Du kannst in einer Freundschaft nicht alles richtig machen.
Aber du kannst alles aufs Spiel setzen.
Thomas und Daniel kommen aus Rostock und sind noch jung, als es mit der DDR zu Ende geht, aber alt genug, um sich von der aufregenden neuen Zeit mitreißen zu lassen. Die ungleichen Freunde ziehen nach Berlin, betreiben die Makrelen-Bar, das Leben scheint eine einzige Party. Sie fallen von einer großen Liebe in die nächste, sind sich mal nah und mal fremd. Doch irgendwann muss Daniel verschwinden, nachdem sie sich in New York erfolgreich als illegale Kunsthändler betätigt haben. Jahre später taucht er wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als Thomas’ inzwischen bürgerliche Rechtsanwaltsexistenz gewaltig durchgeschüttelt wird: Seine Frau ist weg und hat die beiden Töchter gleich mitgenommen. Hat Daniel etwas damit zu tun, und wer hat hier überhaupt etwas richtig gemacht?
Gregor Sander erzählt mit tiefem Witz und großem Herz. »Alles richtig gemacht« ist ein funkelnd-wunderbarer Roman über die frühen und späteren Jahre des wiedervereinten Deutschland und vor allem eine helle Feier der Freundschaft.
GREGOR SANDER, geboren 1968 in Schwerin, lebt als freier Autor in Berlin. Für seine Romane und Erzählungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein Romandebüt »Abwesend« war für den Deutschen Buchpreis nominiert, sein zweiter Roman »Was gewesen wäre« wird derzeit verfilmt und kommt 2019 in die Kinos.
»Gregor Sander kann Szenen schreiben, in denen man fast spazieren gehen kann.«
Dirk Knipphals, Deutschlandradio Kultur
»Sander setzt ein vollkommen kitschfreies Geschichtspanorama zusammen aus Alltag und Verrat.«
Elmar Krekeler, Die Welt, über »Was gewesen wäre«
»Gregor Sander ist einer der Ersten, der für eine gesamtdeutsche Literatur steht. Große Kunst auf kleinem Raum.«
Deutschlandfunk über »Abwesend«
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Für Sintje,
für deinen Mut und deine Wärme
Noch fünf Minuten, dann hat es die Morgensonne über die Pappeln geschafft, und ich beschließe, so lange sitzen zu bleiben. Der Rasen ist noch taufeucht und frisch gemäht, und es gibt nicht vieles, das mich so beruhigt wie der Anblick und der Duft von frisch geschnittenem Gras. Spießig, klar, aber ist so.
Ich stelle die Kaffeetasse auf mein linkes Knie, und die Wärme durchdringt den Stoff sofort. Nur schwer konnte ich der Versuchung widerstehen, mir dazu eine Zigarette anzuzünden. Die Schachtel lag auf der Kaffeemaschine, neben der noch die Flasche Chardonnay vom Vorabend stand. Die war leer, die Schachtel ist es nicht, auch wenn nur noch drei Zigaretten darin stecken. Das muss wieder aufhören, denke ich. Das Saufen, diese Qualmerei, und überhaupt muss das alles wieder ins Lot kommen hier. In dem Moment treffen mich die ersten Sonnenstrahlen.
Die Fahne am Mast vor dem Haus knarzt im Wind. Das hier war die Ostberliner Botschaft von Libyen, als der Revolutionsführer Gaddafi dort noch sein Unwesen trieb. Inzwischen wohnen in den quadratischen Blöcken mit Flachdach überall Leute, auch wenn sie die Häuser nicht so billig gekauft haben wie wir damals. Dreihundertfünfzig Quadratmeter Wohnfläche und tausend Quadratmeter Garten mitten in der Stadt. Wenn man die Gästewohnung mitrechnet sogar vierhundertfünfzig Quadratmeter. Ghana betreibt im Viertel noch eine Botschaft, genau wie Kuba und noch ein, zwei Länder, die sich keine bessere Adresse leisten können als die Esplanade an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg.
Als die Künstlerin mich vor ein paar Wochen fragte, ob wir mitmachen würden bei einem Projekt, bei dem Fantasiefahnen vor die Häuser gehängt werden sollten, war ich mir gar nicht sicher, ob ich das wirklich eine gute Idee fand. Sie war klein, die Künstlerin, und dünn, fast wie ein Kind, aber ihr Haaransatz war grau. Ich stimmte zu, weil sie mir die Liste der Nachbarn vor die Nase hielt, die alle dabei sein wollten. Sie möchte daran erinnern, was für Gebäude das einmal gewesen sind, sagte die Künstlerin, und ich antwortete, dass das doch noch jeder wisse und außer den Leuten, die hier in den angrenzenden Plattenbauten wohnten, und den Kunden des ALDI, den sie zwischen die alten Botschaften gebaut haben, doch niemand hierherkommen würde. Aber sie tippte mit ihrem Kugelschreiber auf das Blatt Papier, das sie an einer Klemmmappe festgemacht hatte, und ich kam mir vor, als würde ich einen Versicherungsvertrag an der Haustür unterzeichnen. Was ich natürlich nie machen würde.
