Cover

Buch

Nachdem sich auf der ganzen Welt schockierende Anschläge ereignen, braucht Agent Marc Dane all seine Fähigkeiten und seinen Scharfsinn, um den mysteriösen Drahtzieher aufzuspüren – eine gesichtslose Verbrecherin, die nur unter dem Namen »Madrigal« bekannt ist und mithilfe einer Gruppe von Hackern einen skrupellosen Rachefeldzug führt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Lucy Keyes und dem restlichen Rubicon-Team begibt Marc sich auf eine gefährliche Verfolgungsjagd. Doch kann er all seinen Mitstreitern vertrauen? Und wie können sie den Terror stoppen, bevor er die Welt in den Krieg stürzt?

Autor

James Swallow wurde für seine Drehbücher unter anderem für einen BAFTA Award nominiert und hat zahlreiche erfolgreiche Video- und Hörspiele, Kurzgeschichten und Science-Fiction-Romane verfasst. Nach »Die Rubicon-Verschwörung« und »Die Rubicon-Mission« ist »Das Rubicon-Protokoll« sein dritter Thriller um den britischen Agenten Marc Dane. James Swallow lebt und arbeitet in London.

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JAMES SWALLOW

DAS RUBICON-

PROTOKOLL

THRILLER

Deutsch von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

»Ghost« bei Zaffre Publishing, London.

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Copyright der Originalausgabe © James Swallow, 2018

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020

by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: René Stein

© Johannes Frick unter Verwendung von Motiven von Nik Keevil/Arcangel Image, iStock.com (© Lorado, © tobiasjo

© Marcus Lindstrom) und Shutterstock.com (© Andre Muller,

© Avesun, © Vandathai, © da-kuk)

AF · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-24668-6
V001

www.blanvalet.de

Für alle, die den Kampf um Freiheit und Vernunft

noch nicht aufgegeben haben.

Zum Angedenken an meinen Vater, Terrance Swallow.

Kapitel 1

Panik erfüllte ihn. Dickflüssig und zäh sickerte sie in seine Lunge und sammelte sich in seinem Magen, der sich zu einem schweren Klumpen formte. Die schwüle Mittagsluft wurde immer drückender, aber Lex setzte einen Fuß vor den anderen, so lange, bis seine Knie nachzugeben drohten. Er musste unbedingt für einen Moment verschnaufen, musste wieder zu Atem kommen, also rettete er sich in den Eingang einer Apotheke in den etwas kühleren Schatten, wo er Schutz vor der hochstehenden Sonne fand. Die Belegschaft machte bereits Siesta.

Er duckte sich und versuchte, seine Angst und seine Schwäche wieder in den Griff zu bekommen, strich sich die Haare aus dem rundlichen Gesicht. Entsetzen lag in seinem Blick. Er blinzelte, rückte seine Brille zurecht und verschmierte dabei die Gläser.

Lex ließ den Blick an sich hinabgleiten.

Jetzt nahm er zum ersten Mal die winzigen rostroten Flecken auf dem weißen T-Shirt wahr, das er unter seiner weiten schwarzen Kapuzenjacke trug. Der Schraubstock, der sein Herz umklammert hielt, zog sich noch ein bisschen fester zusammen. Er legte die Hand an seine Wange. Danach war sie mit rubinroten Streifen beschmiert. Hastig rieb er sein Gesicht mit dem Ärmel sauber, zerrte an dem Reißverschluss seines Hoodies und zog ihn ein Stück hoch, um die Spritzer zu verstecken.

Es war das Blut des Griechen. Lex hatte nicht einmal gemerkt, dass er etwas davon abbekommen hatte, so sehr war er mit all seinen Sinnen auf die Flucht konzentriert gewesen.

Es ist alles so rasend schnell passiert. Als Treffpunkt hatten sie eine große Piazza am südlichen Rand der Altstadt von Rabat abgemacht. Lex war schon seit Tagen auf der Mittelmeerinsel, die mit jeder Stunde ein wenig zu schrumpfen schien. Er wollte nur noch weg. Als die Nachricht endlich eintraf, hatte er gar nicht schnell genug zum Treffpunkt kommen können.

