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Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel
»Radically happy – A User’s Guide to the Mind«
bei Shambhala Publications, Inc., Boulder
Deutsche Erstausgabe
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
Kailash Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Neumarkter Str. 28, 81673 München,
by arrangement with Shambhala Publications, Inc., Boulder
© 2018 by Phakchok Rinpoche and Erric Solomon. All rights reserved.
Übersetzung: Alexandra Mattstedt
Lektorat: Annette Gillich-Beltz
Umschlaggestaltung: ki 36, Daniela Hofner Editorial Design, München
Illustrationen: Julian Pang
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-22860-6
V001
www.kailash-verlag.de
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Mögen die Wünsche unseres kostbaren Lehrers für das Wohl der Wesen bald wahr werden.
Mögen alle frei sein von Leiden und über alle Ursachen für radikales Glück verfügen.
Dieses Buch ist der Zufriedenheit und dem Wohlergehen aller gewidmet, wer und wo auch immer es sei.

INHALT
Vorwort von Daniel Goleman und Tara Bennet-Goleman

RADIKAL GLÜCKLICH SEIN – EINE EINFÜHRUNG

TEIL EINS
GRUNDLEGENDES GLÜCK – DER GEIST
Tagesplan für grundlegendes Glück

TEIL ZWEI
DAS GLÜCK WECHSELSEITIGER VERBUNDENHEIT – DAS HERZ
Tagesplan für das Glück der Verbundenheit

TEIL DREI
RADIKALES GLÜCK – DIE WÜRDE
Tagesplan für radikales Glück

Nachwort
Dank
Liste der Übungen
Anmerkungen
Über die Autoren
Über den Designer

Vorwort
Wenn wir den Blick nach innen richten und mit etwas Distanz in uns hineinschauen, werden wir merken, dass unser Geist manchmal einem wilden Affen ähnelt. Lässt man ihn nach Lust und Laune agieren, kann er von einem Moment zum nächsten in alle Richtungen springen – hin und her, mal hierhin, mal dorthin.
Wie können wir ihn besser in den Griff bekommen?
Anleitungen zum Umgang mit dem Geist gibt es schon seit Jahrtausenden, besonders in asiatischen Kulturen: Meditationsanweisungen, knapp gehaltene, teilweise fragmentarische Ratschläge für Mönche, Nonnen und Yogis, die ihr ganzes Leben diesen Praktiken gewidmet haben. Sie waren in der Regel geheim und wurden nur innerhalb dieses kleinen Kreises der Praktizierenden, die zum harten Kern gehörten, weitergegeben.
Spulen wir nun vor und werfen einen Blick auf das 21. Jahrhundert: Gehirnscans von »Meditationsprofis« zeigen, dass sich ihr Geist durch das innere Training stark zum Positiven hin verändert hat – Meditation wirkt erwiesenermaßen wie ein geistiges Work-out. Und durch Neuroplastizität lässt sich erklären, inwiefern das Arbeiten an bestimmten mentalen Schaltkreisen – ein wesentlicher Aspekt der Meditationspraxis – solche neuronalen Verbindungen stärkt. Die Datenlage deutet auf eine Beziehung zwischen Dosis und Wirkung hin: Je mehr Zeit man investiert, umso größer sind die positiven Auswirkungen. Und diese Wirkungen stellen sich von Anfang an ein.
Noch nie war der Bedarf an diesen alten Methoden so groß wie heute. Seit sie zum ersten Mal praktiziert wurden, hat sich alles verändert. Das Tempo des sozialen, technologischen und kulturellen Wandels scheint sich stündlich zu steigern; es ist ein reißender Strom, eine ständige Aufforderung, sich an Neues anzupassen. Schwindelerregend!
Darum ist es nicht verwunderlich, dass inzwischen Millionen Menschen durch Meditation etwas inneren Frieden finden wollen. Dieses Geistestraining kommt in unzähligen Formen daher, manche davon sehr wirksam, andere weniger. Doch unabhängig davon, ob wir meditieren oder nicht, brauchen wir alle eine einfache, pragmatische »Bedienungsanleitung« für den Geist.
Hier hast du sie gefunden.
