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Der Roman

Carina Kramer ist dreifache Mutter, als sie mit Ende dreißig Witwe wird. Sie sucht Trost im Glauben und begegnet Pater Raphael von Ahrenberg, der seit über zwanzig Jahren im benachbarten Kloster lebt. Der geweihte Priester hat sich mit Leib und Seele dem Zölibat verpflichtet. Doch Carina bringt alles ins Wanken. Sie ist stark, bodenständig, zugleich zärtlich und einfühlsam. Die gemeinsame Liebe ist geprägt von heimlichen Treffen, gefolgt von umso schmerzhafteren Trennungen. Denn die Kirche lässt Raphael nicht ziehen. Von einem klärenden Gespräch mit dem Bischof kehrt er nicht zurück. Carina steht vergebens am Bahnhof. Und es kommt noch schlimmer: Sie ist schwanger. Werden ihre Widersacher trennen, was Gott zusammengeführt hat?

Lebendig und voller Empathie zeichnet Bestsellerautorin Hera Lind das Porträt einer bedingungslosen Liebe.

Die Autorin

Hera Lind studierte Germanistik, Musik und Theologie und war Sängerin, bevor sie mit ihren zahlreichen Romanen sensationellen Erfolg hatte. Mit den Tatsachenromanen wie »Hinter den Türen«, »Die Frau, die frei sein wollte« und »Über alle Grenzen« eroberte sie erneut die SPIEGEL-Bestsellerliste und machte dieses Genre zu ihrem Markenzeichen. Hera Lind lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

HERA

LIND

Vergib uns

unsere Schuld

Roman nach einer wahren Geschichte

Vorbemerkung

Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch. Es basiert zwar zum Teil auf wahren Begebenheiten und behandelt typisierte Personen, die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte. Diese Urbilder wurden jedoch durch künstlerische Gestaltung des Stoffs und dessen Ein- und Unterordnung in den Gesamtorganismus dieses Kunstwerks gegenüber den im Text beschriebenen Abbildern so stark verselbstständigt, dass das Individuelle, Persönlich-Intime zugunsten des Allgemeinen, Zeichenhaften der Figuren objektiviert ist.

Für alle Leser erkennbar erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern besitzt eine weite Ebene hinter der realistischen Ebene. Es findet ein Spiel der Autorin mit der Verschränkung von Wahrheit und Fiktion statt. Sie lässt bewusst Grenzen verschwimmen.

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Originalausgabe 12/2019

Copyright © 2019 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotive: © GettyImages/Julian Elliott,

robertharding, d3sign; Shutterstock/A StockStudio,

Media Whalestock, lunamarina,

Ruzanna Baghdasaryan, ARTEM VOROPAI

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

Zitat [siehe hier] mit freundlicher Genehmigung aus Erich Fried:

Es ist was es ist. Liebesgedichte Angstgedichte Zorngedichte

© 1983, 1996 Verlag Klaus Wagenbach Berlin

e-ISBN 978-3-641-24504-7
V001

www.diana-verlag.de

1

Eine ostdeutsche Kleinstadt,

nennen wir sie Thalheim, März 1981

»Nebenan war wohl jemand nicht so beliebt. Das sind ja nur Plastikblumen.« Mit einem Seitenblick auf das Grab rechts von uns bückte sich meine Schwiegermutter und schob einen der prächtigen Kränze in die Mitte der überbordenden Blumenpracht auf dem Grab meines Mannes. Hundert dunkelrote Rosen sprengten den Rahmen dessen, was bei einer Beerdigung hier in der DDR so üblich war. Sorgfältig drapierte Christa die weißen Bänder mit goldener Schrift über dem frisch aufgeschütteten Grabhügel ihres Sohnes. Andächtig las sie vor:

»Ein letzter Gruß zum Abschied.

Deine Frau Carina und die Kinder

Maximilian, Sabine und Tommi«

Obwohl wir ihren Sohn gerade erst beerdigt hatten, lag auch ein Hauch von Stolz in ihrer Stimme.

»Bei Manfred hieß es eben ›Nicht kleckern, sondern klotzen‹.« Sie blinzelte eine Träne weg.

Ich sah den letzten Beerdigungsgästen nach, die den Friedhof verließen. Es waren Hunderte gewesen: Parteigenossen, Freunde, Nachbarn, Ärzte, Krankenschwestern – alle, die ihm während seiner schweren Krankheit beigestanden hatten.

»Es ist schön, dass du es einrichten konntest, Christa.« Liebevoll sah ich meine Schwiegermutter an, die es sich nicht hatte nehmen lassen, für die Beerdigung ihres älteren Sohnes aus dem Westen anzureisen. »Wie schade, dass Georg nicht mitkommen konnte.« Georg war Manfreds jüngerer Bruder, den ich noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich würde ich ihn auch nie kennenlernen, schließlich stand die Mauer zwischen uns.