Libyen hatte eine erstaunlich große Anzahl von Flaggen, wenn man bedenkt, dass es das Land erst seit 1952 so richtig gibt. Die Kunsttrulla hat natürlich die aktuelle genommen, die, die wieder benutzt wird, seit der Revolutionsführer aus dem Amt gejagt und auch gleich umgebracht worden ist. Ich bin mir sicher, dass keiner meiner Nachbarn sagen könnte, wer da jetzt gerade wie regiert. Aber egal. Sie hat die Farben schwarz, weiß, rot und grün zu winzig kleinen Strichen variiert, so, als hätte sie die Fahne mit drei Längsstreifen, einem Halbmond und einem Stern geschreddert und dann wieder zusammengesetzt. Das Ganze sieht nun eher aus wie ein Schottenrock, der da am Mast weht. Zwischen 1971 und 2011 war die Flagge Libyens einfach nur grün gewesen. Die Farbe des Islam hätte dann über uns geweht.
Das hätte Agneszka gefallen, meiner Kanzleipartnerin. Gestern war ihre Stimme auf meiner Mailbox: »Ich weiß ja nicht, wie schlimm krank du bist, Thomas, und ob eine Woche reicht, aber es wäre gut, wenn du morgen da wärst. Kammergericht geht weiter, und auch sonst wäre es gut. Ach ja, und komm mit dem Auto.« Als sie das sagte, hatte sie fast schon aufgelegt. Warum soll ich mit dem Auto kommen?, denke ich, und wenn ich gestern abgenommen hätte, anstatt auf das Display mit Agneszkas Nummer zu starren, dann wüsste ich es. Aber ich wollte mit niemandem sprechen, gestern noch nicht. Doch Agneszka hat recht, eine Woche Blues ist genug.
Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich stehe auf, stelle die Tasse in die Spülmaschine und hole die Autoschlüssel. Der Nachbar verlässt grüßend seine Botschaft, um in einer Bank zu arbeiten. Ich nicke zurück, und meine Sonnenbrille fällt dabei wie ein Visier nach unten.
Ich fahre über die Bornholmer Brücke und den Wedding nach Moabit. Der Verkehr ist erträglich für diese Zeit, und ich bekomme auch einen Parkplatz direkt vor der Kanzlei. Das ist vielleicht ein etwas großes Wort für die Dreizimmer-Hochparterrewohnung. Aber immerhin gibt es Stuck an der Decke und ein altes Parkett, auch wenn mich das alles hier eher an eine WG erinnert als an Rechtsanwälte, zumindest sahen die Kanzleien, die ich während meines Studiums gesehen habe, anders aus. In der Gegend um die JVA Moabit, dem Knast, in dem Erich Honecker, Erich Mielke, Andreas Baader und Ernst Busch saßen, gibt es noch ganz andere Kanzleien. In Ladengeschäften oder auf Hinterhöfen. Trotzdem amüsiert mich das polierte Messingschild am Eingang immer noch: Lewocianka, Piepenburg und Kollegen.
Ich bin heute der Erste hier, Frau Möller, unsere Sekretärin, kommt immer Punkt neun. Der Nichtraucher, wie wir Salah nennen, der am Ende des schmalen Flurs sein Büro hat, kommt nicht vor elf, wenn er keine Verhandlung hat, und heute hat er offensichtlich keine. Er raucht natürlich wie ein Schlot, so wie der Nichtraucher im »Fliegenden Klassenzimmer«. Bleibt noch Agneszka, aber die will ja erst um zehn zu unserem Islamistenprozess kommen. Die Anwaltszimmer liegen alle zur Straße. Meines in der Mitte, das habe ich mir vor neun Jahren so ausgesucht.
Ich ziehe mein T-Shirt und die Jeans aus, ein paar Trainingsklamotten an, schalte mein Laufband hinter dem Schreibtisch an und haue mir die Alabama Shakes auf die Ohren. Bei »Don’t wanna fight« komm ich in den Lauftakt und renne fünf Kilometer mit dem Blick gegen die Wand.
Frisch geduscht, im schwarzen Anzug und mit weißer Krawatte betrete ich das Kriminalgericht in der Turmstraße. Es gibt inzwischen Berliner Kollegen, die nicht mal mehr eine Robe benutzen, weil sie keine Distanz zum Angeklagten aufbauen möchten. Ich bin für Distanz manchmal ganz dankbar, und wenn schon Kammergericht, dann natürlich auch eine weiße Krawatte. Einen »weißen Langbinder«, wie es im schönen Amtsdeutsch heißt, und über die Robe brauchen wir gar nicht zu reden. Selbstverständlich trage ich sie beim Betreten des Saales. Ich begrüße den Angeklagten Mohammed R. in seinem vergitterten Verschlag hinter mir. Er ist maulfaul und genervt von der Haft und versteckt sich hinter seinem beeindruckenden Vollbart. Er war ein paar Wochen in Syrien, eingereist über die Türkei, um, wie er sagt, zu erkunden, ob er in dem neu entstehenden Islamischen Staat mit seiner Frau und seinen fünf Kindern leben könnte. Dabei soll er wohl an Kampfhandlungen teilgenommen haben, jedenfalls hat man entsprechende Filme auf seinem Handy gefunden, und nun ist er angeklagt wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, nur weil man ähnliche verwackelte Filmaufnahmen, die Leichen auf einem Schlachtfeld in Syrien zeigen, auch im Internet entdeckt hat. Mohammed R. sitzt in meinem Rücken. Seine schwarzen Augenbrauen sind zu einem Strich zusammengewachsen. Vermutlich hat er da unten gekämpft, aber ob man ihn dafür tatsächlich in ein deutsches Gefängnis stecken kann, bezweifle ich.
