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Über dieses Buch

Zimtschnecken und Bienenstich: Cherrys Leckereien machen einfach gute Laune

Cherry hat eine geheime Gabe: Sie kann negative Gefühle sehen. Für die Dorfbewohner ist sie nur die freundliche junge Frau, der die kleine Bäckerei gehört. Doch in der nach frischem Brot duftenden Backstube mischt sie ihren Leckereien positive Gefühle als Gegenmittel zu den Sorgen und Nöten ihrer Kunden bei. Hier finden sich Bedeutungs-Bienenstich, Zufriedenheits-Zimtschnecke und Willenskraft-Windbeutel. Cherry hütet ihr Geheimnis sorgsam, doch dann taucht Chase auf und eröffnet ihr eine Welt, von der sie nichts geahnt hat …

»Carrie Hope Fletcher ist Garantin für zauberhafte Geschichten mit einem märchenhaften Twist.«    Heat

Über die Autorin

Carrie Hope Fletcher, geboren 1992 in London, ist Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Bloggerin. Nach ihrem Sachbuch »All I Know« wurde auch ihr Romandebüt »Eine Liebe ohne Winter« zum Sunday-Times-Bestseller. Carrie Hope Fletcher lebt in der Nähe von London und spielt am Queen’s Theatre im Westend.

ROMAN

Aus dem Englischen

von Ute Brammertz

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Deutsche Erstausgabe 02/2020

Copyright © 2017 by Carrie Hope Fletcher

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

All That She Can See bei Sphere Books/Little,

Brown Book Group, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heike Hauf

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach Design, München

Umschlagmotiv: © Shutterstock/Aleksandra Novakovic,

elenabsl, Ivchenko Evgeniya

Herstellung: Helga Schörnig

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-23527-7
V001

www.diana-verlag.de

Der Eremit

»See the good in people and help them.«

Gandhi

Prolog

Immer willkommen

Eine elegante Hand legte einen antiken Schalter um, und mit einem erfüllenden Knistern flackerten sechs Glühbirnen über sechs langen Tischen auf. Cherry ließ den Blick durch ihre fast fertige Bäckerei schweifen. Das Holz der Tische strahlte einen warmen Herbstton aus, und auf der Ladentheke stand eine alte messingfarbene Kasse, deren Tasten klicketi-klackten. Die Kasse hatte sie ein kleines Vermögen gekostet, aber der Klang des Pings, wenn sie aufging, war jeden einzelnen Penny wert. Obwohl Cherry sich gefragt hatte, ob der Raum zu altmodisch sei, verliehen ihm der schwarze Schieferboden, die riesige Tafel und die gold-türkisfarbene Tapete doch eine moderne Note. Bevor Cherry die Türen ihrer neuen Bäckerei öffnete, musste sie nach ihrem Geschmack fertiggestellt sein. Sie konnte es nicht erwarten, bis die Glasvitrine neben der Kasse mit Leckereien gefüllt sein und die Menschen eintreten und sie genießen würden.

Es war zehn Uhr abends. Da Cherry am Morgen früh aufstehen musste, hatte sie sich mit einem Buch ins Bett gekuschelt. Immer wieder denselben Absatz lesend, in Gedanken beim morgigen Tag. Ein vertrautes Kribbeln am Hinterkopf und ein leises Seufzen hatten sie nach unten in die Bäckerei gelockt. Es war nicht das Geräusch eines Menschen, der verletzt war oder Schmerzen litt, und traurig klang es auch nicht. Es klang noch nicht einmal menschlich. Es klang nach Einsamkeit – ein Laut, den Cherry nur zu gut kannte. Irgendwo fühlte sich jemand allein.

Aus den nächtlichen dunklen Wolken fielen dicke Tropfen, die jeden im Handumdrehen bis auf die Haut durchnässten. Der Beginn eines Unwetters. Das Meer war auch keine Hilfe, denn die Wellen peitschten heimtückisch nach oben und spritzten Margie, die sich auf dem Heimweg zu ihrer beengten und einsamen Wohnung befand, über das Geländer voll. Ein stürmischer Wind zog heftig an der tristen Kleidung und ihrer faltigen Haut. Sie kuschelte sich in ihren pelzgesäumten Mantelkragen und stellte sich vor, wie warme Arme sie umschlangen und die Kälte zärtlich verscheuchten. Margie betrieb eine Schneiderei, ein paar Türen weiter von ihrem Haus an der Strandpromenade, aber das Geschäft lief schlecht. Das Geld war knapp und das Leben hinter dem Ladentisch war genauso einsam und unbefriedigend wie das Leben zu Hause, doch sie gab trotzdem nicht auf, blieb jeden Abend länger und nähte ein Kleid nach dem anderen. Margie hatte nicht das Gefühl, im Leben gehe es einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Sie hatte einfach das Gefühl, all ihre Schritte würden sie rückwärts führen, ganz gleich, wie sehr sie vorwärtsdrängte. Eines Tages hatte sie also aufgehört vorwärtszudrängen und ließ sich von der Flut des Lebens tragen, wohin auch immer diese wollte.

Margie wusste nicht, dass der wahre Grund, warum sie sich so leer und unzufrieden fühlte, bei jedem Schritt, den sie tat, einen knappen Meter hinter ihr herschlich. Es war ein großes, drohend aufragendes Wesen mit einem teuflischen Grinsen und großen schwarzen Augen, und das silberne Fell um seinen Hals schimmerte. Seine langen spindeldürren Finger hatten sich durch Margies Seele gebohrt, wie Stecknadeln durch Stoff. Es wackelte mit den Fingern, und Margie erschauderte. Sein Name war Einsamkeit, und es war gnadenlos.

