

Teil eins
Simons Rettung
Teil zwei
Anrufung des Lebens
Teil drei
Was Mitgefühl beduetet

Den Namen Simon hat ihm McKenzie Barrett gegeben, die Tochter der Tierschutzbeauftragten. Ein Name aus der Bibel, so dachte sie, würde dem Esel Segen bringen, und man täte ihm nie wieder etwas zuleide. Ein Beamter von der New York State Police war früher am Tag schon einmal vorbeigekommen, auf den nahe gelegenen Hügel gestiegen und hatte sich die Sache durchs Fernglas angesehen. Dann zeichnete er eine Skizze vom »Gehege« des Esels (er wusste nicht recht, wie er es nennen sollen, es war alles so eng) und verteilte Kopien davon an alle, die bei dem Überraschungsangriff mitmachen sollten: an die anderen Polizisten, den Tierarzt, die örtliche Tierschutzbeauftragte und den Fahrer des Transporters, der Simon fortbringen sollte – ob tot oder lebendig. Durchs Fernglas konnte der Polizist nicht erkennen, was davon zutraf. Er fürchtete, dass es vielleicht schon zu spät war.
Auf dem Anwesen gab es ein Bauernhaus und eine große Scheune, deren Südseite an die Straße grenzte. Das Haus und die alte Scheune waren durch einen Feldweg verbunden, der sich – an manchen Stellen kaum mehr als ein Trampelpfad – weiter hinten durch eine Wiese und einen Kiefernhorst wand, ehe er an einem kleinen, von Maschendraht umgebenen Gehege entlangführte. Die Anlage war von Gebüsch und Bäumen verdeckt und von der Straße aus nicht einsehbar. Es war ein kleiner Pferch mit einem robusten Zaun. Selbst wenn man am Farmhaus stand, ahnte man nichts von seiner Existenz.
Einst war er vermutlich für Schweine oder ein paar Ziegen angelegt worden – für Tiere, die starke Zäune und Absperrungen brauchten, wenn man sie in einem so kleinen Pferch halten wollte. Er war schäbig und primitiv, ein von schwerem Maschendraht umgebener, schlammiger Gang. Einige Paletten waren so aufgestellt, dass sie ein umgekehrtes V bildeten – so niedrig, dass nur ein Schwein oder ein paar Hühner hätten darunterkriechen können. Durch sein Fernglas hatte der Polizist gesehen, dass der Esel auf dem Boden lag, den Kopf unter die Paletten geschoben. Vielleicht, um Schutz vor dem Regen zu suchen. Vielleicht, um zu sterben.
Am Schlamm und Dreck, der die Flanke des Tieres bedeckte, konnte der Polizist erkennen, dass es schon lange dort lag. Seine Haut war schwarz. Man nennt das Regenräude – die Haut stirbt ab, sie wird schwarz, weil ein Tier Wochen oder Monate in der Kälte und Nässe gelegen hat und nie ganz trocknen konnte.
Die Paletten bildeten eine Insel in einem Meer aus Matsch, aus Abfällen, Stücken von verrottetem Holz und Zaunpfählen. Der Esel war bis zur Schulter im Schlamm versunken – er steckte richtig darin fest. Er war beinahe begraben unter seinem eigenen Dung. Der Geruch war scheußlich, ein Gestank, der sich über die Wiese verbreitete und vom Wind davongetragen wurde.
Der Polizist schätzte die Gehegegröße auf drei mal drei Meter – gerade ausreichend für den hingestreckten Körper des Esels. Hätte er stehen können, wäre es ihm schwergefallen, sich in diesem Pferch umzudrehen. Aber er rührte sich nicht.
Selbst aus der Ferne konnte der Polizist erkennen, in welch schrecklichem Zustand Beine und Fell des Tieres waren. An seiner Flanke traten die Rippen hervor. Er konnte nicht sehen, ob sich der Bauch noch hob und senkte. Die Behausung des Esels glich eher einem Müllabladeplatz als einer Weide oder einem Stall.
***
Um zehn Uhr abends stand der Polizist schließlich am Pferch und fürchtete das Schlimmste. Er hatte sich den ganzen Tag Sorgen gemacht, Schreibkram erledigt, die bürokratischen Kreisläufe in Gang gesetzt und seine Vorgesetzten davon überzeugt, dass es die Zeit und die Ausgaben wert sei, auch wenn sie fanden, es gäbe Dringenderes zu tun.
Als die Polizisten und die Tierschutzbeauftragte sich dem Gatter näherten, mussten sie innehalten. Eigentlich waren sie Schlimmes gewohnt. Sie hatten schon eine Menge zu sehen bekommen, aber so etwas noch nicht. Die Tierschutzbeauftragte schüttelte den Kopf. »Mein Gott«, sagte sie. »Warum hat ihm sein Besitzer, wer auch immer das sein mag, nicht einfach den Gnadenschuss gegeben?« Einer der jungen Polizisten rannte zum Gebüsch und erbrach sich.
Der Esel war von Läusen übersät und hatte Bissspuren von Ratten. Einer der Polizisten fragte den Veterinärmediziner, wie alt das Tier sei. »Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen«, antwortete er, »ich müsste ihn bei Licht sehen. Aber ich würde mal schätzen, fünfzehn Jahre.« Dann verstummte er und hievte seine große Tasche von der einen auf die andere Schulter. »Lassen Sie uns reingehen.«
Am Feldrain konnte man Ratten ausmachen; sie starrten lauernd zu uns herüber. Ein Hilfssheriff legte die Hand an seine Waffe, aber ein anderer Polizist berührte ihn am Arm und schüttelte den Kopf. Selbst Ratten waren kein Grund zu schießen. Er lehnte sich übers Gatter und warf einen Stein nach den Ratten, aber sie rührten sich nicht vom Fleck.
