
Aus dem Amerikanischen von Alexander Amberg

Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Hostage Zero
erschien 2010 im Verlag Pinnacle, Kensington Publishing Corp.
Copyright © 2010 by John Gilstrap, Inc.
Copyright © dieser Ausgabe 2019 by Festa Verlag, Leipzig
Veröffentlicht mit Erlaubnis von
Kensington Publishing Corp., New York, USA
Literarische Agentur: Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Titelbild: www.stock.adobe.com – ysbrandcosijn
Lektorat: Alexander Rösch
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-730-1
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de


Im Gedenken an James Nelson Sudderth,
Sergeant Major der U. S. Army (im Ruhestand)
Echte Helden sind schwer zu finden. James war einer.
1
Harvey Rodriguez wartete bis zum Morgengrauen, ehe er sich nach draußen wagte, um nach der Leiche zu schauen. Er wollte sichergehen, dass die Männer mit den Waffen längst weg waren, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. Darum hatte er den Großteil der Nacht reglos im Zelt zwischen den Bäumen verbracht und sein Bestes gegeben, um unbemerkt zu bleiben.
Mit etwas Grips hätte er die Deckung der Dunkelheit genutzt, um abzuhauen. Doch jedes Mal, wenn er die Beine kurz ausstreckte, damit er keinen Krampf bekam, schlug er sich die Idee aus dem Kopf. Stattdessen nutzte er die Zeit, um das weitere Vorgehen zu planen.
Einerseits lebte er schon so lange hier draußen, dass es ihm an so ziemlich allem mangelte. Selbst wenn der Killer dem Toten die Taschen ausgeräumt hatte, fand sich wahrscheinlich noch etwas Brauchbares – und sei es bloß ein Paar Socken, die tatsächlich über den ganzen Fuß reichten. Oder vielleicht eine Armbanduhr. Harveys zehn Jahre alte Timex hatte vor einem Monat den Geist aufgegeben.
Andererseits: War man obdachlos und zum Lebensunterhalt auf die mitunter widerwillige Großzügigkeit anderer angewiesen, konnte man es als Allerletztes gebrauchen, auch noch in einen Mordfall verwickelt zu werden. Schließlich gab es niemanden, der sein Alibi bestätigen konnte. Er hörte im Kopf schon die Fragen bei der Vernehmung:
Wo waren Sie letzte Nacht?
Ich war zu Hause.
Und wo ist das?
Wo immer ich mein Quartier aufschlage. Letzte Nacht war es draußen im Wald in der Nähe von Kinsale.
Genau an der Stelle, wo der Mord passierte?
Ja, Sir. Das ist schon ein höllischer Zufall, nicht wahr? Ich lag friedlich in meinem Zelt, da hörte ich draußen im Wald Geräusche. Ich wollte gerade rausgucken, da gab es einen Schuss und ich machte, dass ich wieder reinkam.
Wer sollte ihm das abnehmen? Aber wenn er abhaute, machte er sich nur verdächtiger. Harvey kannte zwar nicht viele Leute, aber niemand schaffte es, komplett unsichtbar zu werden. Früher oder später fand jemand die Leiche, dann fiel der Verdacht zwangsläufig als Erstes auf den obdachlosen Herumtreiber. Erst recht, wenn dieser Herumtreiber die Socken und Uhr des Toten trug.
Okay, den Leichnam zu fleddern, war keine gute Idee. Er verabschiedete sich von der Idee.
Wäre er ein aufrechter Bürger, hätte er Hilfe gerufen, doch der Fairness halber musste man ihm eins zugestehen: Er hatte ausgerechnet an dieser Stelle sein Lager aufgeschlagen, eben weil sich hier Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Das hieß, Hilfe rufen musste man in diesem Fall wörtlich nehmen – also die Hände an den Mund legen und laut »Hilfe!« brüllen. Schwer vereinbar mit seinem Vorhaben, unbemerkt zu bleiben.
Im Endeffekt bedeutete das: Wie man es auch drehte und wendete, er war im Arsch. Egal, nach dem langen Warten wollte er zumindest kurz mal nach der Leiche sehen. Das wenigstens war er sich schuldig. Verdammt, der Tote schuldete es ihm, weil er ihm eine ganze Nacht lang den Schlaf geraubt hatte.
Schließlich machte er sich auf den Weg. Sorgfältig bemüht, leise zu sein, kroch Harvey aus dem verschlissenen Coleman-Zelt und ließ den Blick über die Gegend schweifen. Verglichen mit der albtraumhaften Hitze der letzten paar Wochen, die einen manchmal fast umkommen ließ, war es eine kühle Nacht gewesen. Doch bereits jetzt spürte er, wie die Sonne sich daranmachte, wieder für einen sengend heißen Tag zu sorgen. So lief es nun mal in diesem Teil der Welt. Wenigstens lag der Winter lange zurück und seine Rückkehr ließ noch auf sich warten.
Der Winter war mit Abstand das Härteste in Harvey Rodriguez’ Leben. Ständig fragten die Leute ihn, weshalb er seine Sommer nicht nutzte, um irgendwohin zu ziehen, wo es keinen Winter gab. Doch in Wahrheit fühlte er sich mittlerweile durch und durch als Virginier. Hier, im nördlichen Teil des Staates, am Ufer des Potomac, fielen die Winter recht mild aus. Es schneite nur selten, und wenn es nachts fror, war das Eis bis zum Mittag fast immer geschmolzen. Es kam selten vor, dass er mal nichts Essbares aus dem Fluss zog – und noch seltener, dass ihm kein Eichhörnchen oder Opossum in die Schlinge ging.
Als Harvey sich zu seiner vollen Größe von 1,72 Meter aufrichtete, schielte er nach den sich allmählich auflösenden Adidas-Schuhen, entschied jedoch, sie zu lassen, wo sie waren. Die Gummisohle am linken Schuh stand zwar kurz davor, ein Loch zu bekommen, doch er hoffte, dass sie noch mindestens einen Regentag lang durchhielt. Sein Blick schweifte über den Horizont, während er im vergeblichen Bemühen, sie enger zu machen, die Kordel an der Badehose festzog, die er anstelle von Shorts trug.
