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Doris Jannausch

Kurschattenspiele

Roman

hockebooks

Noch ein Abschied

Max Hubai sah Lore zurückkommen.

Das Taxi hielt vor dem Nachbarhaus. Sie stieg aus, der Fahrer trug ihr Gepäck ins Haus. Max bemerkte, dass sie gut erholt aussah, glatt und braungebrannt. Er hätte sie gern begrüßt, aber nach der Aussprache in Bad Büttenweiler –!

Max ging zum Schreibtisch zurück, konnte sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, spitzte zum vierten Mal die Bleistifte, überprüfte die Kugelschreiber. Im Nebenzimmer rumorte Erika. Sie packte. Nach den Ferien trat sie eine Planstelle in einem Außenbezirk an, sie hatte eine Wohnung gemietet, in der Nähe der neuen Schule. Dorthin zog sie nun.

Es würde scheußlich sein, so allein. Doch es war auch unerträglich zu zweit. Es klopfte. Er sagte: »Herein!«

Erika stand in der Tür, sehr blond, sehr ungeduldig. Das Kinn erhoben.

»Ich bin soweit. Wenn du willst, kannst du mich bringen.«

Max stand sofort auf. Selbstverständlich brachte er sie in ihre neue Behausung. Darauf hatte er bestanden. Schließlich wollten sie Kumpel bleiben.

»Lore ist zurückgekommen«, erwähnte er ganz nebenbei. »Willst du dich nicht verabschieden?«

»Ich bin ja nicht aus der Welt«, sie sah ihn lauernd an. »Soll ich sie denn anrufen?«

»Wie du willst.« Er gab sich gleichgültig.

Erika wollte nicht. Sie meinte, man dürfe Leute nicht überfallen, wenn sie nach längerer Abwesenheit zurückkehren. Sie müssten sich erst akklimatisieren. Dann sah sie sich noch einmal im Zimmer um, es lag kein Abschiedsschmerz in ihren Augen.

»Vergiss nicht, die Fische zu füttern«, sie strich über das Aquarium, klopfte gegen die Glaswand, lächelte den aufgescheuchten Fischen zu. »Und Napoleon braucht täglich neues Wasser, der Käfig muss mindestens alle drei Tage sauber gemacht werden. Denkst du daran?«

Max nickte folgsam.

Napoleon, der Wellensittich, kreischte etwas, das sich wie »Küsschen, mein Schatz«, anhörte, gab schmatzende Geräusche von sich.

»Na –?« Erika sah ihn auffordernd an. Der Vogel ruckte mit dem Kopf hin und her, dann schmetterte er eine Melodie, die der Marseillaise ähnelte. Neun Töne. Erika hatte sie ihm beigebracht, aus Protest, weil Max den armen Vogel Napoleon genannt hatte. »Bravo«, lobte Erika und reichte ihm auf dem Zeigefinger einen Kuss. Er nahm ihn, fröhlich danach hackend, an.

Als sie in die neue Junggesellenbude fuhren, sprachen sie nicht. Kein Groll war zwischen ihnen, aber auch keine Spur von Bedauern. Die Ehe war völlig überflüssig gewesen. Max hatte Lore dadurch nicht vergessen und Erika nur Zeit vergeudet. Sie wollten sich zum Abschied etwas sagen, irgendwas Nettes, aber nichts fiel ihnen ein.

»Vergiss nicht, Frau Müller daran zu erinnern, dass sie sich um dich kümmern soll.«

»Mach dir keine Sorgen, Erika.«

Sie machte sich ohnehin keine, denn sie sah nicht ein, dass ein erwachsener Mensch, auch wenn er ein Mann ist, einen anderen braucht, der sich um ihn kümmert! Es sei denn, er ist krank oder gebrechlich. Max war nichts dergleichen. Sie arbeitete den ganzen Tag, genau wie er, wenn sie es auch noch nicht zur Studienrätin gebracht hatte. Brauchte sie einen »Kämmerer?« Jemand, der für sie einkaufen ging, Essen kochte, Wäsche in Ordnung brachte und die Wohnung sauber hielt? Max hätte es geschafft, mit ein wenig gutem Willen. Manche ihrer Kollegen taten das auch. Männer ohne Komplexe. Selbstsichere. Geschirrspülen ist kein Privileg. Weder ein männliches noch ein weibliches, sondern eine Notwendigkeit. Ehen gehen auf vielerlei Arten kaputt. Diese ist nicht die seltenste.

»Tschüss, Max. Danke fürs Bringen.«

»Tschüss, Erika. Und halt die Ohren steif.«

Ein Händedruck, vorbei. Erika sah ihn ins Auto steigen, dünn und grau, viel älter aussehend, als er war: eine kurzsichtige Riesenmaus.

Das Telefon stand auf der Erde, noch waren die Möbel nicht da. Erika kniete sich hin und wählte. »Lore?«

»Hallo, Erika!« Die Stimme klang freudig. »Rufst du von zu Hause an?«

»Ja und nein.«

»Was soll das heißen?«

»Ich habe Max soeben verlassen.«

Lore schwieg in stummer Anteilnahme. »Scheidung?«, fragte sie nach einer Weile.

»Demnächst. Läuft schon.«

Wieder Schweigen. Dann Erika: »Du, ich habe versucht, Max davon abzuhalten, dass er nach Dingsda fährt, zu dir, wie heißt das Bad doch gleich?«

»Büttenweiler.«

»Er lief Amok, du glaubst es nicht.«

»Ich glaube es schon. Er lief noch, als er bei mir aufkreuzte.« Sie seufzten synchron, zwei Max-geschädigte Frauen namens Hubai.

