Das Buch
Sucher, der Jäger mit dem besonderen Sinn, wird vor seine schwierigste Aufgabe gestellt. Als Teil einer Söldnergruppe soll er einen Jungen aufspüren, der vor drei Jahren spurlos verschwand. Die Fährte führt sie durch Wälder und Städte, zu Gestaltwandlern, Ausgestoßenen und Hexen. Dabei stellen sich ihnen gefährliche Feinde in den Weg. Sucher muss um sein Überleben kämpfen. Und er beginnt sich zu fragen: Wer ist der Junge wirklich? Warum ist er verschwunden? Was ist Wahrheit und was Lüge?
»Man Booker Prize«-Träger Marlon James legt mit »Schwarzer Leopard, roter Wolf« den Auftakt einer Reihe vor, die afrikanische Geschichte und Mythen zu einem gewaltigen Fantasy-Epos verflicht.
Der Autor
Marlon James, geboren 1970 in Kingston auf Jamaika, gilt als einer der bedeutendsten Literaten seiner Generation. Seine Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen geehrt. Unter anderem erhielt James als erster Jamaikaner den Man Booker Prize. Das »Time Magazine« zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten 2019. James lebt heute in Minneapolis, Minnesota.
Lieferbare Titel
Der Kult
Eine kurze Geschichte von sieben Morden
Marlon James
Schwarzer Leopard, roter Wolf
Roman
DARK STAR TEIL 1
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
Titel der englischen Originalausgabe
BLACK LEOPARD, RED WOLF
erschien 2018 bei Riverhead Books, New York
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Copyright © 2018 by Marlon James
Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Lektorat: Oskar Rauch/Herstellung: Udo Brenner
Redaktion: Kristof Kurz
Umschlaggestaltung: Margit Memminger / Nele Schütz Design,
nach dem Originaldesign von Helen Yentus
Umschlagillustration: © Pablo Gerardo Camacho
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-24415-6
V002
www.heyne-hardcore.de
Für Jeff –
wegen Viertelmond und
einer Million anderer Dinge

Inhalt

FIGUREN DER ERZÄHLUNG
1. Ein Hund, eine Katze, ein Wolf und ein Fuchs
2. Malakin
3. Ein Kind mehr als sechs
4. Weiße Wissenschaft und schwarze Mathematik
5. Hier ist ein Oriki
6. Todeswolf

Figuren der Erzählung

In DJuba, Ku, Gangatom
kwash dara, Sohn des Kwash Netu, König des nördlichen Königreichs, auch der Spinnenkönig genannt
sucher, Jäger, den man unter keinem anderen Namen kennt
sein vater
seine mutter
geliebter onkel, ein großer Häuptling der Ku
ku, ein Flussstamm und -gebiet
gangatom, ein Flussstamm und -gebiet, Feinde der Ku
luala luala, ein Flussstamm und -gebiet nördlich der Ku
aboyami, ein Vater
ayodele, sein Sohn
hexer, Geisterbeschwörer der Ku
itaki, eine Flusshexe
kava/asani, Junge vom Stamm der Ku
leopard, gestaltwandelnder Jäger, unter einigen weiteren Namen bekannt
yumbos, Buschfeen und Wächter der Kinder
die sangoma, eine Antihexe
die mingi, als da wären:
Der Giraffenjunge
Das Rauchmädchen
Der Albino
Der Kugeljunge
Die aneinandergewachsenen Zwillinge
asanbosam, monströser Menschenfresser
der häuptling der Gangatom
IN MALAKAL
Der aesi, Kwash Daras Kanzler
bunshi/popele, Flussjengu, Meerjungfrau, Gestaltwandlerin
sogolon, die Mondhexe
sadogo, ein Ogo, große, mächtige Männer, die keine Riesen sind
amadu kasawura, ein Sklavenhändler
bibi, sein Diener
nsaka ne vampi, eine Söldnerin
nyka, ein Söldner
fumeli, der Bogenschütze des Leoparden
belekun der große, ein dicker Ältester
adagagi der weise, ein weiser Ältester
amaki der schlüpfrige, ein Ältester, den niemand kennt
nuya, eine vom Blitzvogel besessene Frau
die bultungi, Rächer
Zogbanu, Trolle aus dem Blutsumpf
Venin, ein Mädchen, das zum Futter für die Zogbanu herangezogen wurde
chipfalambula, ein großer Fisch
gommiden, zuweilen freundliche Waldwesen
ewele, ein bösartiger Gommid
egbere, sein Vetter, bösartig, wenn er Hunger hat
der irre affe, ein geistesgestörter Primat
IN Kongor
basu fumanguru, Ältester des nordischen Königreichs, ermordet
seine frau, ermordet
Seine Söhne, ermordet
die sieben schwingen, Söldner
kafuta, Herr eines Hauses
frau wadada, Besitzerin eines Freudenhauses
ekoiye, eine männliche Dirne, die Zibetmoschus liebt
der büffel, ein sehr kluger Büffel
armee des häuptlings der kongori, örtliche Schutzmänner
mossi von azar, dritter Präfekt der Armee des Häuptlings der Kongori
mazambezi, ein Präfekt
roter Ogo, ein weiterer Ogo
blauer ogo, ein weiterer Ogo
der meister der zerstreuungen, der Herr über die Ogo-Kämpfe
lala, seine Sklavin
die mawana-hexen, Erdmeerjungfrauen, auch als Schlammjengu bekannt
tokoloshe, ein kleiner Kobold, der sich unsichtbar machen kann
IN DOLINGO UND DEM MWERU
alter mann, Herr über eine Hütte und Griot aus dem Süden
die königin von dolingo, dem Titel gemäß
ihr kanzler
dolingonischer sklavenjunge
die weißen wissenschaftler, die finstersten der Geisterbeschwörer und Alchemisten
der böse ibeji, ein missgebildeter Zwilling
jakwu, weißer Wächter König Batutas
ipundulu, vampirischer Blitzvogel
sasabonsam, geflügelter Bruder Asanbosams
adze, Vampir und Insektenschwarm
eloko, Grastroll und Kannibale
lissisolo von akum, Schwester Kwash Daras, Nonne der göttlichen Schwesternschaft
schattenschwingen, Nachtdämonen, die dem Aesi dienen
IN MITU
ikede, ein Griot aus dem Süden
kamangu, ein Sohn
niguli, ein Sohn
kosu, ein Sohn
loembe, ein Sohn
nkanga, ein Sohn
khamseen, eine Tochter
IN DER MALANGIKA UND DEM SÜDLICHEN KÖNIGREICH
eine junge hexe
ein händler
seine frau
sein sohn
kamikwayo, ein zum Monstrum gewordener weißer Wissenschaftler

Ein Hund, eine Katze, ein Wolf und ein Fuchs
EINS
Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.
