Bis zu jenem Tag, an dem ein brutaler Vorfall die Nachbarschaft erschütterte, glaubte Nora, dass sie glücklicher kaum sein könnte: Sie ist seit gut 25 Jahren mit Charlie zusammen, die Zwillinge sind auf hervorragenden Colleges, sie liebt ihre Arbeit im Museum of Jewelry, und mit einem stilvollen Haus in New Yorks bemittelter Upper West Side hat sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Doch plötzlich hat das friedliche Miteinander in ihrer Straße ein Ende. Jeder ist gezwungen, Stellung zu beziehen. Gräben tun sich auf, zwischen Nachbarn, Freunden, Familien und auch in Noras Ehe, und sie muss sich fragen, wo ihr Platz im Leben wirklich ist. – Voller Warmherzigkeit erzählt Anna Quindlen vom Mut einer Frau, in mittleren Jahren noch einmal alles auf die Waagschale zu legen, ihre Beziehungen, ihre Werte, ihre Träume – ein kluger, mitfühlender, auch humorvoller Roman, der den Neuanfang feiert.
Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl das breite Publikum als auch die Literaturkritik begeistern. Für ihre Kolumnen in der New York Times erhielt sie 1992 den Pulitzer-Preis. »Ein Jahr auf dem Land« verkaufte sich eine viertel Million Mal in den USA und war auch in den deutschsprachigen Ländern ein Erfolg. »Der Platz im Leben«, ihr neuester Roman, stand auf der New-York-Times-Bestsellerliste.
»Meisterhaft erzählt Anna Quindlen mit großer Wärme von den Turbulenzen im Leben.« USA Today
»Quindlen schafft so unvergessliche lebendige Charaktere, dass man als Leser jeden Traum, den sie hegen, und jede Tragödie, die sie ereilt, selbst mitfühlt.« The New York Times
»Anna Quindlen gelingt es immer, ihre Leserinnen ganz nah heranzuführen an die Leben ihrer Protagonistinnen – authentisch, überraschend, lebensbejahend!« Star Tribune
Für Lynn Shi Feng –
außergewöhnliche Mutter, Ehefrau, Anwältin
und geliebte (Schwieger-)Tochter
»Das Geheimnis einer guten Ehe bleibt ein Geheimnis.«
HENNY YOUNGMAN
»Sieh dir das an«, sagte Charlie Nolan und breitete den Arm aus wie ein Oberkellner, der seinen Gästen einen besonders guten Tisch zuweist.
»Ach, jetzt hör schon auf.« Nora Nolan blickte durch die schmale Öffnung auf den Parkplatz, an dessen Ende sie mit Mühe die vordere Stoßstange ihres Wagens erkennen konnte.
»Es ist ein Traum, Bun«, sagte Charlie. »Komm schon, es ist ein Traum, das musst du zugeben. Sieh. Dir. Das. An.« Das tat Charlie immer, wenn er sichergehen wollte, dass man ihn auch verstand: Er machte Wörter zu Sätzen. Mit Punkten dazwischen.
Ein. Super. Deal.
Der. Hat’s. Drauf.
Und an dem Abend vor fast fünfundzwanzig Jahren, als sie sich in einer überfüllten Bar im Village kennenlernten, die inzwischen ein veganes Restaurant war: Du. Bist. Toll.
Richtig. Richtig. Toll.
Nora wusste nicht mehr genau, wann sie das erste Mal gedacht, wenn auch nicht gesagt hatte: Nur. Noch. Nervig.
Zwischen den schmalen Stadthäusern, die auf ihrer Straßenseite in Reih und Glied standen wie schlanke Soldaten mit makelloser Haltung und unbewegter Miene, befand sich eine unübersehbare Lücke, ein fehlendes Truppenmitglied, der hausbreite Eingang zu einer Brachfläche, die zu einem Freiluft-Parkplatz umfunktioniert worden war. Nur sechs Autos passten hin, und weil praktisch jeder Anwohner einen Stellplatz wollte, waren sie zur heißen Ware geworden, zu einer eigentümlichen Form von Statussymbol.
Ein Buch über Stadtgeschichte aus dem Archiv eines Museums, in dem Nora einmal zum Vorstellungsgespräch gewesen war, hatte ihr verraten, dass das Haus auf dieser Parzelle komplett ausgebrannt war und die Besitzer sich nie die Mühe gemacht hatten, es wieder aufzubauen. Das war Anfang der Dreißiger gewesen, als dem Land, der Stadt und der West Side von Manhattan das Geld fehlte, was sich in den Siebzigern dann wiederholt hatte und zweifellos auch in Zukunft wieder passieren würde, denn so war schließlich der Lauf der Welt.
Aktuell schien das allerdings fast undenkbar. Eine Straße weiter war gerade ein Haus für zehn Millionen Dollar weggegangen, nach einem regelrechten Bieterkrieg. Die bisherigen Besitzer hatten seinerzeit, als ihre Kinder klein waren, sechshunderttausend dafür bezahlt. Nora wusste das, weil ihre Nachbarn und sie sich ununterbrochen über Immobilien austauschten. Ihre Kinder, ihre Hunde und die Immobilienpreise – das war die Heilige Dreifaltigkeit der Gesprächsthemen in gewissen New Yorker Kreisen. Bei den Männern gab es noch Golfplätze und Weinhändler abzuhandeln, bei den Frauen Dermatologen. Wenn Nora an die Spielplatzgespräche von früher zurückdachte, als ihre eigenen Kinder klein waren, wurde ihr bewusst, dass nicht mehr der Name des besten Kinderarztes zählte, sondern der des besten Schönheitschirurgen.
Eine einzelne Straße inmitten der gefühlt bevölkerungsreichsten Insel auf Erden – in Wirklichkeit schafften sie es nicht einmal unter die Top Ten, wie Nora einmal von einem Geografieprofessor erfahren hatte –, und man kam sich doch vor wie in einer Kleinstadt. Wer hier ein Haus besaß, hatte nicht nur die eigenen, sondern auch die Kinder der anderen aufwachsen sehen, hatte die Hunde auf ihrem Weg vom Welpen bis zur Gebrechlichkeit und schließlich ins Krematorium auf dem Haustierfriedhof in Hartsdale begleitet. Jeder wusste, wer wann renovierte und wer es sich nicht leisten konnte. Sie hatten alle denselben Handwerker.
»Sie leben tatsächlich in dieser Sackgasse?«, war Nora vor vielen Jahren einmal bei einer Vernissage gefragt worden. »Ein Freund von mir hat da ein Jahr zur Miete gewohnt. Er meinte, das sei wie eine Sekte.«
Kein Mensch, der in dieser Straße ein Haus besaß, interessierte sich für die Mieter. Sie kamen und gingen, mit ihren Schlafsofas, ihren nachgebauten Designklassikern und den Ikea-Umzugskisten am Randstein. Sie waren jung, ungebunden. Sie hängten an Weihnachten keine Kränze an die Tür, stellten keine Blumenkästen auf die Fensterbank.
Die Hausbesitzer hingegen taten das, und sie blieben.
