Buch
Italien in den Achtzigerjahren. Maria wächst in den Gassen der Altstadt von Bari heran – in einer Welt, die noch geprägt ist von Traditionen und den strengen Regeln innerhalb der Familie. Aber Maria hat einen unbändigen Freiheitswillen und lehnt sich auf: gegen den tyrannischen Vater, den groben Bruder, die Rolle als folgsames Mädchen. Ihr einziger Verbündeter ist Michele, Sohn einer verachteten Familie in der Stadt und Außenseiter wie sie. Doch durch ein tragisches Ereignis werden die beiden gezwungen, getrennte Wege zu gehen. Bis sie sich einige Jahre später wiedersehen – und Maria einen kühnen Entschluss fasst ...
Autorin
Rosa Ventrella ist im Hauptberuf Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in Cremona; sie stammt ursprünglich aus Bari und ist dort in den Achtzigerjahren aufgewachsen wie die Protagonistin ihres Romans »Die Geschichte einer anständigen Familie«. Eine Fortsetzung dieses Romans sowie weitere Romane der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung.
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Storia di una famiglia perbene« bei Newton Compton, Rom.
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Newton Compton editori s.r.l., Roma
This edition published in agreement with the proprietor through MalaTesta Literary Agency, Milan
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: buxdesign / München
Covermotiv: © Getty Images /David de Lossy
Redaktion: Viktoria von Schirach und
Regina Carstensen
BH · Herstellung: Han
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-24284-8
V004
www.goldmann-verlag.de

Dieses Buch widme ich den beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben, meiner Tochter und meiner Mutter.
Wenn mich das Heimweh überkommt, denke ich einfach an meinen Vater an jenem Maiabend vor ein paar Jahren zurück. An sein sonnengegerbtes, verhärmtes Gesicht, an seinen dünnen Schnurrbart in der Farbe von Kautabak, an seinen Mund, der mit der Zeit schmal wurde wie eine Messerklinge, und an die schief sitzende Fischermütze auf seinem Kopf. Daran, wie er sich über den Bug seines Boots beugte und konzentriert seine Netze ordnete, bevor er aufs Meer hinausfuhr. Er verlor kein Wort, drehte sich nur manchmal zu mir um. Die Winkel seines Munds zeigten wissend und resigniert nach unten, wie man es manchmal bei Menschen in einem gewissen Alter sieht. Viel geredet hatte er noch nie. Er spuckte die Worte verächtlich aus, als wären sie vergiftet, um sie dann erneut zu verschlucken. Das Boot roch nach frischer Farbe, und der in einem leuchtenden Blau aufgemalte Name stach besonders ins Auge. Das Boot hieß Ciao Charlie, wie der Film mit Tony Curtis, dem mein Vater angeblich sehr ähnlich sah. Das Fest zu Ehren des Schutzheiligen San Nicola lag nur wenige Tage zurück, und alle im Hafen liegenden Boote waren noch mit Wimpeln, rotblauen Girlanden und Lampions versehen, die zusammen mit den Heiligenstatuen den Bug schmückten. Ich musterte ihn stumm. Enttäuscht. Eine Hand entwirrte sorgfältig das Netz, während die andere eine Zigarette hielt. Von ihrem Ende fiel Asche zu Boden, mehrmals wurde sie vom Meereswind aufgewirbelt, bevor sie zu seinen Füßen landete. Ich vergaß das Gerede der auf der Mole zusammensitzenden und Lupinensamen essenden Frauen genauso wie das ordinäre Geschrei des polparo, der Tintenfisch und Bier aus seinem Auto verkaufte. Ich sah nur noch seine zerfurchten Hände, die Kälte in seinen hellen Augen, und spürte, wie sehr meine Gefühle, die ich für ihn hegte, auf mir lasteten. Denn einen wie Antonio De Santis kann man zwar hassen und immer wieder vergessen wollen, doch am Ende muss man sich eingestehen, dass er ein Teil von einem ist.
Statt eines Vorworts
Den Tag, an dem mir Nonna Antonietta den Spitznamen »Malacarne« gab – Teufelsbraten, durch und durch verdorben –, werde ich nie vergessen. Es regnete heftig – einer dieser Platzregen, wie sie nur selten vorkommen, außer im Winter. Kurz bevor er einsetzt, spürt man, wie der vom Meer kommende Wind alles mit seinem Geheul durchrüttelt und einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Seepromenade war eine einzige Pfütze. Die verlassenen Felder und die karge Landschaft bei Torre Quetta waren platt gedrückt und verwüstet, als hätte dieser Wolkenbruch sie regelrecht zur Strecke gebracht. Es war April. So einen verregneten Frühling habe es seit dreißig Jahren nicht gegeben, erzählten die alten Leute aus meinem Viertel später.
Trotz der Ermahnungen meiner Mutter und Großmutter, die die Stimme des Windes deuten konnten, bestand ich darauf, nach draußen zu gehen.
»Wenn sich das Meer wie der Teufel gebärdet, wehrt sich die Erde«, warnte mich Nonna Antonietta, während ich hinaustrat. Ich hatte beiden, Mutter und Tochter, einen herausfordernden Blick zugeworfen. Die eine rieb gerade Pecorino auf der grattarola wie jeden Tag vor dem Mittagessen, während die andere eine dicke Scheibe Brot abschnitt. Ich zuckte nur mit den Schultern, nichts hielt mich zurück, allen Ermahnungen zum Trotz. Ich wollte das stürmische Meer aus nächster Nähe sehen, wollte herausfinden, ob es mir Angst machte.
Ich rannte über das weiße Pflaster der Altstadt und winkte kurz einigen Nachbarinnen zu. Diese comari standen in der Tür und schauten in den Himmel, als wollten sie wie die alten Römer Vogelschau betreiben. Ich spürte den Wind in den Haaren und im Gesicht. Obwohl er auf mich einpeitschte, wäre mir nicht in den Sinn gekommen kehrtzumachen. Mit nur zwei Sprüngen überwand ich die Stufen, die von der Altstadtmauer zur Seepromenade führten. Hastig eilte ich am Teatro Margherita vorbei, um dann zur Mole zu gelangen, wo über ihr die Wellen brachen. Ich wollte das Meer in seinem ganzen Hochmut erleben.
