Dorothee Bernhardt

Die Rechnung

Roman

Für
meine Familie

PROLOG

Der große Raum ist in der Mitte durch einen dunklen Vorhang abgetrennt. Spärliches Licht erhält er von mehreren Leuchtern an den Wänden, deren flackernde Kerzenflammen der Szenerie etwas Unwirkliches geben. Dazu fällt etwas Tageslicht von draußen durch die schmalen vergitterten Rundbogenfenster auf der Eingangsseite. War es bisher totenstill, öffnet sich nun eine breite Tür und ein an den Händen auf den Rücken gefesselter Mann wird von zwei anderen Männern in schwarzen Anzügen in den Raum geführt. Der Gefangene ist mittelgroß und schmal, mit einem zerlumpten Anzug bekleidet und viel zu weiten Holzpantinen an den Füßen, mit denen er nur langsam schlurfen kann. Er ist nicht mehr jung, vielleicht an die fünfzig Jahre. Das Auffallendste an ihm sind seine Haare, kräftige, hellblonde Locken, wie sie nicht dem Geist der Zeit entsprechen.

Der Mann hebt seinen Kopf und schaut sich um. In seinem Gesicht sind Angst und auch Trauer zu lesen und das fassungslose Erstaunen eines Menschen, der nicht glauben kann, was ihm gerade widerfährt. Hinter ihm haben weitere Männer den Raum betreten. Einer trägt einen schwarzen Gehrock, ein weiterer eine rote Richterrobe, ein dritter einen schwarzen Talar, diesem folgt ein Mann im weißen Kittel und die beiden letzten Männer sind in olivgrüne Uniformen gekleidet. Sie tragen Waffen.

Der mit der Richterrobe sagt etwas zu dem zerlumpten Mann; dieser antwortet leise und senkt den Kopf.

Nun wird der Vorhang zur Seite geschoben und gibt den Blick frei auf die andere Hälfte des Raumes, in deren Mitte eine große Konstruktion aus Holzbalken, Metallverstrebungen und Seilen steht, mit einer Holzbank davor. Rechter Hand befindet sich eine Metalltür mit Riegel und Vorhängeschloss. Das Schloss hängt offen und durch die halb geöffnete Tür ist im Nebenraum eine Holzkiste auf dem Boden zu sehen, länglich wie ein Sarg. Aber dieser Sarg hat eine ungewöhnliche Größe. Für einen erwachsenen Mann ist er nicht lang genug, aber für einen Kindersarg zu lang und zu breit. Einer der Olivgekleideten macht sich an den Seilen des Holzaufbaus zu schaffen, der andere löst dem Gefangenen die Handfesseln, zieht ihm das viel zu weite Oberhemd über den Kopf und macht den Männern in den schwarzen Anzügen Zeichen, woraufhin diese den Mann wieder fesseln. Sie führen ihn nach vorn, schieben ihn mit entblößtem Oberkörper bäuchlings auf die Holzbank und legen seinen Kopf in die Vorrichtung. Der Gefangene lässt es widerstandslos geschehen. Hinter seinem Kopf steht ein Weidenkorb auf dem Boden, daneben ein Zuber mit Sägemehl, in dem eine Schaufel steckt. Der Mann im Gehrock sagt etwas und die Olivgrünen schreiten zur Tat. Die übrigen Männer schauen hin. Nur der im weißen Kittel wendet sich ab.