Dieses Buch ist meinem Bruder Heinz gewidmet.

† 20. August 2019

Beginnend mit einem Prolog über die Christianisierung des letzten Dorfes der Harzer Sachsen im Jahr 785 erzählt das Buch vom dauernden Kampf der Sachsen gegen die Obrigkeiten Kirche und Kaiser. Selbst im Jahr 1048 sind die Harzer Sachsen nicht bereit, ihre alte Religion endgültig abzulegen. Es ist die Zeit Heinrichs III., der sich mehrfach im Harz in seiner Lieblingspfalz Bodfeld aufhält. Als er dort 1056 überraschend stirbt, wird sein sechsjähriger Sohn Heinrich König des Deutschen Reiches.

Das vereitelte Mordkomplott an dem jungen König im Selketal, seine Entführung bei Kaiserwerth, die Flucht von der Harzburg durch den Harzer Urwald sowie die Sachsenkriege sind Schlüsselpunkte des historischen Romans, dessen vorliegender, erster Teil mit Heinrichs Gang nach Canossa abschließt.

Mit den Protagonisten lernt der Leser die Kaiserpfalz von Goslar, den Dom von Halberstadt mit seinem Bischof Burchard II., den Stift von Quedlinburg mit seiner Äbtissin Beatrix und viele andere historische Orte, Ereignisse und Personen kennen. 22 teilweise farbige Abbildungen ergänzen den Text.

„Der Schamanensand vom Regenstein“ von Regina Oversberg ist präzise recherchiert und hervorragend geschrieben. Historische Fakten werden ebenso authentisch in die Geschichte eingeflochten und gekonnt mit den Charakteren verknüpft wie Sagen aus dem Harzer Raum, die mit ihrem wahren Kern die Ereignisse der damaligen Zeit abbilden.

Die Fragen jener Zeit sind auch heute noch für die Geschichte der Deutschen bedeutsam, doch vielfach vergessen…

Schlagworte

Historischer Roman, Heinrich III., Heinrich IV., Sachsenkriege, Canossa, Schamanensand, Regenstein, Deutsches Reich, Sachsen, Harz, Mittelalter

Impressum

Der Schamanensand vom Regenstein

Die Sachsenkriege und das Leben König Heinrichs IV. († 1106) – Teil 1

© Regina Oversberg, Bad Dürrenberg, 2019

Titelbild: Abbildung aus der Maciejowski-Bibel, auch „Kreuzritter-Bibel“,
ca. 1240 n. Chr. (The Morgan Library & Museum, MS M.638, fol. 27v)
Titel- und Umschlaggestaltung: Pierre Kynast

Zweite, durchgesehene und korrigierte Ausgabe © pkp Verlag, Pierre
Kynast, Merseburg, November 2019 – Internet: pkp-verlag.de –
1. Ausgabe, März 2019 – Herstellung und Vertrieb: Books on Demand GmbH,
Norderstedt – Paperback: ISBN 9783943519419 –
E-Book: ISBN 9783943519426

Inhalt

Prolog

– 785 n. Chr. –

Der sandige Boden unter ihren Füßen sorgte für einen recht beschwerlichen Marsch, aber Missionar Liudger und Bruder Hanno hatten zu lange auf diesen Tag warten müssen, um jetzt darüber zu lamentieren. Viel Überzeugungskraft war notwendig gewesen, um auch die letzten sächsischen Heiden taufen, und damit zu frommen Christen bekehren zu können. Nun war es endlich soweit! Das letzte Dorf am Fuße des Harzes sollte dem Glauben an den einzigen und wahren Gott zugeführt werden.

Durch seine Boten hatte der Missionar die Dorfbewohner auf sein Kommen vorbereitet und damit gleichzeitig verkünden lassen, dass er ihre Häuser anzünden werde, falls sie sich wieder der Taufe durch Flucht in den Harzwald entziehen wollten. Anspannung und Vorfreude ließen ihn kaum die Mühsal des Weges spüren, als er auf der alten Handelsstraße durch den Kiefernwald am Fuße der Sandsteinfelsen mit seinen Helfern schritt. Plötzlich öffnete sich der Weg zu einer Waldlichtung. Vor ihnen lag der Regenstein, eine auf den steilen Sandsteinklippen errichtete Grenzbefestigung der sächsischen Edlen, die hier seit fast 200 Jahren ins Umland schaute. Aber am Fuße der Burg, etwas östlich von ihnen, befand sich eine in den Sandstein gehauene, kuppelförmige große Höhle. Dieser Ort entlockte Liudger stets ein unweigerliches Grinsen, denn noch vor drei Jahren, bis zum endgültigen Verbot durch Kaiser Karl den Großen, war hier der Thingplatz der Sachsen der näheren Umgebung gewesen. Damit war es nun, wie mit vielen anderen heidnischen Bräuchen, für immer vorbei. Liudger blieb stehen, um die Atmosphäre des Platzes auf sich wirken zu lassen, doch im selben Moment fühlte er sich beobachtet.

Wandfries am Eingang des Klosters Michaelstein Blankenburg, Harz

Der Missionar sah sich behutsam um. Nein, das war wohl doch kein guter Platz für ihn! Auch seine Männer, alles erfahrene Soldaten des Kaisers, sahen sich fragend um und drängten zum Weitergehen. Doch plötzlich ertönte aus der unzugänglichen Höhe des Regensteins ein heidnisches Horn und eine düstere Stimme rief ihnen zu: „Fürchte dich, Priester. Krodo lebt weiter in unseren Herzen!“ Wieder erscholl der dumpfe Ton des Horns. Dabei hatten die Männer die klamme Empfindung, dass der Fels selbst mit ihnen sprechen würde. Schließlich kehrte die Stille wieder in die Landschaft zurück. Liudgers Vorfreude auf diesen Tag hatte sich schlagartig in Furcht gewandelt, eine nicht unbegründete Furcht, denn viele christliche Religionsprediger und Mönche hatten ihre Bekehrungsversuche hier am Nordrand des Harzes mit dem Leben bezahlt. Im Falle eines Angriffes würden ihm seine zwölf Mannen auch nicht viel nützen. Die Sachsen waren gute, unerschrockene Krieger, die die Zerstörung der Statue ihres Gottes Krodo immer noch nicht verwunden hatten. Er war ihr Gott des Jahreskreises. Aus diesem Grunde hielt er in der einen Hand einen Blumenkorb, in der anderen ein Rad, und um seinen Körper flatterte ein loses Band. Doch dass er auf einem Fisch, dem Symbol der Christen stand, war wohl doch kein Zufall, sondern schon pure Ketzerei. Deshalb hatten ihn vor fünf Jahren die Kaiserlichen hoch auf seinem Felsen zertrümmert, an dem Ort, wo später die Harzburg stehen sollte. Die Reste des Sachsengottes stürzte man achtlos in die Tiefe. Zurück blieb nur sein Sockel in diesem herrlich goldglitzernden Sand, den sie alle nur den Hexensand nannten, ähnlich dem weißsilbrigen Sand hier in der Höhle am Fuße des Regensteins. „Ziehen wir weiter“, erklärte Mönch Liudger mit gespielter Entschlossenheit, „der Weg bis Brevel ist noch weit, und wir wollen unsere letzten Heiden doch nicht warten lassen.“