Eines musste man der Hitze lassen: Man nahm dabei nicht zu.
Harvey vermied jede hastige Bewegung, drehte sich langsam um 360 Grad und forschte mit gespitzten Ohren nach Anzeichen von Gefahr. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles sicher war, pflückte er sein FBI-T-Shirt, das er so liebte, vom Ast, an den er es über Nacht zum Lüften gehängt hatte, und streifte es über.
Vorsichtig schlich Harvey durchs hohe Gras und das Gestrüpp ans Wasser, dorthin, wo er die Leiche vermutete. Dabei achtete er darauf, wohin er trat. Barfuß in irgendwelche Eingeweide zu treten, hielt er für eine widerliche Art, den Tag zu beginnen.
Etwas erregte seine Aufmerksamkeit auf elf Uhr. Er verharrte mitten im Schritt und kniff die Augen zusammen. Hatte sich da etwas bewegt? Er glaubte, nicht. Es war nur so ein Bauchgefühl, wie es ihn manchmal überkam, und er hatte gelernt abzuwarten, bis sein Gehirn bereit war, die Sache zu entwirren. Rings um ihn regte sich nichts, lediglich ein leichter Wind ließ die von Samen reifen Spitzen der hohen Gräser auf und ab wogen wie Wellen im Meer.
Also was war da?
Ein Ausdruck kam ihm in den Sinn: Hintergrundanomalie.
Wenn jemand auf der Lauer liegt – oder auch tot daliegt –, geht man in aller Regel davon aus, das hohe Gras, das ihn umgibt, verberge ihn. Im Grunde hätte man damit ja auch recht, gäbe es nicht so etwas wie eine Hintergrundanomalie. Wenn alles im Wind rauscht, hält man nach einer Stelle in der Vegetation Ausschau, die nicht in Bewegung ist. Darin besteht die Anomalie. In diesem Fall war es weitaus offensichtlicher. Harvey nahm eindeutig eine Lücke in der wogenden Grasfläche wahr – genau von der Art, wie sie ein Körper hinterließ, den man dort ablud.
Während Harvey sich näherte, gingen ihm flüchtig Gedanken an Fußabdrücke und sonstiges belastendes Beweismaterial, das er hinterließ, durch den Kopf. Aber was das anging, konnte er wenigstens nachweisen, dass die Spur in gerader Linie zu seinem Zelt führte. Ferner müsste es, sollten Fußspuren ein Thema sein, ein weiteres Paar Abdrücke geben, das vom wahren Killer stammte.
Er war noch drei Meter entfernt, da sah er etwas Blaues durch die wogenden Grashalme schimmern. Stoff von einem Kleidungsstück.
Da lag eindeutig jemand.
Die letzten paar Schritte legte er ganz langsam zurück. »Hallo?«, fragte er. »Hey, sind Sie okay?«
Der Tote rührte sich nicht. Andernfalls hätte Harvey sich auf der Stelle in die Hose gemacht.
Nun, wo er fast direkt davorstand, konnte er die ganze Gestalt ausmachen. Er schnappte nach Luft und schlug die Hände vor den Mund. Aus heiterem Himmel packte ihn das Entsetzen, ergriff seine Eingeweide und schien sie zu verknoten. Ohne Vorwarnung, ohne nachzudenken, tat Harvey Rodriguez etwas, das er seit Jahren nicht mehr getan hatte. Er fing an zu heulen.
2
Juli in Virginia.
Obwohl die Sonne bereits untergegangen war, umfing einen die Hitze weiterhin wie ein feuchtes Handtuch. Die beiden Männer stiegen aus ihrem gemieteten Chevrolet Caprice und schlugen die Türen hinter sich zu. Sie trugen die Standard-Uniform des FBI – immerhin gaben sie vor, Agenten zu sein. Weißes Hemd und gestreifte Krawatte zu einem einfallslosen Nadelstreifenanzug. Blau für den Kleineren der beiden, grau für seinen massigen Begleiter.
Der Kräftige – unter dem Namen Brian Van de Meulebroeke zur Welt gekommen, für seine Freunde aber nur Boxers – zupfte unruhig am Kragen wie ein kleiner Junge in der Kirche. »Ich schwöre bei Gott, in Panama war’s nicht so heiß«, brummte er.
Jonathan Grave lächelte. »Bei uns wird es danach wenigstens Herbst.« Damals, als Unannehmlichkeiten noch zu ihrem patriotischen Dienst an Gott und Vaterland gehörten, hatten sie Dutzende von Monaten in feuchtheißen Tropengegenden verbracht, doch die teuren Brooks-Brothers-Anzüge machten Virginia weitaus ungemütlicher. Die Latex-Gesichtsmasken trugen ein Übriges dazu bei.
Ihr Zielobjekt lag einen halben Block entfernt. Die einzige Auffälligkeit bestand darin, dass es keine Auffälligkeiten gab. Ein niedriges Gebäude aus rotem Ziegelstein, von weißen Steinen eingefasst. Das Gefängnis von Basin sah aus wie das misslungene Ergebnis eines Architektur-Proseminars. Man hätte es für eine Grundschule halten können oder auch für ein Freizeitzentrum.
»Mir ist noch nie ein Knast untergekommen, der so dämlich aussieht«, meinte Boxers und fasste damit in Worte, was Jonathan dachte.
»Ein Hoch auf dünne Wände und lasche Sicherheitsvorkehrungen«, kommentierte Jonathan.
Trotz ihrer FBI-Tarnung hatten sie den Wagen auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz abgestellt, so wie es jeder in der Gegend tat. Boxers wirkte verärgert, als Jonathan darauf wartete, dass er drei 25-Cent-Stücke aus den Taschen kramte, um die Parkuhr damit zu füttern. »Warum zum Teufel muss ich eigentlich bezahlen?«, meckerte er. »Du bist hier doch der Millionär.«
Jonathan entgegnete nichts darauf. Da er die Gehaltsschecks für Boxers ausstellte, blutete sein Herz nicht gerade. Außerdem wusste er, dass diese 75 Cent später auf Boxers’ Spesenrechnung auftauchten.
