3Radikale Demokratietheorie

Ein Handbuch

Herausgegeben von Dagmar Comtesse, Oliver Flügel-Martinsen, Franziska Martinsen, Martin Nonhoff

Suhrkamp

9Danksagung

Als Herausgeber*innen des vorliegenden Handbuchs bedanken wir uns bei Lea Allers, M. A., und Samia Mohammed, B. A., für die umfangreiche Unterstützung des Projekts in Form von Recherche, Übersetzung, Satz und Redigat. Ebenso danken wir Philipp Hölzing und dem Suhrkamp-Lektorat für die sorgfältige Durchsicht und umsichtige Korrektur. Unser besonderer Dank gilt Sabine und Dr. Reinhard Martinsen für ihre großzügige Gastfreundschaft sowohl in Hannover als auch im »Haus über dem Deich« an der Weser, wo die genau passende Atmosphäre für produktive Arbeitstreffen möglich war.

Frankfurt/M., Hannover, Bremen, im Frühjahr 2019

Dagmar Comtesse, Oliver Flügel-Martinsen,

Franziska Martinsen, Martin Nonhoff

111. Einleitung

Dagmar Comtesse, Oliver Flügel-Martinsen, Franziska Martinsen, Martin Nonhoff

Was ist radikale Demokratietheorie?

Das Handbuch zur radikalen Demokratietheorie stellt ein Denken vor, das den derzeitigen demokratietheoretischen Mainstream herausfordert. Bislang dominieren in der aktuellen Demokratieforschung vor allem zwei Herangehensweisen: Auf der einen Seite steht ein traditions- und facettenreicher Strang normativer Theoriebildung, dem es um die Begründung liberaldemokratischer, institutionalisierter Ordnungen, ihrer Prinzipien und konstitutiven Merkmale zu tun ist. Auf der anderen Seite hat sich ein einflussreicher Forschungszweig herausgebildet, der sich positivistisch mit der Messung und dem Vergleich von Demokratiemodellen beschäftigt. Zwei Aspekte geraten bei beiden Herangehensweisen leicht aus den Augen: Zum einen kann man von der Stabilität der institutionalisierten Formen der repräsentativen Demokratie keineswegs einfach ausgehen, sondern Demokratie muss sich immer konkret in der stets kontingenten politischen Praxis manifestieren. Zum anderen ist demokratische Praxis keine beliebige politische Praxis, sondern unauflösbar an die Idee gebunden, dass wir uns als Freie und Gleiche begegnen.[1] Allerdings wird dieser emanzipatorische und egalitäre Kern der Demokratie in den institutionalisierten Formen der Demokratie regelmäßig verfehlt.

Bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen teilen die in diesem Handbuch vorzustellenden Ansätze radikaldemokratischen Denkens das Ziel, diesen beiden sonst oft wenig beachteten Aspekten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie verknüpfen eine Befragung der normativen Begründungen der Demokratie mit der (im Grunde genommen kaum umstrittenen, aber leicht in Vergessenheit geratenden) Erkenntnis, dass sich bestehende Ordnungsmuster im Rahmen politischer Handlungen aufbrechen lassen. Zum Beispiel konfrontiert Jacques Rancières vielbeschworene Losung von 12der Unterbrechung der Logik institutioneller Politik und ihrer auf Konsens abgestellten Regelwerke liberale repräsentative Demokratien mit einem Konzept des Politischen, das sich als widerständiger Dissens gegenüber den in vermeintlicher Alternativlosigkeit eingerichteten Regierungspolitiken ausdrückt.[2] Und mit der vielleicht bekanntesten Fassung radikaler Demokratietheorie, nämlich jener, die von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe 1985 explizit als »sozialistische Strategie« formuliert wurde,[3] lassen sich liberale (und für gewöhnlich kapitalistische) Demokratien als etablierte Hegemonien begreifen, die aber gleichwohl weiter demokratisiert werden können, wenn sich verschiedene emanzipatorische Kräfte in einer gegenhegemonialen Bewegung zusammenschließen.

