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Dharmarakshita, Maitriyogi, Serlingpa

DEN GEIST VON GIFT BEFREIEN

Vier essentielle Lojong-Texte über die
konzeptuell-geistige Haltung

Übersetzung aus dem Tibetischen von
Dr. Cornelia Weishaar-Günter in Zusammenarbeit mit

S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche

EDITION TIBETHAUS

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3. Auflage 2018

© 2017 Tibethaus Deutschland e.V., Georg-Voigt-Str. 4, 60325 Frankfurt

 

Satz:

  Andreas Ansmann

Umschlaggestaltung:

  Christiane Hackethal, Elke Hessel,
Andreas Ansmann

Umschlagfoto:

  © Elke Hessel
Ausschnitt aus einer Wandmalerei des
Klosters Shalu in Tibet

Korrektorat:

  Monika Dräger, Gisela Behr

ISBN 978-3-95702-027-7

www.tibethaus-verlag.com

Danksagung des Verlags

Wir sind sehr glücklich, diese wertvollen Texte zum buddhistischen Geistestraining herausgeben zu dürfen Wir danken insbesondere S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche und Dr. Cornelia Weishaar-Günter, dass sie uns durch ihre langjährige Zusammenarbeit den authentischen Zugang zu den tiefgründigen buddhistischen Sichtweisen, die in der tibetischen Tradition bis heute überliefert sind, in deutscher Übersetzung erst ermöglichen.

Dieses Buch stellt den ersten Band der Tibethaus Edition dar, den wir als zweisprachige Ausgabe mit dem tibetischen Original veröffentlichen. Den tibetischen Text haben wir mit freundlicher Genehmigung des Institute of Tibetan Classics aus ihrer Reihe tibetischer Texte entnommen1.

Für das Lektorat möchten wir Monika Dräger und Gisela Behr unseren herzlichsten Dank aussprechen.

Wir hoffen, dass diese Veröffentlichung einen großen und weitreichenden Nutzen haben wird.

1 Library of Tibetan Classics, Tibetan texts, Vol. 1: Blo sbyong brgya rtsa (mind training), www.tibetanclassics.org.

Vorwort von Dagyab Kyabgön Rinpoche

Zum sogenannten Lojong, dem buddhistischen Geistestraining im engeren Sinne, liegen inzwischen mehrere Texte in westlichen Sprachen vor. Besonders bekannt sind die „Acht Verse des Geistestrainings“ von Geshe Langri Thangpa, die „Sieben Punkte des Geistestrainingstrainings“ von Geshe Chekawa sowie das „Rad der scharfen Waffen“ von Dharmarakshita.

Neben dem „Rad der scharfen Waffen“ existieren jedoch noch vier weitere Lojong-Texte, die von Atishas indischen Lehrern überliefert sind bzw. deren tibetische Überlieferung seinen indischen Lehrern zugeschrieben wird. Damit gehören diese Texte zur ursprünglichen Literatur. Es ist wichtig, solche alten Texte wertschätzen zu lernen, und da sie im Westen noch kaum bekannt sind,2 möchte ich sie hier vorstellen.

Es handelt sich dabei um Quellentexte, die irgendwann im Indien des 10. Jahrhunderts verfasst worden sind und uns hier im klassischen Tibetisch überliefert sind. Sie zeigen uns den hohen Anspruch und die ganze Komplexität des ursprünglichen Geistestrainings und geben uns eine Vorstellung davon, warum sie einst nur persönlich von Lehrer zu Schüler weitergegeben wurden. Sie sind knapp und direkt gehalten und in großen Teilen oft schwer zugänglich. Für Buddhisten ist es mehr als eine Lebensaufgabe, sie in ihrer ganzen Tiefe verstehen und anwenden zu lernen. Dabei helfen uns mündliche Unterweisungen sowie die Sekundärliteratur, d. h. zeitgemäße Kommentare, die uns immer wieder verschiedene Zugangsmöglichkeiten zeigen und in ihrer Ausführlichkeit je nach Schülerschaft unterschiedliche Aspekte betonen. Die authentische Basis finden wir jedoch in dieser überlieferten Originalliteratur, und ich lege großen Wert darauf, diese alten Wurzeln einem breiteren Publikum vorzustellen. Sie müssen zutage gefördert und wertgeschätzt werden, damit ihre Überlieferung nicht zugrunde geht und letztendlich verwässert wird.