Christa seufzte. »Er hat keine Einreisegenehmigung bekommen. Du weißt ja, er arbeitet bei einem namhaften Autohersteller der BRD

»Ich weiß. Bei Volkswagen in Wolfsburg. Von so etwas können wir hier nur träumen.«

Schweigend standen wir eine Weile am Grab, Schulter an Schulter.

»Wie kommst du jetzt klar, Carina?« Christa wischte sich die Augenwinkel. »Und wie wird es mit den Kindern weitergehen?«

»Wir werden es schon irgendwie schaffen.« Neben aller Trauer und Beklommenheit machte sich auch Erleichterung in mir breit. »Die letzten zwei Jahre seiner Krankheit waren die schwersten meines Lebens.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Christa sah mich mit rot geweinten Augen an. »Du warst immer so ein fröhlicher Mensch, aber nach diesem schweren Schicksalsschlag … Dabei bist du erst sechsunddreißig!« Sie drückte mir den Arm und lächelte unter Tränen. »Danke für alles, was du für meinen Sohn getan hast!«

»Das war doch selbstverständlich!« Noch einmal warfen wir einen Blick auf sein Grab, das so auffallend prächtig war, dass das daneben tatsächlich fast schmucklos wirkte.

Ich straffte die Schultern und atmete tief durch. »Leb wohl, Manfred.«

Manfred war Parteimitglied gewesen. In der Firma, in der ich als Sachbearbeiterin beschäftigt war, war er mein Chef gewesen, anfangs noch mein heimlicher Geliebter, dann mein rechtmäßiger Ehemann und sechzehn Jahre älter als ich. Das war zunächst unfassbar aufregend, andererseits hatte er mich im Laufe unserer achtzehnjährigen Ehe immer nur wie ein kleines Mädchen behandelt. Er war der Vorgesetzte, ich seine Untergebene und später die Kinder seine Befehlsempfänger. Die Krankheit hatte ihn hart und unerbittlich gemacht – und die Kinder und mich mürbe. Schließlich: ein Herzinfarkt und zwei Schlaganfälle mit bleibenden Folgen. Meine Familie hatte diese Ehe nie befürwortet, meine Eltern waren noch nicht mal zu unserer Hochzeit gekommen. Ich seufzte laut.

Es war vorbei. Von nun an würde ich mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.

Langsam verließen Christa und ich den Friedhof. Mit meinem Trabi fuhren wir zu unserer alten Villa am Rande der Kleinstadt, wo die Trauergäste bereits mit den Kindern warteten.

»Es war wirklich eine schöne Trauerfeier. Am meisten hat mich beeindruckt, dass alle Blumen und Kränze echt waren.« Während wir über das Kopfsteinpflaster knatterten, klammerte sich Christa krampfhaft an die Halteschlaufe. Sie schien Angst zu haben, dass der Trabi gleich auseinanderfiel.

Fast musste ich lachen. »Was hast du denn gedacht? Dass sie aus Plaste seien?«

»Na ja, in der DDR ist ja wirklich manches eher schäbig …« Mit einem Blick auf die schmucklosen Häuser fiel sie in verlegenes Schweigen.

»Wir haben immer gut gelebt«, verteidigte ich mich. »Aufgrund von Manfreds politischer Position hat es uns an nichts gefehlt. Er hat sich hier wohlgefühlt, und ich hatte immer so eine positive Einstellung zum Leben, dass mich selbst Plastikblumen nicht unglücklich gemacht hätten!«

Christa schien sich ihrer Vorurteile zu schämen. Schnell wechselte sie das Thema.

»Der Gefangenenchor aus Nabucco, das war sehr … würdevoll.« Sie räusperte sich. »Verdi vom Tonband abzuspielen … War das deine Idee?«

»Ich fand es angemessen. Bei den vielen Menschen in der Trauerhalle.« Ich lächelte schwach. »Du nicht?«

Christa suchte zögernd nach Worten.

»Na ja, ich hätte etwas Christliches erwartet, aber das wäre wohl nicht so passend gewesen?« Mit der freien Hand presste sie die Handtasche an sich. »Andererseits …« Ihre Stimme schwankte. »Manfred war mal so ein frommer Junge! Wir waren ja alle sehr katholisch in Oberschlesien. Ich sehe ihn noch vor mir, an seiner ersten Heiligen Kommunion. Und kurz nach dem Krieg, als wir nach Niedersachsen geflüchtet waren … Ach, das war nicht leicht, die beiden Jungs ohne Vater aufzuziehen.« Sie ließ den Taschenbügel aufschnappen und suchte nach einem Taschentuch. »Mein Mann ist ja im Krieg gefallen, ich war noch früher Witwe als du, und mir hat der Glaube immer Trost und Kraft gegeben. Auch Manfred und Georg fanden Halt in der Kirche. Sie waren Messdiener, bekamen so Struktur und Ordnung und klare Moralvorstellungen nahegebracht.«

Wir hielten vor einer roten Ampel. Ich sah sie von der Seite an und legte die Hand auf ihre.

