Victoria Brownlee
Mit Liebe gemacht
Roman
Aus dem Englischen
von Silvia Kinkel

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Escape to the French Farmhouse« bei Quercus Books, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung März 2020
Copyright © der Originalausgabe 2019 by Victoria Brownlee
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: FinePic®, München
Redaktion: Gisela Klemt; lüra – Klemt & Mues GbR
MR · Herstellung: kw
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-23345-7
V001
www.goldmann-verlag.de
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»Hinter jedem Käse steckt eine Weide von Grün unter anderem Himmel.« Italo Calvino
Teil eins

Herbst
Kapitel 1
Ungläubig starrte ich auf den Test. Dass sich ein derartig lebensverändernder Moment bei heruntergelassener Hose ereignet, ist wirklich krass. Ein Baby, un bébé, es klang furchteinflößend – egal, in welcher Sprache.
Merde!, fluchte ich innerlich, zog die Hose hoch und drückte auf die Klospülung. Wie konnte das nur passieren?
Als ich mir am Vorabend den Test besorgt hatte, war er nur zur Beruhigung gedacht, weil ich – so nahm ich jedenfalls an – ein bisschen hysterisch reagierte. Ich hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass das Ergebnis positiv ausfallen würde. Rasch stopfte ich das Stäbchen mit den zwei blauen Strichen in meinen BH und atmete tief durch.
»Bonjour, ma belle!«, rief Serge aus der Küche.
»Bonjour«, antwortete ich und ging zu ihm.
»Hast du gut geschlafen?«, fragte er mich auf Französisch und reichte mir eine große Tasse Kaffee.
Wir bekommen ein Baby und werden nie wieder schlafen!, wollte ich schreien, sagte aber stattdessen wie auf Autopilot: »Très bien. Et toi?« Meine Gedanken kreisten nur um die Frage, wann ich Serge sagen sollte, dass er papa wurde. Er nickte und wollte mich umarmen. Aber ich duckte mich weg, durfte auf keinen Fall riskieren, dass das Teststäbchen aus meinem BH rutschte und alles verriet.
»Ich muss mich beeilen«, ergänzte ich auf Englisch und warf ihm eine Kusshand zu. »Vor der Arbeit muss ich noch in die Apotheke …« Um ein Dutzend weitere Schwangerschaftstests zu kaufen, fügte ich im Kopf hinzu.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
»Aber klar, nur Stresskopfschmerzen«, versicherte ich. Zumindest der Teil mit dem »Stress« war nicht gelogen.
Hastig trank ich einen Schluck Kaffee und spuckte ihn sofort wieder aus – Koffein ist schlecht für Schwangere!
Serge sah mich stirnrunzelnd an, und ich wedelte mit der Hand vor dem Mund herum. »Zu heiß«, murmelte ich mit entschuldigendem Blick und schüttete den Rest des köstlichen Getränks in den Ausguss.
»Kein Problem, Bella«, sagte er lächelnd. Serge nannte mich seit neuestem Bella. Eine Kombination aus belle und Ella. Das war charmant und liebevoll, genau wie er selbst. Ich dachte daran, ihm auf der Stelle die Neuigkeit zu erzählen, während mich seine muskulösen Arme umschlossen und sein Gesicht strahlte, aber aus irgendeinem Grund brachte ich die Wörter nicht über die Lippen. Zuerst musste ich begreifen, was es für Konsequenzen hatte, dass ich in Frankreich schwanger war.
Serge und ich waren erst seit Anfang des Jahres zusammen, obwohl unsere Freundschaft sich entwickelte, seit ich an meinem ersten Tag in Paris in seine fromagerie stolperte und ihn Mr. Cheeseman taufte. Wir hatten gemeinsam eine Menge durchgestanden, angefangen von meiner naiven Wette mit ihm, ich könne 365 Käsesorten in einem Jahr probieren, seiner Hilfe, die Wette dann doch noch zu gewinnen, einem innigen Kuss nach einem dekadenten Käsedinner, den ich erwiderte, weil mir plötzlich klar wurde, dass ich ihn liebte.
Als ich in Paris ankam, war ich nicht auf der Suche nach einem neuen Freund, verliebte mich jedoch Hals über Kopf in einen Mistkerl namens Gaston. Mich auf diese Weise von einer gescheiterten Beziehung abzulenken war das Dämlichste, was ich hatte tun können. Aber Gaston war unglaublich charmant, und nachdem sich in Australien mein langjähriger Freund von mir getrennt hatte, erlag ich seinem französischen Charme, bis ich ihn nur wenige Monate später bei einem Dreier erwischte. Das war hoffentlich die letzte Lektion, die ich brauchte, um mich nicht mehr in Idioten zu verlieben.