Ich höre, im Süden gebe es eine Königin, die denjenigen tötet, der ihr schlechte Kunde bringt. Besiegle ich also mein eigenes Todesurteil, wenn ich ihr den Tod des Jungen melde? Die Wahrheit frisst die Lüge, wie das Krokodil den Mond frisst, und doch ist mein Zeugnis heute dasselbe, das es morgen sein wird. Nein, ich habe ihn nicht getötet. Auch wenn ich seinen Tod herbeigewünscht haben mag. Danach gelechzt habe wie ein Vielfraß nach Ziegenfleisch. Ach, den Bogen anzulegen und ihm durch das schwarze Herz zu schießen und zuzusehen, wie schwarzes Blut daraus hervorspritzt, ihm in die Augen zu schauen, bis sie aufhören zu blinzeln, bis sie blicken, ohne zu sehen, auf das Brechen seiner Stimme zu lauschen und zu hören, wie seine Brust sich im Todesröcheln hebt und sagt: Seht, mein elendiger Geist verlässt diesen elendigsten aller Leiber, und diese Botschaft zu belächeln und diesen Verlust zu betanzen. Ja, ich schwelge in der Vorstellung. Aber nein, ich habe ihn nicht getötet.
Bi oju ri enu a pamo.
Nicht alles, was das Auge sieht, sollte der Mund aussprechen.
Diese Zelle ist größer als die vorherige. Ich rieche das getrocknete Blut Hingerichteter; ich höre ihre Geister noch schreien. In deinem Brot sind Rüsselkäfer, und in deinem Wasser ist die Pisse von zehn und zwei Wächtern und der Ziege, die sie zum Zeitvertreib ficken. Soll ich dir eine Geschichte erzählen?
Ich bin nur ein Mann, den manche einen Wolf genannt haben. Das Kind ist tot. Ich weiß, die Alte erzählt dir etwas anderes. Nenn ihn einen Mörder, sagt sie. Auch wenn ich nichts weiter bereue, als sie nicht getötet zu haben. Der Rothaarige sagte, der Kopf des Kindes sei voller Teufel gewesen. Wenn du an Teufel glaubst. Ich glaube an schlechtes Blut. Du siehst aus wie ein Mann, der nie Blut vergossen hat. Und doch klebt Blut zwischen deinen Fingern. Ein Junge, den du beschnitten hast, ein Mädchen, das zu klein war für deinen dicken … Sieh, wie dich das in Erregung versetzt. Sieh dich an.
Ich werde dir eine Geschichte erzählen.
Sie beginnt mit einem Leoparden.
Und einer Hexe.
Großinquisitor.
Fetischpriester.
Nein, du wirst nicht nach den Wächtern rufen.
Mein Mund könnte zu viel sagen, ehe sie ihn mit dem Knüppel schließen.
Betrachte dich. Ein Mann mit zweihundert Kühen, der sich am Hautfetzen eines Jungen ergötzt und an der Koo eines Mädchens, das niemandes Frau sein sollte. Denn das ist es, wonach du suchst, oder nicht? Ein dunkles kleines Ding, das nicht in dreißig Säcken Gold oder zweihundert Kühen oder zweihundert Ehefrauen zu finden ist. Etwas, was du verloren hast – nein, es wurde dir genommen. Dieses Licht, du siehst es, und du willst es – kein Licht von der Sonne oder dem Donnergott im Nachthimmel, sondern ein Licht ohne Makel, Licht in einem Jungen, der noch nie eine Frau hatte, einem Mädchen, das du für die Ehe gekauft hast, nicht weil du eine Frau gebraucht hättest, denn du hast zweihundert Kühe, aber den Leib einer Frau kannst du aufreißen, denn du suchst in Löchern danach, in schwarzen Löchern, nassen Löchern, noch nicht ausgewachsenen Löchern suchst du nach diesem Licht, nach dem Vampire auf der Suche sind, und du wirst es bekommen, du wirst dich für die Zeremonie kleiden, Beschneidung für den Jungen, Vollzug für das Mädchen, und wenn sie Blut vergießen und Spucke und Sperma und Pisse, dann lässt du es alles auf deiner Haut und gehst damit zum Iroko-Baum und gebrauchst jedes Loch, das du finden kannst.