Bemüht man sich um eine systematische Skizze des Feldes, so kann man unseres Erachtens auf drei Weisen sinnvoll von radikaler Demokratietheorie sprechen:[4] Erstens lässt sich von einer radikalen Demokratietheorie dort sprechen, wo über eine besonders intensive und alle Gesellschaftsformationen durchdringende Form der demokratischen Selbstregierung nachgedacht wird. Radikalisierung bedeutet dabei, die Demokratie als Lebensform einer gemeinsamen Verfügung über alles, was die Gemeinschaft betrifft, auf möglichst viele Bereiche des Lebens auszuweiten. So kann es z. B. darum gehen, Betriebe zu demokratisieren. Das Ziel besteht nicht nur darin, gemeinsam zu entscheiden, sondern überhaupt bestimmte Fragen zu Fragen zu machen, die in der Öffentlichkeit bekannt gemacht und beraten werden sollen.[5] Die Forderung einer »Demokratisierung der Demokratie«[6] wird auch regelmäßig erhoben, um in repräsentativen Demokratien Entwicklungen zu kritisieren, die auf Formen einer eher hinter geschlossenen Türen stattfinden13den Elitenherrschaft hinauslaufen. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf das Recht des Volkes verwiesen, die Eliten zu kontrollieren und sie in die Schranken zu weisen.[7] Auch die Frage der Reichweite und der Grenzen der Volkssouveränität wird hierbei zum Thema.[8]

Zweitens kann das Etikett der radikalen Demokratietheorie dort Verwendung finden, wo Autor*innen darauf verweisen, dass in modernen Demokratien grundsätzlich jede Institution und jede Norm legitimerweise zum Gegenstand kritischer Befragung durch alle (oder wenigstens durch alle Betroffenen) werden kann. Grundlegend für radikale Demokratie in diesem Sinne ist ein postessentialistischer Gesellschaftsbegriff, also die Überlegung, dass menschliche Gesellschaften keine festgelegten, ›natürlichen‹ Konturen oder Eigenschaften besitzen, sondern eine variable Gestalt aufweisen, die auf menschliche Entscheidungen und menschliches Handeln zurückgeht. Dass gesellschaftliche Verhältnisse radikal befragbar sind, heißt aus dieser zweiten Perspektive allerdings nicht, dass es nicht einen angemessenen Modus gäbe, um Antworten zu finden: nämlich den rationalen Austausch von Argumenten. Paradigmatisch für diese Position steht die deliberative Demokratietheorie von Jürgen Habermas, der durchaus auch auf den Begriff der »radikalen Demokratie« rekurriert[9] und damit insbesondere meint, dass Normen nur dann Gültigkeit beanspruchen können, wenn »alle möglicherweise Betroffenen […] aus guten Gründen zustimmen können«.[10] Die Rede von den »guten Gründen« verweist darauf, dass in dieser Fassung radikaler Demokratie zwar »alles Inhaltliche in den Bereich des Kontingenten«[11] gehört, dass aber zugleich die Klärung von Geltungsansprüchen erfolgt, indem man die Maßstäbe einer einheitlich zu denkenden Vernunft in Anschlag bringt. Das Zusammenspiel der Öffentlichkeit mit den etablierten Institutionen des 14demokratischen Rechtsstaats ist dann gelungen, wenn es ermöglicht, Geltungsansprüche vernünftig zu klären.

Drittens schließlich umfasst auch die heute wohl häufigste Form, von radikaler Demokratie zu sprechen, den Verweis darauf, dass moderne Gesellschaften von einer unausweichlichen Kontingenz geprägt sind.[12] Allerdings macht die Kontingenzannahme weder bei den etablierten Institutionen des demokratischen Rechtsstaats noch bei der Idee einer einheitlichen Vernunft halt. Die erforderlichen Verfahren und Institutionen der Selbstregierung, aber auch die normativen Leitlinien des Zusammenlebens werden vielmehr von der je konkreten Praxis derjenigen her gedacht, die sich als Freie und Gleiche begreifen. Soziale, ökonomische und kulturelle Zustände werden als Ergebnisse kontingenten politischen Handelns begriffen, wobei zwar gelegentlich wahrgenommene Sachzwänge oder moralische Erwägungen eine Rolle spielen mögen, aber letztlich keine Ableitung von Entscheidungen erlauben. In diesem Sinne sind alle spezifischen Ausgestaltungen der menschlichen Welt politisch hervorgebracht; nichts ist einfach gegeben oder »vernünftig«. Vielmehr gilt als das Kennzeichen der Demokratie, »daß sie die Grundlagen aller Gewißheit auflöst«.[13] Aus Sicht von radikalen Demokratietheorien verweist z. B. einer der demokratietheoretischen Zentralbegriffe schlechthin, nämlich ›das Volk‹ der Demokratie, gerade nicht auf einen festen Bezugspunkt. Vielmehr handelt es sich um einen jeweils anders besetzbaren Begriff, den es in demokratisch-diskursiven Kämpfen in Anspruch zu nehmen gilt.

