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Buch

Eine niedrige Decke aus dunkelgrauen Wolken hängt über der Stadt, als Kommissarin Naia Thulin und ihr neuer Partner Mark Hess an einen entsetzlichen Tatort gerufen werden: einen Spielplatz, auf dem eine leblose Frauengestalt im Gras sitzt, an den Pfosten eines Kletterhäuschens gelehnt, zusammengesunken wie eine Stoffpuppe. Sie hat nur eine Unterhose an und ein Hemd, das von Regen durchnässt und mit dunklen Blutflecken übersät ist. Der Frau fehlt eine Hand, und an einem Balken hinter ihr hängt eine kleine Figur aus Kastanien, die vom Wind hin- und hergeschaukelt wird. Als Thulin diese scheinbar harmlose Figur sieht, bleibt ihr instinktiv für einen Augenblick das Herz stehen. Nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird, denn sie entdecken einen Fingerabdruck an dem Kastanienmännchen, der von einem Mädchen stammt, das ein Jahr zuvor verschwunden ist und als tot gilt – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Kurz darauf wird eine weitere Frau ermordet aufgefunden, zusammen mit einem weiteren Kastanienmann. Thulin und Hess kämpfen gegen die Zeit, denn es ist klar, dass der Mörder auf einer Mission ist, die noch lange nicht vorbei ist ...

Autor

Søren Sveistrup ist ein dänischer Drehbuchautor. Bekannt wurde er durch die Serie ›Nikolaj und Julie‹ und den mehrteiligen TV-Thriller ›Kommissarin Lund: Das Verbrechen‹, der unter dem Namen ›The Killing‹ für den US-Markt adaptiert wurde, zahlreiche Preise gewann und zu einem weltweiten Phänomen wurde.

Søren Sveistrup

Der Kastanienmann

THRILLER

Aus dem Dänischen
von Susanne Dahmann

Die dänische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Kastanjemanden« bei Politikens Forlag, Kopenhagen.

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Deutsche Erstveröffentlichung August 2019

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Søren Sveistrup and JP/Politikens Hus A/S

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Buch wurde vermittelt von Politiken Literary Agency.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: nach einer Gestaltung von Kenneth Schultz

Redaktion: Gabriele Zigldrum

AG · Herstellung: Han

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-24051-6
V002

www.goldmann-verlag.de

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Für meine geliebten Söhne
Silas und Sylvester

Dienstag, 31. Oktober 1989

1

Gelbe und rote Blätter segeln durch das Sonnenlicht auf den feuchten Asphalt, der wie ein dunkler, spiegelglatter Fluss den Wald durchschneidet. Als der weiße Dienstwagen vorüberfährt, werden sie für einen kurzen Moment durch die Luft gewirbelt, um sich dann auf zusammengeklebten Haufen entlang der Straße zurechtzulegen.

Marius Larsen nimmt den Fuß vom Gas, geht langsamer in die Kurve und versucht sich zu merken, dass er dem Straßenamt der Gemeinde Bescheid geben sollte, dass sie mal mit der Kehrmaschine hier rauskommen müssen. Wenn die Blätter zu lange liegen bleiben, hat man keinen sicheren Grip auf der Straße, und so was kann Leben kosten. Marius hat das schon oft gesagt. Seit 41 Jahren ist er im Dienst, die letzten 17 als Leiter des Polizeireviers, und in jedem Spätherbst muss er sie daran erinnern. Doch heute wird nichts daraus, denn heute muss er sich auf das Gespräch konzentrieren.

Marius Larsen dreht verärgert am Sender des Autoradios, kann aber nicht finden, was er sucht. Nur Nachrichten über Gorbatschow und Reagan und Spekulationen über den Mauerfall in Berlin. Er stehe kurz bevor, heißt es. Möglicherweise bricht eine völlig neue Epoche an.

Er hat schon lange gewusst, dass dieses Gespräch kommen muss, und trotzdem hat er sich bisher nicht dazu durchringen können. Jetzt ist es nur noch eine Woche, bis er, so denkt seine Frau, in Pension geht, es ist also höchste Zeit, ihr die Wahrheit zu sagen. Dass er nicht ohne seine Arbeit sein kann. Dass er das Praktische schon geregelt und die Entscheidung rausgeschoben hat. Dass er noch nicht bereit ist, nach Hause aufs Ecksofa zu kommen und »Glücksrad« zu kucken, im Garten die Blätter zusammenzufegen oder mit den Enkelkindern Schwarzer Peter zu spielen.