Das Kind ist tot, und alle anderen sind es auch.
Ich lief tagelang, durch Fliegenschwärme im Blutsumpf, durch die Salzebenen, wo die Felsen in die Haut schneiden, Tage und Nächte lang. Ich ging nach Süden bis nach Omororo, ohne es zu merken oder mich daran zu stören. Sie nahmen mich als Bettler fest, hielten mich für einen Dieb, folterten mich als einen Verräter, und als die Kunde von dem toten Kind dein Königreich erreichte, sperrten sie mich als Mörder ein. Wusstest du, dass fünf Männer in meiner Zelle waren? Vor vier Nächten. Das Tuch um meinen Hals gehört dem einzigen Mann, der den Kerker aufrecht gehend verließ. Eines Tages wird er vielleicht sogar wieder auf dem rechten Auge sehen.
Die anderen vier. Merke dir, was ich sage.
Alte Männer sagen, die Nacht sei eine Närrin. Sie verurteilt nicht, aber was immer geschehen mag, sie warnt dich auch nicht. Der Erste kam an mein Bett. Ich erwachte von meinem eigenen Todesröcheln, und es war ein Mann, der mir die Kehle zudrückte. Kleiner als ein Ogo, aber größer als ein Pferd. Er roch, als hätte er eine Ziege geschlachtet. Packte mich am Hals und hob mich in die Luft, ohne dass die anderen einen Laut von sich gegeben hätten. Ich wollte seine Finger öffnen, doch ein Teufel steckte in seinem Griff. Gegen seine Brust zu treten hieß, einen Stein zu treten. Er hielt mich hoch, als betrachtete er ein wertvolles Juwel. Ich stieß ihm das Knie so fest gegen den Kiefer, dass seine Zähne die Zunge durchtrennten. Er ließ mich fallen, und ich ging wie ein Bulle auf seine Eier los. Er stürzte, ich griff mir sein Messer, scharf wie eine Rasierklinge, und schnitt ihm die Kehle durch. Der Zweite versuchte meine Arme zu packen, aber ich war nackt und schlüpfrig. Das Messer – mein Messer –, ich rammte es ihm zwischen die Rippen und hörte sein Herz platzen. Der dritte Mann tanzte mit den Füßen und Fäusten wie eine Nachtmotte, pfiff wie ein Moskito. Eine Faust ballte ich und streckte dann zwei Finger aus, wie Hasenohren. Bohrte sie ihm rasch ins linke Auge und zog es in einem Stück heraus. Er schrie. Ich sah zu, wie er heulend den Boden nach seinem Auge absuchte, und vergaß darüber die anderen beiden. Der Dicke hinter mir holte aus, ich duckte mich, er stolperte, er fiel, ich sprang, ich griff mir den Stein, der mein Kissen war, und schlug auf seinen Kopf ein, bis sein Gesicht nach Fleisch roch.
Der letzte Mann war ein Junge. Er weinte. Er war zu erschüttert, als dass er um sein Leben hätte flehen können. Ich sagte ihm, in seinem nächsten Leben solle er ein Mann werden, denn in diesem sei er weniger als ein Wurm, und rammte ihm das Messer in den Hals. Sein Blut berührte den Boden, ehe seine Knie es taten. Ich ließ den halb blinden Mann am Leben, denn wir brauchen Geschichten zum Leben, nicht wahr, Priester? Inquisitor. Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll.
Aber das waren nicht deine Männer. Gut. Dann musst du ihren Witwen kein Totenlied singen.
Du bist wegen einer Geschichte gekommen, und ich bin in der Stimmung zu erzählen, also sind die Götter uns beiden wohlgesinnt.
In der Purpurnen Stadt gab es einen Händler, der sagte, er habe seine Frau verloren. Sie war mit fünf goldenen Ringen, zehn und zwei Ohrringpaaren, zwanzig und zwei Armreifen und zehn und neun Fußspangen verschwunden. Man sagt, du hättest eine Nase, mit der du finden kannst, was lieber verloren bliebe, sagte er. Ich zählte beinahe zwanzig Jahre und war vor Langem aus dem Hause meines Vaters verbannt worden. Der Mann hielt mich für eine Art Spürhund, aber ich sagte: Ja, es heißt, ich hätte eine Nase. Er warf mir das Unterkleid seiner Frau zu. Die Spur war so schwach, dass sie beinahe verflogen war. Vielleicht hatte sie gewusst, dass man sie eines Tages jagen würde, denn sie hatte in drei Dörfern eine Hütte, und niemand wusste, in welcher sie lebte. In jedem Haus war ein Mädchen, das genau wie sie aussah und sogar auf ihren Namen hörte. Das Mädchen im dritten Haus bat mich herein und wies mich an, mich auf einen Schemel zu setzen. Sie fragte, ob ich durstig sei, und griff nach einem Krug Masukubier, ehe ich antworten konnte. Ich will dich daran erinnern, dass meine Augen nicht außergewöhnlich sind, aber man sagt, ich hätte eine Nase. Als sie mir den Krug Bier brachte, hatte ich daher das Gift bereits gerochen, das sie hineingetan hatte, ein Kobraspucke genanntes Gift, das seinen Geschmack verliert, wenn man es mit Wasser vermengt. Sie reichte mir den Krug, und ich nahm ihn, packte ihre Hand und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Ich hob den Krug an ihre Lippen, zwang ihn zwischen ihre Zähne. Die Tränen liefen an ihr herunter, und ich nahm den Krug fort.