Als ich bei Torre Quetta die Küste erreichte, hörte ich kurz eine leise Stimme in mir, die mir zuflüsterte, ich solle doch nach Hause zurückkehren. Ich sah das Gesicht meiner Mutter vor mir, die mir verboten hatte, nach draußen zu gehen. Ihren liebevoll ermahnenden Blick und ihren sich wiegenden Kopf, bevor sie wie jedes Mal sagte: »Du hast einen noch größeren Dickschädel als dein Vater.« Auch meine Großmutter tauchte vor meinen Augen auf, die trotz strenger Zurechtweisungen, mit denen sie mich zur Vernunft bringen wollte, genauso zärtlich besorgt war wie die Tochter. Schon ihr Äußeres hatte etwas Nachgiebiges. Sie war eine kleine Frau mit einem großen, schwer auf den Bauch fallenden weichen Busen.
Ich versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu vertreiben, wollte mich durch sie nicht von meinem Vorsatz abbringen lassen. Während ich mein wadenlanges Kleid umklammerte wie eine Rettungsleine, näherte ich mich den Klippen. Riesige Wellen schlugen gegen die Felsvorsprünge, brachen und versprühten ihre Gischt, um dann ins Meer zurückzufließen. Der Horizont war diesig und verschwamm mit dem Wasser, das aussah wie ein gigantischer Tintenfleck. Hypnotisiert von diesem faszinierenden Schauspiel bemerkte ich gar nicht, wie bedrohlich sich der Himmel verdüstert hatte. Es schien eher Nacht zu sein als zwölf Uhr mittags. Als der Regen einsetzte, blieb mir keine Zeit mehr, nach Hause zu laufen. Augenblicklich verblassten die Umrisse der Häuser von Bari und wurden vom dunklen Himmel verschluckt. Der Sturm peitschte die Wasseroberfläche, von der eine Art Nebel aufstieg, der zu unzähligen weißen Tropfen zerstob.
»Und nun?«, fragte ich mich wieder und wieder, während ich mich suchend umsah.
Hinter mir erhob sich die Ruine des Torre Quetta, ein heute verlassener Turm, der Soldaten zu Kriegszeiten ermöglicht hatte, übers Meer kommende Feinde zu sichten. Die Mauern waren fahlgrau, die ihn umgebende Vegetation öd und karg. Ich ging zur Eingangstür, die von einem verrosteten Draht zugehalten wurde, während mir der Regen schwer wie Blei auf den Kopf niederprasselte. Mir blieb keine andere Wahl. Im Turm würde ich in Sicherheit sein.
Ich stieß die Tür auf, die mit einem unheimlichen Knarren protestierte, und tat einen Schritt nach vorn. Ich fand mich in einem runden Raum mit zwei Fensterluken wieder, durch die man die Küste überwachen konnte. Auf dem Boden lag eine alte Matratze und ein Stück weiter eine Emailleschüssel mit blauem Rand, die an mehreren Stellen angeschlagen war. Ich war damals erst neun und konnte noch nicht wissen, dass im Torre Quetta Prostituierte ihre Freier erwarteten.
Ich setzte mich hin und hoffte, dass der Mensch, der die Matratze sein Eigen nannte, nicht zu früh zurückkehrte. Ich zog die Schultern bis zu den Ohren, denn durchnässt wie ich war, wurde mir langsam kalt. Ich starrte auf meine Füße in den Holzpantinen. Meine Zehen waren schwarz vom Matsch, und die vom Regen glänzende Haut war noch olivfarbener als sonst. Vor Angst schlug mir das Herz bis zum Hals – auch wenn ich das nach meiner Rückkehr niemals zugeben würde.
Als ich den Heimweg antrat, hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Der Himmel hatte sich aufgehellt, und der Wind war abgeflaut. Vom Meer her stank es nach Algen, aber als ich über die Stadtmauer lief, wich der Fäulnisgeruch dem Duft von Tomatensoße mit Basilikum und gebratenem Fleisch. Ganz in der Ferne war noch der ein oder andere Wolkenfetzen am Horizont zu sehen, schwebende Watte. Meine Erleichterung darüber, dass ich das Abenteuer so mutig überstanden hatte, verwandelte sich rasch in Furcht vor der Reaktion meines Vaters. Was würde er wohl zu meinem Wagemut sagen? Wie laut würde er diesmal brüllen? Der Gedanke an seine vor Wut lodernden Augen, an sein von angespannten Kiefermuskeln verzerrtes Gesicht jagte mir mehr Angst ein als der soeben überstandene Gewittersturm.
Auf einmal wurden meine Beine schwer, mühsam meine Schritte. Sogar der Kopf wurde zu einer für meine schmächtige Gestalt kaum tragbaren Last. Mir war, als müsste ich ein Ei auf einem Strohhalm balancieren.
Von ihrem Fenster aus begrüßte mich Comare Angelina, die gerade eine Tischdecke über das Straßenpflaster ausschüttelte.
»Was ist denn mit dir passiert, Marì? Bist du ins Meer gefallen?«, fragte sie besorgt. Ich schüttelte den Kopf, hatte aber keine Lust, ihr Rede und Antwort zu stehen. Ein Stück weiter vorn warteten meine Mutter und Großmutter bereits in der Tür auf mich. Erstere blass und ohne Spannung, Letztere gedrückt, was ihre kleine und gedrungene Statur nur noch mehr unterstrich. Sie spürte den Stachel, der ich schon als Säugling gewesen war. Sprachlos blickte sie mich an, nur ihre Augen verrieten: Wie war es möglich, mit einer so ungezogenen, missratenen Enkelin gesegnet zu sein? Normalerweise war sie nie um ein Wort verlegen: Wenn sie wollte, redete sie viel und ohne Unterlass von den tausend Dingen, die sie gerade erledigen wollte oder die sie sich für den nächsten Tag vorgenommen hatte. Vom Großvater, Gott hab ihn selig, der sie als junge, unerfahrene Frau geheiratet und darüber gestaunt hatte, wie sie ihm immer besser und zuverlässiger den Haushalt führte.