Auch der Hauptmann befürchtete einen Hinterhalt und trieb deshalb seine Leute zur Eile an. Eigentlich war dieser Befehl unnötig, denn ein jeder wollte jetzt nur noch so schnell wie möglich aus dem Gebiet des Regensteins herauskommen. Am Goldbach entlang erreichte die Gruppe endlich den Teufelsbach, dem sie stromaufwärts in Richtung des Harzwaldes folgte. Die Felder, die rechts und links des Weges lagen, deren Stille nur durch den Gesang der aufsteigenden Lerchen gebrochen wurde, gaben den Blick auf den Harz frei. Die Soldaten schwiegen und sahen sich immer wieder wachsam und besorgt in der Umgebung um. Besonders der düstere und schwer einzusehende Wald vor ihnen erforderte ihre volle Aufmerksamkeit. Allen war klar, wenn jetzt noch Gefahr drohte, dann nur von dort. Doch die Stille des Frühsommertages wurde durch keinen Angriff oder Hinterhalt gestört. Aber in regelmäßigen Abständen erklang aus dem Wald ein heller Ton, der durch das Schlagen auf ein kräftiges Holzbrett erzeugt wurde. Bei jedem Schlag zuckten die Krieger spürbar zusammen. „Sie schlagen auf ihre Hillebille, um unsere Ankunft mitzuteilen“, klärte der Missionar den Hauptmann auf. „Hillebille“, wollte dieser nun wissen, „was soll das denn sein?“ Liudger schluckte hastig den Kloß im Hals herunter, denn für eine Erklärung standen ihm nur heidnische und ordinäre Ausdrücke zur Verfügung. Er war sich nicht sicher, ob er dem Hauptmann erklären konnte, dass Hille so viel wie Hexe bedeutet und Bille die Arschbacke war. Zusammen wurde daraus also Hexenarsch. Liudger erklärte stattdessen: „Die Hillebille stammt von den Köhlern. Die geben damit Nachrichten weiter. Sie ist sehr einfach gebaut. Man nimmt ein Querbrett aus gutem Holz und hängt es so auf, dass es frei schwingen kann. Schlägt man mit einem Klöppel drauf, entsteht dieser helle Ton, der sich gut im Wald ausbreitet, etwa eine halbe Wegstunde weit.“ Wie zur Bestätigung seiner Erzählung erreichte sie wieder eine Folge dieser hellen Töne und forderte sie unwillkürlich erneut auf, ihre Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Nachdem die Hillebille das dritte Mal ertönt war, hatten sie schließlich den Hellbach überschritten und erreichten Brevel, das kleine Bauerndorf, das sich schutzsuchend an den Harzwald anzuschmiegen schien. Um einen großen freien Platz, mit einer riesigen Eiche im Zentrum, gruppierten sich mit einem ansehnlichen Abstand etwa zehn Höfe, die auf der Hinterseite von den Feldern und dem dazwischen liegenden Allmende, dem Nutzwald für alle, begrenzt wurden. Liudger atmete auf, erleichtert, dass sie nach ihrem anstrengenden Marsch von Halberstadt aus ihr Ziel schließlich ohne weitere Zwischenfälle erreicht hatten.

