Buch
Peter Rashkin ist ein faszinierender Mann. Er betreibt eines der feinsten Restaurants im Manhattan der 1960er Jahre. Doch ihn umgibt auch etwas Tragisches. Nur wenige wissen, dass sein Restaurant nach seiner verstorbenen Frau Masha benannt wurde und dass er nicht nur sie, sondern auch seine beiden Töchter auf tragische Weise verlor. Eigentlich will Peter alles vergessen und nie wieder an Liebe denken. Als er jedoch die junge June unter dem riesigen Kronleuchter sitzen sieht, fühlt er sich von ihr angezogen. Ein Stromausfall führt die beiden zusammen und in eine leidenschaftliche, turbulente Beziehung. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht verdrängen, auch wenn man es noch so gerne will …
Autorin
Jenna Blum, geboren 1970, unterrichtet kreatives Schreiben und ist Mitarbeiterin verschiedener Zeitschriften. Sie hat mehrere Romane sowie Kurzgeschichten verfasst. »Der Himmel über Manhattan« ist ihr erster Roman bei Blanvalet. Die Autorin lebt in Boston und im Mittleren Westen der USA.
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JENNA BLUM
Der Himmel über
Manhattan
ROMAN
Deutsch von Rainer Schmidt

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel
»The Lost Family« bei HarperCollins, New York.
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Copyright der Originalausgabe © 2018 by Jenna Blum
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Sigrun Zühlke
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotive: Svetlana Sewell/Arcangel Images;
plainpicture/Lubitz+Dorner; www.buerosued.de
NG · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-22616-9
V003
www.blanvalet.de
Wo man isst
Masha’s, 1705 Second Avenue,
Regent4-1117.
Gerichte zum Andenken an die Ehefrau des Eigentümers/Kochs, die während des Zweiten Weltkriegs in Europa umgekommen ist. Wenn Sie über diese Geschichte nicht ins Schwärmen geraten, kommen Sie wegen der Gaumenfreuden: Die üppige Dekadenz europäischer und jüdischer Speisen wie Ochsenbrust Wellington und die »Schokoladentorte Masha« wird selbst den abgebrühtesten Gast zu Tränen rühren. Hauptgerichte ab 7,95 $. Cocktails und Wein. Mittags- und Abendkarte. Montags geschlossen, Reservierung empfohlen.
– Craig Clayborne, New York Times, September 1964
Masha’s Herbst 1965
Vorspeisen
Warmer Rosenkohlsalat mit gerösteten Pekannüssen, Blauschimmelkäse, Räucherspeck und einer Vinaigrette mit Senf und Schwarzen Trüffeln
Champignoncremesuppe mit hausgemachten Croutons, Crème fraîche, Cognac und Schnittlauch
HUHN IM MANTEL
Hühnerleberpaté en croute mit Senf- und Meerrettich-Crème-fraîche-Dips
Blue-Point-Austern, in Sahnesoße sautiert, mit einer Kruste aus Brotkrumen und Butter
»POLNISCHE TÄUBCHEN«
Kleine Kohlrouladen mit Senf und süß-sauren Dips
Hauptspeisen
Entenbrust an kirschwasserflambierten Kirschen und Orangen in einem Nest aus geschmortem Kohl mit Pommes frites
Ochsenbrust Wellington mit gestampften Meerrettich-Kartoffeln und Gemüse des Tages
Gebratene Flunder unter einer Kruste aus Parmesan und Brotkrumen mit kleinen Bratkartoffeln und grünen Bohnen »amandine«
Gefülltes Brathühnchen mit Strandpflaumen- und Cranberry-Marmelade, dazu entweder Zimmes oder Stampfkartoffeln und Rosenkohl
HAMBURGER »WALTER«
Hackfleisch vom Rindernacken au poivre, mit Cognac flambiert, dazu Pommes frites und keinerlei Gemüse
Beilagen
~ Champignons in Burgundersoße
~ Grüne Bohnen »amandine«
~ Rahmspinat mit einer Kruste aus Knoblauch und Parmesan
~ Kleine Bratkartoffeln
~ Pommes frites
~ Latkes (Kartoffelpuffer mit Apfelmus)
~ Zimmes (Auflauf aus Süßkartoffeln, Zitronenzesten und Korinthen)
~ Eingelegte Rote Bete mit Meerrettich-Crème-fraîche
~ Hausgemachte Pickles
~ Spätzle
Desserts
~ Crumble vom »Honeycrisp«-Apfel unter einer Kruste aus braunem Zucker mit Vanilleeis
~ Deutsche Schokoladentorte mit flambierten Kirschen
~ Pflaumenkuchen mit einer Kruste aus gerösteten Walnüssen, dazu Kirschwasser-Schlagsahne
~ »KLEINE WOLKEN«
Windbeutel mit Vanilleeis zu einem Miniaturschokoladenfondue
~ Kürbis-, Honig- und Vanilleeis in Schokoladenbechern (als Trio oder einzeln)
~ Verschiedene Rugelach mit einer Füllung aus Schokolade, Walnuss-Korinthen oder Aprikosen
1705 2ND AVE. NEW YORK, NY 10128 / RE 4–1143
* UM RESERVIERUNG WIRD GEBETEN!
Aber wenn Peter den Wolf nun nicht gefangen hätte?
Was dann, hm?
– Sergej Prokofjew
Zum ersten Mal sah Peter das Mädchen während der Abendschicht im Masha’s. Sie saß am Mitteltisch unter dem Kronleuchter, und ihr Gesicht war vom Licht getüpfelt. Peters Mitarbeiter nannten diesen Platz den Todessitz in Anbetracht dessen, was demjenigen passieren würde, der das Pech hatte, dort zu sitzen, falls der Kronleuchter, eine zweihundert Pfund schwere Kaskade aus venezianischen Kristalltropfen, jemals beschließen sollte herabzufallen. Das Mädchen – die junge Frau – ließ den Blick im Restaurant umherwandern, als langweilte sie ihr Tischgenosse, ein Kerl mit silbergrauem Haar, einer dicken Hornbrille und einem Kopf, so viereckig wie ein Zuckerwürfel. Er war mindestens doppelt so alt wie sie. Als Peter auf sie aufmerksam wurde, lehnte er sich gerade herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen rümpfte die Nase und schob ihren Verehrer, falls er das war, von sich – und dann, als sie Peter erblickte, grinste sie auf eine Weise, die sie völlig verwandelte, und ihr Gesichtsausdruck wechselte vom leicht mürrischen Überdruss eines New Yorker Großstadtmädchens, das schon alles gesehen und getan hat, zu etwas anderem, insgesamt Sonnigerem und Liebenswerterem. Peter zog daraufhin die Brauen hoch. Das helle Haar des Mädchens war kurz geschnitten wie bei einem Jungen – ein Stil, den er nicht besonders schätzte. Sie trug ein weißes dünnes Hemdkleid mit Pelzbesatz an Kragen und Ärmeln und rote hochhackige Stiefel, deren oberer Rand unter dem Tischtuch verschwand. Ihre Augen waren von dicken schwarzen Kringeln umringt. Peter war eigentlich kein Freund dieser neuen Modetrends – auch wenn er wie jeder andere Mann in Manhattan Gott, hätte er an ihn geglaubt, für den Minirock gedankt hätte. Aber dieses Mädchen schlug ihn in seinen Bann.