Dr. Cornelia Weishaar-Günter arbeitet mit mir bereits seit über dreißig Jahren mit großer Freude und Interesse an Übersetzungen aus dem Tibetischen, wofür ich mich sehr bedanke. Wir stellen hier die erste deutsche Übersetzung dieser vier Texte direkt aus dem Tibetischen ins Deutsche vor. Dabei sind wir so nah wie möglich am Tibetischen geblieben und haben lange über viele Details diskutiert. Das alte Tibetisch ist auch für Lamas zuweilen nicht mehr verständlich, Schreibfehler im Text sind möglich, einiges ist in lokalen Dialekten erhalten, sodass auch ausgebildete Tibeter im Detail zu etwas unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Wir haben bewusst unabhängig von der englischen Übersetzung gearbeitet.

Die Person (ich, du, wir, ihr) ist in der klassischen tibetischen Gedichtform meist offen, aber in der deutschen Grammatik leider unbedingt erforderlich. Das bedaure ich stets, da die Texte damit eine Einschränkung erfahren, die im Original nicht vorhanden ist. Die gewählte Form lag jeweils im Ermessen der Übersetzerin. Ihre Einführung fasst die Diskussionen zusammen, die wir im Verlauf unserer Zusammenarbeit geführt haben und die einige wenige Punkte bieten, die uns das Verständnis des Geistestrainings ein wenig erleichtern können.

Ich wünsche mir, dass sich viele Menschen mit diesen wertvollen Texten befassen, sich um weitere Kommentare dazu bemühen und sie in ihrem Leben so gut wie möglich anwenden. Jede noch so kleine Bemühung auf diesem Weg ist ein Beitrag für mehr Mitgefühl in dieser konfliktbehafteten Welt. Für diejenigen, die ihn in seiner vollen Konsequenz zu praktizieren vermögen, ist es sogar der Weg zur Buddhaschaft. Möge jeder seinem Wunsch gemäß Nutzen davon haben!

Loden Sherab Dagyab im August 2015

2 Meines Wissens existiert nur eine englische Übersetzung in „The Library of Tibetan Classics“: „Mind Training“ (2006) von Geshe Thubten Jinpa.

Inhalt

Danksagung des Verlags

Vorwort von Dagyab Kyabgön Rinpoche

Einführung in einige Aspekte des Lojong-Geistestrainings von Dr. Cornelia Weishaar-Günter

Vier essentielle Texte zum buddhistischen Geistestraining

Das Geistestraining: Der Pfau überwindet Gifte von Dharmarakshita

Melodische Vajra-Lieder: Gesangsmeditationen zum Geistestraining von Maitriyogi

Das Geistestraining: Stufen für einen heldenhaften Geist Serlingpa zugeschrieben

Das Geistestraining zur Überwindung der Störung durch fabrizierte Vorstellungen von Serlingpa

Kommentar des Geistestrainings zur Überwindung der Störung durch fabrizierte Vorstellungen

Die tibetischen Texte

Einführung in einige Aspekte des Lojong-Geistestrainings

Vorsichtige Annäherung ist wichtig

Lojong ist die wohl radikalste Form, Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta zu entwickeln.

Um mit solch einer Praxis überhaupt beginnen zu können, müssen wir zunächst verstehen, dass unser Grundproblem unser Ego oder unsere Ichbezogenheit ist. Es ist eine tief in unseren Instinkten verwurzelte Haltung, unser Selbst über alles zu stellen und andere Menschen mehr oder weniger als Nebendarsteller in unserem Film wahrzunehmen. Aber genau das behindert sowohl unser eigenes inneres Wohlergehen als auch ein wirklich konstruktives Leben, das allen Lebewesen von Nutzen ist.

Dieser Grundvoraussetzung des Lojong müssen wir uns zunächst in unserer eigenen Erfahrung annähern. In der Regel brauchen wir dafür zu Beginn eine sanfte und akzeptierende Beobachtung unserer inneren Mechanismen. Welche Wirkung hat unser Streben nach immer mehr Reichtum, Glück, Anerkennung oder Beliebtheit? Mit Hilfe der allgemeinen buddhistischen Unterweisungen können wir immer deutlicher in uns selbst sehen, wie kontraproduktiv und allgegenwärtig diese Ichzentriertheit wirklich ist.