Wenn er das Gespräch in seinem Kopf durchspielt, ist alles ganz einfach, aber Marius weiß nur zu gut, dass sie traurig sein wird. Sie wird sich betrogen fühlen, vom Tisch aufstehen und rausgehen. Den Herd in der Küche wischen, ihm den Rücken zudrehen und sagen, dass sie das gut verstehen kann. Doch das kann sie nicht. Deshalb hat er, als vor zehn Minuten die Meldung über den Polizeifunk kam, im Revier Bescheid gegeben, dass er die Sache selbst übernehmen wird. So kann er das Gespräch noch ein wenig rausschieben. Normalerweise wäre er verärgert darüber, den ganzen langen Weg durch Felder und Wald zu Ørums Hof fahren zu müssen, um denen da zu sagen, dass sie besser auf ihre Tiere aufpassen müssen. Schon mehrmals ­waren entweder Schweine oder Kühe aus der Umzäunung ausgebrochen und über die Felder der Nachbarn gestreift, bis Marius selbst oder einer seiner Leute Ørum dazu gebracht hatte, sich darum zu kümmern. Doch heute macht ihm das nichts aus. Selbstverständlich hat er das Revier angewiesen, erst einmal anzurufen, sowohl bei Ørum zu Hause als auch bei seinem Teilzeitjob an der Fähre, doch da bisher keine Rückmeldung kam, hat er oben auf der Hauptstraße gewendet, um persönlich hinzufahren.

Marius landet bei einem Sender mit alter Schlagermusik. »Ein knallrotes Gummiboot« tönt in den Fond des alten Ford Escort hinaus, und Marius dreht auf. Er genießt den Spätherbst und die Straße da draußen. Der Wald mit den gelben, roten und braunen Blättern, vermischt mit dem Immergrün. Die Vorfreude auf die bevorstehende Jagdsaison. Er kurbelt die Fensterscheibe herunter, die Sonne wirft ihr fleckiges Licht durch die Baumkronen auf die Straße, und für einen Moment vergisst Marius, wie alt er ist.

Auf dem Hof ist es still, als er ankommt. Er steigt aus und schlägt die Autotür zu, und mit einem Mal fällt ihm ein, dass es lange her ist, seit er das letzte Mal hier draußen war. Der große Hof wirkt vernachlässigt. Die Stallfenster sind zerbrochen, an den Hauswänden ist der Putz abgeblättert, und das leere Schaukelgestell im hohen Gras des Rasens scheint von den großen Kastanienbäumen, die das Grundstück säumen, fast verschluckt zu werden.

Nachdem Marius dreimal geklopft und nach Ørum gerufen hat, sieht er ein, dass ihm keiner öffnen wird. Er kann auch kein Lebenszeichen entdecken, und so zieht er einen Block heraus, schreibt einen Zettel und schiebt ihn in den Briefschlitz, während ein paar Krähen über den Hof fliegen und hinter dem Ferguson-Traktor verschwinden, der vor dem Schuppen steht. Nun ist Marius den ganzen Weg hierhergefahren und muss den Hof unverrichteter Dinge wieder verlassen und auch noch den Umweg zum Fähranleger machen, um Ørum zu erwischen. Doch das kann ihn nicht betrüben. Auf dem Weg zurück zum Auto kommt ihm eine Idee. Diese Sorte Ideen hat Marius eigentlich nie, es muss also eine glückliche Fügung sein, dass er hier rausgefahren ist anstatt gleich zum Gespräch nach Hause. Wie ein Pflaster auf die Wunde will er seiner Frau eine Reise nach Berlin anbieten. Sie könnten sich eine Woche dafür nehmen, ja, oder zumindest ein Wochenende, sobald er frei machen kann. Selbst hinfahren, den Flügelschlag der Geschichte verspüren, die neue Epoche, Knödel mit Sauerkraut essen, wie sie es damals vor allzu langer Zeit getan haben, auf der Campingtour mit den Kindern im Harz. Erst als er fast wieder am Auto ist, entdeckt er, warum die Krähen hinter dem Traktor hocken. Sie trippeln um etwas Weißes und Bleiches und Unförmiges herum, und als er näher kommt, wird ihm klar, dass es sich um ein Schwein handelt. Die Augen sind tot, doch der Körper zittert und strampelt, als wolle er versuchen, die Krähen zu erschrecken, die dahocken und aus der großen, offenen Schusswunde im Hinterkopf picken.

Marius öffnet die Haustür. Im Flur ist es dunkel, und er vernimmt einen Geruch von Feuchtigkeit und Schimmel und noch von etwas anderem, von dem er nicht so richtig sagen kann, was es ist.

