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Eudora Welty, 1909 in Jackson, Mississippi, geboren, gehört wie Carson McCullers und William Faulkner zu den bedeutendsten Südstaaten-Autoren. Mit elf Jahren veröffentlichte sie bereits erste Gedichte, 1941 ihren ersten Erzählband Ein Vorhang aus Grün. Neben weiteren Erzählungen folgten unter anderem die Romane Mein Onkel Daniel, Die Hochzeit und Die Tochter des Optimisten, für den sie 1973 den Pulitzerpreis erhielt. Eudora Welty war auch eine herausragende Fotografin und veröffentlichte mehrere Fotobände. Sie starb am 2001 in Jackson.
Immer wieder sind es die kleinen Leute der Südstaaten, die Ausgestoßenen und Außenseiter, für die sich Welty interessiert: der schwarze Junge, der auf dem Jahrmarkt einem sensationshungrigen Publikum als Indianermädchen vorgeführt wird; das taubstumme Paar, das seit Jahrzehnten wartet und vergessen hat, worauf; die Witwe, die sich zurückgezogen hat und nur noch hinter den Hecken und Bäumen ihres Gartens – einem Vorhang aus Grün – lebt.
Welty gilt vielen nicht nur als die große Südstaaten-Autorin, sondern darüber hinaus als eine der besten US-amerikanischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. »Ein Vorhang aus Grün« vereint zwanzig Erzählungen – eine willkommene Gelegenheit, die hierzulande viel zu wenig bekannte Autorin wiederzuentdecken.

Mrs. Watts und Mrs. Carson waren gerade auf dem Postamt in Victory, als der Brief vom Institut für geistig Behinderte in Ellisville, Mississippi, ankam. Aimee Slocum, noch ein Bündel Briefe in der Hand, rannte nach vorn und gab ihn direkt Mrs. Watts, und dann lasen ihn alle drei gemeinsam. Mrs. Watts hielt ihn straff gespannt in ihren rosafarbenen Händen, und Mrs. Carson las langsam mit dem Finger mit, auf dem ein Fingerhut saß. Alle anderen Leute im Postamt fragten sich, was denn jetzt los sei.
»Was wird Lily sagen«, strahlte Mrs. Carson schließlich, »wenn wir ihr sagen, dass wir sie nach Ellisville schicken!«
»Sie wird sich wahnsinnig darüber freuen«, sagte Mrs. Watts und fügte, an eine schwerhörige Dame gewandt, mit kehliger Stimme hinzu: »Lily Daw bekommt nämlich einen Platz in Ellisville!«
»Dass ihr euch untersteht und es Lily ohne mich sagt!«, rief Aimee Slocum und lief zurück, um die Post weiterzusortieren.
»Glauben Sie, dass sie dort in guten Händen ist?«, begann Mrs. Carson eine Unterhaltung mit einer Gruppe baptistischer Damen, die im Postamt warteten. Sie war die Frau des Baptistenpredigers.
»Ich habe oft gehört, dass es dort sehr schön sein soll, aber überfüllt«, sagte eine von ihnen.
»Lily lässt sich von anderen Leuten immer so schlecht behandeln«, sagte eine andere.
»Gestern, während der Vorstellung im Zelt –«, sagte eine dritte und hielt sich dann mit der Hand den Mund zu.
»Ach, lassen Sie nur, ich weiß doch, dass es solche Dinge auf der Welt gibt«, sagte Mrs. Carson mit gesenktem Blick und fingerte an einem Maßband über ihrer Brust herum.
»Oh, Mrs. Carson. Also gut, jedenfalls gestern Abend in der Vorstellung, na ja, der Mann knöpfte Lily um ein Haar Geld für eine Eintrittskarte ab.«
»Eine Eintrittskarte!«
»Bis mein Mann hinging und ihm erklärte, dass sie nicht ganz normal im Kopf ist, und das sagten alle anderen auch.«
Die Damen schnalzten mit der Zunge.
