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Zum Buch

Lässt sich ändern, was geschehen ist?

Old Buckram ist ein verschlafenes Nest in den Blauen Bergen von North Carolina. Nach vielen Jahren kehrt Henry Astor an den Ort seiner Kindheit zurück. Er will verstehen, was mit seinem Vater geschah. Ohne ein Wort war der eines Tages aus dem Leben der Familie verschwunden und nie mehr wiedergekehrt. Ein Mann, der es aus einfachen Verhältnissen zum Anwalt gebracht hatte. Der Bücher über alles liebte, im wirklichen Leben aber geradezu verzweifelt nach Worten und Anerkennung suchte.

Ein unvergesslicher Roman über die Zerbrechlichkeit unserer Existenz, die Bande, die eine Familie zusammenhalten, und die Liebe eines Sohnes zu seinem Vater.

»Das Werk eines überragenden Talents.«
The New York Times

Zum Autor

PHILLIP LEWIS ist in den Bergen von North Carolina geboren und aufgewachsen. Er studierte Jura und arbeitet als Anwalt in Charlotte, North Carolina. »Rückkehr nach Old Buckram« ist sein Erzähldebüt. Es wird in mehrere Sprachen übersetzt und von der New York Times als »Werk eines überragenden Talents« gefeiert.

Phillip Lewis

Rückkehr nach Old Buckram

Roman

Deutsch von
Sigrid Ruschmeier

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Barrowfields« bei Hogarth Press, New York.

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Copyright © 2017 Phillip Lewis

Copyright © der deutschen Ausgabe 2019 btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München

unter Verwendung eines Motivs von © Shutterstock/Alexander Evgenyevich

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-641-19423-9
V001

www.btb-verlag.de

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Für Ashley

O Brüder, wie unsere Väter zu ihrer Zeit, brennen wir, wir brennen, brennen in der Nacht.

Thomas Wolfe, Es führt kein Weg zurück

Prolog

Der Schreibtisch ist noch immer so, wie er ihn verlassen hat. An der Wand der Rabe – oder welcher Vogel das auch immer sein soll. Wolfe. Poe. Chopin. Eine Erstausgabe von Camus’ Der Fremde, völlig zerfleddert und zerlesen. Eine von Thomas Wolfe signierte Erstausgabe von Schau heimwärts, Engel, die ihm teurer war als jedes andere Buch. Poes Tales of Mystery and Imagination, mit blutroter Tinte signiert von Harry Clarke. Eine in schwarzes Leder gebundene Bibel. Drei Kerzen; reichlich geflossenes Wachs. Eine Flasche Hill’s Absinth, leer. Zwei Flaschen Wodka, leer. Eine Flasche spanischer Wein, auch leer. Ein Streichholzbriefchen. Eine Lampe, ohne Glühbirne. Einundfünfzig Tagebücher, handgeschrieben. Die Titelseite eines unveröffentlichten Romans mit einer Anmerkung auf Latein. Der gesammelte Staub von neun Jahren und eine Handvoll Fotos, die ihm etwas bedeutet haben müssen. Ich schlage den Fremden auf und sehe die Widmung in meiner eigenen Handschrift. Ich blättere um, lese die erste Zeile des Buches: »Heute ist Maman gestorben.« Und allmählich verstehe ich.

TEIL I

1

Mein Vater war eins von nur zwei Kindern, die in dem kalten, harten Herbst 1939 in der schmucklosen Klinik von Old Buckram geboren wurden. Das andere, ebenfalls ein kleiner Junge, lebte nicht lange genug, um einen Namen zu bekommen oder um seine Seele zu retten. Es wurde von seiner Mutter auf einem Berghang in der Nähe beerdigt, als der Boden noch warm genug war, dass sie ihm ein Grab schaufeln konnte. Ohne einen Pfarrer, ohne dass die Kirchengemeinde ein Lied sang. Als Grabstein, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen wollte, diente lediglich ein großer glatter Flusskiesel. Dort wurde es zur letzten Ruhe gebettet, nur mit dem stummen Gebet der Mutter an einen abwesenden Gott, die darum bat, Er möge dem Kind die Sünde vergeben und es gütigst im Himmel aufnehmen.

Old Buckram, wo diese Geschichte beginnt, ist ein graues abgeschiedenes Städtchen in den Appalachen, in der nordwestlichsten Ecke von North Carolina gelegen. 1799 betrug die Bevölkerungszahl 125; 1939 war sie auf 400 gestiegen. Die Straßen und Bürgersteige sind meist leer und verwaist. Die wenigen Läden – eine altmodische Eisenwarenhandlung, ein Futtermittelladen, eine Schuhmacherei, ein Café, ein billiges Textilgeschäft und die Werkstatt eines Grabsteinmetzes – können nur mit Müh und Not überleben. In den dunklen Wintertagen, bevor der erste Schnee fällt, schließen sie früh. Eine Bahnstrecke führt durch die Stadt, aber Züge kommen schon seit Jahren nicht mehr hindurch. Es ist ein Ort mit kleinen roten Backsteinkirchen, einfachen Gebäuden mit einem einzigen Versammlungsraum, die über die Hänge und kleinen Täler verstreut sind. Ein Ort, an dem man an einen Gott glaubt, der lebendig, aber zugleich weit weg ist. Ein Bestattungsunternehmen bringt fast alle Toten unter die Erde. Old Buckram ist aber auch eine Stadt der Gespenster und des Aberglaubens. Hier gibt es die Teufelstreppe, den Schlangenzungenfels und den Abaddon Creek, der bei der Überschwemmung von 1916 tatsächlich ein Ort des Verderbens wurde und eine ganze Familie in den Tod riss. Oberhalb des Flusses, am Stadtrand, liegen die Barrowfields, auf denen aus irgendeinem mysteriösen Grund nichts wächst außer grauem Moos, das über Felshügel und versteinerte Baumstümpfe kriecht, die die gläubigeren Stadtbewohner für Grabsteine aus einer Zeit vor unserer Zeit halten. Andere behaupten, vor tausend Jahren sei ein mächtiger Windstoß über die Berge gefegt, habe alle Bäume ausgerissen und alles Gute aus dem Erdreich fortgetragen, sodass nie wieder etwas darauf gewachsen sei. Fast alle glauben, der Boden sei verhext. Niemand würde auf den Gedanken kommen, sich dort zum Picknick hinzusetzen.