»Ich weiß, Christa. Aber mit seinem Umzug in die damals neu gegründete DDR hat sich das ja für Manfred erledigt.«

Manfred war von Niedersachsen, wo Christa bereits eine Ausbildungsstelle bei der Polizei für ihn besorgt hatte, spontan mit einem Freund in die gerade neu gegründete DDR gefahren, um dort beim Aufbau zu helfen. Die beiden jungen Männer wurden begeisterte Kommunisten und kehrten nicht mehr in den Westen zurück.

In Thalheim bekam der engagierte Manfred die Möglichkeit, eine Ausbildung im Hochofenbetrieb zu machen und später zu studieren, schon bald arbeitete er als Ingenieur im Hüttenkombinat, trat in die SED ein und konnte so eine Bilderbuchkarriere beginnen. Wie sehr Christa und der kleine Georg, der damals erst zehn war, darunter litten, nun auch noch ihn verloren zu haben, war ihm nicht bewusst. Er hatte den Krieg und die Nachkriegszeit hautnah erlebt und war ganz beseelt von dem Gedanken, einen neuen sozialistischen Staat mitzugestalten. Religion? Fehlanzeige.

»Heute ist in der DDR wirklich kaum noch jemand katholisch«, erklärte ich meiner Schwiegermutter.

»Und du, Mädchen?« Christa drückte meine Hand. »In dieser Trauerphase könnte dir der Glaube doch helfen!«

»Ach Christa.« Ich legte den ersten Gang ein und atmete tief durch. »Das war für uns lange kein Thema.« Feiner Nieselregen hatte eingesetzt, und der Scheibenwischer quietschte auf der beschlagenen Scheibe.

Ich setzte den Blinker und bog in unsere ruhige Seitenstraße ein. Unsere alte Villa lag versteckt am etwas vernachlässigten Stadtpark. »Meine Eltern waren früher auch eifrige Kirchgänger. Und ich verstehe das auch mit dem Halt und der Struktur.« Ich wollte meine Schwiegermutter nicht kränken und suchte nach diplomatischen Worten. »Aber mit der Jugendweihe sind wir automatisch ins hiesige System gerutscht. Meine Schwester und ich sind in guten Anstellungen im Kollektiv tätig, weißt du. Das ist jetzt unser Halt und unsere Struktur. Es geht uns prima, wir sind nicht in der Partei, aber wir sind eben auch keine bekennenden Katholiken mehr. Das wird hier nicht gern gesehen, verstehst du?«

Während ich rückwärts einparkte, schwieg meine Schwiegermutter. Ich öffnete das schmiedeeiserne Gartentor, das leise quietschte. An den Rändern des Gehweges lag schmutziger Altschnee. Wann war dieser Garten zum letzten Mal grün gewesen, wann hatten hier Vögel gezwitschert und wann die Kinder sorglos gespielt? Vor meinem inneren Auge sah ich Manfred im Rollstuhl auf der Terrasse sitzen, uns alle mit seiner schlechten Laune terrorisieren. Manfred war ein schwieriger Patient, ungeduldig mit den Kindern und oft auch ungerecht gegen mich. Plötzlich überkam mich der heftige Wunsch, die kleine alte Villa mit der negativen Energie zu verkaufen und mit den Kindern noch mal ganz neu anzufangen. Aber das behielt ich natürlich für mich, um meine Schwiegermutter nicht zu verletzen. Ich atmete tief durch.

Spontan umarmte sie mich. »Du wirst das schon hinkriegen, Mädchen. Ich werde dir und den Kindern weiterhin Pakete schicken.«

»Danke, Christa. Du bist die beste Schwiegermutter der Welt. Eigentlich ja Ex-Schwiegermutter.« Ich lächelte schwach.

»Ja, aber nur weil Manfred jetzt tot ist, werde ich dich und die Kinder doch nicht im Stich lassen!«

Sie hielt mich ein Stück von sich ab und betrachtete mich liebevoll.

»Und ich wünsche dir von Herzen, dass es irgendwann wieder einen Mann in deinem Leben geben wird. Einen, der auch altersmäßig zu dir passt. Du bist viel zu jung und hübsch, um lange allein zu bleiben.«

Sofort hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Welche Ex-Schwiegermutter sagt so liebe Sachen?