»Ach, es war wirklich eine schöne Vorführung«, sagte die Dame, die dort gewesen war. »Und Lily führte sich so gut auf. Sie war eine perfekte kleine Dame – sie saß einfach auf ihrem Platz und starrte nach vorn.«
»Ja, sie kann ganz damenhaft sein – das kann sie wirklich«, sagte Mrs. Carson, schüttelte den Kopf und blickte nach oben. »Genau das bricht einem ja das Herz.«
»Ja, sie schaute andauernd auf das – wie heißt das Ding noch mal, das so viel Krach macht? – das Xylophon«, sagte die Dame. »Schaute die ganze Zeit nicht einmal nach links oder nach rechts. Sie saß direkt vor mir.«
»Die Frage ist nur, was hat sie nach der Vorstellung gemacht?«, fragte Mrs. Watts sehr praktisch. »Lily ist für ihr Alter einfach schon sehr entwickelt.«
»Oh, Etta!«, protestierte Mrs. Carson und schaute sie einen Augenblick lang entsetzt an.
»Deshalb schicken wir sie ja auch nach Ellisville«, schloss Mrs. Watts.
»Jetzt bin ich endlich fertig«, sagte Aimee Slocum und kam mit weiß gepudertem Gesicht angelaufen. »Die Post ist sortiert. Ich weiß aber nicht, wie gut sie sortiert ist.«
»Nun, ich hoffe natürlich, es ist das Beste für sie«, sagten einige der anderen Damen. Sie gingen nicht sofort zu ihren Postfächern, um nach Briefen zu schauen. Sie fühlten sich etwas ausgeschlossen.
Die drei Frauen standen am Fuß des Wasserturms.
»Es ist schwer, Lily zu finden«, sagte Aimee Slocum.
»Wo in aller Welt glauben Sie, dass sie steckt?« Es war Mrs. Watts, die den Brief an sich genommen hatte.
»Ich sehe weder auf dieser Straßenseite noch auf der anderen eine Spur von ihr«, erklärte Mrs. Carson, während sie weitergingen.
Ed Newton fädelte Redbird-Blöcke für die Schule auf einen Draht auf, den er quer durch den Laden spannte.
»Falls ihr hinter Lily her seid, die war vor ’ner Weile hier und hat mir gesagt, dass sie ihre Hochzeit vorbereiten tut«, sagte er.
»Ed Newton!«, schrien die Damen wie aus einem Mund und klammerten sich aneinander. Mrs. Watts fing sofort an, sich mit dem Brief aus Ellisville Luft zuzufächeln. Sie war als Witwe schwarz gekleidet und kam beim kleinsten Anlass ins Schwitzen.
»Das tut sie bestimmt nicht. Sie geht nach Ellisville, Ed«, sagte Mrs. Carson behutsam. »Mrs. Watts und ich und Aimee Slocum zahlen ihr die Reise aus unserer eigenen Tasche. Außerdem haben die Jungens von Victory ihr Ehrenwort gegeben. Lily heiratet nicht, das bildet sie sich nur ein.«
»Viel Erfolg, meine Damen«, sagte Ed Newton und gab sich mit einem Heft einen Klaps.
Als sie zu der Brücke kamen, die über die Eisenbahn führt, trafen sie Estelle Mabers, die dort auf dem Geländer saß. Sie trank langsam eine Flasche Orangenlimo.
»Hast du vielleicht Lily gesehen?«, fragten sie sie.
»Ich sollte jetzt hier auf sie warten«, sagte die kleine Mabers, als wäre sie noch nicht dort. »Aber Jewel – Jewel sagt, dass Lily vorhin im Laden war und sich ’nen Hut für zwei achtundneunzig ausgesucht hat und mit dem abgezogen ist. Jewel will ihn für irgendwas andres von ihr eintauschen.«
»Oh, Estelle, Lily sagt, dass sie heiraten will!«, schrie Aimee Slocum.
»Na, so was«, sagte Estelle. Sie begriff nie etwas.
Loralee Adkins kam in ihrem Willys-Jeep angefahren und hupte, um herauszukriegen, wovon sie sprachen.