»Ørum, hier ist die Polizei.«

Es kommt keine Antwort, aber er kann weiter drinnen im Haus das Wasser laufen hören und betritt die Küche. Das Mädchen ist ein Teenager. Vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Ihr Körper sitzt immer noch auf dem Stuhl am Esstisch, und das, was von ihrem zerschossenen Gesicht übrig ist, liegt in einer Schale mit Haferbrei. Auf der anderen Seite des Esstischs kauert auf dem Linoleumfußboden noch ein lebloses Wesen. Ein Junge, auch Teenager, etwas älter, mit einer großen, klaffenden Schusswunde in der Brust, sein Hinterkopf lehnt linkisch am Herd. Marius Larsen erstarrt. Natürlich hat er schon öfter Tote gesehen, aber noch niemals etwas wie das hier, und einen kurzen Augenblick ist er gelähmt, bis er seine Dienstwaffe aus dem Holster im Gürtel holt.

»Ørum?«

Marius geht weiter, während er ruft, jetzt hält er die Pistole vor sich. Immer noch keine Antwort. Die nächste Leiche findet er im Badezimmer, und diesmal muss er sich die Hand vor den Mund halten, um sich nicht zu übergeben. Das Wasser läuft aus dem Hahn in die Badewanne, die schon längst bis an den Rand gefüllt ist. Es fließt weiter auf den Terrazzofußboden zum Ablauf und vermischt sich mit dem Blut. Die nackte Frau, vielleicht die Mutter, liegt in einer verdrehten Stellung auf dem Fußboden. Ein Arm und ein Bein sind vom Torso abgetrennt. Später im Obduktionsbericht wird stehen, dass sie mit einer Axt abgeschlagen wurden, die sie mehrmals getroffen hat. Erst, während sie in der Badewanne gelegen hat, und danach, als sie in dem Versuch wegzukommen, auf dem Boden gekrochen ist. Dort wird auch stehen, dass sie anfänglich versucht hat, sich mit Händen und Füßen zu verteidigen, die deshalb große Wunden aufweisen. Ihr Gesicht ist nicht mehr zu erkennen, weil die Axt benutzt wurde, um ihr den Schädel zu zerschmettern.

Marius erstarrt beinahe bei dem Anblick, doch plötzlich nimmt er aus dem Augenwinkel eine schwache Bewegung wahr. Halb unter einem Duschvorhang verborgen, der in die Ecke geworfen ist, erahnt er einen Menschen. Marius zieht den Vorhang ein klein wenig beiseite. Es ist ein Junge. Zerzaustes Haar, ungefähr zehn, elf Jahre alt. Er liegt leblos im Blut, aber ein Fetzen vom Vorhang bedeckt den Mund des Jungen und vibriert schwach und stoßweise.

Marius beugt sich schnell über den Jungen, entfernt den Vorhang ganz, nimmt seinen leblosen Arm und sucht nach einem Puls. Der Junge hat Schnittwunden und Kratzer an Armen und Beinen, T-Shirt und Unterhose sind blutig, und direkt bei seinem Kopf liegt eine Axt. Marius findet den Puls des Jungen und erhebt sich rasch.

In der Wohnstube sucht er fieberhaft das Telefon und findet es neben dem vollen Aschenbecher, der auf den Teppich fällt, aber da hat er schon das Revier dran, und er ist klar genug im Kopf, um einen ordentlichen Bericht durchzugeben. Ambulanz. Verstärkung. Eile. Keine Spur von Ørum, macht den Leuten Beine. Sofort! Als er auflegt, ist sein erster Gedanke, schnell wieder zu dem Jungen zu kommen, als ihm plötzlich klar wird, dass da noch ein Kind sein muss, denn der Junge hatte doch eine Zwillingsschwester.

Marius sieht sich um und geht zum Eingang und der Treppe zum oberen Stockwerk zurück. Als er an der Küche und der offenen Tür zum Keller vorbeikommt, hält er abrupt an und sieht nach unten. Da war ein Geräusch. Schritte oder ein Kratzen, aber jetzt ist es still. Marius holt seine Dienstwaffe wieder hervor. Öffnet die Tür sperrangelweit und bewegt sich vorsichtig die Stufen hinunter, bis seine Füße behutsam auf dem Betonboden landen. Seine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, und dann sieht er die ­offene Tür am Ende des Ganges. Sein Körper zögert und sagt ihm, dass er hier stehen bleiben sollte. Auf die Ambulanz und die Kollegen warten, aber Marius denkt an das Mädchen.

Als er sich der Tür nähert, kann er sehen, dass sie gewaltsam aufgebrochen wurde. Schloss und Stahlbeschläge liegen auf dem Boden. Marius betritt einen Raum, der von den schmutzigen Kellerfenstern nur schwach erhellt ist. Dennoch ahnt er mit einem Mal das kleine Wesen, das sich ganz hinten unter einem Tisch in einer Ecke versteckt. Marius eilt hin, senkt die Pistole, beugt sich herab und sieht unter den Tisch.

