Das Buch
London, 1924. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs herrscht Aufbruchsstimmung in der Metropole. Wissenschaft, Frieden und Wirtschaftsaufschwung scheinen wieder möglich. Doch in den finsteren Gassen Londons regiert nach wie vor das Verbrechen – und der Schrecken der immer noch traumatisierten Soldaten. Als Eric Peterkin, seines Zeichens Gentleman und Kriminallektor, an einem nebligen Morgen die heiligen Hallen des ehrwürdigen Britannia Clubs betritt, ahnt er nicht, dass er bald in einen handfesten Mord aus Fleisch und Blut verwickelt sein wird. Ein Clubmitglied wird erstochen und flüstert Peterkin ein letztes Vermächtnis ins Ohr: »Rächen Sie die Vergangenheit!« Peterkin macht sich auf in die nebligen Gassen Londons und kommt einem Verbrechen auf die Spur, das von finsteren Opiumhöhlen zu den eleganten Zimmern hoher Politiker führt …
Der Autor
Christopher Huang wuchs in Singapur auf, von wo er in jungen Jahren nach Kanada zog und Architektur an der McGill University in Montreal studierte. Als großer Verehrer der britischen Kriminalliteratur hat es Huang immer wieder nach England verschlagen. Mit seinem Romandebüt »Tod eines Gentleman« lässt er das Goldene Zeitalter der Spannungsliteratur wieder in neuem Glanz erstrahlen.
Christopher Huang
TOD EINES
GENTLEMAN
Roman
Aus dem Englischen von
Verena Kilchling
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe A GENTLEMAN’S MURDER erschien 2018 bei Inkshares; Inc., Oakland, California
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Vollständige deutsche Erstausgabe 01/2019
Copyright © 2018 by Christopher Huang
Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Thomas Brill
Umschlaggestaltung: Anke Koopmann unter Verwendung von Motiven von
© shutterstock (LANTERIA, alaver, LoveDesignShop)
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-24207-7
V001
www.heyne.de
»Verbrechen sind äußerst aufschlussreich. Als Mörder kann man seine Methoden variieren, so viel man möchte – die eigenen Vorlieben und Gewohnheiten, die eigene Geisteshaltung und die eigene Seele scheinen trotzdem in jeder Handlung durch.«
Agatha Christie
»Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang, Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir.«
John McCrae, »Auf Flanderns Feldern«
»Es darf kein Chinese in der Geschichte vorkommen. Warum das so ist, vermag ich nicht zu sagen. Womöglich liegt der Grund hierfür in unserer westlichen Annahme, der Chinese sei übermäßig mit Intelligenz, jedoch ungenügend mit Moral ausgestattet. Ich merke hier nur als Beobachtung an, dass man ein Buch, auf dessen Seiten man auf eine Beschreibung wie ›die schlitzartigen Augen von Chin Loo‹ stößt, am besten sofort wieder weglegt; es handelt sich um ein schlechtes Buch.«
Ronald Knox, Die besten Detektivgeschichten, 1939
»Ich kann einen Mann wohl zum Grafen machen, aber die Schaffung eines Gentleman ist dem Allmächtigen vorbehalten.«
König Jakob I.


Der Britannia Club befand sich in der King Street, eine ansehnliche Kalksteinfassade inmitten anderer ansehnlicher Kalksteinfassaden. Neben dem Portal war eine Messingtafel angebracht, auf die seit Jahrzehnten niemand mehr geblickt hatte; wenn man stehen bleiben musste, um nachzusehen, ob man an der richtigen Adresse war, war man hier eindeutig am falschen Ort. Schließlich handelte es sich um St. James’s, wo sich ein Gentleman-Club an den anderen reihte.
Die Männer, die hier durch die Straßen schlenderten, taten es mit jener Selbstsicherheit, die aus der Zugehörigkeit zu einem privilegierten Kreis entsteht. Im intellektuell geprägten Bloomsbury umschwebten die Londoner noch beseelt vom Nachhall der Romantik das British Museum. In den Arbeitergegenden im Osten der Stadt wie Limehouse oder Whitechapel stapften sie mit grimmiger Entschlossenheit durchs Leben und versuchten mit dem zurechtzukommen, was ihnen zur Verfügung stand. Südlich der Themse, in Battersea, wo John Archer im Jahr 1913 als erster Schwarzer zum Bezirksbürgermeister gewählt worden war, fieberten sie einer besseren Zukunft entgegen. Im reichen St. James’s wussten sie hingegen schlicht und ergreifend, dass sie das Britische Weltreich waren.
So zum Beispiel Leutnant Eric Peterkin, ehemals Mitglied der Königlichen Füsiliere. Er hatte seinen doppelreihigen Uniformmantel gegen die kühle Oktoberluft bis oben hin zugeknöpft, und sein Homburger Hut saß gerade schief genug, um verwegen zu wirken, aber nicht anrüchig. Sein Anzug war gebügelt, sein Kragen gestärkt und sein Tempo stramm. Sein Begleiter Avery Ferrett war unkonventioneller gekleidet mit einem unförmigen Mantel und einer Baskenmütze. Obwohl er deutlich größer war, musste er sich beeilen, um mit Eric Schritt zu halten.
»Das ist die einzig vernünftige Art, jemanden umzubringen«, sagte Eric gerade. Die übrigen Passanten gaben höflich vor, nichts gehört zu haben. »Die meisten Leute würden einen Rückzieher machen, wenn sie es aus der Nähe tun müssten, mit einem Messer oder einem Knüppel oder Ähnlichem.« Er nickte wissend. »Schusswaffen oder Gift, Avery. So macht man das.«
»Also, ich finde beides grauenhaft«, erwiderte Avery. »Du liest zu viele Kriminalromane, Eric.«
»Dafür werde ich bezahlt.« Eric arbeitete als Lektor, und in letzter Zeit schien es in den meisten Manuskripten, die er zu prüfen hatte, um mysteriöse Todesfälle hinter verschlossenen Türen zu gehen.