Aimee warf die Hände in die Luft und rannte auf die Straße. »Loralee, Loralee, du musst uns zu Lily Daw fahren! Sie bereitet ihre Hochzeit vor!«
»Ach du liebes Bisschen, steigt ein!«
»Na, das geht so grade«, sagte Mrs. Watts, als sie mit Hilfe der anderen ächzend auf den Rücksitz geschoben wurde. »Wir müssen Lily jetzt überreden, dass es viel schöner ist, wenn sie nach Ellisville geht.«
»Allein der Gedanke daran!«
Während sie um die Ecke fuhren, sprach Mrs. Carson in ihrer traurigen Stimme weiter, traurig wie die leisen Geräusche im Hühnerstall in der Dämmerung. »Wir haben Lilys arme, hilflose Mutter begraben. Wir haben Lily alles Essen und alles Anmachholz und jedes einzelne Kleidungsstück gegeben, das sie am Leib trägt. Wir haben sie in die Sonntagsschule geschickt, damit sie Gottes Wort hört, und haben sie baptistisch taufen lassen. Und als ihr alter Vater anfing, sie zu verhauen, und ihr mit dem Fleischermesser den Kopf abschneiden wollte, sind wir gekommen und haben sie da weggeholt und woanders untergebracht.«
Das ungestrichene Holzhaus mit den Wetterhähnen war teilweise drei Stockwerke hoch und hatte violett-gelbe Glasfenster an der Vorderfront, und die Veranda war mit verschnörkelten Holzschnitzereien verziert. Das Haus neigte sich stark zur Eisenbahn hin, und die Eingangstreppe fehlte. Der Wagen mit den Damen hielt unter der Zeder an.
»Jetzt ist Lily schon fast erwachsen«, fuhr Mrs. Carson fort. »Eigentlich ist sie schon erwachsen«, sagte sie abschließend und stieg aus.
»Sie spricht davon, dass sie heiraten will«, sagte Mrs. Watts angewidert. »Danke, Loralee, du kannst jetzt heimfahren.«
Sie stiegen über die staubigen Zinnien auf die Veranda und gingen ohne anzuklopfen durch die offene Tür ins Haus hinein.
»Also, in diesem Haus riecht es immer so komisch. Das sage ich jedes Mal, wenn ich hier bin«, sagte Aimee Slocum.
Lily war da, sie kniete im dunklen Flur auf dem Boden neben einem kleinen geöffneten Koffer.
Als sie die Damen sah, steckte sie eine Zinnie in den Mund und wartete ab.
»Hallo, Lily«, sagte Mrs. Carson vorwurfsvoll.
»Hallo«, sagte Lily. Nach einer Weile saugte sie an dem Zinnienstängel, und es klang genauso wie ein Eichelhäher. Da saß sie, im Unterrock statt in einem Kleid, und das war eine der Sachen, weshalb ihr Mrs. Carson ständig Vorhaltungen machte. Unter dem neuen Hut fiel ihr weißblondes Haar offen auf ihre Schultern herab. Man konnte die wellige Narbe an ihrem Hals sehen, wenn man wusste, dass sie dort eine hatte.
Mrs. Carson und Mrs. Watts, die beiden Dicksten, setzten sich in den zweisitzigen Schaukelstuhl. Aimee Slocum saß auf dem drahtgeflochtenen Stuhl, der Lily aus dem abgebrannten Drugstore gestiftet worden war.
»Na Lily, was machst du denn?«, fragte Mrs. Watts, die über die Geschwindigkeit des Schaukelns bestimmte.
Lily lächelte.
Der Koffer war alt und mit gelbbraunem Papier ausgeklebt, und in dunkleren Kreisen und Ringen war ein Sternchenmuster zu sehen. Die Damen gaben einander wortlos zu verstehen, dass sie keine Ahnung hatten, wo in aller Welt der Koffer hergekommen war. Er war leer bis auf zwei Stück Seife und einen grünen Waschlappen, und Lily war gerade dabei, diese Sachen im Koffer zurechtzuschieben.
»Jetzt sag uns doch, was du machst, Lily«, sagte Aimee Slocum.
»Dumme Frage, ich packe«, sagte Lily.
»Und wo willst du hin?«
»Ich heirate, und ich wett, Sie würden gern mit mir tauschen«, sagte Lily. Aber plötzlich wurde sie schüchtern, und sie steckte die Zinnie zurück in den Mund.
»Sag’s mir doch, meine Liebe«, sagte Mrs. Carson. »Erzähl der alten Mrs. Carson, warum du heiraten willst.«
»Nein«, sagte Lily nach kurzem Zögern.
»Also, wir haben uns etwas ausgedacht, was so viel schöner für dich wäre«, sagte Mrs. Carson. »Warum gehst du eigentlich nicht nach Ellisville!«
»Das wäre doch wunderbar!«, sagte Mrs. Watts. »Mein Gott, ja.«
»Es ist ein herrlicher Ort«, sagte Aimee Slocum mit unsicherer Stimme.
»Sie haben Pickel im Gesicht«, sagte Lily.