Doch jetzt, in unserer Haustür, sah sie aus wie eine Mater dolorosa und wartete nur auf ein winziges Zeichen ihrer Tochter, etwas sagen zu dürfen. Dieser Wink blieb allerdings aus, weil meiner Mutter bewusst war, dass jedes weitere Wort den Zorn meines Vaters nur noch mehr angefacht hätte.
Als ich bei ihnen ankam, schlug mein Herz wie eine Trommel, so laut, dass sie es hören mussten. Gerade deshalb gab ich mich ungerührt. Ich schämte mich für meinen erbärmlichen Aufzug. Für das mindestens zwei Nummern zu große Kleid, das meine Mutter extra so genäht hatte, damit ich es länger tragen konnte, und das mir jetzt am Körper klebte. Für meine in den Holzpantinen schmatzenden Füße. Ich hatte Bauchschmerzen. Übelkeit und Schwindel verlangsamten meine Schritte und vernebelten mir den Blick. In meinem Kopf summte es wie in einem Bienenkorb.
Ich blieb kurz stehen, um sie anzuschauen – erst meine Mutter, dann meine Großmutter.
Meine Mutter sprach kein Wort, die Galle lief ihr sichtlich über, und trotzdem kam kein Laut von ihr.
Nonna Antonietta beugte sich zu mir, als wollte sie mich ohrfeigen, doch ihre rundliche Hand blieb in der Luft hängen.
Denn genau in dem Moment entdeckte sie das seltsame Leuchten in meinen pechschwarzen Augen, wie sie mir später erklären sollte.
»Du bist kalt wie eine Eidechse«, hob sie an. Ihre Stimme war kaum mehr als ein leises Krächzen. »Schlimmer noch, blutlos wie ein Tintenfisch. Du bist eine Malacarne, durch und durch verdorben, ein Teufelsbraten!« Sie fühlte sich bemüßigt, das Schimpfwort zu wiederholen, wobei sie beim zweiten Mal eher zu sich selbst sprach.
Meine Mutter nickte, als wäre ihr der Gedanke auch schon gekommen, nur dass ihr bisher der Mut gefehlt hatte, ihn auszusprechen.
»Maladeren!«, flüsterte sie nur, als ich beschloss, unter ihren Armen durchzuschlüpfen.
Auf einmal war mir, als müsste mir das Herz in der Brust zerspringen, es war, als schlüge es an vielen Stellen gleichzeitig. Ich spürte, dass die Küche anders war als bei meinem Weggang, dass sie zusehends kleiner wurde und drauf und dran war, mich restlos zu zermalmen. Mein Vater und meine Brüder Giuseppe und Vincenzo aßen ihre Nudeln mit Bohnen, reichlich Käse war darüber gestreut. Nur Giuseppe drehte sich zu mir. »Oha«, sagte er. »Da bist du ja wieder.«
Noch heute denke ich, dass Giuseppe immer schon der Beste von uns gewesen ist. Er war damals sechzehn und über Nacht erwachsen geworden wie Kinder im Märchen.
Bei diesen Worten meines Bruders wandte sich mein Vater mir zu. Sein Blick durchbohrte mich, seine Lippen waren aufeinandergepresst. In der Mitte der Küche hielt ich inne. Vincenzo folgte mir in meinem Tun, sein Mund hörte auf zu kauen, während Giuseppes längst stillstand. Vielleicht war sogar die Zeit stehen geblieben, und die Soße von Comare Angelina hatte aufgehört, im Topf zu blubbern, die Vögel hatten ihr Zwitschern eingestellt. Alles wartete.
»Jetzt explodiert er, jetzt explodiert er auf der Stelle«, sagte ich mir mehrmals.
Er erhob sich nicht von seinem Stuhl, sondern beschränkte sich darauf, ihn nur leicht zu verrücken – eine Hand auf dem Oberschenkel, die andere um das Glas mit dem Primitivo gelegt. Der Wein war so tiefrot und dickflüssig, dass er im Glas zu kleben schien. Er hob das Glas, als wollte er mir zuprosten. Ich schloss die Augen und atmete schwer.
»Auch das wird irgendwann vorbeigehen«, sprach ich mir Mut zu.
»Auf Malacarne!«, rief mein Vater. Dann sah er zu seinen Söhnen und wartete, dass sie es ihm gleichtaten.
Als ich die Augen wieder aufschlug, schauten mich alle drei an: Vincenzo mit dem verschlagenen Grinsen, das seinem Charakter entsprach, und Giuseppe mit dem aufrichtigen Lächeln, mit dem er sämtliche Mädchen des Viertels in sich verliebt machte.
Sogar mein Vater sah mich an. Er lachte, und das fühlte sich in diesem Moment an wie ein Wunder, ein schlichtes, unschuldiges Wunder.