Natürlich stellte Margie keine Ausnahme dar. Uns alle verfolgt … etwas. Es sind nicht die giftigen Stimmen, die in unsere Köpfe kriechen, während wir einschlummern, oder dieses Kribbeln, das wir empfinden, wenn wir uns beobachtet fühlen. Nein, die Dinge, die uns verfolgen, sind buchstäblich da; sie sind echt, und sie bestehen voll und ganz aus negativen Gefühlen. Einsamkeit, Angst, Aggression, Depression, Enttäuschung, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Nutzlosigkeit, Bedauern und vieles, vieles mehr bilden die Kolonnen an Wesen, mit denen wir uns fälschlicherweise anfreunden. Unwissentlich laden wir sie ein, sich an unsere Seelen zu hängen, und gestatten ihnen, unser Leben zu bestimmen, wie ein düsteres Marionettentheater, bei dem sie die Strippenzieher sind.

Zudem verfügen sie über Intelligenz. Wenn Tausende Menschen auf dem Planeten das gleiche schreckliche Gefühl im gleichen schrecklichen Moment empfinden, teilt sich dieses Wesen und vermehrt sich und krallt sich an jedem Menschen fest, der dieses Gefühl durchlebt. Mit jeder Teilung wachsen sie. Man kann sie nicht sehen, und man kann ihre Stimmen nicht hören, und die meisten Menschen wissen nicht, dass ihre Seele von etwas anderem kontrolliert wird. Der einzige Weg, sie loszuwerden, besteht darin, sie von Licht und Liebe und Glückseligkeit zerstören zu lassen – wenn wir uns besser fühlen, fühlen sie sich schlechter und schrumpfen, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Könnten wir diese Wesen nur in ihrer wahren Gestalt sehen, ihre seelenlosen schwarzen Augen und die seltsame Art, wie sie sprungbereit in der Hocke kauern – dann würden wir alles daransetzen, optimistisch zu sein und den Blick aufs Licht zu richten, selbst wenn das Leben trostlos geworden ist. Stattdessen achten wir nicht auf unsere negativen Gefühle und inneren Dämonen, weil dies einfacher ist, was es wiederum diesen Wesen ermöglicht, an den Marionettenfäden zu ziehen.

Margies Seele war verloren, seitdem ihr Mann vor dreizehn Jahren verstorben war. Anfangs breitete sich Trauer aus, doch Trauer ist vorübergehend, also lebte Margie nicht lange mit diesem besonderen Gefühl. Einsamkeit hingegen ist beständig, und in Margie fand sie eine feste Freundin.

Wenn sie mit den Menschen in ihrem Umfeld reden wollte, kniff Einsamkeit ihr die Lippen zu und flüsterte ihr ins Ohr, es kümmere niemanden, was sie zu sagen habe. Wenn Margie vor dem Telefon stand und jemanden anrufen wollte, bloß um die Stimme eines anderen Menschen zu hören, hielt Einsamkeit Margies Hände an ihrem Körper zurück. Sie fand Wege, Margie für sich zu behalten, und langsam aber sicher hatte Margie jeglichen Widerstand aufgegeben.

Margie wusste nicht, dass sie gegen Einsamkeit ankämpfte; sie konnte sie nicht sehen, und sie hatte keine Ahnung, dass Einsamkeit jeden ihrer Schritte kontrollierte. In menschlichen Ausdrücken hatte sie einfach aufgegeben, genau wie es letztlich jeder tut, dem die eigene Seele nicht länger gehört.

Just in dem Moment, als sich Margies Kehle ein Schluchzen entringen wollte, schnitt ein Geräusch durch das Pfeifen des Windes, und sie riss den Kopf herum zu einem Licht im Türrahmen zu ihrer Rechten. Das Licht traf Einsamkeit und versengte sie wie ein weißglühendes Brandeisen. Vor Schmerz und Panik hob das Wesen die Hände, um sich vor dem Licht zu schützen, und dadurch glitten seine Finger aus Margies Seele und zerrissen den Stoff ein wenig.

»Sie da!«, rief eine Stimme über dem Meeresrauschen.

»Ich?«, wimmerte Margie und deutete mit einer blutroten Hand auf sich.

»Kommen Sie rein!« Die junge Frau im Türrahmen griff nach innen und zog die Jalousie des Schaufensters hoch, sodass ein warm erleuchtetes Café mit einer Ladentheke voller Gebäck und reizendem Holzmobiliar zum Vorschein kam. Margie betrachtete den vor ihr liegenden Weg, grau und elend, ganz wie der Abend, der sie erwartete, und zögerte.

»Schnell!«, rief die Frau, die hinter Margies Schulter blickte, als habe sie etwas in der Dunkelheit erspäht. Margie hatte das untrügliche Gefühl, dass irgendwo im Schatten Gefahr lauerte, und zu ihrer eigenen Überraschung und auch der von Einsamkeit bewegten sich ihre Füße auf das Licht zu.

Sobald Margie sicher drinnen war, schloss die junge Frau rasch die Tür und bot an, ihr den Mantel abzunehmen. Margie schätzte ihr Gegenüber auf höchstens fünfundzwanzig, fast halb so alt wie sie selbst, und sie schien unter einem übergroßen burgunderroten Strickpulli einen Pyjama und graue Pantoffeln zu tragen. Sie hatte ein freundliches herzförmiges Gesicht, und ihre Afrofrisur war in Zöpfen am Kopf zusammengebunden. Die Frau half Margie aus dem tropfnassen Mantel, und während sie es tat, fiel Margie auf, wie grau und fleckig ihre eigene Haut neben der warmen, dunklen Hand der Frau aussah. Die junge Frau schüttelte einen guten Teil des Regens aus dem Mantel und hängte ihn an den Kleiderständer neben der Ladentheke.

»So«, sagte die Frau lächelnd. »Was darf ich Ihnen servieren? Geht aufs Haus.«

Margie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war sich sicher, dass sie die junge Frau nicht kannte, und doch sprach diese mit ihr, als wären sie alte Freundinnen.

»Ähm …«

»Warten Sie, sagen Sie nichts.« Die Frau hielt einen Finger hoch und kniff die Augen zusammen. Margie senkte den Blick auf ihre durchweichten Schuhe und die nassen Fußspuren, die sie auf dem Holzboden hinterlassen hatte, und fragte sich, ob sie die Schuhe vielleicht ausziehen sollte, doch als sie aufsah, war die Frau verschwunden. Margie vernahm aus dem rückwärtigen Teil des Ladens Tellergeklapper und das Klirren von Besteck.