Die Nachricht bestand lediglich aus einer digitalen Zeichenfolge und wurde auf einen verschlüsselten Tor-Server geleitet, den Lex gleich am Tag seiner Flucht eingerichtet hatte. Sie enthielt die Zusage eines griechischen Schmugglers, der bereit war, ihn aus Europa zu schaffen und in ein Flugzeug nach Kanada zu setzen. Kyrkos, so hieß der Mann. Sie waren sich einig gewesen, der Ablauf genauestens geplant.

Sie wollten sich in Rabat treffen und gemeinsam nach Valetta fahren, wo Kyrkos ein Boot liegen hatte. Lex hatte alles genau vor Augen gehabt: Den Abend würden sie schön auf See verbringen, wo er sich den Sonnenuntergang im Meer anschauen würde. Anschließend wollte er ein kleines Ritual abhalten und seine sämtlichen Ausweispapiere verbrennen (und die Aschereste ins Wasser streuen). Ein Neubeginn.

Lex Wetherby würde auf See bestattet werden und wäre für immer verschollen. Genau so war es vorgesehen gewesen, weil niemand wusste, wo er war. Er war in Sicherheit.

Aber nachdem er sich dem Griechen gegenüber an einen Cafétisch gesetzt hatte, hatte der bullige Leibwächter in seiner Nähe plötzlich gestutzt, als hätte er etwas Ungewöhnliches bemerkt. Nur eine Sekunde später riss es ihn ruckartig nach hinten, als hätte ihn ein Pferd getreten.

Lex hatte schon öfter gesehen, wie jemand erschossen wurde, und jedes Mal hatte er dabei einen Schuss, einen lauten Knall gehört. Aber dieses Mal nahm er gar nichts wahr, was das ganze Geschehen seltsam unwirklich machte.

Kyrkos sprang von seinem Stuhl auf und stieß ein Weinglas um. Er hatte gerade noch Zeit, um Lex zu beschimpfen, dann zerfetzte das nächste Projektil – ebenfalls schallgedämpft – sein Gesicht. Der Grieche brach an Ort und Stelle zusammen. Ein Tourist an einem Nachbartisch bemerkte das Blut, ein Kind kreischte laut auf.

Lex ergriff die Flucht. Instinktiv, aus reinem Selbsterhaltungstrieb, kippte er dabei den Tisch zur Seite. Die dritte Kugel riss eine Ecke aus der hölzernen Tischplatte. Während er auf die nächste Gasse zustürmte, die ihm als vages Versprechen auf Sicherheit erschien, blickte er sich um, auch das eine instinktive Handlung, völlig unwillkürlich.

Touristen und Einheimische standen völlig erstarrt da, mit entsetzten Mienen, die Hände vor den Mund geschlagen. Die einzigen Menschen, die in seine Richtung blickten, waren ein Mann und eine Frau. Beide waren durchschnittlich groß und trugen identische Baseballmützen sowie große schwarze Sonnenbrillen, die die Hälfte ihres Gesichts verdeckten. Er sah die dunklen, kantigen Pistolen in ihren Händen, und dann setzte sein Verstand einfach aus. Dafür kochte die Panik in ihm hoch wie ein ausbrechender Geysir.

Er lief durch eine enge, stickige Gasse voller widerlicher abgestandener Gerüche und stieß etliche Häuserblocks nördlich der Piazza auf die Kbira Street, folgte dem Verlauf der Straße an den altehrwürdigen Mauern der Kollegiatskirche St. Paul vorbei. Rabat lag auf einem Hügel, und durch die mittelalterlichen Straßen wehte eine gleichmäßige Brise, die ihm die Haare zerzauste und Papierfetzen an den Randsteinen entlangblies. Zu allen Seiten standen dicht gedrängt sonnengebleichte Gebäude, und jetzt, am Nachmittag, waren die meisten Geschäfte geschlossen.