Von Zeit zu Zeit klapperten Immobilienmakler die Straße ab, schoben ihre Visitenkarten durch die Briefschlitze, darauf hingekritzelt eine Mitteilung wegen dieser eigenartigen Brachfläche am oberen Ende der Straße, die Nachfrage, wem sie gehörte und ob sich dort wohl ein neues Stadthaus bauen ließ. Einstweilen blieb sie ein kleiner, schlecht gepflegter Parkplatz von kurioser Form, wie in einer dieser Geometrieaufgaben, die nur dazu dienten, angehenden Studierenden bei der Uni-Aufnahmeprüfung einen Strich durch die Rechnung zu machen: Bestimmen Sie die Fläche dieses Rhombus. Und auf dem schlechtesten Stellplatz, in die letzte Lücke hinter dem angrenzenden Haus geklemmt, stand jetzt Charlie Nolans Volvo Kombi, im Farbton Sherwood Green. Nach Noras Schätzung konnte er dort seit höchstens fünf Stunden stehen, aber die Windschutzscheibe war bereits mit dem kreidig-weißen Konfetti der Tauben-Hinterlassenschaften gesprenkelt.
Am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, hatte Charlie das Deckenlicht im Schlafzimmer angemacht, strahlend, wie er das sonst nur tat, wenn er an einem großen Abschluss beteiligt gewesen war, seinen Bonus zu niedrig geschätzt oder für eine Flasche Wein weniger bezahlt hatte, als sie seines Erachtens wert war.
»Ich habe einen Stellplatz!«, krähte er.
Nora stemmte sich auf die Ellbogen hoch. »Bist du noch zu retten?«, fragte sie.
»Sorry, sorry, sorry!« Charlie machte das Licht sofort wieder aus, verharrte aber im Türrahmen. Es gab eine altgediente Abmachung in ihrer Ehe: Außer in absoluten Notfällen durfte Nora an den Wochenenden ausschlafen. Sie sah sich als Mensch mit wenigen Grundbedürfnissen, aber Schlaf gehörte eindeutig dazu. Das halbe Jahr, in dem ihre Kinder mitten in der Nacht gefüttert werden wollten oder zumindest wach wurden, zählte zu den schwierigsten Phasen ihres Lebens. Hätte sie nicht gleich Zwillinge bekommen, sie hätte es wahrscheinlich bei einem Kind belassen, so schrecklich war der Schlafentzug.
Charlie wusste das. Er stand früher auf als Nora, um zur Arbeit zu gehen, und seine Kommode, das Bad und sein Schrank waren allesamt mit Lämpchen ausgestattet, damit er sich schnell etwas anziehen und später noch einmal die Kleidung wechseln konnte, nachdem er den Hund ausgeführt und, wieder zu Hause, geduscht hatte. Meistens setzte sich Nora dann im Nachthemd zu ihm an den Küchentisch – wo er, bereits in Anzug und Krawatte, seine All-Brans löffelte –, obwohl sie morgens gern so wenig wie möglich redete.
Und trotzdem weckte ihr Mann sie jetzt, am Samstagmorgen, mit einer vollen Ladung Licht.
»Ich habe einen Stellplatz«, wiederholte er, wenn auch nicht mehr ganz so aufgedreht, als wollte er seine Gefühlstemperatur etwas mehr auf ihr Niveau herunterregeln.
Jetzt sah sie den Wagen also in der unzugänglichsten Ecke des Parkplatzes stehen, wohin er bereits aus der bewachten Garage zwei Straßen weiter befördert worden war. Charlie summte vor sich hin. Als sie in die Straße gezogen waren, hatte er sich bei den anderen Parkern erkundigt, ob er vielleicht den Stellplatz erben könne, den die Vorbesitzer des Hauses frei gemacht hatten. Die unmissverständliche – und wie alles, was man in der Straße erfuhr, quasi osmotisch kommunizierte – Antwort lautete, dass die Stellplätze auf dem Parkplatz ein Privileg und kein Anrecht seien, und Charlie meldete sich zähneknirschend bei der nahe gelegenen Garage an, nicht ohne dieses Scheitern insgeheim auf seine Liste der »Dinge, die bei Charlie Nolan nicht nach Plan liefen« zu setzen – eine Liste, von der Nora befürchtete, dass sie im Lauf des letzten Jahres zu einem Buch, wenn nicht gar zu einer Enzyklopädie angewachsen war.
Obwohl sich Charlie häufig bei Nora beschwerte, dass die Miete für die Garage kaum niedriger sei als die für ihre erste Wohnung, stand es doch nie zur Debatte, auf der Straße zu parken. Ein bezahlter Parkplatz schaffte zumindest Abhilfe für eines jener belanglosen Ärgernisse, die ständig wie Wasser auf den Stein des Egos tröpfeln, bis man eines Tages feststellt, dass sie eine faustgroße Höhlung im eigenen Kopf hinterlassen haben. Für Charlie bedeutete das Leben in der Stadt ein stetigeres Tröpfeln und härteres Wasser, das wusste Nora. Er rief es ihr schließlich oft genug in Erinnerung. New York war nicht Charlies natürlicher Lebensraum.
Nora hoffte, dass der heutige kleine Triumph, der für ihren Mann offenbar gewaltig war, ihn zumindest ein wenig dafür entschädigen würde. Seit Jahren wurmte es Charlie jedes Mal, wenn er an der Brachfläche vorbeiging, und nun hatte er dort endlich einen Platz ergattert. Auf dem Esstisch lag die handgetippte Benachrichtigung, die durch den Briefschlitz geschoben worden war und Charlie darüber in Kenntnis setzte, dass der ehemals den Dicksons vorbehaltene Stellplatz jetzt ihm gehöre, falls er ihn haben wolle. Und auf dem Stellplatz stand ihr Volvo. Es war ein Auto wie ihr Leben – erfolgreich, unaufdringlich, ordentlich, ohne Essensreste, ohne Kindersitze, weder irgendwelches Kleingeld noch Krümel im Fußraum. Wenn der Leasingvertrag auslief, würde eine einfache Inspektion genügen, bevor sie sich ein anderes, praktisch identisches Auto zulegten. Charlie dachte ständig laut über andere Hersteller, andere Modelle, andere Farben nach. Nora war das gleichgültig. Sie benutzte den Wagen so gut wie nie.
In einer kurzatmigen Sommerbrise wirbelte eine weiße Plastiktüte um Noras nackte Knöchel, streifte sie, kitzelte sie, umspielte ihre rosa lackierten Zehen. Sie schüttelte sie ab, und die Tüte wanderte weiter die Straße entlang, hob und senkte sich wie ein kleines Gespenst, bis sie zwischen zwei parkenden Autos verschwand. In der Straße roch es unangenehm feucht nach Fluss mit niedrigem Wasserstand, nach angeschmolzenem Teer und, wie immer bei warmem Wetter, nach einem Hauch von essigsaurem Müll. Vorhin hatte Nora ihren Hund bereits von einem Pappbehälter mit süßsaurem Irgendwas wegziehen müssen, den ein anderer Hund aus einem kaputten Müllbeutel gezerrt und am Ende der Sackgasse ausgekippt hatte.