»Sie … Sie müssen sich wirklich keine Umstände machen«, rief Margie matt in Richtung der Geräusche. Zwar hatte sie ihre Stimme wiedergefunden, aber sie war zu schwach, als dass die Frau sie dort, wohin auch immer sie gegangen war, hätte hören können.

Als Margie sich umsah, bemerkte sie, dass der Laden erst halb fertig war. Farbeimer standen auf dem Boden neben abgebeizten Fußleisten, und die Kabel für die Beleuchtung lagen frei. Margie war verlegen und kam sich deplatziert vor, und so stürzte sie, um sich nicht vollständig zum Narren zu machen, zum Kleiderständer und griff nach ihrem Mantel – steckte in wilder Panik den rechten durchs linke Armloch, aber das war egal. Sie musste einfach nur raus hier. Schnell riss sie die Tür auf, ohne auf die altmodische Klingel darüber zu achten, die nun laut schellte.

»WARTEN SIE!«, rief die junge Frau, die mit einem kleinen Teller in einer Hand und einer dampfenden Tasse in der anderen zurückkehrte. »Bitte gehen Sie nicht. Ich möchte nur … ich möchte helfen.«

Einsamkeit saß vor dem Laden – verharrte mit dem Rücken an der Wand, um sich, sobald Margie ins Freie trat, wieder an sie zu heften, wie eine Seepocke an die Unterseite eines Schiffes. Noch auf der Türschwelle dachte Margie an ihre enge, kalte Wohnung zurück und fragte sich, wohin genau sie rannte. Die Tür schwang zu.

»Verzeihung«, sagte Margie. »Ich bin nicht sonderlich gut im Umgang mit … Menschen.« Sie schlüpfte abermals aus dem Mantel, den die Frau zurück an den Kleiderständer hing. Behutsam lenkte sie Margie an den Schultern zu dem Tisch, auf dem sie den Teller und die Tasse abgestellt hatte. Auf dem Teller befand sich ein gewaltiges Stück Kuchen. Anscheinend Marmor, dachte Margie.

»Bis vor Kurzem war ich auch nicht sonderlich gut im Umgang mit Menschen«, sagte die freundliche Frau, nahm Margie gegenüber Platz und reichte ihr eine Gabel. Margie nahm sie und trennte ein hauchdünnes Stück von dem Kuchen ab. »Wie sich herausstellte, war ich allerdings bloß nicht sonderlich gut im Umgang mit mir selbst.«

Dieser Satz hüpfte in Margies Magengrube herum und ließ sich mit einem Grummeln nieder. Sie blickte auf das lockere Stück auf ihrer Gabel und biss hinein. Der Kuchen war feucht und schwer, in ihrem Mund explodierte der Geschmack nach Schokolade und Vanille. Beim Schlucken spürte Margie, wie er sie von innen her wärmte, die Art von Wärme, die man empfindet, wenn man sich an einem kalten Abend mit einer Wärmflasche unter der Decke ins Bett kuschelt. Margie aß noch einen Bissen. Und noch einen. Und noch einen. Erst als sie sich noch mehr in den Mund stecken wollte, sah sie, dass nur noch Krümel übrig waren und sie das ganze Kuchenstück verspeist hatte.

»Das dürfte der beste Kuchen gewesen sein, den ich jemals gegessen habe«, seufzte Margie. Dann kicherte sie, und weil es sich so gut anfühlte, kicherte sie über das Gefühl des Kicherns, bis sie so heftig lachte, dass sie glaubte, sie werde nie wieder aufhören. Die freundliche Frau saß da und lachte mit ihr, genoss anscheinend das Gefühl, jemanden zu beglücken. Nach einer Weile wischte Margie sich Tränen aus den Augen und sagte zögerlich, unsicher eine Konversation zu führen: »Sind Sie neu hier?«

Die Frau nickte. »Ja.«

»Werden Sie bleiben?«, fragte Margie und wies auf den Laden, der augenscheinlich mitten in Renovierungsarbeiten steckte.

»Ja. Ich habe mir gedacht, dieses Viertel könnte eine Bäckerei gebrauchen.«

»Oh … wir haben schon eine«, erwiderte Margie leise. Sie war hin- und hergerissen, weil sie nicht wollte, dass diese Frau die Stadt verließ, aber auch nicht, dass die örtliche Bäckerei Geschäftseinbußen erlitt. Die Bewohner mochten den unglaublich leckeren Apfelstrudel dort sehr gern.

»Keine wie meine.« Die Frau lächelte, als sie den Teller nahm und auf die Ladentheke stellte.

»Nein, wohl nicht«, sagte Margie, der immer noch wohlig warm war.

Schweigen legte sich über die beiden Frauen, allerdings keines, das Verlegenheit aufkommen ließ oder mit etwas gefüllt werden musste. Es war ein behagliches Schweigen, wie es Freundinnen häufig teilen.

»Ich sollte wohl nach Hause gehen«, sagte Margie nach einer Weile, ohne sich zu rühren.

»Na gut«, sagte die Frau, griff nach Margies Mantel und hielt ihn auf, damit Margie mit den Armen hineinschlüpfen konnte. Als Margie in ihrem Mantel an der offenen Tür stand, drehte sie sich ohne Vorwarnung um und umarmte die Frau, die ihre Umarmung ebenso fest erwiderte.

»Danke.«

»Na los! Gehen Sie nach Hause, bevor es zu spät wird.« Die Frau schob Margie sanft aus der Tür.

Sobald Margies Füße den Erdboden draußen berührten, hüpfte Einsamkeit auf sie zu, stellte aber zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass sie kleiner war als zu dem Zeitpunkt, als Margie den Laden betreten hatte. Sie krallte sich immer noch an Margies Seele fest, doch da ihre Finger jetzt kleiner waren, passten sie nicht mehr so gut in die Löcher, die sie zuvor gebohrt hatte – es fiel ihr schwerer, Margie festzuhalten. Margie ging zur Straße, drehte sich jedoch voll Panik um, bevor sich die Ladentür schloss.