»Deshalb musst du doch nicht derart morbides Vergnügen daran finden! Ernsthaft, Eric, du überraschst mich. Ich hätte gedacht, dass du nach dem Krieg genug vom Tod hast.«
Eric blieb stehen. Den Krieg vergaß man nie so ganz, wie sehr man es auch versuchte. »Das ist etwas vollkommen anderes. Der Tod im Krieg war … einfach der Tod, er hatte nichts Persönliches. Das hier dagegen …« Er hielt den Umschlag mit seinem nächsten Auftrag hoch. »Das hier ist Mord. Verstehst du? Das ist persönlich. Intim. Man kennt das arme Schwein, das im verschlossenen Zimmer erstochen wird. Wahrscheinlich war auch der Mörder früher einmal mit dem Opfer befreundet. Dadurch erhält der Tod eine ganz andere Bedeutung, die ihn kontrollierbar macht. Wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt, und nicht etwas, das man einfach erduldet. Verstehst du?« Eric war sich nicht sicher, ob Avery diesen Gedankengang nachvollziehen konnte. Sein Freund hatte die gesamte Kriegszeit aus gesundheitlichen Gründen in Buenos Aires verbracht.
Avery schüttelte nur den Kopf. »Ich finde es trotzdem unmenschlich, egal, wie persönlich es ist. Als Mörder verliert man doch in jedem Fall ein Stück Menschlichkeit. Ich wäre niemals dazu fähig.«
»Ein Stück Menschlichkeit … Na ja, das macht es ja gerade so intim und bedeutsam. Die Seele des Mörders spiegelt sich in all den kleinen Details rund um sein Verbrechen wider, und das verleiht dem Tod ein menschliches Antlitz. Der Tod wird einem verständlicher, gerade weil … gerade weil der Mörder am Tatort Teile seiner Menschlichkeit zurücklässt.«
»Nein, nein. Ich meinte, dass man hinterher nie wieder ein vollständiger Mensch ist.« Avery hielt inne und fügte dann hinzu: »Manchmal frage ich mich, ob überhaupt noch irgendjemand ein vollständiger Mensch ist.«
»Das ist der Preis, den wir für die Gegenwart zahlen, Avery. Der Krieg war schrecklich, aber das Großartige ist, dass nie wieder etwas annähernd so Schlimmes passieren wird, weil keiner jemals zurück in den Schützengraben will. Das Massensterben hat die Leute zur Vernunft gebracht, wenn man so will.«
Tatsächlich zog es die Welt in jenem Jahr 1924 vor, nicht mehr der Vergangenheit nachzuhängen. Sie blickte über sich selbst hinaus, blickte in die Zukunft, was Erics Ansicht nach nicht das Schlechteste war.
Sie kamen am St. James’s Theatre vorbei, auf dessen Plakaten das aktuelle Stück angekündigt wurde. In Erics Augen war es eine sehr schlechte Kopie der letztjährigen Produktion Die grüne Göttin, bei der die Hauptfiguren in die Gefangenschaft eines indischen Radschas geraten waren. Das diesjährige Stück enthielt sogar noch exotischere Kost, nämlich einen »bedrohlichen chinesischen Bösewicht«, der direkt einem Sax-Rohmer-Roman entstiegen schien. Wie geschmacklos Eric die derzeitige Vorliebe für fernöstliche Schurken auch fand, es ließ sich nicht leugnen, dass sie veranschaulichte, was er meinte: Die Welt wurde immer kosmopolitischer, auch wenn ihm einige Aspekte dieser neuen Weltoffenheit zuwider waren. Man blickte neuerdings über den eigenen Tellerrand hinaus.
Ein anschauliches Beispiel hierfür war die British Empire Exhibition im Wembley Park, die noch bis ins nächste Jahr das Britische Weltreich in all seiner Pracht zur Schau stellte, mit Pavillons und Darbietungen aus sämtlichen Ecken des riesigen Imperiums, über das Seine Majestät König Georg V. herrschte. Und erst vor wenigen Monaten war die ganze Welt bei den Olympischen Spielen in Paris zu Gast gewesen, jenseits des Ärmelkanals. In diesem Jahr hatten zum ersten Mal Frauen als Fechterinnen teilnehmen dürfen, und Eric war hingefahren, um sie sich anzusehen. Seine Schwester Penny hatte ihn begleitet, um einen Blick auf ihren persönlichen Helden zu erhaschen, den Reiter Philip Bowden-Smith. Und Avery war wegen der französischen Pralinen mitgekommen.
Man blickte jedoch nicht nur über den Tellerrand hinaus, man blickte vor allem nach vorn: Es war allein schon ein Grund zur Freude, am Leben zu sein, im Hier und Jetzt. Die behäbige viktorianische und georgianische Architektur, die man entlang der King Street sah – das St. James’s Theatre, der Golden Lion Pub, auch der Britannia Club selbst –, wich anderswo bereits den klaren Linien des ägyptisch-inspirierten Art déco und den weiten weißen Flächen des Modernismus. Elektrisches Licht war neuerdings eher die Regel als die Ausnahme; es blinkte von den Schriftzügen der Theater und schien aus den Fenstern der Häuser, erleuchtete die Nacht, wie es Gaslampen nie vermocht hatten. Auf den Straßen hatten motorbetriebene Fahrzeuge die Pferdekutschen verdrängt und veränderten von Grund auf den Klang und den Geruch Londons: Im Guten wie im Schlechten waren Blechhupen und Abgase an die Stelle von Hufgeklapper und Pferdeschweiß getreten. Heißblütige Tanzmusik – von den Amerikanern »Jazz« genannt – machte sich in den Nachtlokalen breit, und das Aufkommen des Radios und die frisch gegründete British Broadcasting Company sorgten dafür, dass sie ihren Siegeszug bald auch in den guten Stuben und Wohnzimmern der britischen Wohnhäuser fortsetzen würde.
»Penny für unseren Guy, Sir?«
Eric und Avery blickten auf die beiden zerlumpten Gassenkinder hinab, die sie zurück in die Realität der King Street holten. Ach ja, in wenigen Wochen war Bonfire Night, und es zogen bereits geschäftstüchtige Bengel mit Bollerwagen und Schubkarren durch die Straßen. Darauf präsentierten sie kunstvolle Guy-Fawkes-Puppen, die im Gedenken an die von ihm angeführte Verschwörung am fünften November verbrannt werden würden, begleitet von einem großen Feuerwerk. Dieses Exemplar war mit Lumpen ausgestopft, hatte einen Kopf wie eine Dampfnudel und einen mit Tinte aufgemalten, langen geschwungenen Schnurrbart.