Er trat seine Runde an, wie er es einmal in jeder Schicht zu tun pflegte, klopfte hier auf eine Schulter und gab da einer Frau Feuer für ihre Zigarette. Hübsche Frauen waren im Masha’s immer in der Überzahl, vor allem beim Lunch, wenn die Tische fast ausnahmslos von sehnsuchtsvollen Junggesellinnen und ihren entschlossenen Müttern besetzt waren. Das war so, seit im Jahr zuvor die Kritik in der Times erschienen war. Die Damen priesen die Salate, aber sie kamen wegen des alleinstehenden Eigentümers mit der traurigen Geschichte. Abends überwogen die Stammgäste, Bewohner des Viertels an der Upper East Side, die zu den Veranstaltungen der Stadt unterwegs waren, zu Theater, Konzert, Oper und Ballett, oder von dort zurückkamen. Aber es mischten sich immer noch genug hoffnungsvolle Romantikerinnen unter sie, um Peter wachsam und unnahbar sein zu lassen. Zumindest hatte er das geglaubt. Warum ausgerechnet diese junge Frau sein Interesse weckte, wusste er nicht genau. Er warf verstohlene Blicke zu ihr hinüber, während er sich mit den Lynns unterhielt, die ihren Abend mit einem Schlummertrunk im Masha’s zu beenden pflegten, seit das Lokal eröffnet worden war, und während er ignorierte, dass die alte Mrs. Allison, die an Tisch 14 Hof hielt, immer wieder mit zitternder Hand unter den Tisch langte, um ihren Pudel Lucius mit kleinen Häppchen zu füttern, über dessen Anwesenheit das Personal routinemäßig hinwegsah. Peter fing doch nicht etwa wieder mit seinem Spiel an – oder doch? Suchte er wieder nach Menschen, die längst nicht mehr da waren? Ein fruchtloses Unterfangen, ermahnte er sich streng. Und grausam dazu. Dennoch … Die junge Frau auf dem Todessitz sah jünger aus als vierzig, was Mashas Alter gewesen wäre, und älter als zwanzig – nicht viel älter, aber doch älter.
Peter wollte eben hinübergehen und das Mädchen persönlich im Masha’s begrüßen, als eine diskrete Unruhe bei den Tischen in der Nähe des Eingangs darauf hindeutete, dass Mr. Cronkite hereingekommen war und die Empfangsdame ihm den Mantel abnahm und ihn zu seinem Stammplatz führte, dem zweiten Tisch, dessen Sitzbänke mit hohen rotledernen Lehnen ausgestattet waren. Mr. Cronkite war allein wie meistens, wenn er bei Masha’s zu Abend aß – auf dem Weg vom CBS-Studio zu seinem Apartment in der East 94th Street –, weil seine Frau Betsy nicht zu Hause war, um mit ihm zu essen. Peter hob einen Finger und signalisierte Maurice, dem Kellner, zu dessen Revier Mr. Cronkites Tisch gehörte, dass er dem Nachrichtensprecher seinen Bourbon persönlich servieren werde.
»Wie geht es Ihnen heute Abend, Mr. Cronkite?«, fragte er und stellte das Glas hin. Immer wieder glaubte er, er habe sich daran gewöhnt, aber jedes Mal fiel Peter überrascht auf, wie blau die Augen des Mannes waren. Auf dem Fernsehbildschirm sahen sie grau aus.
»Sehr gut. Und Ihnen, Mr. Rashkin?«, fragte Mr. Cronkite.
»Ich kann nicht klagen«, sagte Peter.
Mr. Cronkite schenkte ihm das berühmte Funkeln seiner Augen. »Damit unterscheiden Sie sich sehr von einem großen Teil unserer Zuschauer«, sagte er. »Turbulente Zeiten, Mr. Rashkin. Turbulente Zeiten. Aber die sind uns nicht fremd, nicht wahr?« Er hob Peter sein Highballglas entgegen. »Auf Ihr Wohl.«
»Auf Ihre Gesundheit«, antwortete Peter. »Darf ich Ihnen eine Speisekarte bringen? Oder Ihr Lieblingsgericht?«
»Wie könnte ich mir einen Hamburger ›Walter‹ entgehen lassen?« Er meinte das Gericht, das Peter eigens für ihn erfunden hatte – Hackfleisch vom Rindernacken, gewürzt au poivre, mit Brandy flambiert und begleitet, wie es auf der Speisekarte hieß, »von keinerlei Gemüse«. Mr. Cronkite zwinkerte Peter zu. »Einer der kleinen kläglichen Vorzüge des Junggesellendaseins, hm, Mr. Rashkin? Man muss die Erbsen nicht essen.«
»Sehr wahr«, sagte Peter. Es war ein kleiner Scherz zwischen ihnen. Der seit Langem glücklich verheiratete Mr. Cronkite war kein Junggeselle, und Peter galt als einer der begehrenswertesten der Stadt – sehr zu seiner Bestürzung.
»Maurice wird Sie sofort bedienen«, sagte er zu Mr. Cronkite und klopfte zum Abschied mit dem Fingerknöchel auf das Tischtuch.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass vorn alles genau so lief, wie es sollte, nahm Peter Kurs auf die Küche, um das Anrichten der heutigen Spezialität zu beaufsichtigen: kornisches Stubenküken mit Meerrettich-Kartoffelpüree und flambierten Kirschen. Peter hatte es nicht überrascht, dass seine Gäste es gern sahen, wenn ihr Essen am Tisch in Brand gesetzt wurde: Amerikaner freuten sich an Dingen, die explodieren konnten. Was ihn jedoch verblüfft hatte, war, wie viel Spaß es ihm selbst bereitete. Wieder warf er einen Blick zu dem Tisch in der Mitte, dem Todessitz. Was war nur mit dieser jungen Frau? Erinnerte sie ihn doch an irgendjemanden? An Twiggy vielleicht; ja, mit ihrem kurz geschnittenen aschblonden Haar und der beinahe skeletthaften Magerkeit ähnelte sie dem britischen Mannequin, das manchmal mit seinem Gefolge hereinkam. Auch dieses Mädchen war wahrscheinlich ein Mannequin – ihr Essen, den warmen Rosenkohlsalat mit Roquefort, hatte sie nicht angerührt. Vielleicht hatte Peter ihr Gesicht in der U-Bahn gesehen, als es an der Wand an ihm vorbeigeglitten war. Ihr Tischgenosse hatte jetzt den Arm um sie gelegt und war mit seinem Stuhl näher an sie herangerückt. Peter sah, wie er sie an seinem »Rusty Nail« nippen ließ und ihr das Highballglas an den Mund hielt. Noch einmal überlegte Peter, ob er hinübergehen und sich vorstellen und ihr vielleicht ein Dessert auf Kosten des Hauses anbieten sollte – aber genügte ein Freier, der doppelt so alt war wie sie, dem armen Mädchen? Da brauchte sie nicht noch einen. Außerdem war Peter nicht auf der Suche nach einer Affäre. Er trat durch die Tür mit dem Bullauge in seine Küche.
