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Zum Buch

Das Erste, was Leif an Oola auffällt, ist die Biegung ihrer zarten Schultern, angespannt, als wolle sie damit fliegen. Fasziniert nimmt er sie mit in die leerstehenden Villen seiner wohlhabenden Freunde, wo sie ausgelassen die Hausbars leertrinken und sich an den exklusiven Kleiderschränken bedienen. Bis der Sommer kommt und es sie in eine einsame Hütte im kalifornischen Big Sur verschlägt. Die Isolation wird zur Probe. Die Liebe wird zur Obsession. Leif studiert jede Bewegung von Oola, jede Eigenart und jedes Muttermal. Als Oola krank wird und plötzlich verschwindet, beginnt auch Leif sich zu verändern …

Zur Autorin

BRITTANY NEWELL studierte an der Universität von Stanford. Sie ist Künstlerin und Autorin. »Ein Sommer in Big Sur« ist ihr erster Roman.

Brittany Newell

Ein Sommer in Big Sur

Roman

Aus dem Englischen
von Frauke Fentloh

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Oola« bei The Borough Press, London.

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Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2020,

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Brittany Newell

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Arcangel/Nikki Smith

Redaktion: Marcus Jensen

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

SL · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-22753-1
V001

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Inhalt

X

Strandhaus

London

Arizona

On the Road

Big Sur

Freibad

FKK-Strand

Schlechte Tage

Tagesausflug

Super 8

Die Klinik

Heimwärts

Dank

Über die Autorin

Für meine Ratten und meinen Wurm:
auf ewig meine Liebe

X

Oola trug einen Poncho, durch den ihre Brustwarzen schimmerten.

So sehe ich sie vor mir.

Sommer. Sie war gebräunt und glattgeschmirgelt vom Strand, es war unsere zweite Woche in Florida. Sie saß mit gekreuzten Füßen auf dem hölzernen Küchentisch und aß eine Avocado. Sie aß mit bloßen Händen. Ihre Fingerknöchel fuhren durch die Innenseite der Schale, um das weiche Fleisch herauszudrücken. Sie leckte es von ihren Fingern, die mit öligem, prallem Grün befleckt waren. Theo, die Katze, saß neben ihr, den Schwanz zu einem Fragezeichen gebogen.

Es war drei Uhr nachmittags an einem Tag spät im Mai, und ich war müde auf diese träge und unsinnige Art, in der dein Körper immer eine entfernt erotische Position einnimmt, ganz gleich, was du tust, und entgegen deiner eigentlichen Bedürfnisse.

Die feuchte Luft wog schwer wie eine Hand, die pausenlos mein Haar nach hinten strich. Ich rutschte im Türrahmen hinab, eine Tüte Lebensmittel auf der Hüfte balancierend. Sie bemerkte mich nicht. So war es oft, sie war die Show und ich das Publikum. Doch an diesem Tag wurde mir mit einem Schlag klar, dass sie genau die gleichen Dinge auch tun würde, wenn ich gar nicht hier wäre.

Die Vorstellung kitzelte mich. Sie erinnerte mich an eine alte Highschool-Fantasie: mich im Umkleideraum zu verstecken und das Objekt meiner Schwärmerei dabei zu beobachten, wie es sich auszog und über ältere Jungs redete. Doch mein Vergnügen wurde von einer unbekannten Panik getrübt: Wie viele solcher Augenblicke hatte ich verpasst?

Behutsam stellte ich die Einkäufe ab.

Die Tatsache, dass sie auch ein Leben führte, in dem ich nicht vorkam, hatte mich nie zuvor gestört. Ich hatte Eltern, wie wir alle, aber ich hatte sie nie als Menschen betrachtet, die einmal Kinder gewesen waren oder Liebhaber gehabt oder Musik gemocht oder Röcke getragen hatten, deren Leben zu einem verschwommenen Großteil ohne mich stattgefunden hatte. Wenn ich überhaupt einen Gedanken an sie verschwendet hatte, dann bloß, um sie als Zeugen in meinen Erinnerungen zu platzieren – die beiden Salzsäulen meiner Jugend, die mir dabei zugeschaut hatten, wie ich real wurde.