Wenn überhaupt einmal bekannt war, wie die Familie meines Vaters nach Old Buckram kam, dann sind die Geschichten längst von den gnadenlos verrinnenden Jahren und Jahrzehnten zum Verstummen gebracht worden. Mein Großvater, dessen Taufname Helton war, erzählte mir einmal, dass die Asters irgendwann im 18. Jahrhundert aus dem Norden zugewandert seien, über die Great Wagon Road, die von Pennsylvania zum Piedmont in North Carolina verlief. Unsere Vorfahren hätten vermutlich zu den ersten Siedlern auf diesem rauen, unwirtlichen Land gehört. »Was beweist, dass sie nicht die Hellsten waren«, sagte er.

Sie waren arm, bettelarm, wie fast alle in den Bergen, doch mit harter Arbeit und Entschlossenheit schafften sie es, sich eine einigermaßen würdige Existenz aufzubauen. Mein Großvater nahm jede Arbeit an, erledigte sie ehrlich und sorgfältig und murrte nicht – außer wenn er sonntagmorgens in der Kirche mit Gott Zwiesprache hielt. In den Dreißigern arbeitete er mehrere Jahre lang als Sprengmeister für die Works Progress Administration am Blue Ridge Parkway. Seitdem war er auf einem Ohr taub und kriegte von Gesprächen kaum noch etwas mit. Er war wie ein alter Hund, der still in seiner Zimmerecke sitzt und das, was um ihn herum passiert, an sich vorbeiziehen lässt.

Ich wüsste nicht, dass er je in seinem Leben etwas Außergewöhnliches getan hätte. Er arbeitete fünf Tage die Woche, blieb trotz unzähliger bitterer Winter und unbarmherziger Armut bis zum Schluss mit meiner Großmutter Madeline verheiratet und erwarb weder nennenswertes Geld noch Gut. Am Tage seines Todes besaß er kaum mehr als ein leidlich großes Farmhaus, das sich neigte, wenn der Wind blies, und ein unbrauchbares Stück Land, das er für fünf Dollar den Morgen auf einer Auktion erstanden hatte. Das einzige Buch in seinem Besitz war die Heilige Schrift, die nach seinem Tod an mich überging. Auf der ersten, leeren, pergamentenen Seite steht in kaum lesbarer Schrift ein Satz seines Vaters William, meines Urgroßvaters: »Lies diese Bibel und verhalte dich danach.« Auf der nächsten Seite befindet sich eine verblasste Reproduktion des Bildes »Christus in Gethsemane« von Heinrich Hofmann. Mein Großvater hatte seinen Namen in die Bibel geschrieben und im Laufe der Zeit etliche Kommentare. Der erste steht am Anfang des ersten Buches Mose und lautet schlicht und ergreifend »4004 v. Chr.«. Für ihn das Jahr, in dem die Zeit begann.

Obwohl mein Großvater sein gesamtes Leben in Old Buckram verbrachte, tauchte er nur einmal in der Lokalzeitung auf. Wider besseres Wissen ließ er sich nämlich zur Kandidatur für ein politisches Amt im County aufstellen. Der Pfarrer seiner Gemeinde hatte ihn dazu überredet, weil er ihn als besonnenen, anständigen Mann mit gesundem Menschenverstand schätzte, aber er bekam nach einem kurzen Wahlkampf in einem eisigen Herbst nur zwei von fünfundzwanzig Stimmen. In der Zeitung stand ein einziger Satz dazu:

T. VANHOY AUS VELLUM’S CASKE GEWINNT WAHL ZUM LANDRAT MIT GROSSEM VORSPRUNG VOR H. L. ASTER

Weil mein Großvater wusste, dass er sich selbst gewählt hatte, sagte er, dass er von da an weder seiner Frau noch seinem Pfarrer so recht über den Weg traute. Und bevor er am nächsten Tag in die Stadt ging, verwendete er viel Mühe und Sorgfalt darauf, seine Pistole zu säubern und zu laden. Die Familie beobachtete es mit stummer Besorgnis. Maddy erzählte später, er sei vom Tisch aufgestanden, habe sich die Waffe betont feierlich in den Gürtel gesteckt und auf ihre Frage: »Meine Güte noch mal, Helton, was willst du mit der Knarre?« erwidert: »Ich schätze mal, dass ein Mann, der nicht mehr Freunde hat als ich, zumindest so klug sein sollte, Vorkehrungen zu seinem Schutz zu treffen.« Dann schloss er die Tür hinter sich und ging den langen Weg zur Stadt zu Fuß. Für ein Amt bewarb er sich nie wieder. Es schlug ihn auch keiner mehr vor.

Als Junge fuhr ich mit meinem Großvater in seinem verrosteten Ford Pritschenwagen manchmal nach der Schule oder am Wochenende zum Schlachthof, der nördlich von Old Buckram lag. Im Erdgeschoss befand sich ein Laden, in dem Speck, Wurst, Gemüse und andere Lebensmittel verkauft wurden. Hinter dem Gebäude hatte man vier Rinnen in den Betonboden gehauen, die in einem schwarzen Gully endeten. Auf dem Schild an der Straße prangte ein wohlgenährtes schwarz-weißes Schwein.

Jeder kannte hier draußen jeden. Als mein Großvater und ich einmal freitagnachmittags Milch kaufen wollten, begrüßte ihn ein riesiger Mann in Latzhose mit einem jovialen Schlag auf den Rücken.

»Helton, was gibt’s Neues?«, fragte er.