»Komm, lass uns reingehen.« Ich drückte Christa die Hand. »Drinnen warten die Trauergäste auf Kaffee und Kuchen.«

Als der Besuch gegangen war, machte sich in unserer maroden Villa eine Mischung aus Erleichterung und bedrückender Stille breit.

»Was ist, Kinder, wollen wir am Wochenende den Garten wieder in Schuss bringen und die Schaukel aufhängen?«

»Kein Bock.« Maximilian schob die langen Haare aus der Stirn und verzog sich in sein Zimmer, wo er lustlos mit dem Tischfußball spielte, den Oma Christa ihm zu seinem siebzehnten Geburtstag aus dem Westen geschickt hatte. »Am besten wir verkaufen die Bude.«

Die vierzehnjährige Sabine saß mit angezogenen Beinen auf dem Sofa und war in ein Pferdebuch vertieft. »Nicht böse sein, Mama, aber da haben wir einfach keine guten Erinnerungen daran. Ständig mussten wir die bescheuertsten Arbeiten verrichten, und Papa hat uns angeschnauzt und herumkommandiert.«

Nur der kleine Tommi begriff mit seinen fünf Jahren noch nicht so recht, was passiert war. Er tollte mit seinen Matchboxautos im Garten herum und machte laute Motorengeräusche – erstaunt, dass ihn niemand zur Ruhe mahnte.

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht.« Ich sah mich in den hohen Räumen um. »Und wisst ihr was? Mit dem Geld für das verkaufte Haus richten wir uns eine völlig neue Wohnung ein. Mitten in der Stadt. Nur wir vier. Was haltet ihr davon?«

Freudiges Indianergeheul war die Antwort. Meine drei Kinder umarmten mich stürmisch. Wir waren frei. Wir würden neu anfangen. Wir würden es schaffen.

2

Thalheim, Juni 1981

Als nunmehr alleinerziehende Mutter arbeitete ich sechs Stunden täglich in einer Abteilung des Werkes, in der auch Wohnungen und Ferienplätze vergeben wurden. Deshalb war es ein Leichtes, schnell eine passende Wohnung im Stadtzentrum zu bekommen.

Durch meinen verstorbenen Mann genoss ich nach wie vor so manche Privilegien. Wir erhielten Witwen- und Waisenrente, den Trabi durfte ich behalten, die Kinder gingen in die Schule, und der Kleine war ganztägig im Hort untergebracht. Alles war nun fußläufig erreichbar, und die Stadtwohnung verfügte über eine sonnige Dachterrasse mit Blick auf die benachbarte Kirche.

Eines Sonntagvormittags telefonierte ich mit meiner Schwiegermutter Christa in Hannover. Wie immer hatte sie mich pünktlich nach der Messe angerufen.

»Wie geht es euch, ihr Lieben?«, fragte sie warmherzig. »Habt ihr den Umzug gut überstanden? Sind unsere Westpakete angekommen?«

»Ja, vielen Dank. Es ist so wunderbar, dass ich alles mit dir besprechen kann. Ich bin so froh, dass ihr uns nicht vergessen habt, Georg und du.«

»Aber wie könnte ich, Carina?« Christas liebe Stimme tat mir unglaublich gut. »Wir wissen, wie anstrengend Manfred sein konnte. Du warst seine große Liebe, auch wenn er dir das nie so richtig zeigen konnte.«

»Schon gut.« Ich steckte mir eine Zigarette an, Peter Stuyvesant aus dem West-Paket meiner Schwiegermutter. Bei Manfred hatte ich nicht rauchen dürfen. »Er war ja auch wirklich ein toller Mann. Die Krankheit hat ihn zermürbt. Und Geduld war eben noch nie seine Stärke.« Gedankenverloren blies ich den Rauch auf die Dachterrasse hinaus. Die weißen Gardinen blähten sich im Wind, und von der nahe gelegenen Kirche schlug es gerade verhalten zur Wandlung. Ein wohltuendes Geräusch. Es erinnerte mich an meine Kindheit.

»Vermisst ihr die Villa am Stadtrand denn nicht? Was machen die Kinder in den Sommerferien?«, erkundigte sich Christa.

»Ehrlich gesagt, vermisst sie niemand von uns.« Ich knipste einige verwelkte Stängel aus meinen Balkonblumen. »Die Kinder und ich genießen es …« – ich wollte nicht taktlos sein, wusste aber, dass ich es ungehindert aussprechen durfte – »… einfach wieder wir selbst sein zu können. Wir gehen regelmäßig ins Schwimmbad und fahren Rad. Die Großen entdecken mit ihren Freunden die Stadt, und Klein Tommi und ich machen es uns hier gemütlich.«

Erstaunt lauschte ich dem feierlichen Gesang, der nun aus der Kirche zu mir herüberdrang. War das »Großer Gott, wir loben dich?« Wie lange hatte ich das nicht mehr gesungen? Eine Gänsehaut überzog mich, und ich spürte eine undefinierbare Sehnsucht.