Ein anderer Hilfssheriff brachte einen Strahler auf einem Dreifuß und einen tragbaren Generator herbei. Er setzte das Gerät in Gang, und der Pferch wurde von Licht geflutet. Die Polizisten, der Veterinärmediziner und die Tierschutzbeauftragte scharten sich alle um den Esel, der sich bisher weder bewegt noch einen Laut von sich gegeben hatte.
Der Tierarzt legte die flache Metallscheibe seines Stethoskops an den Hals des Esels. »Also, er lebt«, sagte er, »aber gerade noch so. Entfernen wir doch erst mal die Paletten.«
Sie standen auf, schoben die hölzerne Konstruktion über dem Kopf des Esels weg und leuchteten dem Tier mit ihren Taschenlampen ins Gesicht. Ein Augenblick fassungslosen Schweigens entstand; dann banden sich einige der Männer Taschentücher vor die Nase und machten sich an die Arbeit.
Der Tierarzt stellte seine große Segeltuchtasche im Schlamm ab und entnahm ihr Spritzen, kleine Glasflaschen, Schwämme, Schmerzmittel, Zangen und Zwingen zum Zähneziehen, Vitamine und Energybooster, Balsam und Salbe für die Haut, Läusepuder, Gazepflaster für die Rattenbisse und ein Antibiotikum für die eiternden Augen. Wo sollte man anfangen? Er würde alles brauchen, was er mitgebracht hatte. Er machte sich rasch an die Arbeit.
Die Polizisten waren es gewohnt herumzustehen, zu beobachten und zu warten. Es war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Sie hatten sich im Halbkreis hinter dem Tierarzt aufgestellt, reichten ihm Handtücher und Decken, Feuchttücher und Gerätschaften und richteten ihre Taschenlampen auf die jeweils gewünschte Stelle. Manche Arbeiten konnte er später erledigen, wenn sie den Esel auf die Farm der Tierschutzbeauftragten transportiert haben würden, ein paar Orte weiter. Denn das war ihr Plan gewesen: Wenn Simon noch am Leben sein sollte, wollten sie seinen Zustand stabilisieren, ihn irgendwie auf die Beine kriegen und auf jene Farm bringen. Dort gab es einen Stall mit einigen leeren Boxen. Am nächsten Vormittag würden sie ihn dann besser begutachten können.
Als sich der Tierarzt über den Esel gekniet hatte, sagte er: »In zwanzig Jahren Praxis habe ich noch nie ein Tier gesehen, das in so einem schlimmen Zustand war.« Er war selbst überrascht, dass ihm die Tränen auf die Tasche, die Flaschen und die Wickel tropften. So etwas passierte ihm selten; er wischte sie beiseite und machte sich an die Arbeit. Großer Gott, dachte er, so etwas hätte ich niemals sehen wollen! Aber war er nicht genau deshalb Veterinärmediziner geworden? Manchmal, so sagte er sich, manchmal schäme ich mich, ein Mensch zu sein.
Viel Zeit blieb ihm nicht. Puls und Herzschlag des Tieres wurden rasch schwächer.
Der Tierarzt hatte gleich gesehen, dass die Hufe des Esels wie Flügel hervorstanden – es musste sehr lange her sein, dass man sie ihm das letzte Mal geschnitten hatte. »Er muss schon auf den Knöcheln gegangen sein«, sagte der Tierarzt. »So kann er nicht bis zum Anhänger laufen. Ich muss ihm die Hufe an Ort und Stelle schneiden.«
Er erhob sich, lief zu seinem Wagen und nahm eine Akku-Handkreissäge heraus. Dann griff er nach den Schmerzmitteln und einem Sedativum. Er musste den Esel für eine Weile ruhigstellen. Die Schmerzen mussten schrecklich sein, aber wenn man ihm nicht die Hufe schnitt, würde er es niemals bis zum Transporter schaffen.
Bevor er damit begann, zog er dem Esel die Kiefer auseinander. Simons rechtes Auge ragte aus dem Schlamm heraus; es stand offen und starrte ihn durch den Belag und den Eiter hindurch an. Der Tierarzt betrachtete den Kiefer und blickte dann zu einem der Polizisten hoch. »Ich muss sie ihm gleich hier ziehen, da steckt eine schlimme Infektion drin. Ich muss ihn sedieren, kann ihn aber nicht ganz betäuben, denn dann bekommen wir ihn nicht mehr hoch. Er wird schläfrig sein, aber spüren wird der arme Kerl es trotzdem.« Und dann machte er sich ans Werk.
»Wird er durchkommen?«, fragte einer der Polizisten.
»Ich weiß es nicht«, sagte der Tierarzt. »Ein Teil von mir hofft beinahe, dass er es nicht schafft; dann hätte er wenigstens seinen Frieden.«
»Nein«, sagte die Tierschutzbeauftragte. Sie beugte sich vor und legte dem Veterinär ihren Arm um die Schulter. »Ich glaube, ich habe schon ein Heim für ihn gefunden. Jemand, der schon zwei Esel hat, ein Schriftsteller. Er sagt, er würde mal vorbeischauen, morgen früh, falls wir das Tier tatsächlich bis zu mir nach Hause bekommen. Versuchen wir’s, geben wir ihm eine Spritze!«
Der Tierarzt schaute zu ihr hoch und nickte. Er zog Simon die Kiefer auseinander und brachte das Maulgatter an, um sie offen zu halten.
Sie wussten nicht, dass ein Esel schreien konnte.