»Eigentlich«, fuhr Erika fort, »war das der Auslöser unserer Trennung. Vielleicht hätte ich sonst bis nach den Ferien ausgehalten. Aber ich konnte einfach nicht mehr. Keine Stunde länger mit Max. Kannst du das verstehen?«

»Sehr gut«, sagte Lore. »Ich wünsch dir viel Glück.«

»Danke. Sag mal, du klingst so merkwürdig. Hast du was?«

Zögernd: »Eigentlich schon.«

»Was denn? Zier dich nicht, sag endlich.«

»Ich habe einen Mann kennengelernt. Ich fürchte, die Sache ist ziemlich schlimm.«

»Waaas?« Erika musste die unerwartete Neuigkeit erst verarbeiten, Lore hörte, wie das Feuerzeug klickte. »Erzähl doch mal.«

Lore berichtete mit ungewohnter Ausführlichkeit, ließ keine Details aus, erzählte sogar von Miriam.

»Was? Er lebt mit ihr zusammen?«, fragte Erika entgeistert. »Und du glaubst allen Ernstes, dass er sie verlässt? Mensch, Lore …« Erika musste sich einen Whisky holen, der war noch im Koffer, es dauerte eine Weile, ehe sie zurückkam. »Ich habe noch nie gehört, dass eine ernsthafte Verbindung wegen einer Kurliebe auseinandergeht.«

»Ich auch nicht«, gab Lore zu. »Aber, um ehrlich zu sein, ich habe mich noch nie ernsthaft damit beschäftigt.« Sie bereute, dass sie Erika eingeweiht hatte. »Wir haben uns wirklich gern, auf eine ganz altmodische, kitschige Art. Das wirst du nie verstehen, weil du alles vom männerfeindlichen Standpunkt siehst.«

»Ich bin nicht unbedingt männerfeindlich«, korrigierte Erika, »sofern es sich nicht um prähistorische Exemplare handelt. Hat er dich vom Bahnhof abgeholt?«

»Das war nicht abgemacht. Ich wusste nicht, mit welchem Zug ich zurückfahren würde.«

»Du meinst, er wird dich anrufen?«

»Das meine ich nicht nur. Er wird es tun. Heute noch.«

»Wetten wir um eine Flasche Champagner?«

»Einverstanden, du Pessimistin.«

»Bin ich gar nicht. Ich kenne nur die Sorte Männer, die sich in Gefühle stürzen wie Lebensmüde in den Landwehrkanal. Machen wir’s doch so, Lore: Wenn er bis neun nicht angerufen hat, kommst du in den Barbarossa, zu unserem Frauenstammtisch.«

»Ich weiß nicht …«

»Da kannst du dich nach Herzenslust ausklönen. Gemacht?« Erika ließ nicht locker, sie hatte einen eigensinnigen Kopf. »Wenn du sicher bist, dass er bis neun anruft, kannst du ohne Weiteres zusagen. Aber vielleicht bist du dir gar nicht so sicher.«

Das war glatte Erpressung. Lore versprach, was Erika wollte, sie vertraute Saturin. »Gemacht. Bis nachher.«

Zufrieden legte Erika auf. Sie hatte eine Seele gerettet. Eine naive, gutgläubige Seele. Darauf genehmigte sie sich noch einen.

Ein Anruf kommt selten allein

Der Kühlschrank war leer und abgeschaltet, kein einziges Bier mehr im Haus. Lore musste kurz vor Ladenschluss noch einiges einkaufen, verließ die Wohnung nur ungern. Sehnlichst erwartete Anrufe kommen meist, wenn man aus dem Zimmer geht, sei es nur für wenige Minuten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

Sie hetzte zum Supermarkt, gleich nebenan, packte Getränke und Lebensmittel in den Metallwagen, auch eine Leberknödelsuppe in der Dose; falls Saturin heute noch kam, hatte sie einen kleinen Imbiss für ihn: Weißbrot, Käse, Salamiwurst. Das müsste reichen. Morgen würde sie in aller Ruhe für das ganze Wochenende einkaufen. Wenn alles gutging, fuhr sie eventuell mit Saturin zum Grunewaldsee. Ein bisschen schwimmen, etwas herumspazieren.

Wenn alles gutging.

Sie raste nach Hause, schaltete den Kühlschrank ein, stellte das Eingekaufte hinein. Schnell den leeren Koffer hinter den Vorhang in der Diele. So.

Das kleine Wohnzimmer sah einladend aus. Gelbe Stores, als schiene ständig die Sonne. Beige Vorhänge vor Balkon und Blumenfenster. Die Blumen hatte eine Nachbarin gepflegt, sie gediehen prächtig, viel besser als unter Lores Händen. Rasch noch ins Bad, unter die Dusche, aber die Tür offen lassen, damit man das Telefon hören kann.

Es war gleich sieben. Lore hatte sich trocken frottiert und ihren weißen Bademantel angezogen. Sie holte einen Piccolo-Sekt aus dem Kühlschrank, goss ein, setzte sich neben das Telefon, zündete eine Zigarette an, rauchte. Schön, wieder zu Hause zu sein.

Nun wurde es Zeit, Saturin!

Vielleicht hatte er doch angerufen, als sie im Supermarkt war, ganz bestimmt sogar. Jetzt nahm er an, sie sei noch nicht zurück.

Ob sie den Fernseher einschalten sollte? Sie hatte vergessen, eine Programmzeitung mitzubringen. Nun wusste sie nicht, was über das Wochenende geboten wurde. Brauchte sie auch nicht! Am Wochenende war sie ohnehin nicht zu Hause.

Halb acht. Sie bekam Hunger, schnitt sich eine Scheibe Käse ab, dazu Knäckebrot. – Um diese Zeit sitzen sie im Lilienhof vor dem Fernseher, dachte Lore. Im unteren Raum das erste Programm, im oberen das zweite. Im Park duften die Rosen. Jemand fragt: »Wollen wir draußen eine rauchen?« Gelber Schein der Laterne auf grünem Rasen.