Dabei kann für uns westliche Menschen kaum zu viel betont werden, dass Minderwertigkeitsgefühle und übertriebene Bescheidenheit nur andere Formen der Ichbezogenheit sind, mit welcher wir uns selbst sagen können: „Schaut her, wie wenig Ego ich habe!“ Ein gesundes, stabiles Selbstvertrauen benötigen wir als Basis für jede heilsame Lebensführung dringend und so selbstverständlich, dass es in buddhistischen Texten kaum thematisiert wird. Am Beispiel eines guten Arztes lässt sich das leicht verstehen: Er sollte weder chronisch an seiner Kompetenz zweifeln noch sich so sehr verausgaben, dass er die Fähigkeit verliert, sich seinen Patienten von ganzem Herzen zu widmen. Geld und Karriere sollten für ihn nicht im Vordergrund stehen, sondern das Wohl des jeweiligen Kranken. Der Buddha wird oft mit einem Arzt verglichen. Das Beispiel lässt sich in gleicher Weise auf uns alle übertragen, die wir als Buddhisten oder Freunde des Buddhismus danach streben, in unserer jeweiligen Lebenssituation konstruktiv tätig zu sein. Das kann im Kloster geschehen, aber auch in der Familie, in der Wirtschaft, in Aushilfsjobs oder hochangesehenen Berufen. Es zählt nur die innere Einstellung.

Andere Formen buddhistischer Praxis setzen oft längere Zeiten des Rückzugs voraus; Lojong hat sich jedoch nicht zufällig im Mahayana entwickelt, in dem Ordinierte weniger im Vordergrund stehen. Ja, es heißt sogar, dass Lojong umso leichter wird, je stärker unsere Geistesgifte – die Helfershelfer des Ego in Form von Begierde, Zorn, Verblendung usw. – im Alltag stimuliert werden. Auch das wird uns in unserer eigenen Erfahrung leicht deutlich, wenn wir uns nach einer sanften Phase der Eingewöhnung in schwierigen Lebenslagen wiederfinden: War der Buddhismus zu Anfang vielleicht nur ein interessantes Hobby, so erkennen wir nun die innere Notwendigkeit, unsere Selbstbezogenheit zu reduzieren, wenn wir unsere konstruktive Balance erhalten oder wiederfinden wollen. Jeder von uns muss dabei sensibel herausfinden, welcher Ansatzpunkt gerade für seine jeweilige Situation und das Niveau seiner derzeitigen Motivation hilfreich ist. Wie anfangs bereits betont, sind die Lojong-Texte selbst so radikal formuliert, dass sich ihre volle Anwendbarkeit erst im Laufe langjähriger Praxis nach und nach entschlüsselt.

Nach diesen allgemeinen Empfehlungen zum Umgang mit Lojong möchte ich im Folgenden einige spezielle Punkte zusammenstellen, die sich während meiner Arbeit mit Dagyab Rinpoche ergeben haben.

Lojong als Weg zur Erleuchtung: Die Drei Formen des Mitgefühls

Frage: Liebe, Mitgefühl und sogar konventionelles Bodhicitta – d.h. der Wunsch und das Streben nach voller Buddhaschaft, um den Lebewesen wirklich effektiv helfen zu können – beinhalten zwar viele gute Qualitäten und sind hier und heute für uns alle hilfreich. Aber kann Mitgefühl wirklich unser grundlegendes Problem lösen, also uns selbst und andere aus dem Daseinskreislauf befreien?

Dagyab Rinpoche: Die Antwort lautet tatsächlich ja, wenn wir uns daran erinnern, dass wir im Buddhismus drei Formen des Mitgefühls kennen, die sukzessive auf einander aufbauen.

1.Die erste Form ist das gewöhnliche Mitgefühl mit Lebewesen3, denen wir wünschen, von ihren jeweiligen Leiden frei zu sein und keine Ursachen für weiteres Leid mehr zu schaffen.

2.Fragen wir jedoch weiter, wie ein solcher Wunsch jemals in die Realität umsetzbar sein kann, entdecken wir das sogenannte Mitgefühl in Bezug auf die Phänomene4: Wir sehen, dass auf einer tieferen Ebene immer Leid entstehen wird, solange Wesen an der fälschlichen Annahme haften, dass es ein Selbst als eigenständiges und unvergängliches Phänomen gibt. Wir alle kämpfen in unserer Ichbezogenheit um etwas, was gar nicht existiert! Wir verstehen die Tragik dieser Situation und wünschen uns allen, uns von diesem grausamen Irrtum über das, was uns eigentlich ausmacht, befreien zu können.

