Herausgeber:
GEO
Die Welt mit anderen Augen sehen
Gruner + Jahr GmbH & Co KG,
Am Baumwall 11, 20459 Hamburg
www.geo.de/ebooks
eISBN: 978-3-65200-925-6
Impfen! Oder etwa nicht?
Wogegen soll ich mich impfen?
Einst waren wir stolz, Krankheiten durch Impfen zu verhindern. Heute greifen Zweifel um sich, eine lautstarke Minderheit macht gegen das Impfen mobil und verunsichert viele Menschen.
GEO-Redakteurin Vivian Pasquet, promovierte Ärztin, hat monatelang Fakten zusammengetragen, mit Experten gesprochen und Argumente abgewogen.
Am Ende, sagt sie, sei die Entscheidung ganz einfach
Text: Vivian Pasquet
Wie wahnwitzig der Streit um das Impfen sein kann, ahne ich, als mich die Anweisungen des Arztes David Bardens erreichen.
Nennen Sie bitte nicht die Stadt, in der ich wohne.
Schreiben Sie nichts über meine familiären Verhältnisse.
Wenige Tage bevor wir uns treffen, versichert er sich bei meinem Kollegen, dass ich wirklich plane, zu ihm zu reisen – und dass sich keine andere Person für mich ausgibt.
Jetzt sitzt Bardens vor mir und sagt: „Ich hatte überlegt, ob ich zu unserem Gespräch einen Personenschützer mitbringe.“
David Bardens hat keine Straftat begangen und hat sich nicht mit der Mafia angelegt. Er fürchtet um sein Leben, weil er laut aussprach, was eigentlich selbstverständlich ist: dass es das Masernvirus wirklich gibt.
Es begann vor sieben Jahren, Bardens, damals 27, studierte Medizin in Homburg und nahm an der Ausschreibung eines Impfgegners teil. Dieser hatte behauptet, dass das Masernvirus nicht existiere und dass eine Impfung somit überflüssig sei.
100 000 Euro versprach er demjenigen, der ihm das Gegenteil beweise.
Nur wenige Stunden brauchte Bardens, um die geforderten Nachweise in einer Bibliothek herauszusuchen, sechs wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Zweifelsfrei, so hat es ein Gutachter später geschrieben, hatte Bardens die Existenz des Masernvirus durch diese Veröffentlichungen nachgewiesen. Doch der Impfgegner zahlte nicht. Im November 2013 reichte David Bardens Klage gegen den Impfgegner ein. Ein halbes Jahr später trafen sie sich vor Gericht.
Weltweit berichteten Medien über den Prozess. Journalisten baten Bardens um Interviews, Experten wollten ihn für Vorträge buchen. In sozialen Netzwerken dankten ihm Eltern kranker Kinder für seinen Einsatz.
Und die Nachrichten der Impfgegner kamen.
„Wenn du am wenigsten damit rechnest, werden wir dafür sorgen, dass es dir nicht mehr gut geht.“ – „Wir wissen genau, wo du am empfindlichsten bist.“ – „Es wäre besser, wenn du tot wärst.“
Wenn David Bardens fortan den Gerichtssaal betrat, besprach er mit einem Personenschützer die besten Fluchtmöglichkeiten. Wenn er auf die Toilette ging, wartete der Bodyguard vor seiner Kabine. Die Angst, dass man ihn finden könnte, sei nie ganz verschwunden, erzählt Bardens heute, als ich ihn in Schweden treffe.
Er sagt auch: „Mich öffentlich fürs Impfen einzusetzen, war das Sinnvollste, was ich in meinem Leben getan habe.“
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