Nachdem ich dann, ähnlich wie George Orwell, meinen persönlichen Erledigt-in-Paris-Moment durchlebte, wurde mir klar, wie dumm ich gewesen war, nicht den wahren Helden in meiner Geschichte zu erkennen, nämlich Serge. Er war nicht der Typ Mann, auf den ich normalerweise stehe – will heißen, dass er nett war und sich dafür interessierte, was mir wichtig war – , aber ich hatte lange genug die Augen gegenüber der wahren Liebe geschlossen. Also fuhr ich ihm hinterher, als er auf einer Käseeinkaufstour im Loire-Tal unterwegs war, um ihm zu sagen, was ich für ihn empfand. Das war eine verdammt große Geste und zum Glück für mein Liebesleben – und meinen Stolz – erfolgreich.
Serge entpuppte sich als jemand, den ich mir nie erträumt hätte. Er war süß, abenteuerlustig, loyal und zielstrebig, ein hoffnungsloser Romantiker und eiserner Verfechter der französischen Kultur und Tradition, was sich in seiner Hingabe und Bewunderung für französischen Käse niederschlug.
Seit meiner Liebeserklärung erblühte unsere Beziehung, und ich bewunderte diesen Mann. Natürlich hatten wir auch unsere Differenzen, zum Beispiel wegen seiner Abneigung gegenüber allem, was mit Technik zu tun hat, einschließlich des von mir eingerichteten Instagram-Accounts, auf dem ich meine Follower über Käse informiere und durch den seine fromagerie Kultstatus bei englischsprachigen Touristen erlangt hatte. Aber in anderen Dingen waren wir fast immer einer Meinung.
Trotzdem fragte ich mich jetzt, ob wir die Probleme nicht geradezu heraufbeschworen, wenn wir unsere Beziehung durch ein Baby auf ein neues Level brachten. Wir waren noch nicht einmal ein Jahr zusammen, hatten noch keinen heftigen Streit gehabt. Und ganz sicher hatten wir noch nicht über Kinder gesprochen. Konnte eine gemeinsame Liebe für Käse, Paris und einander reichen, um das durchzustehen?
Zum Glück musste ich ins Büro und hatte den ganzen Tag Zeit, um über alles nachzudenken. Für derart ernste Themen war es noch zu früh am Morgen.
Draußen war es kalt. Die Sommerwärme hatte sich verflüchtigt, sobald ich das Kalenderblatt umgeblättert hatte auf Oktober. In Paris gibt es einen bestimmten Geruch, den ich seit dem letzten Jahr mit Herbst und Winter verband. Es war eine Mischung aus warmer Luft, die aus den Gitterrosten der Métro strömte, und Kochdüften, die aus den Schulkantinen waberten. Gelegentlich schleicht sich ein Hauch Urin dazu, der aber von dem häufigen Herbstregen zum Glück schnell weggewaschen wird.
Als ich im Büro von Food To Go Go eintraf, überraschte es mich nicht, dass Tim schon dort war. Seit er vor ein paar Monaten die Fördermittel bekommen hatte, arbeitete er fast rund um die Uhr. Die Firma war unterbesetzt, schaffte es aber trotz allem zu wachsen, was manchmal an ein Wunder grenzte. Aber Tim war wild entschlossen, und seine Leidenschaft für einen Lieferservice von qualitativ hochwertigem Essen schien unseren Erfolg anzutreiben.
»Oh, hey, Ella«, begrüßte er mich und klang erschöpft.
»Alles okay?«, fragte ich.
»Anstrengende Nacht mit dem Baby.«
Ich fühlte mit ihm. »Schläft sie immer noch nicht durch?«
»Nein, sie ist wie auf Dauerbetrieb. Mein Leben wird nie wieder normal sein.«
»Wie alt ist die Kleine jetzt?«, fragte ich.
»Fast zehn Monate …«, stöhnte er.
»Und es ist immer noch so schlimm?« Normalerweise wäre ich nicht weiter auf Tims Baby-Klagelied eingestiegen. Wieso sollte man Kinder kriegen, wenn man gern schläft?, hätte ich gedacht. Aber nun waren die Karten neu gemischt, und ich hatte ein anderes Blatt in der Hand.
»Allerdings. Ich gebe dir den guten Rat, nie ein Kind zu bekommen – jedenfalls nicht, wenn du ein normales Leben behalten willst. Im Vergleich dazu ist der Mist hier die reinste Erholung.«
Ich lachte und hoffte, dass Tim übertrieb. Aber seine Miene blieb ernst, und mit den dunklen Rändern unter den Augen sah er aus wie ein Zombie. Shit, fluchte ich innerlich, setzte mich hin und schaltete den Computer ein.
Ich scrollte durch meine Projekte, konnte mich aber nicht auf die Arbeit konzentrieren. Ständig musste ich an das Testergebnis denken. Was sollte ich denn nur tun? Ich fragte Tim, ob ich ihm einen Kaffee holen solle. Vor lauter Dankbarkeit stand er auf und drückte mich.
»Hol mir bitte einen dreifachen Latte, Ella. Das wird ein langer Tag.«
Zum Glück lag unser neues Büro nur einen kurzen Fußmarsch vom Flat White entfernt, einem der meiner Meinung nach besten Coffee Shops von Paris (völlig unbeeinflusst von der Tatsache, dass ich fast ein Jahr lang hier gearbeitet habe und immer noch Freunde- und Familienrabatt genieße). Als ich eintrat, entdeckte ich erleichtert Chris’ lächelndes Gesicht hinter der Kaffeemaschine.