Der Sonnenstand zeigte inzwischen die Mittagsstunde an. Die Gruppe ließ den Blick über den leeren Platz schweifen, keine Menschenseele ließ sich blicken. Liudger spürte Wut in sich aufsteigen, die gleich darauf in Verwirrung, Erstaunen, Furcht umschlug. Narrte ihn die Mittagssonne oder sah er am anderen Ende des Dorfes wirklich eine Gestalt zwischen den Bäumen stehen? Er kniff die Augen zusammen, um sich ein deutlicheres Bild zu machen. Was er sah, erschreckte ihn zu Tode. Die Gestalt hatte den Kopf eines Ziegenbocks mit kräftigen Hörnern, trug einen Fellumhang und stierte ihn aus seinen gelben Augen unentwegt an. Doch am schrecklichsten waren die schwarzen Flügel, die sie bedrohlich aufgespannt hielt, so als ob sie sich gleich in die Lüfte erheben wollte. Plötzlich fühlte der Mönch, wie eine Hand ihn kräftig an der Schulter rüttelte. Erschrocken fuhr er auf und sah in das Gesicht des Hauptmanns. „Was ist denn los? Habt Ihr einen Geist gesehen?“ Liudger nickte stumm und zeigte in Richtung des Waldes. Doch der Platz war leer, der Wald lag friedlich vor ihnen und niemand starrte ihn aus dem Buschwerk heraus an. Der Hauptmann schüttelte mit dem Kopf und suchte vergeblich mit seinen Augen den Waldessaum ab. Dennoch, der Mönch war sich sicher, dass er in das Gesicht des Teufels gesehen hatte. „Hinweg Satan“, murmelte er und fügte, schon etwas lauter ein „Vater unser, der du bist im Himmel…!“ hinzu. Mit langsamen Schritten begaben sie sich schließlich zur Platzmitte, um im Schatten des Baumes zu rasten. Hier stillten sie ihren Durst mit dem kühlen Wasser des Baches, der hier direkt aus dem Wald heraus floss. Die Hütten, gebaut aus Holz und mit Lehm vermischtem Stroh, schienen die Gruppe aus ihren winzigen Fensteröffnungen anzustarren. Stille lag über dem Ort, eine tiefe, unnatürliche Stille. „Soll ich das Dorf jetzt abfackeln lassen?“, wollte gerade der Hauptmann von Liudger wissen, als sich die ersten Dorfbewohner in den Türen ihrer Häuser zeigten. Der Mönch aber hörte ihm kaum zu. Mit würdevollen Schritten umrundete er den Platz um die alte Eiche, versprengte das mitgebrachte Weihwasser und sprach unentwegt seine Gebete. Damit weihte er den Dorfplatz, drückte ihm den Stempel des Christentums auf und fühlte dabei, wie nach und nach in seine verängstigte Seele wieder Ruhe und Sicherheit einkehrten. Nun konnten die Heiden kommen! Als er sich im Schatten des Baumes für den Empfang des Dorfältesten positionierte, achtete er geflissentlich darauf, dem verfluchten Wald mit seinen Spukgestalten den Rücken zuzukehren. Langsam kam Wicbert, der Dorfälteste, auf sie zu. Seine gebückte Haltung bekundete die Bürde eines arbeitsreichen Lebens, seine ernste Mimik die Schwere des Augenblicks. Lange hatten sie darüber gestritten, ob sie ihren alten Göttern auch abschwören konnten und sollten, doch nun war der Druck zu groß geworden, nun blieb ihnen keine andere Wahl mehr. Wicbert wurde von seiner Enkeltochter begleitet, einem fröhlichen kleinen Wesen mit einem Blumenkranz im Haar. Die restlichen Anwohner standen immer noch vor ihren Häusern und warteten auf den Beginn der Zeremonie. Von jedem Haus aus hatten sie weißen Sand bis zur Eiche gestreut und den Weg zusätzlich mit zerkleinertem Tannengrün geschmückt. Der Mönch ahnte nicht, dass dieser feine, glänzende Sand von ihrem ehemaligen Thingplatz am Regenstein stammte. Mit einer leichten Verbeugung, die sein steifer Rücken gerade noch zuließ, begrüßte der Dorfälteste die Gruppe von Soldaten, Bruder Hanno sowie den Missionar Liudger, der den Gruß mit den Worten: „Sei gesegnet, mein Sohn!“, beantwortete. Nachdem Enkeltochter Ada die Gäste mit einem tiefen Knicks geehrt hatte, kam, einem Bußgang gleich, auch das übrige Volk auf den vorgezeichneten Wegen zur Mitte des Platzes, langsam, still und feierlich. Der Heidenbekehrer Liudger sammelte sich, sprach laut ein Vaterunser und begann mit seiner Ansprache: „Euer Kaiser hat geboten, dass all seine Untertanen den einzig wahren, den christlichen Glauben, annehmen! Ich als Vertreter der Kirche des Herrn werde euch heute durch die Taufe zu Christen machen. Mit der Taufe sagt der Mensch Ja zu Jesus und schließt mit ihm einen Bund. Ab jetzt will er zusammen mit Christus leben. Die Taufe ist aber auch eine Reinigung von der Sünde!“ Aufmerksam sah sich Liudger jetzt um. Welchen Eindruck hatte er auf die Menschen gemacht? Die Stille, die von dem vor ihm stehenden Volk ausging, war schon belastend. Hörten sie ihm überhaupt zu? Liudger nahm den Faden seiner Rede wieder auf: „Folgendes sollt ihr wissen: Wer sich dieser Taufe entzieht, soll des Todes sterben. Auch wer weiterhin bei Quellen, Bäumen oder in Wäldern irgendetwas gelobt oder nach alter Sitte opfert, ist des Todes! Heidenpriester und Losdeuter sind an die Kirchen und Priester auszuliefern. Wer den Leib eines Toten nach heidnischer Sitte verbrennt, soll die Todesstrafe erleiden. Auch wurde mit der Gnade Christi beschlossen, dass die Kirche den zehnten Teil eures Erwerbs bekommt. Wer die vierzehntägige Fastenzeit nicht einhält, soll des Todes sterben.“ Liudgers Liste mit Geboten, Verboten, mit angedrohter Todesstrafe war lang, endlos lang. Endlich schloss er sie mit dem Satz ab: „Nun lasst uns gemeinsam beten!“ Damit forderte er seine neue Gemeinde zum ersten christlichen Gebet auf. Genau in diesem Moment tauchte zu Liudgers Entsetzen wieder diese Fratze mit dem gewaltigen Gehörn und dem zottligen Bart auf. Diesmal zwischen den Holunderbüschen an der anderen Seite des Ortes. Aus seinen gelben Augen betrachtete das Wesen die Menschenansammlung, um sich schließlich langsam in Bewegung zu setzen. Liudger rieb sich seine Augen und wünschte sich mal wieder, besser in die Weite blicken zu können. „Sieh Karl“, rief da einer der Dörfler, „dein Ziegenbock will getauft werden!“ Ein unterdrücktes Lachen zog durch die Menge, und unendliche Erleichterung zuckte durch die gläubige Mönchsseele. Nun wollte er die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen und gab deshalb den Soldaten die Order, mit der Zuführung der Bauern und ihrer Familien anzufangen. Die tatsächliche Zeremonie sollte nun endlich beginnen! Zunächst mussten die Bauern dem Teufel abschwören sowie sich von allen heidnischen Götterkulten lossagen. Darauf wurden der Teufelsbach zum Taufbecken, Liudger zum Heilsbringer und die Heiden endlich ordnungsgemäße Christen. Noch am frühen Nachmittag eilten die Missionare mit ihren Beschützern nach Halberstadt zurück, in den sicheren Schoß ihrer Missionsstation, die von Luidgers Bruder Hildegrimm geführt wurde.

– 786 n. Chr. –

Diesmal kam Bruder Hanno ohne den Missionar Liudger von der Huysburg zu der kleinen Burg auf dem hellen Fels, der Blankenburg, von der aus der Gaugraf des Harzkreises seines Amtes waltete. Später wird hier eine stolze Burg ins weite Land sehen. Gaugraf Hero war seit dem Thingverbot der oberste Richter. Er war der Mann, der hier über Leben und Tod entschied. Das letzte Stück zur Burg fiel dem Mönch schwer, denn der Aufstieg war lang und beschwerlich. An seiner Seite keuchte ein zweiter Mönch, Bruder Bernd, der ihm bei dem bedrückenden Auftrag beistehen wollte. Ihre Anstrengung wurde oben mit einer umwerfenden Aussicht auf das Harzvorland belohnt. Auch einzelne, am Fuße der Burg liegende, Bauernhäuser waren gut erkennbar. Das Ziel der Brüder war der Kerker der Burg, in dem eine Anzahl aufsässiger Sachsen auf ihre Hinrichtung wartete, unter anderem auch Wicbert, der Alte aus Brevel, der Bruder Liudger im Sommer zur Taufe in seinem Dorf begrüßt hatte. Wicbert saß teilnahmslos auf dem mit Stroh bedeckten Kerkerboden. Ihn interessierte schon lange nicht mehr, was mit ihm oder den anderen geschah. Nur die Erinnerungen ließen sich nicht ausschalten, sie kamen, überwältigten seinen Geist, und sie schmerzten. Geboren als Freier endete nun sein Leben für die Freiheit der Harzer Sachsen unter dem Beil eines Henkers, das ein Franke führen würde. Wicbert hatte sich nie als Franke und nie als Christ gefühlt. Seit über 15 Jahren hatten sie sich gegen den Kaiser und den neuen Glauben zur Wehr gesetzt, doch seit dem Verrat ihrer Fürsten waren sie ohne Führung und damit war ihr Kampf ohne Chance auf Erfolg gewesen. Deshalb hatten sie sich taufen lassen, hatten zu dem neuen Gott gebetet und die eigenen uralten Sitten abgelegt. Doch dann kam dieser Sommer, furchtbar trocken und heiß, so dass ihr Getreide auf den Feldern verdorrte und ihnen kaum etwas zum Leben blieb.

Schloss Blankenburg

Der neben Wicbert hockende Junge, rothaarig und mit feinen Sommersprossen im Gesicht, fasste den Alten vorsichtig an. Wicbert blickte auf und sah dem Vierzehnjährigen ins Antlitz. Pure Angst flackerte in dessen Augen, Todesangst! „Ob sie uns alle hinrichten, auch mich?“, stieß er mühsam hervor. „Junge“, antwortete Wicbert mit gedämpfter Stimme, „es sind jetzt gut acht Jahre her, da hat Karl der Große 4500 der Unsrigen den Kopf abgeschlagen, weil sie sich aufgelehnt hatten. Das war in Westfahlen, nachdem der Sachsenherzog Widukind sich hat taufen lassen. Die 4500 Leben waren sozusagen seine Mitgift für den König. Was zählt da schon unseres?“ Beide schwiegen eine ganze Weile. Wieder nahm der Junge das Gespräch auf: „Aber mich trifft doch keine Schuld, ich habe doch niemanden getötet!“ Mitleidig sah der Alte das Kind an. Was hätte er ihm antworten sollen?