3.Vertiefen wir unsere Erkenntnis, gelangen wir schließlich zu Bezugsfreiem Mitgefühl5: Mitgefühl steht nun jenseits der Drei Sphären6 von Subjekt, Objekt und der Verbindung dieser beiden. Mitgefühl und Leerheit werden untrennbar. Dabei entsteht die Freiheit von jeglicher Form des Haftens, was den Daseinskreislauf überwindet. Buddhaschaft besteht in der völligen Untrennbarkeit von Mitgefühl und Leerheit.

Schwierigkeiten auf dem Weg

Frage: Warum helfen Schwierigkeiten auf dem Weg weiter?

Dagyab Rinpoche: Im Geistestraining wird immer wieder betont, dass uns Krankheiten und andere Schwierigkeiten auf dem Weg weiterhelfen. Dabei handelt es sich nicht um die laienhaft verbreitete Vorstellung eines „Abtragens von Karma“, etwa in dem Sinne, dass mein Schnupfen dieses Jahr den Schnupfen des nächsten Jahres ersetzen könnte. Auch wenn jedes Erleben auf unserer Ebene karmisch bedingt ist, würden wir niemals an ein Ende gelangen, wollten wir alle karmischen Samen einzeln „abtragen“. Die einzig wirkliche Reinigung von Karma ist nur in der Leerheit möglich. Durch Krankheiten kann ich jedoch lernen, jeden Stolz zu überwinden und entspannter mit Schwierigkeiten umzugehen. Dadurch wächst meine Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, und die Verwirrung kann zeitweise weniger werden. Dadurch erhöht sich die Möglichkeit, die Natur der Realität wahrzunehmen. Um ein klassisches Beispiel zu benutzen: Wenn die Wolkenschicht dünner wird, kann die Sonne leichter zum Vorschein kommen.

Auswirkungen unserer Ichbezogenheit verstehen

Frage: Warum hilft es bereits, die negativen Auswirkungen unserer Ichbezogenheit zu verstehen?

Dagyab Rinpoche: Im Tiefsten weiß ich bereits, dass die Ichbezogenheit unser Problempunkt ist. Wenn unser bewusstes Wissen sich dieser Realität nähert, wird viel gebundene Energie frei. Dabei müssen wir Schritt für Schritt vorgehen – gerade so weit, wie wir verkraften. Der Sinn heilsamer Handlungen besteht neben dem unmittelbaren Nutzen im Anwachsen innerer Kraft. Diese innere Kraft erlaubt uns, unser Verstehen immer tiefer in uns eindringen zu lassen, so dass wir uns zunehmend verändern können.

Wenn ich andere Lebewesen ignoriere, so ist das auch für mich schlecht, da wir uns in gegenseitiger Abhängigkeit befinden. In unserer Praxis sollten wir alle miteinbeziehen. Für jämmerliches Selbstmitleid bleibt kein Raum. Nicht andere sind für mein Glück verantwortlich, sondern ich selbst. Das ist eine große Chance. Möchte ich für andere verantwortlich sein, muss ich auch auf mich achten. Dadurch entsteht in mir ein großes Glück und Entschlossenheit. Es ist stets ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Lojong zeigt uns nur Lösungen, keine Sackgassen.

Im Lojong wird nichts unterdrückt. Trotz der scharfen Worte, die sich gegen die Ichbezogenheit richten, ist es ein heiteres Thema, da ich zu verstehen lerne, was sich wirklich abspielt.

„Austauschen“ als meditative Übung oder als Möglichkeit, Einfluss zu nehmen

Frage: Funktioniert das Austauschen? Hintergrund dieser Frage ist die meditative Praxis, bei der man eigenes Heilsames an andere aussendet und dafür ihre Schwierigkeiten auf sich nimmt. Es gibt viele Varianten dieser Praxis, die man nach und nach lernen kann.

Dagyab Rinpoche: Theoretisch muss natürlich jeder die Ergebnisse seiner Taten selbst ertragen. Auch Buddha konnte das Karma der Lebewesen nicht von außen beenden. In der Regel bedeutet die Übernahme des Leidens von anderen, dass man ihre Probleme in Leerheit auflöst, ohne sich dabei in Gefahr zu bringen. Leid ist auch bei schwerer Erkrankung eine Frage der Wahrnehmung unseres Egos, und in diesem Sinn können auch wir gewöhnliche Menschen mit unserer Praxis lindernd einwirken, das Leiden des anderen ein wenig von dieser zusätzlichen Belastung durch die Ichbezogenheit zu befreien. Wie dem auch sein mag, für uns ist es jedenfalls „nur“ eine Übung, Glück abgeben und Unglück aufnehmen zu können. Es geht um unsere Entschlossenheit.