Demokratie ist nach diesem dritten, gebräuchlichsten Verständnis also deswegen radikal, weil sie sich selbst immer wieder hervorbringen und absichern muss – jenseits dieser Selbstgenerierung besitzt Demokratie kein Fundament. Bei vielen Autor*innen zeigt sich die Radikalität auch in einem originär emanzipatorischen Anspruch, der die Veränderbarkeit der herkömmlichen Politikstrukturen repräsentativer, liberal-kapitalistischer Demokratien betont. In diesem Zu15sammenhang kommt der Unterscheidung zwischen dem Begriff der Politik (la politique) und dem Begriff des Politischen (le politique)[14] eine konstitutive Rolle zu. Es handelt sich um die kritische, kontrastive Differenz zwischen der Domäne Politik (d. h. den etablierten Strukturen, Institutionen und Handlungsmustern in realen politischen Gemeinschaften) einerseits und den spezifischen Modi ihrer Durchbrechung, Infragestellung oder Überwindung durch das Politische andererseits. Die systematische Diskussion dieser politischen Differenz wird in keiner anderen Denkschule so umfassend reflektiert wie im Rahmen der radikalen Demokratietheorie.[15]

Ebenso kommt den radikalen Demokratietheorien ein Alleinstellungsmerkmal dahingehend zu, dass sie den Fokus auf das Wechselspiel zwischen der institutionellen Begrenzung von dynamischen Prozessen und den episodischen, zuweilen eruptiven Momenten der Entgrenzung[16] durch originär politische Handlungen richten. Demokratie birgt dadurch das Potential für die Erweiterung und Überschreitung von erkenntnistheoretischen wie praxisbezogenen Grenzziehungen, verkoppelt mit einem auf die gesellschaftliche Öffnung ausgerichteten Emanzipationsversprechen. Damit erweist sich die radikale Demokratietheorie zum einen als fruchtbar für Debatten über demokratische Politisierungsbedingungen und -möglichkeiten und zum anderen als widerständig gegen Refundamentalisierungsversuche in Politik und politischer Theorie. Gerade vor dem Hintergrund von erstarkenden rechtspopulistischen Bewegungen, die auf eine verstärkte Schließung politischer Kategorien – des Volkes, des Gemeinwohls, der Nation – setzen, aber auch im Angesicht eines verbreiteten, kaum hinterfragenden Sich-Abfindens mit den gegebenen Institutionen der repräsentativen, liberalen Demokratie offerieren radikale Theorien der Demokratie intellektuelle Ressourcen, um die Offenheit und Kontingenz sozialer und politischer Verhältnisse stets aufs Neue zu markieren – und so das emanzipatorische Versprechen der Demokratie immer wieder in Erinnerung zu rufen.

16Zum Aufbau des Handbuchs

Wie dieser sehr kursorische Überblick bereits andeutet, hat der Diskurs der radikalen Demokratie in jüngster Zeit eine enorme Ausfächerung erfahren, die einen Bedarf nach einem strukturierenden Überblick entstehen lässt, welcher zugleich die dem Denken der radikalen Demokratie verpflichtete Erwartung erfüllt, die Pluralität und Diversität seiner Positionen zu betonen. Das vorliegende Handbuch dient genau diesen beiden Zwecken: Auf der einen Seite kann es als ein Glossarium der Diskurse über radikale Demokratie gelesen werden, auf der anderen Seite glättet es aber die teils erheblichen Differenzen nicht, sondern sucht stattdessen die wesentlichen Kontroversen auszuleuchten.

Dazu ist es in vier Teile untergliedert, die zwar – der Linearität des Satzes eines Buches geschuldet – auf den ersten Blick eine Abfolge suggerieren, jedoch eher in einem miteinander verflochtenen und an unterschiedlichen Stellen aufeinander verweisenden Verhältnis zueinander stehen – es kann also von hinten ebenso wie von der Mitte oder vom Anfang her gelesen werden, und es sind Sprünge zwischen den verschiedenen Abteilungen und Unterabteilungen möglich und empfehlenswert. Zahlreiche begriffliche und systematische Querverweise in den einzelnen Artikeln und ein Sach- und Personenregister bieten dafür die entsprechende Orientierungshilfe.

