Buch
Galharrow hat durch den Tod der Frau, die er liebte, jede Hoffnung verloren. Und so wendet er sich wieder seinem alten Leben zu, das geprägt ist von Brutalität und von Alkohol, um die Brutalität wieder zu vergessen. Noch rücksichtsloser als zuvor geht er gegen die Schergen der Dunklen Könige vor, jagt sie und richtet sie hin. Da erfährt Galharrow von einem leuchtenden Schatten, der immer wieder gesehen wird. Was hat es damit auf sich? Und kann die Lichterscheinung wirklich die Erlösung bringen, wie ein geheimnisvoller neuer Kult verkündet?
Autor
Ed McDonald hat viele Jahre lang zwischen verschiedenen Berufen, Städten und Ländern gewechselt, und das Einzige, was ihnen gemeinsam war, ist, dass sie ihm genug Zeit zum Schreiben gelassen haben. Derzeit lebt er mit seiner Frau in London, einer Stadt, die ihn ständig inspiriert und wo er als Universitätsdozent arbeitet. Wenn er nicht schreibt oder sich mit schlechten Handlungssträngen abmüht, kann man ihm beim Fechten antreffen – mit Langschwertern, Rapiers und Langäxten.
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Die Namenlosen und die Könige aus der Tiefe bekriegen sich schon länger, als die Menschen zurückdenken können. Die Könige wollen die Menschheit versklaven und sie in Hörige verwandeln – in unterworfene, deformierte Geschöpfe, die ihre Herren verehren. Die grausamen Namenlosen, allein am finalen Sieg interessiert, stellen sich ihnen entgegen.
Achtzig Jahre sind vergangen, seit Krähfuß das Herz der Leere gegen die anrückende feindliche Armee entfesselte. Dabei erschuf er das sogenannte Elend – ein mysteriöses, giftiges Ödland, in dem Geister und mutierte Wesen den Sand durchstreifen und jeder Sinn für Entfernung oder Richtung trügt. Nur Spezialisten sind imstande, sich anhand der drei Monde im Elend zu orientieren und eine Route zu errechnen.
Ryhalt Galharrow ist ein Hauptmann der Schwarzschwingen, magisch an seinen Herrn Krähfuß gebunden, einen Namenlosen. Er hat den Auftrag, Dissidenten, Verräter und Spione auszumerzen. Bei seiner Mission, Ezabeth Tanza zu finden – eine Lichtspinnerin, die Lichtenergie in Magie umwandelt und die er vor zwanzig Jahren liebte und verlor –, rettet er sie vor den Hörigen, und sie entdecken etwas Schreckliches: Nalls Maschine, die Waffe, die die Grenze des Elends schützt, wurde nicht mit Energie versorgt. Das ermöglicht es den Königen aus der Tiefe, ihre mächtige Streitmacht gegen die Namenlosen in den Krieg zu führen.
Gemeinsam mit der Schwertkämpferin Nenn, dem Navigator Tnota und Ezabeths Bruder Graf Dantry decken Galharrow und Ezabeth ein Geflecht aus Verschwörungen auf, das bis in die Spitze der Regierung reicht. Fürstin Herono wird von Shavada manipuliert, einem König aus der Tiefe, und obwohl Galharrow sie besiegt, ist es zu spät. Nalls Maschine hat versagt, und die Hörigen sind auf dem Vormarsch.
In ihrem verzweifelten Kampf lüften Galharrow und Ezabeth das Geheimnis, wie die Namenlosen König Shavada besiegen und die Stadt retten können, doch sie zahlen dafür einen Preis. Zwar bewahrt Ezabeth die Stadt vor dem Untergang, kommt dabei jedoch ums Leben.
Seither kursieren Gerüchte über einen Geist, der in den Lichtleitungen lebt, eine selten gesehene Erscheinung …
Levan Ost bestand in seiner Nachricht darauf, dass ich allein kommen sollte.
Die Uhren waren im Begriff, zur vierten Stunde zu schlagen, als ich mich dem Treffpunkt näherte. Der Nachthimmel zeigte einen purpurnen Schimmer, Rioque und Clada nahmen zu und waren von keiner Wolke verhangen. Zügig schritt ich durch die Winterkälte, die Kapuze übergestreift. Bewaffnet. Wachsam. Bei meinem letzten Treffen mit Levan Ost hatte er mich mit einer zerschlagenen Glasflasche erstechen wollen. Doch das war lange her, und um die Wahrheit zu sagen, hatte ich es wohl verdient.
Drei Straßen, bevor der Kanal in Sicht kam, schlug mir schon sein Gestank entgegen. Das Wasser war schwärzer als Öl, die Uferstraßen fast menschenleer. Niemand wollte in so einem Gestank leben. Valengrads Kanäle hatten noch nie zum Schwimmen eingeladen, und nach der Belagerung hatten wir alle toten Hörigen zum Verrotten hineingeworfen. Doch böse Magie lässt sich nicht einfach fortspülen, und die Verunreinigung hat das Wasser verfärbt. Vier Jahre später zeugt es noch immer davon.
Ost wollte mich auf einem Frachtkahn treffen, der in Kanal Sechs angedockt lag. Das ist eine alte Wasserstraße entlang der Westgrenze Valengrads, draußen hinter den aufgereihten Militärkasernen. Ich kam an Kähnen vorbei, die nach Süden fuhren, beladen mit Steinen für den langwierigen Bau eines gewaltigen Phoswerks im Pfuhl. Hunderte Tonnen Mauersteine drückten das Schiff tief ins stinkende Wasser und warteten darauf, im Stiftsturm verbaut zu werden. Kanal Sechs zählte nicht zu den schlimmsten Wasserwegen, trotzdem drang mir sein Gestank bis in die Kehle.
An einer Straßenecke hielt ich in den tiefen Schatten inne. Schmale Boote und Barken lagen am Ufer vertäut, die Fracht fest verzurrt. In der vergangenen Woche hatten uns zwei Erdbeben heimgesucht, und niemand wollte die über Bord gegangenen Steine aus dem verschmutzten Wasser holen. Ich verharrte in den Schatten und ließ die Minuten verstreichen. Es bestand kein Grund zu Ungeduld.
Nichts regte sich auf dem schwarzen Kanal. Die matt leuchtenden Lichtröhren brummten leise. Niemand zeigte sich auf den Decks, die dunklen Kähne blieben nachts stets unbemannt, nur in einem Kajütenfenster brannte Licht. Früher war das Schiff ein Bordell gewesen, führte aber inzwischen ein unwürdiges Dasein als Frachtkahn. Zwölf Schritt lang, leeres Deck. Ein seltsamer Ort, mir eine Falle zu stellen, falls es tatsächlich eine war. Ich überprüfte meine Ausrüstung, die ich unter dem Mantel verbarg, doch wenn man in eine Falle läuft, spielt es selten eine Rolle, ob man bewaffnet ist. Allein Osts Name und unsere alte Verbindung hatten mich dazu veranlasst, ohne Verstärkung herzukommen. Meine Rekruten würden mürrisch dreinblicken und meckern, wenn sie wüssten, dass ich die Vorsicht, die ich ihnen einbläute, in den Wind schlug. Doch die Regeln galten nur für sie, nicht für mich.