Worauf mein Großvater erwiderte: »Woher soll ich das wissen? Seit wann passiert hier überhaupt was?«

Der Kerl in der blauen Latzhose lachte und zwinkerte mir freundlich zu. Vor dem Laden saßen Männer, allesamt arbeitslos, stundenlang auf Bänken, erzählten sich Witze, prokelten sich mit Zahnstochern in den Zähnen und beobachteten das Kommen und Gehen ihrer Mitmenschen. Wieder andere saßen drinnen auf den Holzstühlen mit geflochtener Sitzfläche und beugten sich mit offenen Mündern über ihre Schachbretter. Nur hin und wieder hoben sie den Kopf, um sich umzuschauen oder auszuspucken. Die Männer tranken Cola aus Flaschen und redeten über das Wetter und darüber, wie schnell sich die Dinge änderten. Sie änderten sich nicht. Rote und gelbe Tomaten in den verschiedensten Formen lagen hübsch aufgereiht neben Weidenkörben voll frisch gepflückter grüner Bohnen; Kartoffeln, noch mit trockener brauner Erde verkrustet, hatte man in Papiertüten verpackt. In einer Ecke summte ein antiquierter Getränkeautomat. Und der unebene Holzboden knarzte jedes Mal, wenn die Leute an den Regalen entlangliefen.

Einmal kam ein Schwarzer, den niemand kannte, herein und bezahlte eine Gallone Benzin. Mit ihm kam Stille und ging mit ihm wieder hinaus. Als er die Straße hochlief, schüttelten ein, zwei faltige alte Männer ungläubig den Kopf. In Old Buckram wohnten wenige schwarze Familien, und wenn, dann fast ausnahmslos in dem klar abgegrenzten Viertel hinter dem städtischen Parkplatz. Laut einem arg strapazierten alten Witz lebten im ganzen County genau einhundert Schwarze – keiner mehr, keiner weniger. Die Pointe, unweigerlich mit schiefem Grinsen und einem Seitenblick erzählt: Wenn einer mehr in die Stadt komme, bitte man einen anderen höflich darum, zu gehen. Schenkelklatschen, brüllendes Gelächter, verschleimtes Raucherhusten.

Während meiner Zeit in Old Buckram lebten in der Stadt nicht einmal tausend Leute, Weiße und Schwarze. Die anderen wohnten außerhalb, an unbefestigten Straßen und Schotterwegen, die sich endlos bergauf wanden und schließlich im Nichts endeten. In Trailern, deren Dächer zum Schutz gegen den starken Wind mit abgefahrenen Autoreifen beschwert waren, oder in kleinen Holzhütten mit dünnen, kaum regenfesten Asbestdachplatten.

Auf dem Heimweg vom Schlachthof fuhren mein Großvater und ich quer durch die Stadt und bogen am Ende auf die Larvatis Road ab, die zu seinem und Maddys Haus führte. Maddy hängte draußen Wäsche auf, als wir ankamen. Der Wind hatte aufgefrischt.

»Na, gerade noch rechtzeitig zum Abendessen«, sagte sie. »Ich wollte schon ohne euch anfangen.«

»Das hättest du nie«, erwiderte mein Großvater. Die verrosteten Angeln der Wagentür protestierten laut beim Öffnen und Zuschlagen.

»O doch«, sagte Maddy. Sie drückte mich liebevoll in die erstickenden Stoffmassen ihrer Schürze. »Wartet, ich habe eine Überraschung für euch.«

»Wirklich?«

»Und ob. Lass uns mal lieber reingehen. Hier draußen wird’s langsam kalt, und ihr habt keine Jacken an.«

»Vorhin war es noch warm«, sagte ich. Ein ungewöhnlich milder Oktober ging schnell auf den Winter zu. Bunte Herbstblätter lagen im hohen, gelb werdenden Gras auf dem Hof.

»In den Bergen wird es immer kalt, sobald die Sonne untergeht, mein Junge«, erwiderte Maddy. »Ganz egal, ob Frühling, Sommer oder Herbst.« Sie hatte stets eine Weisheit zum Wetter und zu den Jahreszeiten auf Lager. Besser als jeder Meteorologe konnte sie einem sagen, ob es regnen oder schneien würde, und früher als alle anderen wusste sie, ob der Winter besonders hart wurde. Ich hatte keine Ahnung, woher, aber sie wusste es immer.

Helton und Maddy wohnten am Ende einer Schotterpiste, zirka sechs bis sieben Kilometer außerhalb der Stadt in einem engen Tal, in das sich selten die Sonne verirrte. Hinter dem Haus floss ein Bach den Berghang hinunter und weiter durch eine tiefe pflanzenüberwucherte Schlucht bis zum Highway, der über eine einspurige Brücke aus Baumstämmen führte. Unter einer Trauerweide in der Nähe des Hauses, die aussah, als trinke sie aus dem Bach, hatte Maddy eine Holzbank aufgestellt, auf der nie jemand saß. Im Garten auf der anderen Seite des Hauses stand ein Holzapfelbaum, unter dem immer haufenweise halb verfaulte, verschrumpelte Äpfel lagen. Wenn beide Öfen im Haus bollerten, der in der Küche und der im Wohnzimmer, hielt man es vor Hitze kaum aus. An kalten Wintertagen stand Maddy früh morgens auf, um einzuheizen, und trieb damit meinen Großvater aus dem Bett. Der riss dann immer sämtliche Fenster auf und entgegnete auf ihre Proteste, er lasse ihre ganze Wärme raus, nur: »Sonst schmilzt hier gleich alles.«

Aus den Holzäpfeln, die Maddy aufsammelte, machte sie Cider. Das Gebräu köchelte und dampfte den ganzen Tag auf dem Küchenofen vor sich hin, und ich roch es immer schon von draußen. Im Haus goss Maddy mir gleich einen Becher zum Aufwärmen voll.