»Warten Sie! Ich weiß gar nicht, wie Sie heißen!«

Die Frau war jetzt nur noch eine Silhouette vor dem warmen gelben Licht. »Cherry. Cherry Redgrave. Oh – und Margie?«, rief sie.

Margie war überzeugt, den ganzen Abend ihren Namen nicht genannt zu haben, doch vielleicht hatte die ungewohnte Situation, einer Fremden zu begegnen, dazu geführt, dass sie die einfachsten Dinge vergaß. Sie sah Cherry abermals an, und obwohl diese nur schemenhaft zu erkennen war, war sich Margie sicher, dass sie lächelte.

»Sie sind hier immer willkommen.«

1

Stammgäste

Cherry hatte nie Bäckerin werden wollen. Als Kind wollte sie Feuerwehrfrau werden. Sie träumte davon, Wasser aus schlangenartigen Schläuchen spritzen zu lassen, brennende, einstürzende Häuser zu löschen; Kinder, die Cherry aus den Flammen getragen hatte, wieder mit ihren Müttern zu vereinen, und manchmal Hunde aus Brunnen und kleine Kätzchen von Bäumen zu retten. Aber backen? Niemals. Doch wie das Leben so spielt, hatte es Cherry in eine Richtung gelockt, mit der sie nicht gerechnet hatte, und jetzt stand sie in ihrer eigenen Bäckerei, die nicht ihre erste war. Ihr Kindheitstraum mochte es nicht gewesen sein, aber mittlerweile konnte sie sich nichts anderes vorstellen. Wenn sie jeden Morgen um acht die Tür aufsperrte, wenn sie das Schild von Geschlossen zu Geöffnet umdrehte und wenn der erste Kunde des Tages die Glocke über der Tür läuten ließ, summte etwas tief in ihrem Innern: Hierhin gehörst du. Ihre Feuerwehrträume fahren zu lassen schien gar nicht so schlimm zu sein, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie ein unerklärliches Talent für etwas so wunderbar Köstliches besaß.

Nach ihrer Begegnung mit Margie hatte es noch zwei Wochen gedauert, bis ihre Bäckerei an der Strandpromenade startklar war. Draußen gab es kein Schild, nichts, was besagt hätte, dass dies ein Ort war, wo man Kuchen kaufen und Tee trinken konnte, doch Cherry wusste, dass die Menschen kommen würden. Das taten sie immer.

Dies war Cherrys achte Station auf ihrer »Alles-in-Butter-Tour«, wie sie es nannte. Sie zog jedes Mal in eine Kleinstadt, suchte sich einen Laden mit niedriger Miete und machte sich ans Werk. Sobald sie das Gefühl hatte, dass ihre Aufgabe erfüllt war und sie alles in ihrer Macht stehende Gute vollbracht hatte, zog sie an einen anderen Ort und fing wieder von vorn an.

Manche Aufenthalte fielen kürzer als andere aus. Der längste hatte anderthalb Jahre gedauert, überraschenderweise in der kleinsten Stadt, die sie besucht hatte. Cherry hatte herausgefunden, dass die Probleme umso größer waren, je kleiner die Stadt war, und hatte das Gefühl, dass sich diese neueste Station möglicherweise als einer ihrer längsten bisherigen Aufenthalte entpuppen könnte.

Selbst jetzt, eine geraume Zeit nach der Eröffnung der Bäckerei, hatte Cherry immer noch nicht das Gefühl, gehen zu können. Die Situation war besser, die Menschen waren zufriedener und mehr im Einklang mit sich als zuvor, und das Geschäft florierte, aber etwas sagte ihr, dass es noch nicht an der Zeit war zu gehen. Cherry wusste nicht zu sagen, was sie zum Bleiben mahnte, ihr Kopf oder ihr Herz oder der Knoten in ihrer Magengegend – sie wusste lediglich, dass sie besser darauf hörte, was auch immer es war. Jeden Morgen kam sie in einem frisch gebügelten Pyjama aus der Wohnung über der Bäckerei ins Erdgeschoss, bereit für einen arbeitsreichen Tag. Cherry trug immer Pyjamas – sie begriff nicht, warum das nicht jeder tat. Als eine ehemalige Nachbarin darauf bestanden hatte, sie solle sich etwas Angemesseneres anziehen, hatte sie erwidert: »Es ist das bequemste Kleidungsstück, das mir bekannt ist. Warum jemand freiwillig Kleider anziehen sollte, in denen man nicht atmen, und Highheels, in denen man nicht laufen kann, wenn doch überall Pyjamas und Pantoffeln erhältlich sind … tja … das ist mir völlig schleierhaft!«

Und so hatte sie sich am Morgen, wie schon an so vielen Morgen, die Haare zu zwei Minnie-Maus-haften Pferdeschwänzen gebunden, einen rot-violett karierten Flanellpyjama angezogen, war in ihren dazu passenden Pantoffeln quer durch den Laden geschlittert und hatte die Tür entriegelt. Innerhalb von Minuten traf ihre Stammkundschaft ein.

Sally Lightbody, zweiundsiebzig Jahre alt und pensioniert, war immer die Erste, die auf der Matte stand. Sie schneite stets morgens um Viertel nach acht herein, eingehüllt in lagenweise luftige Seide. Ihr silbernes Haar war zerzaust und zu Dreadlocks verfilzt, die sie oben auf dem Kopf mit einem violett-grünen Patchworktuch zusammenband, einem Tuch, das perfekt zu der Tasche passte, in der sie eine schwarze Schachtel Tarotkarten aufbewahrte. Sally war eines Tages nicht vom Schicksal, sondern vom schrecklichen Drang, die Blase zu leeren, in Cherrys Laden geführt worden.