Sie brachte mich zu ihrer Herrin, die in einer Hütte am Fluss lebte. Mein Mann hat mich so sehr geschlagen, dass mein Kind herausgefallen ist, sagte die Herrin. Ich habe fünf Goldringe, zehn und zwei Paar Ohrringe, zwanzig und zwei Armreifen und zehn und neun Fußspangen, die ich dir geben will, und dazu eine Nacht in meinem Bett. Ich nahm vier Fußspangen, und ich brachte sie zurück zu ihrem Mann, weil ich lieber sein Geld wollte als ihren Schmuck. Dann sagte ich ihr, sie solle die Frau aus der dritten Hütte Masukubier für ihn machen lassen.
Die zweite Geschichte.
Als mein Vater eines Abends nach Hause kam, roch er nach einer Fischerin. Er hatte ihren Geruch an sich und das Holz eines Bao-Bretts. Und das Blut eines Mannes, der nicht mein Vater war. Er hatte eine Partie gegen einen Binga, einen Bao-Meister, gespielt und verloren. Der Binga hatte seinen Preis eingefordert, und mein Vater hatte das Bao-Brett genommen und es dem Meister gegen die Stirn geschlagen. Er sagte, er sei in einem weit entfernten Wirtshaus gewesen, um zu zechen, Frauen zu kraulen und Bao zu spielen. Mein Vater schlug auf den Mann ein, bis dieser sich nicht mehr bewegte, und verließ dann die Schänke. Aber er hatte keinen Schweißgeruch an sich, nicht viel Staub, kein Bier in seinem Atem, nichts. Er war nicht in einer Schänke gewesen, sondern in der Höhle eines Opium-Mönchs.
Vater kam also herein und rief mich aus dem Kornschuppen herbei, in dem ich lebte, denn zu dieser Zeit hatte er mich schon aus dem Haus verbannt.
»Komm, mein Sohn. Setz dich, und spiele Bao mit mir«, sagte er.
Das Brett lag auf dem Boden, viele Kugeln fehlten. Zu viele, um richtig spielen zu können. Doch mein Vater wollte gewinnen, nicht spielen.
Gewiss kennst du Bao, Priester; wenn nicht, muss ich es dir erklären. Vier Reihen mit acht Löchern auf dem Brett, jeder Spieler bekommt zwei Reihen. Dreißig und zwei Samenkapseln für jeden Spieler, aber wir hatten weniger, ich weiß nicht mehr, wie viele. Jeder Spieler legt sechs Samen in das Nyumba genannte Loch, aber mein Vater legte acht hinein. Vater, hätte ich sagen können, spielst du das Spiel nach südlicher Art, mit acht statt sechsen?, aber mein Vater spricht nicht, wenn er schlagen kann, und er hat mich schon für weniger geschlagen. Immer wenn ich einen Samen legte, sagte er: Erobere meine Samen, und nimm sie dir. Aber er hungerte nach einem Getränk und verlangte nach Palmwein. Meine Mutter brachte ihm Wasser, und er zog sie an den Haaren, schlug ihr zweimal ins Gesicht und sagte: Bis Sonnenuntergang wird deine Haut die Male vergessen haben. Meine Mutter tat ihm nicht den Gefallen zu weinen, sondern ging und kehrte mit Wein zurück. Ich schnupperte nach Gift, und ich wäre nicht eingeschritten. Aber während er meine Mutter schlug, weil sie durch Hexerei entweder machte, dass sie langsamer älter wurde oder er schneller, versäumte er das Spiel. Ich säte meine Samen, zwei in ein Loch ganz am Ende des Brettes, und eroberte seine Samen. Das gefiel meinem Vater nicht.
»Du hast die Mtaji-Runde eingeleitet«, sagte er.
»Nein, wir fangen doch gerade erst an«, sagte ich.
»Du wagst es, so respektlos mit mir zu sprechen? Nenn mich Vater, wenn du mit mir sprichst«, sagte er.
Ich sagte nichts und blockierte ihn mit dem nächsten Spielzug.
Er hatte keine Samen mehr in der inneren Reihe und konnte nicht setzen.
»Du hast betrogen«, sagte er. »Du hast mehr als dreißig und zwei Samen auf dem Brett.«
Ich sagte: »Entweder der Wein hat dich blind gemacht, oder du kannst nicht zählen. Du hast Samen gesät, und ich habe sie erobert. Ich habe entlang meiner ganzen Reihe gesät und eine Mauer gebaut, die du ohne Samen nicht durchbrechen kannst.«
Er schlug mir auf den Mund, ehe ich noch ein Wort sagen konnte. Ich fiel von dem Schemel, und er packte das Bao-Brett, um mich damit zu schlagen, wie er den Binga geschlagen hatte. Doch mein Vater war betrunken und langsam, und ich hatte zugesehen, wie sich die Ngulu-Meister am Fluss in ihrer Kampfkunst übten. Er schwang das Brett, und Samen flogen in die Luft. Ich machte drei rückwärtige Überschläge, wie ich es bei ihnen beobachtet hatte, und duckte mich wie ein lauernder Gepard. Er blickte sich suchend um, als wäre ich verschwunden.