In der Highschool war Maddy eine ordentliche Schülerin und Mitglied in den wenigen Clubs gewesen, die es gab. Ansonsten verlief ihre schulische Karriere unauffällig. Sie ging nicht aufs College, sondern nahm nach der Highschool eine Stelle als Pfarrhelferin an einer der wenigen Baptistenkirchen in Old Buckram an. Sie behielt sie fast ihr ganzes Leben und sah mehr Pfarrer kommen und gehen, als man an einer Hand abzählen kann.

Wenn sie nicht arbeitete, zog sie sich gern zurück und bemalte Geschirr. Die Veranda hinter dem Haus stand voller Tassen, Teller und Krüge aus Keramik, die sie stolz mit ihren Initialen versehen hatte. Sie bewahrte auch allen möglichen wertlosen Krimskrams auf, Raritäten wie ein Blumenfossil in einem braunen Kalksteinstück, das die Fensterbank zierte, seit sie es für fünfzig Cent auf einem Straßenmarkt in Ohio erstanden hatte. Die Blütenblätter sah man schon gar nicht mehr, aber sie war mächtig stolz darauf. So manches Mal nahm sie es auf, betrachtete es und legte es wieder hin.

Maddy kochte gern, doch zuverlässigen Quellen zufolge war das Ergebnis recht mittelmäßig. Sie sei eben kein Naturtalent, sagte mein Großvater immer. Ihre Spezialität waren der Cider und ein nahezu ungenießbares Maisbrot, das hart wie Stein war und vor dem Verzehr in Milch eingeweicht werden musste. Als meine Großmutter erkrankte, nicht mehr arbeiten konnte und das Geld knapper wurde, gingen sie nur noch selten zum Essen aus. Aber sie hatten sich ohnehin keinen Luxus im Leben erlaubt und erwarteten auch keinen. Sie hatten gelernt, ihre begrenzten Mittel nur für das unbedingt Nötige auszugeben und sich mit sehr wenig zu bescheiden.

Während ich nun dasaß und mir die Hände am Cider wärmte, stand Maddy in der einen Spaltbreit offenen Küchentür und rauchte eine Zigarette. Sie blies den Rauch nach draußen, doch der Wind wehte ihn gleich wieder herein. Sie hustete, bis mein Großvater ihr die Zigarette wegnahm und ihr auf einen Stuhl half.

»Entschuldige, Schatz«, sagte sie zu mir. »Wie schmeckt dir der Cider? Gut?«

»Ja«, sagte ich, aber das stimmte nicht. Er war grauenhaft herb. Bei jedem Schluck kniff ich die Augen zusammen.

»Merkst du, dass irgendwas anders daran ist?«

Nein, aber das sagte ich nicht.

»Als kleines Extra habe ich Zimt reingetan.« (Das also war die Überraschung.)

»Schmeckt total lecker«, sagte ich.

»Na, dann trink ihn, bevor du nach Hause musst.«

»Mach ich. Fährst du mich?«

Mein Großvater brachte mich hin und wieder zurück, Maddy nie.

»Nein, mein Junge«, sagte sie wie so oft. »Ich bin einmal da gewesen, und das hat mir gereicht. Das Haus erinnert mich an einen fiesen alten Geier, der dort am Berghang hockt.«

»Wie kannst du das sagen? Ich wohne da«, protestierte ich.

»Ich weiß, ich weiß, und besser du als ich«, sagte Maddy.

Mein Großvater hielt mir mit seinen großen Händen die Ohren zu. Als ich zu ihm hochschaute, sah es aus, als berühre sein Kopf die Decke. Maddy stand auf, warf ein Holzscheit in den Ofen, und ich saß weiter vor meinem ekelhaften Cider, der jetzt noch schlechter schmeckte, weil mich ihre Worte getroffen hatten.

»Das Holz würde nicht so schnell verbrennen, wenn du den Ofen nicht so heiß werden ließest«, sagte mein Großvater.

»Hier drin ist es eiskalt.«

»Brauchst du deine dicke Jacke? Ich hole sie.«

»Ich soll in meinem eigenen Haus eine Jacke tragen? So weit kommt’s noch.« Maddy lächelte mich an. Ihr grauschwarzes Haar hatte sie an den Seiten mit unzähligen Haarklemmen zurückgesteckt. Nach der Zigarette malte sie sich die Lippen neu an. Orangefarben. »Wenn du so weitermachst«, sagte Helton und zeigte auf den Ofen, »dann ist bald in ganz Amerika kein Baum und kein Strauch mehr übrig.«

Maddy holte ihr Scheckheft heraus und rechnete ein wenig herum. Sie saß an dem kleinen viereckigen Tisch in der Küche, wo sie alle Mahlzeiten einnahmen. Die Vinyltischdecke klebte ihr an den Ellenbogen und knatschte, wenn sie die Arme hob. Ungefähr neunzig Prozent der Arbeitsfläche in der Küche waren von unterschiedlichsten Behältern und Gefäßen belegt. Eine Wanduhr zeigte dieselbe Zeit wie bei meinen letzten vier Besuchen. Ich schaute hin, um zu sehen, ob sich die Zeiger bewegten. Nein.

»Helton, hast du gehört, dass die kleine Ola Hamilton krank ist?«

Viola Hamilton war eine zweiundfünfzigjährige Witwe, deren Mann vor etlichen Jahren von einem Trecker überrollt worden war. Sie hatte nicht wieder geheiratet, und man sah sie kaum noch in der Stadt.

»Nein, woher sollte ich? Was ist passiert?«

»Sie schafft es nicht mehr aus dem Bett. Es heißt, sie hat schlimme Arthritis, und ihre Gelenke sind böse entzündet. Vielleicht ist es an der Zeit, den Trost-Trupp hinzuschicken.«

Trost-Trupp nannte man die Gruppe älterer Damen aus der Gemeinde, die wie eine Schar eitler Pfauen in das Haus von Kranken einfiel und mehr Essen, Brot und Pasteten brachte, als ein Mensch in seinem ganzen Leben verspeisen konnte. Eine Splittergruppe, der Bet-Trupp, rauschte später an, wenn der Patient langsam die Zuversicht verlor und wieder auf den rechten Glaubensweg gebracht werden musste.