Ich ließ mich auf einen Hocker an der Bar fallen. Es fühlte sich tröstlich an, in dem Café zu sein, auf vertrautem Boden. Die Wärme des Backofens und der Duft von Chocolate Chip Cookies ließen mich das Teststäbchen in meiner Handtasche beinahe vergessen. Ich sehnte mich des Öfteren nach der Ruhe und Vertrautheit der Arbeit im Flat White. So sehr ich meinen Job im Büro auch mochte, das soziale Umfeld im Café vermisste ich.
»Was hättest du gern, El?«, fragte Chris, und sein australischer Akzent verstärkte das Gefühl von Heimat. »Das Übliche?«
»Klar«, antwortete ich, ohne nachzudenken. »Nein, warte … Hast du auch koffeinfreien?«
»Hä? Natürlich nicht. Blasphemie! Was ist los?«
»Nichts«, log ich und hoffte, dass er nicht mitbekam, wie mir das Blut in die Wangen schoss. »Dann nehme ich eine heiße Schokolade.«
Chris zog die Brauen hoch, sagte jedoch nichts. Wenn es um mich ging, blieb er stets Gentleman, was für diesen Weiberhelden echt erstaunlich war. Wir stammen beide aus Melbourne und hatten uns kennengelernt, als ich kurz nach meiner Ankunft in Paris einen Job suchte und im White Flat anfing. Seither sind wir Freunde. Anfangs stand ich schon ein bisschen auf ihn, aber das war kein Thema, weil ich keine Französin bin. Chris hatte nämlich eine Schwäche für (meist emotional instabile) Französinnen. Abgesehen von seinen Beziehungsdramen ist Kaffee seine Passion. Mittlerweile war er für mich fast wie der Bruder, den ich nie gehabt hatte.
»Und einen dreifachen Latte für Tim«, fügte ich hinzu.
»Immer noch Stress mit dem Baby?«, fragte Chris, der nur allzu gut mitbekommen hatte, wie sehr sich Tims Lebens verändert hatte, und keinen Hehl aus seinem Bedauern machte, seinen Saufkumpan verloren zu haben.
»Yep«, antwortete ich. »Und gib uns noch ein paar von den Cookies dazu.«
Langsam ging ich zurück zum Büro, umklammerte die Takeaway-Becher, damit sie warm blieben. Als ich vorsichtig den ersten Schluck trank, wurde ich unsanft daran erinnert, dass es kein Kaffee war und ich auch für längere Zeit keinen trinken würde. Und schon grübelte ich wieder, was für Auswirkungen ein Kind auf mein Leben in Frankreich und auf meine Beziehung mit Serge haben würde.
Ist es für uns beide überhaupt der richtige Zeitpunkt? Ich hatte einen guten Job und fühlte mich wohl in Paris. Ich hatte Kollegen, Freunde, ein mich unterstützendes Netzwerk. Und Serge hatte sich gerade entschieden, eine Filiale seiner fromagerie zu eröffnen, und suchte nach einem Ladenlokal. Er war motiviert und freute sich darauf zu expandieren. Ein Baby wäre wie ein Bremsklotz. Womöglich würde Serge es sogar bedauern, wenn er deshalb seine Pläne nicht umsetzen konnte.
Wollte er überhaupt Kinder? Als er mir erzählte, dass er schon einmal verheiratet gewesen war, versetzte mir das einen ziemlichen Schock. Allerdings lief es wohl zwischen ihm und seiner Frau schon länger nicht besonders gut, sodass Kinder bestimmt kein Thema waren.
Und was war mit mir? Wollte ich ein Kind? Einen kleinen Franzosen oder eine kleine Französin? Als ich noch in Australien lebte, dachte ich schon, dass ich irgendwann Kinder bekommen würde. Aber nach der unerwarteten Trennung von meinem langjährigen Freund Paul hatte ich mir gesagt, dass ich mir bei einem Mann erst 100-prozentig sicher sein musste, bevor ich mich auf das Thema Kinder einlasse. Nun, ich war mir zwar sicher, dass ich Serge liebte, aber wie würde er auf die Neuigkeit reagieren? Und wenn ich es allein aufziehen muss?
Und dann wurde mir schlagartig noch etwas klar. Schwanger zu sein bedeutete: Schluss mit Wein, Rohmilchkäse und wer weiß was sonst noch.
Außerdem hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie man ein Kind aufzieht, ganz davon zu schweigen, wie man mit einem Neugeborenen umgeht.
Ich versuchte auszurechnen, wann es passiert sein musste. Es konnte nicht länger als sechs Wochen her sein. Serge und ich hatten Ende des Sommers ein ziemlich heißes Wochenende in der Provence verbracht und es dabei mit der Verhütung wohl nicht ganz so genau genommen.
