image

image

LP 200

www.lenos.ch

Ghassan Kanafani

Rückkehr nach Haifa

Roman aus Palästina

Aus dem Arabischen
von Hartmut Fähndrich

image

Der Autor

Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka geboren. 1948 wurde seine Familie durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling lebte Kanafani zunächst im Libanon, später während längerer Zeit in Damaskus, wo er seine Schulbildung abschloss und einige Jahre als Lehrer arbeitete. 1956 ging er als Sport- und Zeichenlehrer nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut, wo er in der Folgezeit bei mehreren Zeitungen arbeitete und schliesslich Sprecher von George Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war. 1972 wurde er in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen angebracht war.

Titel der arabischen Originalausgabe:

E-Book-Ausgabe 2019

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

1. Kapitel

Als Said S., im Auto von Jerusalem her kommend, die Anhöhen oberhalb Haifas erreicht hatte, spürte er, wie ihm etwas die Zunge band; er konnte nicht mehr reden und spürte, wie der Kummer in ihm hochstieg. Für einen Augenblick überfiel ihn der Gedanke umzukehren, und ohne dass er sie anschaute, wusste er, dass sie lautlos zu weinen begonnen hatte. Plötzlich war da das Meer zu hören – genau wie damals. Nein, die Erinnerung kehrte nicht nach und nach zurück; sie stürzte in seinen Kopf wie eine steinerne Wand, die in sich zusammenfällt und sich als Haufen auftürmt. Plötzlich waren die Gegenstände und die Ereignisse da, fielen übereinander und füllten seinen Körper. Und er sagte sich, seine Frau, Safija, empfinde dasselbe und weine deshalb.

Seit der Abfahrt aus Ramallah am Morgen hatten er und sie pausenlos gesprochen. Die Felder waren vor dem Autofenster an seinem Blick vorbeigeglitten. Die Hitze war unerträglich. Seine Stirn hatte geglüht; auch der Asphalt unter den Rädern seines Autos hatte gebrannt. Über ihm stand die Sonne, die schreckliche Junisonne. Sie übergoss die Erde mit dem Pech ihres Zorns.

Unterwegs hatte er geredet und geredet und geredet. Er hatte seiner Frau von allem erzählt. Vom Krieg; von der Niederlage; vom Mandelbaumtor, das die Planierraupen niedergerissen hatten; vom Feind, der innerhalb von Stunden bis zum Fluss, zum Kanal und zu den Höhen oberhalb von Damaskus gelangt war; vom Waffenstillstand; vom Radio; von der Plünderung von Sachen und Möbeln durch die Soldaten; von der Ausgangssperre; von seinem Vetter, den in Kuwait die Unruhe verzehrte; von seinem Nachbarn, der einige Sachen zusammenpackte und floh; von den drei arabischen Soldaten, die allein zwei Tage lang auf einem Hügel in der Nähe des Auguste-Viktoria-Krankenhauses kämpften; von den Männern, die ihre Uniformen auszogen und in den Strassen von Jerusalem kämpften; von dem Bauern, den sie gleich hinrichteten, als sie ihn in der Nähe des grössten Hotels von Ramallah sahen. Er erzählte seiner Frau noch vieles andere; unterwegs unterhielten sie sich pausenlos. Und jetzt, da sie am Stadtrand von Haifa angelangt waren, schwiegen sie beide, und beide stellten in diesem Augenblick fest, dass sie mit keinem Wort über das gesprochen hatten, weswegen sie hergekommen waren.

Das also ist Haifa – nach zwanzig Jahren.

Am Mittag des 30. Juni 1967 bahnte sich der aschgraue Fiat mit weissem jordanischem Nummernschild seinen Weg in Richtung Norden, durch das Ackerland, das zwanzig Jahre zuvor Ibn-Amer-Ebene geheissen hatte, kletterte die Küstenstrasse empor und fuhr von Süden her in Haifa ein. Als er die Strasse überquerte und in die Hauptstrasse einbog, stürzte die Wand ein, und die Strasse verlor sich hinter einem Schleier von Tränen.

»Das ist Haifa, Safija«, sagte er zu seiner Frau.

Das Lenkrad lag schwer in seinen Händen, die mehr schwitzten als zuvor. Er dachte daran, seiner Frau zu sagen: Ich kenne es, dieses Haifa, aber es will mich nicht kennen. Doch er besann sich; und nach kurzer Zeit kam ihm ein anderer Gedanke.