»Könntest du ihr was vorbeibringen?«

»Aber sicher.«

Meine Großeltern waren gute, freundliche Menschen. Sie nörgelten aneinander herum, wie üblich bei Eheleuten, aber sie liebten sich sehr. Es hingen zwar keine Diplome an den Wänden, doch sie waren auf eine andere Art klug, so wie es die Leute in den Bergen sind, die gelernt haben, endlose Winter mit Eis und Schnee und einem Wind zu überleben, der einem das Dach über dem Kopf wegreißt. Die ersten Kinder kamen, kaum dass sie geheiratet hatten, und es hatte erst ein Ende, als sie fünf hatten und genau wussten, dass ein sechstes Hunger leiden würde. Dank großer Selbstaufopferung und schieren Glücks schafften sie es, alle Kinder irgendwie großzukriegen. Das Jüngste war mein Vater.

2

Für die Kinder in Old Buckram war es normal, mit der Schule zu beginnen, aber nicht, sie zu beenden, und so legte – wenig überraschend – von den Vorfahren meines Vaters keiner über die Highschool hinaus Wert auf weitere Bildung. Einmal fragte ich meinen Großvater in aller Unschuld, ob er am College gewesen sei. »Nein, mein Sohn, ich bin zwar an ein paar vorbeigefahren, habe aber nie angehalten«, erwiderte er trocken. Auch die Geschwister meines Vaters besaßen offenbar keinerlei intellektuelle Neugierde oder den Ehrgeiz zu studieren, ja überhaupt nennenswerten Wissensdurst. Mein Vater war anders. Vollkommen und verblüffend anders, was sich schon früh zeigte. So brachte er sich selbst das Lesen bei, eine Fähigkeit, die in seiner Familie eher für pure Notwendigkeit und keineswegs für eine Stärke gehalten wurde. Man sah ihn nie ohne Buch.

»Wo hat der Junge das denn her?«, sagten die Leute.

Ferner sprach er aus unerfindlichen Gründen in vollständigen, grammatisch komplexen Sätzen, obwohl rings um ihn her der eher hemdsärmelige Dialekt der Appalachen zu hören war. Besucher der Familie vermaßen seinen Kopf, um zu sehen, ob der normal groß war, und bestaunten den Jungen, als sei er ein singender Frosch. Seine Tante George (lange Geschichte) erklärte das Rätsel gern mit ihrer felsenfesten Überzeugung, er sei der wiedergeborene Mark Twain. Dabei sahen sie sich nicht im Geringsten ähnlich.

Bei seinen Altersgenossen in der Grundschule war er wenig beliebt, und so kam er an manchem Tag in der kühlen Hitze eines Bergsommers über die Schotterstraße gelaufen und barg zu Hause schluchzend seinen Kopf in Maddys Schoß. Oft wartete sie schon auf ihn und ging mit ihm ins Wohnzimmer, wo sie beide im farblosen Mittagslicht auf der Couch saßen wie zwei Steingolems, er mit einem Buch, sie mit einer Zigarette in der Hand, während das Rauschen des Bachs und das Singen der Vögel durchs offene Fenster drangen. »An dir ist absolut nichts verkehrt«, beschwichtigte Maddy ihn. Er schaute sie mit seinen großen Augen an. »Und wenn du lieber lesen willst, Henry, dann machst du das auch. Lass dir das von niemandem ausreden.«

In Wirklichkeit bereitete seine unbändige Lesewut ihr große Sorgen. Wenn sie ehrlich zu sich gewesen wäre, hätte sie gesagt, dass er seine Zeit verschwende, lieber mit den anderen Jungs draußen spielen solle und später einmal schielen werde. Jedes Mal, wenn sie ihm widerstrebend versicherte, seine Leserei sei vollkommen in Ordnung, tat sie das gänzlich wider ihre eigene Überzeugung. Aber wenn sie ihn dann getröstet hatte, konnte sie zum Schluss doch nicht anders, als zumindest diese wenig zartfühlende Warnung (oder eine ähnliche) noch anzuhängen: »Wenn du so weitermachst, gibt es irgendwann nichts mehr zu lesen für dich.«

Er wiederum begann schon früh zu ahnen, dass er in eine Welt geboren worden war, die ihm nicht genügte. Wenn er auch nie arrogant oder herablassend wurde, wusste er doch immer tief in seinem unruhigen Inneren, dass er sich über das ihm bestimmte Los hinwegsetzen und über die Menschen um ihn herum hinauswachsen werde. Und so wurde er mit der Zeit zum Außenseiter und blieb es, wie alle großen Männer und Frauen in ihrer Zeit.

Er verschlang jedes Buch, das er finden konnte. Da die Familie kein Geld zum Bücherkaufen hatte, verbrachte er Stunden in der County-Bibliothek und blieb einmal sogar so lange, dass er über Nacht dort eingeschlossen wurde. Um Mitternacht suchte ihn die ganze Stadt. Manche mutmaßten, er sei, obwohl erst zwölf, Old Buckram wahrscheinlich schon »entwachsen« und in die große Stadt abgehauen – nach Charlotte oder sogar Raleigh. Doch früh am nächsten Morgen tauchte er übernächtigt und seltsam euphorisch wieder zu Hause auf, ein gebundenes Buch, von dem dort noch nie jemand gehört hatte, in der Hand. Dann schilderte er der staunenden Familie sein nächtliches Abenteuer. Aus irgendeinem komischen Zufall hatte ein Roman von Thomas Wolfe auf dem »Aussortiert«-Stapel seine Aufmerksamkeit erregt, und er war die ganze Nacht wach geblieben und hatte ihn im Licht einer Straßenlampe gelesen. Alle waren sprachlos, er ging schlafen und stand erst zum Abendessen wieder auf. Kurz darauf bekam er seine erste Brille.