»Das nenne ich einen prächtigen Guy!«, lobte Eric und warf zwei Pence in die Schubkarre. »Und was für einen schönen Schurkenschnurrbart er hat!«
Die Gassenjungen hinter der Schubkarre starrten ihn nur an. Avery lachte in sich hinein. »Du machst den Kleinen Angst«, sagte er. Er ließ ebenfalls einen Penny in die Schubkarre fallen, und die Straßenkinder rannten davon, um ihren Guy dem nächsten Passanten anzupreisen.
Avery drehte sich zu Eric um und sagte: »Ich wette, in deinem Club gibt es einen um Längen schöneren Guy in einem um Längen schöneren Wagen, der nur auf seinen großen Auftritt wartet. Und ihr feinen Pinkel werft Goldmünzen hinein statt Pennys. Da muss ja ein beeindruckendes Feuerwerk dabei herauskommen.«
Es gehörte sich eigentlich nicht, offen über Geld zu sprechen, aber Avery schien sich nie um solche Konventionen zu scheren. Eric kannte ihn lange genug, um ihm gelegentliche Taktlosigkeiten zu verzeihen. »Wir machen uns nicht viel aus Feuerwerken«, entgegnete er, während sie die Straße überquerten, um zum Britannia Club zu gelangen. »Ich glaube, manche Mitglieder fühlen sich davon zu sehr an den Krieg erinnert. Sie bleiben lieber zu Hause, als sich auf die Straße zu wagen, der Club ist in der Bonfire Night immer wie leer gefegt.«
Die Mitgliedschaft im Britannia Club war nur an eine einzige Bedingung geknüpft – neben der Tatsache, dass man ein Gentleman sein musste: Man musste für das Britische Reich auf dem Schlachtfeld gekämpft haben. Eric hatte sich mit einem Jahr im Schützengraben qualifiziert, wohingegen Avery wegen seines verlängerten Argentinienaufenthalts nicht als Mitglied in Betracht kam.
»Ich frage mich jedes Mal, was wohl hinter dieser Tür vor sich geht«, gestand Avery und blickte zu der neoklassizistischen Fassade empor. Die Flügel der Eichenholztür waren riesig, und die großen Messingtürklopfer sahen nicht aus, als hätte sie schon einmal jemand angehoben. »Irgendwann musst du mich mal als Gast mit hineinnehmen, Eric.«
»Da sitzen nur viele Männer herum und rauchen, Avery. Nichts, was du nicht selbst jeden Tag im Arabica sehen würdest.«
Das Arabica war ein Kaffeehaus in einer Seitenstraße des Soho Square, in dem man Avery für gewöhnlich über seine Tarot-Karten gebeugt vorfand, über dem Kopf eine Wolke Nelkenzigarettenrauch.
»Und trotzdem bist du weiterhin Mitglied«, erwiderte Avery.
»Das ist bei uns Familientradition«, rechtfertigte sich Eric und straffte die Schultern. »Genau wie der Beitritt zur Armee. Es ist schon schlimm genug, dass ich nach meiner Entlassung aus dem Kriegsdienst keine militärische Laufbahn angestrebt habe. Ich weiß nicht, was mein Vater sagen würde, wenn ich jetzt auch noch meine Mitgliedschaft im Club aufgeben würde.«
»Ich könnte ihn fragen.«
»Untersteh dich! Wie auch immer … es ist einfach praktisch.«
»Das Arabica ist auch praktisch, und dort muss ich nicht mehr bezahlen als einen Shilling für meinen Kaffee.« Avery hob erneut den Blick zur Eingangstür des Clubs, bevor er sich mit einem scherzhaften Grinsen zu seinem Freund umdrehte. »Für mich ist der einzig mögliche Schluss, dass dort drinnen etwas Schändliches im Gange ist.«
»Etwas Schändliches?«
»Ja, Schändliches! Mein Freund, der Bösewicht. Raus mit der Sprache: Passiert dort jede Woche ein Mord, oder werden heimtückische Pläne geschmiedet, das Britische Reich aus dem Schatten heraus zu regieren?«
Eric lachte. »Mach, dass du wegkommst! Ich würde es dir wohl kaum verraten, wenn es so wäre!«
Avery stieß einen übertriebenen Seufzer aus. »Dann überlasse ich dich jetzt euren finsteren Machenschaften. Sorg nur bitte dafür, dass du mich vorwarnst, bevor ihr eure Pläne zur Weltherrschaft umsetzt, sonst werde ich ernsthaft sauer.«
Eric lachte wieder und winkte seinem Freund zum Abschied zu. Avery antwortete mit einem munteren Antippen seiner Baskenmütze und ging in Richtung St. James’s Square davon. Eric blickte ihm hinterher und trottete dann die Stufen zum Club hinauf. Einer der Türflügel ging gerade weit genug auf, um ihn durchzulassen, bevor er sich leise wieder hinter ihm schloss.
Eric war nicht vollkommen ehrlich gewesen – nicht einmal sich selbst gegenüber –, als er gesagt hatte, der Britannia Club sei lediglich »praktisch«. Wäre er ehrlich gewesen, wäre ihm nämlich klar geworden, was Avery bereits wusste: dass die Mitgliedschaft im Britannia Club weit mehr war als nur praktisch. Der Club war auch nicht nur eine zweite Heimat für ihn. Er war die Bestätigung seiner Identität als ein Peterkin.
Erics Wohnung war ein gemütlicher, wenn auch etwas beengter Winkel von London, den Avery als »Platzangst verursachendes kleines Loch« beschrieb. In Erics Augen war sie durchaus annehmbar, aber er war nicht besonders gern allein und verbrachte deshalb einen Großteil des Tages im Club.
Stille umgab ihn, sobald sich die große Tür mit einem leisen Klicken hinter ihm geschlossen hatte. Der Vorraum war ein nüchterner Marmorsaal, ein Puffer zwischen der geschäftigen Betriebsamkeit auf Londons Straßen und dem Komfort des Clubs. Eine Wand wurde gänzlich von einer Auflistung jener tapferen Männer eingenommen, die im Weltkrieg ihr Leben gelassen hatten. So ernüchternd diese Liste auch war, es handelte sich – davon war Eric überzeugt – um den »Krieg, der allen Kriegen ein Ende machte«, und so war es immerhin ein kleiner Trost, zu wissen, dass die gegenüberliegende Wand niemals auf die gleiche Weise gefüllt werden würde. Eric blieb einen Moment stehen, um die Peterkins unter den Gefallenen auszumachen, bevor er in die Wärme des mit Walnussholz getäfelten Foyers weiterging, wo Sonnenstrahlen durch ein Oberlicht im zweiten Stock auf die diskret gemusterten, spiegelblank polierten Marmorfliesen fielen. Die Stille wurde von leisem Besteckgeklapper unterbrochen, das aus dem angrenzenden Speisesaal herüberdrang.