»Und deine Familie?«, hakte Christa nach. »Haben sich die Wogen inzwischen geglättet?«

Ich drückte die Zigarette aus und rieb mir fröstelnd die Arme.

»Nicht wirklich. Sie haben sich noch nicht mal bei mir gemeldet.«

Seit meiner Hochzeit mit Manfred war das Verhältnis zu meinen Eltern und meiner Schwester Elke sehr abgekühlt. In den Augen meiner Familie war er ein herrschsüchtiger Patriarch gewesen, der mich und die Kinder nur schlecht behandelt hatte. Sie nahmen es mir alle übel, ihn geheiratet zu haben, und unterstellten mir, dass ich es nur wegen der Privilegien getan hätte. Ihre Unterstellung hatte mich sehr verletzt. Während seiner Krankheit hatten sie mir und den Kindern nicht beigestanden, und auch jetzt nach seinem Tod erwarteten sie wohl, dass ich den ersten Schritt machte. So gesehen stand ich meiner Schwiegermutter Christa, die im Westen lebte und die ich genau zweimal im Leben gesehen hatte, nämlich bei unserer Hochzeit und auf der Beerdigung, näher als meiner Familie, die in derselben Stadt lebte. Mit Christa konnte ich ewig telefonieren, und sie nahm regen Anteil an unserem neuen Leben.

»Sag mal, läuten bei dir gerade die Glocken?«

»Ja, wir sind direkt neben die Kirche gezogen, in die ich damals als Kind gegangen bin.«

»Wie schön, Carina! Ich habe hier in der Gemeinde so viele Freunde«, schwärmte Christa. »An Fronleichnam bin ich in der Prozession mitgegangen, das war wunderschön, alles voller Blumen! Pfingsten haben wir einen Seniorenausflug ans Steinhuder Meer gemacht, und das Sommerkonzert mit dem Kirchenchor hat mich so beseelt … ich wünschte, du würdest auch wieder zur Kirche gehen. Es würde dir helfen, mein Kind.«

Während ich die Balkonblumen wässerte, fiel mein Blick erneut auf den benachbarten Kirchturm, über den die weißen Wolken zogen, sodass es aussah, als würde er in meine Richtung fallen. »Ja, das könnte ich eigentlich tun«, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen sagen. Bis heute war dieser Kirchturm für mich nichts anderes gewesen als ein Turm, von dem es zu jeder halben und vollen Stunde läutet. Unser Leben in der DDR war schon lange von Atheismus geprägt. Bereits meiner Mutter war mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht worden, wenn ich nicht zur Jugendweihe ginge, und so hatte sich unser christlicher Glaube verloren wie Spuren im Sand. Maximilian und Sabine waren zwar noch christlich getauft, aber der kleine Tommi schon nicht mehr.

Und nun schwärmte meine Schwiegermutter von ihrem erfüllten Leben in der Christengemeinde: »Das ist auch eine Familie, Carina, vergiss das nicht!«

Gerade öffneten sich die Kirchentüren, und die festlich gekleidete Gemeinde quoll unter brausenden Orgelklängen heraus auf den Vorplatz. Ich beugte mich über das Balkongeländer. Dazu hatte ich früher gehört, vor so vielen Jahren! Wie schön das gewesen war, vom netten alten Pfarrer an der Kirchentür verabschiedet zu werden. Aber die Frau in der weißen Bluse, war das etwa …?

»Ich muss auflegen, ich habe eine alte Freundin entdeckt! Tschüss Christa, ich melde mich. – Dorothea?!«

Ich winkte zögerlich, und die Gestalt blickte sich suchend um.

»Dorothea! Hier oben!«

Jetzt schaute sie herauf, legte die Hand schützend vor die Augen und erkannte mich! »Carina?! Was machst du denn da oben?«

»Ich wohne hier! Komm rauf!«, bedeutete ich ihr mit beiden Händen.

Mein Herz klopfte, als ich zur Wohnungstür lief und auf den Türöffner drückte. »Dorothea, was für eine Freude!« Sofort lagen wir uns in den Armen, als wären wir die letzten zwanzig Jahre nicht getrennt gewesen.

»Kommst du gerade aus der Messe?«, fragte ich völlig überflüssigerweise, als ich sie in die Wohnung zog. »Ich habe euch singen gehört! Ist das immer noch derselbe Kirchenchor, in dem wir damals gemeinsam waren?« In meine Wiedersehensfreude mischte sich plötzlich ein undefinierbares Schuldgefühl. Im Gegensatz zu mir war Dorothea der Gemeinde immer treu geblieben.

