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Folco

Terzani

Der Hund, der Wolf und das Geheimnis

Illustrationen von Nicola Magrin

Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl

Diederichs

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Deutsche Erstausgabe

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Il Cane, il Lupo e Dio

bei Longanesi & c., Mailand

Copyright © 2019 Diederichs Verlag Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Weiss Werkstatt, München

Umschlagillustration: Nicola Magrin

Innenillustrationen: Nicola Magrin

Übersetzung: aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-23748-6
V002

www.diederichs-verlag.de

INHALT

ERSTER TEIL: Der Hund

Verlassen

Das Versprechen

Ein Gefährte

Die Abkürzung

Der Wasserfall

Für eine Schüssel Wasser

Die Nacht bricht an …

Die Wölfe

ZWEITER TEIL: Der Wolf

Der Alte Weg

Die Pilgerfahrt

Die Reinigung

Das Unendliche

Das Gewitter

Das Bankett des Himmels

Der Riese

Die Kunst der Jagd

DRITTER TEIL: Das Geheimnis

Die Stadt

Das Erdbeben

Der Hunger

Die Vision

Der Abschied

Der Mondberg

Für meinen lieben, verlorenen Freund Kapil, den großen König

ERSTER TEIL

DER HUND

VERLASSEN

Verloren hockt ein Hund am Straßenrand. Er ist ausgesetzt worden. Das hübsche glitzernde Halsband, das er mit so viel Stolz getragen hatte, seit er ein Welpe war, hatte sein Herrchen ihm zuvor noch abgenommen. Dann schob er ihn aus dem Auto und fuhr schnell davon. Der Hund blieb, wo er war. Der Arme verstand nicht so recht, was ihm da passierte, und so blieb er einfach unter der Straßenlaterne sitzen.

»Wenn mein Herr mich hiergelassen hat«, dachte er, »dann kommt er mich bestimmt bald wieder holen.«

Eine Stunde verging, es vergingen zwei Stunden … und schließlich waren es schon sechs, ohne dass das Herrchen wiederauftauchte. Die Straßenlaterne ging an und surrte leise. Ein Tupfen gelblichen Lichts, hinter dem die Dunkelheit lauerte. Aufmerksam musterte der Hund jedes Auto, das vorüberfuhr, und suchte nach dem vertrauten Gesicht. Sobald irgendwo ein Geräusch ertönte, spitzte er die Ohren. Hoffentlich hörte er endlich die bekannte Stimme nach ihm rufen. Doch außer dem Tuckern der Motoren und den kalten, blinden Augen der Scheinwerfer war da nichts. Keiner hielt seinetwegen an, so als wäre er unsichtbar.

Drei Tage und drei Nächte saß der Hund dort und wartete, ohne zu fressen, zu trinken oder zu schlafen. Am Ende war er so kraftlos, dass er nur noch müde Kopf und Ohren hängen ließ. Sein Blick wurde trübe, und er fing an zu winseln. Anfangs war es nur ein zaghaftes Jammern, aber je mehr er sich seines Unglücks bewusst wurde, desto verzweifelter wurde sein Klagen. Das Leben war ein Meer der Gram. Vermutlich wäre er unter dieser Straßenlaterne sitzen geblieben und hätte bis zur völligen Erschöpfung getrauert, ja bis zum Tod, hätte er nicht im Morgengrauen plötzlich eine Stimme vernommen.

»Warum weinst du?«

Im ersten Moment reagierte der Hund einfach nur überrascht. Die Stimme erklang direkt neben ihm. Dabei hatte er keine Schritte gehört. Und es war auch schon länger kein Auto mehr vorbeigekommen. Er hob nicht einmal den Kopf. Wahrscheinlich hatte er sich das nur eingebildet.

»Warum weinst du?«

Die Stimme war tief und volltönend mit eindeutig fremdem Akzent. Wer konnte das hier auf dieser Straße mitten im Nirgendwo sein? Jedenfalls war es nicht sein Herrchen. Der Hund fing erneut zu winseln an.

»Warum weinst du?«, wiederholte die Stimme dieses Mal drängender. Sie forderte eine Antwort.

»Warum?«, platzte der Hund heraus. »Weil ich alles verloren habe, was mir gehörte.«

Er hob den Blick und bemerkte einen merkwürdig aussehenden Hund. Ein solches Exemplar hatte er noch nie gesehen. Dieser Hund hatte große Pfoten, die er fest in die Erde stemmte. Sein Körper war schlank, aber kräftig gebaut. Und in seinem breiten Gesicht leuchteten zwei goldgelbe Augen, die dem Hund direkt in die Seele zu gucken schienen.

Ein wenig eingeschüchtert versuchte der Hund, seine traurige Lage zu schildern.