Der Empfangstisch war genau wie die Wandtäfelung aus glänzendem dunklem Walnussholz. Erics Absätze klopften leise auf den Marmorboden, als er sich dem Tisch näherte, um sich ins Buch einzutragen.
»Morgen, Cully«, sagte er zum Portier.
»Morgen, Leutnant Peterkin.« Der Portier hieß Ted Cully, wurde von Eric und den anderen Clubmitgliedern jedoch hinter seinem Rücken »der alte Getreue« genannt. Er war ein kleiner, stämmiger Kerl mit funkelnden blauen Augen, den man vor Kurzem davon überzeugt hatte, dass sein Alter einen kurzen grau melierten Bart erforderlich machte. Cully sprach die meisten Mitglieder nicht nur mit Namen, sondern auch mit ihrem Dienstgrad an, Ergebnis einer lebenslangen Verbundenheit mit dem Militär. Eric wusste, dass Ted Cully als Jugendlicher ein falsches Alter angegeben hatte, um Soldat zu werden, und dass ihn seine militärische Laufbahn in die ganze Welt geführt hatte, von Neuseeland bis Afrika; doch nicht einmal die jahrzehntelangen Reisen und das strenge Heeresregiment hatten seinen melodischen irischen Akzent vertreiben können.
Der alte Getreue war der Erste, den Eric im Britannia Club kennengelernt hatte. Die Begegnung erschien ihm fast wie aus einem anderen Zeitalter, einer anderen Welt. Eric war damals ein zehnjähriger Junge gewesen, ein Leutnant nur in seinen Spielen. Es war sein erstes Weihnachtsfest außerhalb Indiens gewesen, und der Mann mit den funkelnden blauen Augen hinter dem großen Walnusstisch hatte sofort seine Neugier geweckt. Der alte Getreue hatte sich seither kaum verändert, und es war unwahrscheinlich, dass er sich je verändern würde.
Das Gleiche konnte man wohl auch über den Britannia Club sagen: Er veränderte sich nicht. Die Männer waren Gentlemen, die Gespräche zivilisiert, die Bediensteten blieben unsichtbar, es sei denn, man brauchte sie, und der Toast war – leider – verbrannt. Wie eine warme Decke an einem Wintertag schützte und tröstete diese unveränderliche Gewissheit und bildete eine willkommene Flucht aus dem chaotischen Trubel der Straßen Londons.
Auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock hing ein riesiges Ölgemälde, eine präraffaelitische Darstellung von König Artus’ Tafelrunde. Im Britannia Club hatte es immer schon Peterkins gegeben: Einer von Erics Vorfahren war Gründungsmitglied gewesen und auf diesem Gemälde in Gestalt des weißbärtigen Königs Pellinore verewigt. Da waren sie, die unverwechselbaren dichten Peterkin-Augenbrauen, das einzige äußerliche Merkmal, das Eric von seinem Vater geerbt hatte. Eric verspürte mehr Familienstolz, als er zugeben wollte. Auf dem Weg nach oben in den Salon blieb er jedes Mal stehen, um dem alten Pellinore-Peterkin grüßend zuzunicken. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings ebenso häufig einer anderen Gestalt auf dem Bild: Sir Palomides, König Artus’ sarazenischem Ritter, dem einzigen dunklen, nichteuropäischen Gesicht unter den bleichen Briten, aus denen der Rest der Runde bestand.
Eric erinnerte sich, dass er einen Großteil seines ersten englischen Weihnachtsfestes damit verbracht hatte, vor dem Gemälde zu stehen und zu versuchen, jede Figur der Artus-Sage zu identifizieren. Sir Palomides war natürlich am einfachsten zu erkennen gewesen. Damals wie heute verspürte Eric ein besonderes Mitgefühl mit ihm. Allein in einer Ansammlung von Menschen. Umgeben vom grellen Prunk Camelots und dennoch einsam. Armer Kerl.
Der Rest der Ritterrunde stellte natürlich die übrigen Gründungsmitglieder des Britannia Clubs dar. Wobei diese sicher keine vorbildlichen Tugendbolde gewesen waren; sechsundzwanzig Jahre als Außenseiter und zwölf Monate in den Schützengräben von Flandern hatten Eric gelehrt, dass er das auch nicht erwarten durfte. Keiner von Artus’ Rittern war der perfekte Ausbund an Tugend gewesen, außer vielleicht die drei unerreichbar vollkommenen Gralsritter. Aber alle Mitglieder des Clubs hatten sich dafür entschieden, ihr Leben in den Dienst ihres Landes zu stellen, und das allein machte sie in Erics Augen zu noblen Persönlichkeiten.
Eric ging weiter in den Salon, in dem weiche Teppiche seine Schritte dämpften und knisternde Feuer in den Kaminen loderten. Sein üblicher Sessel wartete schon auf ihn, ein Sitzmöbel mit hoher Rückenlehne und seitlichen Kopfstützen, an die man sein Haupt lehnen konnte, um ein Schläfchen zu halten. Der in der Nähe befindliche Kamin diente vortrefflich dazu, sich bei rauem Wetter die Zehen zu wärmen.
Oh ja, hier war er weit entfernt von dem Dreck, der Kälte und dem Sterben in Flandern.
An verschiedenen Stellen im Salon waren Sessel und niedrige Tische zu kleinen Grüppchen zusammengestellt, die Intimität und Abgeschiedenheit boten. Die hohen, mit Vorhängen versehenen Fenster gingen zur King Street hinaus, und es gab eine ebenfalls in Erics Nähe befindliche Bar, die ein wenig ramponiert war, weil Erics Großvater vor fünfzig Jahren den damals regierenden Clubpräsidenten bei einer Rauferei über den Tresen geworfen hatte.
Seit Eric die Stelle als Lektor bei einem kleinen Verlag erhalten hatte, machte er es sich fast jeden Tag in seinem Stammsessel bequem und war bereits mehr als einmal dankbar für die Bar gewesen, wenn er nach einem besonders schlechten Manuskript seinen Kopf mit einem guten Whiskey erfrischen musste. Er hoffte sehr, dass das neueste Werk keine derartigen Schritte erforderlich machte.