»Noch Fragen zum Plan?«, erkundigte er sich, als sie keine 50 Meter mehr vom Ziel entfernt waren.
»Keine einzige«, erwiderte Boxers. Seine Rolle war alles andere als kompliziert. Er musste einfach einmal um die Anlage herumlaufen, um Stärken und Schwächen der Sicherheitsmaßnahmen auszuloten und den effektivsten Fluchtweg zu ermitteln. Tödliche Gewalt war in dieser ersten Phase keine Option, doch sollte sich die therapeutische Anwendung von Sprengstoff als notwendig erweisen, fiel dies ebenfalls in Boxers’ Zuständigkeit.
»Mutter, bist du auf Empfang?«, fragte Jonathan, scheinbar ins Nichts hinein.
»Schon die ganze Zeit«, erscholl kristallklar eine Stimme in ihren Ohrstöpseln. Es war Venice Alexander (Wennnietsche, und wehe, man sprach es anders aus), die Frau, die Jonathan verwaltungstechnisch am Leben hielt und deren besondere Gabe darin bestand, die Elektronen im Cyberspace nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Zahllose IT- und Security-Manager auf der ganzen Welt standen vor einem Rätsel und fragten sich, wie es jemandem gelingen konnte, in ihre ›unknackbaren‹ Datenbanken einzudringen.
»Ich habe das gesamte Kameranetzwerk auf meinen Monitoren«, fuhr Venice fort. »Seit fast einer Stunde nehme ich alles auf. Sobald ihr durch die Eingangstür kommt, könnte ich euch zuwinken.«
Als sie sich dem Haupteingang näherten, ließ Boxers sich zurückfallen, um nicht in die Reichweite der Überwachungskameras zu geraten. »Viel Glück, Boss«, sagte er. »Schöne Nase übrigens.« Damit trennte er sich von Jonathan und begann seinen Spaziergang rund um die Anlage.
Jonathan lächelte schief. Seine Maske war wirklich gut, sie polsterte die Wangen aus und verlängerte seine Nase so extrem, dass sie jede Gesichtserkennungssoftware überlistete. Dass er auf solche Hilfsmittel zurückgriff, war unüblich. Doch eine Mission so nahe der eigenen Haustür erforderte außergewöhnliche Sicherheitsvorkehrungen. Er hatte sich sogar Kontaktlinsen eingesetzt, damit seine sonst blauen Augen braun wirkten.
Er zog den rechten Flügel der gläsernen Doppeltür auf und betrat einen Empfangsbereich mit dem Charme einer 70er-Jahre-Skihütte. Beigefarbenes Sichtmauerwerk, die Ziegelsteine mit der Schmalseite voran, ragte in horizontalen Schichten vom braun gefliesten Fußboden bis rauf zur schallschluckenden Decke.
Der Schalterbeamte – eine andere Bezeichnung wollte Jonathan nicht einfallen – saß an der Längsseite des rechteckigen Raums. Als sein Gast hereinkam, reagierte er verärgert. »Die Besuchszeit ist vorbei«, verkündete er.
»Selbstverständlich!« Während Jonathan in die Tasche langte, um seinen früher mal gültigen FBI-Ausweis zu zücken, beschlich ihn der Eindruck, der Schalterbeamte habe sein Kommen bereits erwartet. »Agent Harris, FBI.«
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, kommentierte der Beamte.
»Dreimal dürfen Sie raten, wegen wem ich hier bin.«
Der Mann zuckte mit einer Schulter. »Wir haben hier nur einen, für den die Bundespolizei sich interessieren könnte: Jimmy Henry. Sitzt wegen Kidnapping und versuchtem Mord.«
»Das ist mein Mann.« Jonathan war mittlerweile dicht genug herangekommen, um das Namensschild des Mannes lesen zu können: DIANE. Hoffentlich war das sein Nachname.
Der Beamte folgte seinem Blick. »Falls Sie einen Witz machen wollen, schlucken Sie ihn runter. Dann kann ich’s mir ersparen, aufzustehen und Ihnen mit meinem Stuhl eins überzuziehen.«
»Ich heiße Leon«, log Jonathan. »Mit so einem Namen macht man über andere keine Witze.«
Männer unter sich. Prima Sache.
»Gehen Sie zu der Tür dort.« Mit einer Kopfbewegung deutete Diane auf eine schwere Stahltür. »Ich drück auf den Knopf und mach Ihnen auf.«
Jonathan nahm den Weg, den er schon von Venices Recherchen kannte. Erst vor zwei Stunden hatte er sich das Ganze von ihren Büroräumen in Fisherman’s Cove aus angesehen. Die erste Tür führte zu einer Sicherheitsschleuse, die von einem brusthohen Tresen dominiert wurde. In jeder anderen Umgebung hätte man geglaubt, sich in einer Bar aufzuhalten.
»Ich weiß nicht, ich denke, Sie verschwenden Ihre Zeit«, sagte Diane, während er durch eine Tür jenseits des Tresens in die Schleuse trat. Er griff nach unten und zog eine lange, rechteckige Box hervor. »Ihre Pistole und alle sonstigen Waffen! Gleich nachdem er hier eingeliefert wurde, hat Jimmy Henry nach seinem Anwalt verlangt. Ben Johnson vertritt ihn. Kennen Sie den?«
»Nie von ihm gehört.« Jonathan zog eine 15-schüssige 9-Millimeter-Glock aus dem Gürtelholster, warf das Magazin aus und zog den Schlitten zurück, ehe er die Waffe samt Munition in die Box packte. Er registrierte die unter der Decke montierten Kameras, entdeckte jedoch nirgends einen Metalldetektor.
»Nun, Ben macht seinen Job ziemlich gut. Er hat dem Jungen gesagt, er soll den Mund halten, und genau das tut er jetzt auch.«
»Hmm«, machte Jonathan. »Kann ich jetzt mit ihm reden?«
»Sicher, dass Sie das möchten? Nichts von dem, was er sagt, kann vor Gericht gegen ihn verwendet werden, nachdem er sich einen Anwalt genommen hat.«
»Dann werd ich wohl aufpassen müssen, was ich ihn frage, was?«, ahmte Jonathan den herablassenden Ton nach, den er sich im Lauf der Jahre bei Dutzenden FBI-Agenten abgeguckt hatte.