»Komm raus, du Feigling. Feige wie deine Mutter«, sagte er. »Darum macht es mir so viel Spaß, sie zu schänden. Erst werde ich dich schlagen, dann werde ich sie dafür schlagen, dass sie dich aufgezogen hat, und dann werde ich ein Mal hinterlassen, damit ihr beide daran denkt, dass sie einen Jungen aufgezogen hat, der Männern als Mätresse dient«, sagte er.
Die Wut ist eine Wolke, die meinen Geist leer und mein Herz schwarz zurücklässt. Ich sprang und trat dabei in die Luft, mit jedem Mal höher.
»Jetzt hüpft er herum wie ein Tier«, sagte er.
Er stürzte sich auf mich, aber ich war kein Junge mehr. In dem kleinen Haus machte ich einen Satz auf ihn zu, warf mich auf den Boden und stützte mich mit den Händen ab, machte sie zu Füßen und bäumte mich auf, ließ meinen ganzen Körper kreisen wie ein Rad, die Beine in der Luft, wirbelte auf ihn zu, umklammerte seinen Hals mit beiden Füßen und warf ihn zu Boden. Sein Kopf schlug so laut auf dem Boden auf, dass meine Mutter es draußen krachen hörte. Sie kam hereingelaufen und schrie.
»Geh weg von ihm, Kind. Du hast uns beide ruiniert.«
Ich sah sie an und spie aus. Dann ging ich.
Diese Geschichte hat zwei Enden. Bei dem ersten umklammerten meine Beine sein Genick und brachen es, als ich ihn zu Boden warf. Er starb auf der Stelle, und meine Mutter gab mir fünf Kaurischnecken und in Palmblätter gewickeltes Sorghum und schickte mich fort. Ich sagte ihr, ich würde nichts mitnehmen, was ihm gehört hatte, nicht einmal Kleider.
Beim zweiten Ende breche ich ihm nicht das Genick, aber er landet trotzdem auf dem Kopf, der birst und blutet. Er wacht als Schwachsinniger auf. Meine Mutter gibt mir fünf Kauris und ein Bananenblatt voller Sorghum und sagt: Geh fort von hier, deine Onkel sind alle noch schlimmer als er.
Mein Name gehörte meinem Vater, also ließ ich ihn an seinem Tor zurück. Er pflegte hübsche Gewänder zu tragen, Seide aus Ländern, die er nie gesehen hatte, Sandalen von Männern, die ihm Geld schuldeten, alles, was ihn vergessen machte, dass er bei einem Stamm im Flusstal aufgewachsen war. Ich verließ das Haus meines Vaters und wollte nichts, was mich an ihn erinnerte. Die alten Bräuche riefen nach mir, ehe ich überhaupt aufgebrochen war, und ich wollte jedes einzelne Kleidungsstück ablegen. Wie ein Mann riechen, übel, stinkend, nicht nach dem Duft von Stadtfrauen und Eunuchen. Die Menschen würden mich mit jener Verachtung ansehen, die sie für die Sumpfleute übrighatten. Ich würde die Stadt oder die Schlafkammer mit dem Kopf voran betreten wie ein wertvolles, gejagtes Tier. Der Löwe braucht kein Gewand und die Kobra auch nicht. Ich würde nach Ku gehen, woher mein Vater stammte, auch wenn ich den Weg nicht wusste.
Ich heiße Sucher. Ich hatte einst einen Namen, aber ich habe ihn längst vergessen.
Die dritte Geschichte.
Die Königin eines Königreichs im Westen sagte, sie würde mich großzügig entlohnen, wenn ich ihren König fand. Ihr Hof glaubte, sie habe den Verstand verloren, denn der König war tot, vor nunmehr fünf Jahren ertrunken, aber es machte mir nichts aus, nach den Toten zu suchen. Ich nahm ihre Anzahlung und ging dorthin, wo die Ertrunkenen leben.
Ich lief, bis ich zu einer alten Frau kam, die mit einem langen Stock am Flussufer saß. Die Haare weiß an den Schläfen, die Oberseite des Kopfes kahl. Furchen zogen sich durch ihr Gesicht wie Pfade durch den Wald, und ihre gelben Zähne verrieten, dass ihr Atem faul war. In den Geschichten heißt es, sie würde jeden Morgen jung und schön erwachen, bis zum Mittag zu voller Blüte und Anmut reifen, bis Sonnenuntergang zum alten Weib werden und um Mitternacht sterben, um innerhalb der nächsten Stunde aufs Neue geboren zu werden. Der Buckel auf ihrem Rücken überragte ihren Kopf, doch ihre Augen blitzten, also war ihr Verstand scharf. Fische schwammen bis an die Spitze ihres Stockes heran, aber nicht darüber hinaus.
»Weshalb bist du hierhergekommen?«, fragte sie.
»Dieser Weg führt nach Monono«, sagte ich.