Der Jade-Schmetterling. Wieder ein Kriminalroman mit fernöstlicher Thematik. Sein Arbeitgeber schien zu glauben, dass er sich besonders leicht damit tat.
Vielleicht, dachte Eric beim Blick auf den dicht geschriebenen Text auf der ersten Seite, war ein Whiskey mit Soda als vorbeugende Maßnahme doch keine so schlechte Idee.
An der Bar stand mit einem Whiskeyglas in der Hand Edward Aldershott, wie immer mit steifem Rücken und versteinertem Gesicht. Der Britannia Club wurde von einem gewählten Vorstand aus fünf Offizieren geführt, und Aldershott war der Clubpräsident. Er war groß, frühzeitig ergraut und hatte die Angewohnheit, vollkommen stillzustehen, wie ein steinerner Löwe mit Brille. Doch sein gestärkter Kragen verbarg nur ungenügend die Narben, die er sich während des Krieges durch Senfgasverätzungen zugezogen hatte; auch er war nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, wie sehr er auch das Gegenteil zu vermitteln versuchte.
Aldershotts Arbeit außerhalb des Clubs bestand darin, andere zu beraten, wie sie am besten ihr Vermögen anlegten – oder auch, wie sie ihn am besten ihr Vermögen anlegen ließen. Die meisten seiner Kunden waren Clubmitglieder. Oft führte er seine Geschäfte vom Büro des Clubpräsidenten aus, was seine Anwesenheit an einem Vormittag unter der Woche erklärte.
»Guten Morgen, Aldershott«, grüßte Eric höflich, als er zur Bar ging, um seine Bestellung aufzugeben.
Der granitgraue Kopf bewegte sich nicht, und in der gedämpften Beleuchtung des Salons funkelte Aldershotts Brille wie ein Diamant: hart, kalt und abweisend. Der Clubpräsident leerte abrupt den Rest seines Whiskeys und trat demonstrativ von Eric weg, um mit einem bärtigen Clubmitglied am anderen Ende der Bar ein Gespräch anzufangen.
Eric presste die Lippen zusammen und bestellte seinen Whiskey mit Soda ein wenig schroffer als sonst.
Es hatte immer schon Peterkins im Britannia Club gegeben, und auch in Erics Leben war der Club ein fester, nicht verhandelbarer Bestandteil. Aber es gab einen Grund dafür, dass er sich von Anfang an mit dem armen alten Sir Palomides von der Tafelrunde verbunden gefühlt hatte. Diese neueste Kränkung war leider kein Einzelfall, und Eric war mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem er Kränkungen wie diese nur noch als lästig empfand, nicht mehr als wirklich demütigend.
Was hätte Sir Palomides an seiner Stelle getan?
Was hätten die anderen Ritter der Tafelrunde getan? Palomides hätte natürlich zur Lanze gegriffen, um sich Gerechtigkeit zu verschaffen … Eric schüttelte den Kopf. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Der Britannia Club war nicht Camelot. Er war … zivilisiert. Sicher. Unberührt und unberührbar. Und auch Flandern war weit weg, würde niemals wiederkehren. Was auch immer draußen in der Welt vor sich ging, der Britannia Club war davor geschützt. Ein Bollwerk. Nein, dachte Eric, während er sich wieder seinem Manuskript zuwandte. Nichts Ungehöriges konnte jemals im Britannia Club geschehen.
Er ahnte nicht, dass vierundzwanzig Stunden später alles anders sein würde.

Der späte Oktobernachmittag ging in die Dämmerung und schließlich in den Abend über. Das Licht vor den Fenstern des Britannia Clubs wurde immer schwächer und wich irgendwann der Dunkelheit, bevor es in Gestalt der dunstverhangenen Straßenlaternen wieder aufflackerte. Die Sonne ging nun, da der November vor der Tür stand, merklich früher unter, und in London herrschte die neblige Jahreszeit: Gelblich-graue Schlieren schlängelten sich aus den feuchten Abflussgittern empor, kletterten die eisernen Laternenpfähle hinauf und ließen steif gestärkte Kragen erschlaffen. Im Inneren des Salons vertieften sich die Schatten in den Ecken, und der Lampenschein verwandelte die Sesselgrüppchen in Inseln der Diskretion.
Eric saß immer noch in seinem Stammsessel, gewärmt von den fröhlich flackernden Flammen des nahen Kamins. Er hatte sich von Aldershotts Brüskierung am Vormittag erholt und zwischendurch eine Pause eingelegt, um im Speisesaal im Erdgeschoss einen vorzüglichen Curry-Fasan zu essen. Der Britannia Club sorgte zuverlässig dafür, dass der feuchtkalte Oktober draußen blieb, und seine Welt war wieder in Ordnung.
Wenn da nicht das Manuskript gewesen wäre, das er zu lesen hatte. Eric blickte stirnrunzelnd auf die Seiten hinab und verlagerte voller Unbehagen das Gewicht auf seinem Sessel. Das Problem war, dass er nach der Hälfte des Textes bereits die Identität des Mörders kannte und jede Spannung dahin war. Er hoffte inständig, dass ihm eine baldige Wendung der Geschichte das Gegenteil bewies, doch es sah ganz danach aus, als wären die Hinweise, die ihn zu seinem Schluss hatten gelangen lassen, unausweichlich.
Im Sessel gegenüber knarzte es. Mortimer Wolfe – gepflegt, adrett und elegant, die Haare glatt zurückgekämmt und glänzend wie Mahagoni – hatte sich mit seiner üblichen unbekümmerten Anmut hineinfallen lassen. Er war höchstens ein oder zwei Jahre jenseits der dreißig, ein Alter, das er schon seit geraumer Zeit für sich beanspruchte, was bei sorgfältiger Pflege bis in alle Ewigkeit so bleiben würde. In seiner Funktion als einer der fünf Vorstandsoffiziere konnte er unausstehlich sein.