Die Küche des Masha’s war winzig, nicht viel größer als die Kombüse auf einem Segelboot, und die, die dort arbeiteten machten sie noch enger: Peters Rôtisseur, der Gardemanger, Souschefin Lena, der Spüler. Frühmorgens war manchmal noch der Pâtissier da. Heute Abend war die Luft dick vom Geruch von Geflügel, Fisch, Kohl, Kartoffeln und erfüllt vom Brutzeln, Wasserrauschen und dem Tosen der Gasherde. Der Geschirrspüler brauste, und die Köche schrien einander Abkürzungen zu: »Flunder raus! Zwölf braucht Kartoffeln! Sechsundachtzig das Huhn! Jetzt schon? Scheiße!« Für Peter war dies der liebste Ort der Welt. Sein Leben lang hatte er sich in Küchen immer am sichersten gefühlt. Er war der Eigentümer des Masha’s, Gastronom und Koch zugleich, aber seine Gäste und sogar ein paar seiner Mitarbeiter wären überrascht gewesen, wenn sie gewusst hätten, wie schwer es ihm fiel, seine Rolle zu spielen – welche Mühe es ihn kostete, sich im Anzug zwischen den Tischen hindurchzuschlängeln und Small Talk zu treiben. Gerade weil es ihm nicht leichtfiel, machte Peter seine Sache so gut. Der Sprecherzieher seiner Kindheit in Berlin hatte ihn ermahnt: Peter, du musst projizieren! Das tat er – nur dass er jetzt nicht seine Stimme, sondern seine Persönlichkeit nach vorn verstärkte. Dennoch war ihm der Augenblick, dem er mehr als allen anderen entgegenfieberte, eine Freude, wenn er den Anzug gegen die weiße Berufskleidung eines Kochs tauschen und sich dem Rhythmus des Hackens und Sautierens und Anrichtens anheimgeben konnte, bevor er das Essen, das er zubereitet, die Speise, die er kreiert hatte, in die Welt hinausschicken konnte.
So war es eine Überraschung für Peter, als er seinen Anzug an die Innenseite seiner Bürotür hängte, die weiße Jacke anzog, seinen gewohnten Platz neben Lena einnahm und dort spürte, dass etwas nicht stimmte. Es war das Licht – die guten Leuchtstofflampen an der Decke, starke, weiß strahlende Röhren hinter Gittern, die wie Eiswürfelbehälter aussahen, wirkten trüb. Peter fing an zu schwitzen. Er betupfte sich die Stirn mit dem obersten Küchentuch auf seinem Stapel und entrollte die Tasche mit seinem Messer. Der Gardemanger hatte den mise en place für Peter bereits vorbereitet; kleine Schälchen mit Schalotten, Petersilie, Knoblauch-Confit, Zitronenzesten und koscherem Salz umringten sein Schneidebrett. Warum hatte Peter Mühe, sie zu sehen?
»Was liegt an?«, fragte er Lena.
»Zweiundzwanzig Gedecke fertig.« Lena atmete wie ein Staubsauger. Sie war eine stattliche Frau, größer als Peter mit seinen eins achtzig und breiter als der Herd, ein Flüchtling wie Peter, aber aus Leningrad. »Huhn ist aus, Champignon Burgunder kaputt, Flunder läuft gut, noch fünf Entenbrüste.«
»Danke«, sagte Peter. »Was ist noch offen?«, rief er.
»Acht Bons, Chef!«
Peter blinzelte zu den Zetteln hinauf, die an der Magnetschiene hingen. War es Einbildung, oder wurde es immer dunkler in der Küche?
»Lena«, sagte er. »Übernimm das hier. Mit ist nicht gut …«
Aber sie schrie über ihn hinweg: »Wer hat mit Sicherungen gefummelt? Hier drin ist dunkler als in Stalins schopa!« Peter begriff erleichtert, dass es nicht nur ihm so ging. Auch Lena konnte nicht gut sehen, und die restlichen Mitarbeiter verliehen ihrer Ratlosigkeit lautstark Ausdruck in der kaffeebraunen Luft.
Lena wandte sich an Rodrigo, den Spüler. »Das warst du, das weiß ich, toschtchij bljudok«, behauptete sie. »Hab dich vorhin im Lagerraum gesehen.«
Der Geschirrspüler antwortete in schnellem Spanisch. Peters Englisch und Deutsch, ja, sogar sein Russisch waren besser als sein Spanisch, aber nach dreißig Jahren als Koch wusste er, dass Lena Rodrigo soeben einen dürren Drecksack genannt und der Spüler sie dafür als Sau bezeichnet hatte.
»Lena«, sagte Peter, »hör auf. Rodrigo, bitte mach dein Radio lauter.«
Alle spitzten die Ohren, nur der Rôtisseur schob und drehte sein mittlerweile unsichtbares Fleisch. Durch das Gemurmel aus dem Restaurant und das Zischen des Grills hörten sie, was der Sender 1010WINS aus dem Batterieradio zu melden hatte: »Der Stromausfall betrifft die ganze Stadt, auch wenn das ganze Ausmaß noch nicht feststeht. Bürgermeister Wagner hat alle Einwohner aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Die U-Bahnen fahren nicht, aber zusätzliche Busse …«
»Jemand hat mit Sicherungen der ganzen Stadt gefummelt«, stellte Lena nicht ohne Befriedigung fest. »Wird Plünderungen geben. Feuer. Vielleicht sogar Morde.«
»Das reicht, vielen Dank«, sagte Peter – aber es war auch sein erster Gedanke gewesen. Er wusste nur zu gut, was aus Zivilisation wurde, wenn in einer Stadt die Lichter ausgingen.
Er ordnete seine Gedanken und gab dann eine Reihe von Befehlen. Besorgt Taschenlampen für die Küche und Extrakerzen für das Restaurant. Der Oberkellner soll die Tür verschließen und sie nur öffnen, um Leute hinauszulassen. Niemand darf herein. Die Küche sollte die Bons abarbeiten, aber keine neuen Bestellungen mehr annehmen. Peter würde den Gästen Drinks auf Kosten des Hauses anbieten und nahm sich stillschweigend vor, Mrs. Allison noch eine Extraportion zum Mitnehmen zu geben. Wenn der Strom bis morgen nicht wieder zurück war, hätte sie wenigstens etwas zu essen. Außerdem sollte ein Kellner sie nach Hause begleiten.