Ich heiße Maria, Maria De Santis. Bei meiner Geburt war ich so klein und dunkel wie eine reife Pflaume. Je älter ich wurde, desto mehr trat eine Wildheit zutage, die mit der Zeit dazu führte, dass ich mich von allen anderen Mädchen im Viertel unterschied – im guten wie im schlechten Sinne. Ein riesengroßer Mund und zwei funkelnde Mandelaugen. Schmale, langfingrige Hände, die ich von meinem Großvater väterlicherseits geerbt habe. Dazu das bissige, aufmüpfige Wesen von meinem Vater Antonio. Der war Fischer und ein hartherziger, ungehobelter Mann, der meist geistesabwesend auf seinen Teller oder an die Wand starrte und dann wieder keinen anderen Ausweg sah, als seinen Lebensüberdruss an uns abzureagieren. Seine Gewaltbereitschaft schwebte immer über uns wie der Gesang der Zikaden an schwülen Hundstagen, wenn die Stille des Nachmittags ihn endlos in die Länge zieht. Die Sommer verbrachten wir in der Altstadt von Bari, in den mit weißem Naturstein gepflasterten Straßen. Wir spielten Fangen im Gewirr der Gassen, umgeben vom Geruch der zum Trocknen aufgehängten Bettwäsche und der würzigen Soßen, in denen das Ochsenfleisch stundenlang schmorte. In diesen engen Gassen habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie als schlimm oder unglücklich empfunden hätte. Hässlichkeit und Schmerz waren einfach allgegenwärtig – in den Ermahnungen der Comari (»Geh nicht ans Meer, wenn es so tost, dass es dich verschlingen kann«, »Iss Gemüse, sonst stirbst du an Vitaminmangel«, »Sprich dein Abendgebet, sonst landest du in der Hölle«) genauso wie in denen Nonna Antoniettas (»Lüg nicht, sonst bleibst du für immer klein«) oder meiner Mutter (»Jesus kennt deine bösen Gedanken und schneidet dir die Zunge ab, bevor du schmutzige Sachen sagen kannst«).
Doch auch auf den Gesichtern mancher Frauen aus meinem Viertel lag Hässlichkeit, wie auf dem von Comare Nannina, die alle nur »u cavad« – das Pferd – nannten, weil sie ein langes Gesicht und einen so großen Mund hatte, dass sie fast schon entstellt aussah. Dazu ausdruckslose, nahezu erloschene Augen, kalt und stumpf wie zwei verstaubte Murmeln. Sie war unsere direkte Nachbarin, und ich hatte ihr abstoßendes Pferdegesicht vor der Nase, sobald ich das Haus verließ, da sie stundenlang auf einem Stuhl im Hauseingang saß, bei Hitze wie bei Kälte. Hässlichkeit – das waren die Kakerlaken, die sich mit ihren glänzenden Panzern im Kellergeschoss tummelten, manchmal sogar in der Küche. Die Mäuse, die fiepend über die baufälligen Balkone huschten. Noch schlimmer war jedoch, dass Hässlichkeit auch ein Teil von mir war, ich mich wie in ihr eingenäht fühlte, als wäre sie eine zweite Haut. Sie zeigte sich in der Gnadenlosigkeit, mit der mein Vater mich anblickte, wenn ihn die Wut übermannte, so dass sein schönes Gesicht zu einer grausamen Grimasse wurde. In seinen abendlichen Tobsuchtsanfällen vor dem dampfenden Essen und der hektischen Art, mit der er Krümel vom Tisch auftupfte und zu kleinen Kugeln presste, wenn er sich über etwas aufregte – ein warnender Hinweis für einen Ausbruch, der blind jeden treffen konnte, der in seine Schusslinie geriet. Dann wurde aus dem charmanten Tony Curtis der leibhaftige Teufel – fehlte nur noch, dass seine Zunge Feuer spie.
Gegen mich richtete sich sein Zorn allerdings nur selten. Bei mir legte der als Leinwandheld verkleidete Teufel alles Hässliche ab. Wenn er abends nach dem Essen am Tisch sitzen blieb, nahm er oft meine Hand und hielt sie minutenlang. Wortlos und ohne mich anzusehen, mit einer stummen Zahmheit, auf die ich zurückhaltend, ja fast ängstlich reagierte. Gut möglich, dass ich ihn in solchen Augenblicken liebte. Oder ihn noch mehr verachtete als sonst, weil er sich zwischen mich und den Hass schob, sich mit meinem schlechten Charakter vermischte wie die Schlieren am Boden eines Fasses mit frischem Olivenöl. Meine Großmutter hatte richtig gesehen: Ich war eine Malacarne. Und das gefiel mir gar nicht mal so schlecht, weil alle in meinem Viertel Spitznamen hatten, die vom Vater auf die Kinder übergingen. Wer keinen besaß, brüstete sich nicht damit, weil das in den Augen der anderen nur heißen konnte, dass sich die Mitglieder dieser Familie weder positiv noch negativ hervorgetan hatten. Und wie sagte mein Vater immer so schön? »Besser, man wird verachtet, als ganz übersehen.«
Weichei, Schlappschwanz, Depp, Schwachkopf, Schwuchtel … so oder ähnlich lauteten die Bezeichnungen, die denjenigen gegeben wurden, die im Lauf ihres Lebens sonst keine Spur hinterlassen hätten. In meiner Familie war mein Vater unter dem Namen Tony Curtis bekannt, auf den er sehr stolz war. Die Verwandten meiner Mutter dagegen waren überall nur die Popizz’, weil meine Urgroßmutter, eine fantastische Hausfrau und Köchin, Geld dazuverdient hatte, indem sie aus ihrem Küchenfenster heraus popizze, frittierte Teigbällchen, verkaufte. Seitdem hießen auch Nonna Antonietta, meine Mutter, ja sogar ihre nach Venezuela ausgewanderten Brüder so.
In meiner Straße wohnten noch die Minuicchie, die Cagachiesa und die Mangiavlen. Minuicchie war ein kleiner, stiller Mann mit wenigen, stets fettigen Haaren, die der arme Kerl zu einem Mittelscheitel zog. In seiner Familie waren alle klein – Vater, Großvater und Brüder –, so winzig wie die im Volksmund minuicchie genannten Hörnchennudeln, denen er seinen Spitznamen verdankte. Seine Frau war eine gewisse Cesira mit römischen Wurzeln, eine fette Matrone, die von früh bis spät über ihn schimpfte. Alle Männer im Viertel hatten Mitleid mit Minuicchie. Mein Vater sagte immer, an seiner Stelle hätte er die herrische Ehefrau längst erwürgt, und dass ihm das keiner übel nehmen würde. Der schmächtige Mann dagegen ertrug stumm das Gezeter seiner Frau. Man sah ihn immer am Fenster stehen und mit dem trüben Blick und verrunzelten Gesicht eines alten Mannes auf die Straße starren.