Dorothea, inzwischen an die vierzig, wirkte sehr ernst und hatte schon leichte Falten um die Mundwinkel. Das Mädchenhaft-Sorglose von früher war strengeren Zügen gewichen. Es war sicher nicht leicht, hier als bekennende Christin zu leben. Sie trug das früher zu lustigen Zöpfen geflochtene Haar als strengen Dutt im Nacken.

»Ich habe gehört, dein Mann ist gestorben? Mein herzliches Beileid.«

Sie umarmte mich lange. »Ihr habt ihn ja nicht christlich beerdigt?!«

»Nein. Es war eine sozialistische Bestattung, du weißt schon, in der städtischen Trauerhalle. Die war brechend voll, und meine Schwiegermutter konnte es kaum glauben, dass die Blumen echt waren«, sprudelte es aus mir heraus. »Aber lass uns von alten Zeiten erzählen! Hast du ein paar Minuten?«

Kurz darauf saßen wir schon mit einem Glas Dujardin aus dem schwiegermütterlichen Westpaket auf der Dachterrasse. Dorothea schwang sanft in der bunten Hollywoodschaukel vor und zurück, sie trug einen dunkelblauen Faltenrock, und ihre Füße steckten in praktischen Schnürschuhen.

Im Gegensatz zu mir, die ich mit Stolz westliche Jeans trug, um meine Figur zu betonen, war ihr Mode offensichtlich egal.

»Schön hast du es hier! Tolle Möbel. Sind die Vorhänge neu?«

Im Westfernsehen antwortete die Frau in der Werbung: »Nein, mit Perwoll gewaschen!«, aber das hätte Dorothea nicht verstanden, vielleicht wusch man damit auch nur Pullover.

»Ja, wir haben gut einkaufen können«, antwortete ich vage. Ich wollte ihr nicht gleich auf die Nase binden, dass wir durch den Verkauf der Villa und durch die guten Beziehungen zum Parteisekretär ordentlich im Intershop zugeschlagen hatten.

Schnell trank ich noch einen Schluck Cognac und beugte mich interessiert zu ihr hinüber.

»Wie geht es dir? Bist du verheiratet? Hast du Kinder?« Neugierig musterte ich die ehemalige Kirchenfreundin, mit der ich ganze Predigten verkichert hatte.

»Nein.« Dorotheas Blick glitt über die Fotos von meinen Kindern und über das silbergerahmte Bild von Manfred mit schwarzem Trauerflor über dem Klavier.

»Ich habe nie geheiratet und demnach auch keine Kinder.« Sie zuckte mit den Schultern. »Es hat sich einfach nicht ergeben. Der Richtige war nie dabei.«

Insgeheim fragte ich mich, ob das nicht auch ein bisschen daran lag, dass sie so gar nicht sexy aussah. Aber vielleicht wollte sie auch keine Signale an die Männerwelt senden.

Dorothea hatte wie meine Familie mit Argwohn auf meine Beziehung zu Manfred reagiert. Der war schließlich anfangs noch anderweitig verheiratet gewesen. Als er dann geschieden war, und wir offiziell – wenn auch nicht kirchlich – heirateten, hatte sich Dorothea wie meine Eltern und Elke gänzlich von mir abgewandt.

Und nun saßen wir hier und baumelten mit den Beinen.

Doch nachdem wir die letzten zwanzig Jahre ausführlich hatten Revue passieren lassen, war die alte Vertrautheit wiederhergestellt.

Inzwischen hatte ich einen Eiskaffee gemacht und mit Sprühsahne aus dem Intershop verziert. Sogar Eiswürfel klirrten im Glas.

»Wie kommst du denn zurecht mit deiner Trauer und Einsamkeit?« Dorothea sah mich prüfend an. »Betest du?«

Verlegen rührte ich in meinem Glas. »Du bist heute schon die Zweite, die mich das fragt.«

»Wer noch?«

Ich lachte verlegen. »Meine Schwiegermutter hat mir eben am Telefon von ihrer Kirchengemeinde vorgeschwärmt.« Nachdenklich sah ich den Eiswürfeln beim Schmelzen zu. »Der Glaube gibt ihr so viel Kraft und Trost.«

Dorotheas Gesicht strahlte plötzlich Zuversicht und Wärme aus. »Da kann ich ihr nur beipflichten! Du musst dir doch Gedanken darüber machen, was mit Manfreds Seele im Jenseits passiert!«

»Ähm … nein?« Ehrlich gesagt, war das gerade mein kleinstes Problem. »Ich mache mir viel mehr Gedanken um die Kinder: ob Max wohl eine gute Ausbildungsstelle findet, ob Sabine gut durch die Pubertät kommt und natürlich um meinen kleinen Tommi, der den Tod seines Vaters noch gar nicht richtig begreift.« Ich räusperte mir einen Kloß von der Kehle. »Da fühle ich mich manchmal ganz schön allein gelassen, weißt du! Meine Freunde von früher weinen mir auch keine Träne nach.« Ich zog die Nase hoch und wischte mir verlegen über die Augen.