Während Oola das grüne Fleisch von den Schwimmhäuten ihrer Finger lutschte, verschob sich etwas in mir. Sie stülpte die Avocadoschale um, begann sie mit den Vorderzähnen abzuschaben. Sie sah nicht schöner aus als sonst; es wäre falsch, mich für einen Schmetterlingsjäger zu halten. Eher noch war ich in diesem Moment ein Mathematiker. Ich begriff, wie wenig von ihr ich bisher für mich beansprucht hatte. Der Gedanke machte mich kribbelig. Ich stupste die Einkaufstasche mit dem Fuß an. Ich wollte sämtliche Facetten ihres Unbeobachtetseins sehen, ihrer Gleichgültigkeit und Schluderei. Ich wollte sie ganz allein sehen, dem Irrsinn nachgebend, der einen schon in kurzen Momenten der Einsamkeit ergreift. Bis heute erscheint mir die Erinnerung daran, wie sie sich vorbeugt, um die Avocadoschale auf Theos Kopf zu legen, die dunklen Schatten ihrer Brustwarzen seltsam glasiert vom wasserdichten Plastik des Neunundneunzig-Cent-Ponchos, viel erotischer als die Vorstellung ihrer Nacktheit, ihrer sommersprossigen Brüste, die über mir schweben.

Theo miaute wütend. Sie entdeckte mich im Türrahmen und fing erst dann an zu lachen. »Ich hab ihm einen Hut gebastelt«, sagte sie.

Sie stand auf und begann, die Einkäufe auszupacken. Nun war sie die Oola, die ich kannte. Fast unmerklich hatte sich etwas an ihr verändert, sie schien mir wieder vertraut. Sie sah genauso aus wie vor zehn Minuten. Wo war das andere Mädchen hin, das Zwillingstier?

»Soll ich Kaffee machen?«, rief sie über die Schulter.

In einer betrunkenen Nacht am Anfang unserer Reise hatte Oola mir von einer Freundin erzählt, die immer genau sagen konnte, wann sie ihren Eisprung hatte; sie behauptete, sie würde es spüren, wie das Ei mit einem winzigen Plopp den Eierstock verlasse. Damals verschluckten wir uns vor Lachen am Wein. Doch wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich genau so, wenn ich von einer Idee heimgesucht werde. Ich spüre, wie die Besessenheit in mir Form annimmt. Ich spüre das Klicken.

Nun starrte ich Oola an und fühlte es, das Einrasten. »Ja, stark«, murmelte ich. Ich hatte einen Baum im sprichwörtlichen Wald umstürzen sehen und mühte mich, einen Begriff für das Geräusch zu finden. Vielleicht war es ein dunkles Seufzen, wie wenn man sich im Schlaf umdreht. Ein dumpfes Oh! oder Ach, schön.

Warum ist es so einfach, sein Behagen für sich allein in halbwachem Gebrabbel auszudrücken, aber so schwer und seltsam jemand anderem gegenüber?

Wir setzten uns hin und tranken unseren Kaffee. Ich erinnere mich nicht, was wir den Rest des Tages taten. Wir hüteten das Haus von Mr. Orbitson und seiner jungen Braut (der Ex-Nanny), eine kaum genutzte Strandvilla in Florida, die wir mit unseren fremden Gerüchen und schlechten Angewohnheiten markierten. Nach zwei Wochen würden die Handtücher nie mehr die gleichen sein. Theo war ein Streuner, der an Oola Gefallen gefunden hatte; nach einer sehr kurzen Balz schlief er in unserem Bett.

Ich erinnere mich bloß, dass ich ihr später, als wir uns fürs Bett umzogen und die vor Kuchenkrümeln und Katzenhaaren gesprenkelte Tagesdecke zurückschlugen, erzählte, ich hätte eine Idee für ein neues Projekt.