Und dann waren da noch die Cagachiesa, Vater, Mutter, drei Söhne und drei Töchter. Ihr Haus lag unweit der Buonconsiglio-Kirche, gleich hinter den antiken Säulen, die die Kinder ohne jeden Respekt anpinkelten oder anspuckten. Die Cagachiesas schufteten ohne Unterlass, um ihre kinderreiche Familie zu ernähren. Ihr Nachwuchs sah aus wie geklont, lauter schwarze Wuschelköpfe mit himmelblauen Augen, die sie vom Vater geerbt hatten, der Fischer war, genau wie meiner. Alle Männer in seiner Familie waren Fischer gewesen, und weil er stolz darauf war, hatte Pinuccio Cagachiesa das alte rotblaue Boot eines Vorfahren aufbewahrt, das unterhalb des Waschplatzes auf einer Kiesbank lag. Seine Söhne kletterten den ganzen Tag darauf herum, aber wenn die Natur sich meldete und sie sich erleichtern mussten, verrichteten sie ihre Notdurft doch lieber hinter der Kirche.
Die Mangiavlen waren Maddalenas Familie. Der Name – »Giftfresser« – stammte von der Großmutter väterlicherseits, die in der Altstadt von Bari als Hexe tätig war und in einem windschiefen rußschwarzen Haus in der Via Vallisa wohnte. Als ich noch klein war, brachte mich meine Mutter immer zu ihr, wenn ich Bauchweh hatte, denn es hieß, sie sei gut darin, »die Würmer zu vertreiben«. Mit den Fingerkuppen malte sie mir kleine Kreuze auf den Bauch und sagte dazu Verse in einer Sprache auf, die weder Dialekt noch Italienisch war. Ich weiß nicht, ob sie wirklich eine Zauberin oder Hexe war, fest steht nur, dass das Bauchweh danach genauso schnell wieder verschwand, wie es gekommen war. Alle im Viertel bewunderten und fürchteten sie. Wer sie in ihrem Haus erlebt hatte, erzählte, dass sie einen langen, bis zu den Füßen reichenden silbernen Zopf habe, den sie allabendlich sorgfältig bürstete. Tagsüber trug sie das Haar zu einem straff zurückgebundenen Knoten, der mit dicken silbernen Spangen an Ort und Stelle gehalten wurde. Es hieß auch, sie könne mit ihrem bösen Mundwerk heftigste Verwünschungen ausstoßen, und es sei besser, sich nicht mit ihr anzulegen. Maddalena, ihre Enkelin, war die Schönste in meiner Klasse. Für dieses Mädchen mit dem Madonnengesicht und dem pechschwarzen Haar, das ihr in weichen Wellen bis auf den Hintern fiel, hätte es gar keinen passenderen Namen geben können: Alle Jungen in der Schule wurden ganz fahrig, sobald sie ihr begegneten, verhaspelten sich und stotterten. Damals lernte ich, welche Wirkung Schönheit auf andere Menschen haben kann.
Maddalena und ich waren befreundet. Da wir in derselben Straße wohnten, legten wir den Schulweg häufig gemeinsam zurück. Ich wusste, dass sie in meinen Bruder Giuseppe verknallt war, doch der würdigte sie keines Blickes, weil er sieben Jahre älter war als sie und sich für reifere Mädchen interessierte. Wir dagegen hatten nur zwei winzige rosa Knöpfe, die sich frech unter dem Stoff unserer T-Shirts abzeichneten, sowie lange, dünne Gazellenbeine. Offen gestanden waren meine gar nicht so lang, weil ich erst spät anfing zu wachsen. Viele Jahre meines Lebens war ich klein und dunkelhäutig. Als Kind fand ich mich hässlich, ein Gefühl, das sich in Maddalenas Gegenwart noch verstärkte. Aus Neid begann ich, sie zu hassen, denn in der Schule hatten alle nur noch Augen für sie. Ich bemühte mich jedoch, dem nicht zu viel Gewicht beizumessen. Ohnehin hätte ich nicht gewusst, was ich mit Verehrern hätte anfangen sollen, die sich Tag für Tag in meiner Straße herumtrieben, oder mit irgendwelchen Idioten, die in fehlerhaftem Italienisch versuchten, romantische Sätze zu fabrizieren. Und trotzdem ärgerte es mich. Maddalena hatte schon damals die launisch-frivole Art einer Frau, die im Lauf ihres Lebens noch viele Männerherzen brechen würde. Mal sah es so aus, als brächten sie die braun glänzenden Augen von Rocco Cagachiesa zum Träumen, mal schien sie sich vor seinem bloßen Anblick zu ekeln. Rief sie an einem Tag den Eindruck hervor, für unseren Lehrer, Herrn Caggiano, zu schwärmen, dem jeder in der Schule – Mitschüler, Kollegen, ja sogar die Direktorin – mit höchstem Respekt begegnete, lästerte sie am nächsten Tag über ihn und versprühte dabei dasselbe Gift, das ihre Großmutter zur Hexe gemacht hatte. Wir alle wussten, dass Caggiano besonders nachsichtig mit ihr war. Maddalenas Schönheit bewirkte, dass ihr sogar dieser nüchterne, zurückhaltende Mann mit Ehrfurcht begegnete. Aber vielleicht war er ihr gegenüber auch nur deshalb so wohlwollend, weil er Angst hatte, ihre Großmutter, die Hexe, zu verstimmen. Sie nutzte das weidlich aus und machte ihre Hausaufgaben einzig dann, wenn sie Lust dazu hatte. Immer wenn sie glaubte, bei etwas nicht mithalten zu können, vergoss sie geschickt mehrere Krokodilstränen, die sogar diesen strengen Lehrer erweichten. Was ihr Herz in der einen Minute höherschlagen ließ, entlockte ihr in der nächsten nur höhnisches Gelächter. Maddalena war so distanziert wie überheblich und hatte einen beißenden Humor, der die Qualen ihrer Bewunderer noch verstärkte und sie verstummen ließ. Nur für Giuseppe schien sie dauerhaft zu schwärmen – vielleicht, weil er der Einzige war, der sie keines Blickes würdigte.