Ich spannte den Hahn der Steinschlosspistole unter dem Mantel.
»Ost!«
Meine Worte verhallten über dem schwarzen Wasser.
Ein Schatten drückte sich von innen an das schmutzverkrustete Glas. Das Quietschen eines zurückgeschobenen Riegels erklang, dann öffnete sich die Kajütentür. Eine knorrige, schmale Gestalt zeichnete sich vor dem Licht ab.
»Hauptmann Galharrow?«, fragte eine barsche Raucherstimme. »So nennt man dich doch heutzutage, stimmt’s? War mir nicht sicher, ob du kommst.«
Levan Ost sah aus, als hätte er ein Jahr lang zu wenig gegessen und wäre dann einen Hügel hinabgepurzelt, vielleicht mehr als einmal. Er wirkte ausgemergelt, seine Muskeln verloren allmählich den Kampf gegen das Alter. Sein langer Bart war aschgrau, seine Augen hingegen noch klar. Die typischen runden Narben in seinem Gesicht verrieten, dass er schon mal vom Elendswurm befallen gewesen war.
»Schön, dich zu sehen, Levan«, log ich.
»Komm rein. Bei offener Tür kühlt die Kajüte aus.« Er drehte sich um und wankte dabei so stark, dass ich ihn für betrunken hielt. Mit Trunkenbolden hatte ich reichlich Erfahrung.
Ost wirkte nicht sonderlich bedrohlich. Falls er heute zu Ende bringen wollte, was vor vielen Jahren mit seinem Flaschenangriff begonnen hatte, war er mies vorbereitet. Langsam entspannte ich den Hahn des Pistolenschlosses, ließ aber den Daumen darauf und kletterte an Bord.
Im Gegensatz zu den Frachtbooten in den meisten Docks war der Kahn einst ein Luxusschiff gewesen, die Art von Gefährt, auf dem der Adel exklusive Nachmittage verbringt. Dann hatte der Besitzer wegen Schulden, Langeweile oder des schwarzen Wassers beschlossen, ihn zu verkaufen oder damit Früchte über den Kanal zu verschiffen.
»Keine Besatzung an Bord?«, fragte ich.
»Nein.«
Die schlichte Kajüte maß zwölf mal zwölf Schritt. Ein paar abgenutzte Stühle, eine altmodische Öllaterne an einem Deckenhaken. Ost bot mir einen Platz an. Ich blieb stehen. Betreten rückte er ein paar Dinge auf dem schmucklosen Tisch zurecht: einen Papierstapel und eine Flasche Wein, deren Jahrgang weder von Wohlstand noch Geschmack zeugte. Daneben stand eine leere Flasche. Eine weitere entdeckte ich vor der Wand am Boden. Auf dem Tisch lag ein Breitschwert mit Korbgriff, es steckte in der Scheide. Ich rechnete nicht damit, dass Ost mich angreifen würde, doch selbst wenn, wäre das kein Problem. Er war alt, außer Form und betrunken.
»Ist lange her«, sagte ich leise. In tiefster Nacht bringt uns die Urangst vor dem Dunkeln dazu, mit gedämpfter Stimme zu reden.
»Stimmt wohl«, erwiderte Ost. »Hab dich nicht mehr gesehen, seit du gegen Torolo Mancono gekämpft hast.« In seinem Ton schwang die vertraute, selbstsichere Rauheit mit. Er hatte es zwar nur bis zum Navigator gebracht, dennoch hatte ihm das Respekt und einen Platz im Kommandozelt verschafft. Er hatte mich nie leiden können, denn er stammte aus bürgerlichen Kreisen. Ich hingegen war mit Sahne im Blut zur Welt gekommen und muss gestehen, dass ich damals ein großspuriger Bastard war.
»Immer noch verbittert deswegen?«
Ost zuckte mit den Schultern. »Ich mochte Mancono. Er hörte einem zu, obwohl er als reicher Fürst geboren wurde. Du hast ihn auf üble Weise umgebracht, aber vermutlich trifft dich dafür nicht allein die Schuld. Er hat das Duell gefordert.«
Ich war nicht hier, um die Vergangenheit durchzukauen oder alten Groll beizulegen. »Du sagst, du hast wichtige Informationen über Valengrads Sicherheit?«
»Wein?« Die Becher auf Osts Tisch waren mit Fingerabdrücken übersät, also hätte ich wohl ablehnen sollen, trotzdem ließ ich mir einschenken. Ich bin nicht die Art Mann, die einen schmutzigen Becher mit übelstem Wein ablehnt, ganz gleich zu welcher Tageszeit.
Ost musterte meine Uniform. Er beäugte den langen, gut sitzenden schwarzen Mantel, der mir bis zu den Knien reichte und mit zwei Reihen Silberknöpfen versehen war. Er betrachtete die gespreizten Schwingen, die mit Silbergarn auf die Schultern gestickt waren. Ich hatte mir eigentlich geschworen, nie wieder eine Uniform zu tragen, aber Geld, Prestige und die Zeit machen uns alle zu Lügnern. Wenigstens repräsentierte der Mantel meine eigene Organisation. Ich ließ Ost gewähren, trank Wein und wartete darauf, dass er etwas sagte.
»Sieht so aus, als wäre das Leben zu dir besser als zu uns anderen«, brummte er schließlich.
»Hängt vom Blickwinkel ab.«
»Hast ’ne nette Position bei den Schwarzschwingen, was?«
Ein Anflug von Feindseligkeit. Die Schwarzschwingen als nett zu bezeichnen, war kaum zutreffend. Deserteure zu jagen, Spione, Verräter und die elenden Bastarde, die der Kult der Tiefe in den Klauen hält, trägt nicht gerade zur Beliebtheit bei, und Krähfuß zu dienen ist ebenfalls kein Zuckerschlecken.
»Seit der Belagerung bist du auf dem aufsteigenden Ast, stehst wieder in der Gunst. Anscheinend haben die Fürsten dir einen Sack voll Gold zugeworfen, damit du hier für Ordnung sorgst, und die halbe Welt fürchtet sich vor dir.«
»Schuldbewusstsein erzeugt nun mal Angst«, erwiderte ich. »Manche Leute tun gut daran, sich zu fürchten.«
Ost nickte und fuhr sich mit der Hand über das schüttere Haar. Ich schätzte ihn auf sechzig Jahre, vielleicht älter. Ein stolzer Mann. Es kostete ihn Überwindung, mir eine Bitte zu unterbreiten.
»Ich wollte dich eigentlich nicht fragen, aber du bist der Einzige, dem ich in dieser Sache traue«, gab er schließlich zu.