Diane klappte ein Teilstück des Tresens hoch und öffnete eine darunter befindliche Tür, um Jonathan durchzulassen. Auf der anderen Seite fand er sich vor einer schweren Stahltür wieder. Diane nahm den Hörer eines Wandtelefons ab und wählte eine Nebenstelle an: 4272, wie Jonathan zur Kenntnis nahm, obwohl ihm nicht klar war, wie diese Nummer ihm weiterhelfen sollte.
»Hey, Chase, hier Bill! Ich lass jetzt einen FBI-Agenten rein. Er will mit dem Henry-Jungen reden.« Eine Pause. »Was soll das heißen, ob ich keine Uhr hier oben habe? Ich habe ihn nicht bestellt, er ist einfach aufgekreuzt. Ja, na ja, sind sie doch alle!«
Er legte auf, anschließend betätigte er einen Knopf unter dem Tresen und hielt ihn gedrückt. Das Schloss summte, Jonathan zog die Tür auf und sah sich der Neon-Hölle des Zellenblocks gegenüber.
Beim Überschreiten der Schwelle konnte er die Jahre institutionalisierten Elends geradezu spüren, das von den Stahlbetonwänden ausging. Ob nun vom US-Bundesstaat Virginia oder von Saddam Hussein betrieben: Gefängnisse waren überall gleich, mit allgegenwärtiger Trübsal als gemeinsamem Nenner.
Nur wenige Meter entfernt stand ein weiterer Wachposten. Laut Namensschild hieß er BATTLES. »Sie machen wohl Überstunden«, feixte er. »Ich dachte immer, ihr Jungs vom FBI macht alle um fünf Feierabend.«
Jonathan überging den Small Talk. »Ich muss mit Jimmy Henry reden. Haben Sie einen Vernehmungsraum?« Die Antwort auf diese Frage kannte er bereits.
Angesichts des ernsten Tonfalls seines Besuchers verfinsterte sich Battles’ Haltung. Er deutete auf einen geschlossenen Bereich, etwa zu einem Viertel den Mittelgang hinauf.
»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den Gefangenen zu mir bringen.« Er setzte sich den Gang entlang in Bewegung.
Battles trabte hinterher, um nicht abgehängt zu werden. »Was ist denn so dringend?«, wollte er wissen. »Normalerweise ruft ihr Jungs doch vorher immer an.«
Jonathan überhörte die Frage und trat an die Tür. »Ich will, dass die Aufzeichnungsgeräte in diesem Raum abgeschaltet werden, solange er sich bei mir befindet.«
Battles blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand geprallt. »So machen wir das hier aber nicht.«
»Heute Abend ist eine Ausnahme. Wie wär’s, wenn Sie ohne Murren tun, was zu tun ist?«
Das gefiel Battles überhaupt nicht. Man sah es ihm am Gesicht an. Gleichwohl schloss er die Tür auf und ließ Jonathan eintreten. »Setzen Sie sich, ich bringe ihn her.«
Kaum befand er sich im Raum, wurde die Tür hinter ihm geschlossen. Der Wärter sperrte ihn quasi ein. Als könnte sie seine Gedanken lesen – diesen Eindruck hatte Jonathan oft –, meldete sich Venice in seinem Ohr: »Mach dir keine Sorgen, dass sie dich aufnehmen. Ich hab ihre Tonsteuerung auf meinem Screen. Selbst wenn sie die Technik nicht selbst deaktivieren, kann ich den Ton jederzeit stummschalten.«
Da er wusste, dass sie ihn sah, bestätigte er ihre Info mit einem kurzen Nicken und setzte sich auf denjenigen der am Boden verschraubten Metallstühle, der nicht mit einem Ring versehen war, um Gefangene anzuketten.
Battles ließ Jonathan zehn Minuten warten, wenn nicht sogar länger. Die Videokamera hoch oben in der Ecke entging Jonathan nicht. Trotz seiner Verkleidung vermied er es nach Möglichkeit, in diese Richtung zu blicken.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss, und Battles führte Jimmy Henry in den Raum. Der 19 Jahre alte Gefangene war über 1,80. Der Körperbau unter dem orangefarbenen Overall deutete körperliche Schwerstarbeit an. Sein dunkelbraunes Haar wirkte vom Schlaf völlig durcheinander, die Augen lagen tief in den Höhlen. Er schien stinksauer zu sein, dass man ihn aus dem Bett geholt hatte, gleichzeitig jedoch klug genug, den Mund zu halten.
»Setz dich!« Battles deutete auf den freien Stuhl.
Mit einem mürrischen Nicken schlurfte Jimmy in Hausschuhen und Fußfesseln zum Stuhl und setzte sich. Da seine Arme am Hüftband des Fesselgeschirrs fixiert waren, nahm er äußerst vorsichtig Platz. Sobald man nicht in der Lage war, einen Sturz abzufangen, wurde man sich akut bewusst, wie zerbrechlich Nase und Zähne doch sind. Sobald der Junge saß, befestigte Battles die Kette am Stuhl.
»Ich glaube nicht, dass das notwendig ist«, meinte Jonathan.
Battles starrte ihn an, ohne in seiner Beschäftigung innezuhalten. Nachdem alles an Ort und Stelle war, erklärte er: »Hämmern Sie an die Tür, wenn Sie ihn zurückschicken wollen.« Erneut schloss er hinter sich ab.
Jonathan lehnte sich zurück und verschränkte Arme und Beine. »Also du bist Jimmy Henry?«
»Ich hab doch gesagt, dass ich mit niemand reden werde«, meckerte Jimmy. »Das is nich legal, mich um diese Zeit hierherzuschleifen. Das is Schlafentzug.«
»Der Ton ist abgestellt«, meldete Venice sich in Jonathans Ohr. »Sie haben es selber erledigt.«
»Demnach kennst du also deine Rechte, stimmt’s?«, erkundigte sich Jonathan amüsiert.