Die Besuchertribüne ist leer. Nur Mohammeds Frau sitzt dort, zumindest vermute ich, dass es seine Frau ist, denn sie trägt einen Gesichtsschleier, der nur einen schmalen Schlitz über ihren Augen frei lässt, und einen Tschador, der auch ihre Kleidung verdeckt. Wenn sie die Beine übereinanderschlägt, sieht man ihre neuen weißen Sneaker, ansonsten ist alles schwarz. Das Publikum, die Presse und die anderen Angehörigen kommen bei so einem Prozess am ersten und am letzten Tag. Dazwischen sind wir unter uns.
Eine junge blonde Frau vom BKA, die den ganzen Tag das Internet nach terrorrelevanten Videos oder postings durchforstet, ist als Erste geladen. Sie antwortet monoton und manchmal fast im gleichen Wortlaut, wie es in den Akten steht. Die fünf Richter des Staatsschutzsenats sind offensichtlich ausgeschlafen und gut vorbereitet, aber das ist ja auch kein Wunder, denn das ist gerade der einzige Prozess, der vor der großen Strafkammer läuft.
Sie haben also genügend Zeit zum Aktenstudium. Der Vorsitzende Richter, Paul Henning, trägt einen akkuraten Seitenscheitel, eine randlose runde Brille und gibt sich freundlich und verständnisvoll, aber er ist ein harter Hund. Eine Weile beobachte ich die beiden Ergänzungsrichter, die hinter dem eigentlichen Gericht sitzen. Wie Spieler auf der Ersatzbank, falls einer der fünf Richter ausfällt. Was nicht passieren wird. Aber sie müssen trotzdem dort sitzen, für den Fall der Fälle. Annedore Weiser, die mit verschränkten Armen in dieser zweiten Reihe sitzt, kämpft schon in der ersten halben Stunde sichtbar mit der Müdigkeit. Das wird heute nicht leicht für sie.
Ich werfe einen Blick auf die Kaiserloge, die leer ist wie immer, aber auch zu Zeiten Wilhelm Zwos soll dort nicht übermäßig Betrieb gewesen sein. Dann schließe ich mein Smartphone als Modem an meinen Laptop, um wenigstens ein paar E-Mails zu bearbeiten, während sich die blonde Dame vom BKA über eine Facebook-Seite der Salafisten auslässt.
Keine Mail von Stephanie, und auch die Zwillinge haben sich nicht gemeldet. Keine Mail, kein WhatsApp, kein Instagram. Das war aber auch nicht zu erwarten. Ich soll mich melden. Ich soll den Ball aufnehmen. Die beiden Töchter halten zur Mama, von der ich nicht mal weiß, wo sie ist. »Du kannst mich anrufen, wenn du mit mir reden willst«, hatte Stephanie vor einer Woche gesagt. Noch wollte ich nicht.
Die Tür zum Flur geht auf, und Agneszka betritt den Saal, streift mir im Vorbeigehen über den Rücken und breitet dann ihre Sachen vor sich aus, großflächig und geräuschvoll wie bei einem Picknick. Aktenordner, Schlüsselbund, Laptop, Wasserflasche. Die Robe weht ihr um die breiten Schultern. Sie fährt sich durch die knallroten, fast schon pinken schulterlangen Haare und lässt sich auf den Stuhl fallen.
Agneszka ist einen halben Kopf größer und vermutlich auch ein paar Kilo schwerer als ich. Man habe sie in ihrer polnischen Heimat und später im Kreuzberg der Achtzigerjahre falsch ernährt, behauptet sie, darunter habe sie heute noch zu leiden. Ich weiß nicht, ob leiden wirklich das richtige Wort ist. Wenn ich sie essen sehe, erscheint es mir jedenfalls unpassend.
Agneszkas Familie stammt aus Stettin oder Szczecin, wie sie bis heute sagt, und ist in den Achtzigerjahren nach Westberlin ausgereist, als Jaruzelski das Kriegsrecht im sozialistischen Polen eingeführt hat. Wenn man ihr zuhört, dann hat man den Eindruck, sie war schon als Fünfjährige bei der Gründung der Solidarność dabei. Später hat sie sich dann in Kreuzberg durchgeschlagen, das sagt sie auch immer: »durchgeschlagen«, als wäre da ein Dschungel gewesen. Muhammed R. jedenfalls ist auch über Agneszka in unserer Kanzlei gelandet, weil irgendeiner seiner Kumpels sie noch aus ihrer Jugendzeit kannte. Er ist in Berlin geboren und im Graefe-Kiez aufgewachsen. »Die ganzen schweren Jungs dort lernen sich beim Fußballspielen kennen«, sagt Agneszka. »Sieh zu, dass deine Kinder nicht Fußball spielen.« Die Gefahr bestand bei Miriam und Nina nicht, und dass sie mit ihren dreizehn Jahren damit noch anfangen, halte ich für ausgeschlossen.
Nach zwei Minuten meldet sich Agneszka zum ersten Mal: »Das verstehe ich nicht. Was hat das mit unserem Fall zu tun?« Sie ist also angekommen im Saal und auf Betriebstemperatur.
Die BKA-Blondine sieht plötzlich verwirrt aus, und Paul Henning guckt Agneszka über seine randlose Brille an. »Frau Lewocianka, das haben wir eben im Beisein Ihres Partners geklärt.«
»Sicher«, erwidert Agneszka. »Aber diese Facebook-Seite, von der die Zeugin da gerade spricht, ist seit drei Jahren nicht mehr aktiv. Unser Mandant war vor zwei Jahren in Syrien. Sie verschwenden hier also Zeit.«
Ohne Agneszka eines Blickes zu würdigen, sagt der Richter: »Fahren Sie fort«, was die Zeugin auch tut. Nach einer halben Stunde gehe ich, das hier ist Agneszkas Fall, und eigentlich hätten hier zehn Minuten meiner Anwesenheit ausgereicht, um mein Pflichtverteidigerhonorar für heute zu bekommen.