Acht Uhr. Wenigstens die Fernsehnachrichten könnte man sich ansehen: Aha, Erdbeben, Flucht eines Staatsoberhauptes, zwei Attentate, Flugzeugentführung, ein paar Worte des Bundeskanzlers (»… und darum halten wir es für notwendig …«), Wetterbericht: ein Hoch im Anmarsch.

Lore schaltete aus. Genau fünfzehn Minuten nach acht. Da klingelte das Telefon.

»Hier Hubai«, meldete sie sich. Tief durchatmen, nicht gleich überschnappen, aber lächeln, glücklich lächeln, das darf man doch. Oder?

»Lorchen?«

Meine Güte, wer war das? Lapinsky!

»Haben Sie auf meinen Anruf gewartet? Ich meine, weil Sie so schnell dran waren.«

»Nein, das heißt, ja …«

»Stammeln Sie nicht, Lorchen. Natürlich haben Sie gewartet. Aber nicht auf mich. Herzlich willkommen in Berlin.« Sie stotterte Dankbares. »Hat er schon angerufen?«

»Ja, das heißt, nein …«

»Also nicht. Haben Sie Lust, am Sonntagabend in die Widerspenstige zu gehen? Ich hinterlege Ihnen eine Karte an der Kasse. Nachher, wenn Sie mögen, könnten wir ein wenig zusammensitzen und klönen.« Sie schwieg. »Wollen Sie?«

Es kam darauf an, was Saturin für Sonntag geplant hatte. Lapinsky deutete ihr Schweigen richtig und drängte: »Sagen Sie ja! Sie können nicht ewig vor dem Telefon herumhocken.«

Das ging zu weit. Lore sagte, dass sie herumhocken könne, wo sie wolle, das gehe keinen etwas an, und was die Widerspenstige beträfe, die habe eine schlechte Kritik in der Zeitung gehabt: missglückte Inszenierung, krampfhaft auf zeitgemäß aufpoliert, und Petruchio ähnele einem wildgewordenen Gammler.

Den Petruchio, die männliche Hauptrolle, spielte Lapinsky. »Natürlich bin ich verrissen worden«, gab Lapinsky, wie es sich anhörte, mit stolzgeschwellter Brust zu. »Die Kritik hat die Witschorek geschrieben, die lässt kein gutes Haar an mir.«

»Die Witschorek?«

»Ilse-Bilse, das Aas von der Presse.«

So war das also. Ihre Verrisse gehörten anscheinend zu Lapinskys Leben, er zehrte von ihnen, wartete geradezu fieberhaft darauf. Sein Ton bekam sofort etwas genüsslich Aggressives, wenn er von Ilse-Bilse sprach. Ambivalenz der Gefühle?

»Hören Sie, Lapinsky, ich habe keine Lust …«

»Sie kommen«, rief er durchs Telefon, »oder auch nicht. Wie Sie wollen. Eine Karte für Sie liegt an der Kasse, auf meinen Namen. Haben Sie übrigens meinen Brief bekommen?«

»Herr Martin hat ihn mir gegeben, vielen Dank. Ich war ziemlich blau danach, Sie kennen ja das berüchtigte Zwetschgenwasser vom Schwiegersohn Paul.«

»O je!« Lapinsky lachte. Es klang tief und beruhigend. »Vollstes Mitgefühl. Ich freue mich, dass Sie nach mir gefragt haben. Ich war nämlich nicht ganz sicher.«

»Ich auch nicht«, erwiderte Lore. Nun lachten sie beide. »Ich muss auflegen.«

»Verstehe. Falls ein wichtiger Anruf kommt.«

»Seien Sie nicht ironisch. Könnte ich möglicherweise zwei Karten kriegen – oder ist das unverschämt?«

»Gemacht und schon notiert. Ganz vorne. Beste Plätze. Warten Sie hinterher am Bühneneingang auf mich, egal mit wem Sie kommen?«

»Versprochen. Wenn ich komme.«

Klack, aufgehängt. Sie konnte Saturin mit Theaterkarten überraschen. Dann zu dritt noch irgendwo zusammensitzen und klönen …

Zehn vor neun. Sie rauchte die dritte Zigarette, holte sich den zweiten Piccolo. Kaum war sie in der Küche, schrillte das Telefon.

Hilfe – jetzt! »Hier Hubai?«

»Ich bin es, Lore«, klang es kleinlaut vom anderen Ende der Leitung. Einwandfrei Max! »Eigentlich wollte ich dich nur herzlich willkommen heißen. Hast du dich gut erholt?«

»Ja, ja«, antwortete sie gereizt, »natürlich, Max. Alles andere können wir übermorgen besprechen.«

»Übermorgen? Willst du mich denn sehen?« Er war völlig verblüfft. »Ich dachte, weil ich mich in Büttenweiler etwas unbeherrscht benommen habe …«

Typisch Max! »Etwas unbeherrscht benommen«! Nie würde er zugeben, dass er sich absolut idiotisch aufgeführt hatte. Lore ließ ihn reden. Als er jedoch vorschlug, mit einer Flasche Höllisches Teufelströpfchen herüberzukommen, »auf eine Stippvisite«, wehrte sie energisch ab. Enttäuscht legte er auf, aber erst nachdem sie ihm versprochen hatte, am Sonntag eine Stunde für ihn zu reservieren.

Zwanzig nach neun. Im Grunde noch nicht spät. Sie hatte Saturin gesagt, dass sie am Nachmittag ankäme, wusste nicht die genaue Zeit. Natürlich hätte er sich erkundigen können, so viele Möglichkeiten gab es ja nicht. Aber wenn man ein Geschäft hat –! Sollte er zu Miriam sagen: ›Mach du hier allein weiter, ich will Lore abholen‹? Das ging nicht.