Ein Jahr später wurde ihm der Bibliotheksausweis entzogen, nachdem herausgekommen war, dass er im Verlauf mehrerer Monate über hundert Bücher mitgenommen hatte. Die Untat wurde entdeckt, als Maddy eines Tages das Bett in seinem Zimmer frisch beziehen wollte und mit dem linken Fuß so heftig gegen eine gebundene Ausgabe von Wiedersehen mit Brideshead stieß, dass sie ihn sich beinahe gebrochen hätte. Bei näherem Hinsehen entdeckte sie seine literarische Beute. In alphabetischer Reihenfolge standen die Bücher ordentlich nebeneinander unter dem Bett, das er mit seinem Bruder teilte. Bewerkstelligt hatte er das Ganze, ohne auch nur den geringsten Verdacht zu erregen. Nicht einmal die hexige Bibliothekarin Mrs. Tichborne hatte etwas mitbekommen, der es sowieso lieber war, wenn niemand Bücher auslieh. In dem winzigen Karzer der Schule, wo unheilschwanger ein großes Holzpaddel an der Wand hing, fand das Verhör statt.

»Was wolltest du mit all diesen Büchern?«, fragte Bent Smeth, der Rektor, der Henry schon mit Schulverweis gedroht hatte. Mr. Smeth war lang und dünn wie eine junge Birke, hatte aber einen schrecklich krummen Rücken und war dadurch nur halb so groß, wie er es ohne den Buckel gewesen wäre. Da er sich obendrein als Kind mit kochendem Wasser aus einem verrotteten Holzbottich verbrüht hatte, war er nicht nur gefleckt wie eine Kuh, sondern hatte auch noch einen schiefen Mund. Er leitete die Vernehmung, und Mrs. Tichborne, die nach allem, was man wusste, vom jahrelangen Starren auf Deweys tückisches Klassifikationsschema für Bibliotheken blind wie ein Maulwurf war, stand erwartungsvoll hinter ihm. Sie war seit jeher dafür bekannt, dass sie Schüler vom Lesen abhalten wollte, besonders vom Lesen angeblich unzüchtiger Romane, und wenn sie nun allein das Sagen gehabt hätte, hätte sie bei einem Untersuchungsrichter mit Sicherheit einen Haftbefehl erwirkt. »Ja, genau, was wolltest du mit meinen Büchern unter deinem Bett?«, mischte sie sich sofort ein. Schon die Frage suggerierte etwas Unanständiges.

»Ich wollte sie lesen«, entgegnete mein Vater, den man auf einen wackligen Stuhl in die Mitte des Raumes gesetzt hatte. Seine Inquisitoren umkreisten ihn wie ein Bussardpaar. »Das heißt, die meisten habe ich schon gelesen.« Er begann detailfreudig eine bis dato noch nie gehörte Hypothese zu erläutern, der zufolge der Mensch so gepolt sei, dass man ein bestimmtes Buch in einem bestimmten Moment lesen wolle, weshalb es wichtig sei, ja, lebensnotwendig, dieses Buch jederzeit zur Hand zu haben. Die Argumentation des Knaben überzeugte nicht.

»Er wollte sie bloß lesen und nicht etwa verkaufen.« Helton kam ihm gerade noch rechtzeitig zu Hilfe. »Außerdem müssen Sie zugeben, dass Bücher hier in Old Buckram vermutlich keinen reißenden Absatz finden. Sie können den Jungen nicht dafür bestrafen, dass er lesen will.«

»Das ist richtig«, sagte Mr. Smeth, »aber er hätte sie genauso gut eins nach dem anderen ausleihen können.«

»Stimmt«, erwiderte mein Großvater, »dagegen kann ich nichts sagen.«

»Ich habe sie nicht gestohlen«, sagte mein Vater. »Ich wollte jedes Einzelne zurückbringen.«

Nachdem sich Mr. Smeth endlich dazu durchgerungen hatte, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, entließ er meinen Großvater mit den Worten: »Sie wissen schon, dass Ihr Junge recht eigenartig ist?«

»Und ob!«

Als mein Vater vierzehn war, schrieb er dann ein paar kurze Theaterstücke, zeigte sie jedoch niemandem. Im Unterricht sahen allerdings alle, wie er ständig etwas auf sein Blatt kritzelte. Mit sechzehn bekam er einen Job bei der Stadtzeitung, dem Old Buckram Echo. Zuerst trug er die Zeitungen mit dem Fahrrad aus, bald danach begann er Artikel zu schreiben, und binnen weniger Monate war er de facto zum Chefredakteur aufgestiegen. Neun von zehn Texten verfasste er, kaufte regelmäßig Kreuzworträtsel ein, gestaltete die Titelseite und änderte den Namen der Zeitung in Old Buckram Meteor, was bei manchen Ortsansässigen auf einigen Widerstand stieß. Es war das Jahr 1955. Tennessee Williams hatte gerade den Pulitzerpreis für Die Katze auf dem heißen Blechdach bekommen und Nabokov in Paris Lolita veröffentlicht. Es war das Jahr von Claudette Colvin und Rosa Parks. Überall auf der Welt fanden große Veränderungen statt, nur nicht in Old Buckram, das mit seinen einspurigen Straßen und verwaisten Veranden vor den Häusern dumpf vor sich hinbrütete. Niemand nahm von den Ereignissen der großen weiten Welt da draußen Notiz – nur mein Vater, der brannte auf Entkommen.

Als der Besitzer des Old Buckram Meteor ihn zu einer Journalistenkonferenz in Charlottesville, Virginia, schickte, verließ mein Vater zum ersten Mal den Staat North Carolina. Er verliebte sich in die Universität dort, deren Büchersammlung seine kühnsten Vorstellungen übertraf, und lernte zum ersten Mal Seelenverwandte kennen, die ihm ohne die genervten, schrägen Blicke begegneten, an die er sich in Old Buckram gewöhnt hatte. Ein Wunder, dass er überhaupt wieder nach Hause kam.