»Eine Fernsehsendung?«, fragte sie. »Das wäre gut, bringt ein bisschen Geld rein. Aber wenn’s Gedichte sind, erschieß ich mich.«

Sie betrachtete mich. »Geht es um Vampire?«

Ich quetschte ihr ein Kissen ins Gesicht. »Ich frag doch bloß«, rief sie und schlängelte sich frei. »Sag schon.«

»Ich bin mir noch nicht sicher. Jedenfalls bist du die Hauptfigur. Oder sie basiert auf dir. Egal. Mal sehen.«

Sie warf ihr Haar zurück. »Ich? Fuck, dann würde ich es natürlich lesen. Garantierte Fünf-Sterne-Bewertung von mir. Ich hab übrigens gestern Abend das Licht ausgemacht. Also los, Dickerchen.«

Das war alles. Vielleicht glaubte sie mir nicht. Ich stand auf und knipste das Licht aus.

»Ach, schön«, seufzte sie. In der Dunkelheit nahm ich sie als bloßen Klumpen wahr. Ich stolperte durch den Raum und hockte mich auf ihrer Seite vors Bett. Ich versuchte, ihr Haar auszumachen. Weißblond – man sollte meinen, dass es im Dunkeln leuchtet. Doch es ebnete sich in das Kissen ein, wurde zur Bettdecke. Alles, was Oola war, verbarg sich in der Nacht, lüftete seine Bestandteile und trieb in einer namenlosen Suppe. Ich brauchte einen Hexenkessel. Ich brauchte ein Fangnetz.

Ich biss sanft in die Spitze ihres Fingers.

»Hau ab«, flüsterte sie.

Ich legte mich neben sie und schlief fest ein.

Strandhaus

Wir erfanden ein Spiel, während wir im Strandhaus der Orbitsons wohnten. Das war nach Europa, aber vor Big Sur und vor unserem Pakt, als uns noch Zeit für unbedeutende Spiele blieb. Wir spielten abends und trugen dazu Kleider, die wir aus den Schränken der Orbitsons gepflückt hatten.

Wir betraten das Wohnzimmer. Ich durchsuchte die gut sortierte Hausbar und schenkte uns Drinks ein. Dann setzten wir uns aufs Sofa, jeweils in eine Ecke gedrückt, so dass zwischen uns ein Platz frei blieb. Normalerweise sprang Theo hinein, um in der Lücke ein Nickerchen zu machen. Wir hielten ungelenk unsere Drinks und ähnelten Kindern mit angeklebten Ansteckblumen, unsere eigene Tiefgründigkeit abschätzend, Mutmaßungen über die Liebe anstellend. Die Fenster waren geöffnet, Meergeruch flutete den Raum. Er fraß an den Gardinen und verzog die hellen Holzrahmen, tat all das, was wir als Housesitter verhindern sollten, doch als mit uns selbst beschäftigte Liebende verzeihlich und rührend fanden. Wir hatten eine Schwäche für Atmosphäre, weswegen wir uns in Abendgarderobe kleideten und den ikonisch scharfen Geruch von verbranntem Holz und Salz hineinströmen ließen, der, einmal von den Vorhängen aufgesogen, nicht nur die Ehe der Orbitsons überdauern sollte, sondern auch unsere Zeit der Sorglosigkeit. Oola und ich lebten in einem von der Außenwelt abgetrennten Exhibitionismus, der darin bestand, uns gegenseitig unser Innerstes zu enthüllen.

Ich trug gerne Mr. Orbitsons Handschuhe aus Zickleinleder (zum Teil deswegen, weil mir die Kombination dieser Worte so anrüchig erschien) und einen seiner grauen Kaschmirpullover. Manchmal zog ich einen weinroten Smoking an und einmal (und nur einmal) einen Kummerbund ohne Hemd. Ich genoss es, die glatten Handschuhe über die Knöpfe der Stereoanlage gleiten zu lassen, wenn ich aufstand, um traurige Musik aufzulegen: Lieder mit den Worten verloren oder Herz oder gebrochen im Titel. Es war die Sorte Musik, die ich gerne hörte, wenn ich von einer Party nach Hause kam, betrunken und geil und allein. Inzwischen hatten Oola und ich unsere Musiksammlungen fusioniert; sie gewöhnte mir behutsam den Hardcore ab (von dem Zeug tun mir die Nippel weh, sagte sie) und machte mich mit Massenet bekannt. Wie ein Bankräuber, der einen Safe knackt, fummelte ich so lange an der hochmodernen Stereoanlage der Orbitsons herum, bis das gewünschte Dröhnen oder Heulen den Raum einbalsamierte. Dann kehrte ich an Oolas Seite zurück, kreuzte die Füße. Es mochte Otis Redding sein, Maria Callas, ANOHNI, Kate Bush, ein weinerlicher Teenager mit einer kaputten Gitarre, eine alte Jungfer, die sich Chopin hingab. Ziemlich oft war es Enya. Wer immer auch sang, wir saßen stocksteif und nippten an unseren Drinks.