Kommen wir zu den Autoren dieses Buches: Wir kennen beide seit vielen Jahren und können bezeugen, dass sie über profundes Wissen verfügen und als sehr empathische Menschen unsere Nöte wirklich nachempfinden können.
Phakchok Rinpoche entstammt einer Linie von Meditationsmeistern, die weit zurückreicht. Sein Großvater Tulku Urgyen war einer der größten Meditationsmeister, die das alte Tibet in den 1950er-Jahren hervorgebracht hat. Und Tulku Urgyens Urgroßvater Choggyur Lingpa war im 19. Jahrhundert in ganz Tibet legendär als Entdecker großer Weisheitslehren. Phakchok Rinpoche selbst ist die anerkannte Reinkarnation eines weiteren großen tibetischen Meisters.

Und doch führt Phakchok Rinpoche, wie du in Radikal glücklich sehen wirst, ein ähnliches Leben wie wir alle und kann daher auf seine eigenen Zweifel, seine Wut und andere Gefühle zurückgreifen, um zu veranschaulichen, wie wir alle auf den steinigen Wegen unserer Lebensrealitäten festeren Halt finden können. Seine bodenständigen Geschichten über den Umgang mit den alltäglichen Dingen des Lebens mischen sich mit seinen bemerkenswert klaren, verständlichen Anleitungen – Herzensratschläge für das sichere Überqueren der heiklen Untiefen unseres Geistes.
Erric Solomon bringt einen ganz anderen Erfahrungsschatz mit ein. Schon in jungen Jahren beherrschte er die Kunst, Softwareprogramme zu schreiben, und verbrachte Jahre als Führungskraft in der hektischen Welt des Silicon Valley, ständig unter Strom. Parallel dazu befasste er sich mit tibetischer Meditation und ist heute sehr geübt darin. Er vereint die nüchterne Stimme eines »Techies« mit der Klarheit eines gestandenen Praktizierenden und präsentiert Methoden der Geistesschulung so, dass sie mit unserer vernetzten Welt in Resonanz stehen.
Phakchok Rinpoche und Erric Solomon haben beide die Gabe, ihre Aussagen und Argumente mit bereichernden, humorvollen Beispielen aus ihrem Leben zu veranschaulichen. Das Ergebnis ist ein »anwenderfreundliches« Handbuch, das uns hilft zu verstehen, wie wir mit unserem Geist arbeiten können.
Daniel Goleman und Tara Bennett-Goleman
Radikal Glücklich sein – Eine Einführung
Kapitel 1


Dieses Buch handelt vom Glücklichsein.
Okay, wahrscheinlich sollten wir am besten gar nicht erst fortfahren, wir hören nämlich schon, was du denkst: Wer braucht schon ein weiteres Buch über Glück? Und obendrein noch eins von zwei Buddhisten? Wenn das Ziel des Buddhismus doch vollkommene Erleuchtung ist, wozu dann ein Buch über so eine triviale, flüchtige Stimmung wie das Glücklichsein?
Nun ja, wir glauben, ein bisschen mehr davon täte uns allen gut. Und dieses Buch unterscheidet sich von anderen Glücksbüchern, denn es bietet etwas anderes: einen echten Weg zum Glücklichsein. Wir untersuchen Glück nicht einfach nur für sich genommen, als ein Ding namens Glück, das ganz allein dasteht wie eine Bronzestatue auf dem Marktplatz. Nein, wir widmen uns den verschiedenen Arten und Dimensionen des Glücks. Es ist nämlich etwas sehr Schönes mit vielen schillernden Facetten.
Ja, wir sind Buddhisten, und im Buddhismus ist tatsächlich meistens von der Erleuchtung die Rede. Doch ohne ein solides Fundament aus Zufriedenheit, grundlegender geistiger Gesundheit und einem annehmbaren Selbstbild können wir uns nicht gut entfalten – weder als spirituell Praktizierende noch als Praktizierende im Alltag. Sicherlich will nicht jeder Buddhist werden, aber wünschen wir uns nicht alle, uns entfalten zu können und das zu genießen, was das Leben uns zu bieten hat? Wir alle wollen imstande sein, mit den Dingen zurechtzukommen, ohne gleich »auszurasten«, wenn etwas mal nicht klappt. Und dieser letzte Punkt ist das Kernstück dessen, was radikales Glück ausmacht: Es ist ein unterschwellig vorhandenes Wohlbefinden, das stets verfügbar ist, besonders dann, wenn es gerade nicht ganz so toll läuft (aber auch in wirklich miesen Situationen).