Ich weiß noch, wie Caggiano uns am ersten Schultag mit zusammengekniffenen Augen musterte. Er schien all unsere Geheimnisse genau zu kennen, und zwar nicht nur die, die wir bis zu diesem Moment bewahrt hatten, sondern auch alle zukünftigen. Er war ein großer, dünner Mann, knochig und mit langen Pianistenfingern. Alles an ihm strebte nach oben, von den Beinen bis zu seinem strengen, kantigen Gesicht: die spitze Nase, die Brauen, die nur aufwärts strebten und über denen eine hohe glatte Stirn prangte. Diese geballte Vertikalität war überaus harmonisch, bis auf den leicht krummen Nacken – vielleicht eine Folge der vielen, mit Lesen verbrachten Stunden. Er war ein begeisterter Altphilologe und äußerte seine Leidenschaft, indem er bei jeder Gelegenheit Catull und Horaz zitierte. Bei uns im Viertel war Caggiano hoch angesehen. Als ich an der Reihe war, von seinen kleinen dunklen Augen ins Visier genommen zu werden, empfand ich zum ersten Mal in meinem Leben die Angst, die mir sonst nur mein Vater einflößen konnte.
»Und wer bist du?«, fragte er, sog schnuppernd die Luft über meinen Haaren ein und deklamierte dann mit gen Himmel gerichtetem Blick eine seiner Weisheiten auf Lateinisch. Um anschließend, damit ihn alle verstehen konnten, trocken zu bemerken: »Mir machst du nichts vor, du kleines Biest.« Eine ebenso schneidende wie schlaue Bemerkung, die ich nie vergessen habe. Dann wandte er sich an das größte und dickste Kind der Klasse, an Michele Straziota. »Du!« Er zeigte mit seinem knochigen Zeigefinger auf den Jungen. »Komm her!« Caggiano beherrschte die Kunst, seine Worte so zu orchestrieren, lateinische Wörter und Dialekt so meisterhaft zu mischen, dass aus seinem geschulten Mund selbst noch Flüche nach hoher Literatur klangen.
Michele Straziota nickte mehrmals und setzte sich mit gesenktem Blick neben mich in eine der Bänke der ersten Reihe. Er sah mich an und stellte sich lächelnd vor: »Ciao, zu Hause sagen alle Lini, Linuccio oder Chelino zu mir, aber, wenn du magst, kannst du mich Michele nennen.« Ich nickte stumm, weil mich seine Leibesfülle ein wenig einschüchterte. Mein erster Eindruck war der eines schüchternen, netten Jungen, mehr aber auch nicht. Damals hegte ich eine regelrechte Abneigung gegen Menschen mit Übergewicht und wusste daher bereits, dass ich versuchen würde, meinem Banknachbarn auszuweichen wie einem lästigen Insekt.
An einem Vormittag wenige Wochen später zeigte sich der dicke Junge, den inzwischen alle in meiner Klasse mit gemeinen Spitznamen bedacht hatten, als derjenige, der er wirklich war. Und obwohl ich ihn noch nicht gut kannte, spürte ich doch insgeheim, dass unsere Wege sich eines Tages kreuzen würden, auch wenn ich damals keineswegs ahnen konnte, auf welche Weise. Der Lehrer wollte wissen, was unsere Väter von Beruf waren. Als ich an die Reihe kam, sagte ich ohne große Begeisterung »Fischer«, genau wie der vierte Sohn von Pinuccio Cagachiesa und ein paar andere Kinder, die ich kannte.
Als Maddalena dran war, verkündete sie feierlich: »Mein Vater arbeitet bei den Südrohrwerken.« Man merkte gleich, wie viel Wert man bei ihr zu Hause darauf gelegt hatte, dass sie das fehlerfrei aufsagen konnte. Schließlich wandte sich Caggiano an meinen Banknachbarn Michele. So etwas wie Verschlagenheit blitzte in den Augen dieses teuflischen Lehrers auf, als Straziota antworten sollte. Er sah aus wie eine Katze, die sich vor einem saftigen Fischhappen genüsslich das Maul leckt.
Michele hielt den Blick gesenkt. Er bemühte sich mehrfach, etwas herauszubringen, doch die ersten Versuche scheiterten kläglich. Die Worte blieben ihm im Halse stecken, und seine Stimme kroch tief aus dem Bauch heraus, von dort, wo die Gefühle beheimatet sind. In der zweiten Reihe begannen Mimmiù und Pasquale, zwei Jungen mit dunklem Teint und hinterlistigem Blick, ihn leise zu verspotten: »Spuck’s schon aus, Fettsack! Was ist, hast du die Sprache verloren? Oder hast du sogar die aufgefressen?« Caggiano entging das nicht, trotzdem tat er so, als würde er nichts hören. Er genoss, was er da ins Rollen gebracht hatte. Er hatte das Ganze von Anfang an geplant, und wir Bälger reagierten genau wie gewünscht.
»Mama ist Hausfrau«, rang er sich schließlich ab, »und Papa ist arbeitslos.« Skandalös war das nicht, es gab viele Väter ohne Arbeit, auch wenn sich hinter dem Wort »arbeitslos« alles Mögliche verbergen konnte.
»Ihr kennt doch den Spitznamen der Familie Straziota?«, fuhr der Lehrer fort und ließ den Zeigefinger in der Luft kreisen.
Ich betrachtete Michele, der ungeschickt versuchte, den Kopf zwischen die massigen Schultern zu ziehen, sich hinter der für seine Leibesfülle viel zu kleinen Bank zu verstecken. Wir antworteten im Chor, indem wir verneinend mit der Zunge schnalzten; diesmal hatte Caggiano nichts daran auszusetzen, obwohl er es uns sonst als ordinär und ungehörig verbot.
»Möchtest du es uns verraten, Michele?« Er näherte sich unserer Bank in der ersten Reihe, und seine Augen blitzten dermaßen, dass ich zum ersten Mal bemerkte, wie hell sie waren: kristallblau.
