Musikermord

Ostfrieslandkrimi

Susanne Ptak


ISBN: 978-3-95573-945-4
1. Auflage 2019, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2019 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Inhalt

Für Tucky, Markus, Cheesy, Ringo, Udo, Max, Piti, Wolfgang, Basti, Jürgen und Petra

In liebevoller Erinnerung an geile Zeiten auf der Ronsdorfer Straße

Nightprowler, Morizz Boogie Boosters, Shotgun, Klau’s Lied & Band

Und nein – niemand wurde während dieser Zeit ermordet.

 

Kapitel 1

 

»Moin Jonas!«

Der Angesprochene schrak zusammen. Ganz in Gedanken versunken, war Jonas Freese aus seinem Auto gestiegen und hatte die Gitarre aus dem Kofferraum genommen. Dass Heinrich de Vries, von allen Hinnerk genannt, in der Haustür stand, hatte er gar nicht bemerkt.

»Moin Hinnerk«, grüßte Jonas zurück und zwang sich zu einem Lächeln. Dass er schlechte Laune hatte, dafür konnte der Bauer schließlich nichts.

»Und, wollt ihr wieder Musik machen?«, erkundigte sich Hinnerk. Nachdem er in Rente gegangen war und auf dem Hof keine Landwirtschaft mehr betrieben wurde, hatte er die Nebengebäude zu Proberäumen umbauen lassen und an Musiker aus der Umgebung vermietet. Sein Sohn, der in einer Künstleragentur in Oldenburg arbeitete, hatte die Idee dazu gehabt.

Jonas zuckte mit den Schultern. »Mal sehen, wer kommt. Wir hatten nichts abgemacht. Ich wollte ein bisschen Gitarre spielen.«

»Eine von den jungen Damen scheint schon hier zu sein.« Hinnerk wies auf ein rosafarbenes Fahrrad, das angelehnt an den Gartenzaun stand.

Jonas’ Herz schlug ein wenig schneller. Verdammt! Er hatte gehofft, das Gespräch, welches nun mit Sicherheit auf ihn zukam, noch ein wenig aufschieben zu können. Er war sich einfach nicht sicher. Noch nicht. Er brauchte mehr Zeit. Kurz war er versucht, einfach wieder ins Auto zu steigen.

Hinnerk hatte die angespannte Miene des dunkelblonden, jungen Mannes bemerkt. Er grinste. »Die beiden Deerns machen’s dir nich leicht, was? Bleib bei der, die du hast. Dat ist en Nette. Die andere wird nur Stunk machen.«

Damit mochte der alte Bauer sogar recht haben. Dumm nur, dass ausgerechnet die andere derzeit sein Herz höherschlagen ließ. Und noch dümmer, dass es den Bandkollegen nicht viel anders erging. Trotzdem nickte Jonas zustimmend und sagte: »Ist halt nicht so einfach mit den Weibern. Ich geh dann mal.«

Hinnerk tippte zum Gruß an seine Schiffermütze, Jonas wandte sich um und überquerte den Hof. Den Schlüssel musste er nicht aus der Tasche kramen, da Vanessa offensichtlich schon hier war. Warum eigentlich hatte Fabian ihr schon nach der zweiten gemeinsamen Probe einen eigenen Schlüssel gegeben? Er drückte die Klinke und stellte überrascht fest, dass die Tür doch abgeschlossen war. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Hatte Vanessa ihr Rad gestern hiergelassen und war mit Fabian …? Er hätte noch bleiben sollen. Aber wie hätte er Sophia das erklären sollen? Verdammt! Er musste sich endlich darüber klar werden, was er wollte, oder besser gesagt, wen er wollte. Aber vielleicht hatte Fabian ihm diese Entscheidung gestern abgenommen.

Jonas suchte den Schlüssel aus der Tasche seiner Lederjacke und schloss die Tür auf. Es war dunkel im Raum. Da der Schallschutz auch über die kleinen Stallfenster geklebt worden war, fiel kein Tageslicht herein. Er tastete nach dem Lichtschalter, und wenig später flammten die Neonröhren auf.

»Was zum Teufel …?« Jonas starrte mit aufgerissenen Augen auf seinen Gitarren-Verstärkerturm der Marke Orange, der umgestürzt mitten im Raum lag. Rasch stellte er den Gitarrenkoffer ab und wollte sich den Schaden ansehen, da bemerkte er, dass ein Mensch darunter lag. Langes, blondes Haar und die Hand der Person, die dort von Boxen und Verstärker begraben war. Eine kleine, schmale Hand, an jedem Finger ein Ring.

»Oh, mein Gott! Vanessa!« Mit drei Schritten war er bei der jungen Frau und riss den schweren Amp von Vanessa herunter. Er ließ ihn achtlos zu Boden krachen, schob die Box zur Seite und sank neben der zierlichen Blondine zu Boden.