»Und haltet um Gottes willen den Kühlraum nach Möglichkeit geschlossen«, rief er dann. »Ich werde die Gäste informieren.«
Er kehrte zurück ins Restaurant. Viele seiner Gäste würden heute Abend das ungewöhnliche Erlebnis haben, ihn in seiner weißen Jacke zu sehen. Viele hatten sich am vorderen Fenster versammelt und spähten hinaus, um festzustellen, was los war. Die Kellnerin und die Empfangsdame waren dabei, weitere Kerzen auf den Tischen anzuzünden, sodass die rot lackierten Wände glänzten und der Kronleuchter funkelnd zum Leben erwachte. Mr. Cronkite, sah Peter, war nicht mehr da. Wahrscheinlich war er zum Sender zurückgekehrt, damit CBS über die Krise berichten konnte, sobald der Strom zurückkam. Der silberhaarige Quadratschädel saß immer noch am Tisch in der Mitte und starrte stirnrunzelnd in sein halb leeres Glas. Aber die junge Frau? Peter ließ den Blick durch das Lokal und über die Menschentraube vor dem Fenster wandern. Sie war nirgends zu sehen.
Er ging an die Bar und klopfte mit einem Löffel klingend an ein Weinglas.
»Meine Damen und Herren«, sagte er, »ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit.«
Als alle gegangen waren – als man die Gäste hinausgelassen und der Oberkellner die alte Mrs. Allison nach Hause begleitet hatte, als er die Belege des Abends in den Safe eingeschlossen hatte, um sie am nächsten Morgen im Hellen durchzusehen, und als er seine Mitarbeiter nach Hause geschickt hatte –, schenkte Peter sich einen Brandy ein und begann seinen Rundgang. Das tat er jeden Abend nach Geschäftsschluss, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Der einzige Unterschied war heute, dass er es im Licht einer Taschenlampe tat. Nach dem langen Einsatz in der Küche war der Lichtstrahl matt, aber für Peter hell genug, um sich in der Garderobe umzusehen, im Speiseraum, in der Küche und in der Kühlkammer, in seinem Büro und im Keller, der ohne das Licht der Glühlampe unter der Decke noch mehr Ähnlichkeit mit einem Verlies hatte. Er kontrollierte Weinregale, Trockenlagercontainer und -fässer und Rattenfallen – die leer waren, Gott sei Dank. In einem Spiralblock, den er stets in der Gesäßtasche bei sich trug, machte er sich ein paar Notizen zu den Beständen: »Zwiebeln, Olivenöl, Paprika, Streichhölzer. Neue Gummimatte für Küche.« Er ging wieder nach oben, stellte sein Brandyglas ab und wandte sich den Toiletten zu.
Das Radio hatte er längst ausgeschaltet. Die Stille war ihm lieber, und wenn er nicht damit rechnen müsste, dass das Personal meuterte, hätte er auch die Musik in der Küche verboten. Trotzdem musste er an die Nachrichten denken, die er gehört hatte. Lenas Vorhersage hatte sich bewahrheitet: Zusätzlich zu den Berichten über lange Schlangen vor Telefonzellen, Fähranlegern und Bushaltestellen, lauter Menschen, die verzweifelt versuchten, aus der gepeinigten Stadt zu entkommen, gab es Plünderungen und Brände, einige davon sogar im nahen Harlem. Da Masha’s nicht weit südlich davon lag – auf der 2nd Avenue, zwischen 89th und 90th Street –, überlegte Peter, ob er besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen sollte. Er könnte im Büro schlafen. Es wäre nicht das erste Mal. 1955, als Masha’s eröffnet worden war, hatte Peter praktisch im Restaurant gewohnt und war nur in sein Apartment in der East 96th Street gekommen, um zu duschen und sich umzuziehen. Er sah sich auf der Herrentoilette um und notierte sich, mehr Papierhandtücher zu bestellen. Er würde Sol fragen, seinen Cousin und Partner, ob sie einen günstigeren Lieferanten ausprobieren sollten, den Peter in der Bronx gefunden hatte, oder ob sie weiter bei Sols Händler kaufen mussten.
Die Taschenlampe ging aus.
Peter fluchte. Er schlug den Metallzylinder in die Handfläche, um die Lampe wieder zum Leben zu erwecken, aber nichts geschah. Tastend suchte er sich den Weg hinaus, und erstaunt wie immer stellte er fest, wie Wände, Ecken und Türen sich scheinbar verschoben, wenn man sie nicht mehr sehen konnte. Das war eine eben noch vergessene, aber dennoch vertraute Lektion, gelernt bei Luftangriffen, in Kellern, auf U-Bahnsteigen, in Wandschränken und natürlich in Kojen. Der Geruch fremder Wollmäntel, ungewaschener Haare, Körpersekrete und Atemdünste – speziell der Hunger stank wie eine tote Maus. Ein Schlurfen, vielleicht von Füßen, von Gliedern, die sich auf sehr engem Raum bewegten, oder von Ungeziefer. Nicht identifizierbare Bewegungen, eine Handbreit vor dem eigenen Gesicht. Zumindest gab es in den oberirdischen Bunkern immer noch einen Schimmer Umgebungslicht – die Flamme eines kostbaren Streichholzes, angezündet, um einen Blick auf die Uhr zu werfen oder nach einem kranken Kind zu sehen oder die Umrisse des Nachthimmels hinter einem Fensterladen. Aber hier, im Korridor im Masha’s, erinnerte die Abwesenheit jedes Lichtschimmers Peter an unterirdische Verstecke, an seine schmale Pritsche in Block 14, wenn die SS wegen der Luftangriffe die Verdunklung des Lagers befahl. In solchen Fällen bekam die Dunkelheit eine unangenehme Festigkeit, eine eisige Beschaffenheit, die es Peter unmöglich machte, seine Handfläche zu sehen, selbst wenn er sie an die Nase drückte – vorausgesetzt, er konnte den Arm zwischen den vier anderen Männern heben.
Seufzend schob Peter sich an der Wand des Korridors entlang bis zum Speiseraum, tastete dort nach einer Kerze und zündete sie an. Er war nass geschwitzt unter seiner weißen Kochjacke, Schweißperlen krochen über seinen Körper, ein Gefühl, das er verabscheute. Er war ungeduldig mit sich selbst. Es war schön und gut, ja, sogar verständlich, dass der Stromausfall Erinnerungen weckte, die er mit Mühe zu vergessen suchte. Vielleicht funktionierte der Körper so. Aber seinen Geist musste er besser unter Kontrolle bekommen. Er würde, er konnte nicht zurückkehren zu dem Wahnsinn, den er kurz nach seiner Ankunft in diesem Land durchlebt hatte, als die Zeit ohne jeden Grund – während er Butter auf seinen Toast strich, einen Hund streichelte oder durch einen Park spazierte – plötzlich kippte und ihn zurück nach Auschwitz rutschen ließ. Oder nach Theresienstadt. Oder nach Berlin. Das würde er nicht zulassen. Er würde sich diesen Erinnerungen nicht hingeben. »Ich weigere mich«, sagte Peter in die Dunkelheit.