»Der Herr vergibt allen, die abtrünnig geworden sind!« Dorothea nahm meine Hand und drückte sie. »Finde zu ihm zurück, Carina! Du wirst spüren, wie sehr Gott dich immer noch liebt!« Plötzlich rutschte sie ganz an den Rand der Schaukel, sodass sie fast herausfiel. »Komm, lass uns das Vaterunser beten! Dein Leben wird einen tieferen Sinn bekommen!« Das hatte etwas rührend Komisches, und ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen … oder beten sollte.

»Dorothea …« Das war mir jetzt wirklich unangenehm.

»Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden …«, begann Dorothea inbrünstig.

»Ach Dorothea, ich weiß nicht …« Unwillig entzog ich ihr die Hand. Wie peinlich war das denn! Das ganze Gerede von Gott brachte mich jetzt auch nicht weiter. Ich wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen.

»Bitte, überfall mich jetzt nicht so damit. Ich bin die letzten zwanzig Jahre gut ohne deinen Gott ausgekommen.«

Dorothea durchbohrte mich mit ihren Blicken. »Aber jetzt fühlst du dich einsam und allein, das hast du gerade selbst erzählt!«

»Ja schon, aber … Ich habe gar keine Beziehung mehr zu Gott. Ich habe wirklich ganz andere Sorgen.« Was wusste Dorothea schon davon, wie es ist, den Alltag mit drei lebhaften Kindern ganz allein bewältigen zu müssen? Und das als berufstätige Frau?

»Jesus sagt, kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.«

»Ja, ich weiß, aber vom Singen und Beten werden meine Ängste auch nicht kleiner. Weißt du, wenn ich nachts allein im Bett liege, sehe ich oft die Wände auf mich zukommen …«

Dorothea sah mich an. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er leitet mich auf grüner Au und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen, er leitet mich auf rechten Pfaden. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.«

Plötzlich spürte ich, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Dorothea hatte meinen wunden Punkt getroffen. Ich fühlte mich allein, ganz auf mich gestellt, und hatte schlaflose Nächte bei der Vorstellung, meine drei Kinder allein großziehen zu müssen. Für mich war das Leben mit sechsunddreißig schon zu Ende!

»Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher. Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.«

Wir schwiegen eine Weile, und ich ließ die tröstlichen Worte auf mich wirken.

»Psalm 23«, brach es schließlich aus mir heraus, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt.

»Das weißt du noch?« Dorothea strahlte mich an.

»Ja.« Ich lachte verlegen. »Das kommt jetzt alles wieder hoch.« Ich wischte mir über die Augen. »Haben wir das nicht mal gesungen?«

»An das gesungene Wort erinnert man sich viel besser als an das gesprochene«, bestätigte Dorothea. »Das geht direkt in die Seele. Felix Mendelssohn-Bartholdy hat das ganz wunderbar vertont.«

Sie summte die Melodie, und ich wurde ganz wehmütig.

»Kennst du das andere noch?«, bedrängte ich sie. »Das mit den Engeln?!«

»Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir …«, sang Dorothea.

»Dass sie dich auf den Händen tragen«, fiel ich mit ein. »Dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen…«

Die Erinnerungen überrollten mich wie eine Lawine. Plötzlich war ich wieder das kleine Mädchen, das zwischen seinen Eltern behütet in der Kirche saß und seine Sorgen und Nöte Gott anvertrauen konnte. Und niemand war mir böse, denn ich hatte noch keinen Fehler gemacht.

»Komm doch nächsten Sonntag einfach wieder mit!« Auch Dorothea hatte unser Gespräch sehr bewegt.

»Ich weiß nicht … Sie werden mich dafür verachten, dass ich abtrünnig geworden bin. Da kann man nach so vielen Jahren doch nicht so einfach wieder auftauchen?«

Dorothea legte den Arm um mich. »Doch«, sagte sie schlicht. »Genau dafür ist Kirche da. Du bist herzlich willkommen.«

Als Dorothea weg war, blieb ich völlig aufgewühlt zurück. Was war das denn jetzt gewesen? Wieso hatte mich dieser Psalm so vom Hocker gerissen? Bestimmt war ich als junge Witwe nur besonders anfällig für so eine Gefühlsduselei. Aber ich wollte so gern wieder irgendwo dazugehören …

Die Kinder kamen vom Spielen nach Hause, und schnell ging es wieder um alltägliche Streitereien und Haufrauenpflichten. Max war aufmüpfig und roch nach Alkohol. Sabine pubertierte heftig und ließ alles stehen und liegen. Und Tommi war ein überfordertes Kleinkind, das ich in der Badewanne erst mal gründlich abschrubben musste, weil er mit dem Fahrrad hingefallen war.