Warum eigentlich nicht?

Vielleicht war er auf dem Weg zu einer Telefonzelle, um ungestört mit ihr telefonieren zu können. Immerhin wohnte er mit Miriam und ihrem Vater zusammen. Es ist nicht angenehm, wenn jemand zuhört. So wird es sein.

Um halb zehn klingelte es wieder. Diesmal war es Erika, die sich erkundigte, ob der »Herrlichste von allen« sich gemeldet habe. Die Ironie war deutlich zu spüren.

»Nein«, antwortete Lore, »ich habe gar nicht daran gedacht.« Sie log, und Erika wusste das.

»Pass auf, mein Schatz«, sagte die zweite Frau Hubai, »ich gebe dir noch eine Stunde. Wenn er bis dahin nicht angerufen hat, setz ich mich in ein Taxi und hol dich in den Barbarossa.« Lore hörte im Hintergrund beifällige Stimmen. Die gesamte Frauenriege nahm an ihrer Liebesaffäre teil. »Ich melde mich vorher noch mal. Aber du darfst nicht schwindeln.«

»Abgemacht.«

Lore legte auf und kam sich ziemlich albern vor. Blödsinnig, derart zu warten! Es bestand überhaupt kein Grund zur Beunruhigung. Man kann ein Datum verwechseln, wie oft war ihr das schon passiert. Saturin dachte sicherlich, sie käme morgen. Der Sonnabend war ein viel besserer Tag für den Kurabschluss. Morgen würde er anrufen und sie …

Lore trat auf den Balkon und sah hinunter. Ein grüner Wagen parkte vor dem Haus gegenüber. Wollte er sie überraschen? Ein Paar kam aus der Haustür, stieg ein, fuhr ab.

Wenn er nun krank war, was dann? Nach der Kur kann man einen Kollaps bekommen, das liegt an der Nachwirkung, vor allem, wenn man gleich wieder voll in den Beruf einsteigt, keinen Übergangsurlaub macht. Wenn er krank war oder – Lores Herz schlug wie verrückt – einen Unfall hatte, was dann? Miriam würde ihr nicht Bescheid sagen, die nicht. Schrecklicher Gedanke: Saturin im Krankenhaus, blass und elend, in einem grünen Pyjama …

Das Telefon! Lore ging ohne Eile ins Zimmer, sie wusste, das konnte nur Erika sein, denn die Stunde war um.

»Du hast recht behalten«, sagte sie verzagt. »Hol mich bitte ab.«

»Hoppla«, jemand lachte, »wer bitte soll dich wohin abholen?«

Saturin!

Saturin rief an und alle Ängste waren ausgestanden. Verdammt noch mal, was für ein Gefühl!

»Du bist es«, rief sie und sorgte dafür, dass die Freude in Grenzen blieb. »Ich dachte, es sei eine Freundin.«

»Hast du denn meinen Anruf nicht erwartet?«

»Aber ja, ich bin soeben mit dem Auspacken fertig, setzte mich hin und dachte: jetzt könnte Saturin anrufen.« Ganz kühl, ganz gelassen.

»Siehst du«, sagte er, »ich kann eben noch immer deine Gedanken erraten.«

Das »noch immer« gefiel ihr nicht, es klang, als beziehe es sich auf Vergangenes.

»Das freut mich«, sagte sie. »Wie geht es dir?«

»Jetzt, da ich mit dir spreche, sehr gut.« Jemand fragte etwas, eine Frauenstimme, er antwortete, hielt die Hand dabei auf die Sprechmuschel. »Hast du noch schöne Kurtage gehabt?«

»Grauer Himmel«, antwortete sie und versuchte, unbefangen zu klingen. »Das Wetter war scheußlich. Aber, stell dir vor, Direktor Schemeler hat gefragt, ob sich die Zeitung bei mir entschuldigen soll.«

»Welche Zeitung?«

»Wegen der Ministeraffäre.«

»Welcher Ministeraff… ach so.«

War er so weit von der Erinnerung entfernt, dass er erst nachdenken musste?

»Weißt du, wer vorhin angerufen hat? Lapinsky«, sagte sie fröhlich, ein wenig zu hastig. »Einfach aufs Geratewohl, er wusste gar nicht, wann ich zurückkomme.« Als sie merkte, dass es wie ein Vorwurf klingen könnte, fuhr sie schnell fort: »Er hat – uns übrigens eingeladen, zur Widerspenstigen Zähmung. Sonntagabend. Beste Plätze, sagt er.«

»Wen eingeladen?«

Lore zögerte. Was war los? Mit wem sprach sie überhaupt? Das war nicht Saturin, nicht ihr Saturin, das war bestenfalls ein gewisser Herr Zech, die Kurbekanntschaft. »Uns«, gab sie zur Antwort. »Dich und mich.« Da wusste sie schon, dass es vorbei war.

»Lorissima«, noch immer klang sie vertraut, die Stimme, »hör zu: ich muss weg, morgen früh, wir fahren zu einem Floristenkongress nach Zürich.«

»Ihr beide?« Es fiel ihr schwer, das »Ihr« über die Lippen zu bringen.

»Ja, wir beide, Lorissima«, nun redete auch er ein wenig zu schnell, »wir führen das Geschäft nun mal zusammen, also müssen wir auch zu den Kongressen. Das geht nicht anders, verstehst du? Bitte, versteh es doch.«

»Ich sage ja gar nichts«, Lore fühlte sich schrecklich müde, »warum glaubst du, dass ich es nicht verstehen könnte?«

Er ließ eine Weile vergehen, der sonst so gesprächige Saturin, ehe er antwortete. »Dann ist es gut, Lorissima.« Pause.