Wie zur Antwort kam ein Geräusch aus dem Korridor hinter ihm, wie das Miauen einer Katze. »Hallo?«, rief Peter. Das Geräusch kam noch einmal – miauu? Es hörte sich an, als käme es aus der Damentoilette. Jetzt fiel ihm ein, dass er dort nicht hineingeschaut hatte. Wahrscheinlich war es eine herrenlose Katze, zumindest hoffte er das. Manchmal öffnete ein Gast oder ein Angestellter das Fenster, so weit es ging – eine Handbreit –, und der Himmel wusste, was da alles durch das Gitter hereinkam. Peter traute dieser Stadt alles zu. Sein Nachbar in der East 96th hatte einmal seinen Klodeckel hochgeklappt und eine Boa constrictor entdeckt. Und einmal, als Peter morgens früh gekommen war, um Fleischbrühe und Demi-Glace zu kochen, kam ihm aus seinem Büro ein fröhliches Stinktier entgegengewatschelt.
Er hielt die Kerze hoch und ging zurück durch den Korridor. Absurderweise kam er sich dabei vor wie der Geizhals, von dem er in seinem abendlichen Englischunterricht gelesen hatte – Ebenezer Scrooge. Ihm fehlten nur das Nachthemd und die Schlafmütze. »Hallo?«, rief er noch einmal und öffnete die Tür zur Damentoilette. »Ist hier jemand?« Er leuchtete mit der Kerze in dem kleinen rosa gekachelten Raum herum. Die Flamme flackerte – das Fenster war tatsächlich offen –, aber er brauchte ihr blakendes Licht nicht, um zu sehen, wie die Tür der zweiten Kabine sich öffnete. Heraus kam mit zerzaustem Haar und verschmiertem Make-up das Mädchen. Die junge Frau vom Tisch in der Mitte.
Peter setzte sie an die Bar, sammelte Kerzen von den Tischen ringsum und zündete sie an. Er schenkte ihnen beiden einen Drink ein, obwohl ihm sofort einfiel, dass das Mädchen nicht darum gebeten hatte. Sie schaute das Glas an, das in einem funkelnden Halbkreis aus Teelichten auf dem verzinkten Tresen stand. Der Spiegel hinter den Getränkeflaschen warf den Glanz zurück und ließ ein endloses Schimmern in der Dunkelheit verschwinden.
»Das ist nur Brandy«, sagte Peter. »Mag sein, dass ich in der Küche den Hexenmeister spiele, aber ich bin ein miserabler Barkeeper.«
»Solange es braun und stark ist«, sagte das Mädchen, »ist mir egal, was es ist.« Sie kippte den Drink umstandslos hinunter und schnaubte wie ein Pferd. Dann knallte sie das Glas auf den Tresen und klopfte mit einem weißen Fingernagel an den Rand.
»Lassen Sie’s laufen«, sagte sie. Peter brauchte einen Augenblick, um die Aufforderung zu übersetzen, und gehorchte dann. Es war lange her, dass er über eine umgangssprachliche Formulierung gestolpert war. Dieser Stromausfall hatte etwas mit ihm gemacht: Hart erarbeitete Sprachkenntnisse waren abgekoppelt, unliebsame Türen in seinem Geist geöffnet worden. Hoffentlich ging das Licht bald wieder an, obwohl es in gewisser Weise keine Rolle mehr spielte. Es war beunruhigend festzustellen, wie leicht die eigene Abwehr außer Kraft gesetzt werden konnte.
Das Mädchen nahm den zweiten Brandy gesitteter zu sich. Ihr langer Hals bog sich auf eine Weise zu dem Cognacschwenker hinunter, die Peter an eine Giraffe erinnerte, die er kürzlich bei einer Spendengala im Zoo des Central Park gesehen hatte, wie sie mit zierlichen Lippen Blätter von einem Baum zupfte. Er reichte ihr sein Taschentuch.
»Was soll ich damit?«, fragte sie. Peter deutete auf sein eigenes Gesicht und lächelte. Das Mädchen drehte sich auf dem Hocker herum und schaute in den Spiegel.
»Oh Gott.« Sie tauchte Peters Taschentuch in ihren Brandy und wischte sich das verschmierte Make-up von den Wangen. Fragend sah sie ihn an, und er nickte.
»Da ist Ihnen eine Stelle entgangen, genau da.« Fast hätte er ihre Schläfe berührt – fast, aber nicht ganz.
Das Mädchen beugte sich vor und kümmerte sich um die Stelle. »Danke«, sagte sie und wollte Peter sein Taschentuch zurückgeben. Er schüttelte den Kopf, und ihr Hals über dem weißen Pelzkragen errötete fleckig, vielleicht aus Verlegenheit, vielleicht wegen der Wärme der Kerzen, vielleicht wegen beidem.
»Oh, natürlich möchten Sie es so nicht zurückhaben«, sagte sie. »Ich lasse es reinigen und Ihnen schicken.«
»Nicht nötig«, sagte Peter. Sie könnten es selbst zurückbringen, wollte er hinzufügen, als das Mädchen einen Stoßseufzer tat und sich mit den Fingern durch das sehr kurze blonde Haar fuhr. Ohne das modische starke Make-up sah sie aus wie ein Kind mit ihren blassen Wimpern und den außergewöhnlich hohen, von hellen Sommersprossen bedeckten Wangenknochen. Peter fand sie in diesem Zustand noch hinreißender.
»Sie müssen mich für ein schreckliches Baby halten«, sagte sie.
»Wohl kaum«, sagte er. »Obwohl Sie ziemlich jung aussehen.«
Ein Lächeln verlieh ihrem Gesicht eine Süße, die Peter an lauter amerikanische Dinge erinnerte: gezuckerte Frühstücksflocken, Crest-Zahnpasta, Weichspüler und Milch.
»Kommen Sie«, sagte sie, »ich bin fünfundzwanzig. Praktisch eine alte Jungfer.«
»Ein Säugling«, sagte Peter. »Wenn Sie noch lange aufbleiben, werde ich Ihr Kindermädchen rufen müssen.«
Jetzt lachte sie und trank ihm zu. »Cin cin.«
»Prost«, erwiderte Peter automatisch. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und trank seinen Brandy aus.