Ich würde ja gern sagen, dass der Sex es wert war, aber gemessen an den kommenden etwa achtzehn Jahren … Aber wie auch immer es passiert war – es war noch früh genug für sämtliche Optionen. In jedem Fall war es eine Entscheidung, die Serge und ich gemeinsam treffen mussten. Er war mein Leben in Paris und überhaupt der Grund, warum ich in Frankreich geblieben war. Aber wie soll ich ihm klarmachen, dass ich fürchtete, dieses Kind könnte eine große Belastung für unsere Beziehung sein? Und dass wir schwierige Entscheidungen treffen müssten, falls es nicht funktionierte?
In Momenten wie diesen fehlte mir Clotilde. Wir hatten zusammengewohnt, und sie hatte mir auch den Job bei Food To Go Go besorgt. Aber sie war schon seit Monaten unterwegs und machte Karriere als Model. Die meiste Zeit reiste sie nun im Ausland. Sie wüsste bestimmt, was zu tun wäre, damit ich mich besser fühlte. Seit dem Tag, als wir uns kennenlernten, war sie mir immer eine große Hilfe gewesen, sodass ich mich in Frankreich einleben konnte. Sogar nach der Katastrophe mit Gaston, der sich übrigens als ihr Cousin entpuppte, hatte sie mich mit viel Wein und moralischer Unterstützung durch diese schwierige Phase gebracht. Nach Serge stand sie mir in Frankreich am nächsten, und dass sie nun so viel herumreiste, machte Paris für mich ein bisschen einsamer. Zum Glück kam sie dieses Wochenende nach einem einmonatigen Job in New York zurück. Falls ich bis dahin noch nicht den Mut aufgebracht hatte, Serge von der Schwangerschaft zu erzählen, würde sie mir bestimmt helfen, einen Plan auszuarbeiten.
Ich zwang mich, nicht länger zu grübeln und mich stattdessen auf die Arbeit zu konzentrieren. Als sich jedoch gegen sechs Uhr abends das Büro leerte, kehrte der Druck zurück, und ich verspürte ein mulmiges Gefühl in meiner Bauchgegend. In der Hoffnung, dass es sich lediglich um Hunger handelte, checkte ich in meinem Handy, welche Lebensmittel Schwangere gefahrlos zu sich nehmen dürfen – nur für den Fall, dass es zum Abendessen eine Käseplatte geben würde (was nicht unwahrscheinlich war, da Essen ohne Käse für Serge nahezu undenkbar schien).
Das Ergebnis meiner Suche war so niederschmetternd, wie ich befürchtet hatte. Schnitt- und Weichkäse nur aus pasteurisierter Milch, kein Weiß- oder Blauschimmelkäse – leb wohl, Camembert Roquefort. Ich versuchte, mich auf das Positive zu konzentrieren. Es gab immer noch Comté. Und Gouda und Gruyère. Wenigstens war nicht alles verloren.
»Was sollen wir heute Abend essen?«, fragte Serge stirnrunzelnd, als ich nach Hause kam. Er hielt einen Neufchâtel hoch, den herzförmigen Kuhmilchkäse aus der Normandie. Auf unserer Küchenanrichte reihten sich weitere Käsesorten auf.
»Mir ist heute nicht so nach Käse.« Ich bemühte mich, fröhlich zu klingen, obwohl mir zum Heulen war.
Serge starrte mich an, als sei ich eine Fremde. »Ella, ça va?«
»Natürlich geht es mir gut. Ich finde nur, wir haben in letzter Zeit ziemlich kalorienreich gegessen. Vielleicht sollten wir mal eine Käse-Pause machen. Eine Art Käse-Entgiftung?«
»Keine gute Idee, Ella.«
»Du hast recht. Aber vielleicht können wir es etwas fettreduzierter angehen. Ein 30 Monate alter Comté?«
Fettreduziert war wirklich etwas anderes, aber wenn ich schon neun Monate lang nur eingeschränkt Käse essen durfte, warum dann nicht aufs Ganze gehen bei den Sorten, die überhaupt möglich waren? Bébé würde mir sicher zustimmen.
»Gute Idee.« Serge wirkte erleichtert. Während er die Käsepäckchen zurück in den Kühlschrank räumte, dachte ich an all die Bries und mit Asche überzogenen Ziegenkäse, die förmlich danach schrien, verspeist zu werden. Wie schade, dass ich keine Gelegenheit hatte, eine Käse-Abschiedsparty zu feiern.
Serge bereitete uns Schweinekoteletts und Berglinsen zu, während ich so tat, als müsse ich an meinem Laptop noch eine Arbeit fertigstellen. Er brachte mir ein Glas Rotwein, das mich verhöhnte, derweil ich gerade googelte, wie wahrscheinlich es war, dass ein Schwangerschaftstest falsch positiv ausfiel (sehr gering), und wie man seinem Freund am besten beibringt, dass man schwanger ist. Mir war nicht wohl dabei, als ich Vorschläge las wie: »Präsentieren Sie dem zukünftigen Vater den Teststreifen plus Strampler.« Oder: »Schenken Sie ihm ein T-Shirt mit der Aufschrift ›Weltbester Vater‹.« Das alles kam mir ein bisschen gekünstelt vor, insbesondere bei einem bodenständigen Kerl wie Serge.