Als ich die Meute dann endlich im Bett hatte und allein im Wohnzimmer saß, überkam mich wieder dieses Gefühl von Einsamkeit, diese Sehnsucht nach Gemeinschaft. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? War das Zufall oder Fügung, dass wir direkt neben die einzige katholische Kirche im Ort gezogen waren?

Ich biss mir auf die Lippen und horchte tief in mich hinein. Wäre das nicht ein guter Neuanfang? Könnte ich nicht in der Gemeinde wieder Fuß fassen? Würden meine Freunde von früher sich mir wieder zuwenden?

Wie zur Bestätigung läuteten die Abendglocken, und die Amseln in den benachbarten Dachrinnen sangen ihr Lied. Ein plötzlicher Friede breitete sich über mich wie eine weiche Decke. Einer Eingebung folgend stand ich auf, ging auf den Speicher und durchsuchte die Umzugskisten, die ich nicht mehr hatte auspacken wollen. »Alter Kram«, stand darauf. »Zu schade zum Wegwerfen.«

Und da war sie, meine alte Kinderbibel. Auch das dünne ledergebundene Gebetbuch fiel mir in die Hände. Vorsichtig blies ich den Staub vom Einband und blätterte in den dünnen, vergilbten Seiten. Ein vertrauter Geruch schlug mir entgegen, und auf einmal waren die letzten zwanzig Jahre wie weggewischt. Das rote Bändchen markierte eine bestimmte Seite. Wie magisch zog mich die kleine schwarze Schrift an. Mein Daumen fuhr über ein Gebet, das wie für mich geschrieben zu sein schien. Der Text war mir so vertraut, als hätte ich ihn gestern zum letzten Mal gelesen.

»Herr unser Gott, wer auch mit dir gebrochen hat, er kann zu dir zurück. Denn nichts ist unheilbar vor dir, unwiderruflich allein ist deine Liebe. Wir bitten dich, erinnere uns an deinen Namen, damit wir uns zu dir bekehren. Sei unser Vater. Immer von Neuem schenk uns das Leben, wie ein unverdientes Glück, von Tag zu Tag und für alle Zeiten.«

Wie von Zauberhand gelenkt hatten meine Finger genau diese Seite aufgeschlagen. Ich presste das Gebetbuch wie einen verlorenen Schatz an meine Brust und nahm auch die Bibel mit ins Wohnzimmer. Statt wie sonst den Fernseher einzuschalten und auf die erlösende Müdigkeit zu warten, las ich mit wachem Geist und warmem Herzen die Bibelstellen, die mich meine Kindheit hindurch begleitet hatten. Sie brachten etwas Verschüttetes in meiner Seele zum Klingen. Und auf einmal überkam mich eine Zuversicht und Freude, die ich seit frühen Kindheitstagen nicht mehr gekannt hatte. Die Sorgen und Ängste, die Trauer – sie waren wie weggeblasen. Alle Irrungen und Wirrungen glätteten sich wie ein wild rauschender Wasserfall, wenn er in einem tiefen stillen See aufgeht, dessen Wasser so klar ist, dass man bis auf den Grund sehen kann. Da war sie wieder diese undefinierbare Sehnsucht, die ich heute auf dem Balkon gespürt hatte. Die Sehnsucht nach Sinn. Je mehr ich las, desto stärker spürte ich es, dieses unverdiente tiefe Glück, wieder dazugehören zu dürfen. Kompromisslos. Ohne erst um Verzeihung bitten zu müssen.

Und plötzlich formten meine Lippen erst unbeholfen, dann immer flüssiger, das Vaterunser, das ich am Nachmittag noch verweigert hatte. In diesen Worten war ja alles drin!

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.

Auf einmal konnte ich es wieder auswendig. Es war nie verloren gegangen. Es war tief in meiner Seele verankert, und ich konnte es hervorholen, ohne dass es sich fremd anfühlte. Plötzlich fühlte ich mich leicht und frei. Ich spürte die Anwesenheit Gottes, seine helfende Hand, und hatte keine Angst mehr vor dem Alleinsein. Sie würden mich wieder in ihre Gemeinschaft aufnehmen.

Was sollte ich mich grämen und mir Sorgen machen, wenn Gott doch meinen Weg vorgezeichnet hatte! Ich konnte mich doch getrost hineinfallen lassen in seine Liebe. All die Worte aus den Predigten von damals kamen wieder in mir hoch, aber diesmal begriff ich ihren Sinn, denn ich war erwachsen geworden.