»Ich hatte einen Herrn«, erzählte er immer noch winselnd. »Bei ihm habe ich gelebt, seit ich auf der Welt bin. Ich habe ihn mehr geliebt als einen Vater. Jeden Morgen, wenn mein Herr aufstand, folgte ich ihm in die Küche, wo er meine beiden Schüsseln auffüllte. In die eine kam das Wasser, in die andere mein Futter. Nachts, wenn er schlafen ging, streckte ich mich am Fußende des weichen Bettes aus und wachte über ihn. Und nun ist mein Herr fort. Wo sind jetzt mein Haus und mein Bett? Wo sind meine Schüsseln? Selbst mein Halsband mit meinem Namen und meiner Adresse wurde mir genommen. Es war mein kostbarster Besitz. Jetzt weiß niemand mehr, wie ich heiße oder woher ich komme. Niemand kann mir helfen und mich nach Hause zurückbringen. Ich bin allein an einem Ort, den ich noch nie gesehen habe, und mir gehört überhaupt nichts mehr. Gar nichts! Und du fragst mich, warum ich weine?«

Der andere warf ihm einen hoheitsvollen Blick zu und schwieg.

»Was soll nun aus mir werden?«, fuhr der Hund deprimiert fort. »Ich habe nicht mehr die Kraft, mich auf den Pfoten zu halten. Wo soll ich mich denn jetzt ausruhen? Wer wird mir zu fressen und zu trinken geben? Oh weh, bestimmt muss ich jetzt sterben!«

Die Lefzen seines Gegenübers verzogen sich zu einem sanften Lächeln.

»Und das ist dein ganzes Problem? Weißt du denn nicht, dass auf dieser Welt unzählige große und kleine Geschöpfe leben, im Wasser, in der Luft und auf der Erde, die jeden Morgen aufwachen und nichts haben? Genau wie du. Schnecken und Schmetterlinge, Ameisen und Bären, Fische, Falken und Schlangen. Aber wenn der Tag sich dem Abend zuneigt, haben alle etwas zu fressen und zu trinken gefunden. Und wenn sie dann die Müdigkeit übermannt, finden sie ein Plätzchen zum Schlafen. Wie glaubst du, machen die das?«

Einen Augenblick lang war der Hund sprachlos. Ihm fiel nicht einmal auf, dass er aufgehört hatte zu weinen.

»Wer glaubst du, ist ihr Herr?«, fragte der seltsame Hund weiter. »Wer kümmert sich denn um sie?«

»Keine Ahnung!«, schnaubte der Hund. Am liebsten hätte er noch hinzugefügt: »Und im Augenblick interessiert mich das auch herzlich wenig.« Tatsächlich hatte er sich über die anderen Geschöpfe nie Gedanken gemacht. Auch jetzt sorgte er sich nur um sich selbst. Schließlich ging es ihm furchtbar elend.

»Ja, wer denn?« Diese ernsthaften, goldgelb schimmernden Augen schienen bis auf den tiefsten Grund seiner Seele vorzudringen.

»Sag du’s mir«, meinte der Hund, »wenn du es weißt!«

Der andere hob die Augen zum Himmel und ließ einen merkwürdigen Laut ertönen, der irgendwo zwischen Seufzen und Niesen lag.

»Also wer?«, fragte der Hund, der jetzt noch verwirrter als zuvor war.

»Das kann man so nicht sagen. Es ist der Unaussprechliche Name. Das, was sofort zur Lüge verkommt, wenn es in den Mund genommen wird.«

»Pfff«, entgegnete der Hund. Langsam wurde er ungeduldig. »Schau dich doch nur einmal um! Wie viel Traurigkeit und Chaos herrschen in dieser Welt! Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der sich um alle Geschöpfe kümmert. Jedenfalls habe ich ein derartiges Wesen weder gesehen noch seine Stimme gehört. Und wenn man nach dem Gestank geht, der überall herrscht, dann ist dieses Wesen längst tot und verfault, falls es überhaupt jemals existiert hat.«

»Ahhh«, meinte der andere, als hätte er den Hund endlich verstanden. »Dein Unglück ist nicht, dass du dein Hab und Gut verloren hast. Du hast das Vertrauen verloren.«

Dann drehte er sich um und holte mit seinen spitzen Fangzähnen ein blutiges Stück Fleisch wie aus dem Nichts hervor.

»Da, iss dich erst einmal satt«, sagte er und legte es dem Hund hin. »Damit du wieder zu Kräften kommst. Danach wirst du auf Pilgerfahrt zum Mondberg gehen. Dort kannst du herausfinden, ob es dieses Wesen gibt oder nicht.«