Irgendwann zog Oola sich eine Nylonstrumpfhose über den Kopf. Wir hatten sie auf der Duschstange im Gästezimmer gefunden, wo sie Gott weiß wie lang zum Trocknen gehangen hatte, die Form fremder Füße (die der ersten Mrs. Orbitson? Einer alten Freundin? Der Haushälterin?) hatte sie behalten.

Oola trug Mrs. Orbitsons Parfum und ein dem Wetter unangemessenes Kleid, ein langärmliges Samtteil, dessen Rock über den Boden raschelte mit fellbesetztem Saum, neckisch wie ein Burschenschaftler. Der Einfachheit halber trug sie ihr Haar zurückgekämmt, frisch gewaschen und in einem tiefen Zopf. So konnte sie die Strumpfhose leicht über den Kopf ziehen, den Zopf einschließen und sie in einem bedeutungsschweren Ritual bis hinunter zum Kragen rollen. War der Strumpf einmal in Position gebracht, drehte sie sich zu mir, und es ließ mich jedes Mal erschauern, das verformte Ex-Gesicht hinüberschwenken zu sehen, das mein Gesicht suchte wie ein blindes Tier die Wärme.

Ihre Züge verschwammen unter dem gedehnten Stoff, als seien sie von einem Linkshänder gezeichnet worden, der stets den letzten Strich mit der Hand verwischt. Ihre Wimpern waren gekräuselt, die Nase zerdrückt, der Mund aufgebrochen, die Wangen nach hinten gebotoxt. So gut es ging, trafen sich unsere Blicke. Nina Simone säuselte leise weiter, gab Versprechen, während ich ein Gesicht studierte, das weniger zerstört als ausgelöscht schien. Wir begannen uns damit abzuwechseln, wer die Strumpfhose trug, und tauschten sie nach jedem Song. Wenn ich die Nylons überzog, fühlte ich mich, als würde ich tauchen. Das Wohnzimmer wirkte durch meinen beigefarbenen Schleier gespenstisch und Oola wie der silbrige Streif auf einer Fotografie mit dem Vermerk paranormal. Es gefiel mir, angesehen zu werden, ohne sehen zu können. Der Boden versank unter meinen Füßen; Marianne Faithfull raunte. Die Atmosphäre war violinenverhangen. Meine Sitzknochen wurden taub, weil ich versuchte, mich nicht zu bewegen, um Oolas Mund (einen pinkfarbenen Poststempel) mit meinem Blick zu fixieren. Wie sie dort saß, hätte sie jede sein können, meine Großmutter oder meine erste große Liebe, eine feine, feminine Schliere.

Wir spielten dieses Spiel bis tief in die Nacht. Das Eis in unseren Getränken schmolz, und unsere Augen begannen zu schmerzen. Der Meergeruch mischte sich mit der Süße ferner Frühstücke. Wir hörten erst auf, wenn die ersten Strahlen des Tages drohten, durch das Strumpfgewebe zu dringen und das Gesicht preiszugeben, seine Knochen erkennbar zu machen und ihm ein Geschlecht, eine Geschichte zurückzugeben. Wer immer die Strumpfhose in diesem Moment trug, zerrte sie herunter und knüllte sie peinlich berührt zusammen, um sie in die Ritze zwischen den Sofapolstern zu stopfen. Dort blieb sie bis zu dem Abend, an dem wir unser Spiel erneut spielen würden. Tagsüber setzte sich Theo darauf und hielt sie warm. Mehr als einmal verschluckte ich mich an seinen Haaren.