Lex rannte weiter, wie auf Autopilot, bis ihm klar wurde, dass er beinahe einen verhängnisvollen Fehler begangen hätte. So war er mit weichen Knien vor der Tür der Apotheke zum Stehen gekommen. Jetzt versuchte er, seinen Verstand wieder einzuschalten und sich an all das, was er über die Stadt wusste, zu erinnern. Nicht weit von hier entfernt, dort, wo Rabat auf die Mauern der alten Festungsstadt Mdina traf, gab es einen Busbahnhof. Er musste lediglich in einen der Nahverkehrsbusse schlüpfen und sich unter die Fahrgäste mischen, dann würde er ungesehen entkommen. Den Rest konnte er sich dann unterwegs überlegen, aber im Moment war er vor allem damit beschäftigt, sich nicht erschießen zu lassen.

Das zerfetzte Gesicht des Griechen tauchte vor seinem geistigen Auge auf, und als er versuchte, das Bild wieder loszuwerden, musste er würgen. Nestor Kyrkos war gut vernetzt und hatte Feinde gehabt, das wusste Lex. Vielleicht hatte das Killerpärchen mit den Baseballmützen ihn ja wegen einer ganz anderen Sache getötet, einer Sache, von der er, Lex, nicht einmal etwas ahnte. Vielleicht waren sie überhaupt nicht an ihm interessiert.

Doch dann erkannte er im Schaufenster der Apotheke das Spiegelbild eines olivfarbenen Gesichts, halb verdeckt von einer schwarzen Sonnenbrille. Jetzt wusste Lex mit absoluter Sicherheit, dass er das eigentliche Ziel war – und nicht Kyrkos und der Leibwächter. Kollateralschäden, bedauerlich, aber nun ja. Die Attentäter hatten die beiden nur getötet, um jede mögliche Gefahr auszuschalten, bevor sie sich ihrer eigentlichen Beute zugewandt hatten.

Lex huschte aus dem Schatten des überdachten Eingangs und schob sich durch eine Gruppe betagter englischer Touristen, die in der entgegengesetzten Richtung unterwegs waren. Trotz ihres leisen Murrens über seine Rücksichtslosigkeit hörte er das tiefe Dröhnen einer Unterschallkugel einen Sekundenbruchteil, bevor in einem sandfarbenen Steinblock in der Mauer neben ihm auf Kopfhöhe plötzlich ein Einschusskrater aufplatzte. Die Touristen reagierten mit zurückhaltender Verblüffung auf das laute Geräusch, während Lex sie bereits hinter sich gelassen hatte und sich nun dicht an die gelben Steinmauern der Nachbargebäude presste, um vor den Blicken der Attentäter geschützt zu sein, bis er die nächste Ecke erreicht hatte.

Kein Knall, nichts. Die Waffen, die die beiden benutzten, waren so gut wie lautlos. Außer ihm schien niemand zu begreifen, was sich hier gerade abspielte.

Lex hastete weiter, so schnell es nur ging, aber ohne zu rennen. Er wollte der Panik auf keinen Fall nachgeben, aus Angst, dass sie ihn ins Verderben führen würde. Bei seinem überstürzten Aufbruch aus dem Café hatte er seine Kuriertasche zurückgelassen, aber sie enthielt nur wenige Dinge, die unersetzlich waren. Das Wichtigste, das unschätzbar Wertvolle, trug er bei sich. Seit er Berlin den Rücken gekehrt und seine Kameraden zurückgelassen hatte, hatte er den Anlass für diesen Verrat immer in seiner unmittelbaren Nähe gehabt.

Bei diesem Gedanken zuckte seine Hand und krampfte sich kurz zusammen. Nervös strich Lex mit den Fingern der anderen Hand über die Narben an seiner Handfläche, kratzte an der alten, längst verheilten Wunde. Sein rechtes Bein fing an zu schmerzen, wie immer, wenn es schwierig wurde, doch er verdrängte den Phantomschmerz, indem er die Taschen seiner Cargohose und seiner Kapuzenjacke abklopfte, um sich zu vergewissern, was er alles bei sich hatte.