»Guten Morgen, Dr. Piepenburg«, sagt Frau Möller, als ich in die Kanzlei zurückkehre. Das ist ihr nicht abzugewöhnen, und inzwischen habe ich es auch aufgegeben. Sie blickt mich kurz über ihre dunkelgrüne Brille an, aber als ich ihren Gruß erwidere, guckt sie schon wieder auf den Bildschirm. Ihr Lächeln bleibt im Gesicht. Sie ist Anfang sechzig, trägt eine graumelierte Kurzhaarfrisur und wohnt in der Graunstraße im Wedding. Die liegt neben dem Mauerpark, in dem die Jugend Europas jeden Abend trinkt, trommelt und tanzt. Frau Möller war noch nie im Mauerpark. Sie fährt auch nicht zum Alexanderplatz, wenn sie nicht muss. Die Mauer ist irgendwie stehen geblieben für sie, und daran scheint sich auch in Zukunft nichts zu ändern. So jemandem kann man noch so oft das »Du« anbieten. Es wird bei Dr. Piepenburg bleiben.
In unserem Besprechungszimmer wartet ein Mandant, aber nicht auf mich. Ein junger Mann, der in einem weißen Hemd und einer Bundfaltenhose so verkleidet aussieht wie Frau Möller in einem Jogginganzug. Der Nichtraucher wird sich um ihn kümmern, ich habe erst morgen wieder einen Fall. Scheinselbstständigkeit im Kurierfahrermilieu. Da wird es sehr auf die Zeugenaussage ankommen. Aber die kann ich ja jetzt nicht vorbereiten. Außerdem bin ich mit Agneszka beim Italiener um die Ecke zum Essen verabredet, doch die Sitzung wird noch eine gute Stunde dauern. Vielleicht erfahre ich dann auch, warum ich das Auto mitbringen sollte. Vermutlich auch eine Kurierfahrerschicht für mich. Oder hat sich meine Frau bei Agneszka gemeldet? Eigentlich ausgeschlossen. Die beiden haben nie mehr miteinander geredet als nötig. Ich könnte Stephanies Nummer in so eine Internetsuchseite eingeben, dann wüsste ich, wo sie ist. Zumindest, an welchem Ort. Aber jetzt wird sie auf der Arbeit sein, was soll das also. Ich könnte, ich könnte …
Agneszka ruft dem Kellner schon im Laufen: »Den Kalbsbraten und ’ne Flasche Wasser« zu und lässt sich auf den Stuhl fallen. Sie verdeckt mir den Blick auf die Spree, aber das stört sie natürlich nicht. Das merkt sie nicht einmal. »Muhammed hatte schon wieder ein Handy im Knast. Wahnsinn, wie macht der das?« Sie zeigt mir ein Foto, auf dem in einem Wassereimer aus Metall ein zweiter Boden eingebaut ist. »Da drunter war’s. Und es ist ja nicht so, dass die Jungs da ’nen Baumarkt drin haben«, sagt sie anerkennend. »Aber seine Chancen beim Richter wird das nicht gerade steigern!«
Agneszka freut sich sichtlich, als Massimo mit der Flasche Wasser auch schon den Kalbsbraten bringt. »Hunger, Signora?«
»Wie immer, wie immer«, sagt sie, dann versinkt sie für ein paar Minuten beim Essen in ihren Gedanken. Ich stochere in meinem Salat herum, den ich mir im ständigen Kampf gegen einen Bauchansatz bestellt habe. »Du kannst schon Bauch sagen«, hatte Stephanie vor ein paar Wochen gesagt, als ich aus dem Bad kam, und gelacht. »Das geht schon deutlich über einen Ansatz hinaus.« Da war eigentlich noch alles im Lot.
Agneszka seufzt und tunkt ein Stück Brot in die Soße. »Was war eigentlich? Was hattest du? Geht’s dir wieder besser?«, fragt sie mich, und ich nicke einfach und weiß, dass sie damit zufrieden ist: »Warum sollte ich das Auto mitbringen?«
»Ach ja, genau«, antwortet Agneszka, schiebt den Teller weg und sieht mich an. Ich mag ihre waldseefarbenen Augen, die mehr grün sind als braun. »Iwan möchte, dass wir ihn in Lübars besuchen. Er ist da in einem Hotel, das heißt, eigentlich ist es eher eine Klinik. So was zum Entschlacken. Also eher was für dich.« Sie lacht und fährt sich durch ihre Pippi-Langstrumpf-Haare. Ich kann Iwan nicht leiden, und das weiß Agneszka auch. Er ist ein Langzeitklient von ihr. Das ganze Programm. Körperverletzung, schwerer Raub, Drogenhandel, Nötigung, Hehlerei, Zuhälterei. Aber jetzt, so beteuert Agneszka, sei er schon seit ein paar Jahren sauber und ein erfolgreicher Geschäftsmann.
»Wo ist Lübars noch mal?«, frage ich, um Zeit zu gewinnen und mir eine Ausrede einfallen zu lassen.