Er wäre gestorben, wenn dieses Kind nicht gewesen wäre. Der kleine Junge, der im Farmhaus lebte, kam jeden Abend zu ihm hinübergehuscht, zu sehr später Stunde. Simon hätte sein Gesicht ganz deutlich im Mondschein erkennen können, wenn er nach ihm Ausschau gehalten hätte, aber meist nahm er ihn erst wahr, wenn er sich dem Zaun näherte, so sanft auf seinen bloßen Füßen, selbst in der Kälte, und wenn er Simon zuflüsterte, er solle still sein, und ein wenig Heu über den Zaun in Richtung von Simons Kopf warf.
Anfangs konnte der Junge noch den Arm über den Zaun strecken und dem Esel das Heu zum Fressen hinhalten, aber seit einigen Tagen lag Simon nur noch auf der Seite, unfähig, sich zu bewegen oder gar aufzustehen, und so warf das Kind das Heu eben so nahe an seinen Kopf, wie es konnte.
»Es tut mir so leid«, sagte der Junge oft, und manchmal weinte er. »Das ist alles, was ich dir geben kann. Mehr kann ich nicht tun.« Er sah nach, ob der Esel noch lebte, warf ihm das Heu hinüber und verschwand dann so schnell, wie er gekommen war, in den Wiesen hinter dem Farmhaus. Von Anfang an hatte Simon diesen Jungen sehr gern, wie Esel überhaupt ihre Menschenkinder innig lieben. Sie beschützen sie, halten nach ihnen Ausschau, rufen sanft nach ihnen, lassen die Kinder bereitwillig auf sich reiten und sind gerne mit ihnen zusammen. Die Seele eines Kindes ist der eines Esels so ähnlich – klein und gut und offen, neugierig und unabhängig.
Der Junge hatte immer gespürt, dass Simon menschliche Zuwendung brauchte. Da ihnen durch Menschenhand so viel Schlechtes widerfahren ist, betrachten Esel solche Zuwendung nie als selbstverständlich. Sie brauchen es, von Menschen berührt zu werden, brauchen Sicherheit und die Zärtlichkeit der Kinder. Es wirkt heilend auf sie, und im Gegenzug können auch sie heilen.
Simon lag still da. Während der Veterinär allmählich zum Ende kam, dachte die Tierschutzbeauftragte über Simons Zukunft nach. »Wir müssen es probieren. Dieser Schriftsteller hat mir noch einmal eine SMS geschickt; er hat einen geräumigen Stall und jede Menge Weideland. Er liebt Tiere und ist selbst dickköpfig wie ein Esel. Sie werden bestimmt miteinander klarkommen.«
Und dann geschah, was wenige Minuten zuvor noch unvorstellbar gewesen wäre: Simon bewegte sich. Seine Instinkte kehrten zurück, er kämpfte ums Überleben.
Die Tierschutzbeauftragte (sie hatte lange blonde Haare, genau von der Art, wie Esel sie gerne anknabbern) und alle umstehenden Männer riefen ihm zu: »Steh auf, Simon! Steh auf! Jetzt ist alles in Ordnung! Wir sind gekommen, um dich hier wegzuholen!« Sie waren aufgeregt, und die Aufregung übertrug sich auf ihn. Der Veterinär rief immer wieder, dass Simons Pulsschlag zurückgehe. Das Tier hatte einen Schock. Sie stemmten seine geschwollenen Kiefer wieder auseinander und spritzten ihm durch eine Sonde Flüssigkeit in den Magen. Sie stachen ihm eine Kanüle in den Hals und verbanden sie mit einer Plastikflasche, die an einem Ständer aufgehängt war.
»Schluck es runter, Simon«, flehten sie ihn an, »schluck runter! Steh auf, beweg dich, bitte beweg dich!« Vom Knistern des Sprechfunks fuhr Simon hoch, betäubt von seinen Schmerzen; er wurde von den grellen und aufblitzenden Lichtern geblendet und von all den Geräuschen durcheinandergebracht. Er wirkte benommen und schwindlig und kämpfte sich ab. Er schien sich auf eine ganz bestimmte Person zu konzentrieren, die Frau mit den blonden Haaren. Sie hatte eine Verbindung zu ihm hergestellt; es war, als würde sie ihn erden und ihm dabei helfen, in all dem Chaos und Schmerz einen Sinn zu finden.
Sie setzten sich in Bewegung und kamen auf dem abschüssigen Fahrweg langsam voran, doch dann stoppte die Prozession plötzlich.
Ihnen gegenüber vor dem Bauernhaus, mit vor der Brust verschränkten Armen und gesenktem Kopf, stand der Farmer und wartete. Die Polizisten und die übrigen Retter blieben stehen und schauten zu ihm hinüber. Manche waren wütend – man konnte es ihnen an den Gesichtern ablesen. Andere waren perplex und versuchten zu begreifen. Der Farmer sah erschöpft und niedergeschlagen aus. Er trug Jeans, schwere Stiefel und ein rotes Flanellhemd. Er brachte es nicht fertig, den Blick zu heben und Simon anzuschauen. Die Polizisten gingen zu ihm hinüber, sagten etwas und händigten ihm irgendwelche Papiere aus.
»Es tut mir leid«, sagte der Farmer, der immer noch auf seine Stiefelspitzen blickte. »Mir ist das alles über den Kopf gewachsen. Nach einer Weile konnte ich es einfach nicht mehr ertragen, zu ihm zu gehen. Ich konnte das nicht mehr mit ansehen.«
Die Polizisten entgegneten nichts; sie starrten ihn nur an.
Als sie zu Simon zurückgingen, wandte sich einer seinem Kollegen zu und sagte: »So was habe ich schon manchmal erlebt. Sie können einfach nicht um Hilfe bitten, sie können es nicht eingestehen, dass sie derart am Boden sind.« Der andere Polizist nickte.
Sie leuchteten mit ihren starken Taschenlampen in die Dunkelheit hinein. Im Gebüsch raschelte es, und der Junge kroch hinaus, im Schlafanzug und barfuß in all dem Schlamm und der Kälte. Er war klein und dünn, etwa zehn Jahre alt, und vor seinem Gesicht hingen dichte braune Strähnen. Seine Augen waren feucht und gerötet.