Die schwere Kerkertür öffnete sich. Grelles Licht flutete in das Gewölbe und machte alle Insassen für einen Augenblick blind. Erst nach und nach nahmen sie wahr, dass mit den Soldaten dieses Mal auch zwei Mönche eingetreten waren. Mitleidig sah Hanno auf die im Stroh und Dreck liegenden Männer. Zerlumpt, abgemagert, geschunden und mit Wunden und Narben übersät fühlten sie sich dem Tod näher als dem Leben. Doch ihm war auch bewusst, dass diese sich hier schuldig gemacht hatten und deshalb die Todesstrafe auf sie wartete. Diese Harzer! Von allen germanischen Stämmen hatten sie sich am längsten gegen das Christentum gewehrt, und bei der ersten Gelegenheit griffen sie wieder zu ihren Waffen und probten den Aufstand. Es war der reinste Flächenbrand gewesen, immer neue Dörfer hatten sich dem Aufruhr angeschlossen und den Kampf gegen die neue Macht geführt.

Schließlich erkannte der Mönch unter den Männern, die vor ihm auf dem Boden lagen, den Dorfältesten Wicbert wieder. „Wie konntest du Alter so töricht sein und dich gegen deinen König erheben? Du kennst die Strafe, wenn sich einer im Bunde mit Heiden gegen die Christen einlässt, wenn man Feindschaft gegen Christen ausübt oder wenn man zu irgendeinem hinterlistigen Anschlag auf den König oder das Volk der Christen seine Zustimmung gibt. Der soll des Todes sterben! Wer sich gegen den König untreu erweist, soll an Haupt und Leben gestraft werden“, hielt er ihm mitleidlos eine Strafpredigt. Seine erste Anteilnahme hatte sich vollständig in Hass und Zorn gewandelt. Wicbert sah dem Mönch fest in die Augen. Da er nichts mehr zu verlieren hatte, erwiderte er schließlich: „Mönch, du solltest lieber fragen, warum es zu dem Aufstand gekommen ist!“ Erstaunt ob der Gegenrede des Alten sah Hanno auf. Bruder Bernd war jung und unerfahren im Umgang mit Ketzern. Vielleicht war das der Grund, weswegen er von Barmherzigkeit getrieben nachfragte: „Erzähl uns von den Umständen! Wir wollen es verstehen.“ Der Dorfälteste wusste, dass er jetzt reden sollte, dass jetzt seine einzige Chance gekommen war, seine Sicht auf die Ereignisse zu schildern. Sollte wenigstens dieser eine Mönch die Wahrheit mit aus dem Kerker nehmen! „Ihr habt uns getauft“, begann er schließlich, „und ihr habt damit gleichzeitig ein Netz von Todesstrafen über uns gelegt. Bei geringstem Verstoß oder Verdacht rollten sofort die Köpfe, ohne jede Gnade. Genauso gnadenlos wart ihr im Einfordern des Zehnten. Nach dem trockenen Sommer gab es kaum was zu ernten, trotzdem pochtet ihr auf das von Gott und dem König gesetzte Recht. Die Abgaben waren pünktlich und in voller Höhe abzuliefern. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, musste für euch als Höriger arbeiten, bis seine Schuld beglichen war. Zusätzlich drückte uns die Fron, drei Tage in der Woche für euch zu arbeiten. Unser Dorf ging vor die Hunde und das traf nicht nur uns! In allen Dörfern herrschte nur noch Hunger, Not und Elend. Deshalb kam es zum Aufstand und als Sachsen waren wir es von alters her gewohnt, für unsere Rechte und für unsere Freiheit zu kämpfen.“ Wicbert hielt inne, denn das Reden hatte ihn sehr angestrengt. Er senkte den Blick und rutschte in eine tiefe Apathie zurück.

Doch die Antwort des Alten hatte Hanno erneut in Rage gebracht und so schrie er ihm seine Gegenrede ins Gesicht, wobei sein Speichel sich in den Mundwinkeln in kleinen Blasen sammelte: „Sag mir, was ihr erreicht habt! Euer Dorf haben die Truppen des Königs ausgeplündert, euer Grund und Boden gehört jetzt ihm und wer von euren Leuten nicht umgekommen ist, befindet sich auf der Flucht oder im Kerker. Nichts habt ihr erreicht, gar nichts! Nur das Beil des Henkers wartet noch auf euch.“ Nun mischte sich Bruder Bernd wieder ein, denn die Heftigkeit des Disputs widersprach seinem Wesen. „Sag Alter, bereust du denn dein Tun, damit auch Gott dir vergeben kann? Schließlich stehst du bald vor deinem Schöpfer!“ Noch einmal sah Wicbert auf, lächelte den Mönch müde an und erklärte in festem Ton: „Ich bin ein alter, gebrechlicher Mann und bereue, dass ich nicht mit den jungen Burschen mitgezogen bin, um unser Recht einzufordern. Da euer Gott mir seine Vergebung verweigern wird, werden mir andere Götter, die alten Götter, auf meinem letzten Weg beistehen. Da bin ich mir sicher.“ Hanno schnaubte vor Wut. „Du elender Heide, stirb, wie du es verdient hast!“, schrie der Mönch, bevor er den Kerker verließ. Dabei erfasste ihn, wie einst Liudger, das Gefühl, aus einer dunklen Ecke des Ganges von gelben Augen beobachtet zu werden. War dort ein Teufel? Panisch rannte er ins Freie, denn er wusste genau, was passieren würde, wenn man den Satan gesehen hatte. Bruder Bernd trottete enttäuscht hinterher; er hätte noch gern mit den unglücklichen Geschöpfen da unten ein „Vaterunser“ gebetet. Aber besondere Traurigkeit empfand er, wenn er an den Jungen an Wicberts Seite dachte. Er beschloss, sich beim Gaugrafen Hero für den Jungen einzusetzen. Während also Bruder Bernd den Weg zum Gaugrafen wählte, machte sich der selbst ernannte Apostel des Herrn, Bruder Hanno, bereits auf den Heimweg. Unten in Helsungen, im Wirtshaus, wollte er auf Bruder Bernd warten. Der redete derweil mit Engelszungen auf den Gaugrafen Hero ein, auf den obersten Richter über den gesamten Harzgau. Er überzeugte ihn am Ende, dass man unter der Obhut der Kirche aus dem Buben einen braven Diener Gottes machen würde. Eine Stunde später wanderte der Menschenfreund mit dem Jungen bereits in Richtung Helsungen am Fuße der Teufelsmauer entlang. Den alten Legenden nach bildete die Teufelsmauer die Grenze zwischen dem Reich des Teufels und dem Reich Gottes. Diese Felsformation aus hartem Sandstein, die sich über etliche Kilometer am Fuße des Harzes hinzieht, besteht aus wundervoll geformten Felsenfiguren, die einst die Gletscher der Eiszeit sowie Wind, Regen und Kälte geschaffen und dabei Höhlen und eigenartig geformte Sandstein-Klippen hinterlassen hatten. Deren Formen regte schon immer die Fantasie der Menschen an, so dass sie den verschiedenen Gebilden auch Namen gaben wie Großvater, Teufelsstuhl, die Nornen und viele, viele andere.