Ein bisschen verrückt war es ja, doch ein kleiner, heimlicher Teil von ihr fühlte sich ganz wohl mit Müll auf der Straße. Das erinnerte sie an ihre Jugend, als sie in ein damals noch raueres, beängstigenderes, dreckigeres New York gekommen und mit ihrer besten Freundin Jenny in eine verlotterte Wohnung gezogen war. Ein besseres New York, wie sie manchmal dachte, aber nie und nimmer äußerte, eines von vielen Dingen, die sich keiner von ihnen jemals eingestand oder zumindest nicht laut aussprach: dass es, als es noch schlechter war, eigentlich besser gewesen war.
Am Durchgang zur Brachfläche reckte Homer erst die Schnauze in die Luft und setzte sich dann hin. Der Hund kannte die Straße, das Haus, sogar das Auto und ließ sich ergeben darin herumkutschieren, in den Fußraum gezwängt, ganz dicht an Olivers riesigen Turnschuhen. Rachel beklagte sich immer, dass Homer sie längst nicht so gernhabe wie ihren Bruder, was vermutlich auch stimmte. Aber hätte Homer nur zehn Minuten auf Rachels Fuß gelegen, hätte sie garantiert gejammert, dass ihr die Beine einschliefen und warum ihr Hund eigentlich nicht hinten im Fond sitzen könne wie andere Hunde auch. Nora hatte die Befürchtung, dass ihre Tochter nicht recht zwischen dem unterscheiden konnte, was sie selbst wollte, und dem, was andere ihr als erstrebenswert darstellten. Jetzt, da Rachel kein Teenager mehr war und aufs College ging, würde sich das hoffentlich auswachsen, obwohl sie in New York damit eigentlich nur dem Durchschnitt entsprach.
»Ich weiß nicht, was du meinst«, hatte Charlie geantwortet, als Nora ihn einmal darauf angesprochen hatte. Das war in ihrem Haus inzwischen zu einer Art Leitmotiv geworden, egal, worum es ging.
»Wenn man euch so hört«, sagte Jenny, die Einzige aus ihrem Frauen-Mittagskränzchen, die nie geheiratet hatte, »klingt die Ehe eigentlich wie so eine Art Wohnzimmer. Manchmal ist man ganz gern zum Ausspannen dort, aber es ist bei Weitem nicht das wichtigste Zimmer im Haus. Da frage ich mich doch, warum ihr alle so darauf beharrt, dass ich eins brauche.«
»Ich finde, das Wohnzimmer ist durchaus das wichtigste Zimmer im Haus«, hielt ihr Suzanne, die Innenarchitektin, entgegen.
»Das wichtigste Zimmer ist die Küche«, sagte Elena.
»Nur wenn man kocht«, erwiderte Suzanne.
»Wer kocht denn heute noch?«, warf Jean-Ann ein.
Jenny sah Nora an. »Ist jetzt wirklich allen entgangen, worauf ich eigentlich hinauswollte?«, fragte sie.
»Ich denke schon«, hatte Nora gesagt.
»Ich denke schon«, hatte Nora auch gesagt, als Charlie sie fragte, ob sie Lust habe, mit zum Parkplatz zu kommen, wo der Wagen bereits stehe. Ihr war schließlich bewusst, dass es einem friedlichen Tagesverlauf nicht zuträglich sein würde, wenn sie am Frühstückstisch sitzen blieb, um in Ruhe ihren Bagel zu essen und Zeitung zu lesen. Sie weigerte sich allerdings, auch nur einen Schritt weiter auf die Brachfläche zu tun.
»Komm, schau’s dir an«, sagte Charlie jetzt, als hätte der Parkplatz endlose Ausblicke zu bieten, Gärten und Statuen und nicht einfach nur drei Ziegelmauern, weitere Autos, einen Gully in der Mitte und zwei dieser quadratischen schwarzen Plastikboxen, die man überall in den Parks und Hinterhöfen von New York sehen konnte, wo sie größere Vorräte aromatisierten Rattengifts vor vorbeilaufenden Hunden abschirmten.
»Ich gehe da auf keinen Fall rein«, sagte Nora. »Charity meint, da wohnen Ratten.«
»Die leben auch auf den U-Bahngleisen, und mit der U-Bahn fährst du doch.«
Selten. Nora ging am liebsten zu Fuß, und wenn sie doch einmal mit der U-Bahn fuhr, achtete sie darauf, nie auf die Gleise zu schauen. Sie hatte versucht, ihrer tief verwurzelten Rattenphobie analytisch auf den Grund zu gehen, es aber irgendwann aufgegeben. Wie kam es, dass sie Eichhörnchen vollkommen harmlos fand, Ratten aber unerträglich? Sie lösten in ihr eine so durchschlagende chemische Reaktion aus, dass sie manchmal Minuten brauchte, um ihren Atem wieder zu beruhigen. Ähnliches erlebte wohl jeder; in ihrer Kindheit hatte ihre Schwester sie mindestens ein Dutzend Mal nachts geweckt, weil sie eine Spinne im Zimmer hatte. Und Charlie gruselte sich vor Schlangen.
»Keiner mag Schlangen«, meinte Rachel, die das mit der Verachtung in der Stimme schon als kleines Kind bestens beherrschte.
»Ich schon«, hatte Nora erwidert.
Und warum hatte sie sich ausgerechnet eine Stadt ausgesucht, um sich dort ein Leben aufzubauen, die wohl die größte Rattenhochburg weltweit war? Sie musste an ihre Studienfreundin Becky denken, die sich vor Wasser fürchtete – da gab es gar nicht viel zu analysieren: Ihr kleiner Bruder war einmal auf Martha’s Vineyard fast ertrunken, als sie noch Kinder waren, er musste aus der Brandung gezogen und von einem Rettungsschwimmer wiederbelebt werden. Trotzdem hatte Becky eine Stelle als Leiterin eines Kurbads mit einem riesigen Salzwasserbecken angenommen. Sie hatte immer behauptet, es mache ihr nichts aus, doch bei nächstbester Gelegenheit hatte sie die Stelle gewechselt und war jetzt in einem weitläufigen Landgasthof tätig. Am Fuß des Hügels, auf dem der Gasthof stand, floss ein Fluss entlang, den sie aber problemlos meiden konnte. Nora begriff, dass sich die meisten dieser Aversionen im Gegensatz zu Beckys Phobie auf einer rein chemischen, intuitiven Ebene abspielten, so wie sich manche Menschen auf der Stelle in New York verliebten, während andere erklärten, sie könnten hier unmöglich leben. (»Ich verstehe das nicht«, hatte Nora einmal am Telefon zu ihrer Schwester Christine gesagt. »Wenn ich nach Greenwich käme und sagen würde: ›Ich begreife einfach nicht, wie man hier leben kann‹, fänden das alle wahnsinnig unhöflich.«)
Charlie ging bis zum hintersten Ende des Parkplatzes und kam dann wieder zurück, als würde er seine Ländereien inspizieren. Besonders weit war der Weg nicht. »Keine Ratten«, verkündete er.
»Nur weil du keine siehst, heißt das noch lange nicht, dass da keine sind«, sagte Nora.