»Du bist immer noch so eine Ostbirne. Auch nach fast dreißig Jahren noch«, sagt Agneszka. »Du kennst doch eigentlich nur den Prenzlauer Berg.« Sie bestellt uns einen Espresso, und dann erzählt sie mir vom einzigen Dorf in Westberlin, dem einzigen Ort, wo es in ihrer Kindheit ein bisschen wie auf dem Land aussah mit Feldern und Bäumen. Auch wenn der weite Blick da immer an der Mauer hängen blieb. »Mein Vater ist da im Sommer fast jedes Wochenende mit uns rausgefahren zum Picknick. Das war so eine Art Mini-Uckermark für Westberliner. Sicher schön jetzt bei diesem Wetter, und vielleicht lädt er dich ja zu einem Gurkensaft ein.«
Massimo bringt den Espresso, und wir rühren beide schweigend darin.
»Ich kann den nicht leiden, Agneszka, das weißt du genau. Was soll ich bei dem?«
»Ich hab keine Zeit, Herzchen. Unter anderem, weil ich dich letzte Woche vertreten habe und mein Terminkalender auch diese Woche voll ist im Gegensatz zu deinem.« Als ich nichts sage und immer noch in meinem Kaffee rumrühre, setzt sie nach: »Der hat irgendein Mietshaus gekauft und will das sanieren und Eigentumswohnungen verkaufen. Die alten Mieter sollen raus, und wir sollen denen Geld anbieten, damit sie sich eine andere Bleibe suchen.«
»Super. Ich soll also einem Miethai beim Gentrifizieren assistieren.«
»Ach, sei nicht so romantisch. Die müssen ja nicht unterschreiben oder erst, wenn ihnen die Summe passt. Ich habe dir schon einen Standardvertrag besorgt. Von Wenzel und Partner.«
»Warum machen das Wenzel und Partner dann nicht gleich ganz? Wir sind Strafrechtler, Agneszka, und das ist, was weiß ich, Mietrecht oder …«
»Der Klient vertraut uns eben, und was er will, ist ganz legal und wird uns gutes Geld einbringen, also stell dich nicht so an und fahr da hin. Du sollst ja keinen Koks für ihn verkaufen.«
Lübars ist still. Ein kleines Dorf mit Reiterhöfen und einer Kirche in der Mitte. Man kann vom Hotelzimmer aus den Turm sehen. Daneben steht eine gelbe Telefonzelle, auf der »Fernsprecher« steht. Die ist so aus der Zeit, dass sie absolut futuristisch wirkt. Sie funktioniert tatsächlich, ich bin extra reingegangen. Das Tuten im großen grauen Hörer war schon fast unheimlich.
Es klopft an meiner Zimmertür, und ein Kellner bringt mir einen kleinen Imbiss. Er stellt ihn auf den Tisch des Balkons, und ich setze mich auf die Liege daneben, die eher einem teuren Sofa ähnelt. Das Hotel oder die Klinik ist komplett aus Holz gebaut, in einer quadratischen Bienenwabenanordnung. Es ist nicht hoch, nur drei Stockwerke. Auf dem Parkplatz davor stehen ein paar Edelkarossen und wenige Kleinwagen mit Brandenburger Kennzeichen. Vermutlich von den Angestellten. Den Köchen und Putzkräften.
»Herr Wiegels erwartet Sie um sechzehn Uhr«, hatte eine der Damen am Empfang zu mir gesagt. Sie war blond, vielleicht dreißig Jahre alt, mit Pferdeschwanz. Hübsch. Sie trug wie ihre Kolleginnen ein weißes Polohemd und weiße enge Jeans, sie sahen alle aus wie aus einer Wrigley’s-Spearmint-Werbung der Siebzigerjahre. Auf meinen Einwand: »Das ist ja erst in anderthalb Stunden«, antwortete sie: »Sie können in Ihrem Zimmer gern etwas entspannen.«
Das Zimmer ist gediegen protzig. Riesiges Bad, Marmorwaschbecken, sich selbst desinfizierende Klobrille und ein Schrank in Zimmergröße. Alles ist weiß, beige oder hellgrau. Auf meinem Bett liegt eine kleine Holztanne, die aussieht wie eine Laubsägearbeit: »Go green while you sleep, place me on the bed to have it made with existing linens.« Daneben liegt ein schmales graues Heft, auf dem steht: »My thoughts and notes«. Die Seiten sind leer und liniert, und ab und zu stehen da Notizen wie »I am grateful for« und dann drei Punkte. Oder: »I am inspired by …«, und ich frage mich, wie krank man sein muss, um hier zu landen. Und was Iwan wohl in sein Buch einträgt. »I am inspired by Jack the Ripper?« Das Programm für heute bietet »Aktives Erwachen im Wald«, aber das dürfte ich wohl schon verpasst haben. Bliebe noch »Nordic Walking kurz«, »Triggerpoint-Training« oder »Brotbacken«.
Auf dem Teller liegt neben leuchtend weißem Reis gedünsteter Fisch und gedünstetes Gemüse. Alles schmeckt, als hätte ich meinen Geschmack verloren, aber es kann unmöglich dick machen. Also esse ich es langsam und beobachte einen, der über den Nobelkarossen in den Bäumen sitzt. Er trägt einen schwarzen Pullover und hat die Kapuze über den Kopf gezogen. Der hockt dort schon so lange, wie ich in diesem Zimmer sitze. Vermutlich ein gelangweilter Dorfjugendlicher. Plötzlich lässt er sich mit dem Kopf nach unten hängen und springt hinunter, sodass ich ihn nicht mehr sehen kann. Vielleicht verschönert er ja jetzt den Lack der Porsches und Mercedes. Meinen alten Volvo-Kombi wird er wohl in Ruhe lassen.