Er hat dieselben Augen wie Papa, dachte ich im Stillen, und das ist gar nicht gut.
»Dann erzähl ich es eben deinen Mitschülern«, fuhr er zufrieden fort.
Er begann, zwischen den Bankreihen auf und ab zu laufen, um es noch spannender zu machen. Alle schwiegen gebannt, sogar Mimmiù und Pasquale, die sonst nie still sein konnten.
»Habt ihr schon mal von den Senzasagne gehört?«, fragte er schließlich und stützte sich mit den Händen aufs Lehrerpult. Ein bestürztes Raunen erhob sich im Klassenzimmer, und ohne es zu wollen, sahen wir einander von der ersten bis zur letzten Bank entgeistert an, blickten dann zum Lehrer, der wiederum Michele anschaute und mit verschränkten Armen auf seine Reaktion wartete. Wir starrten auf die Fenster, ja sogar auf die Wände, als würden bei der Erwähnung dieses Namens noch die leblosesten Gegenstände aus ihrer Starre gerissen und zum Leben erweckt werden. Insgeheim vergegenwärtigte ich mir all das, was ich in meinem bisherigen Leben über die Senzasagne gehört hatte. Trotzdem hatte keiner von uns gewusst, dass auch Michele zu dieser Familie zählte. Erst später sollte ich erfahren, dass er sich für seine Herkunft schämte. Micheles Urgroßmutter – das wusste ich von meinem Vater, und das erzählte man sich im Viertel – war im Krieg Witwe geworden. Sie lebte damals allein und völlig mittellos in einem baufälligen Haus. In den Zimmern stank es nach Rauch, der Putz bröckelte von den Wänden, Spinnweben hingen in jeder Ecke, und die Möbel, die eher als Brennholz taugten, waren mit Schmutz und Kaffee vollgesogen. Als sie es leid war, sich aufzureiben, Böden zu wischen und mit den Fingernägeln Hühnerdreck abzukratzen, hatte sie ihren damaligen Arbeitgeber, einen Wursthändler um die fünfzig, der selbst jung verwitwet war, ohne jede Vorwarnung gepackt und ihm mit dem Messer, mit dem er den Schinken zerlegte, die Kehle aufgeschlitzt. Zudem hatte sie ihm einen sauberen Längsschnitt beigebracht, der in der Brustmitte begann und bis zum Nabel reichte, das Geld, das er in einer Keksdose aufbewahrte, genommen und davon bestes Fleisch gekauft, ganz saftiges, um ihren Kindern Geschnetzeltes zuzubereiten. Es hieß, sie sei sehr hübsch gewesen, mit schwarzen, sinnlichen Mandelaugen, die an feinste Seide erinnerten, mit vollen Lippen und – was damals selten war – blendend weißen und geraden, gesunden Zähnen. Obwohl ihre Schuld nie bewiesen wurde, hieß Marisa bei allen Senzasagne: blutlos wie ein Tintenfisch, zu keiner menschlichen Regung fähig. Und obwohl sie Witwe und wunderschön war, wagte es keiner, ihr den Hof zu machen und ihr seine Gesellschaft anzutragen. Näherte sich ihr ein Fremder, überhäufte er sie mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten. Blieb er mit seinen Augen an ihr kleben wie Fliegen an einer Kuh, reagierte sie genauso verärgert wie bei einem Insekt: Sie verscheuchte ihn mit einem dermaßen vernichtenden Blick, dass sein Feuer sofort erlosch. Die gesamte Sippe wurde zu Senzasagne: drei Söhne und eine ebenfalls wunderschöne Tochter, die schließlich Nicola Senzasagne, Micheles Vater, zur Welt bringen sollte – ein dicker, plumper Mann mit einem Quadratschädel und rötlichem Haarschopf.
Meine Eltern hatten mir, als ich klein war, streng verboten, mich ihm zu nähern, ihn anzuschauen oder das Wort an ihn zu richten. Ich weiß jedoch, dass Papa immer geschmuggelte Zigaretten bei ihm kaufte, zwischen Piazza del Ferrarese und Corso Vittorio Emanuele.
»Salute, Don Nicola«, begann mein Vater, woraufhin der andere ihm fast unmerklich zunickte und geistesabwesend grüßte, einsilbig und mit einer so heiseren Stimme, dass ihm die Worte kaum über die schmalen Lippen kommen wollten, zwischen denen stets eine Zigarette steckte. Manchmal hatte ich das Gefühl, seinen Blick im Rücken zu spüren. Dann schaute ich mich um, starrte furchtsam die Straße hinunter, weil mir der rothaarige Riese fürchterliche Angst einjagte.
Mein Vater nahm die Zigaretten entgegen, zahlte, was er ihm schuldig war, und verabschiedete sich unterwürfig mit »Auf Wiedersehen, Signore«. Mich widerten solch übertriebene Respektsbekundungen an – noch dazu gegenüber einem Mann, dessen Name nicht mal erwähnt werden durfte. Don, Signore – alles Worte, die man in meiner Familie nur für den Priester oder den Arzt benutzte. Ich folgte Papa, ohne mich auch nur ein einziges Mal nach dem Zigarettenverkäufer umzuschauen. Kaum hatten wir die Seepromenade erreicht, sah ich, dass er zwei-, dreimal auf den Boden spuckte und so tat, als wollte er einen üblen Gestank unter seiner Nase fortwedeln. Das tat er immer, jedes einzelne Mal, bevor er nach einer Zigarette griff und sie sich in aller Ruhe anzündete.
»Hör mir gut zu, Marì, mit dem darfst du nie reden, niemals, verstanden? Weder du noch deine Brüder.«
Doch einmal sprach mich der Schmuggler an.