Wie können wir diese Art des Glücklichseins erfahren? Indem wir unsere Art zu leben geringfügig, aber dennoch radikal ändern. Die Wurzel des Glücks liegt nicht in bestimmten Lebensumständen, sondern darin, wie wir zu unseren Erfahrungen stehen und wie wir mit ihnen umgehen. Dazu gehören auch die chaotischen, verwirrenden Situationen, in denen wir uns vielleicht zeitweise wiederfinden. Zu lernen, wie du deine Beziehung zur Welt und zu all den verrückten Dingen, die dir durch den Kopf gehen, von einem Moment zum anderen ändern kannst – darum geht es in diesem Buch. Außerdem sollst du zwischendurch auch mal richtig lachen.
Wir bieten dir hier eine Gebrauchsanweisung für den Geist. (Der Geist ist das wichtigste Instrument, das du in deinem Leben hast, und niemand hat dir gesagt, wie man damit umgeht!) Wir werden dich durch Gedankenexperimente, Kontemplationsübungen und Meditationspraktiken hindurchführen und dabei unterstützen, das Beste aus deinem Geist herauszuholen. Dieses Buch zeichnet sich zudem durch einen besonderen Blickwinkel aus: Es ist aus der geistigen Begegnung zwischen einem Silicon-Valley-Unternehmer und einem Guru des Tibetischen Buddhismus hervorgegangen. East meets West, alte Weisheit trifft auf moderne Wissenschaft – und das Ergebnis ist eine wirklich originelle Sichtweise, wie du das Potenzial des Lebens voll ausschöpfen kannst.
Radikal glücklich zu sein ist nichts Theoretisches. Es ist etwas, das wir an uns selbst, an unseren Freunden und an den Tausenden Menschen getestet haben, die unsere Workshops, Retreats und Seminare besucht haben. Wie alle guten App-Entwickler haben wir viele Beta-Tests durchgeführt, einige große Fehler gemacht und dann daran gearbeitet, die Bugs zu eliminieren. Und nach und nach ist es uns gelungen, für jeden nachvollziehbar darzustellen, wie wir unseren Geist in den Griff bekommen können – und zwar so, dass es Spaß macht.
Seltsamerweise haben uns unsere Erkundungen und Versuche gelehrt, dass Glücklichsein mit Unglücklichsein beginnt. Also wollen wir damit anfangen: Wir erzählen dir zwei unserer Unglücksgeschichten und beschreiben, wie unsere Kämpfe gegen Wut und Niedergeschlagenheit uns zu einigen wichtigen Veränderungen in unserem Leben geführt haben.

Die Weisheit des Löwen entdecken
• • • • Phakchok Rinpoche • • • •
Als kleines Kind wurde ich nach tibetischer Tradition als Inkarnation eines verehrten mächtigen Meditationslehrers ausgewählt. So kam es, dass meine Lehrer viel von mir erwarteten, als ich im Kloster zur Schule ging. Sie setzten mich sehr unter Druck, damit ich dem Vorbild des großen Meisters der Vergangenheit gerecht wurde. Doch ich war der Situation nicht gewachsen, sondern lehnte mich – wie viele Teenager – gegen die Erwartungen und den Druck auf. Ich wurde einfach nur immer wütender auf alles und jeden. Die anderen Mönche nannten mich hinter meinem Rücken »Wutbolzen«, und wenn ich schlecht gelaunt war, hielten sich alle nach Möglichkeit fern von mir. Es war gar nicht lustig.