»Was machst du denn hier, Junge?«, fragte einer der Polizisten. Das Kind bewegte sich zögerlich auf Simon zu, und der Polizist machte ein paar Schritte, um es aufzuhalten. Die Tierschutzbeauftragte aber winkte den Polizisten zurück und nahm den Jungen bei der Hand. Sie beugte sich zu ihm hinab, wuschelte ihm durchs Haar und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Du warst derjenige, der angerufen hat.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Das bleibt unser Geheimnis. Möchtest du dich von ihm verabschieden?«
Der Junge schaute zu ihr hinauf, dann zu Simon, und schließlich nickte er. »Ja, bitte«, sagte er und blickte sich ängstlich zum Farmhaus um. Simon stellte die Ohren auf und iahte leise. Seine schwache, piepsige Stimme schien ihn selbst zu erschrecken; der Ton hätte eher zu einer Maus gepasst als zu einem Esel.
Der Junge schaute auf Simon und dann auf die Polizisten. »Mein Dad ist in Ordnung«, sagte er zu dem größten. »Er hat es bloß gerade schwer.«
Der Polizist nickte.
Simon schien sich bei dem Jungen so wohlzufühlen, dass die Tierschutzbeauftragte dem Kind die Zügel überließ. Jetzt lächelte der Junge; er griff nach der Leine und sagte: »Na komm, Simon, lass uns gehen.« Die Prozession setzte sich wieder in Gang. Er führte Simon den Pfad hinunter bis auf die Straße und dann geradewegs in den Anhänger, wobei der Esel sehr lange brauchte, um auf seinen schmerzenden und wackligen Beinen die Rampe hochzukommen. Als er es, unterstützt von einem halben Dutzend starker Arme, endlich geschafft hatte, wartete der Junge dort schon mit einem Büschel Heu auf ihn. Simon hielt einen Augenblick inne; er nahm das Heu ins Maul, begierig auf den vollen und warmen Geschmack, selbst wenn sein Zahnfleisch schmerzte und der Kiefer geschwollen war.
Der Junge reckte sich, umarmte Simon und gab ihm einen Kuss auf die Nase. Als er die Rampe hinunterging, schaute Simon ihm nach. Er wollte sich umdrehen, um ihm zu folgen, aber es ging nicht, denn nun wurde er von einem Tor zurückgehalten und von Stricken, die man in den Ecken des Anhängers an Ringen festgemacht hatte.
Der Junge wandte sich noch einmal um und winkte; dann lief er davon. Simons klagendes Iahen brach sich an den Wänden des Anhängers und hallte über die Wiese bis zu jener kleinen, schrecklichen Stelle, die sein Heim gewesen war – einem Ort, den er niemals wiedersehen sollte.
Simon wurde an den Seitenwänden des Anhängers fest angebunden, aber das Vehikel rumpelte über die Feldwege und schlenkerte hin und her, und bei jeder Bodenwelle und jeder Kurve schoss es ihm wie ein Blitz die Beine hinauf bis in den Kiefer. Sie standen an seiner Seite, redeten auf ihn ein, schmierten ihm Salben auf die Wunden und sagten ihm, dass nun alles gut werde. Bald hatte der Transporter seinen Zielort erreicht. Simon wurde in einen weiträumigen roten Stall geführt. Er hörte, wie ihm Pferde von der angrenzenden Weide aus zuwieherten. Er spürte die Einstiche von weiteren Kanülen, und endlich sackte er kraftlos und erschöpft auf ein Bett aus Stroh.
Sie arbeiteten die ganze Nacht hindurch, um ihn zu retten. Die Hornflügel an seinen Füßen wurden endgültig weggesägt. Sie zogen ihm die entzündeten Zähne, praktisch jeden zweiten. Er wurde in Tinkturen gebadet, damit die Geschwüre abheilten; man trug verschiedene Puder auf, um die Läuse und Flöhe abzutöten. Sie legten ihm Bandagen zum Stützen der Beine an und tropften ihm eine Arznei in die Augen, um sie zu reinigen. Gazepackungen sollten die Schwellungen in seinem Maul lindern. Man verband Wunden und trug Arzneimittel auf, damit die Bissstellen von den Ratten heilen konnten. Die Regenräude, also die schwarz gewordene Haut, würde Monate brauchen, um zu heilen. Simons Beine würden nie wieder völlig gerade werden, aber mit etwas Glück würde er wieder umherlaufen können.
***
Draußen saßen die Polizisten in ihren Autos, deren Motoren auf Leerlauf geschaltet waren. Die Männer tranken ihren Kaffee und gaben einander den Stand der Dinge durch. Häufig werden Menschen ganz tief in Tierschicksale mit hineingezogen, und diese Männer bildeten keine Ausnahme. Sie nahmen jetzt größten Anteil an der Rettung dieses total heruntergekommenen alten Esels, den man in seinem Pferch als tot zurückgelassen hatte. Dabei würde vermutlich keiner von ihnen das Tier je wieder zu Gesicht bekommen. So war ihre Arbeit eben. »Ob er wohl durchkommt?«, fragte einer, und ein anderer sagte: »Man muss ihn wirklich bewundern. Er wird niemals aufgeben. Stell dir bloß vor, wie viel Kraft es gekostet haben muss, in diesem Dreckloch am Leben zu bleiben.«
Am späten Vormittag waren die Polizisten fort, und Simon war wieder allein. Er ließ den Blick schweifen. Er hatte ein Dach überm Kopf, aber die Tore standen offen, und ganz in seiner Nähe war eine kleine Wiese mit Büschen. Es war Frühlingsanfang, und das Gras hatte zu wachsen begonnen. Simon taumelte zur Wiese hinüber, senkte seinen Kopf und schien das feuchte, frische Gras, eine Wonne für jeden Esel, beinahe aufzusaugen. Dann legte er sich hin.