»He du, Fräulein«, sagte er und wählte seine Worte mit Bedacht. »Du bist deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.«
Sein Blick ruhte fest auf mir, die Augen zu Schlitzen verengt, dass man ihre Farbe kaum erkennen konnte. Ich war starr vor Schreck. Was nun? Ihm antworten? Nicken? Ich drehte mich zu meinem Vater um, der ein falsches, höfliches Lächeln aufgesetzt hatte. Reagierte ich auf die Bemerkung dieses Mannes, würde ich von seiner massigen Gestalt bestimmt wie von einem bösen Riesen zermalmt werden und mich vor den Augen meines hilflosen Vaters in Luft auflösen. Schwieg ich jedoch, hielte mich Don Nicola mit Sicherheit für ein unhöfliches, schlecht erzogenes Mädchen.
»Welcher? Nonna Antonietta oder Nonna Assunta?«, versuchte ich mich aus der Affäre zu ziehen, schloss die Augen und rechnete mit dem Schlimmsten.
»Antonietta natürlich. Der anderen siehst du kein bisschen ähnlich.«
Verschreckt schlug ich die Augen wieder auf, und zu meinem großen Erstaunen trat nichts von dem ein, was ich mir in meiner Angst ausgemalt hatte. Trotzdem ließ mich das Erlebnis verstört zurück, da ich gar nicht das Wort an ihn hatte richten wollen. Deshalb suchte ich unterwegs Streit mit meinem Vater.
»Warum nimmst du mich eigentlich immer zum Zigarettenkaufen mit?«, fragte ich mit bebender Stimme, weil mir zum Weinen zumute war, auch wenn ich es mir verkniff.
Er blieb stehen, beugte sich zu mir, um mir das Haar zu zerzausen, und sagte: »Weil man das Böse kennen muss, Marì, um ihm aus dem Weg gehen zu können.«
Und jetzt war der Sohn des Bösen, gezeugt von dessen giftigem, verderbtem Samen, mein Banknachbar.
Nachdem Caggiano, mein Lehrer, das offenbart hatte, geschahen zwei Dinge. Zum einen, dass niemand in der Klasse, nicht einmal Mimmiù und Pasquale, es mehr wagte, Michele aufzuziehen, denn in der imaginären Hierarchie der Spitznamen übertraf Senzasagne alle bei weitem an Macht und Bosheit. Von nun an war Michele für alle nur noch Michele, Straziota, wenn es sein musste, aber nie mehr »Fettsack« oder »Dickerchen«. Zum anderen noch etwas, das ausschließlich mich betraf und ziemlich schrecklich war: Ich bekam Albträume, in denen Micheles Körper makabre Metamorphosen durchmachte, seine normale Gestalt verlor, um zu etwas Flüssig-Klebrigem, halb Blutrotem, halb Pechschwarzem zu werden und sich dann Stück für Stück, Zelle für Zelle zur furchteinflößenden Gestalt seines Vaters zusammenzusetzen. Ich schrak nachts hoch, schweißgebadet und mit Herzklopfen, und konnte an gar nichts anderes mehr denken, als den Lehrer bei nächster Gelegenheit zu bitten, mir einen neuen Banknachbarn zuzuweisen. Ich schaute mich gründlich um, vergewisserte mich, dass ich wirklich zu Hause war, in dem Zimmer, das einst Giuseppe allein gehört hatte und jetzt auch das von Vincenzo und mir war. Nur dass meine Brüder zusammen in einem Bett schliefen – der eine mit dem Kopf da, wo die Füße des anderen waren.
Giuseppe war kräftig und wie aus Olivenholz geschnitzt. Vom Aussehen her ähnelte er sehr unserem Vater mit seinen schönen glatten, fast weiblichen Zügen und den hellen Augen. Vincenzo dagegen war seit jeher dünn wie ein Hering, lang und knochig, mit hervorstehenden Rippen. Ich weiß noch, wie eklig ich als Kind seine Wirbelsäule fand, wenn sie sich unter den verschwitzten T-Shirts abzeichnete. Auch seine mageren Füße störten mich, bei denen der zweite und dritte Zeh gleich lang waren, beide schmal und sehr dunkel, weil Vincenzo denselben olivfarbenen Teint hatte wie ich. Erst viel später sollte ich begreifen, dass ich mich weniger an seinem Aussehen als an seiner ganzen Person störte, daran, dass er mein Bruder war, ein junger Heranwachsender, der sich für ganz besonders schlau hielt. Für schlauer als ich, ja sogar für schlauer als Giuseppe, der zwei Jahre älter war als er – und manchmal sogar für schlauer als Papa.
Es störte mich, wie er sich morgens nach dem Aufwachen aufsetzte, breitbeinig und mit den Händen in der prallen Unterhose. Ich tat dann so, als schliefe ich noch, dachte mir aber mehr als einmal: Der weiß genau, dass ich wach bin, und berührt sich absichtlich da unten. Ganz so, als wollte er zuallererst mir und dann sämtlichen anderen Frauen verkünden: »Ich bin Vincenzo De Santis, der Sohn von Antonio De Santis, und selbst wenn ich davon träume, ihm eines Tages die Fresse zu polieren, bin ich genauso ein Mann wie er, vergesst das nicht: männlicher als alle anderen.«
Nur in den Nächten, in denen ich wegen meiner Albträume von Michele Straziota mit Herzrasen aufwachte, war ich froh, meine Brüder um mich zu haben. Ihre regelmäßigen Atemzüge beruhigten mich. Ich setzte mich auf und nahm das Kissen in die Hände, ließ ihre schlafenden Gesichter auf mich wirken, die Art, wie sie sich dem Schlaf überließen, die so ganz anders war als meine: Giuseppe lag immer zusammengerollt auf der Seite, den Kopf häufig direkt auf Vincenzos Füße gebettet. Der wiederum schaute stets zur Decke und hatte die Hände manchmal auf dem Bauch verschränkt, so dass er aussah, als läge er in einem Sarg. Es war unheimlich, ihn so lang und dürr daliegen zu sehen. Vincenzo will sogar noch den Tod herausfordern, dachte ich. Er macht sich bereit, und wenn der ihn dann holen kommt, spuckt er dem Sensenmann ins Gesicht und sagt, er solle noch eine Runde drehen, er sei noch nicht so weit.
Dann drehte ich mich um, zur verschrammten Wand, und schlief wieder ein.