»Es ist okay. Es passiert nichts mehr.«

Das Mädchen kauert zitternd in der Ecke und verbirgt sein Gesicht in den Händen.

»Ich heiße Marius. Ich bin von der Polizei, und ich bin hier, um dir zu helfen.«

Das Mädchen bleibt ängstlich hocken, als würde es ihn nicht hören, und plötzlich wird Marius auf den Raum aufmerksam. Er sieht sich um, und ihm geht allmählich auf, wofür er benutzt worden ist. Marius erschauert. Da fällt sein Blick durch die Tür auf die schiefen Holzregale im angrenzenden Raum. Für einen Augenblick vergisst er das Mädchen und tritt über die Schwelle. Er kann nicht abschätzen, wie viele es sind, aber es sind viele, mehr als er zählen kann. Kastanienmänner und Kastanienfrauen. Auch Tiere. Große und kleine, kindliche und gruselige, viele von ihnen unfertig und deformiert. Marius starrt sie an, ihre Anzahl und Verschiedenheit, und die kleinen Figuren auf den Regalen verwirren ihn für einen Moment, als der Junge hinter ihm durch die Tür tritt.

Im Bruchteil einer Sekunde denkt Marius, dass er nicht vergessen darf, die Techniker untersuchen zu lassen, ob die Tür zum Keller von außen oder von innen aufgebrochen wurde. Im Bruchteil einer Sekunde erkennt er, dass hier etwas Schreckliches ausgebrochen sein könnte, wie die Tiere aus ihrer Umhegung, aber als er sich dem Jungen zuwendet, flimmern seine Gedanken nur vorbei wie kleine, verwirrte Wölkchen am Himmel. Und dann trifft die Axt seinen Kiefer, und alles wird schwarz.

Montag, 5. Oktober, Gegenwart

2

Die Stimme ist überall in der Dunkelheit. Sie flüstert leise und verhöhnt sie – sie hebt sie auf, wenn sie fällt, und wirbelt sie im Wind herum. Laura Kjær kann nicht mehr sehen. Sie kann nicht mehr das Rascheln der Blätter in den Bäumen hören oder das kalte Gras unter ihren Füßen spüren. Sie hört nur noch die Stimme, die zwischen den Schlägen mit dem Stock und der Kugel flüstert. Sie denkt, wenn sie aufhört Widerstand zu leisten, dann wird die Stimme doch irgendwann schweigen, doch das tut sie nicht. Die Stimme bleibt, und die Schläge gehen weiter, und am Ende kann sie sich nicht mehr rühren. Zu spät bemerkt sie die scharfen Zacken von einem Werkzeug auf ihrem Handgelenk, und bevor sie das Bewusstsein verliert, hört sie das elektrische Geräusch der Säge, die angeworfen wird und beginnt, durch ihren Knochen zu schneiden.

Hinterher weiß sie nicht, wie lange sie weg war. Es ist immer noch dunkel. Dieselbe Stimme, und es ist, als habe sie darauf gewartet, dass Laura wieder bei Bewusstsein ist.

»Laura, bist du okay?«

Der Klang ist sanft und zärtlich und viel zu dicht an ihrem Ohr. Doch die Stimme wartet nicht auf Antwort. Vor einer Weile ist das entfernt worden, was über ihrem Mund klebte, und Laura Kjær hört sich selbst bitten und flehen. Sie versteht nichts. Sie will alles tun. Warum sie – was hat sie denn nur getan?

Die Stimme sagt, das wüsste sie sehr genau. Sie beugt sich herab, ganz dicht, und flüstert es in ihr Ohr, und Laura kann spüren, dass die Stimme sich auf diesen besonderen Augenblick gefreut hat. Sie muss sich konzentrieren, um die Worte zu hören. Sie versteht, was die Stimme sagt, doch sie kann es nicht glauben. Der Schmerz ist größer als alle Qualen zusammengenommen. Das kann es nicht sein. Das darf es nicht sein.

Sie schiebt die Worte weg, als wären sie ein Teil des Wahnsinns, der sie umgibt. Sie will aufstehen und weiterkämpfen, aber ihr Körper gibt auf, und sie schluchzt hysterisch. Sie hat es schon eine Weile gewusst, aber irgendwie auch nicht, und erst jetzt, als die Stimme es ihr zugeflüstert hat, begreift sie, dass es wahr ist. Sie will schreien, wie sie nur kann, aber ihre Eingeweide sind bereits auf dem Weg hinauf durch ihren Hals, und als sie spürt, wie der Stock ihre Wange streichelt, stößt sie sich mit aller Kraft ab und stolpert weiter in die Dunkelheit hinaus.

Dienstag, 6. Oktober, Gegenwart