Wenn man einen Mann mitten in der Nacht allein zu sich zitiert, will man ihn entweder umlegen oder um etwas bitten, wofür man sich am helllichten Tag schämen würde. Er hatte nicht versucht, mich zu töten. Jedenfalls noch nicht.
»Schieß los.«
»Wo fange ich an?« Ost leerte seinen Wein, bleckte die Zähne und biss sie zusammen. »Ich bin in was hineingeraten. Etwas Übles. Die Art von Sache, für die man Leute aufknüpft. Ich erzähl dir alles. Aber ich will erst eine Abmachung treffen.«
»Glaubst du, ich hab es nötig, mit dir zu verhandeln?«
Ost hob stolz das markante Kinn. Er war nicht beeindruckt und ganz sicher nicht eingeschüchtert. Er hatte vierzig Jahre im Elend navigiert, viel länger als ich. Von Nahem erkannte ich die feinen grünen Adern unter seiner Haut, Anzeichen der Verderbtheit, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Er hatte Krottler und Sandräuber gesehen, gegen Hörige gekämpft und erlebt, wie Menschen sich in Nebel verwandelten. Ich war nur ein hässlicher Kerl mit mehr grauen als dunklen Haaren im Bart.
»Es geht nicht um mich. Sondern um meine Tochter und ihr Kind. Wenn ich auspacke, bin ich sowieso erledigt, aber meine Familie trifft bei der Sache keine Schuld. Ich will, dass du sie aus den Staaten rausschaffst. Nach Hyspia oder Iskalia. An einen Ort, wo niemand an sie rankommt.«
Ich beobachtete ihn aufmerksam und hatte den Eindruck, dass er die Wahrheit sagte. Wenn es um Kinder geht, regt sich in mir aus irgendeinem Grund ein kläglicher Rest Mitgefühl. »Wovor müssen sie beschützt werden?«
Der Kahn begann zu schaukeln, anfangs nur ein wenig, dann immer stärker, sodass die Fensterläden im Rahmen klapperten. Die Weinflasche fiel vom Tisch und zersprang klirrend, als sich das Boot mit den aufkommenden Wellen hob und senkte, und die Glaskörper der Straßenlaternen bekamen Risse und zerbarsten, woraufhin es am Ufer dunkel wurde. Ich hielt mich am Tisch fest, um nicht umzukippen.
»Scheiße!«, keifte Ost, der das Gleichgewicht verlor und hart auf dem Boden aufschlug. Ein paar Regenmäntel fielen von den Haken und begruben ihn unter sich.
Die Erde grollte und bebte. Irgendwo in der Ferne brach etwas Instabiles donnernd zusammen, vermutlich ein Wohnhaus. Dann, mit einem letzten Grollen, war es vorbei. Das Beben endete so abrupt, wie es begonnen hatte. Ost ignorierte meine ausgestreckte Hand und rappelte sich auf.
»Das dritte Erdbeben diese Woche«, sagte ich. Das gefiel mir nicht. Alles Außergewöhnliche ist zumeist Grund, sich Sorgen zu machen. Doch wie Valiya einmal meinte: Selbst Schwarzschwingen können nichts gegen Erdstöße unternehmen.
»Lass uns an Deck gehen«, schlug Ost vor. »Ich brauche jetzt was zu rauchen, und der Besitzer des Kahns wird sauer, wenn ich hier drinnen qualme.«
»Warum lebst du auf einem Schiff?«
Ost zuckte die Achseln. »Billiger als sonst wo, solange man den Gestank erträgt.«
Die kalte Nachtluft war schwer und spröde. Clada wich Rioque und sank dem Horizont entgegen, und das purpurne Licht nahm einen rötlichen Ton an. Die Phoslaternen in den Straßen brannten nur mit einem Drittel ihrer Leistung. Eine flackerte knisternd wegen der schlechten Leitung. Ich zündete zwei Zigarren an und reichte Ost eine. Eine Geste, die von Verständnis zeugte, wenn schon nicht von Freundschaft.
»Pol ist unschuldig«, sagte Ost. »Sie will mich nicht mal mehr sehen, zwischen uns gibt es viel böses Blut. Aber ich schulde ihr was.«
Klang fair.
»Wenn du einen schwerwiegenden Grund hast, sorge ich dafür, dass sie in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnt.«
»Das reicht mir schon«, stimmte Ost zu. Er zog mehrmals tief an der Zigarre. »Ich habe kürzlich einen Auftrag angenommen. Sollte einige Söldner durchs Elend navigieren. Sie nannten mir zwar keine echten Namen, aber ein echtes Ziel. Eine bestimmte Stelle, Tivens Tal, kennst du das?«
Ich nickte. Das war vier Tagesritte entfernt, ein Ort im Elend, an dem die Felsblöcke perfekten Kugeln glichen. Unsere Patrouillen gingen inzwischen nicht weit über diesen Punkt hinaus.
»Die Kerle waren gut bewaffnet, größtenteils mit schweren Armbrüsten. Und guten Rüstungen. Zähe Bastarde. Sie hatten zwei Lichtspinner dabei und zahlten gut – so gut, dass es praktisch für meine Altersvorsorge reicht. Ich dachte, sie wollten nach Relikten graben. Ich weiß, ich weiß, das ist illegal. Etwas aus dem Elend zu schmuggeln ist zwar verboten, aber Sammler würden ihr letztes Pferd für eine Goldmark aus Adrogorsk hergeben. Mit dem Geld, das sie mir boten, hätte ich Pol ein gutes Leben ermöglichen können.«
»Und?«
»Tja. Wir reiten also raus, und ich weiß, etwas stimmt mit den Soldaten nicht. Sie schlagen das erste Nachtlager auf, ohne dass einer von ihnen lacht. Keiner reißt einen Witz. Sie sitzen einfach nur da und schweigen die ganze Nacht. Dir ist so klar wie mir, dass es im Elend kaum etwas zu lachen gibt, aber weißt du, was mir Gänsehaut bereitet hat? Sie hatten keine Angst.«
»Erfahrene Männer?«
»Die sollten erst recht Angst haben. Nur ein Idiot fürchtet sich im Elend nicht.« Ost sprach das Wort »Elend« so vorsichtig aus, als halte er eine wackelnde Kerze über eine Schale mit Sprengpulver. Der Name birgt keine Macht, doch nur ein Narr respektiert das Elend nicht.