»Aimee, meine Liebe, du misch dich mal nicht ein, wenn’s dir nichts ausmacht«, sagte Mrs. Carson angespannt. »Ich weiß nicht, was mit Lily los ist, wenn du in der Nähe bist.«
Lily starrte Aimee Slocum nachdenklich an.
»Also! Würdest du nicht gern nach Ellisville fahren?«, fragte Mrs. Carson.
»Nein«, sagte Lily.
»Und warum nicht?« Die drei Damen beugten sich sehr erstaunt zu ihr hinunter.
»Weil ich heirate«, sagte Lily.
»Nun, und wen heiratest du, meine Liebe?«, fragte Mrs. Watts. Sie wußte, wie man Leute dazu bringt, dass sie das, was sie gesagt haben, wieder zurücknehmen.
Lily biss sich auf die Lippe und lächelte. Sie griff in den Koffer, hob beide Stück Seife hoch und wog sie in der Hand.
»Jetzt sag uns schon«, drang Mrs. Watts in sie. »Wen willst du denn heiraten?«
»Einen Mann von gestern Abend.«
Alle drei Damen schnappten nach Luft. Die Möglichkeit eines Liebhabers brach plötzlich über ihre Häupter herein wie Hagelschlag im Sommer. Mrs. Watts stand auf und versuchte, nicht zu schwanken.
»Einer von diesen Kerlen aus der Vorstellung! Ein Musiker!«, schrie sie.
Lily schaute voller Bewunderung zu ihr hoch.
»Hat er – hat er dir etwas getan?« Es war immer wieder einzig und allein Mrs. Watts, die die Führung übernehmen konnte.
»Oh, ja«, sagte Lily. Sie tippte mit ihren kleinen Fingerspitzen wählerisch auf die Seifenstücke und wickelte sie dann in den Waschlappen ein.
»Was?«, wollte Aimee Slocum wissen und erhob sich schwankend, bevor sie einen Schrei ausstieß. »Was?«, rief sie laut in den Flur hinein.
»Frag sie nicht, was«, sagte Mrs. Carson und trat von hinten dazu. »Sag mir nur, Lily – nur ja oder nein – bist du noch genauso wie davor?«
»Er hatte eine rote Jacke an«, antwortete Lily liebenswürdig. »Er nahm kleine Stöcke und machte damit ping-pong! ding-dong!«
»Ach, ich glaub, ich werde ohnmächtig«, sagte Aimee Slocum, aber die anderen sagten: »Nein, das wirst du nicht.«
»Das Xylophon!«, schrie Mrs. Watts. »Der Xylophonspieler! So ein Feigling, den sollte man in hohem Bogen aus der Stadt schmeißen!«
»Aus der Stadt? Das ist er schon längst«, schrie Aimee. »Kannst du denn nicht lesen? – Das Plakat im Café – Victory am 9., Como am 10.? Er ist in Como. Como!«
»Auch gut! Dann bringen wir ihn eben zurück!«, schrie Mrs. Watts. »Mir entkommt er nicht!«
»Sei still«, sagte Mrs. Carson. »Ich glaube nicht, dass es irgendetwas nützt, diese Linie weiterzuverfolgen. Auf längere Sicht ist es besser, wenn er ein für alle Mal aus unserem Leben verschwindet. So ein Kerl. Er hatte es doch nur auf Lilys Körper abgesehen, und er würde das arme kleine Ding nie im Leben glücklich machen, selbst wenn wir hingingen und ihn zwängen, sie zu heiraten, wie es sich gehört – ihm die Pistole auf die Brust setzten.«
»Aber …«, fing Aimee an und riss die Augen auf.
»Halt den Mund«, sagte Mrs. Watts. »Mrs. Carson, ich glaube, Sie hatten recht.«
»Das ist meine Aussteuertruhe – sehn Sie?«, sagte Lily höflich in der eintretenden Pause. »Sie haben sie noch nicht mal angeschaut. Ich hab schon Seife und einen Waschlappen. Und meinen Hut hab ich – schon auf. Was schenken Sie mir alle?«
»Lily«, sagte Mrs. Watts und kam herüber, »wir schenken dir ganz viele wunderbare Sachen, wenn du nur nach Ellisville gehst, statt zu heiraten.«
»Was schenken Sie mir?«, fragte Lily.
»Ich schenk dir zwei hohlsaumgestickte Kopfkissenbezüge«, sagte Mrs. Carson.
»Ich schenk dir einen großen Karamellkuchen«, sagte Mrs. Watts.