Aufgekratzt über die wiedererlangte Freiheit plauderte der Junge, erzählte von seinem Dorf, seiner Familie und wie ihn die Häscher des Grafen ins Verlies gesteckt hatten. Plötzlich verstummte er und blieb wie angewurzelt stehen. In einiger Entfernung erkannten beide einen leblosen Körper in schwarzer Kutte, der zwischen mehreren Felsbrocken auf dem Boden lag. „Bruder Hanno“, schrie Bernd, „was ist mit euch?“ Doch der andere gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Die Steine hatten seinen Schädel zertrümmert. „Den hat sich der Teufel geholt“, flüsterte entsetzt der Knabe und begann, die Steine zur Seite zu rollen. Bruder Bernd zweifelte an dieser Version und hatte einen viel schlimmeren Verdacht. Plötzlich hatte er es eilig wieder nach Halberstadt und damit in die Sicherheit des Stifts zu kommen.

Drei Monate später reiste der König, den sie Karl den Großen nannten, durch Sachsen, ohne auf neuen Widerstand zu stoßen. Durch den Aufstand der Sachsen hatte sich der Reichsbesitz durch Enteignung beachtlich vergrößert. Zusätzlich wurde der bis dahin freie Harz in Forstbezirke eingeteilt. Straßen wurden gebaut und Dörfer gegründet, Dörfer, deren Namen auf die Silbe „Feld“ endeten. Doch im Jahr 792 brachen unter den Sachsen neue Aufstände aus, diesmal gegen den eigenen und den fränkischen Adel. Erst nach vier weiteren Feldzügen des Königs ins Sächsische, Massendeportationen von ganzen Dörfern nach Germanien und Gallien und den Erlass von milderen Gesetzen im Jahr 797 kehrte in das Land Frieden ein. Karl der Große empfing dafür im Jahr 800 vom Papst die Kaiserkrone. Für die erfolgreiche Missionierung der Harzer Bevölkerung wurde 804 das Stift Halberstadt in ein Bistum umgewandelt.

Vorharz

– 1048 n. Chr. –

Oda war nun 14 Jahre alt, und alle erwarteten, dass sie sich endlich den Brautkranz aufsetzen ließ. Aber sie konnte sich für keinen ihrer Bewerber entscheiden! Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wehrte sie sich vehement, da sie nicht einzig aus purem Gehorsam einen Bund fürs Leben einzugehen vermochte. Als die diesbezüglichen Auseinandersetzungen mit den Eltern kein Ende nahmen, bat sie schließlich um eine Frist bis zur Sommersonnenwende. Dann wollte sie den Holunderbaum schütteln, um dadurch den rechten Bräutigam zu erkennen. Vielleicht würde aber bereits der heutige Abend etwas Klarheit bringen, denn der Tanz um das Osterfeuer hatte schon viele Brautpaare hervorgebracht. So hofften es zumindest ihre Eltern!

An der Tür klopfte es. Oda warf sich ihr warmes Schultertuch um und öffnete. Beinahe wäre sie dabei mit Ruth, ihrer besten Freundin, zusammengestoßen, die im gleichen Moment in das Haus stürmen wollte. „Komm schnell“, rief sie, „die anderen Mädchen warten schon!“ Fröhlich lärmend machten sich die Mädchen auf den Weg. Sie verließen ihren Ort am Fuße der Teufelsmauer, der den sinnigen Namen Helsungen, also Höllengesang, trug, schlenderten durch die umliegenden Dörfer und Felder, um bald darauf vom Wald verschluckt zu werden. Schließlich öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, auf der in der Mitte ein helles, wärmendes Feuer flackerte. Die große Fichte im Zentrum des Reisighaufens stand bereits in Flammen, den Sieg der Sonne über den Winter symbolisierend. Spielleute forderten mit ihrer Musik zum Tanzen auf. Doch zunächst umstanden die Menschen, alte und junge, in einem weiten Kreis das Feuer und sahen in das mystische Spiel der Flammen.

Felsgebilde der Teufelsmauer, heute Hamburger Wappen, früher die 3 Nonnen, Nornen

Nachdem das Feuer heruntergebrannt war, traten die Erwachsenen zurück und überließen den jungen Leuten die Regie. Der Tanz wurde eröffnet. Die Dunkelheit, das Feuer, die Musik sowie die tanzenden Menschen übten einen unwiderstehlichen Zwang aus, sich an diesem mystischen Spektakel zu beteiligen. Oda wurde von Henning, einem jungen Bauernburschen und ihrem unermüdlichsten Verehrer, sofort in den Kreis der Tänzer gezogen. Zunächst widerstrebend, doch nach und nach gelöster, tanzte Oda mit all den anderen um den Ostermeiler und begrüßte damit nach alter Sitte den Frühling, den neuen Aufbruch des Lebens im Jahreskreis. Langsam wurden die Flammen kleiner und kleiner, worauf die jungen Paare begannen, gemeinsam über die Glut zu springen, um sich gegenseitig ihrer Liebe und Treue zu versichern. Henning fasste sich ein Herz: „Springst du auch mit mir durch das Feuer?“, wollte er von Oda wissen. Erschrocken blieb das Mädchen stehen. Der gemeinsame Sprung kam einem Eheversprechen gleich, und das wollte sie in dieser Nacht niemandem geben. „Warte bis zur Sommersonnenwende. Dann werde ich mich entschieden haben“, erhielt Henning zur Antwort. Darauf löste sie sich von ihm, schlang ihr Schultertuch fester um den Körper und begann Ruth zu suchen. Sie wollte auf keinen Fall allein zurück ins Dorf trotten. Doch die Freundin war seit ihrem Verlobungssprung nicht mehr gesehen worden. So schloss sich Oda einer Gruppe von Mädchen an, die dabei waren, in ihr Dorf zurückzukehren. Henning blieb enttäuscht und verärgert zurück. Beim Anblick des verlöschenden Feuers begriff er, dass Oda niemals vorhatte, seine Braut zu werden. Ein sanftes Rütteln am Arm holte ihn in die Wirklichkeit zurück. „Kannst du mich nicht nach Hause begleiten?“, flehte Marie Henning an, „die anderen sind plötzlich alle weg und allein möchte ich nicht gehen.“ Marie besaß nicht die natürliche Eleganz und Schönheit von Oda, sie war eher etwas klein und pummelig, aber aus ihrem hübschen Puppengesicht strahlten ihn hellblaue Augen inständig an. „Mach mit mir die Feuerprobe, dann solltest du sicher zu Hause ankommen!“, antwortete Henning. Marie war bereit. Sie fassten sich an den Händen, gingen einige Schritte zurück und übersprangen mit einem kräftigen Jubelschrei das göttliche Feuer. In diesem Moment spielte Oda in Hennings Gefühlsleben eine vollständig untergeordnete Rolle. Für diesen einen Moment.