»Stimmt wohl.«
»Wir erreichen also Tivens Tal und stoßen auf Hörige. Ich werfe mich in den Dreck und glaube, wir sind auf eine verdammt große Patrouille gestoßen, nur dass die Lichtspinner keine Magie gegen sie wirken, nicht einmal, als ich einen Kindling im Tal erblicke. Das muss einer gewesen sein, obwohl er verwandelt war wie die Hörigen, so was hab ich noch nie gesehen. Ein Gesicht wie ein Fisch, weißt du, aber definitiv ein Kindling. Hatte sogar einen verdammten Schwanz, glaubst du das? Jedenfalls reden die Lichtspinner eine Weile mit ihm. Dann kommen sie zurück und verkünden, dass wir den Rückweg antreten. Das war’s. Sie haben nur mit ihm gesprochen, woraufhin wir zurückreisten.«
Es gibt kein Geschöpf, das der Menschheit feindlicher gesinnt ist als ein Kindling, abgesehen von ihren Herren, den Königen aus der Tiefe. Man braucht nur das Wort »Kindling« zu erwähnen, schon greifen die meisten Soldaten nach einem Amulett. Kindlinge verfügten über weit größere Macht als unsere Zauberer, eine Gabe ihrer schrecklichen Meister.
»Wer waren deine Auftraggeber?«, fragte ich.
»Weiß ich nicht«, erwiderte Ost entnervt, als hätte ich ihm nicht zugehört. »Sie haben mir falsche Namen genannt: Azur, Spitzwert, Dämmrig – manchmal kamen sie selbst durcheinander. Sie haben mir ihre Beweggründe nicht verraten, sondern immer wieder erwähnt, dass an der Wehr mehr Geld auf mich wartet, als ich je ausgeben könnte. Das haben sie viel zu oft betont. Und nach dem, was ich gesehen hatte, wusste ich, sie würden mich umbringen, sobald die Stadt in Sicht käme. Sie brauchten mich nur zum Navigieren. Also setzte ich mich ab, einen Tag bevor wir die Stadt erreichten. Hab sie zurückgelassen. Meinetwegen können sie verrotten. Vielleicht sterben sie da draußen. Aber so viel Glück habe ich meistens nicht.«
»Du kannst mir also nicht sagen, wer diese geheimnisvollen Leute sind?«
»Nein. Falls sie es herschaffen, kann ich sie dir zeigen. So viele Lichtspinner gibt es nicht.« Er erschauerte. »Aber wenn ich ihren Anführer verrate, legt er mich um. Die Söldner haben nur ein einziges Mal eine Gefühlsregung gezeigt, und zwar, als sie ihn erwähnten. Die haben Angst vor ihm, daran besteht kein Zweifel. Und jeder, der einem Lichtspinner Furcht einjagt, macht auch mir Angst. Ich bin ein wandelnder Toter, Galharrow.«
»Seltsam, dass du nicht abgehauen bist.«
»Ich haue ab, glaub mir.« Ost zog an seiner Zigarre, inhalierte versehentlich und erlitt einen leichten Hustenanfall. »Ich fliehe so weit, lange und schnell ich kann. Vielleicht entkomme ich ihnen, wer weiß? Immerhin hab ich es bis jetzt geschafft.« Erneut nahm er ein paar tiefe Züge. Es jagte ihm sogar Angst ein, über die Sache zu reden.
»Also, wer ist ihr Anführer?«
»Ich will eine Übereinkunft wegen Pol. Dann nenne ich dir den Namen.« Der Zigarrenrauch hing zwischen uns im Phoslicht, schimmernd wie Öl.
»Ich kann ein paar Strippen ziehen und deine Tochter und das Kind verschiffen, zu einer Westkolonie. Du hast mein Wort darauf, sofern deine Informationen stimmen.«
Ich war froh, ihm in seinen letzten Sekunden ein wenig Hoffnung geben zu können. Er wirkte dankbar, obwohl er mich nach wie vor dafür hasste, dass ich Torolo Mancono getötet hatte.
Osts Unterleib explodierte. Blut spritzte, Innereien und Knochen klatschten aufs Deck. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass jemand auf ihn geschossen hatte. Blut und Gedärm troffen aus seinem Bauch, während er über die Planken wankte und mich anblickte. Gleich darauf kündete ein Blitz zu meiner Linken den zweiten Schuss an. Das Mündungsfeuer stammte nicht von einem Luntenschlossgewehr, vielmehr war es blau-golden, gefolgt vom Donnern eines Blitzschlags. Nun hatte Ost ein zweites Loch, diesmal im Brustkorb. Mit geweiteten Augen und offenem Mund sackte er auf die Knie.
Ich spürte einen Stich im Arm, an der Stelle, wo der Schuss mich gestreift hatte. Offenbar hatte der Schütze auf mich gezielt.
Als Ost kollabierte, sah ich sie kommen. Zwei Männer am Nordufer, ein dritter aus südlicher Richtung. Sie trugen Gewehre, zwei mit Luntenschlössern, eins mit langem silbrigem Lauf. Der auf mich zielte.
Sofort packte mich der Kampfrausch.
Ich warf mich zwischen einige aufgestapelte Obstkisten. Ein Luntenschloss donnerte, dann regneten Holzsplitter und zermatschte Zitrusfrüchte auf mich nieder. Die Bastarde hatten mich umzingelt. Ich griff unter den Mantel und zog zwei Steinschlosspistolen hervor, geladen und schussbereit.
Ich hörte die nahenden Stimmen der Attentäter und riskierte einen Blick über die Reling. Sie hatten sich schlichte Leinensäcke übergestreift, in die sie Augenlöcher geschnitten hatten. Ihre lederfarbenen Militärmäntel waren nicht ungewöhnlich, die Waffe mit dem silbernen Lauf hingegen schon. Es war ein Leuchtschlossgewehr, eine tragbare Phoskanone, die längst von Luntenschlosswaffen abgelöst worden war. Ich hätte nicht damit gerechnet, so ein Gewehr noch mal zu sehen. Das Militär hatte seit fünfzig Jahren kein Leuchtschloss mehr in Auftrag gegeben.
Wer waren diese Leute? Ein flüchtiger Blick zu Ost bestätigte mir, dass er wohl fortan schweigen würde.
Nur ich war übrig, allein und festgenagelt. Drei Mörder mit Schusswaffen näherten sich, um ihr Werk zu vollenden.
Schlechte Karten.
Stimmen. Aufgrund der Säcke schwer auszumachen. Ich wollte mich zu den Kajüten schleichen, doch sogleich donnerte das Leuchtschloss wieder auf und übersäte mich mit Splittern einer zersprengten Kiste. Daher blieb ich auf meiner Position.
»Ich bin Ryhalt Galharrow, Hauptmann der Schwarzschwingen!«, brüllte ich. »Lasst die Waffen fallen und ergebt euch, sonst bringe ich euch kraft meines Amtes um, verdammt noch mal!«
Erneut vernahm ich gedämpfte Stimmen, doch meine Gegner schienen nicht aufgeben zu wollen.
»Gib du auf, dann verschonen wir dich«, antwortete ein Mann. Seine Stimme klang flach und gefühllos.