»Weisst du«, sagte er, »zwanzig Jahre stelle ich mir jetzt vor, dass das Mandelbaumtor geöffnet wird … Aber nie, gar nie habe ich mir vorgestellt, es könnte von der anderen Seite geöffnet werden. Das ist mir niemals in den Sinn gekommen. Deshalb schien es mir, als sie es geöffnet haben, schrecklich, blödsinnig und weitgehend auch zutiefst erniedrigend. Ich wäre wohl nicht ganz bei Trost, wenn ich dir sagen würde, dass alle Tore nur von einer bestimmten Seite geöffnet werden dürften; und wenn sie von der anderen Seite geöffnet werden, muss man sie weiterhin als geschlossen betrachten. Aber das ist die Wahrheit!«

Er wandte sich zu seiner Frau; doch diese hatte nicht zugehört. Sie war ganz in die Betrachtung des Weges versunken. Mal schaute sie nach rechts, wo sich, so weit der Blick reichte, Felder ausdehnten; mal nach links, wo das Meer, welches mehr als zwanzig Jahre fern war, ganz in der Nähe rauschte. Plötzlich sagte sie: »Ich hätte nie gedacht, dass ich es nochmals sehen würde.«

»Du siehst es nicht, sie zeigen es dir.«

Jetzt gingen ihr die Nerven durch; es geschah zum ersten Mal.

»Was soll diese Philosophie«, rief sie, »die du schon den ganzen Tag von dir gibst? Die Tore und der Traum und anderes mehr. Was ist los mit dir?«

»Was ist los mit mir?«

Er zitterte, als er sich selbst diese Frage stellte. Doch er nahm sich zusammen und sagte ruhig zu ihr: »Gleich nach Abschluss der Besetzung haben sie die Grenzen geöffnet – sofort danach. Das gab es noch bei keinem Krieg in der Geschichte. Du kennst ja die leidvolle Geschichte, die sich im April 1948 ereignete und noch jetzt. Warum also? Wegen deinen oder meinen schwarzen Augen? Mitnichten! Das ist ein Teil des Krieges. Sie sagen uns: Bitte sehr, schaut her, wir sind besser und fortschrittlicher als ihr. Ihr müsst es akzeptieren, unsere Diener und Bewunderer zu sein … Aber du hast selbst gesehen, nichts hat sich geändert … Wir wären in der Lage gewesen, es viel besser zu machen …«

»Warum bist du dann hergekommen?«

Er schaute sie bitter an, und sie schwieg.

Sie wusste es. Warum fragte sie also? Sie war es gewesen, die ihn aufgefordert hatte zu gehen. Zwanzig Jahre lang hatte sie es vermieden, davon zu sprechen, zwanzig Jahre. Dann brach die Vergangenheit hervor wie ein Vulkan …

Als er sein Auto mitten durch Haifa lenkte, lag über der Stadt noch immer der Geruch des Krieges, irgendwie, rätselhaft, erregend, beunruhigend. Die Gesichter erschienen ihm brutal und wild, und nach kurzem merkte er, dass er sein Auto durch ein Haifa lenkte, in dessen Strassen er keine Veränderung wahrnahm. Er kannte sie – Stein für Stein, Kreuzung um Kreuzung. Wie oft war er mit seinem grünen Ford, Baujahr 1946, durch diese Strassen gefahren. Sie waren ihm vertraut, und jetzt hatte er nicht das Gefühl, zwanzig Jahre lang nicht hiergewesen zu sein, jetzt, da er wie ehemals sein Auto lenkte, als wäre er nicht diese zwanzig bitteren Jahre weg gewesen!

Die Namen begannen sich in seinem Kopf aufzutürmen; es war, als würde von ihnen eine dicke Staubschicht abgeklopft: Wadi al-Nisnas, König-Faisal-Strasse, Droschkenplatz, al-Halisa, Hadar. Plötzlich ging alles durcheinander. Doch er nahm sich zusammen und fragte leise seine Frau: »Gut, wo fangen wir an?«

Doch sie schwieg weiter, und er hörte sie fast lautlos weinen. Er ahnte die Qualen, die sie litt. Er wusste zwar, dass er die Qualen niemals voll erfassen konnte; aber er wusste doch, dass sie gross waren und schon zwanzig Jahre dauerten, ja, dass sie inzwischen gigantische Ausmasse erreicht hatten – in ihrem Innern, in ihrem Kopf, in ihrem Herzen, in ihrer Erinnerung, in ihren Gedanken – und dass sie ihre ganze Zukunft beherrschten. Es befremdete ihn, dass er niemals daran gedacht hatte, was diese Qualen bedeuten könnten und in welchem Ausmass sie in die Falten ihres Gesichts, in ihre Augen und in ihren Verstand einsinken könnten. Wie oft hatten diese Qualen sie begleitet – bei jedem Bissen, den sie ass, in jeder Hütte, die sie bewohnte, bei jedem Blick, den sie auf ihre Kinder, auf ihn, auf sich selbst warf. Und jetzt ergoss sich all das aus den Trümmern der Vergessenheit und des Kummers und verschärfte noch die bittere Niederlage, die er mindestens zweimal in seinem Leben gekostet hatte.