Ich dachte: »Bloß weil ihr mich für die Inkarnation irgendeines Meditationslehrers haltet, muss mir das noch lange nicht einleuchten. Ich weiß noch nicht mal, ob ich überhaupt alles glaube, was der Buddha sagt.«
Obwohl ich jede Menge Philosophie lernte und das auch als befriedigende Herausforderung für meinen Verstand empfand (ein bisschen wie schwierige Rätsel), war es mir offensichtlich nicht möglich, die Bedeutung der großen Werke, die ich studierte, unmittelbar zu erfahren. Das machte mich nur noch wütender. So gelangte ich zu der Ansicht, ich sei in Wirklichkeit noch nicht einmal ein besonders guter Buddhist, geschweige denn der ehrwürdige alte Meditationslehrer, der ich nach den Worten aller anderen angeblich war. Das Einzige, was mir die Philosophie brachte, war, dass ich immer besser im Debattieren wurde und meine Klostergenossen leicht darin besiegen konnte. Das war für mich eine großartige Gelegenheit, meine Aggressionen zu kanalisieren. Andere in einer Debatte zu besiegen dürfte zumindest besser gewesen sein, als sie k. o. zu schlagen – mit siebzehn ein ständig wiederkehrendes Thema meiner Fantasien.
Schließlich konnte ich das alles nicht mehr in mich hineinfressen, also ging ich zu meinem Haupt-Meditationslehrer, einem großen Meister namens Nyoshul Khen Rinpoche, und erklärte ihm, was ich empfand. Seine Antwort bestand darin, dass er mich eine Meditationspraxis über Liebende Güte lehrte. Er erklärte mir, ich solle mir jeden Tag ganz stark wünschen, alle Menschen könnten glücklich sein. Ich sollte mir vorstellen, dass wirklich alle Menschen immer glücklicher würden. Nicht nur einer oder zwei, sondern jeder Einzelne.
Das praktizierte ich täglich. Zuerst schien es in Ordnung zu sein. Meine Wut verringerte sich. Doch dann fragte ich mich eines Tages: »Warum soll ich mir eigentlich wünschen, dass alle Menschen glücklich sind, wenn sie sich umgekehrt nicht um mich scheren? Warum sollten sie mich überhaupt interessieren, was habe ich davon?«
Diese Denkweise machte mich sogar noch wütender, und ich merkte, dass sich mit wachsendem Zorn jegliche Gefühle der Zufriedenheit und Freude ganz und gar verflüchtigten. Mir ging es immer schlechter. Dann warf ich einen genaueren Blick auf mich und meine Situation und verglich mich mit meinem Lehrer. Meine Eltern und die Generation meines Lehrers waren Flüchtlinge, die aus Tibet geflohen waren und sich im indischen und nepalesischen Exil niedergelassen hatten. Sie hatten unglaubliche Not durchgestanden, als sie ihre Heimat verließen und sich an ein neues Land anpassen mussten. Besonders mein Lehrer hatte alles zurücklassen müssen und den größten Teil seines Lebens in extremer Armut verbracht, er führte ein sehr einfaches Leben und hatte große gesundheitliche Probleme. Ich dagegen lebte an einem schönen Ort, hatte reichlich zu essen und genoss viele Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation. Dennoch strahlte er immer so viel Frieden und Freude aus, dass ich mich einfach gern im selben Raum aufhielt wie er. Ich dachte, es könne sich lohnen, noch einmal mit ihm zu sprechen, denn nicht nur andere wollten nichts mit mir zu tun haben – auch ich konnte mich kaum ertragen.
Ich ging zu ihm und fragte, was ich gegen meine offenbar unendliche Fähigkeit, wütend und aggressiv zu sein, tun sollte.
Seine Antwort lautete: »Benimm dich nicht mehr wie ein Hund. Sei wie ein Löwe!«
»Was soll das heißen?«, fragte ich. »Soll ich etwa brüllen? Wie kann das mein Leben besser machen und dafür sorgen, dass ich geistig ruhiger werde?«
»Wenn man einen Stein nach einem Hund wirft, was tut der dann?«, fragte er.
»Er jagt dem Stein hinterher«, erwiderte ich.