»Ich schenk dir ein Souvenir aus Jackson – eine kleine Spielzeugbank«, sagte Aimee Slocum. »Willst du jetzt gehen?«
»Nein«, sagte Lily.
»Ich schenk dir eine schöne kleine Bibel mit deinem Namen in echtem Gold drauf«, sagte Mrs. Carson.
»Was ist, wenn ich dir einen Büstenhalter aus rosa Crêpe de Chine mit verstellbaren Trägern schenken würde?«, fragte Mrs. Watts grimmig.
»Oh, Etta!«
»Na, sie braucht einen«, sagte Mrs. Watts. »Was würden sie glauben, wenn sie in Ellisville im Unterrock rumläuft wie eine Zigeunerin?«
»Ich wünschte, ich könnte nach Ellisville fahren«, sagte Aimee Slocum verlockend.
»Was gibt’s dort für mich?«, fragte Lily leise.
»Oh! Eine ganze Menge. Du kannst dort Körbe flechten, nehm ich an …« Mrs. Carson schaute die anderen unsicher an.
»Aber sicher, du darfst dort alle möglichen Körbe flechten«, sagte Mrs. Watts. Dann verlor sich auch ihre Stimme.
»Nein, ich will lieber heiraten«, sagte Lily.
»Lily Daw! Das ist aber jetzt purer Eigensinn!«, schrie Mrs. Watts. »Du hast fast schon gesagt, dass du fährst, und jetzt nimmst du’s wieder zurück!«
»Wir haben alle den lieben Gott gefragt, Lily«, sagte Mrs. Carson schließlich, »und Gott sagt uns – Mr. Carson auch –, dass Ellisville der Ort ist, wo du sein sollst, um richtig glücklich zu sein.«
Lily schaute ehrfurchtsvoll, aber immer noch eigensinnig herüber.
»Wir müssen sie ganz einfach hinbringen – jetzt!«, schrie Aimee Slocum ganz plötzlich. »Stellt euch vor –! Sie kann nicht länger hierbleiben!«
»Ach nein, nein, nein«, sagte Mrs. Carson eilig. »Daran dürfen wir gar nicht denken.«
Sie saßen ganz verzweifelt da.
»Könnt ich meine Aussteuertruhe mitnehmen – nach Ellisville?«, fragte Lily scheu und schaute die Damen von der Seite her an.
»Aber sicher«, sagte Mrs. Carson ausdruckslos.
Stumm erhoben sie sich ein zweites Mal.
»Ach, wenn ich nur meine Aussteuertruhe mitnehmen dürfte!«
»Es ging ihr die ganze Zeit nur um ihre Aussteuertruhe«, flüsterte Aimee.
Mrs. Watts klatschte in die Hände. »Das hätten wir also!«
»Dem Himmel sei Dank«, flüsterte Mrs. Carson.
Lily schaute zu ihnen auf, und ihre Augen glänzten. Sie neigte den Kopf zur Seite und sagte in stolzer Nachahmung irgendeiner anderen – ganz unbekannten – Person:
»Okay – Schätzchen!«
Die Damen nickten und lächelten und gingen rückwärts auf die Tür zu.
»Ich glaub, ich bleibe besser hier«, sagte Mrs. Carson und blieb stehen. »Wo – wo hat sie nur diesen grässlichen Ausdruck her?«
»Pack ein«, sagte Mrs. Watts. »Lily Daw fährt mit dem ersten Zug nach Ellisville.«
Auf der Bahnstation keuchte der Zug. Fast alle Bewohner von Victory standen herum und warteten, dass er abfuhr. Die Stadtkapelle von Victory war freiwillig dazugestoßen und hatte sich unter die Menge verteilt. Ed Newton tat so, als wolle er auf seiner Baritonklarinette zu spielen anfangen. Auf dem Bahnsteig entwischten Küken aus einer Lattenkiste. Alle wollten die für die Reise zurechtgemachte Lily sehen, aber Mrs. Carson und Mrs. Watts hatten sie von der anderen Seite des Gleises in den Zug eingeschleust.
Die beiden Damen wollten bis Jackson mitfahren, um Lily beim Umsteigen zu helfen und um sicherzugehen, dass sie in die richtige Richtung fuhr.