»Und ob ich die kenne!«
»Aha. Dann weißt du ja auch, weshalb du hier bist?«
Wütend starrte Jimmy ihn an. Schweigen hieß Schweigen.
»Von mir aus spiel den Stummen. Dann hast du also wirklich die ganze Zeit über den Mund gehalten? Du hast nichts zugegeben?« In seiner Stimme schwang fast so etwas wie Anerkennung mit.
Etwas in Jimmys Blick veränderte sich, zugleich legte er den Kopf auf die Seite. Er wirkte nicht mehr ganz so streitlustig.
»Ich will offen zu dir sein.« Jonathan breitete die Arme aus und beugte sich vor, bis seine Unterarme auf der kalten Tischplatte lagen. »Aber erst will ich, dass du eins kapierst: Der schnellste Weg, den Löffel abzugeben, besteht darin, mir auf die Nerven zu gehen. Und der schnellste Weg, mir auf die Nerven zu gehen, besteht darin, mich auch nur ein Wort von dem zu wiederholen zu lassen, was ich dir gleich sage. Kapiert?«
Nun war Jimmy derjenige, der amüsiert wirkte. Jonathan war gut sieben Zentimeter kleiner als der Mann, dem er gerade gedroht hatte, und wirkte, wenn man ehrlich war, nicht sonderlich bedrohlich. Doch was ihm an körperlicher Drohkulisse abging, machte sein eindringlicher Blick mehr als wett. Als Jimmy diesen Blick registrierte, wich das überhebliche Lächeln aus seinem Gesicht. »Ja, okay, schon verstanden.«
»Ganz sicher, Jimmy? Du darfst dir keinen Patzer erlauben.«
»Was für ein FBI-Agent sind Sie eigentlich?«
Jonathan machte es sich erneut bequem. »Nun, genau das ist es ja. Ich bin gar nicht vom FBI. Ich bin der Freund, von dem du nicht mal wusstest, dass du ihn hast. Mein Job ist es, dich hier rauszuholen.«
Von Paranoia erfüllt, warf Jimmy einen Blick über die Schulter zur Tür. »Wie meinen Sie das?« Er hatte die Stimme zu einem Flüstern gesenkt.
»Ich arbeite für ein paar Leute, die nicht möchten, dass Einzelheiten von dem, was du heute Morgen getan hast, nach außen dringen. Damit bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder sie heuern jemand an, um dich umzulegen, oder sie heuern mich an, um dich rauszuholen. An deiner Stelle würde ich mich für Tor 2 entscheiden.«
»Aber warum?«
»Weil du der Einzige bist, der so blöd war, sich schnappen zu lassen. Sie halten dir zugute, dass du so jung und dämlich bist, ansonsten wärst du längst tot. Aber das Angebot, dich rauszuholen, gilt nur noch drei Sekunden. Also, bist du bereit zu kooperieren oder nicht?«
Erneut ein rascher Blick über die Schulter. »Wie wollen Sie das anstellen?«
»Lass das meine Sorge sein. Halte dich einfach heute Nacht um zwei bereit. Und keinen Mucks zu irgendjemandem. Ich werd für den Versuch bezahlt, nicht für den Erfolg. Solltest du mich verscheißern …«
Mit einem Mal kehrte das Leben in Jimmys Miene zurück. Heftig schüttelte er den Kopf. »Nein. Gott, nein, so was würd ich nie tun.«
Jonathan ließ sich Zeit. Er wollte ihm noch mehr Angst einflößen. »Okay. So gegen zwei komm ich wieder. Dann musst du im Bett liegen und tun, als ob du tief und fest schläfst. Wenn du aufstehst, zieh dasselbe Zeug an wie jetzt. Versuche bloß nichts auf eigene Faust. Wenn es so weit ist, brauchst du nur zu tun, was ich dir sage.« Er stand auf. »Bis nachher.«
Jonathan schlenderte zur Tür. Jimmy rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. »Warten Sie! Woher soll ich wissen, dass Sie die Wahrheit sagen? Woher soll ich wissen, dass mir nichts passiert, wenn ich mit Ihnen komme?«
»Das kannst du nicht wissen«, verkündete Jonathan mit ausdruckslosem Gesicht. »Aber bedenk die Alternativen. Du bist ein Kidnapper. Wenn der Kerl, auf den ihr geschossen habt, stirbt, bedeutet das für dich die Giftspritze.«
»Ich hab niemanden erschossen. Das war der Verrückte.«
Jonathan brachte ihn zum Schweigen, indem er die Hand hob. »Spar dir dein Gequatsche. Es interessiert mich nicht. Jedenfalls noch nicht. Halt einfach fürs Erste den Mund, dann kommt alles in Ordnung.« Er hämmerte gegen die Tür, damit Battles aufschloss.
3
Die Leiche war ein kleiner Junge in einem zerrissenen Pyjama, damit hatte Harvey nicht gerechnet. Der Zwerg lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Sie hatten ihm Klebeband um den Kopf und über den Mund gewickelt. Die Beine lagen ein bisschen schief, aber die Hände hielt er auf dem Bauch gefaltet, wie von einem Leichenbestatter arrangiert. Harvey kannte sich nicht aus mit solchen Sachen, aber er schätzte, dass der Junge um die 13 oder 14 sein musste. Vielleicht etwas jünger. Bei Kids in diesem Alter ließ sich das schwer abschätzen.
Die plötzliche Gefühlswallung kam wie aus dem Nichts. Zunächst fand Harvey es peinlich, doch dann sagte er sich, dass es eine rein menschliche Regung war. Im Lauf der Jahre hatte er so einiges an Toten gesehen, und nach einer Weile gewöhnte man sich gewissermaßen daran. Aber nicht bei Kindern. Wenn man sich an so etwas je gewöhnte, hatte das Weiterleben keinen Sinn mehr. Wenn jemand so tief sank, war er für die Gesellschaft verloren.
Lange – drei, vier, fünf Minuten – stand Harvey einfach bloß da und überlegte, was er tun sollte. Es war eine Geschichte, einen Penner wie ihn im Unkraut liegen zu lassen, damit er von den Bussarden gefressen oder von Füchsen und Hunden in Einzelteilen weggeschleppt wurde. Aber man konnte doch nicht …
Die Brust des Jungen hob sich. Nicht besonders deutlich, aber sie hatte sich bewegt.