Damals hatte Cherry auch die Bekanntschaft von Sallys Tarotkarten gemacht, selbst wenn Sally sich geweigert hatte, ihr zu erzählen, was die Karten ihr prophezeiten. Seit damals traf Sally jeden Tag um Viertel nach acht ein und saß dann bis Ladenschluss an ihrem Stammplatz am Schaufenster. Im Laufe des Tages kamen Kunden zu Sally, um sich ihr Schicksal und die Zukunft legen zu lassen. Für ihre Dienste verlangte sie niemals Geld, und sie kaufte sich ihr erstes Kuchenstück immer selbst. Doch es hatte sich eingebürgert, dass man Sally fürs Kartenlegen mit Süßem bezahlte. Ihre übliche Leckerei am Anfang war ein Willenskraft-Windbeutel, und danach servierte Cherry Sally ihren Lieblingskuchen, Victoria Sponge.

Sally sah zwar gelassen aus, doch unter den Seidenlagen und Kristallketten besaß sie eine zwanghafte Ader. Über die Jahre hatte sie viele Fixierungen durchlebt: Essen, Alkohol, Dickens, Laurel und Hardy, obskure Erfindungen, von denen keiner je gehört hatte, und jetzt die Wahrsagerei. Sie war von einer Sache nach der anderen gebannt und lebte, schlief und atmete dann dafür, bis sie es restlos aufgesogen hatte. Von der Wahrsagerei war sie nun jedoch seit fast dreißig Jahren besessen, und als Cherry fragte, weshalb sie so lange dabeigeblieben sei, hatte Sally erwidert: »Es ist die Zukunft, meine Liebe. Sie ändert sich ständig.«

Um halb elf schaute Margie immer auf ein großes Stück Marmorkuchen vorbei, um in ihrem leeren Geschäft durchzuhalten, und dann um Viertel vor eins erschien George Partridge, der vierunddreißigjährige Bibliothekar, zu einem Kaffee. Georges Mutter war früher die Bibliothekarin der Stadt gewesen; ihre Mutter war wiederum Bibliothekarin gewesen und deren Mutter ebenfalls, aber George las ungern. Von frühester Kindheit an Bücher in die Hände gedrückt zu bekommen, zum Rezitieren von Prosa gezwungen und über große Schriftsteller ausgefragt worden zu sein, hatte in George einen Groll gegen jegliche Art von Literatur geweckt.

Nach ihm kam immer Orla Florence um zwanzig nach vier mit ihrem Cello in einem Kasten, der so schwarz wie die Ringe unter ihren Augen war. Sie spielte im Orchester eines Musicals im Londoner Westend und hatte mit einer weiten Pendelstrecke wie auch sporadischen und sich ständig ändernden Arbeitszeiten zu kämpfen, sodass Schlaf nie ihr bester Freund gewesen war. Überarbeitet und erschöpft kam sie oft an die Ladentheke und vergaß zu bestellen, sodass Cherry ihre Wach-auf-Waffel fertig in einer Take-away-Box hatte, damit Orla sie sich schnappen und zu ihrem Zug laufen konnte.

Und dann traf um Punkt fünf Uhr Cherrys letzter Stammgast des Tages ein.

»Wie immer, Miss Redgrave«, erklang eine Stimme.

Cherry konnte den Besitzer der Stimme nicht sehen, aber sie wusste genau, wem sie gehörte. »Und was ist heute das Übliche, Bruce?«, fragte sie und wischte die Hände an einem Geschirrtuch ab, während Bruce auf einen hohen Hocker an der Ladentheke kletterte. Mit den Händen packte er den braunen Ledersitz, und während er sich hochzog, verließen seine Füße mit der Schuhgröße 37 den Boden. Er schwang die Beine wie ein Turner auf dem Pferd herum und erwiderte mit einem erleichterten Seufzen: »Was immer Sie sagen.«

Cherry schenkte ihm ein Lächeln, doch während sie sich bückte, um im Thekendisplay nach seinem Gebäck zu greifen, traten ihr Tränen in die Augen. Ihr Blick wanderte an den Kuchen vorbei zu den großen Schaufenstern des Ladens und dort stand, die Stirn schlaff gegen die Scheibe gelehnt, mit seinen länglichen, schweren Augen hereinspähend, die schlaksigen Glieder leblos an den Seiten … Wertlosigkeit.

Cherry ließ den Blick über die Tische schweifen, zu all ihren Stammgästen, die an ihren üblichen Plätzen saßen, ihre üblichen Bestellungen auf den üblichen Tellern aßen und ihre üblichen Masken trugen bei dem Versuch, das zu verbergen, was Cherry deutlich sehen konnte: ihre negativen Gefühle. Während ihre Seelen drinnen waren, bildeten die Gefühle eine unordentliche Schlange vor der Bäckerei, grummelten und gurgelten, wanden sich und rangen: Sallys Besessenheit, Margies Einsamkeit, Georges Depression, Orlas Erschöpfung und Bruce’ Wertlosigkeit.

Sie heulten und klagten, wollten eingelassen werden, um abermals die Kontrolle über ihre Menschen an sich zu reißen, doch Cherrys Bäckerei war für ihre Stammgäste ein sicherer Hafen. Sie wusste nicht, warum, aber ihr war vor langer Zeit klar geworden, dass immer, ganz gleich wo sie ihre Bäckerei eröffnete, eine Art Linie an der Türschwelle gezogen wurde, eine Linie, die von keinem negativen Gefühl überquert werden konnte. Vielleicht lag es an all den positiven Gefühlen, die sie in ihrem Laden beherbergte. Die negativen Gefühle wollten allerdings dennoch unbedingt hineingelangen, hämmerten gegen das Holzwerk und klopften an die Fenster, ohne von den Stadtbewohnern gehört zu werden.

Cherrys Bäckerei war ein sicherer Hafen, ein Ort, wo Menschen ihre Sorgen für ein oder zwei Stunden vergessen konnten. Und wenn sie dann gingen und ihre negativen Gefühle sich wieder an sie hefteten, stellte Cherry fest, dass ihre Sorgen ein wenig kleiner als zuvor erschienen.