Was bezweckt Iwan damit, mich in diesem Zimmer zwischenzuparken?, denke ich, und dann schlafe ich tatsächlich für eine Weile, tief und traumlos, und werde erst vom Klingeln des Zimmertelefons geweckt. Die Blonde vom Empfang ist dran. »Herr Wiegels möchte sich gern mit Ihnen in der Sauna treffen. Sie finden sie im Erdgeschoss. Handtücher und ein Bademantel liegen für Sie im Schrank bereit. Eine Badehose auch.«
»Hören Sie«, sage ich, »mir ist jetzt nicht nach Sauna, können Sie das Herrn Wiegels bitte sagen?«
»Er sagte mir, dass Sie das sagen würden, und bat mich, Ihnen in diesem Fall mitzuteilen, dass er Sie nach der Sauna anrufen würde.«
»Wie lange ist er denn dort?«
»Gewöhnlich für zwei, drei Stunden«, antwortet sie, und mir ist, als würde sie ein Lachen unterdrücken.
»Mensch, Scheiße«, sage ich und lege auf.
Herr Wiegels! Dieser Iwan heißt ja noch nicht mal Iwan, und seine Vorfahren sind in etwa so russisch wie meine. Er ist Sachse oder Thüringer oder was weiß ich. Iwan ist ein Kampfname, den er sich irgendwann zugelegt hat. Absolut lächerlich.
In einem zu großen weißen Bademantel und einer exakt passenden grauen Badehose mit schwarzen Streifen gehe ich durch den Flur der Klinik. Kein Mensch ist zu sehen. Entweder ist hier keiner, oder die sind wirklich alle beim Brotbacken oder beim Rhönradfahren. Mich beruhigt das hier alles. Das viele Licht, das Holz, die Stille. Oder es sediert mich, ich bin mir nicht sicher.
Die Sauna liegt im Garten, und ich bin fast überrascht vom hellen Blau des Pools und dem Grün der Wiese drum herum. Der Pool ist vom selben Holz umgeben, aus dem das ganze Gebäude gebaut ist, und das überschwappende Wasser färbt es an einigen Stellen dunkel. Die Liegen, auf denen jeweils eine gefaltete Decke an exakt der gleichen Stelle liegt, sind leer. Ich gehe in das großzügige Saunagebäude, das wie ein Bunker in einen Hügel gebaut ist, und überlege, ob ich die Badehose ausziehen soll. Wird das hier eine Schwanzlängenvergleichsnummer oder was? Aber ich bin jetzt schon so weit gegangen, dass mir das auch egal ist. Ich ziehe die Hose aus und binde mir das Handtuch um die Hüfte.
Darüber bin ich dann sehr froh, als ich die Sauna betrete, denn neben Iwan sitzt eine junge Frau, sehr jung, sehr schön und sehr nackt. Ihre dunklen Haare fallen über ihre rechte Schulter und enden kurz über ihren perfekten kleinen Brüsten. Iwan springt auf und schüttelt mir die Hand. Für einen kurzen Moment fürchte ich, er würde mich umarmen. Sein schweißüberströmter tätowierter Körper ist eher massig als fett, und wirklich viel hat er hier drinnen noch nicht abgenommen. Sein kahl rasierter Schädel glänzt. Erst jetzt fällt mir hinter ihm der spektakuläre Blick über den Pool und die Felder bis zum Wald auf und auch, dass die beiden mich durch die getönten Scheiben schon lange sehen konnten. Die Sauna ist außer uns leer.
»Dr. Piepenburg, ich freue mich, Sie zu sehen«, sagt Iwan, und ich halte mit einer Hand das Handtuch um meine Hüften fest. Ich will hier raus, aber schnell. Iwan drückt mich auf die Holzbank, sodass zwischen mir und dieser nackten Schönheit Platz für ihn bleibt. »Das ist Nicole, meine Assistentin«, sagt er ohne jede Ironie, und wir reichen uns vor seiner Brust die Hand. Sie nickt mir dabei freundlich zu. »Gefällt es Ihnen hier?«, fragt sie, und Iwan deutet durch die Scheibe in die Weite der Landschaft, so, als würde das alles ihm gehören. »Ist doch herrlich.«
Ich weiß wirklich nicht, was ich da antworten soll, und in dem Moment steht Nicole auf und geht langsam zur Tür. Ihr schmales Gesicht ist gerötet, ihre roten Fußnägel leuchten auf den hellen Fliesen, und ihre Möse ist rasiert. Nur ein schmaler Streifen Haare steht noch darüber. Sie bewegt sich mit einer großen Natürlichkeit, so, als wäre sie nicht nackt, oder so, als wäre sie immer nackt. Als ihr kleiner runder Hintern aus dem Türrahmen verschwunden ist, sagt Iwan: »Dann können wir ja zum Geschäft kommen.«
»Verheimlichen Sie Ihre Geschäfte vor Ihrer Assistentin?«, frage ich, und Iwan lacht laut und klopft mir auf den Rücken, als hätte ich mich verschluckt. »Sie sind mir schon ein Kollege, Dr. Piepenburg. Muss ich wirklich sagen.« Eigentlich fehlt nur, dass er mich spielerisch in den Schwitzkasten nimmt.