»Füße auf den Boden, Peterkin! Sind wir sechs Jahre alt?«
Eric hatte seine in Strümpfen steckenden Füße beim Lesen unter sich gezogen. »Verzieh dich, Wolfe. Ich finde es so bequem.«
Mit einem Blick auf das Manuskript in Erics Händen fragte Wolfe: »Du meine Güte, ist es wirklich so schlecht? Dein Schnurrbart hängt furchtbar traurig herunter.«
Wolfes eigener Schnurrbart bestand aus zwei vollkommen symmetrischen Dreiecken, die wie mit einer Schablone auf seine Oberlippe gedruckt wirkten. Eric beeilte sich, seine Barthaare wieder in Form zu zupfen, und antwortete: »Eigentlich nicht. Der Kerl schreibt wunderbar. Das Problem ist nur, dass er es offenbar nicht geschafft hat, eine überzeugende Handlung zu Papier zu bringen … Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich weiß, was er da tut.«
»Und du weißt es besser, vermute ich? Liegt das an der unergründlichen Weisheit der alten Chinesen, die von deinen ehrenhaften Vorfahren an dich weitergegeben wurde?«
Für manche Menschen war eine chinesische Mutter einfach eine Mutter wie jede andere. Wolfe zählte nicht zu diesen Menschen. Während Aldershott es vorzog, ihn zu ignorieren, machte sich Wolfe einen Spaß daraus, Eric bei jeder Gelegenheit mit seiner Herkunft aufzuziehen. »Nein«, gab Eric zurück. »Das ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes, weiter nichts. Im Übrigen habe ich tatsächlich eine gewisse Ahnung von den exotischen Schauplätzen, über die dieser Kerl beschlossen hat zu schreiben.«
»Wenn du so ein Experte bist«, erwiderte Wolfe, »hätte ich einen Bekannten in Churston, der dich gebrauchen könnte. Er sucht jemanden, der chinesische Antiquitäten für ihn auftreibt. Das wäre vielleicht eher etwas für dich als das Bewerten von Manuskripten.«
Das Einzige, was Eric am Krieg vermisste, war, dass es in Kriegszeiten dringlichere Sorgen gegeben hatte als die Abstammung eines Menschen. Der Respekt, den er von seinen Kameraden erfahren hatte, war nicht von Anfang an da gewesen, aber nach genügend Granaten, Fliegerbomben und Gasangriffen scherte sich niemand mehr darum, was für Großeltern man hatte – solange man seine Arbeit gut machte und die eigenen Männer am Leben erhielt. Damals war er schlicht Leutnant Peterkin gewesen.
»Ich habe versprochen, zumindest dieses Manuskript noch zu Ende zu prüfen. Wenn ich fertig bin, statte ich deinem Antiquitätensammler-Freund vielleicht mal einen Besuch ab.«
»Ganz wie du willst«, sagte Wolfe mit einem Schulterzucken. »Ich dachte nur, du könntest eine kleine Ablenkung gebrauchen. Mir ist jedenfalls gerade ein wenig langweilig. Was würdest du zu einer Partie Cribbage sagen? Wir könnten das Spiel interessanter machen, indem der Verlierer dem Gewinner einen Shilling pro Punkt zahlt.«
»Du musst verrückt sein!« Mit Wolfe Karten zu spielen war der sicherste Weg, sein letztes Hemd einzubüßen. Eric hatte noch nie erlebt, dass er verlor. Andererseits – wenn die Alternative darin bestand, das Manuskript weiterzulesen … »Sechs Pence pro Punkt, keinen Penny mehr. Ich denke, ich kann es mir leisten, ein oder zwei Kronen zu verlieren.«
Wolfe grinste. »Wenn du das denkst, Peterkin, habe ich bereits gewonnen.«
Ein Cribbage-Spielbrett erschien wie von Zauberhand zwischen ihnen auf dem Tisch. Wolfe mischte mit den gewandten Fingern eines Magiers die Karten und teilte sie aus. Als das Spiel in Gang gekommen war, sagte er: »Weißt du, Peterkin, heutzutage sind gute Männer so schwer zu finden. Vor allem solche, die für einen Gentleman geeignet wären. Die Welt braucht wirklich mehr gute Butler, Peterkin. Du machst dir keine Vorstellung.«
Eric hatte sich schon gefragt, wann Wolfe auf sein Lieblingsthema zu sprechen kommen würde. Der Mann verbrauchte Butler wie ein zwanghafter Raucher Zündhölzer: Er verheizte sie in rascher Folge und warf sie dann weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Eric konnte sich Wolfe nie so recht in Flandern vorstellen, knietief in dem Matsch und dem Unrat, gegen den er selbst trotz der Kürze seines Fronteinsatzes eine tiefe Abscheu entwickelt hatte. Er vermutete, dass Wolfe für die Dauer des Krieges den gesamten britischen Bestand an Seife und heißem Wasser für sich abkommandiert hatte.
Doch Hauptmann Mortimer Wolfe war nicht nur der oberflächliche Dandy, der zu sein er vorgab. Er hatte zahllose Angriffe auf den Feind angeführt – nicht alle davon genehmigt – und war mindestens dreimal in feindliche Gefangenschaft geraten. Durch die zahllosen Schilderungen seiner Heldentaten war die Grenze zwischen Wahrheit und Legende ein wenig verwischt, aber alle Erzähler waren sich einig, dass ihm jedes Mal in weniger als einem Tag die Flucht gelungen war. Wolfe selbst täuschte Desinteresse an den Geschichten über sich vor, unternahm jedoch auch keine Anstrengungen, dem Fabulieren einen Riegel vorzuschieben.
Wie es ein unverbesserlicher Witzbold einmal ausgedrückt hatte, war er »mehr Fuchs als Wolf, schlüpfrig und hinterlistig mit seinen vornehmen schwarzen Söckchen«. Eric respektierte Wolfes Einfallsreichtum, hatte jedoch für dessen arrogantes Auftreten nicht viel übrig.
»Äußerst lästig«, fuhr Wolfe mit einem Seufzen fort, nachdem Eric es versäumt hatte, ihn durch einen Themenwechsel auf andere Gedanken zu bringen. »Man bekommt heute einfach kein gutes Personal mehr. Was natürlich abzusehen war, mit dem Krieg und allem. Ich musste mich jetzt mit einem Kerl zufriedengeben, der keinerlei Referenzen vorweisen kann. Wahrscheinlich werde ich ihn selbst anlernen und meine Erwartungen herunterschrauben müssen. Genau wie bei den ungehobelten, nutzlosen Offiziersburschen, die ich in Flandern hatte. Ich leide, Peterkin. Ich leide ganz entschieden.«
Eric verbarg ein Grinsen hinter seinen Spielkarten. Wolfe war einer der wenigen Heeresoffiziere, die von ihren Offiziersburschen im Plural sprachen. Er hatte sie genauso schnell verheizt, wie er heute seine Butler verheizte. Die Position eines Offiziersburschen war normalerweise durchaus begehrt: eine vergleichsweise angenehme Arbeit, die aufgrund der Nähe zu einem Vorgesetzten gewisse Vorteile mit sich brachte. Wolfes Männer hatten dennoch aktiv Unfähigkeit vorgetäuscht, um nicht dafür angeheuert zu werden.