»Wie lange bleibst du – bleibt ihr weg?«

»Sieben Tage. Bis zum nächsten Wochenende. Montag, Dienstag ist der Kongress, am Mittwoch sind wir in Basel, bei Julia. Halt die Daumen, es könnte sein, dass wir eine neue Filiale dort einrichten, meine Schwester Julia hat das vermittelt. Donnerstag und Freitag sind wir dann in Bern. Wir müssen da ein Bankett floreal gestalten – der übliche Zirkus.«

Floreal gestalten! Wie fremd das klang, als schließe er sie bewusst aus seinem Leben aus.

»Wer ist solange im Geschäft?«

»Onkel Justus.«

Nun hätte er sagen müssen: ›Ich komme auf einen Abschiedsdrink vorbei‹ oder ›Wenn ich zurück bin, sehen wir uns gleich‹, doch er schwieg, fragte nur freundlich, mit fast mitleidiger Sorge: »Geht’s dir gut?«

»Fabelhaft. Ich könnte Bäume ausreißen.« Lore wünschte gute Reise, bedankte sich für den Anruf und legte auf. Ein wenig unvermittelt, zugegeben. Aber er hätte, wenn er wollte, noch einmal anrufen können.

Saturin rief nicht mehr an. Dafür Erika. Sie wollte wissen, ob er sich endlich gemeldet habe.

»Soeben.«

»Und warum klingst du dann so niedergeschlagen?«

»Er muss verreisen. Morgen früh, beruflich. Mit ihr. Bleibt eine Woche weg.«

»Manning!«, stieß Erika überrascht hervor. »Mit dieser Möglichkeit haben wir nicht gerechnet. Er ruft dich an, um dir zu sagen, dass es aus ist, und verschwindet tags darauf.«

»Hat er nicht gesagt.«

»Wie deutlich soll er denn noch werden?«

»Es könnte doch sein, dass er wirklich verreisen muss.«

»Klar kann das sein. Aber warum kommt er dann nicht zu dir, um es dir ins Gesicht zu sagen? Warum ruft er an, sozusagen auf den letzten Drücker? Gib’s zu, Lore, du weißt, dass das ein Rückzieher war.«

Natürlich wusste sie das, sie wollte es nur nicht wahrhaben. Es kam ihr wie ein Alptraum vor, wie sie ihn als Kind geträumt hatte, nachdem die Großmutter gestorben war. Sie ist nicht tot! Sie ist nicht tot! Immer wieder hatte sie es gedacht, und sie tat so, als lebe die Großmama noch. Hat laut mit ihr gesprochen, ihr alles erzählt, von dem Anschnauzer der Lehrerin und dem Krach mit Gerti. ›Das Kind ist krank‹, meinten Eltern und Verwandte und betrachteten sie mitleidig. ›Sie muss zum Arzt, sonst dreht sie durch.‹ Doch nach einiger Zeit verging das wieder, nur wollte sie nie ans Grab der Großmutter.

Nicht an Gräbern stehen und weinen! Akzeptieren, den Tod eines Menschen oder eines Gefühls, die Vergänglichkeit akzeptieren und zur Tagesordnung übergehen. Das aber ist nicht leicht, weil alles Endgültige so unwirklich ist. Trotzdem, trotz aller Alpträume: es geht.

»Mach dich nicht klein, Lore«, kam Erikas Stimme eindringlich durchs Telefon. »Hast du dich von Max scheiden lassen, um dich jetzt von einem anderen Mann erniedrigen zu lassen?«

»Keine Sorge«, antwortete Lore, mit einem Kloß im Hals, »ich bin ziemlich stabil. Glaub mir.«

»Ich glaub dir nicht! Kommst du in den Barbarossa?«

»Keine Lust. Aber wie wär’s, wenn du mit mir am Sonntag ins Theater gingst?« Lore erzählte von Lapinsky und von seiner Einladung. Erika, die ihn von der Bühne her kannte, war sogleich Feuer und Flamme. Ins Theater ging sie leidenschaftlich gern.

»Wollen wir uns um halb acht im Foyer treffen?«

»In Ordnung.«

Sie verabschiedeten sich. Ganz automatisch ging Lore dazu über, das Bett auf der Couch aufzuschlagen. Es war spät. Nun verloschen die Lichter im Kurpark von Bad Büttenweiler. Es herrschte nächtliche Ruhe im Lilienhof. Vielleicht war ein Pärchen unterwegs, kam nicht zurück, blieb über Nacht. Im Alten Landhaus.

Eine Woche war das her. Am Montag ging das Büro wieder los. Nicht vergessen, gleich früh zur Krankenkasse zu gehen, den Schein abstempeln zu lassen, die Rückmeldung von der Kur.

Wo war der Schein? Lore kramte in der Tasche, riss die Mappe mit den Papieren heraus, drei vertrocknete Margeriten fielen zu Boden, eine verwelkte Rose. Blätter und Blütenstaub auf dem Teppich.

Lore holte Schaufel und Besen, kehrte alles weg, kippte es in den Mülleimer. Sie setzte sich hin und dachte: ›Es ist doch wirklich nichts passiert, dumme Gans. Da war eine Handvoll Glück, jetzt vertrocknet, nichts als seelischer Müll. Na und? Steh gefälligst nicht an Gräbern!‹ Dann ging sie in die Küche und machte sich Knoblauchbrote.

Schon in ganz jungen Jahren war ihr Knoblauch eine wertvolle Hilfe in verfahrenen Situationen gewesen. Zum Beispiel wenn sie sich mit Knüller verkracht hatte und er zu ihr kam, um sich auszusprechen oder um sie abzuholen, irgendwohin, wohin sie nicht wollte. »Warum tust du mir das an?« Fluchtartig verließ er sie, und Lore konnte sich in Ruhe weiterärgern, bis die Wut verraucht war.