Als Harvey sich näher heranbeugte, stellte er seinen Irrtum fest. Der Junge war nicht tot. Sein Gesicht hatte zu viel Farbe. Er ging in die Hocke und ergriff eine Hand des Jungen. Sie war warm. Mit klopfendem Herzen hockte Harvey sich auf Schulterhöhe neben ihn, um seinen Hals abzutasten. Mit zwei Fingern lokalisierte er den Kehlkopf, ließ die Fingerspitzen weiter in die Vertiefung zwischen Ringknorpel und vorderem Rand des Sternocleidomastoideus gleiten, des Kopfwendemuskels. Er rechnete mit einem schwachen Puls, registrierte jedoch ein ziemlich starkes Pulsieren.
Hier stimmte etwas absolut nicht. Er hob eine Hand des Jungen an und ließ sie los. Wie ein Stein fiel sie zurück auf den Bauch. Der Junge war völlig weggetreten. Harvey zog ihm die Augenlider hoch. Stecknadelpupillen. Der Kleine stand unter Drogen.
Harvey rappelte sich auf. Abermals verrenkte er den Hals, um nachzusehen, ob nicht doch zufällig Hilfe in der Nähe war. In Wirklichkeit war er erleichtert, niemanden zu sehen. Was er nun tun musste, hätte er einem zufällig Vorbeikommenden nur schwer erklären können.
Er musste den Jungen ausziehen.
Herrgott, er hatte einen Schuss gehört! Er entdeckte zwar nirgends ein Einschussloch oder Blut auf dem Pyjama, das hieß jedoch nicht automatisch, dass der Junge unverletzt war. Harveys Hände zitterten, als er die vier Knöpfe der Pyjamajacke aufknöpfte und sie aufschlug. Brust und Bauch machten einen normalen Eindruck, allerdings fiel Harvey oben am Brustkorb, unterhalb des Schlüsselbeins, eine Prellung auf. Der Junge wirkte etwas mager, schien jedoch nicht unterernährt zu sein.
Harvey war erstaunt darüber, wie schnell seine Fähigkeiten zurückkehrten. Die linke Hand unter der rechten, wie beim Hechtsprung in einen Swimmingpool, setzte er seine Finger ein, um den Bauch des Jungen behutsam abzutasten. Die Haut fühlte sich leicht und elastisch an, erhebliche innere Blutungen ließen sich demnach ausschließen. Leber und Milz besaßen Normalgröße.
Ab einem gewissen Punkt war kein Befund nicht weniger beunruhigend als eine schlimme Diagnose. Diesem Punkt näherte Harvey sich zusehends.
Seine Finger rutschten an die Hüfte des Jungen, glitten unter den elastischen Bund, zogen ihm die Hose bis zu den Schienbeinen herunter. Abermals kein Anzeichen einer Verletzung, aber er war definitiv in der Pubertät und offenkundig kein praktizierender Jude. Immer zuversichtlicher, keine Schusswunde vorzufinden, übte Harvey Druck auf Oberschenkel und Rippen des Jungen aus, um ihn auf die Seite zu drehen, bis sein Körper gegen ihn stieß. Er schob ihm die Pyjamajacke bis zu den Schultern hoch, entblößte den kompletten Rücken und stieß ein erleichtertes Seufzen aus, als er keinerlei Hinweis auf ein penetrierendes Trauma entdeckte. Er wälzte ihn zurück in die Rückenlage und zog die Kleidung wieder zurecht.
Harvey überlegte, was es sonst noch sein könnte, und rief sich die Ausbildung im Marine Corps in Erinnerung.
Natürlich! Die Arme. Nachdem er eine Schusswunde ausschließen konnte, deutete alles auf die Arme hin. Und tatsächlich, kaum hatte er den linken Arm des Jungen aus dem Ärmel der Pyjamajacke geschält, stieß er an der Vena cephalica auf einen Bluterguss. Der Einstich saß genau in der Mitte eines bläulich-roten Kreises in der Ellbogenbeuge.
16 Stunden später war der Junge immer noch nicht aufgewacht. Er hatte sich ein paarmal geregt und in den letzten paar Stunden auch hin und wieder etwas gemurmelt – allesamt positive Signale –, doch er blieb bewusstlos.
Im Geist ging Harvey die Liste der Substanzen durch, die eine so anhaltende Wirkung erzielten. Dabei ging ihm auf, was für ein Glück der Junge hatte, dass er überhaupt noch lebte. Das Risiko eines Leberschadens beziehungsweise Nierenversagens bestand nach wie vor, sank jedoch mit jedem weiteren Zeichen von Linderung.
In dem Maß, in dem es dem Jungen besser ging, drängte sich allmählich eine andere Frage in den Vordergrund: Warum? Wer wütend genug war, einem Kind eine Überdosis Rauschgift zu spritzen, um es – im Glauben, es sei tot – irgendwo in der Pampa liegen zu lassen, würde wahrscheinlich fuchsteufelswild reagieren, wenn er vom Scheitern seines Plans erfuhr. Exakt mit dieser Sorte Mensch wollte Harvey auf keinen Fall etwas zu tun haben.
Hätte Harvey etwas im Kopf gehabt, wäre er geflohen wie ein Hase, so weit weg wie nur möglich, bevor er in aller Ruhe Möglichkeiten auslotete, dem Kleinen Hilfe zukommen zu lassen. Hätte, hätte, Fahrradkette! Tatsache war, er hatte nichts im Kopf. Statt abzuhauen, spielte er lieber die Krankenschwester, überwachte Puls und Atmung und stand auf dem Posten, um beides sofort in Gang zu setzen, falls es ins Stocken geriet.
Und wenn die üblen Burschen zurückkamen, nun, das wäre dann die Krönung des Ganzen, oder nicht?
Er war ja so was von im Arsch.