Das Mädchen betrachtete ihn neugierig über den Rand ihres Glases. »Entschuldigen Sie die Hysterie auf der Damentoilette.«
»Ich wüsste nicht, warum«, sagte Peter. »Wenn man weinen muss, scheint mir die Damentoilette der ideale Ort dafür zu sein.«
»Sie sollen mich aber nicht für eine Heulsuse halten.«
»Natürlich nicht«, sagte Peter. »Bestimmt sind Sie normalerweise hart wie Stein.«
»Bin ich auch.« Sie nickte, trank ihr Glas leer und schob es Peter herüber, der ihr pflichtbewusst nachschenkte. »Es war nur ein schrecklicher Abend.«
»Der … befreundete Gentleman?« Peter hoffte zu hören, es sei ein Cousin oder ein Onkel gewesen.
»Nein, der war’s nicht.« Während Peter versuchte, dem Gefühl der Ernüchterung auf den Grund zu gehen, fügte sie hinzu: »Der war ein Ekel, aber eins von der Wald-und-Wiesen-Sorte. Wissen Sie, der Typ, der sich einbildet, nur weil er eine Frau auf ein paar Drinks einlädt, müsste sie ihn mit ins Bett nehmen. Ich hätte mich gar nicht mit ihm abgegeben – es war ein Blind Date –, aber meine Freundin Dominique meinte, er sei irgendein wichtiger Produzent bei CBS mit Kontakten nach Hollywood. Wie sich herausstellte, war er nur ein mieser Autor.« Sie rümpfte die Nase.
»Tut mir leid, das zu hören«, sagte Peter würdevoll. Er hätte gern gelacht.
»Na ja, ungefähr bei Drink Nummer drei fing er an, sich an mich heranzumachen – er war sehr geschmeidig, der alte Allen oder Alfred oder wie er hieß. Erst hat er gegähnt und sich gestreckt und einen Arm um meine Schultern gelegt, um mich zu betatschen. Und ehe ich michs versah, hat er sein Feuerzeug fallen lassen und unter dem Tisch danach getastet – und unter meinem Rock. Ich schwöre, er hat mit seiner Hand raufgegrapscht, als wäre da ein Zigarettenautomat.«
»Du lieber Gott«, sagte Peter. »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich eingeschritten!«
»Wirklich?« Das Mädchen warf ihm einen Seitenblick zu, ihre erste kokette Geste an diesem Abend, dachte Peter. »Was hätten Sie denn getan?«
»Da hinten sind jede Menge Beile.« Peter zeigte zur Küche. Sie lachte. »Wenn Ihnen eine weniger dramatische Lösung lieber gewesen wäre, hätte ich den Strolch auch einfach rauswerfen können.«
Das Mädchen lächelte. »Das glaube ich Ihnen. Sie sehen aus wie ein perfekter Gentleman.«
»Leider ja«, sagte Peter. »Dann haben Sie also wegen dieses Strolchs geweint, Albert oder Alfred? Das würde ich aber kaum als hart wie Stein bezeichnen.«
»Oh Gott, nein«, sagte sie. »Nicht seinetwegen. Ich habe getan, was ich mit solchen Ekeltypen immer tue: Ich habe gesagt, ich gehe zur Toilette, und dann bin ich so lange dageblieben, dass er irgendwann gegangen ist. Nur hatte ich offenbar einen Highball zu viel getrunken, denn ich bin eingeschlafen. Wissen Sie, Sie könnten da mal ein Sofa oder so etwas reinstellen.«
»Ich werde es mir überlegen.«
»Und als ich aufgewacht bin«, sagte sie, »waren alle weg, und es war dunkel. Sozusagen stockfinster. Ich wusste nicht, wo die Tür war, ich konnte die Hand nicht vor den Augen sehen. Ich hatte mein Feuerzeug fallen lassen und konnte es nicht finden, und da war ich einfach …« Ihr Achselzucken verwandelte sich in einen Schauder. »Uuuh, die Dunkelheit«, sagte sie. »Ich habe sie schon als Kind gehasst. Meine Mom hat mich mal in einem Knollenkeller eingesperrt und vergessen. Hinterher hat sie behauptet, es sei nur zu meinem eigenen Besten, ein schlimmes Unwetter sei im Anzug gewesen, und es habe gar nicht so lange gedauert, wie ich dachte. Aber ich weiß, dass sie mich nur vergessen hatte. Und ich saß stundenlang in völliger Dunkelheit. Stundenlang.« Sie rieb sich die Arme, die wie ihre Beine fast übernatürlich lang und weiß waren. »Im Dunkeln kriege ich immer noch Anfälle.«
»Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Peter.
»Wirklich?«
»Ja.«
Das Mädchen musterte ihn mit großen silberblauen Augen. »Ich glaube Ihnen.«
»Aber eins ist mir nicht klar«, sagte Peter. »Was ist ein Knollenkeller?«
»Was?«, fragte sie und lachte dann. »Ach so. Ja, ein Rübenkeller. Dort, wo ich herkomme, sagt man ›Knollen‹ zu jeder Art von Wurzelgemüse.«
»Und wo ist das? Wo ist das Land, in dem Mütter ihre kleinen Töchter in den Keller sperren?«
»In Minnesota«, sagte das Mädchen. »Land der tausend Seen.«
»Und der Knollenkeller«, sagte Peter und sprach das fremde Wort mit besonderer Betonung. Er glaube jetzt zu wissen, was sie meinte; die Köchin seiner Familie, Hilde, hatte ein ähnliches Lager auf dem Gut in Charlottenburg gehabt, wo Peter aufgewachsen war, einen feuchtkalten unterirdischen Raum, an dessen Wänden sich Hunderte Gläser Rotkohl stapelten, Spargel mit Dill sowie Gurken. Jahrzehntealte Einmachgläser waren in einer einzigen Bombennacht zerschmettert worden, aber sie waren der Grund, weshalb Peter für Masha’s immer noch selbst einkochte.
Das Mädchen hielt ihm das leere Cognacglas entgegen, und Peter schenkte ihnen beiden noch einmal ein. »Auf die Rettung vor der Dunkelheit«, sagte er, und sie stießen miteinander an.
»Woher kommen Sie?«, fragte sie. »Nicht aus der Bronx, schätze ich.«
»Ich komme aus alter Zeit und weiter Ferne«, sagte Peter. Das Mädchen sah ihn mit hochgezogener Braue an. Er seufzte. »Aus Europa«, sagte er.
»Aber nicht aus Frankreich. Sind Sie aus …«
»Aus Deutschland.«
Das Mädchen richtete sich ein wenig höher auf. »Vor oder nach dem Krieg?«
»Nach dem Krieg. Kurz danach.«
»Dachte ich mir. Ihr Akzent …«
»Und ich dachte, ich hätte ihn mir so gründlich abgewöhnt.«
»Oh, das haben Sie auch«, sagte sie. »Er ist kaum zu hören. Aber es hat auch etwas mit Ihrer Haltung zu tun. Sie ist ein bisschen förmlicher.«
»Wie ein Oberkellner?«, fragte Peter.