Ich konnte nicht einfach ins Wasser springen und zum Ufer schwimmen. Auf beiden Seiten lauerten Feinde, und ich gebe ein großes Ziel ab, selbst wenn ich nicht mit miesem Bier und noch mieserem Wein voll bin. Auch die Flucht über die Straße würde ich keinesfalls überleben, sofern einer der Kerle ein halbwegs fähiger Schütze war. Außerdem blieb mir kaum Zeit, denn sobald einer von ihnen mich ins Visier bekäme, wäre ich tot. Ich analysierte die Lage, dann entschied ich mich für die einzig sinnvolle Option. Ich hockte mich hin und machte mich zum Sprung bereit. Dann zählte ich: Eins, zwei, drei. Los.
Ich richtete eine Pistole nach vorn, eine nach hinten und feuerte. Dann ließ ich sie fallen und rannte zur Reling des Kahns. Das Leuchtschlossgewehr erwiderte das Feuer im selben Moment, als ich sprang. Ich hatte den Sprung anmutig aussehen lassen wollen, brachte jedoch nur einen Bauchplatscher in den stinkenden Kanal zustande. Ich tauchte durch eine zentimeterdicke Schicht gummöser Scheiße ins tintige Wasser ab.
Die Kälte traf mich wie ein Vorschlaghammer vor die Brust. Eisig, bitter wie der strengste Winter, und es war völlig dunkel. Ich hatte tief eingeatmet und die Luft angehalten, doch als ich in der klirrend kalten Schwärze verschwand, wurde mir klar, dass das nicht reichen würde. Ich strampelte, versuchte mich umzudrehen und wusste plötzlich nicht mehr, wo oben und unten war. Das Wasser war ein wenig zu dickflüssig, eine Brühe aus verrottenden Hörigen und dem Nachhall böser Magie.
Wo war die Oberfläche? Ich öffnete die Augen, doch das schmutzige Wasser brannte so sehr darin, dass ich sie gleich wieder schloss. Ich strampelte mit aller Kraft und dachte: Bei den Scheißgnadengeistern, es ist verflucht würdelos, auf diese Weise zu sterben. Ich schlug mir den Kopf an, vielleicht am Kahn oder auf dem Grund. Sofort fuhr ich herum und stieß mich kräftig ab.
Luft. Man hält sie für selbstverständlich, bis man keine mehr bekommt. Dann würde man seinen ganzen Besitz dafür opfern, nur um eine Lunge voll zu ergattern. Ich spürte einen stechenden Schmerz in der Brust, was kaum verwunderlich war.
Die Kälte drang mir in die Glieder, das Gewicht des Wassers lastete auf mir.
Blind, zappelnd und in der Gewissheit, erschossen zu werden, sobald ich die Oberfläche durchbräche, sah ich Lichter vor den geschlossenen Augen tanzen. Mein Fuß stieß auf etwas Hartes, und im selben Moment war es mir egal, ob ich erschossen würde. Alles war besser, als an diesem giftigen Schleim zu ersticken.
Ich stieß mich ab und prallte gegen etwas Hartes. In dieser Richtung erwartete mich keine Atemluft, trotzdem war es nicht der Kanalgrund. Ich war unter etwas gefangen. Unter dem Kahn. Meine Lunge verkrampfte sich, kämpfte darum, mich bei Bewusstsein zu halten. Mein Brustkorb schien zu kollabieren, und die Rippen schmerzten, als wären sie gebrochen. Ich starb einen schmählichen, stillen Tod, außer Sicht von Menschen und Geistern.
Meine Hand bekam etwas zu fassen – eine Kante. Aus Reflex zog ich mich durch den Unrat hinauf in die frische, schneidende Luft.
An der Oberfläche sog ich dankbar den Atem ein.
Ich lebte noch.
Ich befand mich in einem dunklen Schacht, trübes Licht drang von oben durch die Spalten einer geschlossenen Luke. In meinen Augen brannte die böse Magie, die den Leichen der Hörigen entwichen war. Verwirrt auf- und abwippend, schmeckte ich das Elend im Rachen – Krankheit, Salz und Leid. Dann begriff ich, dass ich durch pures Glück unter den Kahn geraten und im engen Schacht eines Plumpsklos aufgetaucht war, das zu einer Kajüte gehörte. Der ehemalige Besitzer war sich wohl zu fein dafür gewesen, über die Reling zu scheißen wie jeder vernünftige Mensch. Zum ersten Mal im Leben war ich dankbar, bis zum Hals in einem Scheißloch zu stecken.
Mich aus dem Fluss zu hieven war nicht leicht. Ich war ein kräftiger Bastard, aber auch stämmig und schwer. Das Loch hingegen war klein, und das Wasser wollte mich nicht gehen lassen. Der schwarze Schleim klebte an mir wie ein großer glänzender Egel, der erst von mir abfiel, als ich die Knöpfe meines Mantels öffnete und das gute Stück in die Dunkelheit gleiten ließ. Das Glück hatte mich noch nicht ganz verlassen: Mein Schwert steckte nach wie vor in der Scheide, und solange ich eine Klinge habe, gibt es keinen Grund, die Hoffnung fahren zu lassen.
Ich hatte keine Zeit zu vergeuden. Ost war tot, aber die Bastarde, die ihn erschossen hatten, wussten sicher, was er mir erzählt hatte. Außerdem glaubten sie, ich sei ertrunken, da ich nicht mehr im Kanal aufgetaucht war. Hier konnte ich mich eine Weile verbergen. Unbemerkt entkommen. Doch der Rabe, der auf meinen Arm tätowiert war, sah mich ungeduldig an. Krähfuß würde das Blut in meinen Adern zum Kochen bringen, wenn ich einer so großen Verschwörung nicht auf den Grund ginge. Lichtspinner, die mit Kindlingen verhandelten. Das war undenkbar. Und obwohl mein Meister mich eine Weile in Ruhe gelassen hatte, sollte man keinesfalls einen Hexenmeister enttäuschen, der Berge schmelzen kann. Es war an der Zeit loszulegen. Zeit für Antworten.
Das Plumpsklo grenzte an den Frachtraum des Kahns. Luftgetrocknete Würste hingen von den Schiffssparren, Getreidekisten waren aufgestapelt, und es gab nur einen Ausgang. Ich lauschte, hörte jedoch nichts, öffnete die Schiebeluke und spähte in den benachbarten Raum. Keine Sackköpfe. Vielleicht fischten sie nach meiner Leiche. Ich schlich so leise weiter, wie mein triefnasser, dreihundert Pfund schwerer Körper es erlaubte, und blickte hinaus. Die drei Sackköpfe standen um Ost auf dem breiten Deck, entspannt, die Waffen geschultert. Sie rechneten nicht damit, dass ich aus dem obsidianschwarzen Schlamm zurückkehren würde.