Aber wenn dir ständig Kaffee, Wein oder Käse angeboten wird, ist es ganz schön anstrengend, eine Schwangerschaft zu verheimlichen. Außerdem brauchte ich Serges Hilfe, um herauszufinden, wie das mit der ärztlichen Versorgung in Frankreich funktioniert.
Ein Teil von mir wollte natürlich auch unbedingt wissen, wie er dazu stand. Es hatte etwas von einer Belastungsprobe für die Beziehung, aber eine, für die es mir ein bisschen früh schien.
Als Serge rief, dass das Abendessen fertig sei, schnappte ich das nicht angerührte Glas Rotwein, klappte den Laptop zu und atmete ein paar Mal tief durch. Jetzt oder nie, Ella! Du schaffst das!
Ich schlang mein Essen förmlich hinunter. Lag das an der Schwangerschaft? Vielleicht waren es nur die Nerven. Serge erzählte mir währenddessen, dass tagsüber eine Amerikanerin bei ihm im Laden war, die für ihre Hochzeit einen ganzen Berg verschiedener Käsesorten kaufen wollte.
»Und sie bestand allen Ernstes darauf, dass sie zu einer Pyramide gestapelt werden, die größten ganz unten und die kleinsten oben auf der Spitze. Ich habe versucht, ihr klarzumachen, dass man die Käse separat voneinander anrichten sollte, um das Aroma nicht zu zerstören. Aber sie wollte einfach nicht hören!«
»Geschmack kann man eben nicht kaufen«, scherzte ich, aber Serge war zu aufgebracht für Witze.
»Sie sagte, sie brauche keine Ratschläge, sie wolle lediglich Käse bestellen. Aber ich will nicht, dass sie bei der Hochzeit dann enttäuscht ist – schließlich ist es ein wichtiger Tag – , deshalb sagte ich, dass man zu einer Riesentorte aufgestapelten Käse auch nicht schneiden könne. Aber dann zeigte sie mir ein Foto von einer solchen Konstruktion – interessant sah es schon aus, funktionieren kann es trotzdem nicht. Es war zum Verzweifeln.«
Ich lachte. Serge hat präzise Vorstellungen, wie man Käse servieren muss, aber diese amerikanische Braut schien das nicht zu beeindrucken. Den Schlagabtausch hätte ich gern miterlebt.
»Und? Hat sie am Ende etwas gekauft, oder hast du sie in die Flucht geschlagen?«, fragte ich.
»Sie hat natürlich eine Riesenbestellung aufgegeben, aber ich werde exakte Anweisungen dazulegen, wie man den Käse servieren muss. Dann ist sie selbst schuld, wenn sie das Optische über das Aroma stellt. Wenigstens verursacht es mir dann keine schlaflosen Nächte.«
»Apropos schlafen.« Das schien mir ein guter Anknüpfungspunkt zu sein. »Ich habe Neuigkeiten.«
»Ich auch«, erwiderte er.
»Oh«, murmelte ich überrascht. Was in aller Welt konnte das sein? »Dann du zuerst.«
»Ich habe im sechsten Arrondissement das perfekte Ladenlokal für eine zweite fromagerie gefunden. Der bisherige Inhaber, ausgerechnet ein Schuster, war dort 30 Jahre. Aber nun ist er gestorben«, fügte Serge sachlich hinzu.
»Ach«, sagte ich und wollte gerade mein Mitgefühl bekunden, als er fortfuhr: »Deshalb ist es jetzt zu haben. Ich muss dem Makler so schnell wie möglich Bescheid sagen, am besten noch heute Abend. Was meinst du?«
Er holte das Angebot samt Fotos hervor. Ich konnte nicht einschätzen, inwiefern die Schwangerschaft Serges Entscheidung beeinflussen würde. Vielleicht sollte ich mit meiner Neuigkeit noch warten.
»Bist du sicher, dass du die Verantwortung für ein zweites Geschäft übernehmen willst?«
»Mai oui«, versicherte er. »Es ist doch schon entschieden, non?«
»Ja, natürlich …« Irgendwie steckte ich in einer Sackgasse. »Aber schaffst du das zeitlich? Du hattest in den letzten Wochen so viel um die Ohren.«
»Fanny hat sich schon bereit erklärt, während der Anfangsphase in dem alten Geschäft mehr Stunden zu arbeiten.«
»Oh, gut.« Mir fiel nichts mehr ein.
»Du hältst es für keine gute Idee?«
»Das ist eigentlich nicht der Punkt …«, erwiderte ich.
»Wo liegt dann das Problem?«
»Kein Problem. Hört sich toll an.« Ich rang mir ein Lächeln ab.
»Bon.« Er nickte.
»Bon«, stimmte ich zu.
»Und was wolltest du mir erzählen?«, fragte er, schnitt sich ein großes Stück Kotelett ab und schob es sich in den Mund.
Es bringt nichts, um den heißen Brei herumzureden, sagte ich mir.