Einer der Männer, die für Ricky arbeiteten und die Häuser instand hielten, war gerade damit beschäftigt, den Gehweg abzuspritzen. Rickys Männer waren im Allgemeinen klein, dunkel und stämmig, ehemalige Einwohner irgendeines mittelamerikanischen Landes, die zu praktisch jeder Arbeit bereit waren, solange sie Geld brachte. Dieser hier hatte gerade sämtliche Mülltonnen ausgewaschen, doch seine Mühe zahlte sich nicht aus. Der fettige Glanz auf dem Asphalt und im Inneren der Mülltonnen, dieser Sommerschweiß der Stadt, würde schnell wieder zum Vorschein kommen. Nicht zuletzt deshalb flüchteten alle, die es sich leisten konnten, aus New York nach Nantucket, in die Hamptons, irgendwohin, wo es sauberer und grüner war. Und langweiliger, wie Nora oft dachte.
Zwei junge Leute in Sportkleidung näherten sich ihnen, beide mit dieser traubenzarten jugendlichen Haut, die eine geradezu hypnotische Wirkung hatte und einem erst dann hassenswert erschien, wenn ihr kurzes Verweilen hinter einem lag. »Zum Park geht es da lang, oder?«, fragte er und deutete zum Ende der Straße.
»Da geht es nicht weiter«, sagte Charlie. »Das ist eine Sackgasse. Vorn an der Ecke ist auch ein Schild.«
»Ein Schild?«, fragte sie.
»Die Straße ist eine Sackgasse«, wiederholte Nora zum gefühlt hunderttausendsten Mal. Sie hatten längst bei der Stadtverwaltung beantragt, zwei Schilder aufzustellen, eins auf jeder Straßenseite. Sackgasse. Es half nichts. »Gehen Sie einfach zurück, dann links und wieder links. So kommen Sie direkt zum Park.« Auch diese Sätze hatte sie schon unendlich oft gesagt.
»Das ist eine Sackgasse«, sagte er zu ihr. Nora musterte das Gesicht der jungen Frau. Ihre Brauen waren wie Sperlingsfedern, die ihre hohe, glatte Stirn in zwei Teile gliederten. Nora seufzte. Vermutlich hatte sie auch einmal so ausgesehen und es kein bisschen zu schätzen gewusst. Wenn sie heute in den Spiegel schaute, was sie eigentlich nur noch tat, um sich zu vergewissern, dass ihr nichts zwischen den Zähnen hing, hatte sie den Eindruck, als wären die klaren Konturen ihres Kiefers verschwommen, als wanderten ihre Mundwinkel immer weiter nach Süden.
Die junge Frau hielt Homer die Hand hin. Er reckte sich im Sitzen ein wenig vor, schnüffelte daran und blickte sie direkt an. Homer hatte ungewöhnlich hellblaue Augen, wie klare Mentholbonbons, die ihm etwas Dämonisches gaben, obwohl er mit den Jahren zu einem ruhigen, pragmatischen Hund geworden war, zu klug, um seine Zeit noch mit aggressivem Verhalten zu verschwenden. Sherry und Jack Fisk, die ein paar Häuser weiter wohnten, sagten immer, wenn jemand sich ihrem Hund nähere, spürten sie durch die Leine hindurch ein leichtes Vibrieren, ein inneres Knurren, für sie das Signal, ihn festzuhalten und zurückzuziehen. Aber der Hund der Fisks war auch ein riesiger Rottweiler, der aussah, als müsste er eigentlich am Zaun eines Hochsicherheitsgefängnisses Patrouille laufen. Brutus war, wie Charlie es einmal formuliert hatte, eine noch nicht erstattete Anzeige, die nur auf den richtigen Moment wartete. Sherry Fisk beklagte sich seit Langem, dass ihr Haus viel zu groß sei, es aber in ganz Manhattan keine Eigentümergemeinschaft gebe, die sie und Jack samt Brutus als Nachbarn akzeptieren würde.
»Sobald dieser Hund nicht mehr lebt, verkleinern wir uns«, sagte sie.
»Wir gehen hier nicht weg«, entgegnete Jack. »Wenn sie unbedingt umziehen will, muss sie das allein machen.«
»Vielleicht mache ich das ja wirklich«, gab Sherry zurück.
»Tu dir keinen Zwang an«, hatte Jack gesagt. Nora konnte Streitereien nicht leiden, aber bei Sherry und Jack fielen sie ihr inzwischen kaum noch auf. Solange Jack nicht anfing zu brüllen, war alles halb so schlimm. Nora hatte nach einem Gespräch mit Jack Fisk immer ganz verspannte Schultern. Als versuchte ihr Körper, Botschaften auszusenden, die ihr Geist erst im Nachhinein zur Kenntnis nahm.
Der Grundriss des Fisk-Hauses war fast identisch mit dem der Nolans, das wiederum fast identisch mit dem der Lessmans, der Fenstermachers und der Rizzolis war: Küche und Esszimmer im Souterrain, darüber ein großes Wohnzimmer und zwei bis drei Schlafzimmer in den beiden Stockwerken darüber, von denen manche inzwischen als Lese- oder Arbeitszimmer genutzt wurden. Die Fisks hatten ihr Haus kernsanieren lassen, ihre Zimmer waren alle hoch, weiß und schmucklos; bei den Nolans hingegen waren einige Originaldetails erhalten geblieben, Eichenvertäfelung an den Wänden, verschnörkelte Kaminsimse.
»Die Häuser sind aber auch wirklich groß für zwei«, hatte Nora zu Sherry gesagt. »Wenn die Zwillinge nicht da sind, könnte sich im obersten Stock sonst wer einnisten, ich würde es gar nicht mitkriegen.«
»Wenn ich mit der in einer Dreizimmerwohnung leben müsste, würde ich sie wahrscheinlich umbringen«, sagte Jack Fisk. Nora lachte nervös. Jack seinerseits lachte so gut wie nie.
Neben dem Haus der Fisks stand das der Fenstermachers, die die Perfektion in Person waren und jedes Jahr ein großes Januarfest veranstalteten. Das Haus auf der anderen Seite wurde vermietet, weil die Besitzer seit Ewigkeiten in London wohnten. Die Mieter hatten in der Straße nie das nötige Format, damit die Nachbarn mit ihnen tratschten, und Alma Fenstermacher tratschte sowieso grundsätzlich nie. Während sich Charlie hin und wieder über den Fernsehlärm beklagte, der durch die Wand herüberdrang, die sie mit den Rizzolis nebenan teilten, über gelegentliches Kindergebrüll, wenn wieder ein geschwisterlicher Streit ausgebrochen war, oder einen Spielzeughund, der ohne Anlass vor sich hin kläffte, hatte Nora den Verdacht, dass die Nachbarn der Fisks sehr viel mehr zu hören bekamen, und das sehr viel häufiger.
Nora musterte ihren Mann. Er hatte nicht einmal einen anerkennenden Blick für den Hintern der jungen Frau übrig, die sich jetzt umdrehte und Hand in Hand mit dem jungen Mann wieder in die Richtung verschwand, aus der sie gekommen waren. Charlie war viel zu gefangen von seinem Glück, starrte unverwandt auf sein Auto und seinen Stellplatz, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Mit dem dünnen dunkelblonden Haar, den runden blauen Augen und den roten Wangen sah er wie ein kleiner Junge aus. Er gehörte zu den Menschen, deren Babyfotos sich kaum von dem in ihrem Führerschein unterschieden. Selbst wenn er verärgert war, wirkte er noch jungenhaft: Die volle Unterlippe leicht vorgeschoben, erzählte er von jemandem auf der Arbeit, der völlig unverdient eine Auszeichnung erhalten hatte, von einem Kollegen, mit dem er sich gemeinsam hochgearbeitet hatte und der jetzt befördert worden war.