Der Junge lag in Harveys Zelt in Harveys Schlafsack unter Harveys Moskitonetz. Mittlerweile war erneut die Nacht angebrochen. Der Junge musste sich von allein erholen. Wie weit, das lag allein in Gottes Hand.
Soweit Harvey es beurteilen konnte, dürfte der Junge wieder vollständig in Ordnung kommen, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Und was dann?
Nun, das musste er sich schleunigst überlegen.
Harvey konnte schon die Schlagzeile vor sich sehen: Obdachloser findet teilweise entkleideten Jungen. Um Himmels willen!
Gestern Nacht hatte er noch Angst gehabt, sie könnten ihm einen Mord anhängen. Aber mit einem lebendigen Jungen aufgegriffen zu werden, das war der Stoff, der landesweit für Schlagzeilen sorgte. Heutzutage reichte der bloße Anschein, dass etwas ungebührlich ablief, schon wurde man als Pädophiler abgestempelt. Alles schon gehabt. Nein danke!
Also was sollte er tun? Zur Polizei gehen? Das wäre der sicherste Weg in den Knast. Noch nicht mal der Junge konnte bezeugen, dass er nichts Schlimmes mit ihm angestellt hatte, also würden die Cops unterstellen, dass er … Wenn sie erst mal auf so eine Idee kamen, spielten Fakten keine Rolle mehr.
Als der Kleine sich ein, zwei Stunden lang nicht gerührt hatte und seine Pupillen nach wie vor nur so groß wie Stecknadelköpfe waren, stand Harvey kurz davor, ihn zu verlassen, um Hilfe zu holen. Aber was, wenn in der Zwischenzeit seine Vitalfunktionen schlappmachten? Dann würde er die Bullen zur Leiche eines kleinen Jungen führen, der in seinem Zelt gestorben war.
Danke schön, auf gar keinen Fall.
Willkommen im Land der beschissenen Alternativen. In der Hauptrolle: Harvey Rodriguez.
Harvey saß weit vorgebeugt auf seinem Nylon-Klapphocker und beäugte den Campingkocher mit der Kanne aufgewärmten Kaffee, der vom Mittag übrig geblieben war. Damit er bei dem Jungen bleiben konnte, hatte er sich entschlossen, sowohl zum Mittag- als auch zum Abendessen seine Notration Thunfischdosen zu verwenden. Nun hoffte er, sich mit dem Kaffee, der einem nach dem zweiten Mal Kochen mittlerweile die Schuhe auszog, den Geschmack nach totem Fisch aus dem Mund zu spülen.
Der Junge hustete.
Harveys Kopf fuhr herum. Husten war ein Reflex, der auf zunehmendes Bewusstsein hindeutete. Das hieß, der Junge erwachte allmählich aus seinem Koma.
Er ließ den Kaffee auf dem Kocher stehen, stellte die Platte aber niedriger, schälte sich aus der Sitzfläche und kroch zurück ins Zelt.
Mit einem Feuerzeug, das er vor einem Monat in einem Mülleimer gefunden hatte, entzündete er den Glühstrumpf seiner einflammigen Propangaslampe. Er zog das Moskitonetz zur Seite und beugte sich dicht über das Gesicht des Kleinen, während er die Lampe schwenkte, bemüht, die dunklen Schatten zu zähmen, die über die Züge des Bewusstlosen tanzten. Er sah, dass dem Jungen ein wenig Speichel auf der Wange klebte, und wischte ihn mit dem Daumen weg.
Unter der Berührung zuckte sein Gast zusammen.
»Hey, Kleiner, bist du wach?«
Nichts.
Behutsam packte Harvey ihn an der Schulter und schüttelte ihn.
»Hey, Kumpel, komm schon, mach die Augen auf.«
Die Lider flatterten.
»Gut so! Los, weiter, mach sie auf. Du bist in Sicherheit.«
Abermals hustete der Junge, dabei hob er unter der Anstrengung leicht den Kopf. Er stand kurz davor aufzuwachen.
Harvey rüttelte ihn heftiger. »Du hast es fast geschafft. Komm schon, sperr die Augen auf. Zeig mir, dass du okay bist. Sprich mit mir. Ich weiß ja nicht mal, wie du heißt.«
Runzeln zeichneten sich auf der Stirn des Jungen ab. Da seine Mundwinkel zuckten, hörte Harvey auf, ihm ins Gesicht zu leuchten.
»Du hast einen langen, harten Tag hinter dir, mein Freund«, erklärte Harvey. »Jetzt mach die Augen auf und komm in die Welt zurück.«
Die Lider öffneten sich, doch es dauerte ein paar Sekunden, bis der Junge seine Umgebung wahrnahm. Er hob beide Hände ans Gesicht und rieb sich mit den Handballen die Augen. Einen Moment lang sah er aus wie jedes andere Kind, das aus tiefem Schlaf erwacht, doch dann schien ihm mit einem Mal alles wieder einzufallen. Seine Hände schnellten nach unten, an die Seite seines Körpers. Entsetzt zuckte er zusammen, versuchte, sich wegzuwälzen, verhedderte sich dabei jedoch im Schlafsack.
Harvey streckte die Hand aus, um ihn zu beruhigen. Doch kaum berührte er ihn, brüllte der Junge: »Lassen Sie mich gehen!«
Harvey zog die Hand zurück, als hätte er auf eine heiße Herdplatte gegriffen.
»Hilfe!«, brüllte der Junge.
Harvey empfand einen Anflug von Panik. »Psst! Shit, Kleiner, sei still.«
»Hilfe! Tun Sie mir nicht weh! Lassen Sie mich!«
Es war ein Albtraum.