2

Wirrlinge

Von Geburt an sah Cherry Redgrave Dinge, die andere Kinder nicht sahen. Sie sprach von gruseligen Gestalten mit schwarzen Schuppen, von knolligen Kobolden mit hängender Haut und von grimmigen Gesichtern mit maulenden Mündern. Am Furcht einflößendsten war, dass sie bei jedem Erwachsenen, den sie sah, auch ein Monster, einen Schatten sah, der ganz in der Nähe stand. Als Kind hielt sie dies für einen normalen Bestandteil des Lebens und war sich nicht bewusst, dass keiner sonst sehen konnte, was sie sah. Wenn man sie dabei erwischte, wie sie neugierig über die Schultern der Menschen starrte und etwas von unsichtbaren Schattengestalten brabbelte, hielten die Erwachsenen sie für verrückt und schrieben ihren Kindern vor, sich von ihr fernzuhalten. Ihre Eltern fragten sich, wann sie aus dem Alter für imaginäre Freunde herauswachsen würde. Cherry hingegen fragte sich, wann ihre Eltern zugeben würden, was sich offenkundig direkt hinter ihnen befand. Und dann, an einem ganz normalen Tag in der Vorschule, erkannte die kleine vierjährige Cherry endlich die Wahrheit – dass sie die Einzige war, die diese Wesen sehen konnte.

Der Lehrer hatte alle Kinder in Cherrys Klasse gebeten, eine Reihe zu bilden, angefangen beim Kleinsten. Cherry hatte auf das Wesen hinter der Schulter des Lehrers gedeutet und gefragt: »Was ist mit ihm?«

»Mit wem?«, fragte Mr. Harrison, der hinter sich blickte und überhaupt nichts sah.

»Ihr Monster! Es ist größer als wir alle! Es sollte am Ende der Reihe stehen.«

Cherry hatte versucht zu erklären, dass das Wesen der Klasse oft zuwinkte und dass sein Lächeln so breit war, dass es um sein ganzes Gesicht ging und in der Mitte seines Hinterkopfes aufeinandertraf. Gleich darauf landete Cherry im Direktorat, wo sie versuchte, die Sache der Rektorin zu erklären. Während die Lehrkräfte schreckliche Angst hatten, ein seltsamer Mann hätte sich in die Schule geschlichen und würde versuchen, Kinder wegzulocken, war das, was Cherry tatsächlich gesehen hatte, viel besorgniserregender – doch niemand glaubte, dass es real war.

»Es war ein Monster! Wie das da in der Ecke!« Cherry war beharrlich geblieben. Ihr auch weiterhin beunruhigendes Verhalten führte zu einem Schulwechsel und mehreren Besuchen bei einer netten Dame mit einer bequemen Couch und Handpuppen, die Cherry Fragen zu dem von ihr Gesehenen stellte. Und die ganze Zeit über konnte Cherry nicht aufhören, dem kleinen Monster auf der Schulter der Therapeutin zuzusehen, das ständig an deren Haaren zog.

Cherrys neue Schule war viel schöner, fand sie. Sie hatte gelernt, nicht darüber zu sprechen, was sie sah, und schnitt den Monstern nur manchmal Grimassen, wenn sie wusste, dass keine Erwachsenen hinsahen. Sie mogelte sich durch die Schulzeit, hielt sich von den anderen fern, und erst als es eines Tages auf dem Schulhof zum Tumult kam, wurde der siebenjährigen Cherry klar, dass sie doch nicht allein war.

Es kommt nicht oft vor, dass sich Wesen an Kinder hängen. Kinder sind gewöhnlich sorglos und zu sehr damit beschäftigt, sich mit Marmelade zu bekleckern oder im Kreis zu drehen, um die ernsten Probleme der Welt, die sich in diesen Geschöpfen manifestieren, auf sich zu laden. Allerdings hatte ein Kind, eine Schulhoftyrannin namens Maddison Flint, einen gedrungenen Troll namens Vernachlässigung entwickelt, der jede ihrer Bewegungen nachäffte, was Cherry häufig laut auflachen ließ. Maddison war kein graziles oder vornehmes Mädchen. Sie besaß mehr Muskeln als die meisten Gewichtheber, einen Hals, der sich, wenn sie schrie, wie ein Ochsenfrosch aufblähte, und zwei lange braune Zöpfe, die aussahen, als wären sie nicht mehr gelöst worden, seitdem ihr Haar lang genug zum Flechten war. In Cherrys Augen sahen Maddison und ihr Troll völlig gleich aus.

Doch an diesem bestimmten Tag schien Cherry nicht die Einzige zu sein, die versuchte, das Lachen zu unterdrücken. Um Maddison hatte sich ein Kreis ihrer Anhänger gebildet und schloss einen kleinen Jungen ein, den Cherry als den neuen Schüler wiedererkannte, der in der vergangenen Woche in ihre Klassenstufe gekommen war. Cherry hatte sich nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie er sich einlebte, doch da Maddison ihn jetzt am Kragen seines Schulhemdes ein paar Zentimeter über den blassblauen Himmel-und-Hölle-Linien hielt, ging Cherry davon aus, dass das mit dem Einleben bei ihm eher nicht so gut lief.

»Was hast du gesagt?!«, schrie Maddison, sodass ihm ihre Spucke ins Gesicht sprühte. Der Troll öffnete und schloss gleichzeitig mit Maddison den Mund, aber wenn Cherry es nicht besser gewusst hätte, hätte sie schwören können, dass das den Jungen nur noch mehr erheiterte und er nur halbherzig ein Lachen unterdrückte. Maddison schüttelte ihn gewaltsam, bis sein Gelächter verstummte.

»Ich sagte, was du da gesagt hast?«, zischte sie, während sie den kleinen Jungen dicht an ihr braunrotes, verschwitztes Gesicht hielt.

»Ich habe gesagt«, kicherte der Junge, der anscheinend völlig von etwas hinter Maddisons Schulter in den Bann geschlagen war, »dass du wie dein Troll aussiehst!« Und er brach erneut in Gelächter aus.