Mein Lehrer erklärte mir, dass ich genau das tat: mich wie ein Hund verhalten und jedem Gedanken hinterherjagen, der mir in den Sinn kam. Ich dachte eine Weile darüber nach. Es stimmte tatsächlich: Wenn mir ein Gedanke kam, wie zum Beispiel »Der geht mir auf den Keks«, dann folgte ich ihm. Ohne es überhaupt zu merken, verharrte ich bei diesem Gedanken, drehte und wendete ihn immer wieder hin und her, rechtfertigte ihn, fand alle möglichen Begründungen für meinen Zorn und wurde dadurch selbst zu dem Gedanken. Der Rinpoche zeigte mir, dass ich meinen zornigen Gedanken ebenso hinterherlief wie ein Hund dem Stein.
»Wenn du dagegen einen Stein nach einem Löwen wirfst«, fuhr er fort, »beachtet der Löwe den Stein gar nicht. Stattdessen dreht er sich sofort um und sieht nach, wer den Stein geworfen hat. Und jetzt überleg mal: Wenn jemand einen Stein nach einem Löwen wirft, was passiert, wenn der Löwe sich umdreht und ihn sieht?«
»Entweder läuft der Steinewerfer weg, oder er wird gefressen«, sagte ich.
»Ganz genau«, sagte mein Lehrer. »So oder so: keine Steine mehr!«
• • • • • • • • • • •
Diese Lektion bildet den Kern dieses Buches. Es geht darum zu lernen, nicht mehr jedem Gedanken, der dir in den Sinn kommt, nachzujagen. Mithilfe der Übungen auf den kommenden Seiten kannst du dich damit vertraut machen, einfach nur präsent zu sein, unbeeinträchtigt von jeglichen aufkommenden Gedanken und Gefühlen. Wenn du außerdem von ganzem Herzen auf das Wohlergehen anderer bedacht bist, bist du geistig zufriedener, und es ist leichter, vollständig präsent zu sein. Eins unterstützt das andere.

Ein verzweifelter Geschäftsmann
• • • • Erric Solomon • • • •
Ich stand im Swimmingpool vor meinem schönen Haus, die Aussicht war fantastisch. Man hat von dort aus einen Blick auf die Skyline von San Francisco und zwei Brücken, die das makellose Blau der Bucht überqueren, die eine im Norden, die andere im Süden am Rand des Silicon Valley. Falken schwebten anmutig am wolkenlosen Himmel auf der Suche nach Nagetieren. Meine Frau Eva sah vom Rand des Pools aus zu mir herüber, der Blick voller Sorge.
Ich schwamm nicht, bewegte mich überhaupt nicht. Ich stand einfach da, völlig versunken in meine Gedanken, unempfänglich für meine Umgebung. Dann kam ich kurz wieder zu mir und erkannte, wo ich war. »Ich fühle nichts und kann mich über nichts freuen«, sagte ich zu Eva. »Nicht über diesen schön warmen, solarbeheizten Pool, nicht über die herrliche Aussicht und auch nicht …« Ich verstummte, da ich irgendwie noch genügend Geistesgegenwart aufbrachte, nicht zu sagen, »… über meine schöne Frau«. »Über irgendetwas anderes«, fuhr ich stattdessen fort. »Ich bin wie betäubt.«
Ich war Vizepräsident für Softwareentwicklung bei einem bis dahin erfolgreichen Technologieunternehmen, das kurz zuvor bei der vierteljährlichen Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten sehr, sehr schlechte Nachrichten veröffentlicht hatte. Die Aktie sank, dann sank sie noch weiter. Fast unser gesamtes Nettovermögen, ein Betrag im gut siebenstelligen Bereich, hatte sich gerade verabschiedet. Statt Sicherheit hatte ich plötzlich eine Monsterhypothek vor mir und ungefähr genug Geld auf der Bank, um für zwei Monate die Ausgaben zu decken. Wie hatte ich nur so dumm sein können? Ich hatte alles gehabt, und nun würde ich wahrscheinlich alles verlieren.
Es ist schwer, Mitgefühl aufzubringen für einen wohlhabenden Mann, der durch seine eigene Dummheit mehr Geld verloren hat, als die meisten von uns je auf der Bank haben werden, und der keine Freude mehr an seinem Pool hat. Doch das zeigt nur, wie sehr unsere Sicht der Dinge bestimmend dafür ist, ob wir leiden oder nicht. Und in diesem Fall hatte mein Narzissmus die Kontrolle übernommen.