»Wie der Mann in diesem Film«, sagte sie. »Sie wissen schon …« Sie überlegte und schnippte dabei mit den Fingern. »Der Mann mit den ganzen Kindern und der Pfeife? Sie müssen doch wissen, was ich meine.«
Peter schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, ich habe mehr getrunken, als ich dachte«, sagte sie. »Egal. Sind Sie jemals … noch mal drüben gewesen? Vermissen Sie es?«
Nur eine Amerikanerin, dachte Peter, und zwar nur eine junge Amerikanerin konnte eine solche Frage stellen. Ob er Deutschland vermisste? Hatte es in ihrer amerikanischen Schule keinen Geschichtsunterricht gegeben?
»Ich bin nicht wieder zurückgekehrt«, sagte er vorsichtig und fragte dann: »Und Sie? Vermissen Sie das Leben in Ihrem Land der Seen?«
Zu seiner Verwunderung begann das Kinn des Mädchens zu zittern, und dann fing es an zu weinen. Sie streckte einen ihrer langen Arme auf die Theke, ließ den Kopf darauf sinken und schluchzte.
»Nein«, weinte sie. »Überhaupt nicht. Ü-ber-haupt nicht! Ich bin da weggegangen, sobald ich konnte, damit ich nicht wurde wie alle anderen Frauen dort. Die heiraten alle gleich nach der Highschool, wenn sie sie überhaupt zu Ende bringen, und in meinem Alter werden sie dick und haben Dauerwellen und sechs Kinder! Ich habe mich mein Leben lang bemüht, das zu vermeiden!«
Also all deine gut zwanzig Jahre, dachte Peter. Der Rücken des Mädchens zuckte. Sie war so schlank, dass er ihre Wirbel unter dem filigranen Silberbrokat ihres Kleides sehen konnte. Ihre Knabenfrisur endete im Nacken in einem kleinen elfenhaften Komma. Er streckte die Hand aus, um sie zu trösten, ließ es dann aber bleiben.
»Aber jetzt sind Sie hier«, sagte er ruhig. »In Sicherheit und weit weg in New York.«
Sie wandte ihm das Gesicht halb zu. Ihre Wangen und Augen waren geschwollen und tränennass. »Aber das ist es ja«, schluchzte sie. »Ich bin nicht in Sicherheit. Jetzt, wo Twiggy hier ist …« Wieder flossen die Tränen. »Deshalb musste ich mir die Haare so schneiden lassen.« Sie riss an einer Strähne. »Damit ich mit der British Invasion konkurrieren kann. Es genügt nicht mehr, hübsch zu sein oder immer früh bei den Aufnahmen zu erscheinen oder neunundneunzig Pfund mit Schuhen zu wiegen – man muss auch noch exotisch sein. Das ist der neue Look! Und das kann ich nicht! Das bin ich nicht! Ich kann nicht konkurrieren mit der furchterregenden Peggy Moffitt oder schönen Negerinnen wie Donyale Luna. Mir sind diese Woche drei Termine abgesagt worden. Bald wird man mich nach Hause schicken und einen Farmer heiraten lassen!« Sie hörte nicht auf zu weinen.
Peter wartete, und schließlich legte er ihr doch die flache Hand auf den Rücken. Er spürte ihre lebendige Wärme und auch die knöchernen Wirbel. Sie war so dünn. Zwei Dinge gingen ihm durch den Kopf. Zum einen war es Ärger darüber, dass eine Frau sich absichtlich dermaßen aushungern konnte, und sei es auch nur um der Karriere willen. Und gegen seinen Willen musste er an andere Frauen mit ebenso kurzen, allerdings weniger kunstvoll geschnittenen Haaren und genauso spitz vorstehenden Knochen denken. Eine, mit der Peter im Lager für Displaced Persons in Bremerhaven gewesen war, war an einem Schokoriegel gestorben, den ein wohlmeinender amerikanischer Soldat ihr zu früh gegeben hatte. Am liebsten hätte er dieses Mädchen geschüttelt, sie daran erinnert, was wirklich wichtig war, und sie mit Crème brûlée, Foie gras und Brie en croute gefüttert … Aber zugleich bewunderte er sie auch für die Zähigkeit, mit der sie in so jugendlichem Alter ihr Zuhause verlassen hatte und in eine derart harte Stadt gegangen war, in der sie niemanden kannte, um dort ihr Glück zu machen. Anders als Peter hatte sie es aus freien Stücken getan, nicht gezwungenermaßen. Es war lange her, dass Peter eine Frau berührt hatte, abgesehen von den Ellenbogenrempeleien in der Küche oder der schnellen Paarung mit einer Fremden, nicht bedeutsamer als ein Niesen und genauso unvermeidlich, aber zugleich war es eine Ewigkeit her, dass er einer Frau begegnet war, deren Ehrgeiz sich nicht darin erschöpfte, einen gut aussehenden und wohlhabenden Ehemann zu ergattern.
Eines Tages werde ich die erste weibliche Chefköchin in Berlin sein, in meinem eigenen Restaurant, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Oh Petel, glaubst du, das ist möglich?
Peter nahm die Hand vom Rücken des Mädchens. Seine Handfläche war ein wenig feucht.
»Jetzt hören Sie mal zu«, sagte er. »Ich habe diese Twiggy kennengelernt, und sie ist eine Eintagsfliege, glauben Sie mir. Sie wird höchstens ein paar Monate überstehen.«
Das Mädchen drehte das Gesicht zur Seite und klimperte mit den Lidern. »Ach, Sie meinen eine Eintagsfliege.«
»Ja, ganz recht. Sie passt zu einem Trend, während Sie – Ihr Aussehen ist zeitlos.«
»Sie sind so lieb«, sagte das Mädchen automatisch. Langsam richtete sie sich auf und wischte sich mit den Handballen die Augen. »Sie haben Twiggy wirklich kennengelernt? W-wo denn?« Sie bekam einen Schluckauf.
»Na, hier natürlich. Sie und ihre Freunde fallen wie ein Schwarm Heuschrecken im Masha’s ein, bestellen alles, was auf der Karte steht, und essen nichts davon. Eine kolossale Verschwendung von Lebensmitteln. Und das auch noch kurz vor Schluss.«
Das Mädchen lachte. »Natürlich wird sie nichts essen. Sie d-darf nicht«, gluckste sie. »Berufsr-risiko.«
»Sie ist ziemlich halbseiden«, sagte Peter entschieden. »Sie haben nichts von ihr zu befürchten.« Er hob die Hand. »Sprechen Sie mal einen Moment lang nicht. Sitzen Sie still.«
Er ließ hinter der Theke ein Glas Wasser volllaufen, schüttelte eine Serviette aus und deckte sie darüber wie ein Zauberer bei einem Trick. Er schob es zu ihr hinüber. »Trinken Sie es aus«, sagte er. »Ganz aus. Durch den Stoff.«
»W…«
»Bitte«, sagte er. Das Mädchen trank und beobachtete ihn dabei über das Glas hinweg. Ihr langer schöner Hals bewegte sich über dem Pelzkragen. Als sie fertig war, applaudierte Peter.