Auch als Kind hatte sie Knoblauch gegessen, weil Fräulein Büchner eine empfindliche Nase hatte und sie regelmäßig aus dem Klassenzimmer schickte: »Geh ins Lehrerzimmer, setz dich hin und schreibe fünfzigmal in dein Heft: ›Ich darf keinen Knoblauch essen!‹« So hatte sie sich um heikle Aufgaben drücken können. Im Lehrerzimmer schwebte der Duft noch stundenlang. Weil das keiner aushalten konnte, wurde sie nach Hause entlassen und gewann einen freien Tag. Die Mutter, die sie sonst nie auf der Straße mit den anderen spielen ließ (»Diese Gassenkinder sind kein Umgang für dich!«), schickte sie hinunter, war froh, wenn sie draußen war.

Gerti, die immer passende Verse wusste, umhopste sie selig:

»Lore Popore
steck Federn an Hut!
Frau Mutter, Herr Vater,
der Knoblauch schmeckt gut.«

Herrliche, unbeschwerte Knoblauchzeit! Seelentröster, Glattstreichler, der durchdringende Gestank verwehte jeden Kummer. Die anderen Kinder kamen leider schnell hinter den Trick, kopierten ihn, und bald stank die ganze Klasse um die Wette. Da machten die Lehrer nicht mehr mit. Eine Elternversammlung wurde einberufen. Ein Knoblauchkrieg brach aus, den Lore verlor. Jahrelang bekam sie keine der hilfreichen Duftzehen in die Hände. Als sie sich eines Tages vom Taschengeld zwei Knollen kaufte und aus Protest roh verdrückte, gab es eine Familientragödie und die erste, einzige Ohrfeige.

Ihre Eltern lebten nicht mehr. Kein Mensch konnte ihr verbieten, Brotscheiben in die Pfanne zu legen, trocken zu rösten, dick mit Knoblauch einzureiben, Schmalz darüber zu streichen und mit Behagen zu futtern. »Du stinkst wie zehn Skunks auf einmal«, würde die Mutter sagen. Das stimmte Lore fröhlich.

Es ging fast auf Mitternacht, als es Sturm klingelte. Jemand stand an der Haustür.

Jetzt –? Wer konnte denn …

Ein fürchterlicher Verdacht stieg in Lore auf. Wer immer es war, sie konnte nicht öffnen. Was Fräulein Büchner ehemals umgeworfen hatte, Knüller zum Kapitulieren brachte, konnte sie keinem anderen zumuten. Schon gar nicht einem, der vielleicht kam, um sie in die Arme zu schließen oder ihr schonend beizubringen, dass es aus war.

Sie löschte das Licht, ging auf den Balkon, sah hinunter. Vor der Haustür parkte, laternenbestrahlt, ein grüner Wagen. Unverkennbar der Laubfrosch. Eine Gestalt stand vor der Haustür, klingelte wieder, wartete, sah herauf. Saturin! Er wusste nicht, welches Fenster ihr gehörte, betrachtete ratlos die Fassade. Das erloschene Licht hatte nichts zu bedeuten. Sehen konnte er sie nicht. Was jetzt?

Hinuntergehen, lachend sagen: »Entschuldige, halt dir die Nase zu! Der Knoblauch …« Einem Freund würde das nichts ausmachen, er würde sich darüber amüsieren. Vor diesem Mann, der vorhin mit ihr in kühler Zurückhaltung telefoniert hatte, konnte sie nicht geruchsbeladen erscheinen. Schließlich hatte sie ihren Stolz.

Es klingelte und klingelte. Dann stieg Saturin ins Auto, sah noch einmal herauf und fuhr davon.

Hatte er im Briefkasten eine Nachricht hinterlassen? Lore rannte zur Haustür, sah nach, nein, der Kasten war leer.

Wenn er jetzt anruft, aus einer Zelle vielleicht, werde ich ihm sagen, warum ich nicht geöffnet habe, dachte Lore. Doch Saturin rief nicht mehr an.

Lore Popore
steck Federn an Hut!
Frau Mutter, Herr Vater,
der Knoblauch schmeckt gut.

Ein wurmstichiger Sonntag

»Bitte, Max, nicht schon wieder! Wir haben uns vorgenommen, den anderen zu akzeptieren, wie er ist. Dazu gehört auch, dass man sagen darf, was man mag und was nicht. Dein Höllisches Teufelströpfchen mag ich nicht. Ein für allemal. Bring nie mehr so was angeschleppt.«

Max sah Lore hilflos an, dann die Flasche. »Aber ich vertrage nichts anderes. Da ist Wermut drin. Mein Magen …«

»Sprudel mit einem leichten, trockenen Wein wirst du schon vertragen. Ich mach dir eine Schorle. Kannst auch einen Cocktail haben. Herrgott, steh nicht so verdonnert da. Es gibt eben Menschen, die sind anderer Meinung als du. Ist das so schwer zu begreifen?«

Max setzte sich und stellte die Flasche neben sein rechtes Bein, auf Tuchfühlung, und vor allem aus Lores Gesichtsfeld. Sie war gereizt. Außerdem hatte sie Knoblauch gegessen, das konnte man riechen, trotz der weit geöffneten Balkontür. Sie war gereizt. Besser, sie nicht noch mehr aufzubringen. Er wollte Frieden, er meinte es gut.

»Ich möchte dich gern zum Mittagessen einladen«, sagte er.

»Keinen Hunger, vielen Dank. Nett von dir. Willst du Eis?«, rief sie aus der Küche.