Zwei Wochen später waren Oda und Ruth wieder unterwegs. Diesmal in aller Herrgottsfrühe, denn der Weg zu den Klusbergen war lang, und sie wollten doch pünktlich ankommen. Im dortigen Herrenhaus gab es eine Hochzeit, zu welcher man aus der gesamten Umgebung Hilfskräfte, vor allem hübsche junge Mädchen, verpflichtet hatte. Zu den Auserwählten zu zählen, hatte die beiden schon stolz gemacht, obwohl ihnen nicht klar war, was sie in den nächsten vier Tagen genau erwarten würde. Sie wussten nur, dass der älteste Sohn der Herrschaften heiratete und dadurch immens viel Arbeit zu bewältigen war. Ihr Weg führte sie durch den ersten dem Harz vorgelagerten Höhenzug, wo zwischen drei kleinen Hügeln versteckt das Bauerndorf Börnecke lag. Eine heilende Wunderquelle, ein mineralhaltiger Born, hatte diesen Ort hervorgebracht. Weiter führte sie der Weg auf die Weinberge zu, wo eine von Menschenhand geschaffene Lücke im Sandstein sie auf die andere Seite des Berges brachte. Durch einen struppigen Kiefernwald, der auf lockerem Sandboden wuchs, gelangten die Mädchen, nachdem sie den Thekenberg hinter sich gelassen hatten, zu dem herrschaftlichen Anwesen in Nähe der Klusberge. Der aus Sandstein errichtete Gebäudekomplex aus drei Häusern, Innenhöfen, Gärten und Ställen wurde von einer Mauer und einem Wassergraben umschlossen. Das Herrenhaus lag am Rand eines kleinen Dorfes mit nicht mehr als zehn Hofstellen. Oda fiel auf, dass auch hier nicht mehr alle Häuser bewohnt waren. Die großen Hungersnöte der letzten Jahre, verursacht durch nasse Sommer sowie sehr lange, kalte und schneereiche Winter, hatten viele Familien in die Flucht getrieben, hatten tiefe Narben in den Dörfern hinterlassen. Das Land verödete, weil die Menschen fehlten. Doch Ruth und Oda ließen sich davon nicht die Stimmung verderben. Sie waren beide voller Vorfreude, denn eine hochherrschaftliche Vermählung bedeutete nicht nur Arbeit, sondern auch viel Unterhaltsames, wie Possenreißer, Gaukler und Mimen. Von der ersten Hochzeit des Kaisers Heinrich III. mit der bildhübschen Gunhild wurde erzählt, dass das Brautpaar auf keine Belustigung verzichtet hatte. So hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass man zur Unterhaltung der Gäste einen Mann mit Honig beschmiert und anschließend vor die Bären geschmissen hatte. „Würdest du dir so etwas ansehen?“, wurde Ruth von Oda gefragt, die daraufhin nur unschlüssig mit den Schultern zuckte. Mit einem Blick auf das Gutshaus entgegnete sie schließlich: „Komm, wir müssen uns beeilen, sonst handeln wir uns gleich zu Beginn Ärger ein.“ Wie aus dem Nichts tauchte in diesem Moment eine Gruppe Berittener auf, die an den Mädchen vorbeipreschten. Doch das Pferd des letzten Reiters blieb vor Oda stehen und bäumte sich wiehernd auf. Erschrocken wich das Mädchen einen Schritt zurück, stolperte dabei und fiel zu Boden. Doch nun geschah das Unglaubliche, denn der Reiter preschte, nachdem er sein Pferd beruhigt hatte, nicht einfach weiter, sondern fragte Oda besorgt, ob sie sich verletzt hätte. Ungläubig sah Oda auf. Ein so hoher Herr sprach sie, ein einfaches Bauernmädchen, an? Und dann wurde es plötzlich ganz still in ihr. Gefesselt vom Blick des Reiters war es ihr unmöglich, eine Antwort zu geben. Was passierte hier, schoss es Ruth durch den Kopf, als sie diesen langen, sich in den anderen verlierenden Blick der beiden beobachtete. Schließlich hielt sie der Freundin die Hand hin und zog sie hoch. „Nichts passiert, Herr“, brachte Oda endlich hervor, „ich war nur so erschrocken.“ Dabei senkte sie schuldbewusst die Augen, darauf wartend, dass der Reiter seinen Weg fortsetzte. „Was ist los mit dir, Egbert? Was kümmern dich die beiden Bauerntrampel? Komm, wir werden erwartet.“, rief in diesem Moment einer von Egberts Begleitern zurück, worauf der Angesprochene seinem Pferd die Sporen gab und den anderen nachgaloppierte. Oda und Ruth standen immer noch wie angewurzelt am Straßenrand und sahen dem Reiter nach. „Egbert“, flüsterte Oda, „Egbert ist sein Name.“ Wieder fragte sich Ruth, was hier gerade passiert war.