»Troll?! Du nennst mich einen Troll?!« Maddison warf ihn auf den Schulhofasphalt und trat ihn in die Seite, doch bevor sie weiteren Schaden anrichten konnte, ertönte eine Pfeife, und eine Lehrerin lief herbei, um dem Krawall ein Ende zu bereiten. Maddison und ihre Schar zerstreuten sich, indem sie in verschiedene Richtungen liefen, während die Lehrerin den röchelnden Jungen, den sie gerettet hatte, tröstete.

»Ach, hier haben wir eine helfende Hand«, sagte die Lehrerin, als sie Cherry in der Nähe herumstehen sah. »Cherry, Liebes, könntest du Peter ins Krankenzimmer bringen? Braves Mädchen.« Sie half Peter hoch und legte seinen Arm um Cherrys Schultern, damit diese ihn stützen konnte, doch sobald die Lehrerin verschwunden war, um ein weiteres Schulhofvergehen zu ahnden, riss Peter den Arm weg und wischte ihn am Hemd ab.

»Hast du ihn auch gesehen?«, fragte er und rieb sich die Augen. Cherry bemerkte die dunkelvioletten Halbkreise darunter und fragte sich, ob Maddison ihn auch ins Gesicht geschlagen hatte.

»Habe ich was gesehen?«, fragte Cherry langsam.

Mit niedergeschlagener Miene ballte Peter die Hände zu Fäusten. »Warum sieht keiner sie?!«, rief er, das kleine Gesicht wutentbrannt. »Manche von ihnen sind RIESIG

»Was denn?«, fragte Cherry vorsichtig und versuchte, Frustration nicht anzusehen, die Peters Schultern gepackt hielt und Peter schnell vor und zurück wiegte, während er ziellos mit den Fäusten herumfuchtelte.

»Sie sind Monster! Butzemänner! Wirrlinge!«

»Wirrlinge?« Das Wort traf Cherry. Sie hatte es noch nie zuvor gehört.

»Monster! Du weißt doch, ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm?« Er fing an, im Kreis um sie herumzugehen, ohne die weit aufgerissenen Augen von ihrem Gesicht zu lassen.

»Ja …«

»Tja, ein Wirrling steht im Walde, ganz still und stumm …« Sein Blick bohrte sich in ihre Augen, und er bedeutete ihr mit einem Nicken, sie solle den Reim fortsetzen.

»… und hat vor lauter Purpur ein Mäntlein um?«, warf sie ein.

»Nö!«, entfuhr es ihm. »Das ist eine Hagebutte! Ein Wirrling hat vor lauter Bosheit nichts als Tränen um!« Er spuckte beim Reden. Cherry wischte sich das Gesicht ab.

»Oh. Na ja … das habe ich gewusst. Ich habe bloß den Reim nicht gekannt.«

»Weil ich ihn mir ausgedacht habe.« Er schob die Daumen in die Hosentaschen und lächelte stolz mit geschwellter Brust. Dann hörte er unvermittelt auf. »Warte mal … du weißt es? Woher weißt du es?« Peter packte sie an den Schultern und begann, sie zu schütteln. Cherry sah ihm in die Augen, die so voller Frustration waren, und auf einmal wollte sie ihm nur noch helfen.

»Weil ich sie auch sehen kann«, flüsterte sie.

»Kannst du?«

Cherry nickte.

»Beweise es.« Peter ließ sie mit einem kleinen Schubs los. »Wer ist das hinter Maddison?«

»Vernachlässigung«, erwiderte Cherry, ohne zu zögern.

»Und hinter ihr?« Peter deutete auf ein kleines Mädchen, das Himmel und Hölle spielte, während Trauer sie am Knöchel gepackt hielt.

»Trauer. Sie hat vor zwei Wochen ihre Tante verloren«, erklärte Cherry.

Auf Peters Gesicht machte sich ein Lächeln breit, und Frustration hatte ihn auf einmal nicht mehr ganz so fest im Griff. Er trat vor und stand sehr dicht vor Cherry, als er fragte: »Wir sind jetzt beste Freunde, stimmt’s?«

»Ich denke mal.« Cherry zuckte mit den Schultern und trat einen Schritt zurück. »Aber das bedeutet, dass du mir sagen musst, wieso du sie so nennst. Wieso …«

»Wirrlinge?«, beendete Peter ihre Frage.

»Wirrlinge«, wiederholte Cherry und ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen.

»Weißt du warum?«

Peter stand abermals sehr dicht vor Cherry. Sie wollte weglaufen, doch er wusste etwas, was sie nicht wusste, und sie musste herausfinden, was es war. Cherry fragte sich, ob jemand sie beobachtete, doch ein rascher Blick über den Schulhof zeigte ihr, dass sich niemand darum kümmerte, was sie taten.

»Warum?«, flüsterte sie.

»Du kennst doch deine guten Gefühle?«, fragte Peter und Cherry nickte. »Sie mischen sich in alles ein, bis man sich innerlich schrecklich fühlt, und sie sorgen dafür, dass man sich immer und ewig so fühlt, bis man stirbt.« Peter gab ein grässliches Matschgeräusch von sich, während er sich einen imaginären Dolch in den Magen rammte.

»Wirrlinge«, wiederholte Cherry und ließ den Namen in ihrem Mund herumrollen. Ja, das fühlte sich wie die richtige Bezeichnung an.

»Wirrlinge«, sagte Peter mit einem endgültigen Nicken.

Den Tag sollte Cherry nie vergessen. Den Tag, an dem sie den grotesken Fratzen, die sie und ihre Lieben seit Gedenken heimsuchten, einen Namen gab. Den Tag, an dem sie mit jemandem Freundschaft schloss. Es war trostreich, jemanden zu haben, mit dem sie endlich ihr Geheimnis teilen konnte, jemanden, mit dem sie den Wirrlingen Grimassen schneiden konnte, jemanden, bei dem sie sich ausweinen konnte, wenn ein Wirrling besonders furchterrgend war. Es war die Art Trost, von der Cherry gar nicht gewusst hatte, dass sie ihn brauchte, bis er da war. Andere Kinder fanden Cherry und Peter seltsam, aber andere Kinder hatten sie immer seltsam gefunden. Dass sie auf einmal beim Mittagessen nebeneinander saßen und im Schulhof zusammen spielten, machte sie also auch nicht seltsamer, als sie ohnehin schon gewesen waren. Wenn überhaupt, war das nur folgerichtig.