Drei Stunden später schlurfe ich über die Kiesel des Parkplatzes zu meinem Auto. Ich habe mich von diesem Irren noch zu einem Abendessen im benachbarten Dorfgasthof nötigen lassen, und der ganze salzlos gedünstete Hokuspokus in der Klinik verlor dort endgültig seinen Sinn. Iwan aß einen gewaltigen Schweinebraten, trank dazu Bier und danach Mirabellenschnaps, und auch ich ließ mich nicht lumpen. Vielleicht, weil diese Nicole die ganze Zeit dabeisaß und ich mir auch während des Essens nicht klar wurde, in welchem Verhältnis sie zu diesem dicken Sachsen steht. Es gab keine Körperlichkeit zwischen den beiden. Sie saß einfach nur da. In einer engen blauen Jeans, einer weißen Bluse und schwarzen Pumps. Sie sagte fast nichts, dafür erklärte mir Iwan ausführlich den Berliner Immobilienmarkt und seine Rolle darin. Für sein Projekt im Wedding, wie er sein Haus nannte, benutzte er Worte wie: »hochwertige Materialien«, »gediegener Komfort« und »Anlagemöglichkeit für Spitzenverdiener«.
Ich aß Wiener Schnitzel, trank erst einen Viertel Liter Riesling und dann noch einen und ließ mich von Iwan auch zum Mirabellenschnaps drängen, inklusive Zigaretten auf der Terrasse. Vielleicht, weil mir diese Nicole gefiel, vielleicht, weil ich aber auch nicht nach Hause wollte, weil da ja niemand mehr ist.
Iwan gab mir zum Schluss die Unterlagen seines Mietshauses im Wedding. Ich werfe sie auf den Beifahrersitz und sehe in die dunkler werdende Dämmerung vor mir. Die Felder und der angrenzende Wald verlieren langsam ihre Konturen. Ich stecke den Zündschlüssel ins Schloss, doch bevor ich umdrehen kann, sagt jemand hinter mir: »Willst du wirklich noch fahren, Piepenburg? Du stinkst wie ’ne Kneipe.«
Ich zucke zusammen und stoße mit dem Kopf gegen die Sonnenblende vor mir, die noch ausgeklappt ist. Im Rückspiegel sehe ich, dass jemand im dunklen Kapuzenpullover hinter mir sitzt. Mit verschränkten Armen. Ich erkenne nur den Rand der Kapuze, kein Gesicht. Da ist nur ein schwarzes Loch. Mein Herz rast bis hoch zum Hals. Ich brauche das Gesicht nicht zu sehen, ich brauche mich auch nicht umzudrehen. Ich weiß, wer da sitzt. Sofort weiß ich das.
Als ich Daniel Rehmer das erste Mal sah, stand er ganz allein vor meiner Klasse in der Theodor-Körner-Schule. Es muss in der siebten gewesen sein, wir hatten gerade Englisch, und Daniel wurde von unserer Klassenlehrerin in den Raum gebracht. Ein großer schmaler Junge mit Seitenscheitel. Er trug einen dunkelblauen Anorak, in dem er etwas versank, und eine Jeans, und er sah niemanden an. Er guckte über uns hinweg, nach hinten, so, als wäre da keine Wand, sondern ein Wald oder das Meer.
Eine Woche später kannte ich seine Geschichte oder das, was über ihn erzählt wurde. Seine Mutter hatte ihn mit siebzehn geboren, noch als Krankenschwesternschülerin. Sie kam aus Plau am See und hatte dort wohl ein Verhältnis mit dem Chefarzt der Chirurgie gehabt, und als dieser erst von seiner Frau und dann von der Partei zur Rede gestellt wurde, musste Daniels Mutter gehen. Sie entschied sich für Rostock, für das Südstadtkrankenhaus, und von diesem bekam sie eine Ausbauwohnung unten am alten Hafen, in der östlichen Altstadt. Im Nachtjackenviertel, wie bei uns zu Hause die Gegend genannt wurde.
Meine Eltern hatten, während sie das alles an unserem weiß gedeckten Mittagstisch debattierten, keine Ahnung, was Wörter wie Verhältnis, Rummachen oder Flittchen mit mir und meinem vorpubertären Körper anstellten, und wenn, wäre es ihnen vermutlich auch egal gewesen. Mein Vater hielt seinen Kopf tief über den Teller gebeugt, wie ein Tier an der Tränke, und schmatzte leise. So sah man seine beginnende Glatze, aber nicht sein Gesicht und was er von der Geschichte hielt. Ich glaube, sie interessierte ihn nicht weiter, und er hörte sich das eben an, weil Zuhören zum gemeinsamen Mittagessen gehörte. Wenn er aufgegessen hatte, legte er das Besteck zusammen, schob den Teller ein Stück von sich, zog sich seinen Kittel mit unserem Namen drauf wieder an und verschwand zu seinen Shampoos und Seifen.
Wir wohnten in einer der alten Stadtvillen in der Steintor-Vorstadt. In der Herderstraße. Im ersten Stock unter uns lebte mein Großvater, der die Drogerie Piepenburg am Doberaner Platz schon von seinem Vater übernommen hatte. Das Geschäft hatte die Familie auch in den Sozialismus rübergerettet. Meine Mutter kochte jeden Tag das Mittagessen in der alten Villa, das sie meinem Großvater, der auch der Hausbesitzer war, als Erstes nach unten brachte. Wir aßen oben nach der Schule zu dritt. Ich war ein Einzelkind, und das war vermutlich die größte Schmach meiner Mutter, dass sie nach mir nie wieder schwanger wurde. »Aber wir haben ja uns, Mathilde«, pflegte mein Vater zu sagen. »Und einer ist besser als keiner.« Dieser eine war ich.