Ich stieg aus dem Pool, kippte ein paar Drinks hinunter und ging direkt ins Bett. Frühmorgens um fünf klingelte das Telefon. Ich tastete nach dem Hörer, hielt ihn an mein Ohr und nuschelte etwas wie Hallo hinein. Der Anrufer war einer meiner Hauptmeditationslehrer, bei dem ich in den vergangenen zwanzig Jahren gelernt hatte. Er war gerade in Frankreich und leitete wie jeden Sommer ein Meditationsprogramm.
Über die neun Zeitzonen hinweg, die zwischen uns lagen, brüllte er: »Ich sitze mit einem Glas Champagner auf der Veranda und feiere die Vergänglichkeit!« Es folgte der herzliche Klang seines ausgelassenen Lachens. Mir fehlte die Geistesgegenwart, um es zu merken, aber es war ziemlich unwahrscheinlich, dass er Champagner trank, geschweige denn um zwei Uhr nachmittags.
Verwirrt (woher wusste er, dass er mich anrufen sollte?) antwortete ich: »Es ist fünf Uhr morgens«, als wüsste er das nicht.
»Im Moment ist alles in Ordnung. Denk nicht zu viel über dich selbst nach«, sagte er und legte dann auf. Meine Gefühle in diesem Augenblick waren eine seltsame Mischung: Einerseits spürte ich Wertschätzung für die liebevolle Motivation, andererseits war ich entnervt, weil er mich geweckt hatte, nur um mir zu sagen, ich solle nicht zu viel nachdenken. Ich schälte mich aus dem Bett, absolvierte meine Morgenmeditation und machte mich bereit für die Arbeit. Als ich in die Dusche trat, dachte ich über die letzten Tage nach. Bei all der mentalen Tortur hatte ich mich bei zwei Gelegenheiten annähernd okay gefühlt: beim Meditieren (also ganz im »Jetzt«) und als ich mich in dieser schwierigen Zeit um meine Mitarbeiter kümmerte.
Die meisten von ihnen machten Vergleichbares durch. Wir alle hatten gerade den Wert unserer Aktienoptionen in den Keller rauschen sehen. Einige mussten nun überlegen, wovon sie die College-Gebühren für ihre Kinder bezahlen sollten, andere fragten sich, wie sie die Schulden abzahlen sollten, die sie angesammelt hatten, als sie noch dachten, sie könnten jederzeit auf einen ansehnlichen Notgroschen zurückgreifen. Ich selbst hatte wenigstens das Gehalt eines Silicon-Valley-Vizepräsidenten. Die meisten aus dem Team befanden sich dagegen in einer finanziellen Notlage, auf die sie absolut nicht vorbereitet waren.
Ich war der Abteilungsleiter, und die Mitarbeiter brauchten eine Schulter zum Ausweinen und mussten beruhigt werden. So gab es während der mehr als zehn Stunden, die ich jeden Tag bei der Arbeit war, so manchen Moment, in dem ich mich nicht mit meiner eigenen Zwangslage beschäftigen (»zu viel über mich selbst nachdenken«) konnte, weil es meine Pflicht war, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Mein Lehrer hatte stets ein unheimliches Talent, mich kalt zu erwischen und etwas Unkonventionelles zu tun, dessen Bedeutung ich anfangs nicht immer verstand, aber später zu schätzen wusste. Bis heute bin ich ihm dankbar für den verrückten kleinen Anruf, der mich aus meinem Zustand herausholte.
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Vom Unglücklichsein zum Glücklichsein
Was haben diese beiden Geschichten gemeinsam? In beiden Fällen konnte unser jeweiliges Problem dadurch gelöst werden, dass wir uns mehr auf den gegenwärtigen Moment fokussierten und an das Wohl der anderen dachten. Ist der Weg zum Glück tatsächlich so einfach? Nun, es ist zwar einfach zu sagen, was zu tun ist, aber den Weg zu gehen – das ist schon ein bisschen schwieriger. Diese beiden Dinge zu schaffen, genau darin liegt die Basis für radikales Glück, für echtes, tragfähiges Glücklichsein.