»Wozu?«

»Weiß ich, was du trinken möchtest?«

Max warf einen resignierten Blick auf sein Teufelströpfchen, das er nicht trinken durfte. Er fügte sich. Immerhin war es Lores Wohnung. Obgleich er fand …

»Kein Eis, bitte.«

Sie saßen zusammen und redeten. Es war ihr ganz recht, dass Max vor ihr saß. Hauptsache reden, irgendetwas. Nicht immer daran denken müssen, dass die zwei ZETTS jetzt auf dem Weg nach Zürich waren. Zillgitt, Zech, Zürich. Es klang böse, wenn man es aussprach. Es tat weh. Vielleicht waren sie auch bereits am Ziel: ein Bilderbuchpärchen, groß, schmal, vier graugrüne, sanft kühle Augen.

»Du siehst nicht besonders gut aus«, stellte Max fest und nippte am Sprudel. »Gestern, als du aus dem Taxi gestiegen bist, dachte ich, du hättest dich gut erholt.«

»Habe ich auch. Bestimmt. Möchtest du wirklich keinen Wein in den Sprudel? Oder einen Schuss Whisky?« Er dankte höflich. »Soll ich dir einen Kaffee machen?« Sie wäre gern in die Küche gegangen, um kurz Luft zu holen und zu denken: Saturin! Doch Max wollte keinen Kaffee. Schade.

Dann rückte er mit einer Überraschung heraus, die Lore alles andere vorübergehend vergessen ließ.

»Da ist eine Frau …«

Mehr kam vorläufig nicht. Lore wartete, nichts Schlimmes ahnend.

»Und?«

»Eine Lehrerin bei uns im Gymnasium. Frau Holbein.«

»Die Jüngere?«, fragte Lore, an den Maler denkend: Holbein der Jüngere, Holbein der Ältere. Es sollte ein Gag sein, doch Max verstand ihn nicht. Er antwortete bieder:

»Jung ist sie eigentlich nicht. Aber auch nicht alt. Seit Jahren Witwe, zwei erwachsene Kinder, Sohn und Tochter. Hat den Schuldienst satt, sucht ein Nest«, er sprach wie von einer heimatlosen Meise, fragte unvermittelt: »Willst du es nicht doch noch einmal mit mir versuchen? Unter anderen Voraussetzungen?«

»Was hat das mit Frau Holbein zu tun?« Es dämmerte nur sehr langsam. »Du meinst, du würdest Frau Holbein, nach deiner Scheidung – vorausgesetzt, dass ich nicht mit dir …« Sie musste lachen, gutmütig, überhaupt nicht zynisch. »Max, das gibt’s doch nicht. Meinst du das im Ernst?«

Er saß da, ein wenig gekränkt, und schämte sich. Stumm ließ er sich von Lore auslachen, er fand, dass sie übertrieb. »Es ist nicht so, wie du denkst. Zwischen uns ist nichts, nur, dass wir eben allein sind. Frau Holbein hat Sehnsucht nach Häuslichkeit, das ist doch ganz normal, und ich brauche jemand, der für mich da ist. Für die Fische, für Napoleon und für mich.«

Lore nickte, nun wieder ernst. Von seinem Standpunkt aus hatte er recht. Sie wollten einander akzeptieren, so, wie sie waren. Darum sagte Lore herzlich: »Danke, dass du es mir erzählt hast. Ich weiß das zu schätzen, Max, Ehrenwort.« Sie tätschelte seine Hand. Eben noch hatte sie das Alleinsein ein wenig mit dem guten alten Max verbunden, nun merkte sie, dass er einige Pluspunkte ihr gegenüber besaß. Einer davon: Witwe Holbein. Über sie wollte er reden.

»Als die Sache über dich und den Minister in der Zeitung stand, hat sie mir immer wieder gesagt, ich solle nicht nach Büttenweiler fahren, weil es mich nichts mehr anginge. Sie meinte, selbst wenn wir noch verheiratet wären, hätte ich trotzdem nicht das Recht, mich aufzuspielen.«

»Aufzuspielen?« Lore lachte. »Hat sie ›aufspielen‹ gesagt?«

»Wörtlich.« Er sah unglücklich aus, wie das leibhaftige schlechte Gewissen.

»Erika hat dir ebenfalls abgeraten.«

Er nickte seufzend. »Ich habe nicht auf sie gehört.«

»Du hast nie auf deine Ehefrauen gehört. Wird es jetzt hoffentlich anders, mit Frau Holbein?«

Er wusste es nicht, war jedoch fest dazu entschlossen. »Als ich von Büttenweiler zurückkam, ziemlich zerschmettert, vor allem, weil du mich so gedemütigt hast, da war es Frau Holbein, die mir Mut machte.« Er schmunzelte. Ein pfiffiger Max kam durch die verdorrte Schale, verschmitzt und ungestüm, wie sie ihn gekannt hatte. Damals. Doch das Lächeln trocknete schnell ein, wie die Margeriten im Mülleimer und die rote Rose. »Sie hat mir klargemacht, wie unmöglich ich mich benommen habe, hat mich aufgerichtet …«

Alles, was Lore ihm je gesagt hatte, in langjähriger Ehe oder nach der Scheidung während der Pseudofreundschaft, alles, was ihm Erika vorgehalten hatte, das war gegen den Wind geredet. Auf Frau Holbein hörte er. Sieh mal an.

»Sag bloß, ihr seid euch durch den Zeitungsartikel und seine Folgen nähergekommen!«

Max gab es sofort zu. Lore lachte wieder, die Sache war zu komisch. Man denke: Erika hatte Max spontan verlassen, und Frau Holbein war ihm ebenso nähergekommen. Warum? Weil sie, Lore, an einem langweiligen Nachmittag in Herrn Hundertmarks Laden gegangen war, um Leberkäse zu essen. Hätte sie es nicht getan, wäre sie nicht mit dem Minister bekannt geworden, wäre nicht zum Ball der kurfrohen Herzen gegangen, hätte Saturin nicht näher kennengelernt. Alles wegen einer Scheibe Leberkäse.