Meine Eltern taten eigentlich so, als würde es die DDR und ihren Sozialismus gar nicht geben. Sie ließen sich von den Westverwandten Uwe Johnson und Walter Kempowski mitbringen, hatten ein Abo fürs Theater und eines für die klassischen Konzerte, und was da unten am alten Hafen in den heruntergekommenen Häusern passierte, das ging uns nur etwas an, wenn es bei Kempowski stand. Uns ging es nämlich noch gold.
Daniel setzte sich ganz nach hinten rechts ans Fenster. Neben ihm saß niemand, und als unsere Klassenlehrerin fragte, ob sich jemand die Bank mit ihm teilen wollte, da hätte ich mich schon gern gemeldet, aber ich habe mich nicht getraut. Außerdem sagte Daniel schnell: »Ich sitze gern allein.« Das war das Erste, was ich von ihm hörte.
Er bekam dann gleich in der Hofpause was aufs Maul, von Jan Lehmann, dem Macker unserer Klasse. Es war besser, ihn nicht zum Feind zu haben. Sein Gesicht war schon voller Pickel, auf seinem Rücken waren sie sogar mandelgroß und violett. Er war in fast allen Fächern der Schlechteste, außer in Sport natürlich. Ich kann mich an eine Sportstunde erinnern, in der er über das lederne Pferd sprang, ohne sich darauf abzustützen. Er flog einfach darüber und fiel dahinter auf die Matte, der Lehrer konnte ihn nicht mehr auffangen. Ich kam immer nur bis zur Mitte des Pferdes. Da, wo man sich eigentlich abstützen sollte, da landete ich jedes Mal. Aber ich kam mit Jan klar, ich kam eigentlich mit allen klar. Einigermaßen.
»Was guckst du denn so blöd«, sagte Jan zu Daniel auf dem Schulhof, einer öden großen Sandfläche hinter dem gelben Klinkerbau. Er hatte ihn neben dem riesigen Kohlenhaufen, der da schon seit Wochen lag, abgepasst und ihn direkt angerempelt. Daniel antwortete nicht. Er war nicht viel kleiner als Jan, aber schmaler, und als der ihm eine reinhaute, schlug er sofort zurück. Er traf Jan nur an der Schulter – der hatte ihn an der Lippe erwischt, die aufgeplatzt war und blutete –, aber trotzdem klärte das die Verhältnisse. Dieses Zurückschlagen, sofort und ohne zu zögern. »Pass auf, Neuer!«, Jan drehte sich um und verschwand mit seiner Gang. Ich hätte Daniel gern ein Taschentuch gegeben, aber erstens hatte ich keines, und zweitens sah er nicht so aus, als würde er eines brauchen. »Du blutest«, sagte ich, und als wäre das nicht schon sinnlos genug, zeigte ich noch auf seine Lippe: »Da.« Er nickte: »Ich weiß.« Also drehte ich mich um und ging auch.
Es dauerte zwei Jahre, bis wir Freunde wurden. Ich war von Anfang an gern in seiner Nähe. Er redete nicht ständig über Mopeds, die Karren genannt wurden, oder Mädchen, die die Olschen genannt wurden und in deren Nähe die anderen Jungs meistens verstummten oder sehr laut wurden. Daniel redete eigentlich gar nicht, und auf meine wenigen vorsichtigen Angebote, die Nachmittage gemeinsam zu verbringen, sagte er: »Lass man, Piepenburg. Hab zu tun.« Was, blieb unklar. Er kam zur Schule und ging zu den Nachmittagsveranstaltungen, den FDJ-Versammlungen oder zum Sportfest, wenn er denn nicht krank war – und er war oft krank. In der Klasse wurde gemunkelt, er habe eigentlich nur keine Lust, und seine Schlampenmutter schreibe ihm die Entschuldigungsbriefe, wie er wolle.
Daniel hatte in den großen Ferien Geburtstag, feierte den aber nie. Aber er kam zu meinen Geburtstagen im Mai in die Herderstraße. Meine Mutter buk Kuchen, organisierte Spiele, und der Höhepunkt war ein Eisbecher, den sie mit einem brennenden Stück Würfelzucker garnierte. Den legte sie vorher in Weinbrand, und als wir anfingen, den lieber zu trinken, wurden Daniel und ich Freunde.
Wir hingen zusammen rum, weshalb, kann ich gar nicht mehr sagen. Vielleicht wollte er doch etwas von mir wissen, etwas für die Schule. Ich war im Unterricht viel besser als er, vor allem in Physik, Mathe und Chemie. »Das interessiert mich einen Scheiß«, sagte er, und es kann sein, dass mir das die Tür zur Wohnung in der östlichen Altstadt öffnete. Ich schlich da durch wie eine Katze, und seitdem verbrachten wir viel Zeit miteinander. Am Nachmittag fuhr ich mit dem Fahrrad am Steintor vorbei, an der alten Stadtmauer entlang und dann am Kuhtor runter über Kopfsteinpflaster ins Nachtjackenviertel. Die DDR ging in den späten Achtzigerjahren in die Knie, und in diesem Viertel lag sie schon am Boden. Die Häuser waren völlig heruntergekommen, der Putz bröckelte nicht, er war schon ab. Wer hier wohnte, bekam entweder keine andere Wohnung oder besetzte einen der vielen Leerstände. Der Staat hatte längst die Übersicht verloren. Arbeiter, Studenten, Rentner und Alkis teilten sich das Viertel.