Wann immer es uns also gelingt, im gegenwärtigen Augenblick zu bleiben, und in Momenten, in denen wir freundlich und mitfühlend sind, entsteht auf natürliche Weise radikales Glück. Das bedeutet nicht, dass wir in einem glückselig-weggetretenen Zustand jeglichen Schlamassel in unserem Leben verleugnen – auch radikal glückliche Menschen sind bisweilen traurig und enttäuscht. Doch solche Gefühle gewinnen nicht die Oberhand über das unterschwellige Wohlbefinden, das den Geist eines radikal glücklichen Menschen durchdringt.
Was müssen wir also tun, um zu lernen, radikal glücklich zu sein?
Im ersten Teil dieses Buches befassen wir uns damit, wie wir unsere Beziehung zu uns selbst verändern können, indem wir unsere Beziehung zu unseren Gedanken und Gefühlen ändern und lernen, uns mehr auf den gegenwärtigen Moment zu fokussieren. Das bezeichnen wir als grundlegendes Glück. Grundlegendes Glück ist insofern eine radikale Veränderung, als wir immer weniger einem Hund ähneln, der Steinen nachjagt; das heißt, es passiert immer seltener, dass wir aus Gewohnheit Gedanken und Gefühle aufgreifen und sie ständig wiederkäuen, obwohl wir es eigentlich gar nicht wollen. Das kannst du lernen, indem du dir jeden Tag etwas Zeit nimmst und übst, gegenwärtig zu bleiben. Wir nennen das Meditation. Den gegenwärtigen Moment solltest du nach Beendigung der Sitzung allerdings nicht einfach auf dem Meditationskissen zurücklassen. Deshalb erklären wir, wie du in alles, was du den ganzen Tag lang tust, einen auf den gegenwärtigen Augenblick ausgerichteten Fokus bringen kannst.
Im zweiten Teil betrachten wir, wie wir mit der Welt um uns herum in Beziehung treten, insbesondere mit den Menschen. Durch kontemplative Reflexion verstehen wir allmählich, dass wir alle durch ein gemeinsames Band der Erfahrung miteinander verbunden sind. So entwickeln wir Empathie im Umgang mit anderen. Wir lernen, uns rücksichtsvoller zu verhalten – auch gegenüber Menschen, die uns richtig ärgern! Wenn unser Handeln von der Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer beeinflusst wird, ist das Ergebnis Glück, das auf wechselseitiger Verbundenheit beruht – ein besonderes Gefühl der Zufriedenheit und Freude. Hier gibt es einen Knackpunkt, der unserer Intuition zuwiderläuft: Normalerweise denken wir, um richtig für uns und unsere Lieben zu sorgen, müssten wir unsere und ihre Bedürfnisse vor die aller anderen stellen. Doch das Glück der Verbundenheit entsteht dadurch, dass wir Liebende Güte und Mitgefühl entwickeln und lernen, andere in annähernd gleicher Weise wertzuschätzen wie uns selbst. Wir werden noch sehen, wie das funktioniert.
Jeder kennt die goldene Regel: »Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst.« Viele von uns haben schon einmal etwas von der »Wissenschaft des Mitgefühls« gehört. Doch nichts davon sagt uns, wie wir das in unserem Leben praktisch umsetzen können. Wir zeigen dir nicht nur, wie du Schritt für Schritt dorthin gelangst, sondern auch, wie du es so machen kannst, dass es sich problemlos in dein bisheriges Leben einfügt. Auf diese Weise kannst du es einfach ausprobieren und selbst feststellen, wie das Glück der Verbundenheit funktioniert.
Im dritten Teil sehen wir uns an, wie sich die beiden ersten Arten des Glücklichseins gegenseitig verstärken und zu radikalem Glück führen. Wenn wir im gegenwärtigen Moment sind und die Erfahrung grundlegenden Glücklichseins machen, sind wir nicht mehr dadurch abgelenkt, dass wir unfreiwillig unseren Gedanken nachjagen. Dadurch, dass wir beständige Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse anderer entwickeln – die Grundlage für das Glück der Verbundenheit –, würdigen wir die natürliche wechselseitige Abhängigkeit zwischen uns selbst, unserer Welt und all ihren Bewohnern und leben allmählich im Einklang mit ihr.