Mittlerweile war er zu einem blendend aussehenden jungen Mann herangewachsen. Er hatte das schwarze Haar über der hohen Stirn nach hinten gekämmt und die hagere, aber zähe Statur eines Langstreckenläufers. Auch sein selbstsicherer Gang verriet Zielstrebigkeit und Selbstvertrauen. Sein Lächeln war offen, obgleich eher schüchtern. Den wenigen Fotos aus dem Jahr nach zu urteilen, besaß mein Vater die Aura eines wahrhaften Zeitreisenden, den es aus einer fernen, goldenen Zukunft in diese Berge verschlagen hatte.

Seit er alt genug war, hatte ihm Maddy erzählt, dass er, wenn er denn wollte, dank seiner Klugheit gewiss einen Posten bei der örtlichen Spar- und Darlehenskasse bekommen könnte – mit oder ohne College. »Die Arbeit dort ist gut«, sagte sie. »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, und es wäre eine Schande, wenn du das nicht nutzen würdest.« Besonders auf ein wichtiges Argument griff sie oft zurück: »Der Großcousin deines Vaters, Bishop Stonecipher, ist diesen Oktober seit zwanzig Jahren bei der Bank und kurz vor der Pensionierung. Wir hätten nie gedacht, dass er es so weit bringt, aber er hat dort gutes Geld verdient. Wenn du willst, gehe ich gern vorbei und rede mit ihm. Ich wette, ich kriege dich dort rein.« Man kann sich vorstellen, wie das bei Henry ankam.

Da Maddy jedoch ganz genau wusste, dass mein Vater die vergrämte Stadt in den Bergen um jeden Preis verlassen und studieren wollte, bat sie ihn, kurz bevor er mit der Highschool fertig wurde, zu sich auf die Wohnzimmercouch. »Mein Sohn«, sagte sie, »du bist so ein kluger Junge. Und wenn es dein Wille ist, kannst du natürlich aufs College gehen. Wir können dir nur nicht finanziell unter die Arme greifen. Wir haben einfach nicht …«

Das wusste Henry.

»Okay, dann hör mir einen Moment lang zu«, sagte Maddy ihm dann dort auf der Couch. »Du musst mit dem, was du lernst, später deinen Lebensunterhalt verdienen, und glaub mir, ich würde mich wirklich wundern, wenn … Hm, wie soll ich das sagen …?« Sie schlug die Asche ihrer billigen Zigarette in einen Pappbecher ab, indem sie zweimal rasch mit der Fingerspitze darauf klopfte. Er spürte, wie ärgerlich sie wurde, weil sie ihre Gedanken nicht in Worte fassen konnte. »Also, ich möchte nur sagen, dass ich deine Begeisterung für Bücher im Grunde nie verstanden habe. Wir haben es, Gott weiß, versucht. Aber Bücher sind nicht alles, Schatz. Schreiben ist nicht alles. Die Wahrheit ist – aber das willst du nicht hören –, dass du damit kein Geld verdienst. Wie soll das gehen? Glaub mir. Neulich abends habe ich mit deinem Vater gesprochen, und er hat gesagt – und was er gesagt hat, stimmt: ›Außer Jesus Christus kenne ich keinen Einzigen in der Geschichte, dessen Worte auch nur das Schwarze unterm Fingernagel wert waren.‹ Und da ist was dran. Schau, was aus Jesus geworden ist.« Durch den Qualm ihrer Zigarette sah sie ihn schief an und schüttelte den Kopf. »Mit den reichen Gaben, die dir der Herr gegeben hat, könntest du einfach so viel mehr tun.«

Dieser wenig hilfreiche Rat war nun in fast jeder Hinsicht falsch und stieß auf taube Ohren. Henry hatte seine Entscheidung ohnehin getroffen. Er bewarb sich an der University of Virginia und wurde angenommen. Da er weder ein Auto besaß noch jemanden kannte, der auch dorthin ging, fuhr er per Anhalter nach Charlottesville, wo er amerikanische Literatur studierte und in Liebe zu Wolfe, Poe und Faulkner entbrannte. Hier beschloss er auch ernsthaft und wider Maddys gut gemeinten, aber törichten Rat, sich seinen Lebensunterhalt mit Schreiben zu verdienen. Worüber, das wusste er noch nicht so recht.

Als er dreieinhalb Jahre später seinen Abschluss gemacht hatte, schickte er in der Hoffnung auf eine Dozentenstelle Bewerbungsschreiben an mehrere bedeutende Universitäten. Tagsüber zu unterrichten und frühmorgens und abends zu schreiben, das war sein Traum.

Er bekam einige Angebote von Colleges im nördlichen Mittleren Westen, doch er lehnte sie ab. Auch an der Appalachian State University in North Carolina wollte er nicht unterrichten, weil es ihm zu nah an Old Buckram und den Bergen, an Helton und Maddy war. Die allerletzte Offerte, von der University of Baltimore, war die beste, und er nahm sie an.

Im ersten Jahr musste er feststellen, dass er neben dem Unterrichten nicht, wie erhofft, genug zum Schreiben kam. Trotzdem schaffte er es, eine Erzählung fertigzustellen, die am Ende jedoch in der Schublade landete. Er versuchte es erneut. In einem Ausbruch von Kreativität verfasste er fünf avantgardistische Short Stories, die nacheinander in einer damals berühmten Literaturzeitschrift veröffentlicht wurden und ihm kurze, aber exklusive Aufmerksamkeit in der postmodernen Literaturszene eintrugen. Er experimentierte mit Formen und kombinierte sie zu weiteren kurzen Arbeiten, von denen ein paar in unbedeutenderen Zeitschriften erschienen und bei der Kritik weniger Interesse als vielmehr Verwirrung hervorriefen. In einer Rezension stand: »Asters Arbeiten sind zwar brillant, aber undurchdringlich.« Er lernte wichtige Lektionen und begann mit einem Roman.

Nach einem weiteren Jahr, in dem er tagsüber lehrte und bis spät in die Nacht schrieb, nahm er langsam Blässe und Züge einer Geistererscheinung an, hatte aber fünfzigtausend wohlgeordnete Worte zu Papier gebracht. Dieses Mal hatte er über sein Leben geschrieben. Über seine Mutter und seinen Vater, die Berge von North Carolina und einen klugen jungen Mann, der dort geboren wurde: fehl an diesem Ort, fehl in seiner Zeit.