»Weshalb bist du hierhergekommen? Ein Lebender?«
»Das Leben ist Liebe, und ich habe keine Liebe mehr übrig. Die Liebe ist aus mir gesickert und in einen Fluss wie diesen geflossen.«
»Du hast nicht Liebe verloren, sondern Blut. Ich werde dich passieren lassen. Aber wenn ich das Lager mit einem Mann teile, lebe ich siebzig Monde, ohne zu sterben.«
Also fickte ich das alte Weib. Sie legte sich am Ufer auf den Rücken, die Füße im Fluss. Sie war nichts als Leder und Knochen, aber sie hatte mich hart gemacht, und ich war von Kraft erfüllt. Zwischen meinen Beinen schwamm etwas, was sich wie Fische anfühlte. Ihre Hand berührte meine Brust, und die weißen Lehmstreifen darauf wurden um mein Herz herum zu Wellen. Verdrossen über ihr Schweigen, stieß ich wieder und wieder in sie hinein. In der Dunkelheit spürte ich, wie sie jünger wurde, obwohl sie älter wurde. Flammen breiteten sich in mir aus, schossen in die Spitzen meiner Finger und in meine Spitze in ihr. Luft sammelte sich um Wasser, Wasser sammelte sich um Luft, und ich schrie und zog mich aus ihr zurück und ließ es auf ihren Bauch, ihre Arme und ihre Brüste regnen. Ein fünffacher Schauder durchlief mich. Sie war noch immer ein altes Weib, aber ich war nicht wütend. Sie sammelte meinen Regen von ihrer Brust und schleuderte ihn in den Fluss. Sogleich sprangen Fische aus dem Wasser, tauchten wieder ein, sprangen wieder heraus. Es war eine Nacht, in der die Dunkelheit den Mond fraß, aber die Fische trugen ein Licht in sich. Die Fische hatten den Kopf, die Arme und Brüste von Frauen.
»Folge ihnen«, sagte sie.
Ich folgte ihnen durch Tag und Nacht und wieder Tag. Mal reichte mir der Fluss nur bis zu den Knöcheln. Mal reichte mir der Fluss bis zum Hals. Das Wasser wusch alles Weiß von meinem Körper, ließ nur mein Gesicht unberührt. Die Fischfrauen, die Frauenfische führten mich Tag für Tag für Tag den Fluss hinunter, bis wir an einen Ort kamen, den ich nicht beschreiben kann. Es war entweder eine Wand aus einem Fluss, der aufrecht stand, obwohl ich meine Hand hindurchstecken konnte, oder der Fluss hatte sich aufwärtsgebeugt, und ich konnte weiterlaufen, die Füße auf dem Boden, der Körper aufrecht, ohne umzufallen.
Manchmal muss man durch etwas hindurch, um vorwärtszukommen. Also ging ich hindurch. Ich hatte keine Angst.
Ich kann dir nicht sagen, ob ich aufhörte zu atmen oder ob ich unter Wasser atmete. Aber ich lief weiter. Flussfische umgaben mich, als wollten sie mich fragen, was ich hier zu suchen hatte. Ich lief weiter. Das Wasser um mich herum ließ meine Haare wehen, spülte unter meinen Armen hindurch. Dann erreichte ich etwas, was ich noch in keinem der Königreiche je gesehen hatte. Eine Burg aus Stein auf einer freien Grasfläche, zwei, drei, vier, fünf, sechs Stockwerke hoch. An jeder Ecke ein Turm mit einem Kuppeldach, ebenfalls aus Stein. In jedem Stockwerk waren Fenster in den Stein gehauen und unter den Fenstern je ein Stück Boden mit goldenen Geländern, Terrasse genannt. Und aus dem Gebäude ragte ein Korridor, der es mit einem anderen Gebäude verband, und ein weiterer Korridor, der es mit einem weiteren Gebäude verband, sodass dort vier miteinander verbundene Burgen in einem Viereck standen.
Keine der Burgen war so groß wie die erste, und die letzte war eine Ruine. Ich weiß nicht, wann das Wasser verschwand und Stein, Gras und Himmel zurückließ. Bäume standen in einer geraden Reihe, so weit ich sehen konnte, rechteckige Gärten und kreisrunde Blumenbeete. Nicht einmal die Götter hatten einen Garten wie diesen. Es war nach der Mittagsstunde, und das Königreich war verlassen. Am Abend, der rasch kam, hob und senkte sich die Brise, und Winde zogen rau an mir vorbei wie dicke Männer in Hast. Bei Sonnenuntergang zeigten sich Männer, Frauen und Tiere, erschienen in den Schatten, verschwanden in den letzten Sonnenstrahlen, erschienen aufs Neue. Ich setzte mich auf die Stufen der größten Burg und sah zu, wie die Sonne das Dunkel floh. Männer, die neben Frauen gingen, Kinder, die wie Männer aussahen, und Frauen, die wie Kinder aussahen. Und Männer, die blau waren, und Frauen, die grün waren, und Kinder, die gelb waren, mit roten Augen und Kiemen am Hals. Und Wesen mit Grashaaren und Pferde mit sechs Beinen und Horden von Adabas mit den Beinen eines Zebras, dem Rücken eines Esels und dem Horn eines Nashorns auf der Stirn, die neben weiteren Kindern einherrannten.
Ein gelbes Kind kam zu mir und sagte: »Wie bist du hierhergekommen?«
»Ich kam durch den Fluss.«
»Und die Itaki hat dich hindurchgelassen?«
»Ich weiß nichts von einer Itaki, nur von einer alten Frau, die nach Moos roch.«
Das gelbe Kind wurde rot, und seine Augen wurden weiß. Seine Eltern kamen es holen. Ich stand auf und stieg die Stufen sechs Meter hoch zur Burg hinauf, wo weitere Männer, Frauen, Kinder und Tiere lachten, redeten, plauderten und schwatzten. Am Ende des Korridors hingen Bronzetafeln an der Wand, auf denen Kriege und Krieger dargestellt waren. Auf einem der Bilder erkannte ich die Schlacht des Binnenlands, in der viertausend Mann gefallen waren, auf einem anderen die Schlacht des halb blinden Prinzen, der seine gesamte Armee über eine Klippe geführt hatte, die er für einen Berg hielt. Am Fuße der Wand stand ein bronzener Thron, der den darauf sitzenden Mann klein wie einen Säugling erscheinen ließ.