Sollte jemand jedoch über eine sehr hohe geistige Entwicklung verfügen, könnte es in seltenen Ausnahmesituationen bis zu einem gewissen Grad möglich sein, Einfluss auf Hindernisse anderer zu nehmen. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erhielt z.B. S. H. der XIV. Dalai Lama eine Prophezeiung, dass ihm starke Hindernisse drohten, aber dass ein hoher Würdenträger in der Lage sei, ihn zu retten. Als wenig später S. H. der Dalai Lama gerade auf dem Weg in die Schweiz war, kündigte sein philosophischer Assistent Tsenshab Ser-kong Rinpoche7 in Indien seinen eigenen Tod an und verstarb bei voller Gesundheit. Wir Tibeter gehen davon aus, dass er damit in der Lage war, das angekündigte Hindernis auf sich zu ziehen.8

Warnung der Übersetzerin (mit Rinpoches Kenntnis und Einverständnis):

Da wir westlichen Menschen die Verwirklichungen tibetischer Meister kulturell schlecht einschätzen, geschweige denn Informationen darüber in uns verarbeiten können, sollten wir hier nur die Einstellung von Ser-kong Rinpoche bewundern, ohne zu viele Fragen zu stellen, die auf unserer Ebene nicht zu beantworten sind – Fragen wie z.B.: Wann und wie sind solche Transaktionen möglich? Sicher ist, wie Dagyab Rinpoche oft betont hat, dass wir selbst uns „gefahrlos“ an die Praxis des Austausches herantasten können, indem wir während der Praxis alles Negative in Leerheit auflösen. Wir werden z.B. die Krebskrankheit einer anderen Person nicht wirklich anziehen, sondern nur unser Mitgefühl üben und vielleicht ein wenig Hilfe durch die Kraft dieser Art des Gebets bewirken.

Würden wir jetzt etwa das Leiden einer lieben Person real übernehmen wollen, sind zumeist fragwürdige Motivationen dahinter. Zum Beispiel hätte ich persönlich gern mit meiner 93-jährigen Mutter getauscht, die mit ihrem Sterben nicht zurechtkam – und ich nicht mit dem Zusehen! Mit dem gelungenen Austausch wäre ich glücklich gewesen ... Ein etwas fehlplatziertes „Zurückgeben der Güte“, wie es in den Basisunterweisungen gelehrt wird.

Außerdem starb der Buddha, sterben alle Lamas, alle Menschen. Die meisten unter Schmerzen. Dagegen hilft nicht, sich auf der relativen Ebene zu „opfern“. Es ist besser für uns, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben und, wie Rinpoche oben sagte, Leid als Teil des Daseinskreislaufes zu akzeptieren und nach Befreiung zu streben.

Befreiung im Dharmadhatu und Gewaltlosigkeit

Frage: Immer wieder, besonders in „Der Pfau überwindet Gifte“, 4. Kapitel, ist die Rede davon, dass negativ wirkende Personen (im Dharmadhatu) „befreit“, also vernichtet werden sollen. Wie ist das mit dem buddhistischen Grundprinzip der Gewaltlosigkeit vereinbar?

Dagyab Rinpoche: Um das zu verstehen, müssen wir mit den beiden Arten der Wirklichkeit vertraut sein. Auf der relativen Ebene unseres jeweiligen Lebens ist es unsere Verantwortung, vorrangig an andere zu denken. Nur dadurch kommen wir auch selbst auf dem Weg weiter. Falls wir andere vernachlässigen und nur an uns selbst denken, vernichten wir uns im Grunde selbst und werden dadurch früher oder später in der jeweiligen Erscheinungsform „befreit“, d.h. aufgelöst. Was bleibt, ist die uns allen zugrundeliegende Wirklichkeit, der Dharmadhatu.

