. »Er ist nur Producer.«

Sie verabschiedeten sich, wünschten sich frohe Weihnachten, und dann ging er. Johanna stand am Fenster und sah ihm nach. Noch einmal drehte er sich um, hob winkend die Hand. Sie wedelte flüchtig zurück.

Ein bisschen staunte der Joost, weil Pierrot nichts von einem Wiedersehen angedeutet hatte. Befand er sich etwa unentwegt in den Klauen seines Producers?

»Wenn jemand Erwin Wolter heißt, kann er doch nicht eine derartige Klette sein?«, brummte Johanna, die ganz gern mit Pierrot ein wenig gefeiert hätte, noch dazu, da Ulrich sich den ganzen Tag nicht gemeldet hatte, was nichts Gutes bedeutete. Offensichtlich würde er auch an den Feiertagen für sie keine Zeit haben.

»Eine Klette vulgaris ist immer gefährlich, egal welchen Namen sie trägt«, gab der Joost weise von sich.

»Du grüne Neune, bist du botanisch bewandert!« Johanna setzte sich an das Kleinklavier und schlug einige Takte aus »Tod und Verklärung« an.

»Nicht so was Trauriges«, flehte der Joost, doch sie spielte noch lauter. Immer mehr steigerte sie sich, dass sie die Ladenglocke überhörte. Erst als der Joost sie an die Schulter tippte, hob sie den Kopf, nahm die Finger von den Tasten und sah das blonde Mädchen in der Tür stehen.

Das Mädchen hatte enge Hosen und ein kurzes, knapp sitzendes Pelzjäckchen an. Das lange Haar fiel ihr auf die Schultern, der Pony tief ins Gesicht. Darum erkannte Jo sie nicht sofort. Erst als das Mädchen näher trat, durchfuhr sie eisiger Schreck: Aline Breda.

Langsam erhob sich Johanna und nahm ihren Stehplatz hinter dem Ladentisch ein, gleich neben dem Joost. Sie waren Schulter an Schulter aufgebaut, wie zwei Betriebsleiter, die eine Versammlung eröffnen wollen.

»Ich bin Aline Breda«, kam das Mädchen gleich zur Sache. Sie wirkte äußerst selbstsicher, obwohl die Bewegung, mit der sie das Haar hinters Ohr strich, etwas befangen wirkte. Ihre Augen waren von wundervollem Blau, wie die des Vaters.

»Ja«, sagte Johanna schwach. »Ich weiß.«

»Sie kennen mich?«

»Ich kenne ein Bild von Ihnen«, erklärte Johanna kurz. Der Joost neben ihr schien die Sprache verloren zu haben. Johanna wartete, sie ließ Aline Breda Zeit, um selbst welche zu gewinnen.

»Gestern Abend bin ich in der Preiselbeere gewesen.« Aline Breda fuhr sich mit der Zunge blitzschnell über die Lippen, es hatte etwas von einer Viper, wie sie das machte. »Das ist kein Zufall; denn wenn ich in München bin, gehe ich fast immer dorthin. Ich habe meinen Vater gesehen und einiges mit angehört.«

Es entstand eine Pause. Es hätte viele Fragen gegeben, doch Johanna fiel keine einzige ein. Sie sagte nur etwas töricht: »Ich habe Sie gar nicht gesehen!«