»Das sind nicht die Augen eines gottesfürchtigen Mannes«, sagte er. Ich wusste, es war der König, denn wer hätte es sonst sein sollen?
»Ich bin gekommen, um Euch zu den Lebenden zurückzuholen«, sagte ich.
»Selbst das Land der Toten hat von dir gehört, Sucher. Aber du hast deine Zeit vergeudet und dein Leben vergebens riskiert. Ich wüsste keinen Grund zurückzukehren, weder für mich noch für dich.«
»Ich habe für nichts einen Grund. Ich finde, was die Menschen verloren haben, und die Königin hat Euch verloren.«
Der König lachte.
»Da bist du die einzige lebendige Seele hier in Monono, und doch ist keiner an diesem Hofe so tot wie du«, sagte er.
Inquisitor, ich wünschte, die Menschen würden begreifen, dass ich keine Zeit für solche Auseinandersetzungen habe. Ich kämpfe für nichts und werde nie für etwas kämpfen, also vergeude meine Zeit nicht mit Worten. Erhebe die Faust, und ich breche sie. Erhebe die Zunge, und ich schneide sie dir aus dem Mund.
Der König hatte keine Wachen im Thronsaal, also ging ich auf ihn zu und beobachtete, wie die Menge mich beobachtete. Er war weder aufgeregt noch ängstlich, sondern hatte diese Leere im Gesicht, die sagte: Dies ist, was dir geschehen muss. Vier Stufen führten zu der Plattform hinauf, auf der sein Thron stand. Zwei Löwen zu seinen Füßen, so reglos, dass ich nicht wusste, ob sie Fleisch oder Geist oder Stein waren. Er hatte ein rundes Gesicht mit einem unter dem Kinn hervorlugenden Kinn, großen schwarzen Augen, einer platten Nase mit zwei Ringen darin und einem schmalen Mund, als hätte er östliches Blut in sich. Er trug eine goldene Krone über einem weißen Tuch, das sein Haar bedeckte, einen weißen Mantel mit silbernen Vögeln darauf und einen purpurnen, ebenfalls mit Gold besetzten Latz über dem Mantel. Ich hätte ihn mit einem Finger hochheben können.
Ich trat bis an seinen Thron heran. Die Löwen rührten sich nicht. Ich berührte die zu einer erhobenen Löwenpfote geformte Messinglehne, und Donner grollte über mir, schwer, langsam, ein schwarzer Klang, der den Wind faulig riechen machte. Oben an der Decke: nichts. Ich schaute noch nach oben, als der König einen Dolch so fest in meine Hand stieß, dass er sich in die Armlehne bohrte und stecken blieb.
Ich schrie; er lachte und lehnte sich in seinen Thron zurück.
»Hast du geglaubt, dass die Unterwelt ihr Versprechen einlöst, das Land ohne Schmerz und Leid zu sein? Dieses Versprechen gilt nur den Toten«, sagte er.
Niemand stimmte in sein Lachen ein, doch alle sahen zu.
Er betrachtete mich mit einem argwöhnischen Blick und strich sich über das Kinn, als ich den Dolch griff und herauszog, was mich zum Schreien brachte. Der König sprang auf, als ich nach ihm griff, aber ich bekam einen Zipfel seines Mantels zu fassen und riss ihn ab. Er lachte, als ich meine Hand damit umwickelte. Ich schlug ihm mitten ins Gesicht, und da erst wurde die Menge unruhig. Ich hörte todbringende Schritte auf mich zukommen und wandte mich um. Die Menge hielt inne. Nein, etwas hielt sie zurück. Nichts lag auf ihren Gesichtern, weder Wut noch Angst. Und dann machte die Menge einen Satz zurück wie ein einziger Mann und blickte an mir vorbei auf den König, der mit der blutigen Löwenpfote in der Hand dastand. Der König warf die Pfote in die Luft, zur Decke hinauf, und die Menge schrie verwundert auf. Die Pfote kam nicht wieder herunter. In den hinteren Reihen liefen einige davon. Manche in der Menge riefen etwas, manche schrien. Mann überrannte Frau überrannte Kind. Der König lachte immer weiter. Dann ein Knarzen, dann ein Reißen, dann ein Brechen, als rissen die Götter des Himmels das Dach auf. Omoluzu, sagte irgendwer.
Omoluzu. Dachläufer, nächtliche Dämonen aus einer Zeit vor dieser Zeit.
»Sie haben dein Blut geschmeckt, Sucher. Omoluzu werden dir auf ewig folgen.«
Ich packte seine Hand und schnitt hinein. Er heulte wie ein Flussmädchen, während die Decke in Bewegung geriet und es klang, als würde sie bersten und brechen und zischen, doch sie blieb an ihrem Platz. Ich hielt seine Hand über meine eigene und fing sein Blut auf, während er um sich schlug und drosch wie ein kleiner Junge und sich loszureißen versuchte. Die erste Gestalt löste sich von der Decke, als ich das Blut des Königs in die Luft warf.