»Tritt ihn ins Wasser«, sagte einer von ihnen mit starkem Wehrakzent, bei dem sämtliche bekannten Sprachen miteinander verschmelzen, um sich von den anderen abzuheben. »Sieh zu, dass er unters Boot treibt. Nach ein paar Stunden erkennt ihn keiner wieder. Dieses Wasser frisst sich durch alles.«
»Ich dachte, der große Bursche würde sich einen Kampf mit uns liefern«, sagte der zweite Kerl. Mit anderem Akzent. Abgehackte Aussprache, ein Stadtmensch. Aus Lennisgrad.
»Bin froh, dass uns das erspart blieb.«
Sie waren zu dritt und ich allein – das sind schlechte Karten. Ich kämpfe nicht in hoffnungslosen Fällen und auch nicht gegen eine Überzahl an Gegnern. Ich hatte schon genug Heldentaten vollbracht, doch hatte mir das nichts eingebracht außer ständige Kopfschmerzen und ein Bein, das bei jedem Temperaturabfall schmerzte. Osts Informationen bereiteten mir Sorgen, richtige Sorgen, und die Männer waren meine einzige Spur zu dem Kindling und der Bedrohung der Wehr. Wie jeder Spieler weiß ich, dass man eine Glückssträhne ausnutzen muss.
Das Überraschungsmoment ist eine mächtige Waffe. Sind wir nicht in Gefahr, lullt uns die Ruhe ein, und wir werden schwerfällig. Der Tötungstrieb schaltet sich ab, und unser Fluchtinstinkt wird gedämpft. Diese Männer waren keine Profis. Vielleicht Opportunisten. Sie trugen Stadtschwerter mit dünnen Klingen, die nicht mal durch Käse schnitten, und prunkvollen Griffen, die die Gäste auf Feiern beeindrucken sollten. Ich bezweifelte, dass die drei je von einem wütenden, zu allem entschlossenen Hünen mit Säbel angegriffen worden waren.
Im Leben geht es nur um neue Erfahrungen.
Einer der Kerle stieß Ost ins schwarze Wasser, dann bemerkten sie mich und brüllten los. Ein Sackkopf nahm das Gewehr von der Schulter und hätte meinen Schlag fast pariert, doch ich war schneller und schlitzte ihn von der Schulter bis zur Hüfte auf. Er war tot, ehe er sich zu Ost in die stinkenden Fluten gesellte. Die beiden anderen stürmten davon, und ich heftete mich einem von ihnen an die Fersen. Er ließ die abgeschossene Muskete fallen und zog ein Duellierschwert mit schmaler Klinge. Ihm gelang eine Parade, Funken sprühten über sein verhülltes Gesicht, doch er kam nicht gegen mein schweres Schwert an. Ich schlug seins beiseite und schlitzte ihm das Handgelenk auf. Er kreischte auf, wankte zurück, stolperte über eine Taurolle und folgte dem ersten Mann über Bord.
Der Kanal würde ihm den Rest geben. Umdrehen, töten, Beinarbeit, weiterkämpfen: Diese Abfolge unterbricht man allenfalls für etwas so Essenzielles wie Atmen. Der letzte Attentäter war aufs Ufer gesprungen. Ich wandte mich ihm zu und begriff, dass er, während ich im Wasser gewesen war, offenbar das Leuchtschlossgewehr nachgeladen hatte. Jetzt, wo er Abstand zwischen uns gebracht hatte, legte er den Spannhahn um, blickte den silbernen Lauf entlang, vorbei an der Phoskartusche und den vorstehenden Kupferdrähten, und nahm mich ins Visier. Auf diese Distanz musste er mich treffen.
Scheiße.
Er hatte mich. Vermutlich würde er mich mit einem einzigen Schuss töten. Kopf- oder Herztreffer. Ich fühlte mich wie ein Versager, weil ich ihn nicht mehr für meine Niederlage büßen lassen könnte. Gelassen sah er mich an, in seinen Augen funkelte weder Zorn noch Panik, dann drückte er den Abzug.
Die Phoskartusche an der Waffe begann zu heulen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich einen Umriss hinter ihm in der Dunkelheit: die Konturen einer Frau, von Flammen umgeben, eine schwarze Gestalt inmitten von Feuer. Und dann explodierte die Kartusche des Leuchtschlossgewehrs im flammenden Schein zischenden Mondlichts. Funken stoben zehn Schritt in alle Richtungen. Ich schirmte mein Gesicht ab und duckte mich, als die Glut auf mich niederging wie tausend stechende Wespen.
Dann verglomm das Feuerwerk, und Frieden senkte sich über den Kanal, den nur das ferne Gebell einiger Hunde störte, die wegen des Erdbebens außer sich waren. Ich hatte Verbrennungen erlitten, und meine Lunge brannte, als hätte ich einen Sack voll Bienen inhaliert. Doch ich lebte noch.
Von dem über Bord gegangenen Mann, der ins Wasser gefallen war, sah ich keine Spur. Vermutlich konnte er nicht schwimmen.
Auch keine Spur mehr von der Frau im Licht. Sie hatte sich mir in die Augen gebrannt und verschwand beim ersten Blinzeln, sodass ich mich fragte, ob ich überhaupt etwas gesehen hatte.
Nein. Natürlich nicht. Wunschdenken. Mehr nicht.
Der Mann, dessen Gewehr eine Fehlzündung gehabt hatte, gab die letzten Geräusche seines Lebens von sich. Wahrscheinlich begriff er nicht, was gerade geschehen war. Leuchtschlossgewehre waren unzuverlässig, hatten eine empfindliche Überdrucksicherung, zur Kompensation der Phosentladung. Versagte die Sicherung, kam es zu unschönen Ergebnissen. In diesem Fall war die stählerne Phoskartusche detoniert und hatte den Kerl mit sengend heißen Schrapnellen durchlöchert. Sein zerfetzter Körper blutete aus zahlreichen Wunden.
Der Mann gab ein paar hoffnungslose Laute von sich. Dann war er tot, und es wurde still. Nur mein pfeifender Atem war zu hören. Allmählich geriet ich in die gleiche miese Form wie der gute alte Levan Ost vor seinem Ableben. Trotzdem. Gerade waren vier Männer gestorben, und ich stand noch.
Ich sprang ans Ufer und blickte zu dem Verstümmelten am Boden, der sein Vertrauen ins Licht gesetzt und dafür bezahlt hatte. Ich zog ihm den Sack vom Kopf. Seltsam. Er kam mir vertraut vor. Ein unscheinbar wirkender Mann, braunes Haar, Schnurrbart, das einzig einprägsame Merkmal ein großes Muttermal unter dem linken Auge. Trotzdem kam er mir sehr bekannt vor.
Dann wurde mir klar, dass ich ihn tatsächlich kannte. Ich hatte ihn vor drei Wochen getötet.