Teil I: Vorläufer*innen und Inspirationsquellen

Im ersten Teil des Handbuchs Radikale Demokratietheorie werden theoriegeschichtliche Autor*innen und deren Positionen dargestellt, die sowohl in historischer als auch in systematischer Hinsicht für die Entwicklung und Ausgestaltung von zeitgenössischen radikaldemokratischen Theorieansätzen von Bedeutung sind. Dieser Teil umfasst in Abteilung I.a in chronologischer Reihenfolge Darstellungen von Theoretiker*innen, die deshalb als Vorläufer*innen radikaldemokratischen Denkens gelten, weil ihr Werk entweder erste Denkanstöße und Ideen zu einer Theorie radikaler Demokratie liefert oder weil sie selbst bereits radikaldemokratisch relevante Theoreme vertreten. Auf Niccoló Machiavelli und Baruch de Spinoza, deren demokratietheoretische Ansätze als radikaldemo17kratisch avant la lettre aufgefasst werden können, folgen Portraits von Jean-Jacques Rousseau, den Anti-Federalists und Karl Marx als wichtigen Theoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts, auf deren zentrale Argumente zahlreiche Autor*innen des ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführten Diskurses über radikale Demokratie rekurrieren. John Dewey, Antonio Gramsci und Hannah Arendt werden als Autor*innen behandelt, die gleichsam als Scharniere zwischen der ideengeschichtlichen und der gegenwärtigen Diskussion fungieren. Unter der Rubrik Vorläufer*innen werden also Autor*innen wichtiger Grundgedanken versammelt, die einerseits in systematischer Hinsicht für gegenwärtige radikaldemokratische Theorieansätze bedeutsam sind, andererseits zum Teil überhaupt erst durch neuere Forschungen als wesentliche Vordenker*innen der radikaldemokratischen Theorieentwicklung entdeckt werden.

In Abteilung I.b werden ebenfalls in chronologischer Reihenfolge Denker*innen vorgestellt, die keine radikaldemokratischen Thesen im engeren Sinne vertreten, deren Werke jedoch maßgebliche Inspirationsquellen für radikaldemokratische Ansätze zeitgenössischer Theoretiker*innen sind. Neben Philosophen wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Nietzsche, Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Michel Foucault und Louis Althusser, die in epistemologischer wie wissenschaftstheoretischer Hinsicht (Stichwort »Kontingenz« bzw. »Grundlosigkeit«) bedeutsam für viele radikaldemokratische Theoretiker*innen sind, spielen insbesondere psychoanalytische Ansätze wie diejenigen Sigmund Freuds und Jacques Lacans eine Rolle, z. B. hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Fragen der »Subjektivierung« oder der »Identität«. Zudem sind sprachwissenschaftliche Zugänge wie der von Ferdinand de Saussure für einzelne Autor*innen, etwa für Ernesto Laclau oder Chantal Mouffe (Stichwort »Diskurs«), so bedeutsam, dass sie im Handbuch nicht fehlen dürfen.

In Abteilung I.c werden in Kurzportraits eine Reihe von Autor*innen vorgestellt, die im Kontext der radikalen Demokratietheorie noch wenig erforscht sind. Obwohl sie sich der Sache nach oder zumindest in einem weiteren Sinne mit radikaldemokratischen Forderungen und Theorieansätzen auseinandersetzen, befinden sich diese Denker*innen jenseits des radikaldemokratischen ›Kanons‹, da sie sich entweder in ihrem jeweiligen historischen Kontext 18außerhalb professionalisierter und etablierter akademischer Kreise bewegten und daher bis heute kaum rezipiert wurden oder weil sie von der Forschung aufgrund anderer disziplinärer Zuordnungen (z. B. im Falle der Suffragetten in der feministischen Kulturwissenschaft) bislang nicht im Zusammenhang mit radikaldemokratischer Theoriebildung verortet werden. Deren Ansätze werden von zeitgenössischen Vertreter*innen radikaldemokratischer Theorien in der Regel nicht rezipiert. Es handelt sich bei den Kurzdarstellungen um die Suffragetten als Kämpferinnen für den Anteil von Frauen an politischer Partizipation, um eine Übersicht über die Rezeption von Autor*innen des Vormärz den afroamerikanischen Abolitionismustheoretiker Frederick Douglass und den anarchistischen Sozialphilosophen Gustav Landauer. Die Auswahl einiger exemplarischer Beispiele von bislang noch nicht ausführlicher im Kontext der Radikalen Demokratietheorie wahrgenommenen und diskutierten Autor*innen beansprucht keinesfalls umfänglich zu sein. Im Gegenteil, sie versteht sich als erste Anregung für eine vertiefende Forschung, vor allem aber für weitere Entdeckungen noch nicht erschlossener Ideen als Inspirationsquellen für den Diskurs über radikale Demokratie.