»Apropos Offiziersburschen, Butler und dergleichen …« Wolfe wies mit dem Kinn zur Bar. Eric drehte sich um und sah eine große, untersetzte Person, die tief in ein Gespräch mit Edward Aldershott vertieft war.
Das strohblonde Haar des Fremden hing ihm ungekämmt in die Stirn, und seine Krawatte war schief – ein krasser Kontrast zu dem überkorrekt gekleideten und zugeknöpften Aldershott und dem glatt polierten Wolfe. Das Gesicht des Fremden war ausdruckslos, und er sah sich mit stumpfsinnig wirkendem Interesse um. Eric fragte sich, wer er war. Er wandte sich wieder Wolfe zu. »Ein ehemaliger Offiziersbursche von dir?«
»Nicht ganz. Ich bin ihm in dem Hospital begegnet, in dem ich gegen Kriegsende lag. Allerdings weiß ich nicht mehr viel von dieser Zeit. Er war dort Krankenwärter. Sein Name ist … Benson, glaube ich. Ja. Albert Benson. Ein Kriegsdienstverweigerer.« Wolfe hielt inne und grinste über Erics verwunderte Miene. Der Britannia Club nahm Männer auf, die für das Britische Reich gekämpft hatten; was machte jemand, der sich geweigert hatte, zu kämpfen, in ihren Reihen? »Kurios, nicht wahr? Wir hatten vorhin eine Vorstandssitzung zu diesem Thema. Saxon hat sich sehr für ihn eingesetzt, was eine ziemliche Überraschung war. Nicht nur, weil Saxon so ein unsympathischer Kerl ist, der eigentlich keine Freunde hat, sondern auch, weil er meines Wissens der Einzige von uns ist, der nie mit Sotheby Manor in Berührung kam.«
»Sotheby Manor?« Eric warf Wolfe einen fragenden Blick zu, während er auf dem Spielbrett seine Punkte absteckte. Dann spähte er noch einmal zur Bar und hielt nach Saxon Ausschau. Dort saß er in einer dunklen Ecke, an einem Apfel kauend und ins Leere starrend. Hin und wieder kehrte er in die Gegenwart zurück und blickte böse umher, als wollte er jeden warnen, ihm bloß nicht zu nahe zu kommen.
Oliver Saxon war ein schräger Vogel, ein in sich gekehrter, unrasierter Mann, der den Club zu jeder Tageszeit mit heraushängenden Hemdschößen heimsuchte und sich Äpfel von der Tischdekoration im Speisesaal klaubte, um deren Kerngehäuse anschließend an den unmöglichsten Orten zurückzulassen. Eric erinnerte sich, dass einmal ein halb vergammeltes Exemplar hinter dem Rahmen des Tafelrunden-Gemäldes auf dem Treppenabsatz geklemmt hatte. Saxon schien es überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, jedenfalls entschuldigte er sich nie für seine Unachtsamkeit und auch für sonst nichts. Er war der Sohn des Earl of Bufferin, eines der ältesten Häuser Englands, und konnte es sich daher leisten, so zerstreut zu sein, wie er wollte. Er hätte das Recht besessen, sich Lord Saxon zu nennen, verstieß jedoch gegen jede Konvention, indem er auf den Ehrentitel verzichtete.
Außerdem arbeitete er doch tatsächlich für seinen Lebensunterhalt, als Exportdirektor für Saxon’s Hard Cider, ein Familienunternehmen – was unerhört war für einen Lord Saxon … aber vielleicht ganz gut zu jemandem passte, der es vorzog, nur Mr. Saxon zu sein.
Eric war so sehr mit Saxon beschäftigt, dass ihm Wolfes Antwort beinahe entgangen wäre: »Sotheby Manor war das Kriegshospital, in dem ich lag, Peterkin. Ein herrliches Örtchen in den Sussex Downs. Dort führte ein Angehöriger des niederen Adels das Regiment, der zudem irgendeinen Arzttitel innehatte. Versuch doch bitte, auf der Höhe des Gesprächs zu bleiben.«
Eric ignorierte die spitze Bemerkung und konzentrierte sich stattdessen auf Benson. »Aber wenn er nie gekämpft hat, warum ist er dann hier? Allein auf Saxons Empfehlung hin?«
»Na ja, heutzutage lassen wir doch jeden rein, nicht wahr? Spätestens seit wir uns dem Chinesischen Hilfsarbeiterkorps geöffnet haben, wie du besser als jeder andere weißt.«
Die legendären Peterkin-Augenbrauen stießen zusammen, so tief war Erics Stirnrunzeln. Das Chinesische Hilfsarbeiterkorps war eine nicht kämpfende Einheit, weshalb der Stolz von Leutnant Eric Peterkin, ehemals Mitglied der Königlichen Füsiliere, zutiefst verletzt war. »Ich war nicht beim Chinesischen Hilfsarbeiterkorps«, stellte er klar. »Ich war bei den …«
»Habe ich doch auch gar nicht behauptet.« Das boshafte Funkeln in Wolfes Augen verriet ihn; Eric war ihm prompt in die Falle getappt. Wolfe fuhr fort, als ob nichts gewesen wäre: »Ich habe keine Ahnung, woher Saxon Benson kennt. Mir selbst ist dieser Einfaltspinsel kaum noch im Gedächtnis. Aber man erinnert sich wohl an kein Gesicht mehr, das man lediglich im Morphiumrausch wahrgenommen hat. Und … hunderteinundzwanzig«, sagte er und bewegte seinen Stift auf dem Cribbage-Brett. »Du schuldest mir sieben Shilling und sechs Pence.«
Eric stapelte die Karten auf einer Seite des Spielbretts und kramte den Preis für das Spielvergnügen aus seiner Tasche.
An der Bar hatte Aldershott seine Brille abgenommen und zwickte sich in den Nasenrücken. Hinter ihm ließ Saxon die Überreste seines Apfels in einen leeren Bierkrug fallen und zog einen weiteren Apfel aus den Tiefen seiner Jacke hervor. Bensons stierer Blick fiel unterdessen auf Eric, den er unverhohlen anstarrte. Eric starrte zurück.