Devlen Maille hatte den Großteil seines Lebens damit zugebracht, Schweine auf einer Farm zu züchten, wo es reichlich Matsch und wenig Geld gab. Dann war eine Frau in sein Leben getreten und mit ihr Spielsucht, Trinkerei und Faustkämpfe. Man kann getrost behaupten, dass Devlen schon ein riesiges Arschloch war, als die Brüder seiner Frau ihn in einen Brunnen warfen. Er war auch noch ein Scheißkerl, als er zur Wehr floh und sein Geld in einem Phoswerk damit verdiente, den Boden zu schrubben. Ehrliche Arbeit, die ihm jedoch kaum mehr einbrachte als die dämliche Schweinefarm, der er eben erst entflohen war. Dann schlug ein tapferer Profitjäger ihm vor, er könne seine Schulden bezahlen, indem er gestohlene Batteriespulen auf dem Schwarzmarkt verkaufte, und Devlen Maille ergriff die Chance. Meine Dohlen ertappten ihn in flagranti, er leistete bei der Festnahme Widerstand, und ich erschoss ihn.
Niemand hatte um ihn getrauert, als ich ihn das erste Mal erschoss, und ich bezweifelte sehr, dass sich das beim zweiten Mal ändern würde. Ich entsann mich deutlich daran, ihn getötet zu haben, und wusste noch genau, dass meine Dohlen seine Leiche auf einen Karren geworfen hatten. Daher war es überraschend, dass er vor wenigen Minuten das Feuer erwidert hatte.
Das stinkende Flusswasser gerann auf meiner Kleidung, während ich zunächst triefnass durch die Straßen lief und anschließend eine halbe Stunde damit zubrachte, mir in der Gasse hinter dem Hauptquartier der Schwarzschwingen die Seele aus dem Leib zu kotzen. Bei der Belagerung hatte ich meinen Teil zur Verteidigung der Stadt beigetragen, und nachdem Valengrad fast zerstört worden wäre, hatten die Fürsten endlich begriffen, dass es auf ihrer Prioritätenliste weiter oben hätte stehen sollen, die Zitadelle und die Schwarzschwingen zu finanzieren. Dank des Geldes, das sie mir daraufhin zukommen ließen, stand mir jetzt ein ordentliches Gebäude zur Verfügung, hinter dem ich kotzen konnte.
»Hauptmann, du siehst furchtbar aus.« Meara saß am Schreibtisch und gähnte. Sie war eine meiner besten Dohlen und zudem die größte Frau, die ich je gesehen habe, daher füllte sie den Raum hinter dem Tisch vollständig aus. »Hast du den Kerl gefunden?«
»Ja. Ist sonst noch jemand hier?«
»Ist noch nicht sechs, Hauptmann.« Falls sie sich wunderte, warum ich in einer trockenen Nacht völlig durchnässt war und so schrecklich stank, war sie vernünftig genug, mich nicht danach zu fragen. »Das war das bisher heftigste Beben, was? Die Uhr im Flur ist von der Wand gefallen und kaputtgegangen.«
Ich suchte mir den stärksten Kaffee, den ich finden konnte, veredelte ihn mit Branntwein und versuchte, mir den Kanalgeschmack aus der Kehle zu spülen. Der Geschmack schien meinen ganzen Kopf auszufüllen, chemisch, sauer und faulig. Ich leerte den Kaffee und fand mich gleich darauf in der Gasse wieder, wo ich ihn wieder hochwürgte.
Die Straßen lagen im Dunkeln. In diesem Teil der Stadt gab es keine Phosleitungen, und niemand ließ Geld dafür springen, altmodische Laternen zu betreiben. Mir gefiel die Dunkelheit. Dass es hier keine Phosröhren gab, war einer der Gründe, warum ich mich für dieses Haus entschieden hatte.
In den wenigen Minuten, in denen ich nach draußen gewankt war und ölige Fäden ausgewürgt hatte, war jemand an die Vordertür getreten und hatte ein gelbes Flugblatt ans Holz geheftet. Spiritueller Unsinn über die Sichtungen der Leuchtenden Herrin, die von einer neuen Ära der Gerechtigkeit und Freiheit kündete. Die Leute sahen etwas in dem Licht, hatten Visionen, zumindest behaupteten sie das, und sie verknüpften die üblichen Verheißungen damit. Für die Anhänger einer Religion ist keine Tageszeit ungöttlich, und inzwischen waren sie überall. Ich suchte die Straße nach den Übeltätern ab, doch es fehlte jede Spur von ihnen, abgesehen von den gleichen gelben Blättern an allen Haustüren. Ich riss das Flugblatt ab, zerknüllte es und warf es weg. Ich hatte nicht vor, diesen Unfug in mein Hauptquartier vordringen zu lassen, obwohl uns gerade das Klopapier ausging.
Der Gestank würde nicht von allein verschwinden, daher schürte ich das Küchenfeuer und füllte eine Metallwanne mit heißem Wasser. Sie war für den Abwasch gedacht und lächerlich klein für mich, aber besser als nichts. Ich schrubbte mir den Kopf mit Seife, wusch mir die Augen aus, und schon bald verfärbte sich das Wasser dunkel, nahm einen öligen Schimmer an.
Mit welch böser Magie die Könige aus der Tiefe ihre Hörigen auch infiziert hatten, ich hatte es geschafft, darin zu baden. Ich wusste nicht, ob die Magie generell Brechreiz verursachte oder ich nur schlecht auf sie reagierte, doch ging ich lieber von Letzterem aus. Mein Dienstmädchen Amaira hatte mir eine frische Uniform herausgelegt. Sie war davon ausgegangen, dass ich wieder bis in die Nacht arbeiten und dann im Büro schlafen würde. Ich hatte ein großes Haus, das ich nur selten nutzte, denn mein Hauptquartier fühlte sich eher wie mein Zuhause an. Amaira hatte vermutet, dass ich wie üblich im Morgengrauen hier aufschlagen würde. Vielleicht besteht doch Hoffnung für sie.
Die Sonne hatte sich noch nicht in den Himmel emporgekämpft. In den Jahren seit Shavadas fehlgeschlagenem Angriff auf Valengrad hatten die Schwarzschwingen viel erreicht. Ich hatte rund um die Uhr Soldaten auf der Lohnliste, daher befahl ich einem Trupp, die Schweinerei zu beseitigen, die ich bei Kanal Sechs hinterlassen hatte. Meine Leute würden die Gefallenen, oder was von ihnen übrig war, zur Untersuchung in die Leichenhalle karren. Tote reden zwar nicht viel, aber falls sie das Mal der Könige aus der Tiefe trugen, würden wir das herausfinden.
Was für ein Schlamassel. Ich hätte ein paar Leute mitnehmen sollen. Ich hatte zugelassen, dass meine Sentimentalität die Oberhand über mein Urteilsvermögen gewann, und wäre fast gestorben. Ost gehörte zu meiner Vergangenheit, und die behalte ich am liebsten für mich. Ich verdränge meine Scham, als hätte sie nichts mit dem Mann zu tun, zu dem ich geworden bin. Eine Misere wie früher konnte ich mir nicht leisten. Ich war nicht mehr so jung wie damals und hatte inzwischen Verantwortung, Leute, die auf mich zählten. Ich musste klüger handeln.