Harveys Blick huschte zur Zeltöffnung, er rechnete schon beinahe damit, dort gleich einen Polizisten auftauchen zu sehen. »Ich werd dich nicht anrühren, Junge«, fuhr er ihn im Flüsterton an. »Jetzt mach mal halblang! Gott, ich hab dir das Leben gerettet.«
Der Junge trat um sich. Je mehr er zappelte, desto stärker verhedderte er sich im Schlafsack. »Bitte, tun Sie mir nicht mehr weh.«
»Hör doch zu!«, blaffte Harvey, laut diesmal, in der Hoffnung, den Jungen aufzurütteln und zur Vernunft zu bringen. »Ich bin nicht derjenige, der dir wehgetan hat. Ich hab dich gerettet.« Er hielt sich die Lampe vors Gesicht. »Sieh mich an. Ich bin nicht derjenige, der dir wehgetan hat.«
Zunächst schien es, als hätte der Junge ihn gar nicht gehört. Er kämpfte weiter mit dem Schlafsack, aus Angst und Panik immer heftiger. Unvermittelt hielt er in seinen Bemühungen inne, fast so, als hätten Harveys Worte einen Umweg zurückgelegt und wären eben erst in seinen Synapsen angekommen. Er drehte den Kopf und legte die Stirn in Falten, während er das Gesicht des Mannes musterte.
»Du bist hier in Sicherheit«, sagte Harvey mit sanfter Stimme.
Der Blick des Jungen huschte von einer Ecke des Zeltes in die andere. »Wo sind sie?«
»Weg«, sagte Harvey. »Seit ungefähr 20 Stunden.«
Selbst bei klarem Kopf musste man so etwas erst mal verdauen. Bedachte man, dass die Kerle ihn völlig zugedröhnt hatten, fiel es ihm wahrscheinlich doppelt schwer.
»Du bist jetzt in Sicherheit«, beschwichtigte Harvey noch einmal.
Zwar war es das, was der Junge hören wollte, aber er traute dem Braten noch nicht so ganz. »Wo bin ich?«
»Weit draußen im Nichts, zumindest so nah dran, wie ein Mensch ihm nur kommen kann.« Als sich die Falten in der Stirn des Jungen vertieften, fügte Harvey rasch hinzu: »Du bist in den Wäldern. In Virginia. In der Nähe des Potomac, und die Kerle, die dir wehgetan haben, halten dich wahrscheinlich für tot.«
»Bin ich tot?« So richtig war der Junge noch nicht da.
Harvey lächelte. »Du kannst von Glück sagen. Du bist gesund und munter.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Harvey Rodriguez. Freut mich, dich kennenzulernen.«
Der Junge musterte die Hand und wich ein wenig weiter zurück. »Wo sind sie hin?«
Harvey hielt ihm nach wie vor die Hand hin. »Weg.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Das ist, was sie sind, aber nicht wo.«
Harvey schmunzelte und ließ die Hand sinken. »Na gut! Das kann ich dir nicht sagen.« Er schilderte ihm, was seitdem passiert war. »Du wunderst dich, dass du noch am Leben bist«, schloss er seinen Bericht. »Dann stell dir vor, wie erstaunt ich war, als ich dich in diesem Zustand fand.« Er wartete einen Moment, bis sein Gegenüber begriff, schließlich hielt er ihm erneut die Hand hin. »Versuchen wir es noch mal. Ich heiße Harvey Rodriguez.«
Der Junge ergriff die Hand. »Ich heiße Jeremy Schuler.« Diesmal schien die freundschaftliche Geste zu beruhigen.
»Freut mich, dich kennenzulernen, Jeremy Schuler. Hast du Hunger?«
Jeremy schüttelte den Kopf. »Könnte ich Wasser kriegen?«
Während Harvey aus einer umfunktionierten Plastikmilchflasche Wasser in eine Blechtasse schenkte, kämpfte er gegen den Drang an, den Jungen mit Fragen zu bombardieren. Nach allem, was er durchgemacht hatte, brauchte er Zeit, sich in der Gegenwart zurechtzufinden, ehe Harvey ihn zurück in die Vergangenheit zerrte. Er reichte Jeremy die Tasse. »Langsam, nur in kleinen Schlucken, nicht in einem Zug austrinken«, warnte er. »Kann sein, dass dein Magen noch nicht so fit ist wie der Rest von dir.«
Jeremy nippte und schluckte vorsichtig. »Danke.«
»Keine Ursache.« Harvey sah Jeremy beim Trinken zu, bis es allmählich peinlich wurde, weil der Junge bemerkte, dass er beobachtet wurde.
»Weißt du was?«, fragte Harvey, während er leise in die Hände klatschte. »Ich lass dir die Lampe hier und geh raus, um Abendessen zu kochen. Falls du es dir anders überlegst und doch Hunger bekommst, wird genug für dich da sein.«
Es bestand zwar keine zwingende medizinische Notwendigkeit, dass der Junge sofort etwas zu sich nahm, aber früher oder später brauchte er Nahrung, um bei Kräften zu bleiben. Besser früher als später.
Harvey schnappte sich die Taschenlampe vom Kantholz, das ihm als Nachttisch diente, und krabbelte raus in die Nacht, zur ausrangierten Militärtruhe, die ihm als Vorratskammer diente. Er drehte am Zahlenschloss, hob die Schließe an und klappte den Deckel hoch.
Da Jeremy sein erster Gast seit fünf Jahren war, schien es nur vernünftig, etwas nach dem Geschmack junger Leute zuzubereiten. Er holte eine Packung Käsemakkaroni heraus, die er der U. S. Army verdankte. Vergangenen Winter hatte er sich an einem wirklich kalten Tag doch dazu entschieden, in einer Obdachlosenunterkunft zu übernachten. Er mochte dieses Prinzip nicht und hasste Menschenmassen, doch es beeindruckte ihn, wie großzügig der Pfarrer von St. Katherine’s war, der jedem, der welche wollte, EPas schenkte – Einmann-Rationen der Army. Einem Restaurant konnte man damit zwar keine Konkurrenz machen, aber sie schmeckten ganz okay, und wenn man sich mal etwas gönnen wollte, kamen sie gerade recht.
Zur Feier des Tages verzichtete er auf die übliche Prozedur, das Zeug mit einem Hitzepack aufzuwärmen, und beschloss, die Mahlzeit auf dem Campingkocher zuzubereiten. Irgendwie schmeckte es besser, wenn eine richtige Flamme im Spiel war. Das Wasser kochte gerade, da tauchte Jeremy in der Zeltöffnung auf.
»Kann ich doch was zu essen haben?«
Lächelnd deutete Harvey auf den Klappstuhl. »Mach’s dir bequem«, sagte er.