Irgendwo in seinem Unterbewusstsein, absichtlich unter all den bitteren und vergessenen Erinnerungen an Zuhause gut vergraben, lauerte eine ihn vergiftende Idee: Wenn er dieses Buch geschrieben und veröffentlicht hätte, würde er nach Old Buckram zurückkehren und es Maddy als endgültigen Beweis seiner Tüchtigkeit präsentieren. In stillen Momenten gestattete er sich allerdings, seinem Dämon ins Gesicht zu blicken und sich seinen insgeheimen Wunsch nach Abrechnung einzugestehen, ehe er ihn wieder verdrängte und sich sagte, dass Maddys Meinung keine Rolle spiele und er nicht für sie schreibe. Ohnehin war er sich darüber im Klaren, dass sie nie auch nur ein Wort von dem lesen würde, was er geschrieben hatte. Das hätte ihn eigentlich retten müssen, doch ihre Zweifel an ihm sollten sein Leben lang wie eine erbarmungslose, nie leichter werdende Bürde auf seinen Schultern lasten, ihm Kraft rauben und ihn klein machen.

Trotzdem arbeitete er unermüdlich weiter. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Er schrieb hunderte Seiten, war aber nie zufrieden damit. Er suchte nichts Geringeres als eine neue Art des Schreibens und des Geschichtenerzählens, und das erwies sich als vergeblich. Da kam er auf die Idee, vielleicht weniger zu schreiben als zu lesen, und zwar so lange, bis er seine Stimme gefunden hatte. Noch einmal nahm er sich alle Klassiker vor, studierte sie bis in die feinsten Verästelungen und schrieb seine Gedanken dazu auf. Er las jedes Buch von der Bestsellerliste der New York Times, hielt aber alles durch die Bank für uninteressant, weil immer das Gleiche. Irritiert durch seine wachsende Unlust, führte er sich den gesamten Index Librorum Prohibitorum zu Gemüte und genoss diese Lektüre weit mehr. Seinem eigenen Vorhaben kam er dadurch aber nicht näher. Etwas sagte ihm, er müsse mehr nachdenken, das Buch in seinem Kopf sei noch nicht ausgereift und müsse eine Weile länger köcheln. Er legte also die Teile des Romans, die er bereits geschrieben hatte, weg und ließ sich vom Strom seines Lebens weitertragen. Aus einer Laune heraus belegte er juristische Abendkurse an der Universität von Baltimore, um sich abzulenken. Doch eines Samstags ging er in die Bibliothek, um sich dort ein lateinisch-englisches Wörterbuch zu holen.

Seit seiner Ankunft in Baltimore war er fast täglich in dieser Bibliothek, und bereits mehr als einmal hatte ihn ein Student für einen der Angestellten gehalten. Schließlich schleppte er ständig Bücherstapel hin und her. Er selbst hatte jedes Mal das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn er durch die schweren Türen aus Holz und Glas trat und ihm der Duft all der Bücher entgegenschlug. Er kannte die Bibliothek wie seine Westentasche und wusste stets genau, wo er was fand. Leute mit Büchern im Arm kamen und gingen, und es gefiel ihm, wenn ihm eine Gruppe seiner Studenten respektvoll zunickte und ihn mit »Professor« grüßte. Dann kam einmal eine junge Dame, die er nicht kannte, vor ihm aus einem Verwaltungstrakt der Bibliothek. Er sah ihr zu, wie sie ein Paar weiße Handschuhe anzog, die Treppe zum Raritätenraum hinaufging, dort einen dicken antiquarischen Folianten holte und damit zum Aufsichtstisch zurückkehrte. Er hatte noch nie jemand so Schönes gesehen und vergaß auf der Stelle, wo er hinwollte und warum er hier war. Als sie an ihm vorbeiging und Hallo sagte, war er völlig außer Gefecht gesetzt. Alle Neuronen in seinem großen Hirn hatten Fehlzündungen und feuerten in neue, unbekannte Richtungen.

Obwohl sie diese Begegnung später ganz anders schilderte als er (zurückhaltend und dezent versus haushoch übertrieben), gab es in beiden Versionen ein paar auffallende Details. Übereinstimmung herrschte (mehr oder weniger) bei ihrer Kleidung und ihrem allgemeinen Äußeren: blondes Haar, grüne Dreiviertelhose. Er sagte »grünliche Caprihosen«, sie »hellgrüne knöchellange Hosen, die mir meine Zimmergenossin geborgt hatte«. Und er hätte darauf schwören können, dass sie eine schlichte weiße Bluse trug, die seiner Erinnerung nach »tief ausgeschnitten« und »ihrer Zeit um Jahre voraus« war. Sie hielt dagegen, dass es sich um ihre üblichen Arbeitsklamotten gehandelt habe, was glaubhafter und der Wahrheit sicher näher war.

Unstrittig war, dass er minutenlang kein Wort herausbrachte. Erst nachdem er schließlich an die frische Luft gegangen und wieder hereingekommen war, hatte er die Fassung wiedergewonnen. Und beide erinnerten sich daran, dass er vergessen hatte, welches Buch er suchte. Als es ihm wieder einfiel, es aber ausgeliehen war, bot sie ihm an, ihn anzurufen, sobald es zurückgebracht worden sei. Doch er gab ihr aus Versehen eine Telefonnummer mit mehreren falschen Ziffern. Es sei so ähnlich gewesen, erzählte er später, als wolle man einen Schwung Worte in die Schreibmaschine tippen und die Finger erwischten ständig die falschen Tasten.

Sie fragte ihn nach seinem Namen. »Ich heiße Henry Aster«, erwiderte er. »Ich bin Schriftsteller. Darf ich erfahren, wie Sie heißen?« Sie errötete und sagte, Eleonore.