Lily saß zwischen ihnen auf dem Plüschsitz. Ihre Haare waren gekämmt und zu einem Knoten hochgesteckt. Darüber saß ein kleiner blauer Hut, den Jewel ihr für den schönen neuen gegeben hatte. Sie trug ein Reisekleid, das teilweise aus Mrs. Watts Trauerkleidung vom letzten Sommer geschneidert war. Rosa Träger schimmerten durch den Stoff. Lily hielt eine Handtasche, eine Bibel und einen noch warmen Kuchen in einer Schachtel auf dem Schoß.
Aimee Slocum hatte die Post noch stempeln und bündeln müssen. Sie stand jetzt im Gang des Eisenbahnwagens, Tränen liefen ihr aus den Augen.
»Auf Wiedersehn, Lily«, sagte sie. Sie war diejenige, der alles zu Herzen ging.
»Auf Wiedersehn, du Dummchen«, sagte Lily.
»Mein Gott, ich hoffe, sie kriegen unser Telegramm und holen sie in Ellisville ab!«, rief Aimee klagend aus und dachte daran, wie weit es war. »Und es war auch so schwer, alles in zehn Worten auszudrücken.«
»Steig aus, Aimee, bevor der Zug losfährt und du dir den Hals brichst«, sagte Mrs. Watts, die ihren Platz eingenommen hatte und fröhlich ihren guten Fächer hin- und herschwenkte. »Ich sag euch was, es ist ja so heiß, dass ich mein Korsett auszieh, sobald wir ein paar Kilometer aus der Stadt draußen sind.«
»Ach Lily, du musst dort nicht weinen. Sei nur schön brav und tu, was sie dir sagen – es geschieht alles, weil sie dich liebhaben.« Aimee zog ihre Mundwinkel herunter und machte sich durch den Gang rückwärts davon.
Lily lachte. Sie zeigte über Mrs. Carsons Busen hinweg mit dem Finger auf einen Mann. Er war aus dem Zug ausgestiegen und stand dort allein herum. Er war offensichtlich ein Fremder, und er hatte eine Kappe auf dem Kopf.
»Schaut mal!«, sagte sie und lachte leise durch die Finger.
»Schau – nicht«, sagte Mrs. Carson so betont, als wollte sie von allen Worten, die sie jemals gesprochen hatte, gerade diese beiden feierlichen Worte dem weichen Hirn Lilys einprägen. Und sie fügte hinzu: »Schau nirgendwo hin, bis du in Ellisville bist.«
Draußen weinte Aimee Slocum so sehr, dass sie fast in den Fremden hineinrannte. Er trug eine Kappe und war klein und schien parfümiert zu sein, wenn das überhaupt möglich war.
»Könnten Sie mir sagen, Madame«, sagte er, »wo in dieser Stadt eine junge Dame namens Miss Lily Daw wohnt?« Er lüpfte seine Kappe – er hatte rotes Haar.
»Warum wollen Sie das wissen?«, entschlüpfte es Aimee.
»Sprechen Sie lauter«, sagte der Fremde. Er selbst flüsterte fast.
»Sie ist weggefahren – nach Ellisville!«
»Weggefahren?«
»Nach Ellisville gefahren!«
»Na, das hat man gern!« Der Mann schob seine Unterlippe vor und blies Luft nach oben, bis seine Haare flogen.
»Was hatten Sie mit Lily vor?«, schrie Aimee plötzlich.
»Wir wollten nur heiraten, sonst nichts«, sagte der Mann.
Da fing Aimee Slocum vor allen Leuten an laut zu schreien. Sie deutete mit dem Finger auf die lange schwarze Kiste, die sie zu Füßen des Mannes auf dem Boden liegen sah. Dann sprang sie vor Schreck zurück.
»Das Xylophon! Das Xylophon!«, schrie sie und schaute zwischen dem Mann und dem fauchenden Zug hin und her. Was war das größere Übel? Die Glocke fing an dumpf zu läuten, und der Mann sagte etwas.
»Sagten Sie Ellisville? Im Staat Mississippi?« Blitzschnell zog er ein rotes Büchlein heraus, auf dem »Fakten und Zahlen« stand. Er schrieb etwas auf. »Ich bin nämlich schwerhörig.«
Aimee nickte mit dem Kopf und lief um den Fremden herum.