»Glückwunsch, Freunde der Nacht«, sagte jemand hinter ihnen, und Noras Kiefermuskeln verkrampften sich, schon während sie sich umdrehte. »Herzlichen Glühstrumpf«, bekräftigte George, der nervigste Mensch der ganzen Straße.
Eine weitere eheliche Abmachung zwischen Nora und Charlie besagte, dass der gesellschaftliche Umgang mit George Smythe um jeden Preis zu vermeiden war, doch heute drückte Charlie George so herzlich die Hand, als hätten sie gerade ein besonders lukratives Geschäft abgeschlossen. Vermutlich war das auch so, denn George hatte sich auf irgendeine seltsame, unausgesprochene Weise sowohl zum Verwalter des Parkplatzes als auch zum Verwalter der ganzen Straße aufgeschwungen. Die getippten Benachrichtigungen, die er durch die Briefschlitze schob, betrafen alles vom öffentlichen Baumbestand bis hin zur Abfallentsorgung. Rachel sprach immer von »Georgeogrammen«, wenn wieder einmal eines auf dem Dielenboden lag. Nora vermutete, dass Charlie nichts weiter gegen George hatte, weil er ihn an die Typen erinnerte, die in den Klubhäusern der Studentenverbindungen für die Programmplanung zuständig waren. Für Nora war genau das ein weiterer Grund, aus dem sie George nicht ertragen konnte.
George spürte ihre Abneigung und fühlte sich davon angespornt. Schon kurz nachdem Charlie und Nora in die Straße gezogen waren, hatte sich abgezeichnet, dass sie seine versierte (und häufig frühmorgendliche) Jovialität nicht entsprechend erwidern würde. Daraufhin hatte George sie zu seinem Projekt gemacht, so, wie sich manche Männer auf eine Frau fixieren, die nicht mit ihnen ins Bett will, oder auf einen besonders zurückhaltenden Kunden, einen Marathon oder die Besteigung des Mount Everest.
»Miss Schnellzufuß«, rief er ihr nach, wenn sie am Samstagmorgen auf ihrer Laufrunde durch den Park an ihm vorbeikam. »Madame Siebenmeilenstiefel« oder: »Frau Mauerseglerin«.
»Mauersegler«, hatte er eines Morgens vor vielen Jahren zu seinem Sohn Jonathan gesagt, der sich neben ihm unter der Last seines Schulranzens zum Fragezeichen krümmte. »Das ist ein Wort, das in der Uni-Aufnahmeprüfung vorkommen könnte. Weißt du, was ein Mauersegler ist, Junge?«
Nora hatte nie erlebt, dass Jonathan ihm irgendetwas geantwortet hätte. Georges einziges Kind war umweht von einer Aura ungewaschener T-Shirts und großer Geringschätzung. Sein Schweigen änderte allerdings nichts: George war ein Mensch, der beide Seiten eines Gesprächs bedienen konnte. Womöglich war ihm das sogar lieber. Vor drei Jahren war Jonathan zum Studieren nach Colorado gegangen und hatte sich, soweit Nora wusste, seither nicht mehr in der Straße blicken lassen.
»Ein Traumleben«, sagte George jedes Mal, wenn ihn jemand nach Jonathan fragte. »Bergluft, Wandern. Keine Plackerei wie an diesen Eliteklitschen. Der Junge macht seine Träume wahr.«
»Die meisten Unis, an denen er sich beworben hat, haben ihn abgelehnt«, sagte Oliver.
»Er arbeitet jetzt in so einer Cannabis-Ausgabestelle«, sagte Rachel.
»Cooler Job!«, meinte Oliver.
»Wir schicken dich aber nicht ans MIT, damit du später in Denver Sinsemilla vertickst«, sagte Nora.
»Ist ja gut, Mom, aber woher weißt du eigentlich, was Sinsemilla ist?«
Charlie wackelte mit den Augenbrauen und grinste. »Du musst sie nicht auch noch ermutigen«, meinte Nora, als die Zwillinge nach oben verschwunden waren.
»Mach dich mal locker, Bun«, sagte Charlie. »Du bist bei solchen Sachen immer so verkrampft.« Sie hatten darüber gestritten, ob sie den Zwillingen jetzt, da sie aufs College gingen und zweifellos Alkohol tranken, obwohl sie offiziell noch nicht alt genug waren, Wein zum Abendessen erlauben sollten. Das war insofern bemerkenswert, als sie sonst kaum mehr stritten. Ihre Ehe ähnelte längst dem Gebet der Anonymen Alkoholiker: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.« Oder lass mich wenigstens in einen Zustand eintreten, in dem mich das alles nur kaltlässt und mir kaum noch auffällt. Nora hatte lange geglaubt, dass nur sie dieses Problem hatte, bis ihr klar wurde, dass es praktisch alle in ihrem Bekanntenkreis betraf, die noch verheiratet waren, und sogar einige von denen, die bereits beim zweiten Ehemann angelangt waren. Mit ihrem Mittagskränzchen unterhielt sie sich über die intimsten Dinge, versprengte Kinnhaare und hartnäckige Blasenentzündungen, wer die Haare kurz trug, weil es praktischer war, und wer es wegen einer kürzlich absolvierten Chemotherapie tat. Aber obwohl sie sich bereitwillig über die Ehe im Allgemeinen austauschten, sprachen sie kaum je über ihre eigenen Männer. Das Eheversprechen, so empfand Nora es seit Langem, kam einem Loyalitätseid gleich.
»Ich bin ja schon froh, wenn er nichts in Brand steckt«, hatte Elena einmal gesagt, und die anderen Frauen kicherten lakonisch, denn Elenas Mann hatte tatsächlich einmal den Wintergarten ihres Hauses auf dem Land in Brand gesteckt, als er den Grill hineingetragen hatte, weil ein Gewitter aufzog. Die Folge war ein langwieriger Kampf mit der Versicherung, die die Rettung von ein paar Spareribs nicht als zureichenden Grund erachtete, glühende Kohlen in einen geschlossenen Raum zu bringen. Der Konflikt, berichtete Elena, schwele bis heute, weil Henry es genoss, anderen Leuten davon zu erzählen, am liebsten anderen Männern, die ihn noch in seiner Position bestärkten.