Es war still; man hörte die Vögel singen. Weiter hinten rauschten Autos und Laster auf einer viel befahrenen Schnellstraße vorbei. Er lauschte den Hunden, die unweit von ihm bellten, und nahm auch Pferde wahr, die weiter hügelan auf der Weide standen.
Um ihn herum war überall Heu, und es gab ein Bett aus Stroh, auf das er sich legen konnte. Sein Blick klärte sich immer mehr; er konnte wieder richtig sehen. Ein paar Schritte den Hügel hinab wand sich ein Bach mit frischem Wasser, und Simon nahm all seine Kraft zusammen und kraxelte hinunter, um gierig und lange zu trinken.
Er hatte Bauchschmerzen, aber nicht vor Hunger. Um ihn herum gab es nichts Vertrautes. Er iahte, rief nach dem Jungen, aber der war nirgends; er kam und kam nicht.
Vielleicht sollte ich erst einmal erklären, weshalb die Polizei auf den Gedanken kam, ich könnte auf meiner Farm einen sterbenden Esel aufnehmen. Für ein Stadtkind wie mich, das die meiste Zeit seines Lebens glaubte, Esel gebe es nur in Indien oder Spanien, ist das nicht gerade naheliegend.
Ich fragte die Tierschutzbeauftragte, wie viele Leute sie gebeten hatte, über die Aufnahme von Simon nachzudenken. Auch mich verblüffte es nämlich, dass ihre Behörde und die New York State Police ausgerechnet auf mich gekommen waren. »Nur Sie«, war ihre Antwort.
»Oh …«, sagte ich in einem jener bewusstseinsverändernden Augenblicke, in denen wir eine Ahnung davon bekommen, wie andere Menschen uns vielleicht sehen.
»Wir wussten ja, dass Sie ein paar Esel besitzen und sie lieben«, sagte die Frau vom Tierschutz. »Ich habe Ihre Bücher gelesen.«
Ich bin Autor und Fotograf und besitze nördlich von New York eine Farm. Dort wohne ich mit meiner Frau Maria und zahlreichen Tieren. Mein Leben ist nie in geraden Bahnen verlaufen; Zickzacklinien sind mehr nach meiner Art. Wenn mein Leben auf einer Farm überhaupt von irgendeinem Grundgedanken bestimmt wird, ist es womöglich dieser: Immer führt eins zum anderen.
Und es war Carol, die mich – auf einem Zickzackkurs – zu Simon geführt hat.
Der erste Esel, den ich jemals erblickte, trug einen Strohhut und rief Elmer Fudd in einem Samstagmorgen-Zeichentrickfilm sein Iah zu. Ich erinnere mich, dass er riesige Zähne hatte und ziemlich laut und albern war.
Einen echten Esel bekam ich erst zu Gesicht, als ich schon beinahe fünfzig war. Damals hatte ich meinen Border Collie auf eine Schaffarm in Pennsylvania gebracht, damit er dort lernte, wie man Schafe hütet. Dieses Erlebnis veränderte mich in vielerlei Hinsicht. Ich beschloss, mir selbst eine Farm zu kaufen, begann über Hunde zu schreiben und begegnete einem Esel, durch den sich mein Leben grundlegend wandeln sollte.
Carol war bereits an die zwanzig, als ich sie kennenlernte. Sie lebte in einem kleinen Pferch. Wie so viele Esel schien sie eine Art übrig gebliebenes Anhängsel zu sein, ein Sonderling. Esel gelangen aus allen möglichen Gründen auf eine Farm. Mal tauscht sie jemand für ein altes Pferd ein oder für etwas Heu. Mal läuft ein Farmer einem solchen Tier über den Weg und wird von Mitleid erfasst oder denkt, irgendwann könne ihm dieser Esel noch nützlich sein.
Manchmal haben Esel Glück und landen auf einer reichen Pferdefarm. Dort leisten sie den Pferden Gesellschaft, bekommen etwas vom guten Heu und Getreide ab und werden sogar in beheizten Ställen einquartiert. Aber die meisten Esel haben ein anderes Schicksal. Esel leben schon ebenso lange an der Seite des Menschen wie Hunde, vielleicht sogar länger, aber im Vergleich zu den Hunden haben sie es nicht ganz so gut verstanden, sich den Weg ins menschliche Herz zu bahnen. Ihre Geschichte und die Behandlung, die ihnen meist zuteilwird, zeugen nicht gerade von der Generosität und Barmherzigkeit des Menschen.
Der Farmer konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie Carol einst zu ihm gekommen war, aber in den ganzen sechzehn Jahren, die sie bereits in seinem Besitz war, hatte sie Tag für Tag in jenem Pferch gestanden. Hin und wieder warf er ein bisschen Heu über den Zaun und füllte die rostige Badewanne mit frischem Wasser, aber die meiste Zeit fristete Carol ihr Dasein mit Gestrüpp und Baumrinde, Regenpfützen und Wasser aus einem trüben Bächlein, das durch ihr Gehege floss. Zweimal im Jahr kam ein Hufschmied vorbei, um ihr die Hufe zu schneiden.
Der Farmer war ein viel beschäftigter Mann; er räumte ein, nur selten einmal an Carol zu denken. Auf einer Farm leben Tiere nicht als Hausgenossen; sie müssen ziemlich zäh sein. Besonders zäh sind dabei Esel – sie halten es sehr lange mit ganz wenig aus.