»Ich bin schwanger.«
Er hüstelte verlegen. »Du bist was?«
»Je suis enceinte«, wiederholte ich. Das französische Wort für schwanger kannte ich, seit ich heute Morgen diesen Test gemacht hatte. In Anbetracht der Tatsachen eine sinnvolle Bereicherung meines Französisch-Vokabulars.
»Bébé.« Zur Betonung zeigte ich auf meinen Bauch.
Serge starrte mich mit großen Augen an, dann leerte er sein Weinglas auf ex.
»Oh là«, war alles, was er kopfschüttelnd herausbrachte.
Kapitel 2
Als ich schon zu fürchten begann, dass Serge einen stummen Herzinfarkt erlitten hatte, fragte ich ihn, ob er mich verstanden habe.
»Das ist wohl kaum misszuverstehen, aber bist du dir sicher, Ella?« Seine Miene blieb ausdruckslos, und mir wurde schwer ums Herz.
»Ziemlich sicher, ja. Aber es ist ganz am Anfang, und es kann noch viel passieren. Es muss an unserem Wochenende in der Provence gewesen sein.«
Er grinste und erinnerte sich offenbar sofort. Ich wartete darauf, dass sein Gehirn die Dimension meiner Neuigkeit vollständig aufnahm, und wünschte, er würde mich in die Arme schließen und mir sagen, dass alles gut werden würde.
Aber stattdessen sagte er: »Na schön«, stand auf und räumte den Tisch ab, einschließlich meines noch vollen Weinglases.
»Mehr sagst du nicht dazu?«, rief ich ihm nach und wurde immer nervöser. Lautstark spülte er die Teller ab, während ich am Tisch sitzen blieb und auf ihn wartete. Ich hielt ihm zugute, dass ich immerhin den ganzen Tag Zeit gehabt hatte, um mich an den Gedanken zu gewöhnen (und schließlich immer noch nicht wusste, wie es weitergehen sollte). Vielleicht brauchte er wenigstens ein paar Minuten.
Serge kam zurück und brachte den Comté, ein weiteres (randvolles) Glas Wein und ein Glas Wasser für mich mit.
»Ma Bella«, begann er und machte eine schier endlos lange Pause, bevor er fortfuhr, »geht es dir gut?«
»Klar. Ich meine, es war natürlich ein Schock, aber ich habe keine Beschwerden oder so. Noch nicht jedenfalls«, druckste ich herum und verstand nicht, worauf er hinauswollte.
»Nein, nicht körperlich. Diese Neuigkeit. Ist es das, was du willst?« Ich konnte ihm ansehen, wie er meine Reaktion einzuschätzen versuchte. Er wollte mir auf den Zahn fühlen, genauso wie ich ihm.
Also schwafelte ich herum. »Nun, wir haben ja bisher noch nie über so etwas gesprochen. Ich bin sehr glücklich mit dir, und wir sind beziehungsmäßig auf einem guten Weg, aber ich bin nicht sicher, ob ich mir vorstellen kann, ein Kind zu haben.«
Serge wirkte verloren, also schaltete ich einen Gang herunter. Ich vergaß oft, dass Englisch nicht seine Muttersprache war, trotz seines wunderbaren Akzents. Ich holte tief Luft. »Aber ich denke, es kann funktionieren«, sagte ich und fühlte mich, als würde ich auf einem Brückengeländer stehen und um einen Grund betteln, nicht springen zu müssen.
»Ich auch«, sagte er nach einer kurzen Pause. Erleichtert fiel ich zurück auf den sicheren Boden. Dann stand ich auf und umarmte ihn. Er zog mich auf seinen Schoß und küsste mich.
»Ist es das, was du willst?«, fragte er und schlang die Arme um mich.
»Wenn du es auch willst …« Zum ersten Mal, seit ich heute Morgen auf das Stäbchen gepinkelt hatte, fühlte ich mich geborgen und sicher.
»Ah, oui. Ein sehr glücklicher Unfall.«
Der glückselige Moment sollte jedoch rasch vorbei sein. Serge schob mich zurück auf meinen Stuhl, umfasste meine Schultern und sagte mit ernster Miene: »Das ändert vieles, Ella.«
»Hä? Warum?«
»Nun ich halte es für verrückt, jetzt einen neuen Kredit aufzunehmen, um ein zweites Geschäft zu eröffnen.«
»Blödsinn«, widersprach ich, weil ich genau das befürchtet hatte.
»Mais oui. Mit der Schwangerschaft und der Ankunft des Babys haben wir schon genug zu tun.«
»Aber was ist mit dem Ladenlokal, das du gefunden hast? Das planst du doch schon seit Ewigkeiten.«
»Diese Dinge können warten, Ella«, erklärte er pragmatisch.
»Aber bist du sicher, dass sie das müssen?« Ich fühlte mich schuldig, weil er seinen Traum jetzt aufgeben wollte.
»Natürlich. Und wir müssen umziehen.« Das traf mich noch unerwarteter.
»Wohin? Doch nicht zurück nach Australien?«, fragte ich entsetzt.
Obwohl das im Nachhinein betrachtet eine logische Schlussfolgerung gewesen wäre, war es mir nicht in den Sinn gekommen. Mein Leben fand hier in Paris statt.