Im Herrenhaus wurden sie bereits erwartet, denn es gab in Vorbereitung auf die Feier noch Unmengen an Arbeit zu erledigen. Sie hatten kaum Zeit, um die Größe und Ausstattung des Gebäudes auf sich wirken zu lassen. Doch der Unterschied zu ihren strohbedeckten engen Hütten, die bisher einzig allein ihren Lebensmittelpunkt dargestellt hatten, war schon imposant und gleichzeitig bedrückend. Nachdem sie ihre Bündel in einer kleinen Kammer, die sie sich mit anderen Angestellten des Hauses teilen mussten, abgelegt hatten, fanden sie sich schnell in ihrem Arbeitsbereich, der Küche, als Hilfskräfte wieder. Allein die Größe des Raumes überraschte die Mädchen. An mehreren langen Tischen waren das Küchenpersonal und die vielen Helfer damit beschäftigt, Speisen vorzubereiten, während der Koch vor allem an der gewaltigen Feuerstelle seine Kunst ausübte. Oda wurde sofort an den Spülstein beordert, während die Freundin für das Putzen von Töpfen und Pfannen zuständig war. Mit großem Tatendrang begannen beide ihr Werk, doch so sehr sie sich auch bemühten, den Abwasch zu erledigen, die Flut an neuen Töpfen und Tellern riss kaum ab. Deshalb waren sie schließlich und endlich erleichtert, als zum Essen in die Gesindestube gerufen wurde. Erst jetzt war Zeit, um sich gegenseitig kennenzulernen sowie zum Erlauschen der neusten Nachrichten über die Gäste, das Brautpaar und die anderen Herrschaften des Hauses. Oda hoffte dabei etwas über ihren Ritter in Erfahrung zu bringen. „Kennst du Ritter Egbert? Ist das der Bräutigam?“, sprach sie die neben ihr sitzende alte Magd an. „Egbert ist der Bruder des Bräutigams“, gab diese zur Antwort. „Du musst wissen, dass Egbert schon mal verheiratet war, aber die junge Frau ist im Wochenbett gestorben. Nun lebt er allein da oben im Harz.“ Diese Mitteilung stimmte Oda irgendwie froh, doch sie musste noch etwas wissen: „Dann hat er wohl ein Kind?“ Die Magd wunderte sich jedoch jetzt sehr über Odas Interesse an dem Ritter und sah sie deshalb skeptisch an, bevor sie antwortete: „Das Kind war zu früh gekommen, man konnte es nicht retten.“ In diesem Moment mischte sich die Magd, die Oda gegenüber saß, in das Gespräch ein: „Wenn man dich so ansieht, so könnte man denken, du wärst eine Schwester der seligen Frau des Ritters. Die Ähnlichkeit mit ihr ist schon verblüffend.“ Jetzt begriff Oda diesen langen warmen und auch wieder überraschten Blick des Ritters am Wegesrand. Immer, wenn sie an diesen einen Moment dachte, durchzog ein bis dahin unbekanntes, aber vor allem wohliges Gefühl ihren jungen Körper. „Und wer heiratet nun?“, wollte Ruth endlich wissen. „Der junge Herr Hubert von den Klusbergen heiratet das edle Fräulein Gudrun aus Halberstadt. Sie soll eine Schönheit sein und eine üppige Mitgift einbringen“, lautete die Antwort der Magd. Ruth hätte es auch gefallen, so ein Edelfräulein zu sein, aber der Priester ihres Dorfes hatte ihnen oft genug erklärt: „Wenn Gott gewollt hätte, dass sie Edle wären, dann hätte er es auch so eingerichtet.“ So blieb den Mädchen nichts weiter übrig, als sich nach einem langen, arbeitsreichen Tag endlich in ihre Betten zu legen, um sich in ihre eigenen Träumereien zu flüchten und ihren Seelen damit etwas Trost zu geben. Der neue Tag war der Tag der Hochzeit. Aus der gesamten Umgebung waren die Gäste mit ihrem Gefolge eingetroffen. Neben den Herren von Schlanstedt waren auch die Ritter der Westerburg, der Burg Emersleben, die Eigner des Rittergutes von Cattenstedt und weitere Edelfreie zugegen. Seit Heinrich I. überzog ein Netz aus Burgen und Befestigungsanlagen mit ständigen Burgbesatzungen die gesamte Harzregion, das zum Schutz der Bevölkerung gegen die Überfälle der Ungarn gedacht war. Zusätzlich sollten auch die Gerichtstage, alle Märkte und Gastmähler in den Burgen abgehalten werden. Inzwischen hatten aber die Eliten begonnen, ihre bäuerlichen Gemeinschaften zu verlassen, um sich in exponierter Lage in festen Häusern, meist mit einem Turm, niederzulassen. Nach diesen Gebieten benannten sich dann die Adelshäuser. Doch ohne Genehmigung des Königs durften solche Burgen nicht gebaut werden. An diesem Tag traf der gesamte Adel, soweit er nicht zerstritten war, auf dem Herrensitz der Klusberge zusammen. Auch viel fahrendes Volk wie Possenreißer, Gaukler, Mimen und Musikanten hatten sich eingefunden und sorgten für reichlich Rummel im Vorhof des Gebäudes. Währenddessen fand auf dem Innenhof vor einer kleinen Kapelle die Hochzeitszeremonie statt. Eng aneinandergedrängt beobachteten Oda und Ruth das Geschehen durch eines der kleinen Küchenfenster. Während Ruth die Braut in ihrer prächtigen Robe aus feinen teuren Stoffen voller Bewunderung betrachtete, vermochte Oda kein Auge von dem Bruder des Bräutigams zu lassen. Völlig gebannt bewunderten die Mädchen, was sich vor ihren Augen abspielte. „Verdammtes faules Pack“, brüllte plötzlich der Küchenchef hinter ihnen, „ihr seid zum Arbeiten hier, nicht zum Maulaffen feilhalten. Zurück an die Arbeit, die Fitzebohnen müssen noch geschnitten werden!“ Erschrocken und schuldbewusst sprangen beide von der Bank, um sich wieder dem Bohnenschnipseln zuzuwenden. Da wurde unvermittelt die Tür aufgerissen und ein junges Ding unsanft in den Raum gestoßen. „Ich brauche ein anderes Mädchen für die Zimmer“, schrie die gewichtige Haushälterin, „diese hier heult schon den ganzen Morgen rum oder versteckt sich in den Ecken. Du da kommst mit mir mit!“, dabei zeigte ihr Finger auf Oda, die erschrocken zusammenfuhr. Während die Gescholtene erleichtert zu den Küchenmädchen rüberschlich, aber nicht, ohne nochmals einen kräftigen Hieb von der Alten empfangen zu haben, wurde aus Oda augenblicklich eine Kammerzofe.

Mit den Worten: „Ich wünsche euch Frischvermählten eine schöne Hochzeit, Glück in der Ehe und natürlich reichlich Nachwuchs!“, ging Egbert auf das Brautpaar zu und überreichte seine Geschenke, einen reichverzierten Weinpokal für den Bruder und mit Markasiten besetzten Silberschmuck für die Schwägerin. Er konnte sich solch edle Geschenke leisten, da die Eisenmine oben im Bergwald reichlich Gewinn abwarf. „Danke für deine Worte“, antwortete der Bruder, „aber du selber siehst heute nicht glücklich aus. Was ist denn passiert?“ Egbert druckste herum, doch da der Bruder nicht locker ließ, antwortete er schließlich: „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Da ist mir ein Mädchen über den Weg gelaufen, die ein Ebenbild meiner verstorbenen Frau ist. Das hat mich tief getroffen.“ Der Bruder horchte auf: „Ein Abbild von Ilse? Die würde ich gern sehen!“ Nach einer kurzen Pause fügte er jedoch hinzu: „Meinst du etwa das Bauernmädchen, das uns gestern begegnet ist? Lass sie holen und vergnüge dich mit ihr! Ich will dich heute fröhlich sehen, denn es soll doch ein Festtag für uns alle sein.“ Gudrun, die Braut, lächelte Egbert sanft und verständnisvoll an. Sie hatte nicht die Chance erhalten, aus Liebe zu heiraten oder ihren Bräutigam vor der Hochzeit näher kennenzulernen. Sie wusste kaum etwas über den Mann an ihrer Seite. Würde er sie gut behandeln? Würde sie ihn lieben können? Sie wusste es nicht, sie konnte es nur hoffen. „Schwager “, sprach sie mit leiser Stimme und leicht gesenktem Blick, „suche sie, sprich mit ihr und du wirst sehen, dass dort ein völlig anderer Mensch vor dir steht. Das wird dir deine Seelenruhe zurückgeben.“ Egbert bedankte sich für den Rat und zog sich mit einer leichten Verbeugung zurück. Was für eine lebenskluge Frau ich geheiratet habe, stellte indessen der junge Gatte erstaunt fest und drückte Gudrun den ersten nicht verordneten Kuss auf den Mund. Mit großer Erleichterung nahm sie diese Zärtlichkeit an.