Die Vorstellung, dass Carol Jahr um Jahr in diesem winzigen, zusammengeschusterten Holzverhau zubrachte, ging mir nicht wieder aus dem Kopf und bescherte mir einen ersten Anflug von Mitgefühl, auch wenn meine Reaktion zunächst nur darin bestand, ihr bei jedem Farmbesuch ein paar Äpfel mitzubringen; zu viel mehr reichte mein Mitleid damals noch nicht. Ich war durch andere Dinge abgelenkt und viel beschäftigt, ich hatte ein Kind und überhaupt Sorgen aller Art. Das Leben eines Esels schien mir sehr fern und fremd zu sein.
Carol war weder gutmütig noch eine stille Dulderin, und so wollte sie sich nicht die Hufe schneiden lassen. Irgendwann ging der malträtierte Hufschmied dazu über, ihr vor der Prozedur einen Apfel mit einem Betäubungsmittel zu geben. Trotzdem schaffte sie es immer, ihn wenigstens einmal zu beißen oder zu treten. Das erzählte mir der Farmer, damit ich in ihrer Nähe auf der Hut blieb. »Sie hat sanfte Augen«, sagte er, »aber sie ist nicht sanft.« Vielleicht liegt es ja daran, dachte ich, dass er sie über all die Jahre in jenem Pferch allein gelassen hat.
Carols Gehege lag gleich neben der großen Weide, auf der ich mit meinem Hund das Schafehüten erlernte, und so fiel mir oft auf, wie sie mich anstarrte. Das nervte mich. Sie schien mir etwas mitteilen zu wollen, aber da ich mein ganzes Leben lang nicht in die Nähe eines echten Esels gekommen war, hatte ich keine Ahnung, was es wohl sein konnte.
Ich hatte Mitleid mit ihr – in der Art, wie Großstadtpflanzen aus der Mittelschicht eben Mitleid mit Tieren haben, die draußen in der wirklichen Welt ihr naturgegebenes Dasein zubringen. Wir können einfach nicht anders, als ihnen Gefühle in den Kopf zu dichten. Ich nahm einfach an, dass Carol Hunger hatte und einsam war, wie sie da in ihrem Pferch stand und mich anstarrte.
Als ich ihr zum ersten Mal Äpfel mitbrachte, schlenderte ich, die Taschen mit ein paar großen roten und saftigen Früchten gefüllt, zu ihr hinüber. Carol beugte sich über den Zaun, schnappte sich den ersten Apfel – und meinen Daumen beinahe gleich mit – und zermahlte ihn methodisch und mit großem Appetit. Mein Hund stand im Hintergrund, starrte auf Carol und versuchte zugleich, die ganz in der Nähe grasenden Schafe nicht aus dem Blick zu verlieren.
Ich griff nach dem nächsten Apfel, aber Carol hatte nicht die Absicht, geduldig zu sein. Sie brach geradewegs durch den Zaun, zog Drähte und Pfosten hinter sich her, legte die Ohren an und ging auf meinen völlig verängstigten Hund los, der sich schleunigst bis ans andere Ende der Weide entfernte. Die Schafe brauchten keine Extraeinladung, um sich davonzumachen – sie schlugen die entgegengesetzte Richtung ein. Dann kam Carol auf mich zu, riss mir den Apfel aus der Tasche und begann die übrigen Taschen nach weiteren Früchten abzusuchen.
»Hey, hey!«, sagte ich, denn ich war nicht sicher, welche Kommandos man einem Esel gab. Es war eine schockierende Entdeckung: Wenn Carol es gewollt hätte, hätte sie an jedem beliebigen Tag durch diesen Zaun brechen können, all die sechzehn Jahre lang. Hier bekam ich zum ersten Mal eine Lektion in Eseldenken. Die wichtigste Regel im Ethos eines Esels lautet: Alles geschieht nach seinem eigenen Willen.
Der verärgerte Farmer brauchte eine Weile, bis er Carol wieder im Pferch hatte (er schaffte es schließlich mit einem Brotlaib), und gab mir unmissverständlich zu verstehen, ich solle sie künftig in Ruhe lassen.
Dazu war ich natürlich nicht imstande. Jedes Mal, wenn ich zum Schafehüten kam, brachte ich Äpfel und Mohrrüben mit. Oft kletterte ich mit den Leckereien zu ihr in den Pferch, sodass sie keinen Grund hatte, noch einmal auszubrechen.
Es gibt Menschen, die sich leidenschaftlich für die Rettung von Tieren einsetzen. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich glaube, dass solche Tierrettungen für mich in gewisser Hinsicht zu intensiv sind, zu schwierig. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass ich glückliche, gesunde und gut genährte Arbeitshunde so liebe. Ich unternehme gern etwas mit ihnen; ich mag es, wie sie ganz unkompliziert in mein Leben eintreten und meinen Weg begleiten.
Aber ich verliebte mich in Carol, dieses grantige, unabhängige Geschöpf. Ich machte mir Sorgen um sie, wollte ihr helfen. Indem ich sie gut behandelte, tat ich etwas für mich selbst – etwas ganz und gar Eigennütziges. Es nährte etwas in meinem Innern.
Auf ihre eigene Art war mir Carol durchaus zugetan. Sie mochte es, wenn ich die Innenseiten ihrer Ohren rieb oder sie neben den Nüstern kraulte. Allerdings ließ sie sich von mir nicht bürsten, und wenn ich keinen Apfel dabeihatte, senkte sie den Kopf und stieß mich in die Seite oder in den Hintern. Carol machte mir keine Illusionen über die Art unserer Beziehung – sie wollte die Äpfel, und wenn ihr danach zumute war, durfte ich ihr vielleicht ein wenig Zuneigung zeigen. Vielleicht aber auch nicht. Esel sind nicht käuflich oder bestechlich, man kann sie nur besänftigen.