»Non, non, non.« Er schüttelte den Kopf. »Es sei denn, du willst das?«
»Non«, erwiderte ich gekränkt. »J’adore la France!«
Serge wirkte erleichtert. »Aber hier können wir kein Kind großziehen.«
»Wieso nicht?« Ich ließ den Blick durch Serges wunderschönes Apartment schweifen und fragte mich, warum wir umziehen sollten. »Babys brauchen nicht viel Platz.«
»Ein Kind kann nicht in einer vollgestopften Wohnung aufwachsen. Das ist nicht gut für seine Entwicklung und Kreativität. Und für unsere Beziehung auch nicht.«
Sprachlos saß ich da. Kaum zu glauben, wie souverän und besonnen Serge bei dem Thema plötzlich agierte. Allmählich fragte ich mich, ob er sich über diese Dinge bereits vorher mal Gedanken gemacht hatte. »Ja, wir brauchen mehr Platz«, fuhr er fort. »Wir könnten ein Haus mit Garten suchen. Vielleicht sogar ein paar Tiere halten.«
»Das klingt idyllisch, aber können wir uns das in Paris denn leisten?«, fragte ich.
Er lachte. »Ella, du weißt schon, dass es Frankreich auch außerhalb von Paris gibt, oder?«
Mir klappte die Kinnlade herunter.
»Nicht für mich«, erwiderte ich. Zugegeben, das mit dem Garten klang nett, aber die Vorstellung, hier wegzugehen und uns irgendwo anders niederzulassen, machte mir Angst. Davon abgesehen war ich ein Großstadtmensch. Und ich hatte lange genug gebraucht, um zu lernen, hier wie eine Einheimische zu leben. Das wollte ich nicht noch einmal durchmachen.
»Weißt du noch, wie du mir ins Loire-Tal gefolgt bist?«, fragte er.
»Natürlich.«
»Das ist das echte Frankreich. Das Frankreich, wo die Menschen ›Bonjour‹ sagen, wenn sie einander auf der Straße begegnen, wo sie nach der Arbeit nach Hause gehen, um mit der Familie zu Abend zu essen. Und wo du eine Straße entlanggehen kannst, ohne dass es nach Urin stinkt.«
»Und?«, fragte ich.
»Und vielleicht ist es an der Zeit, dass du erlebst, wie das Leben außerhalb der Großstadt sein kann.«
»Lass uns nichts überstürzen, Serge. Vielleicht sollten wir erst einmal abwarten, wie sich die Schwangerschaft entwickelt.«
»Ich werde mich um alles kümmern, Bella. Du schonst dich.«
»Ich bin erst wenige Wochen schwanger! Ich muss mich nicht schonen«, protestierte ich.
Er drückte mir den Teller mit dem Comté in die Hand und sagte, ich solle mich aufs Sofa setzen.
Ich gehorchte – auf dem Sofa zu sitzen und Comté zu essen gehört schließlich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, und vermutlich brauchte Serge einfach mehr Zeit, um sich an die Neuigkeit zu gewöhnen.
Während ich es mir gemütlich machte und mir Käsestückchen in den Mund schob wie eine römische Göttin Trauben, versuchte ich mir vorzustellen, wie es wäre, aus Paris wegzuziehen. Weit kam ich nicht. Ich liebte unser quartier, Le Marais, und ich liebte es, in der Nähe meines Jobs und Serges fromagerie zu wohnen.
Wieso sollten wir unser gemütliches Apartment aufgeben, nur weil ein winziges Wesen in unser Leben trat? Serges Gerede vom Umziehen und Ändern seiner beruflichen Pläne war sicher nur die spontane Reaktion auf den Schock. Ich sollte ihn einfach eine Weile rotieren lassen und ihn dann zur Vernunft bringen.
Es war ein aufwühlender Tag gewesen, und die Mischung aus dem Käse und der kuscheligen Decke, auf der Serge bestanden hatte, waren zu verführerisch. Nachdem mir ein paar Mal die Augen zugefallen waren, gab ich den Widerstand auf und schlief ein.
Als ich um Mitternacht aufwachte, saß Serge an seinem Computer. Sobald er merkte, dass ich die Augen geöffnet hatte, kam er zu mir geeilt und brachte mich ins Bett.
»Was hast du gemacht?«, fragte ich schläfrig.
»Mach dir keine Gedanken, Bella, ich organisiere nur ein paar Dinge.«
Ich war zu müde, um zu protestieren, und erlaubte ihm, mich zuzudecken.
»Kommst du auch?«, fragte ich.
»In zwei Minuten« versprach er. Allerdings war ich nicht in der Lage, das nachzuprüfen, denn innerhalb von Sekunden, nachdem mein Kopf das Kissen berührt hatte, schlief ich bereits wieder.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war das Bett neben mir leer. Ich war nicht sicher, ob sich Serge überhaupt hingelegt hatte, denn die Laken wirkten unberührt. Ich schlurfte in die Küche, wo er immer noch oder schon wieder an seinem Computer saß und in einem alten grauen Sweatshirt und verwaschenen blauen Boxershorts leicht derangiert wirkte.