»Da, sehen Sie?«, sagte er.
»Nein …«, sagte sie und hob eine Hand an die Kehle »Oh doch! Er ist weg. Der Schluckauf. Woher wussten Sie, wie das geht?«
»Meine … jemand, den ich vor langer Zeit kannte, hat es mir beigebracht.«
»Na, wer immer es war, ich lasse herzlich danken«, sagte das Mädchen. »Ein guter Trick.« Sie sah auf die Uhr und rutschte vom Hocker herunter. »Schon so spät«, sagte sie. »Ich habe um acht einen Termin. Ich muss wirklich gehen.«
Sie war fast an der Tür, bevor Peter, verblüfft über ihren abrupten Abgang, sich wieder gefasst hatte und sie einholen konnte.
»Warten Sie«, sagte er. »Sie können nicht gehen.«
Sie schaute ihn misstrauisch an. Peter war fast eins achtzig groß, aber ihre Augen waren trotzdem ungefähr in gleicher Höhe. »Und warum nicht?«
»Ihre Jacke«, sagte er.
Sie lachte. »Oh. Stimmt.«
Peter holte ihre Jacke, die einzige, die noch an der Garderobe hing – einen Flickenteppich aus blondem Pelz, der aussah wie ein zusammengenähter Wurf Zwergspitze. Er stand hinter ihr, als sie die Arme hineinschob. Das Kleidungsstück war länger als ihr Minirock, und als sie es zugeknöpft hatte, sah es aus, als hätte sie nichts als die Jacke und ihre hohen Stiefel an. Die Illusion war betörend, und er konnte den Blick nicht abwenden. Das Mädchen stand an der Tür und wartete.
Peter suchte in seiner Tasche nach dem Taschentuch, aber das Mädchen hatte es auf dem Tresen liegen lassen. Er langte an ihr vorbei, um die Tür aufzuschließen. Sie roch nach Zigaretten und Chanel No. 5, und darunter lag noch etwas wie frische gesalzene Butter. Ihre sorgfältig abgezirkelten Koteletten endeten vor jedem Ohr in einer feinen Spitze.
»Ich glaube, ich kann Sie nicht gehen lassen«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Nicht allein«, machte Peter klar. »Ich möchte Sie nicht beunruhigen, aber die Nachrichten vorhin waren voller Warnungen. Plünderungen, möglicherweise auch Überfälle. Bei dem Stromausfall sind Sie allein nicht sicher da draußen.«
»Ich komme schon zurecht.«
»Ich bestehe darauf.«
Sie drehte sich vollends um, und Peter spürte ihren Atem auf seinem Gesicht, warm und nach Brandy duftend. »Sie versuchen doch wohl nicht, sich an ein Mädchen heranzumachen, oder?«
»Selbstverständlich nicht«, sagte Peter. »Vielleicht ein bisschen.«
Sie lächelte und zog die Nase kraus.
»Dann warte ich«, sagte sie.
Wohlerzogen stand sie da, während Peter die Kerzen auslöschte, seinen Mantel und den Schlüsselbund holte. Er würde morgen früh zurückkommen und das Durcheinander auf dem Tresen wegräumen. Er nahm ihren pelzumhüllten Arm, und zusammen traten sie hinaus auf den Gehweg. Überrascht erkannte Peter, dass er sie ohne künstliches Licht sehen konnte; zwar war jedes Geschäft, jedes Schaufenster an der Second Avenue so dunkel wie Masha’s, aber über der dunklen Stadt schwebte der Vollmond, ein dickes weißes Ding wie eine Requisite aus einem Broadway-Musical.
Peter zog das Eisengitter vor der Tür herunter und verschloss es. »Also, wie bekommen wir Sie nach Hause?«
»Ich nehme ein Taxi.«
»Ich glaube nicht«, sagte Peter. Je länger sie draußen standen, desto seltsamer wirkte die Nacht. Es waren keine Autos auf der Straße zu sehen, kein Taxi, kein Bus, kein Fahrrad, kein Bettler. Das einzig Lebendige war eine Gruppe Fußgänger, die eilig und mit Kerzen in den Händen wie eine Schar Pilger nach Norden wanderten. Die Novemberluft roch schwach nach kaltem U-Bahn-Ruß, und aus Harlem wehte ein leichter Brandgeruch heran.
»Ich begleite Sie«, bot Peter an.
Das Mädchen lachte. »Seien Sie nicht albern. Ich wohne ganz unten im Village.«
»Trotzdem.«
»Ausgeschlossen«, sagte sie. »Das kann ich nicht zulassen.«
»Dann bringe ich Sie zum St. Regis Hotel. Da werden Taxen stehen.«
»Also gut«, sagte sie. »Oder wie wär’s mit dem Plaza? Da kann ich eine Pferdekutsche nehmen.«
»Das soll ein Wort sein«, sagte Peter.
Wieder bot er ihr seinen Arm an, aber in dem Augenblick kam ein Taxi um die Ecke, ein Checker-Taxi, dunkel wie alles andere in der Stadt. Das Mädchen sprang trotzdem auf die Straße und ruderte mit den Armen. Die Bewegung ließ Rock und Jacke hochrutschen. Strumpfbänder kamen zum Vorschein, und ein Höschen blitzte auf, das lavendelfarben zu sein schien. Das Taxi stoppte mit quietschenden Reifen.
Peter hielt ihr die Tür auf. Sie schob sich hinein und schaute lächelnd zu ihm auf. »Nochmals danke für alles.«
»Wie heißen Sie?«, fragte er.
»June. June Bouquet.«
»Ach, hören Sie auf«, sagte der Taxifahrer aus den Tiefen des Vordersitzes.
»Was denn?«, fragte June Bouquet entrüstet. »Es stimmt! Dort, wo ich herkomme, spricht man es ›Bucket‹ aus.«
»Es passt zu Ihnen«, sagte Peter. »June Bouquet. Hübsch wie ein Frühlingsstrauß.«
Er klopfte auf das Dach des Taxis, und der Wagen fuhr davon. Peter blieb stehen und sah ihm nach, bis er um die Ecke bog und verschwand. Gleich mehrere Seltsamkeiten gingen ihm durch den Kopf: die Stille, die schwarzen Gebäude, die schweigend dastanden wie die Ruinen nach einem Luftangriff, das Fehlen von Straßenbeleuchtung, Farben, Menschen und Lärm, der riesige Vollmond. June selbst, ein Bouquet der Widersprüche. Charmant und zauberhaft, dreist und ängstlich, jung und ehrgeizig, ein Mannequin, das trinken konnte wie ein Matrose. Konnte das wirklich ihr Name sein? Hatte sie ihn angeflunkert? War es ein Künstlername? Egal. Das Seltsamste an diesem Abend war die Tatsache, dass er zum ersten Mal seit langer Zeit, viel länger, als er sich freiwillig erinnern wollte, bereute, dass er jemanden hatte gehen lassen.