»Vanessa!«

Sie lag auf dem Bauch, das blonde Haar war blutverklebt. Jonas atmete hektisch. Er wusste nicht, was er machen sollte. Durfte er Vanessa bewegen? Oder würde er damit alles noch schlimmer machen? Er musste Erste Hilfe leisten. Das hatte er doch irgendwann mal gelernt. Doch ihm fiel nicht ein, was zu tun war. Hilflos hockte er neben ihr und wagte nicht, sie anzufassen. Sein Kopf war wie leergefegt und das Blut rauschte in seinen Ohren.

»Scheiße! Jonas! Was hast du getan?«

Jonas fuhr herum. In der Tür stand Schlagzeuger Lukas.

»Ich hab gar nichts getan. Sie lag hier, als ich reinkam. Unter dem Turm!«

Lukas zückte sein Smartphone und wählte den Notruf.

Jonas hörte, wie der Bandkollege in sein Telefon sprach, registrierte das Gesagte jedoch nicht, sondern starrte weiter auf die leblose Frau.

»Alter! Jetzt reiß dich zusammen! Die wollen wissen, wie schwer Vanessa verletzt ist.«

»Das weiß ich doch nicht!«, reagierte Jonas endlich. »Ich weiß ja nicht mal, ob sie noch lebt.«

»Kommen Sie einfach schnell!«, schnauzte Lukas ins Telefon und drückte das Gespräch weg. Dann ließ er sich neben Jonas auf den Boden nieder und suchte mit der rechten Hand nach Vanessas Halsschlagader. »Scheiße, Mann! Die ist tot!«

»Sie kann nicht tot sein!« Jonas sprang auf. Beinahe wäre er über den Verstärker gestürzt. »Man wird doch nicht von einer Box und einem Verstärker erschlagen!«

Auch Lukas erhob sich. »Sie ist winzig und die Orange-Dinger sind echt schwer«, gab er zu bedenken.

»Trotzdem fallen die nicht von alleine um.«

»Lass uns rausgehen. Ich kann das nicht länger sehen«, sagte Lukas und ging zur Tür.

Jonas folgte ihm. Als er in die helle Nachmittagssonne des warmen Frühlingstages trat, überfiel ihn plötzlich ein Gedanke: Was, wenn jemand den Turm auf Vanessa gestürzt hatte? Warum war Sophia gestern Abend gegangen und hatte nicht, wie sonst am Wochenende üblich, bei ihm übernachtet? Zwar hatte sie mit ihm geschlafen, doch war sie irgendwie anders gewesen. Distanziert. Also, zumindest nach dem Sex. Hatte sie ihn im Bett nur testen wollen? Hatte sie etwas von seinem Gefühlschaos bemerkt? War sie womöglich so eifersüchtig gewesen, dass …? Ihm wurde übel. Rasch lief er um das Gebäude herum und übergab sich ins Gebüsch.

Als Jonas zurückkam, stieg Bassist Simon gerade von seinem Fahrrad. Den Basskoffer trug er wie einen Rucksack auf dem Rücken.

»Was’n mit euch los? Ihr seht ja aus, als hättet ihr eine Leiche gesehen.«

Jonas lief wieder zum Gebüsch.

Die Martinshörner des RTWs und des Notarztwagens waren nun zu hören und näherten sich mit hoher Geschwindigkeit.

Lukas rannte über den Hof zur Straße hin, um die Rettung einzuweisen.

Als die Fahrzeuge in den Hof fuhren, kam auch Hinnerk de Vries aus dem Haus gelaufen. »Ist euch was passiert, Jungs?«, rief er erschrocken.

Zu einer Erklärung blieb den jungen Männern keine Zeit, denn Notarzt und Sanitäter sprangen aus ihren Fahrzeugen und liefen auf sie zu.

»Moin, Bleeker mein Name«, stellte sich der Notarzt vor. »Wo ist die verletzte Person?«

»Ich fürchte, Sie können nicht mehr helfen«, sagte Lukas. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo sie ist.«

Auch wenn Doktor Bleeker auf den ersten Blick erkannte, dass hier jede Hilfe zu spät kam, ging er doch neben Vanessa in die Hocke, um sie zu untersuchen. Schnell stellte er fest, dass die Totenstarre bereits voll ausgeprägt war.

»Die Boxen und der Verstärker lagen auf ihr«, informierte Lukas von der Tür her.

»Mmmh«, machte der Notarzt und begutachtete Vanessas Hinterkopf. Er hatte etwas entdeckt, was dort sicher nicht hingehörte und bestimmt auch nicht durch das Musikequipment verursacht worden war. Einige Glassplitter klebten in dem vom Blut verschmierten Haar.

»Jens«, wandte Bleeker sich an einen der Sanitäter. »Ruf mal die Polizei dazu. Mordkommission.«