»Warst du die ganze Nacht auf?«, fragte ich, umarmte ihn von hinten und versuchte, einen Blick auf das zu erhaschen, was er machte.
»Ich habe ein paar Stunden auf dem Sofa geschlafen«, sagte er und klappte den Laptop zu.
»Ist wirklich alles in Ordnung, Serge?«
»Natürlich. Dieses Baby ist eine wunderbare Überraschung.«
Erleichtert atmete ich auf.
»Was recherchierst du denn die ganze Zeit? Dir ist schon klar, dass wir noch fast neun Monate Zeit haben, um alles zu planen?«
»Ich wollte mir über ein paar Dinge klar werden. Aber ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden.«
»Aha?« Hoffentlich würde ich nicht gleich bedauern, die ganze Nacht geschlafen zu haben.
»Aber lass mich erst etwas regeln, bevor ich dir meine Idee erkläre«, sagte er. »Kaffee?«, fragte er dann und stand auf.
»Ich nehme Tee.«
»Natürlich, kein Kaffee wegen des Babys«, sagte er verständnisvoll.
Er beugte sich herunter und küsste meinen Bauch, sagte hallo zu dem Zellkügelchen, das in mir schlummerte. Bei dem Gedanken an unsere kleine Familie breitete sich das Gefühl von Liebe in meinem ganzen Körper aus.
Ich nippte an meinem Tee, spielte im Kopf unser Gespräch noch einmal durch und suchte nach Hinweisen. »Serge«, sagte ich schließlich behutsam, »ich mache mir Sorgen, dass du denkst, wir müssten wegen des Kindes unser ganzes Leben auf den Kopf stellen.«
»Ella, jetzt ist nicht der Moment, um sich Sorgen zu machen«, erwiderte er. »Wieso fahren wir nicht mal ein bisschen raus aus der Stadt? Sehen uns mehr von dem Frankreich an, von dem ich dir erzählt habe? Die frische Luft wird uns guttun.«
Lange Spaziergänge auf dem Land – das klang gut. Wir könnten in Ruhe über unsere Zukunft reden, und ich würde ihn davon überzeugen, dass unsere derzeitige Lebenssituation auch mit einem Kind absolut perfekt war.
»Ja, ein Wochenende nur für uns beide«, sagte ich.
»Oder wir besuchen Jacques und Marie.«
Jacques war Serges Freund, der zusammen mit seiner Frau Marie eine Pension nahe Sainte-Maure-de-Touraine betrieb. Jacques war sehr französisch und sehr nett. Er war sogar zum Zeugen meiner Liebeserklärung an Serge geworden, als ich diesem gegen Ende des vergangenen Winters dorthin gefolgt war. Die Pension war wunderschön und so weit wie nur möglich vom Pariser Nachtleben entfernt.
»Klar, das ist auch eine Idee«, erwiderte ich, um seinen Vorschlag nicht kategorisch abzulehnen. Davon abgesehen konnte ich nachvollziehen, dass Serge an den Ort zurückkehren wollte, an dem er aufgewachsen war. Vermutlich konnte er die Neuigkeiten dann besser verarbeiten.
Er nickte, und ich hatte den Eindruck, dass wir uns langsam einig wurden.
»Dann sollte ich wohl mal einen Termin bei einem Arzt machen«, sagte ich.
»Wichtiger Punkt. Darum habe ich mich bereits gekümmert und für dich gleich um 9:30 Uhr einen Termin vereinbart. Die Ärztin spricht offenbar Englisch, aber ich komme natürlich sicherheitshalber mit.« Serge war offenkundig in den Action-Modus gewechselt.
Ich schaute auf meine Armbanduhr. Es war bereits kurz nach halb neun. Ich konnte es kaum erwarten, meine Mum und Billie anzurufen, meine beste Freundin daheim in Australien, um ihnen die Neuigkeiten zu erzählen. Aber das musste wohl warten.
Serge schob mich ins Badezimmer und sagte, er würde mir schnell ein Croissant holen. Mir schoss die Fantasie durch den Kopf, dass er nicht wiederkommen würde und ich unserem Kind später erzählen musste, dass sein Vater nur kurz Brötchen holen gegangen war und nie zurückkehrte. Zum Glück wusste ich, dass das nicht Serges Art war.
Eigentlich hatte er sehr beruhigend reagiert. Wir hatten nicht gestritten, er wirkte nicht enttäuscht und war nicht geflohen. Wenn überhaupt etwas, dann schien sein Beschützerinstinkt noch zugenommen zu haben. Und ich liebte ihn. Obwohl wir noch nicht sehr lange zusammen waren (im Vergleich zu den fast zehn Jahren mit Paul), war ich überzeugt, dass er einen wunderbaren Vater abgeben würde.
Im Badezimmerspiegel begutachtete ich meinen Bauch, der aussah wie immer. Nicht ganz flach, aber auch nicht darauf hindeutend, dass in mir Leben heranwuchs. Zärtlich rieb ich darüber und machte mich dann fertig für den Termin bei der Ärztin.