Und was Carol betrifft … Nun ja, sie war nicht besonders freundlich. Sie hätte nicht in eine dieser niedlichen Eselgeschichten aus Comics oder Filmen gepasst. Manchmal war man gezwungen, den Gedanken, dass es sie gab, mehr zu mögen als Carol selbst. Hier bekam ich vielleicht eine erste Ahnung davon, welch seltsame Wege das Mitgefühl geht – wir neigen dazu, es für Menschen und Tiere zu empfinden, die wir gernhaben, aber es ist schwer, es für Menschen oder Tiere zu fühlen, die wir nicht leiden können.
Immer wenn ich dort draußen Schafe hütete, kam Carol an den Zaun und schob ihren Kopf über die Absperrung. Ihre Ohren kreisten wie Radarantennen, und sie schaute mich aus ihren großen braunen Augen schwermütig an. Irgendwie schien es so, als wäre ich ihr Mensch und sie mein Esel, auch wenn ich damals in einer Vorstadt in New Jersey lebte, wo Esel in niemandes Leben irgendeine Rolle spielen.
Etwa ein Jahr nachdem ich Carol kennengelernt hatte, erwarb ich eine Farm im Norden von New York. Ich taufte sie auf den Namen »Bedlam Farm« und kaufte auch gleich noch einige der Schafe hinzu, mit denen ich das Hüten gelernt hatte. Nicht allein, dass ich vor Carol noch nie einem Esel begegnet war – ich hatte bis dahin auch noch nie eine Farm betreten. Ich war in Providence (Rhode Island) aufgewachsen und hatte später in New York, Dallas, Boston, Washington und Baltimore gelebt, ehe ich schließlich in den Bundesstaat New Jersey gezogen war. Nach meinen Plänen sollte die Farm ein Versuchslabor für meine eben erwachte Leidenschaft sein: Ich wollte über Hunde, andere Tiere und das Landleben im Allgemeinen schreiben. Bedlam Farm bestand aus knapp vierzig Hektar Land, einem alten Bauernhaus aus der Bürgerkriegszeit, vier Ställen und jeder Menge eingezäunter Weideflächen. Es war ein guter Ort für Schafe und ein Paradies für Esel, obgleich ich nicht vorhatte, mir einen anzuschaffen. Von Farmern hatte ich gehört, Esel seien wunderbare Wächter, die Kojoten und andere Raubtiere von den Schafen fernhielten. Aber ich hatte schon genug damit zu tun, auf meiner neuen Farm klarzukommen, denn die ersten Blizzards dieses schrecklichen Winters hatten eingesetzt. Als der Transporter mit meinen neuen Schafen eintraf, lenkte ihn der Fahrer rückwärts auf die Weide und öffnete die Türen.
Das erste Geschöpf, das hinaussprang, war Carol. Sie blickte voller Verachtung um sich, schnaubte, trat eines der Schafe beiseite und stupste ihre Schnauze gegen meine Tasche. Der Fahrer reichte mir eine Notiz des Farmers: »Hier ist Carol. Da Sie sie so mögen, können Sie sie auch versorgen.«
So begann mein Leben mit Carol. Von Anfang an war sie das gebieterischste Wesen, das mir je begegnet war, unter Menschen wie unter Tieren. In heißen Sommern liebte sie es, im großen, schattigen Stall herumzuhängen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen – sie hatte jetzt hektarweise Weideland zum Herumspazieren und so viel Gras und frisches Wasser zur Verfügung, wie sie es sich nur wünschen konnte.
Carol war schon eine ältere Eselin, und sie hatte jahrelang draußen gelebt, ohne ein Dach über dem Kopf und ohne gutes, nahrhaftes Futter. Ich sah, dass sie hinkte, und ließ einen Tierarzt kommen, der sie unter die Lupe nehmen sollte. Carol wollte sich nicht untersuchen lassen. Sie drängte den Tierarzt gegen die Wand, versuchte ihn zu beißen und schubste ihn beinahe durchs Fenster. Wir mussten sie mit Stricken an der Stallwand festbinden. Sie hatte eine lange Liste an Gebrechen, angefangen von Hufrehe, einer schmerzhaften Erkrankung, bei der sich die Hufe zersetzen, bis hin zu geschwollenen Gelenken und entzündetem Zahnfleisch. Wie der Tierarzt sagte, litt sie große Schmerzen, und so gab er ihr mehrere Infusionen und reichte mir einen Packen langer Spritzen, die ich ihr später am Tag in den Hintern jagen sollte. Dann verabschiedete er sich.
Als ich an jenem Abend hinausging, um ihr die Medikamente zu verabreichen, erhielt ich eine weitere wichtige Lehrstunde in Eseldenken. Sie können nämlich unsere Absichten erkennen. Wenn ich hinausging, um Carol einen Apfel zu bringen, stand sie lammfromm am Gatter. Hatte ich jedoch Spritzen oder Medikamente in der Tasche, machte sie sich sofort aus dem Staub. In jener Nacht waren es beinahe minus dreißig Grad, und ein dickköpfiger Mensch und ein dickköpfiger Esel hatten auf der hügeligen Weide meiner Farm eine spektakuläre Auseinandersetzung. Carol rannte durch den eisigen Wind davon, humpelte und stolperte einen Hügel hinauf, während mein Border Collie Rose und ich die Verfolgung aufnahmen. Eine Stunde später fing ich sie auf der Hügelkuppe ein und stach ihr die Spritze in den Hintern, während sie mich hügelabwärts zerrte. Ich zog mir in jener Nacht an drei Fingern Erfrierungen zu. Ich lernte, was man tun muss, um einem Esel eine Spritze zu verabreichen: Man sperrt ihn in eine kleine Box mit einem Eimer voll Korn, verbirgt die Spritze vor seinen Blicken und sticht zu, wenn er gerade ein volles Maul hat.