Das Festmahl fiel, wie bei solchen Anlässen üblich, üppig aus. Zehn Gänge wurden in einer feierlichen Prozession von den Dienern in die nach Männern und Frauen getrennten Festsäle hereingetragen. Auf großen Platten waren Pasteten, Fisch, Wildbret, Spanferkel, Enten, Bohnen, Quarkspeisen, Käse, Obst und viele weitere Köstlichkeiten angerichtet. Egbert hatte an diesem Tag wenig Appetit, er ließ sich lieber etwas mehr von dem Wein einschenken. Seine Gesprächigkeit steigerte dies trotzdem nicht, wie seine Tischnachbarn enttäuscht feststellen mussten. Selbst das Spiel der Musikanten konnte ihn nicht glücklich machen und ihm etwas von seiner Schwermut nehmen. Nachdem er auch noch einen Possenreißer über sich hatte ergehen lassen müssen, verließ er eilig den Festsaal.

Oda hatte richtig vermutet, dass ihr die neue Arbeit wenig Freude machen würde. Sie war den Damen des Hauses als Magd zugeteilt worden. Doch bei jedem Gang durch die Flure des geräumigen Hauses war sie den Begehrlichkeiten der männlichen Gäste ausgesetzt. Immer wieder musste sie sich gegen ihre handfesten Belästigungen wehren. „Ich bin für diese Herren nur Freiwild, das zur Jagd freigegeben wurde“, murmelte Oda vor sich hin, als sie aus dem Festsaal trat. Sie hatte darauf geachtet, dass sie allein auf dem Flur war, doch alle Vorsorge blieb vergebens. Unvermittelt stand vor dem Mädchen breitbeinig, mit hochrotem Kopf und grinsend der adlige Grundbesitzer aus Westeregeln. „Was für ein hübsches Ding bist du denn? Komm, lass dich mal anfassen!“ Mit diesen Worten kam er auf Oda zu, griff ihr an den Busen und drückte sie dabei gewaltsam gegen die Wand. Oda schrie auf. Doch nun hielt er ihr den Mund zu, schob seinen massigen Leib noch kraftvoller an das Mädchen und versuchte mit der anderen Hand, ihre Röcke zu heben. Mit dem Mut der Verzweiflung trat sie ihrem Peiniger gegen die Beine, was ihr aber nur einen harten Schlag ins Gesicht einbrachte. Doch im gleichen Moment lockerte sich der Griff und Oda vermochte, sich aus der Umklammerung des Gutsbesitzers zu befreien. Egbert stand neben ihnen. „Nicht so stürmisch! Was habt Ihr denn in Westeregeln nur für Sitten? Geht lieber zu den anderen und trinkt noch einen Humpen von dem guten Wein.“ Ein verständnisloser Blick aus glasigen Augen traf den Ritter, doch kurz darauf verzog sich der Gutsherr, immer noch vor Wut schnaubend. Oda knickste vor Egbert und wollte schnell weiterhuschen. „Halt, bleibt doch mal stehen“, sprach er sie an, „ich habe dich doch überall gesucht. Hast du dir gestern wirklich nichts getan?“ Oda war unsicher, wie sie die Situation einschätzen sollte. Also antwortete sie: „Es ist alles in Ordnung, Herr. Ich bin trotzdem froh, wenn ich wieder zu Hause bin.“ Egbert sah sie eine Weile an, bis sie erschrocken wegschaute. Was nur hatte sie in diesen Augen gesehen? Sorge oder Neugier? Egbert nahm das Gespräch wieder auf: „Aus welchem Dorf kommst du?“ Oda antwortete mit belegter Stimme: „Aus Helsungen. Es liegt an der Teufelsmauer. Bei richtigem Sturm hören wir dort die Teufel in der Hölle singen.“ Egbert sah sie immer noch mit diesem verzauberten Blick an, als er sie fragte: „Und wie heißt du?“ Wieder senkte Oda den Blick und antwortete gedämpft: „Oda.“ Beide schwiegen einen Moment, Oda aus Respekt vor dem hohen Herrn, Egbert, weil ihn ein Gedanke nicht mehr losließ. „Oda“, sagte er schließlich, „ich möchte dich wiedersehen. In drei Tagen muss ich nach Quedlinburg zur Äbtissin Beatrix. Danach muss ich wieder nach Bodfeld zurück. Würdest du dich mit mir morgen in einer Woche treffen, hinter der kleinen Brücke in der Nähe von Moorsdorf?“ Erstaunt sah Oda den Ritter an. „Herr, ich bin versprochen und werde im Sommer Hochzeit machen. Ich kann darauf nicht eingehen.“ Oda wurde leicht rot, während sie sprach, denn in ihrer Antwort lagen Lüge und Wahrheit dicht nebeneinander. Es gab noch keinen Hochzeitstermin mit Henning, aber alle erwarteten von ihr, dass sie so bald wie möglich seine Frau wurde. Andererseits gefiel ihr dieser Ritter, und sie hätte sich nur zu gern mit ihm getroffen. Das zarte Rot, das sich beim Sprechen auf ihre Wangen gelegt hatte, amüsierte Egbert, denn er nahm es als Zeichen, dass sie gerade gelogen hatte. „Oda“, sprach er leise und eindringlich, „sieh mich an. Deine Augen sagen mir, dass du da sein wirst. Ich werde dort auf dich warten.“ Egbert ging und ließ das Mädchen völlig verwirrt auf dem Gang stehen. „Lass dich nicht auf ein Abenteuer mit einem Edlen ein“, warnte sie ihre innere Stimme, „das geht nie gut aus!“ Zunächst jedoch hatte ihre Begegnung mit dem Ritter für Oda einen glücklichen Ausklang; sie wurde wieder zum Küchendienst eingeteilt, was sie dankbar annahm. Nun war sie wieder mit Ruth zusammen, lief keinem der angetrunkenen Herren in die Arme und konnte in den wenigen Pausen einen ungestörten Blick auf das Fest mit seinen Gauklern, Komödianten und Musikanten werfen. Doch jedes Mal, wenn ihr Blick dabei auf Egbert fiel, spürte sie in ihrer Magengrube ein seltsam prickelndes Gefühl. War das die Liebe, auf die sie immer gewartet hatte?

Nach einer Woche ging das Fest seinem Ende zu. An langen Holztischen feierte nun das Gesinde, verzehrte die restlichen Kuchen und Braten und trank dünnes Bier dazu, während sich die Gäste bereits auf dem Rückweg befanden. „Das war eine schöne Hochzeit!“, schwärmte Ruth immer wieder. „Vielleicht gibt es hier bald wieder was zu feiern, die Taufe des zu erwartenden Nachwuchses, oder Ritter Egbert heiratet ein Weib. Dann möchte ich wieder dabei sein.“ Erschrocken sah Oda die Freundin an: „Hast du irgendetwas Konkretes gehört?“ „Nein, aber ein solch stattlicher Mann wird nicht allein bleiben. Und hast du nicht gesehen, wie er von den jungen Damen angehimmelt wurde?“ Oda senkte die Augen und schwieg. „Na ja“, meinte darauf die alte Magd, „er ist ja eine gute Partie. Welches Mädchen will denn nicht reich verheiratet werden?“ Plötzlich wurde Ruth leise, wobei ihr Blick in die Weite ging, so, als ob sie ihre Zukunft sehen könnte.

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