Wir brauchen die Kraft des achtsamen Gewahrseins der Meditation, um Liebe und Mitgefühl zu festigen, sodass beides in jeder Situation ganz natürlich entsteht, selbst wenn andere Menschen sich wirklich übel verhalten. Wenn wir an andere denken, vergessen wir uns selbst. Dadurch kann die Gewohnheit von uns abfallen, nahezu ständig »hundeartig« Gedanken und Gefühlen nachzujagen. In dem Moment, wenn der Geist voller Gedanken an das Wohl der anderen ist, löst sich unsere normale ichbezogene Denkweise vollständig auf. Dann können wir – sofern wir geübt haben, gegenwärtig zu sein – uns selbst und die Welt um uns herum radikal anders erleben, ungehindert von gewohnten Gedanken- und Gefühlsmustern. Eine solche Daseinsweise ist die Essenz des radikalen Glücks. Wir werden einige wissenschaftliche Erkenntnisse, ein paar Gedankenexperimente und eine Reihe einfacher Meditationsübungen mit einbinden, die du ausprobieren und in deinen Tagesablauf integrieren kannst.
Zu lernen, radikal glücklich zu sein, sollte dir ein Gefühl umfassender Zufriedenheit vermitteln oder zumindest dazu beitragen, dass du mehr Freude in dein Leben lässt – du weißt schon: immer häufiger mehr Spaß haben. Meditation muss nicht langweilig sein. Sich für die Bedürfnisse anderer zu interessieren muss keine lästige Pflicht sein.
Und das Wichtigste: Das Buch ist nicht nur ein Wegweiser, wie man radikal glücklich sein kann, sondern auch eine Anleitung, um zu verstehen, warum diese Übungen und Prinzipien funktionieren. Auf diese Weise wird radikal glücklich sein zu etwas Sinnvollem, etwas, das man ausprobieren und erleben kann. Du sollst nicht einfach auf die Aussagen zweier Autoren hören, egal wie einfühlsam, gut aussehend und intelligent sie auch sein mögen. Du kannst es selbst herausfinden.
Beim Lesen wird dir auffallen, dass wir oft das Wort »wir« verwenden. Meistens bezeichnet es uns alle: die Leserinnen und Leser, die Autoren und alle anderen Menschen. Denn radikales Glück ist kein Zielpunkt, an dem »wir«, die Autoren, schon angekommen wären, sondern ein kontinuierlicher Prozess, eine Art, das Leben anzugehen. Es ist etwas, das wir alle lernen und an dem wir teilhaben können; mit dem wir manchmal zu kämpfen haben, aber über das wir immer lachen können. Es ist so, wie wenn man ein Musikinstrument spielt. Selbst der versierteste Konzertpianist wird dir sagen, dass es jeden Tag noch etwas Neues über das Klavierspielen zu lernen gibt. Wir, die Autoren, lernen vielleicht schon etwas länger, das Musikinstrument des radikalen Glücklichseins zu spielen, als du, aber auch wir sind immer noch Übende. Wenn du jeden Tag ein bisschen Gitarre übst, wirst du zwar wahrscheinlich nicht wie Jerry Garcia, Jack White, Joan Jett oder Bonnie Raitt spielen, aber nach einiger Zeit hast du genug gelernt, um dir selbst und deinen Freunden viel Freude zu bereiten. Ebenso verhält es sich mit dem Praktizieren radikalen Glücks. Dadurch, dass du das, was in diesem Buch steht, übst, wirst du nach einer Weile so weit sein, dass du das Ergebnis genießen kannst – ebenso wie die Menschen, die dich umgeben.
Und nun kann es losgehen! Der Reihe nach: Zunächst beginnen wir mit dem Unglücklichsein und schauen uns genau an, wie wir normalerweise versuchen, Glück zu finden. Und wir fragen uns: Kann das überhaupt funktionieren?
Kapitel 2