Teil II: Aktuelle Positionen

Der ebenfalls autor*innenzentrierte Teil II wendet sich den aktuellen Positionen des radikaldemokratischen Diskurses zu. Da der Diskurs der radikalen Demokratie als ein weites und zugleich heterogenes Feld begriffen werden muss, dessen genaue Konturen und Struktur konstitutiv umstritten sind, haben sich die Herausgeber*innen des vorliegenden Handbuchs konzeptionell dafür entschieden, diese Weite und Heterogenität abzubilden und sie nicht durch einen engen und damit stark selektiven begrifflichen Zuschnitt dessen, was radikale Demokratie allein ausmachen soll, vorgängig zu reduzieren. Der andauernden Kontroverse über die Konturen des Diskurses der radikalen Demokratie wird dadurch in besonderer Weise Rechnung getragen, dass auf eine weitere Strukturierung etwa in Form einer Zusammenstellung von Autor*innengruppen verzichtet wird. Die einschlägigen zeitgenössischen Autor*innen werden daher in alphabetischer Reihenfolge präsentiert.

Naturgemäß lässt sich auch bei einer inklusiven Vorgehensweise 19eine darstellungspragmatischen Motiven folgende Selektivität nicht vollständig vermeiden: Auch wenn wir explizit davon absehen, ein bestimmtes Verständnis von radikaler Demokratie zu privilegieren und dementsprechend die vorzustellenden Positionen auszuwählen, kann auch das vorliegende Handbuch letztlich nur eine Auswahl an Autor*innen bieten. Die Auswahlkriterien sind hierbei neben den oben genannten Merkmalen der Kontingenzannahme bezüglich sozialer und politischer Ordnungen und der Intensivierung von Demokratie auch Selbst- oder Fremdzuschreibungen, dass es sich um eine*n Autor*in der radikalen Demokratietheorie handelt. Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich, dass sich die Unterscheidung von Ideengeschichte und Gegenwartsdebatten ebenfalls kaum scharf treffen lässt. So zeigt sich derzeit bspw. bereits in Einführungen und Überblicksdarstellungen zum politischen Denken, dass Positionen des 20. Jahrhunderts historisiert werden, die noch vor wenigen Jahren ganz selbstverständlich als Gegenwartsdenken thematisiert wurden. Die zeitliche Trennlinie zwischen ideengeschichtlichen und gegenwärtigen Autor*innen wurde ungefähr in der Mitte des 20. Jahrhunderts angesetzt, wobei ein Schwerpunkt auf dem letzten Drittel des 20. und den beiden ersten Dekaden des gegenwärtigen Jahrhunderts liegt.

Teil III: Grundbegriffe

Wie die Vielfalt der Autor*innen, die in den Teilen I und II vorgestellt werden, demonstriert, ist das Feld der Theorien radikaler Demokratie durchaus heterogen. Der systematische Zusammenhang wird durch zentrale Begriffe hergestellt, die für die in den Teilen I und II diskutierten Ansätze des Handbuchs eine strukturierende Funktion haben. Zu beachten ist dabei allerdings, dass sich eine widerspruchsfreie Begriffsverwendung oder gar ein widerspruchsfreies Begriffssystem nicht rekonstruieren lässt, da die verschiedenen Ansätze teils konträre Zugänge zu den zentralen Termini haben. In diesem Teil des Handbuchs geht es vielmehr darum, dem Feld radikaler Demokratietheorien eine begriffliche Kontur zu verleihen, die einen groben Überblick über die verhandelten Fragen erlaubt.

Die in diesem Teil dargestellten Begriffe, Begriffspaare und Begriffsfelder lassen sich in zwei Blöcke unterteilen: In einem ersten Block (Abteilung III.a) untersuchen die Autor*innen dieses Hand20buchs jene Begriffe, die als »zentrale Begriffe« radikaler Demokratietheorien gelten können. Dieser Status ergibt sich (a) dadurch, dass aktuelle radikaldemokratische Positionen regelmäßig mit ihnen arbeiten, und/oder (b) dadurch, dass kommentierende oder rekonstruierende Debatten zu Fragen der radikalen Demokratie auf diese Begriffe besonderen Wert legen. Der Unterschied zwischen beiden Arten, die Relevanz eines zentralen Begriffs zu bestimmen, lässt sich leicht an den beiden Bestandteilen von »radikaler Demokratie« zeigen: Zwar beziehen sich alle für dieses Handbuch relevanten Positionen auf den Begriff der »Demokratie«. Zugleich ist es aber nicht so, dass all diese Positionen von »radikaler« Demokratie sprechen (man findet einen expliziten Bezug auf die Terminologie der radikalen Demokratie beispielsweise bei Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, aber auch bei Jürgen Habermas; er fehlt hingegen etwa bei Jacques Rancière oder Jacques Derrida). Die Rede von der »Radikalität« der Demokratie resultiert also wenigstens zum Teil aus der kommentierenden und vereinheitlichenden Konstruktion des uns interessierenden Theoriefeldes.