»Und was sagen Sie zur neuen Parksituation, Miss Flinkerfuß?«, fragte George jetzt und klopfte Charlie auf die Schulter. »Es gibt doch kein klareres Symbol dafür, dass man in der Straße angekommen ist, als einen Stellplatz auf der Brachfläche.« George hatte einen Stellplatz, die Fisks hatten einen, die Fenstermachers und die Lessmans hatten einen und auch die Rizzolis, deren Platz allerdings an ihren ältesten Sohn und seine Frau übergegangen war, seit diese das große Haus bewohnten und die unteren Stockwerke vermieteten. Die älteren Rizzolis lebten inzwischen in ihrem Haus in Naples, Florida. »Ich bin zu alt für diese Stadt, Nora«, hatte Mike Rizzoli erklärt, als er einmal mit seiner Frau zu Besuch war. »Dieser ganze Irrsinn, das ist nur was für junge Leute.«
Einer der Männer aus dem Obdachlosenheim, das hinten an den Parkplatz grenzte, kam mit einem ramponierten Rollkoffer die Straße entlang. »Wir sterben, wir sterben, im Herzen sterben wir alle«, sagte er, als er an ihnen vorbeiging und einen Geruch nach abgestandenem Schweiß und Frittierfett hinterließ. Homer bellte kurz, was nicht dem Mann galt, sondern dem Koffer. Nora hatte nie herausgefunden, warum Homer Gegenständen mit Rädern so sehr misstraute. Er begegnete sowohl Kinderwagen als auch Fahrrädern mit großem Argwohn.
»Ich höre, sie wollen aus dem Heim jetzt Eigentumswohnungen machen«, bemerkte George, als der Mann schon fast um die Ecke war.
Nora fühlte sich wider besseres Wissen zu einer Erwiderung veranlasst. Damit kriegte George sie jedes Mal, indem er einfach irgendeine Unwahrheit behauptete: Der Bürgermeister will sich nicht zur Wiederwahl stellen, die Fenstermachers verkaufen ihr Haus, kleine Hunde sind klüger als große. »Ganz sicher nicht«, sagte sie jetzt. »In den Achtzigern wurden so viele Heime umgebaut, dass kaum noch Schlafplätze für die Bedürftigen übrig waren, deshalb hat die Stadt alle weiteren Umbauten gestoppt. Die Obdachlosenheime werden auch weiterhin Obdachlosenheime bleiben.« Die Heimbewohner waren ihr ohnehin um Längen lieber als George. Bevor sie ihr Angebot für das Haus abgegeben hatten, war Nora auf der örtlichen Polizeidienststelle gewesen, weil dieses Haus voll verlotterter Männer ihr doch Sorgen machte. »Das Heim?«, hatte der diensthabende Beamte erwidert. »Da wohnen nur gescheiterte Existenzen, die für den Mindestlohn arbeiten, und ein paar alte Knacker in Frührente. Einige Spinner sind auch dabei, aber die sind harmlos. Sie wissen schon, solche Typen, die ständig Selbstgespräche über Jesus, den Präsidenten oder sonst was führen. Die machen Ihnen keine Probleme.« Dann wollte er wissen, wie viel sie für das Haus bezahlen würden. Selbst Polizisten, die allesamt auf Long Island oder in Orange County wohnten, waren von den wahnwitzigen Immobilienpreisen in Manhattan fasziniert.
George schenkte ihrem Einwand keine Beachtung. »Das wird dann alles besser, wenn diese Figuren endlich weg sind«, sagte er. »Die sauen den ganzen Parkplatz ein.« Nora wusste, dass auch das nicht stimmte, aber sie wollte keinen weiteren Austausch mit George, wenn es sich vermeiden ließ. Die Männer aus dem Heim warfen keinen Müll auf den Parkplatz, sie lagerten nur Dinge auf ihren Fensterbänken, die eben manchmal herunterfielen. Wie früher im College fungierten die Fensterbänke als Freiluft-Kühlschränke. Nora hatte seinerzeit ein Einkaufsnetz besessen, das sie, gefüllt mit Joghurtbechern und der ein oder anderen Banane, an einen Nagel außen an ihrem Wohnheimfenster hängte. Im Winter waren die Fensterbänke auf der Rückseite des Obdachlosenheims, die zu den parkenden Autos hinausgingen, mit Milchtüten, Puddinggläsern und abgepackten Hotdogs gespickt, so wie die Fensterbänke ihres alten Studentenwohnheims. Manchmal fegte eine Sturmböe durch sämtliche Hinterhöfe bis zum Fluss, dann landeten die Lebensmittel unten auf der Erde. Einmal hatte Nora eine riesige Ratte mit einer Plastikpackung Salami im Maul aus dem Zugang zum Parkplatz laufen sehen. Zumindest war sie ihr riesig vorgekommen. Sie kamen ihr alle riesig vor, diese Ratten, selbst wenn sie, vom Gift geködert und in die Falle gelockt, zu starren, felligen Kommazeichen verkrümmt auf dem Gehsteig lagen.
Nora blickte die Straße entlang, die kaum sauberer aussah als der Parkplatz. Der Rinnstein war voller Unrat: die pointillistischen Schnipsel aus einer heimischen Schreddermaschine, das Hundehäufchen, das irgendein Besitzer nicht weggeräumt hatte, ein Gewirr aus unkenntlichen Pflanzenfasern, braun und traurig wie ein Anstecksträußchen drei Tage nach dem Ball. Die West Side war um einiges schmuddeliger als die East Side. Aus diesem Grund hatte Charlie eigentlich die East Side im Auge gehabt, bevor sie in ihr Haus gezogen waren. Inzwischen brachte es ihnen eine Menge Profit, dass sie in einer Sackgasse wohnten, das hatte ihn ein wenig besänftigt.
»Jetzt gehen wir aber mal in den Park, damit der Hund etwas Bewegung kriegt«, sagte Nora. Dabei wollte sie vor allem George entkommen. Rachel hatte einmal gemeint, George erinnere sie an diese Kinder, die sich sofort wie eine Klette an einen hängten, wenn man auf eine neue Schule kam, bis man dann richtige Freunde gefunden und begriffen hatte, warum manche Kinder überhaupt zum Klettendasein neigten. Nora hatte über die Einsicht ihrer Tochter gestaunt, auch wenn Rachel das, als sie es ihr sagte, nur mit einem verächtlichen »Oh Mann, Mommy!« quittierte. George jedenfalls war genauso ein Kind, das durch die Cafeteria des Lebens streifte, immer auf der Suche nach denen, die noch keinen Anschluss gefunden hatten, und blind für die eigene Unbeliebtheit.
»Ich weiß gar nicht, was du eigentlich gegen ihn hast«, sagte Charlie, als sie weit genug entfernt waren.
»Er ist ein aufgeblasener Arsch«, sagte Nora. »Homer! Aus!« Seufzend ließ Homer das zerknüllte Stück Wachspapier mit dem Pizzarand darin wieder fallen. Gehorsam war das Kreuz, das er zu tragen hatte, zusammen mit einem Speiseplan, der nur aus Trockenfutter bestand.
Hinter sich hörten sie laute Stimmen, und als sie sich umdrehten, sahen sie, wie George von der Treppe vor seinem Haus zum Eingang des Parkplatzes hinübersprintete, in den gerade ein weißer Transporter rückwärts hineinsetzte.
»Ricky! Amigo! Was habe ich beim letzten Mal gesagt?«, brüllte er.