Im Text finden wir jedoch auch den Hinweis auf diverse Schützer und ihre zornvolle Aktivität, die ein schädliches Wesen schnell im Dharmadhatu „befreien“ kann. Es heißt, dass die Schützer vor Buddha einen Eid abgelegt haben, allen Menschen beizustehen, die den Dharma korrekt praktizieren. Sie können es nicht dulden, wenn jemand diese Praktizierenden gefährdet und treten ihnen mit der jeweils notwendigen Kraft entgegen. Falls möglich, befreien sie uns natürlich konventionell von unseren Störfaktoren. Zumeist bezieht sich das Wort „befreien“ jedoch auf eine Überführung in die letztendliche Wirklichkeit (Dharmadhatu), in der auch konventionell kein Ego mehr erscheint.

Die Härte in der Ausdrucksweise gilt stets dem Egoismus, der nichts wert ist. Unser Geistesstrom soll nicht hartnäckig und starr werden,9 was ein Zeichen für die Dominanz des Ego ist, sondern gezähmt, anpassungsfähig und sanft.

Schuldzuweisung oder Aufzeigen von Fehlern

Frage: Sind die unablässigen Schuldzuweisungen mir selbst gegenüber wirklich immer so gerechtfertigt?

Dagyab Rinpoche: Wenn hier immer wieder das Ego10 oder die Selbstsucht11 kraftvoll beschimpft und beschuldigt wird, geht es nicht um eine Schuldzuweisung, nicht darum, uns kleinzumachen. Die Fehler der Ichbezogenheit sollen aufgezeigt werden. Sollte uns jemand tatsächlich sehr viel Schaden zugefügt haben, z.B. Missbrauch durch einen Onkel, wäre es ein Fehler, die Schuld auf mich zu schieben und den Onkel ungestraft davonkommen zu lassen. Gerechtigkeit wird auch im Buddhismus großgeschrieben! Auch Bodhisattvas haben das Recht, sich zu verteidigen. Aber diese Verteidigung sollte möglichst sanft, klar und sachlich vonstattengehen, notfalls sogar vor Gericht. S. H. der Dalai Lama betont immer wieder, dass Bodhicitta keinesfalls eine Geisteshaltung ist, welche die Menschen in irgendeiner Hinsicht schwächt.

Untätigkeit

Frage: Aufgrund unserer Bodhisattva-Gelübde wünschen wir uns, für immer für die Lebewesen aktiv zu sein. Warum wird dann im Text Untätigkeit, ähnlich dem daoistischen wu-wei, so gepriesen?

Dagyab Rinpoche: „Stütze dich auf Untätigkeit“12 bedeutet, dass wir nicht zu viele Vorhaben und Geschäftigkeit entwickeln sollen, die auf unser eigenes Wohl in diesem Leben gerichtet sind. Bodhisattva-Aktivität kann sehr umfassend sein, aber hat Bodhicitta als Hintergrund. Geschäftigkeit ist oft ein Zeichen für zu viele eigene Wünsche.

Dämonen

Frage: Was sind die Dämonen, von denen immer wieder die Rede ist?

Dagyab Rinpoche: Bei den sogenannten Dämonen geht es letztlich immer um innere falsche Gedanken. Die Systematik der Dämonen ist auch innerhalb Tibets nicht einheitlich – so spricht man von 80.000 bgegs-Arten, 360 gdon-Arten usw. Viele der Namen und Rituale, die mit sogenannten Dämonen verbunden sind, gehen mit Sicherheit auf eine ältere, vor-tibetische Kultur zurück. Sie finden z.B. in tantrischen Beschützerpraktiken Erwähnung, sind jedoch in der tibetischen Sprache gar nicht identifizierbar. Einige wenige Beispiele dafür sind „yas-kyi bdud“, „mas-kyi sri“, „yungs-zor“, „tshezor“, „´byung-po´i thod-zor“. Hier kommt der Einfluss einer älteren Kultur in die heutige Praxis. Wir sollten uns damit zufriedengeben, sie einfach als negative Kräfte unbestimmter Art zu sehen, die uns behindern können, falls wir innerlich sensibel für sie sind. Ob ihnen tatsächlich äußere Wesen entsprechen oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass wir innerlich unempfindlich für diese negativen Kräfte werden, z.B. durch eine gute Lojong-Praxis, die durch die Überwindung der Ichbezogenheit den besten Schutz bietet.

Obwohl es äußere Auslöser für meine Probleme geben kann, spiele ich als Beobachter mit meinen Konzepten eine große Rolle. Ein Beispiel ist folgendes: Die meisten Menschen freuen sich, wenn sie ein gutes Seil sehen: „Oh, das kann ich gut gebrauchen.“ Aber andere nehmen eine Schlange wahr und bekommen Angst. Wir