»Woran denkst du?«

»An Kettenreaktionen. Und dass Schicksale durch Banalitäten in Bewegung geraten. Wie zum Beispiel …« Sie unterbrach sich. Max hätte es ohnehin nicht begriffen. »Ich möchte deine Frau Holbein recht bald kennenlernen.«

Er freute sich, wehrte geschmeichelt ab: »Nun, von ›meiner‹ Frau Holbein kann noch keine Rede sein. Was ist übrigens aus dem netten Herrn im grünen Hemd geworden?«

»Nichts«, antwortete Lore schnell. »Das heißt, ich weiß es nicht. War doch nur eine Kurbekanntschaft.« Sie rückte ein Stück näher an Max, seine vertraute Wärme tat ihr wohl. Kein Protest war mehr in ihr. »Weißt du was? Mach dein verdammtes Teufelströpfchen auf. So schlecht ist es eigentlich gar nicht.«

Glücklich folgte er ihrer Aufforderung.

Sie konnte es nicht lassen! Lore tat es, weil der Sonntag sich endlos dehnte, sie nicht mit Max essen gehen wollte, auch nicht Erika besuchen und überhaupt keinen Menschen sehen. Sie tat es, weil sie nicht anders konnte.

An einer Ecke des Kurfürstendamms bog sie ab, nur wenige Häuser weiter, auf der rechten Seite, las sie: »Blumenboutique Zett-Zett«.

Große Schaufenster mit prächtigen Blumenarrangements. Vasenfüllungen mit Iris, Gerbera, Forsythien, Farn, Papyrus-Wedeln und vor allem Rosen, Rosen, Rosen. In vielfältigen Farbschattierungen. Ein Fenster mit Orchideen. Miniaturbäume mit der Aufschrift: »Bonsai aus Japan«, Ahorn, Ulmen, Kiefern in skurrilen Formen, nicht höher als ein halber Meter, Mindestalter fünfundzwanzig Jahre. Sehr selten, sehr teuer. Ein Pflanzenparadies!

Hier also lebte Saturin mit Miriam und Onkel Justus. Wohnten sie gleich über dem Geschäft? Lore trat an die Klingelschilder, las: ZECH-ZILLGITT. Ein ehrwürdiges Haus, ähnlich wie das von Fauch und Fassler, nur wenige Querstraßen weiter. Merkwürdig, dass ihr die Blumenboutique – man konnte tatsächlich nicht einfach Blumenladen dazu sagen! – vorher nie aufgefallen war. Lore spazierte selten durch diese Straße. Und jetzt, Sonntagmittag, wunderte sie sich, wie still es hier war.

»Suchen Sie jemanden?« Ein weiblicher Kopf sah aus dem zweiten Stock, nickte freundlich, starrte Lore neugierig an. Jede Straße hat eben ihre »Müllern«, die tagsüber den beachtlichen Busen auf den Fenstersims legt, ein Kissen darunter schiebt und die Gegend streng im Auge behält.

Lore überlegte blitzschnell eine Ausrede, ohne die sie von hier nicht so schnell weggekommen wäre. »Vielen Dank«, rief sie zurück. »Ich suche einen Herrn Degenkolbe, aber der wohnt hier nicht.« Ihr war kein anderer Name eingefallen, außer dem von Herrn Schillings Vertreter im Lilienhof.

»Nee, der wohnt hier nicht«, bestätigt die Frau. »Da drüben wohnt ein gewisser Degenhardt –wenn Sie den vielleicht meinen?«

Im Parterrefenster, gleich neben dem Geschäft, erschien ein Mann, eifrig kauend. »Sie wollen zu Herrn Degenhardt?« Er wischte sich den Mund mit dem Taschentuch, kaute weiter. »Der ist heute rausgefahren, kein Wunder bei dem Wetter. Soll ich ihm was ausrichten? Ich seh ihn nachher beim Stammtisch, aber nicht vor achte.«

»Sie sucht einen Degenkolbe«, informierte die Frau im zweiten Stock und machte einen ganz langen Hals.

Lore versuchte zu entkommen, schaffte es nicht, denn nun rief der hilfsbereite Mann nach seiner Frau. »Tilde!« Sie kam ans Fenster, Geschirr in den Händen, ließ sich erklären. Es entspann sich eine Debatte vom Unterhaus zum Oberhaus, dann öffnete sich ein Fenster gegenüber. Diesmal erschien eine Frau mit zwei Kinderköpfen rechts und links. »Sind Sie Frau Pallmeier?«

Lore versicherte, dass sie nicht Frau Pallmeier sei. Sie fürchtete, dass Onkel Justus, vom Lärm angelockt, erscheinen würde, denn er wohnte, nach dem Schild zu schließen, im ersten Stock.

»Wenn Sie nämlich Frau Pallmeier wären«, fuhr die Frau mit den zwei Kindern lebhaft fort, »dann soll ich Herrn Zillgitt verständigen, der sitzt im Quasimodo. Die Blumen zum Achtzigsten sind fertig, im Kühlraum. Wenn Sie die Frau Pallmeier wären, ja?«

»Ich bin nicht Frau Pallmeier«, wiederholte Lore verzweifelt und probierte einen guten Abgang, der ihr diesmal sogar glückte, denn inzwischen waren noch andere Bewohner an die geöffneten Fenster getreten. Hinter sich hörte sie eine lautstarke Diskussion über Herrn Degenkolbe, der eigentlich Degenhardt hieß, über Frau Pallmeier, die noch immer nicht die zum Achtzigsten abgeholt hatte, und über das unerwartet schöne Sommerwetter.