»Amigo? Im Ernst? Jedes Mal, wenn er mit Ricky Spanisch sprechen will, sehe ich an Rickys Miene, dass er kein Wort von dem versteht, was George sich da zusammenstottert. Mal ganz abgesehen davon, dass Ricky mindestens so gut Englisch spricht wie George. Amigo? Großer Gott!«
»Na komm schon, Bun, jetzt freu dich mal ein bisschen.« Charlie legte ihr den Arm um die Schultern. »Wir haben schließlich einen Stellplatz! Wenn ich das den Kindern erzähle!«
Unter KEINEN UMSTÄNDEN ist es Ricky gestattet, seinen Transporter auf dem Parkplatz abzustellen. Er wurde bereits WIEDERHOLT darauf hingewiesen. Jede Behauptung, er habe eine Genehmigung von Mr. Stoller, ist UNZUTREFFEND.
Bitte informieren Sie mich UMGEHEND, sollten Sie ihn dort oder in der Zufahrt zum Parkplatz halten sehen.
George
In der Woche, als ihre Sommerpraktika zu Ende waren und die Vorlesungen noch nicht wieder angefangen hatten, kamen Rachel und Oliver nach Hause, um ihre alten Freunde von der Highschool zu treffen und Geld auszugeben, sie für Klamotten, er für Computerausrüstung. Nora war froh, ihre Kinder wieder um sich zu haben, und zugleich strengte es sie ein wenig an, mitten in der Nacht von Schritten auf der Treppe geweckt zu werden. Manchmal bedauerte sie, dass sie sich die Zwillinge nicht schon früher als junge Erwachsene vorgestellt hatte, denn dann hätte sie vielleicht ihr Schlafzimmer nach ganz oben verlegt und Oliver und Rachel im Stockwerk drunter einquartiert statt umgekehrt. Aber wenn sie leisen Unmut spürte, weil nachts um drei jemand an ihrer Tür vorbeitrampelte, stellte sie sich eine Zukunft vor, in der Rachel irgendwo eine eigene Wohnung haben würde und Oliver eine eigene Wohnung woanders, während Charlie und sie ein stilles Haus bewohnten, ganz allein zu zweit. Manche ihrer Freunde klagten schon über zurückgekehrte College-Absolventen, die wegen hoher Mieten und schlecht bezahlter Stellen wieder in ihrem alten Kinderzimmer hausten. Nora dachte dann immer, dass sie dagegen überhaupt nichts einzuwenden hätte.
Waren die Zwillinge da, dann war das Haus ständig voller Leute, die aber alle nicht lange blieben, bis auf ein, zwei Mädchen, die nachts in Rachels Bett sanken und am nächsten Vormittag zerzaust und in Boxershorts und T-Shirt wieder auftauchten. Alle anderen schauten nur kurz vorbei: Hallo Nick, hallo Bronson, hallo Grace, hallo Elise. Charlies Mantra lautete: »Wie heißt die noch gleich?« Manchmal brachte er sogar Rachels älteste Freundinnen durcheinander: Die beiden hießen Bethany und Elizabeth, und Charlie verwechselte sie bis heute ab und zu. Die Mädchen fanden das zum Glück urkomisch, nur Rachel nicht, wenn sie wieder einmal gereizt war und laut darüber nachdachte, was für ein Vater das eigentlich war, der sich nicht die Mühe machte, die Namen der besten Freundinnen seiner Tochter zu behalten. Dann rauschte sie hinaus, wobei das Rauschen, je länger sie auf dem College war, immer mehr zum Stampfen wurde.
Weil heutzutage kein Mensch mehr klingelte, sondern lieber eine SMS nach dem Muster »OMG bin draußen lass mich rein« verschickte, wusste man nie so genau, wer in der Küche saß, während Nora und Charlie zwei Stockwerke höher schliefen und ein leichter Qualmgeruch von Tabak oder Gras aus dem Hinterhof zu ihrem Schlafzimmerfenster heraufzog. Wenn sie aufwachten, fanden sie auf der Arbeitsfläche die Reste von Mahlzeiten vor, die verzehrt worden waren, als sie längst im Bett lagen, und aus dem Abfall quollen Fast-Food-Verpackungen.
»Wer trinkt denn Bier zu einem Erdnussbuttersandwich mit Marmelade?«, brummte Charlie vor sich hin.
Mitten in der Nacht schickte Rachel eine SMS an Nora: »Dad voll komisch wg Parkplatz WTF?!« Die Zwillinge und ihre Freunde waren zu dem Zeitpunkt noch hellwach. Man konnte den Eindruck gewinnen, als lebten sie in zwei verschiedenen Zeitzonen, die Eltern in China, die Kinder in Amerika. Nora konnte sich nicht an die Vorstellung gewöhnen, dass ihre Kinder wach waren, wenn sie schlief, und umgekehrt. »Bitte, Mom«, hatte Rachel einmal gesagt. »Schick mir morgens um acht keine SMS. Echt nicht.«
»Du brauchst sie ja nicht gleich zu lesen.«
»Ich habe das Handy unterm Kopfkissen. Ich werde wach davon.«
»Wie kannst du bloß mit dem Handy unter dem Kopfkissen schlafen? Das verstehe ich einfach nicht.«
»Egal, nur … Ach, egal. Wenn ich dich irgendwann blockiere, weißt du, wieso.«
»Ich dachte, man blockiert nur Stalker.«
»Du bist meine Stalkerin«, verkündete Rachel und verschwand mit dem Handy nach oben.
»Das hast du dir jetzt selbst eingebrockt, Bun«, bemerkte Charlie.
»Darf ich dir morgens um acht eine SMS schreiben?«, wollte Nora von Oliver wissen.
»Glaub schon«, sagte er.
Oliver hatte sein Praktikum beim Massachusetts River Consortium absolviert, wo er den Charles River auf Schadstoffe untersuchte. Rachel hatte in Cape Cod für die dortige Zweigstelle der Nature Conservancy gearbeitet. Bislang hatten beide nur wenig Interesse an Flora und Fauna gezeigt, außer in sehr jungen Jahren, als Rachel unbedingt einen Hund haben wollte und Ollie eine Schildkröte unter seinem Bett hielt, die den welken Salat aus dem Kühlschrank fraß und sich ansonsten so wenig bewegte, dass Nora sich regelmäßig vergewissern musste, ob sie überhaupt noch lebte.
»Hammer, Dad!«, hatte Oliver gesimst, nachdem Charlie ihm ein Foto des Wagens auf dem Parkplatz geschickt hatte.
»Autofoto OMG WTF EVA«, schrieb Rachel an Nora.
»EVA – was bedeutet das?«, fragte Nora ihren Sohn.
»Echt voll affig«, antwortete Oliver. »Willkommen in der Realität, Ma’am.«
Es wunderte Nora nicht weiter, dass Charlie den Zwillingen Fotos von seinem Wagen auf dem neuen Stellplatz schickte. Seit den Familienwochenenden an der jeweiligen Uni, wo er mit Rachel (am Williams College) Rugby gespielt und mit Oliver (am MIT) an einer Ruderregatta teilgenommen hatte, war ihm nichts so Erfreuliches widerfahren. Nora ahnte nur ganz vage, dass ihr Mann bei der Arbeit in letzter Zeit eine wahre Flut von Enttäuschungen erlebt hatte: Ein ehemaliger Klassenkamerad hatte versprochen, ihm etwas Neues zu vermitteln, hielt dann aber nicht Wort, ein Headhunter hatte ihn sehr offensiv für eine gute Stelle umworben und war dann urplötzlich abgetaucht. An solchen Tagen sagte er abends »Nora« zu ihr und nicht »Bunny« oder »Bun«, der Kosename, den er vor vielen Jahren eingeführt hatte und der ihren Vornamen inzwischen quasi ersetzte. Sie waren fast schon zur Normalität geworden, diese Abende, an denen er mit einer Miene wie eine geballte Faust nach Hause kam und als Erstes zum Wodka griff.