Trotz all ihrer Gebrechen erteilte mir Carol weiterhin Esellektionen.
Eine davon war die Gatterlektion. Wenn man einen Esel hat, bringt ein normales Gatter gar nichts. An meinem hing eine Kette, die man, wenn man es schließen wollte, um den Pfosten schlang. Carol liebte es, Tore und Türen und Fenster zu öffnen; für sie war das ein Kinderspiel. Ich brauchte eine Weile, um herauszubekommen, wie sie es machte: Erst schaute sie mir dabei zu, wie ich das Gatter zusperrte, dann schob sie ihren Kopf über den Zaun und löste die Kette, und schon schwang das Tor auf. Zweimal musste ich bei meiner Rückkehr auf die Farm feststellen, dass nicht nur das Gatter offen stand, sondern auch die Hintertür des Bauernhauses – es machte Carol Spaß, nach dem Knauf zu schnappen und ihn zu drehen. So gelangte sie in die Küche, öffnete die Schränke und mampfte Brot und Frühstücksflocken. Und es war gar nicht einfach, sie wieder aus der Küche herauszubekommen, mochte ich auch noch so laut mit den Füßen aufstampfen und herumschreien.
Verscheuchen konnte ich sie nur, indem ich ein paar Töpfe oder Pfannen gegeneinanderschlug; das erschreckte sie. Esel mögen keine lauten Geräusche. Carol spazierte so ziemlich an allen Orten umher, die ihr gerade zusagten, bis ich mir für teures Geld Riegel anschaffte, die man von innen nicht aufmachen konnte.
Allerdings lehrte mich Carol auch eine ganze Menge über die Liebe – oder zumindest über jene spezielle Weise, auf die Esel lieben.
Carols Hufe und ihre Gesundheit im Allgemeinen waren nun erst einmal durch Vitamine, spezielles Futtergetreide, Beinwickel, tägliche Spritzen (die ich ihr todesmutig verabreichte), Schmerzmittel und das beste Heu stabilisiert. In jenem Winter gab es so viel Eis und Schnee, dass sie es nicht den Hügel hinaufschaffte, auf den sie mir am liebsten entwischte, und so lernten wir uns intensiv kennen.
Ich musste jeden Abend in den Stall gehen, um Carol ihre zahlreichen Medikamente und Umschläge zu verabreichen, was mehr oder weniger eine ganze Stunde dauerte. Also machte ich einen Deal mit ihr. Wenn ich einen Eimer mit Weizen oder Hafer oder irgendein anderes wunderbares Futter mitbrachte, erduldete sie es mit überraschender Gelassenheit, dass ich sie mit meinen Spritzen piekte und ihr Tabletten in das große, übel riechende Maul zwängte. Wenn nicht, war es von Anfang bis Ende der reinste Kampf.
Nicht dass Carol bestechlich gewesen wäre, aber als Eselin, die nur von Gras, Baumrinde und altem Heu gelebt hatte, schien sie es als gutes Geschäft zu betrachten, im Austausch gegen ein wenig aufdringliches Stechen und Stochern leckeren Hafer zu bekommen. Ich stelle mir gern vor, dass sie mir schließlich vertraute, aber ich muss auch zugeben, dass ich eine Menge gutes Getreide kaufte. Carol liebte es zu fressen; sie beschnüffelte ihr Futter, nahm es in kleinen Häppchen auf, kaute es bedachtsam durch und genoss jeden Bissen. Was war dagegen schon eine Spritze?
Ich machte noch eine andere überraschende Entdeckung. Carol liebte Musik und am allermeisten Willie Nelson. Auch ich mag Willie Nelson, und mir wurde bewusst, dass wir diese Passion teilten, als ich einmal einen Gettoblaster mit in den Stall nahm, um ein bisschen Musik zu hören, während ich mich an dem großen Eimer mit Carols Pillen und anderen Arzneimitteln zu schaffen machte.
Als Georgia on My Mind lief, bebten Carols Lippen (so drücken Esel Zufriedenheit aus); sie schloss die Augen und schien vollkommen ruhig und gelassen zu sein. Ich gewann diese Augenblicke lieb – der große Stall ächzte im Wind, die Katzen flitzten um die Heuballen, und Willie Nelsons raue, aber besänftigende Stimme hallte von den großen, alten Dachbalken wider.
Ich legte mir ein paar CDs mit seinen größten Hits zu – Carol mochte besonders Good Hearted Woman, Momma, Don’t Let Your Babies Grow Up to Be Cowboys und Help Me Make It Through the Night.
Diese Stunden im Stall wurden für uns beide zu etwas ganz Besonderem. Sie lauschte Willie Nelson, der sie in einen sanften und träumerischen Zustand versetzte, und ich kaute meinen Müsliriegel, denn ich hatte das Gefühl, wir sollten gemeinsam Hafer essen. Dieses Beisammensein war schön, still und heilsam für uns beide.
Carol wurde gesunder und munterer, und ich glaube, dass sie sich auf unsere gemeinsamen Abende ebenso freute wie ich. Man nennt das wohl Eselbonding, schätze ich. Nach einer Weile begann ich, mit ihr zu reden, und es schien, als würde sie mir zuhören.
Ich lernte, Carol für ihre Integrität zu bewundern, für ihre Unabhängigkeit und schließlich für die Zuneigung, die sie mir entgegenbrachte, wenn sie sich an mich lehnte und mir erlaubte, ihr die Stirn zu bürsten und zu streicheln. Allmählich wurde Carol mir wichtig. Sie war nicht einfach ein Tier, um das ich mich kümmerte; wir hatten eine tiefe Verbindung entwickelt – auf eine Art, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Es war anders als mit meinen Hunden oder anderen Haustieren. Es fühlte sich an wie etwas Uraltes, beinahe Mystisches.