Frisch gewaschen und angekleidet saß ich an meinem Tisch und fegte den Papierkram des Vortags vom Tisch. Alte Gerüchte, unfertige Berichte. Es war Wochen her, seit man uns etwas Ernstzunehmendes zugetragen hatte. Vermutlich war es den Sackköpfen deshalb gelungen, mich zu überraschen.
Ich war müde, erschöpft und übergab mich ständig in einen Eimer, aber zwei Stunden später, als der Kaffee kalt geworden war, fühlte ich mich wieder wie ein Mensch. Ein luxuriöses Büro mit dunklen Holzpaneelen, Ledersesseln und guten traditionellen Öllampen ist dem Wohlbefinden durchaus zuträglich. Vielleicht lag es auch am Branntwein. Wir umgeben uns mit Luxus, als könnten Dekadenz und Wohlstand die wahren Probleme der Welt für eine Weile unterdrücken. Womöglich stimmt das auch.
»Du siehst aus, als hättest du eine harte Nacht hinter dir«, sagte ich, als Tnota hereinschlenderte.
Im Elend galt er als einer der besten Navigatoren überhaupt, zugleich war er jedoch der undisziplinierteste Kerl sämtlicher Staaten. Sein Hemd war aufgeknöpft, und er roch wie eine Brauerei. Er sackte in seinen dick gepolsterten Stuhl, als leide er unter dem schlimmsten selbst verschuldeten Unglück aller Zeiten. »Deine Nacht scheint härter gewesen zu sein«, antwortete er.
Wir brachten uns auf den neuesten Stand. Während ich einige Leute getötet hatte, war er lediglich saufen gewesen. So lief es meistens, auch wenn ich in letzter Zeit eher Befehle gab, als selbst das Schwert zu schwingen. Tnota war klugerweise vom Navigator zu meiner rechten Hand geworden, was nicht einer gewissen Ironie entbehrte, da ihm die eigene Rechte fehlte.
»Du hast schon wieder nicht geschlafen«, sagte er. »Hast diesen trüben Blick. Du brauchst ein Bett.«
»Ich schlafe heute Nacht.«
»Das sagst du jeden Abend, und jeden zweiten lügst du. Der Große Hund sagt …«, setzte er an, verfiel jedoch in ein Gähnen und ersparte mir so die heilige Hundeweisheit.
Trotz des geschürten Feuers fror ich. Falls der Tod an meine Tür klopfen wollte, weil ich mich beim Schwimmen erkältet hatte, würde ich ihm in die Eier treten.
Valiya traf im Hauptquartier ein, durchnässt und durchgefroren. Sie blickte so finster drein, als hätte der Himmel sie persönlich beleidigt. Falls dem so war, wäre ich an seiner Stelle in die Hügel geflüchtet. Sie platzte auf dieselbe Weise ins Büro, wie sie durchs Leben ging: wie eine Naturgewalt, die keine Unfähigkeit akzeptiert und alles in Ordnung bringt, was niedere Geschöpfe vermurkst haben. Sie zeigte sogar einen Anflug von Noblesse, als sie ihren schweren Regenmantel fein säuberlich an den Ständer beim Feuer hängte. Ihre kastanienbraune Haarpracht verdeckte ihr halbes Gesicht, was oft praktisch war, denn ihr Gesicht lenkte Männer nur ab. Mit ihren dreißig war sie attraktiver als die meisten Frauen mit zwanzig, zumindest sah ich das so. Seit sie vor drei Jahren zu mir gekommen war und behauptet hatte, sie würde das Büro besser leiten als jeder andere, hat sie das täglich aufs Neue bewiesen. Nun leitete sie in der Praxis nicht nur die Büros, was ihrer eigentlichen Aufgabe entsprach, sondern auch meinen Geheimdienst. Dazu war sie zwar grundsätzlich nicht befugt, doch es hätte sich nicht ausgezahlt, sie davon abzuhalten.
Valiya wrang sich das Wasser aus dem tropfnassen Haar. Dann runzelte sie die Stirn. »Hier stinkt es ja entsetzlich.«
Ich erzählte ihr, was geschehen war, und bat sie herauszufinden, wo wir Devlen Mailles Leiche vor drei Wochen beerdigt hatten. Falls ich herausfand, wie er beim ersten Mal von den Toten hatte auferstehen können, erfuhr ich womöglich, wieso er jetzt schon wieder in einem Grab gelandet war.
»Was für ein Trottel«, sagte Valiya. »Wie kann sich einer zweimal vom selben Kerl umbringen lassen? Ich kümmere mich darum, Ryhalt.«
Sie notierte sich die Details, trat wieder in den halbherzigen Regen hinaus und zwang die Wolken mit ihren bösen Blicken zum Rückzug.
»Ach, ihr seid schon beim Vornamen angekommen?«, wunderte sich Tnota.
»Du sagst auch nicht mehr ›Hauptmann‹ zu mir.« Bei Tnota hatte das andere Gründe, das wussten wir beide.
»Ist es noch zu früh für Schnaps?«, fragte er.
»Ja«, erwiderte ich. Es war halb neun. Ich hatte mir vorgenommen, unseren schlechtesten Angewohnheiten einen Riegel vorzuschieben. Alkohol machte mich schläfrig, und für Schlaf war keine Zeit. »Hier. Was hältst du davon?«
Ich legte ihm die Überreste des Leuchtschlossgewehrs auf den Tisch, das der Sackkopf hatte fallen lassen. Es wies zwar eine ähnliche Form auf wie eine Muskete, hatte einen Schaft, Lauf und Abzug, war jedoch eine weit komplexere Waffe. Eine Phoskartusche speiste die Kugelkammer, in der eine kleine Lichtentladung den Schuss auslöste. Die Kartusche fehlte größtenteils, und der Schaft war bei der Detonation schwer beschädigt worden, der lange, silberne Lauf hingegen war fast unversehrt. Das Zeichen des Büchsenmachers, der stilisierte Buchstabe F, war in den Stahl geprägt.
»Diese Dinger gehören ins Museum«, sagte Tnota. »Zu teuer und gefährlich für den Gebrauch, solange wir Schießpulverwaffen haben. Phos ist nicht billig. Und auch noch unzuverlässig.« Er beäugte den Abzugsmechanismus und die Rückstände am Lauf. »Ich kenne das Zeichen des Büchsenmachers nicht. Muss eine neue Werkstatt sein.«
»Ergibt keinen Sinn. Luntenschlossmusketen sind rundum bessere Waffen. Sich damit selbst in Stücke zu sprengen ist viel unwahrscheinlicher.«
»Nur ein Idiot würde so ein Leuchtschlossgewehr benutzen. Mit Phos sollten sich bloß Lichtspinner befassen. Und selbst die ziehen sich bei der Arbeit zahllose Verbrennungen zu.«