»Was ist los?«
»Nichts.«
»Wie war dein Tag?«
»Gut.«
»Alles okay mit dir?«
»Was soll denn nicht okay sein?«
Auch Rachel litt, in ihrem Fall unter dem bevorstehenden Ende ihrer Studienzeit. »Ich habe es so was von satt, dass mich immer alle fragen, was danach kommt«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, nachdem sie mit ihrer Mutter auf der Straße Sherry Fisk in die Arme gelaufen war. Dazu hätte Nora einiges sagen können. Sie wusste ja, dass alles, was nach Rachels Abschluss kam, höchst ungewiss und vielfältig sein würde: vielleicht diese Stelle, vielleicht jener Mann, vielleicht diese Stadt oder auch eine andere. Nora erinnerte sich noch gut, was sie selbst alles in den Sand ihrer Zukunft gemalt hatte. Weniger gut erinnerte sie sich allerdings, wann aus dem Sand Zement geworden war, aus »der, die ich sein will« ein für alle Mal »die, die ich bin«. Sie musste an ein Mittagessen im vergangenen Jahr denken, bei dem Suzanne ungewohnt bedrückt gewirkt hatte. »Ich weiß auch nicht – manchmal habe ich das Gefühl, ich sollte mich noch mal komplett neu erfinden«, sagte sie und schob ihren Spargel auf dem Teller herum. »Im Ernst, wie viele Kommoden kann man schon auf alt trimmen und dann noch stärker auf alt trimmen lassen, weil der Kunde findet, dass sie noch nicht alt genug aussehen?« Sie seufzte. »Fragt ihr euch nicht auch manchmal, wie wir eigentlich an diesen Punkt gekommen sind?« Und ehe Nora noch sagen konnte: Ja, genau, das frage ich mich ständig, was bin ich froh, dass ich nicht die Einzige bin, kommentierte Elena trocken: »Heute haben wir wohl den existenziellen Donnerstag, was?« Als sie das Restaurant verließen, hatte sich Elena zu Nora und Jenny umgedreht und stumm das Wort »Menopause« mit den Lippen geformt, und in diesem Moment verabscheute Nora sie, obwohl sie Elena vor über zwanzig Jahren im Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt hatte und seither regelmäßig mit ihr zum Mittagessen ging.
Wo Rachel wohl gerade steckte? Eigentlich hatten sie vorgehabt, zu viert beim Griechen um die Ecke zu Abend zu essen und anschließend zu einem Open-Air-Klassikkonzert im Central Park zu gehen, aber aus dem Plan war nichts geworden. Nora hatte nicht mehr an ihr Geschäftsessen mit einer potenziellen Stifterin gedacht, die für einen Tag aus den Hamptons in der Stadt war, um Farbproben für die Renovierung ihrer Wohnung zu begutachten. Rachel hatte eine SMS bekommen, diese mit einem kleinen Kreischen quittiert, um dann mit den Worten »Sorry, Leute, ich muss ganz dringend noch was erledigen« aus der Tür zu stürmen. Also waren Charlie und Oliver zu zweit losgezogen und bei Chickenwings und einem Bier in irgendeinem Lokal gelandet, das Oliver kannte.
»Musste er keinen Ausweis vorzeigen?«, fragte Nora.
»Er hat einen gefälschten«, sagte Charlie.
»Na, großartig.«
Charlie zuckte die Achseln. »Wo ist unsere Tochter abgeblieben?«, fragte er.
Jetzt war Nora mit Achselzucken dran. Pläne wurden bei ihnen sehr viel häufiger geändert als eingehalten. Nach der Geburt der Zwillinge hatte Nora in einem Mutter-Kind-Kurs gelernt, das Beste, was sie für den Erhalt ihrer Ehe tun könne (neben Beckenbodentraining und zwei separaten Waschbecken im Bad), sei die Einrichtung eines kinderfreien Abends. Am ersten dieser kinderfreien Abende hatte Oliver hohes Fieber bekommen, und sie hatten die Nacht damit verbracht, einen quengelnden Säugling herumzutragen. Am nächsten kinderfreien Abend redeten sie die ganze Zeit darüber, was für ein Irrsinn der erste gewesen sei, ob Rachel sich schneller entwickelte als Oliver und ob Charity, die neue Kinderfrau, wirklich so gut sei, wie sie wirkte. Den dritten kinderfreien Abend mussten sie absagen, weil Charlie einen Geschäftstermin hatte, den vierten, weil Charity mit ihrer Schwester in die Notaufnahme musste. Nora wusste nicht mehr, wann sie den kinderfreien Abend ganz aufgegeben hatten, aber die kurzfristigen Absagen zogen sich bis heute wie ein roter Faden durch all ihre Verabredungen. Ein Abendessen, zu dem Nora allein gehen musste, weil der Staatsminister für Bankwesen eine Abordnung aus Charlies Firma auf einen Drink einladen und Charlie das auf keinen Fall verpassen wollte. Eine Tagung, zu der Nora Charlie nicht begleiten konnte, weil sie bei der Arbeit kurzfristig einen Pressetermin übernehmen musste. Wenn dann noch die Zwillinge beteiligt waren, stiegen die Chancen für eine Absage ins Unermessliche.
Am Tag zuvor hatten sie es wie durch ein Wunder alle miteinander zum Brunch geschafft und waren gemeinsam in der schimmernden Augustluft durch den Central Park nach Hause gelaufen. Rachel blieb immer wieder stehen, um sich die Plaketten auf den Parkbänken anzusehen und sie laut vorzulesen: »Für Robert A. Davidson, der diesen Park geliebt hat.« – »Joan und John, 50 Jahre und kein Ende.« – »Alles Gute zum Geburtstag, Janet – nimm Platz!«
»Maisie, schmerzlich vermisst, 1999 bis 2012«, las Rachel. »Schau mal, Mommy. Sie ist nur dreizehn Jahre alt geworden.«
»Das war bestimmt ein Hund«, sagte Nora.
»Was?«
»Viele lassen solche Plaketten für ihre Hunde anbringen. Ich wette, Maisie war ein Hund.«
»Weil du ein totes Mädchen zu bedrohlich findest?«, fauchte Rachel. Nora seufzte und sah kopfschüttelnd zu, wie ihre Tochter neben Charlie weiterstapfte. Oliver fiel zurück, bis er neben ihr ging. Aus der Gegenrichtung kam ihnen erst ein Doppelkinderwagen entgegen und gleich darauf ein zweiter, mit jeweils zwei gleich alten Kleinkindern darin. »Mein Rudel«, sagte Oliver grinsend.