Die zentralen Begriffe, die in Abteilung III.a des Handbuchs verhandelt werden, sind: Demokratie, Demos/Volk, Dissens/Konflikt/Kampf, Entscheidung, Ereignis, Freiheit/Gleichheit, Gouvernementalität, Hegemonie, das Imaginäre, Konstituierende vs. konstituierte Macht, Kontingenz/Grundlosigkeit, Kritik, Politik und Politisches, Populismus, Radikal_ität, Souveränität, Staat und Subjektivierung.

Neben den zentralen Begriffen wird innerhalb dieser Sektion ein zweiter Block (Abteilung III.b) durch eine Reihe von Termini gebildet, die eher dazu dienen, breitere Themenfelder zu umschreiben, die für Theorien radikaler Demokratie eine wichtige Rolle spielen, die aber zugleich terminologisch nicht im Zentrum der eigenen, radikaldemokratischen Theoriebildung stehen. Diese Themenfelder sind: Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit, Grenzen, Ordnung/Ordnungslosigkeit, Partizipation und Pluralismus, Staatbürgerschaft/(Klassen-)Zugehörigkeit.

21Teil IV: Kontroversen

Dieser Teil des Handbuches fokussiert auf die Grenzen der radikalen Demokratietheorie durch das Aufzeigen und Strukturieren von Konflikten und Spannungen zwischen Positionen, in die sich verschiedene Autor*innen einreihen lassen. Einerseits betont der Abschnitt über die Kontroversen damit die Heterogenität der radikalen Demokratietheorie und praktiziert deren normativen Anspruch, Konflikte aufzuzeigen; andererseits führt die Darstellung der inneren Konflikte und Spannungen auch zu einer Profilierung der Kernpositionen und ihrer Varianzen. Es wird nämlich auch sichtbarer, welche theoretischen Ansätze nicht mehr mit diesen Kernpositionen vereinbar sind und wo sich Anknüpfungs- oder Abgrenzungspunkte zu anderen Strömungen der Demokratietheorie bilden.

Der Zuschnitt der Kontroversen ergibt sich sowohl aus den Abgrenzungen und Zuordnungen, welche die Autor*innen der radikalen Demokratietheorie selbst vorgenommen haben, als auch aus Darstellungen in der kommentierenden Literatur. Um welche Zuordnungen wird gerungen? Welche Grenzlinien werden verteidigt oder in Frage gestellt? Was werfen sich die Autor*innen untereinander vor, was halten sie sich jeweils zugute? Das Handbuch benennt sieben Kontroversen, von denen zwei als Grundsatzdebatten (Intensive oder grundlose Demokratie; Verteidigung versus Befragung der Moderne) gelten können und deswegen auch an erster Stelle stehen. Fragen der Abgrenzung zu anderen Spielarten der Demokratietheorie, aber auch strategische politische Fragen adressieren die beiden Kontroversen, die sich dem Verhältnis zwischen radikaler Demokratietheorie und Liberalismus bzw. Republikanismus widmen (Kritik oder Radikalisierung des Liberalismus; Republikanismus und radikale Demokratietheorie). Drei weitere Kontroversen fragen: nach dem Zusammenspiel von (radikaler) Demokratie und Technologie, vor allem im Kontext der Digitalisierung (Radikale Demokratie und Kybernetik); danach, auf welche Weise die Unterscheidung von »Konstruktivismus und Materialismus« für die radikale Demokratietheorie relevant wird; und schließlich auch, wie das Verhältnis zwischen radikaldemokratischer Theorie und radikaldemokratischer Praxis, vor allem in neueren sozialen Bewegungen, beschrieben werden kann.

23Teil I
Ideengeschichte
Geschichte
Traditionslinien

25I.a) Vorläufer*innen