»Jetzt sind unsere Schicksale verbunden«, sagte ich.
Sein Lächeln verschwand, seine Kinnlade fiel hinunter, und seine Augen traten aus den Höhlen. Ich zerrte ihn die Stufen hinab, während die Decke grollte und krachte. Männer mit schwarzem Körper, schwarzem Gesicht, Schwärze, wo die Augen hätten sein sollen, stemmten sich aus der Decke, als würden sie aus Löchern klettern. Und als sie sich erhoben, standen sie auf der Decke wie wir auf dem Boden. Klingen aus Licht gingen von den Omoluzu aus, scharf wie Schwerter und rauchend wie brennende Kohlen. Der König lief schreiend davon und ließ sein Schwert liegen.
Sie griffen an. Im Weglaufen hörte ich sie von der Decke springen. Einer hüpfte hoch, landete aber nicht auf dem Boden, sondern wieder an der Decke, so als wäre ich derjenige, der auf dem Kopf stünde. Ich flüchtete in Richtung des Vorhofs, aber zwei von ihnen waren schneller als ich. Sie hüpften herunter und schwangen Schwerter. Mein Speer parierte beide Schläge, doch die Wucht dahinter warf mich um. Einer griff mich mit Schwertkunst an. Ich duckte mich nach links weg, wich seiner Klinge aus und stieß ihm meinen Speer in die Brust. Der Speer drang langsam ein, als bohrte er sich in Teer. Er sprang zur Seite und nahm meinen Speer mit sich. Ich griff nach dem Schwert des Königs. Von hinten umklammerten zwei meine Knöchel und rissen mich an die Decke, wo Schwärze strudelte wie das nächtliche Meer. Ich zog das Schwert durch das Schwarz, schnitt ihre Glieder ab und landete auf dem Boden wie eine Katze. Ein weiterer versuchte, meine Hand zu greifen, aber ich packte ihn und zog ihn auf den Boden, wo er sich auflöste wie Rauch. Einer griff mich von der Seite an, und ich duckte mich, aber seine Klinge traf mein Ohr, und es brannte. Ich wandte mich um und hieb mit meinem Schwert auf das seine ein, und Funken stoben im Dunkel auf. Er wankte. Meine Hände und Füße bewegten sich wie die eines Ngolo-Meisters. Ich kugelte und überschlug mich, von den Händen auf die Füße auf die Hände, bis ich meinen Speer bei den äußeren Kammern fand. Viele Fackeln brannten dort. Ich lief zu der ersten und tauchte meinen Speer in das Öl und die Flamme. Zwei Omoluzu waren direkt über mir. Ich hörte sie ihre Klingen zücken, um mich entzweizuschlagen. Aber ich sprang mit dem brennenden Speer vorwärts und lief mitten durch sie hindurch. Beide gingen in Flammen auf, die auf die Decke übergriffen. Die Omoluzu stoben auseinander.
Ich lief durch die äußere Kammer, den Gang hinunter und aus der Tür. Draußen schien der Mond bleich, wie Licht, das durch milchiges Glas fällt. Der dicke kleine König versuchte nicht davonzulaufen.
»Die Omoluzu erscheinen, wo es ein Dach gibt. Am offenen Himmel finden sie keinen Halt«, sagte er.
»Eure Frau wird diese Geschichte lieben.«
»Was weißt du schon von Liebe, die irgendwer für irgendwen empfindet?«
»Wir gehen.«
Ich zog ihn hinter mir her, aber wir kamen an einen weiteren Gang, der etwa fünfzig Schritte lang war. Nach fünf Schritten begann die Decke aufzureißen. Nach zehn Schritten liefen sie so schnell über die Decke, wie wir auf dem Boden liefen, und der dicke kleine König fiel allmählich zurück. Zehn und fünf Schritte, und ich duckte mich unter einem Schwerthieb weg, der meinen Kopf verfehlte und die Krone des Königs streifte. Nach zehn und fünf zählte ich nicht weiter. Auf halbem Wege durch den Gang griff ich mir eine Fackel und warf sie an die Decke. Einer der Omoluzu ging in Flammen auf und fiel herab, löste sich aber in Rauch auf, ehe er den Boden erreichte. Wir rannten wieder ins Freie. In der Ferne lag das Tor, mit einer steinernen Wölbung, die zu schmal war, als dass Omoluzu darauf hätten erscheinen können. Doch als wir darunter hindurchliefen, kamen zwei aus der Decke gesprungen, und einer schlitzte mir den Rücken auf. Nachdem wir zum Fluss gerannt waren und die Wand aus Wasser durchschritten hatten, waren beide Wunden verschwunden, ebenso wie die Erinnerung daran, wo sie gewesen waren. Ich suchte danach, doch meine Haut trug keine Spuren.
Wisse: Die Reise zu seinem Königreich war viel länger als die Reise zu seinem Totenland. Tage vergingen, ehe wir die Itaki am Flussufer erreichten, doch sie war keine alte Frau, bloß ein kleines Mädchen, das durch das Wasser hüpfte und mich durchtrieben ansah wie eine viermal so alte Frau. Als die Königin mit ihrem König zusammentraf, zankte und fluchte sie und schlug so fest auf ihn ein, dass ich wusste, es würde nur wenige Tage dauern, bis er sich wieder ertränkte.
Ich weiß, was dir gerade durch den Kopf gegangen ist. Und alle Geschichten sind wahr.
Über uns ist ein Dach.