»Was halten deine Eltern davon, was du sehen kannst?«, fragte Peter eines Tages Cherry in der Mittagspause.

»Meine Dads sagen, dass ich etwas Besonderes bin«, sagte sie mit einem Lächeln.

Samuel Redgrave wusste, dass seine Tochter Dinge sehen konnte, die andere nicht sehen konnten, und ob es nun in ihrem Kopf oder ob es real war, er liebte und akzeptierte sie als das Kind, das sie war – nicht mehr, nicht weniger. Ihr anderer Vater, Lucas, liebte sie natürlich auch, aber er hatte auch Angst vor der Adoptivtochter, besonders seit sie ihm seinen eigenen Wirrling beschrieben hatte: ein mit den Zähnen knirschendes wolfähnliches Wesen mit Schaum vor dem Maul und einer gewaltigen Zunge, die ihm heraushing, und mit wirren Augen, die sich in den Höhlen drehten. Lucas machte sich Sorgen um die Zukunft seines Kindes, das entweder eine alles verzehrende Einbildungskraft besaß oder eine geistige Störung, die permanente Halluzinationen auslöste. Samuel zog Cherry näher an sich, wenn sie anfing, darüber zu reden, was sie sehen konnte, doch Lucas konnte nicht anders, er entfernte sich jedes Mal einen kaum merklichen Schritt.

»Was halten deine Eltern davon?«, fragte Cherry nun Peter.

»Mum ist fortgegangen. Dad hasst mich«, sagte er sachlich, zwischen den Bissen von seinem Schinkenbrot.

Cherry war sprachlos. Mit ihrem jetzigen Wissen über Peters Eltern fand sie es merkwürdig, dass er nicht von mehr Wirrlingen gequält wurde. Seit dem Beginn von Cherrys und Peters Freundschaft war Frustration, Stück für Stück, dahingeschmolzen. Zuerst hatte sie auf Peters Hausaufgaben schlammigen Matsch zurückgelassen, aber nach zwei Wochen war aus Frustration eine bloße Pfütze am Boden seines Schulranzens geworden. In dem Moment legte Cherry einen Schulhofeid ab, immer für Peter da zu sein und ihr Bestes zu tun, um Frustration abzuwehren, sollte sie je wieder hinter Peters Schultern auftauchen.

Cherry dachte, ihre Freundschaft mit Peter würde ein Leben lang halten, dass sie einander immer als Stütze haben würden. Doch dann kam der Tag, den Cherry niemals vergessen sollte und der dies zunichtemachte.

An dem Tag sah Peter bei seinem Eintreffen in der Schule selbst wie ein Wirrling aus. Seine Haut war leichenblass, sodass die handförmigen Blutergüsse an seinen Armen sogar noch heftiger hervortraten, als sie es sonst getan hätten. Die violetten Halbkreise unter seinen Augen waren dunkler denn je.

»Hat … hat dir das ein Wirrling angetan?« Cherry deutete auf seine Arme. Am liebsten hätte sie ihn umarmt – sie wusste, dass man sich auf dem Schulhof die Mäuler über sie zerreißen würde, wenn sie es täte, doch es nicht zu tun, führte dazu, dass ihre Augen brannten und sich mit Tränen füllten. Es war ihr unerträglich, ihren Freund in einem derartigen Zustand zu sehen. Sie spähte über Peters Schulter, und da war, den hinteren Teil seines Kragens fest gepackt, ein Klumpen Kohle, der unter der schwarzen Oberfläche rot glühte. Er drehte Cherry das Gesicht zu und grinste, mit Flammen im Mund, wo eigentlich Zähne hätten sein sollen. Cherry keuchte auf. Noch nie zuvor hatte sie Hass gesehen.

»Nein. Kein Wirrling. Bloß ein Monster«, sagte Peter leise und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, bevor er vor aller Welt weinte.

Das war das letzte Mal, dass Cherry mit Peter redete. Beim Läuten der Schulglocke gingen sie getrennter Wege zu ihren Klassenzimmern. Wochen vergingen und sie versuchte, Peters Aufmerksamkeit zu erregen, aber er sah durch sie hindurch, als würde er sie nicht kennen, als wären sie nicht die ganze Zeit die engsten Freunde gewesen. Sie hinterließ in seinem Schulranzen Nachrichten, wenn er nicht hinsah. Sie ging sogar so weit, sich aus ihrem eigenen Klassenzimmer zu stehlen und an seinem an die Scheibe zu klopfen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch seiner Lehrkraft fiel es zuerst auf, und Cherry handelte sich nur Ärger ein.

Das letzte Mal sah sie Peter aus einiger Entfernung. Er wurde unter heftigem Protest von einem Mann, bei dem Cherry davon ausging, dass es sich um seinen Vater handelte, aus der Schule geschleift. Lehrkräfte und Schul-
kinder folgten ihnen ans Schultor, nur um hilflos mit anzusehen, wie zwei andere Männer, die Cherry nicht wiedererkannte, Peter gewaltsam in eine seltsame Leinenjacke steckten, die mit Schnallen übersät war und zu lange Ärmel für seine mageren Arme hatte. Sie packten ihn hinten in einen Transporter, der Cherrys Meinung nach nicht Peters Vater gehörte. Der stand jetzt mit schwer zu deutender Miene reglos auf dem Gehsteig. Er winkte nicht oder weinte, als der Wagen mit seinem Sohn hinten drin losfuhr. Cherry konnte die schwarze Schrift auf der Seite des fensterlosen Wagens nicht lesen, aber sie wusste mit Sicherheit, dass sie Peter niemals wiedersehen würde.

Und das tat sie auch nicht.