Unter »Ellis-Ville, Miss.« zog er einen Strich und markierte die Stelle noch mit zwei kleinen Zeichen. »Vielleicht hat sie mir nicht gesagt, dass sie das vorhat. Vielleicht hat sie gesagt, dass sie nichts vorhat.« Plötzlich lachte er sehr laut los, nachdem er die ganze Zeit nur geflüstert hatte. Aimee sprang zurück. »Die Frauen! – Na ja, wenn wir irgendwann mal irgendwo in der Nähe von Ellisville, Miss., spielen, dann besuch ich sie vielleicht, und vielleicht auch nicht«, sagte er.
Jetzt gab die Baritonklarinette den richtigen Einsatz für die Musikband. Weißer Dampf quoll aus der Lokomotive. Normalerweise hielt der Zug nur eine Minute lang in Victory, aber der Lokomotivführer kannte Lily vom Zuwinken her, und er wusste, dass heute ihr großer Tag war.
»Warten Sie!«, schrie Aimee Slocum. »Warten Sie, Mister! Ich kann sie Ihnen bringen! Warten Sie, Herr Lokomotivführer! Fahren Sie noch nicht ab!«
Dann war sie wieder im Zug und schrie Mrs. Carson und Mrs. Watts ins Gesicht.
»Der Xylophonspieler! Der Xylophonspieler, der sie heiraten will! Da ist er!«
»Unsinn«, murmelte Mrs. Watts und schaute über die anderen hinweg in die Richtung, in die Aimee deutete. »Also, ich seh ihn nicht. Wo soll er sein? Du schaust ja zum einäugigen Beasley hin.«
»Der kleine Mann mit der Kappe – nein mit dem roten Haar! Macht schnell!«
»Ist er das wirklich?«, fragte Mrs. Carson staunend Mrs. Watts. »Meine Güte, der ist aber klein, oder?«
»Den hab ich noch nie in meinem Leben gesehn!«, rief Mrs. Watts aus. Aber ganz plötzlich schob sie ihren Fächer zusammen.
»Los! Weg von hier!«, schrie Aimee Slocum. Sie war mit ihren Nerven am Ende.
»Schon gut, krieg nicht gleich einen hysterischen Anfall, meine Liebe«, sagte Mrs. Watts. »Los«, sagte sie mit belegter Stimme zu Mrs. Carson.
»Wohin gehen wir denn?«, fragte Lily, als sie sich durch den Gang hinauskämpften.
»Du heiratest jetzt, und wir bringen dich hin«, sagte Mrs. Watts. »Mrs. Carson, rufen Sie doch gleich auf dem Bahnhof Ihren Mann an.«
»Aber ich will doch gar nicht heiraten«, sagte Lily und fing zu wimmern an. »Ich fahre doch nach Ellisville.«
»Sei still, nachher essen wir alle zusammen Eis«, flüsterte Mrs. Carson.
Als sie am Ende des Zuges vom Trittbrett stiegen, fing die Kapelle gerade an, den Unabhängigkeitsmarsch zu spielen.
Der Xylophonspieler war noch da und klopfte mit seinem Fuß auf den Boden. Er kam heran und sagte: »Hallo, Schätzchen. Was haste denn – Mucken?«, und küsste Lily schmatzend, und dann ließ sie den Kopf hängen.
»Also, Sie sind der junge Mann, von dem wir so viel gehört haben«, sagte Mrs. Watts. Sie lächelte strahlend. »Hier ist Ihre kleine Lily.«
»Was sagen Sie?«, fragte der Xylophonspieler.
»Zufälligerweise ist mein Mann der baptistische Pfarrer von Victory«, sagte Mrs. Carson mit lauter, klarer Stimme. »Ist das nicht ein Glück? Ich kann ihn in fünf Minuten herholen: Ich weiß genau, wo er ist.«
Sie standen im Kreis um den Xylophonspieler herum und gingen dann alle in das weiß getünchte Wartezimmer.
»Ach, in so einem Augenblick will ich am liebsten weinen«, sagte Aimee Slocum. Sie schaute zurück und sah, wie sich der Zug langsam entfernte und unter der Brücke an der Hauptstraße hindurchfuhr. Dann verschwand er um die Kurve.
»Ach, die Aussteuertruhe!«, schrie Aimee entsetzt auf.
»Und mit wem haben wir die Ehre?«, schrie Mrs. Watts, während Mrs. Carson zum Telefonieren ging.
Die Kapelle spielte weiter. Manche Leute glaubten, dass Lily im Zug saß, und andere schworen, dass sie ausgestiegen war. Aber alle jubelten, und ein Strohhut wurde in die Telefondrähte hochgeworfen.