Aldershott setzte seine Brille wieder auf, folgte Bensons Blick und erspähte Eric. Seine Lippen zuckten – etwa vor Erleichterung? –, und er zupfte Benson am Ärmel, um seine Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt zurückzulenken.
»Peterkin!«, rief er dann und näherte sich Erics Tisch mit einem Lächeln, das so echt war wie ein künstlicher Brillant. »Und Wolfe! Darf ich euch Mr. Albert Benson vorstellen, unser neuestes Mitglied? Benson, Wolfe gehört zu den Offizieren, die unseren Clubvorstand bilden, und der Peterkin-Clan ist praktisch schon seit dem Mittelalter im Britannia Club. Ich überlasse Sie fürs Erste den kompetenten Händen dieser beiden, damit sie Ihnen alles zeigen, was ich versäumt habe.« Aldershott warf durch seine spiegelnden Brillengläser einen vielsagenden Blick zu Wolfe hinüber, der vorgab, prüfend seine Fingernägel zu betrachten. »Ich kann mich doch auf euch verlassen, Jungs?«
»Oh, absolut«, antwortete Wolfe, ohne von seinen Nägeln aufzusehen. Benson grapschte dennoch nach Wolfes Hand und schüttelte sie, wofür er einen äußerst gereizten Blick erntete, der ihm vollkommen zu entgehen schien. Anschließend drehte er sich zu Eric um und schüttelte auch ihm die Hand. Als sie mit den üblichen Begrüßungsformeln fertig waren, hatte Aldershott bereits das Feld geräumt, und Benson zog sich einen Sessel an den Kamin heran. Seine blonden Haare fielen ihm widerspenstig in die Stirn, als er sich setzte. Eric fühlte sich an einen zottigen Hütehund erinnert, der in ein Rudel geschmeidiger Windhunde geraten war.
Auch sonst machte Benson einen eher ungepflegten Eindruck. Seine Manschetten und sein Kragen waren abgewetzt, und seine Hosen schienen irgendwann einmal enger genäht worden zu sein. Nur seine Jacke war neu und teuer. Eric spähte auf Bensons linke Hand hinunter und bemerkte eine leicht grünliche Färbung der Haut um dessen Ehering herum. Der Kerl hat sich wohl eine ganze Zeit in Sparsamkeit üben müssen, dachte Eric. Offenbar war er erst in letzter Zeit zu Geld gekommen.
»Ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern, Mr. Wolfe«, sagte Benson gerade. »Mir sind Sie jedenfalls noch gut in Erinnerung. Überhaupt gibt es hier viele bekannte Gesichter, muss ich sagen.«
»In der Tat«, erwiderte Wolfe, der immer noch in seine Fingernägel vertieft war.
»Bei Ihnen bin ich mir recht sicher, dass wir uns noch nicht begegnet sind, Mr. Peterkin«, fuhr Benson an Eric gewandt fort. »Umso mehr freut es mich, Sie jetzt kennenzulernen.« Es folgte eine kurze, unbehagliche Gesprächspause. »Äh … Woher kommen Sie?«
»Aus Barsetshire.« Eric stand nicht der Sinn danach, in die Geschichte seiner Herkunft und seiner Vorfahren einzutauchen. Neugierige Fragen wie die von Benson erfolgten mit bedauerlicher Häufigkeit, und Eric war überzeugt, seine Quote für diesen Monat bereits erfüllt zu haben. »Wolfe hat mir erzählt, dass Sie sich im Kriegshospital Sotheby Manor begegnet sind«, fuhr er deshalb – Wolfes eisigen Blick ignorierend – eilig fort.
Benson grinste nur. »Oh ja. Wolfe kam halb tot aus Flandern an und verlangte als Erstes nach einer anständigen Rasur und einem Haarschnitt. Unser Freund hier hat wirklich eiserne Nerven – nach zwei Tagen fragte man sich, ob er überhaupt je einen Schützengraben aus der Nähe gesehen hatte.«
»Es obliegt mir nicht, zu beeinflussen, was Gott mir in seiner Großzügigkeit zuteilwerden lässt«, sagte Wolfe affektiert. »Erlauben Sie mir jedoch die Bemerkung, dass ich auch hätte zu Hause bleiben können, wenn ich gewollt hätte; was weiß Gott viele Männer getan haben.«
Benson schien diese Spitze nicht auf sich zu beziehen, sondern erklärte nur: »Flandern war wirklich ein schrecklicher Ort. Ich war ein Jahr lang dort und würde für kein Geld der Welt noch einmal zurückkehren. Ein Wunder, dass sich damals überhaupt irgendjemand freiwillig gemeldet hat.«
Ein Jahr lang dort? Hatte Wolfe nicht behauptet, Benson sei Kriegsdienstverweigerer gewesen und habe seine Pflicht stattdessen als Spitalsoldat abgeleistet? Benson ersparte Eric weitere Spekulationen und führte seine Bemerkung näher aus: »Ich war Blessiertenträger, einer der ersten, die an der Front eintrafen. Aber eine Granate machte mich bewusstlos – meine Erinnerungen sind nicht mehr allzu klar – und brachte mir einen Gips ein. Danach beschloss man, dass es wohl besser für mich wäre, meinen Dienst zu Hause in England weiter zu leisten. Glück für mich, was? Ich denke mal, nachdem ich selbst an der Front war, wusste ich besser als die meisten anderen im Hospital, was all diese Männer durchgemacht hatten.«
»Und nun sind Sie hier«, sagte Wolfe. »Erstaunlich, wozu einem ein Jahr in der Hölle verhelfen kann. Ich muss gestehen, dass es mich einigermaßen überrascht, Sie hier unter uns blutrünstigen Kriegshunden zu sehen. Ich hätte gedacht, dass Sie einen weiten Bogen um uns machen.«
Benson begann sich sichtlich zu entspannen. Er gab einem Bediensteten ein Zeichen, damit dieser ihm etwas zu trinken brachte, und erzählte dann: »Meine Umstände haben sich kürzlich geändert. Mr. Saxon hat mir nahegelegt, jetzt, da ich es mir leisten kann, über einen Clubbeitritt nachzudenken, weil es das Angemessene für einen Mann in meiner Position wäre. Und deshalb bin ich nun hier.« Eric fiel auf, dass Benson unbewusst mit dem Goldring an seiner linken Hand herumspielte. Hatte er vielleicht unlängst reich geheiratet?