Nicht viel. Säuerliches Adrenalin sammelte sich in seinem Mund und hinterließ einen metallischen Nachgeschmack. Das war nicht die Art von Angst, die er kannte, nicht dieser Rausch der Geschwindigkeit, wenn er mit dem Fallschirm von einer Felsenklippe sprang oder auf dem Surfbrett eine Welle ritt. Damit kam er klar, weil er in diesen Situationen immer noch die Kontrolle hatte. Aber diese Angst jetzt kam brachial und schroff und überwältigend daher, und er musste sich zusammenreißen, um halbwegs klar denken zu können.

Diese Leute wollen mich ermorden. Jetzt traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht und presste ihm die Luft aus der Lunge.

Die schicksalhafte Entscheidung, die er vor Wochen noch in Deutschland getroffen hatte, fiel ihn jetzt von hinten an. Die Menschen, mit denen er zusammengelebt, mit denen er gefeiert, die Menschen, die er zu kennen geglaubt hatte … Er fragte sich, ob er sie überhaupt jemals wirklich verstanden hatte. Er hatte absichtlich die Augen verschlossen vor dem, was tatsächlich vor sich ging, vor den Plänen, die geschmiedet wurden. Er hatte ganz bewusst die Scheuklappen aufgesetzt und die unbarmherzigen Fragen ignoriert, die ihm den ganzen Spaß verdorben hätten. So lange, bis er nicht mehr länger hatte wegschauen können.

Lex verabscheute sich dafür. Und als es zu viel geworden war, als er vor lauter Angst nachts nicht mehr schlafen konnte, da war er weggerannt, war hierher geflüchtet – und jetzt saß er in der Falle. Jetzt würden die Attentäter, die seine ehemaligen Freunde ihm auf den Hals gehetzt hatten, ihren Auftrag erfüllen, und Lex’ viel zu späte Reue würde sich als sinnlos erweisen. Er stieß einen unterdrückten Fluch aus und versuchte, die Übelkeit erregende Furcht abzuschütteln, die ihn zu ersticken drohte.

Er fing an zu joggen, vermied bewusst die Ziergartenanlagen im Norden von Rabat, sondern lief durch den Park. Keuchend kauerte er sich hinter einen dicken Johannisbrotbaum und wagte erneut einen Blick in die Richtung, aus der er gekommen war. Der Killer stand keine fünfzig Meter entfernt, blickte in die entgegengesetzte Richtung und suchte die Straßen nach seiner Zielperson ab. Lex sah, wie er den Mund bewegte, konnte jedoch kein Wort verstehen. Der Mann hatte zwei Finger an den Hals gelegt, als würde er seinen Puls messen, und als er die Hand sinken ließ, erkannte Lex, dass an seiner Kehle ein kleines Pflaster klebte, wie ein Nikotinpflaster.

Der Mann blickte in Richtung des Busbahnhofs und nickte, lauschte einer Stimme, die nur er hören konnte.

Lex folgte seinem Blick, und dann krampfte sich sein Magen zusammen, als die Frau zwischen zwei Bussen in sein Sichtfeld trat. Die Pistole versteckte sie in den Falten ihrer hellen Jacke.

Sie drehte den Kopf, sodass die grelle Sonne sich in ihren großen Brillengläsern spiegelte, und blickte genau in Lex’ Richtung. Augenblicklich veränderte sich ihre Körpersprache, als hätte sie einen Schalter umgelegt. Langsam und ohne Hast kam sie auf ihn zu. An ihrem Hals klebte das gleiche Pflaster wie bei ihrem Komplizen, und jetzt bewegte sie den Mund, aber wieder konnte Lex nicht erkennen, was sie sagte.

Wenn er überleben wollte, dann blieb ihm nur noch eine einzige Möglichkeit. Der Busbahnhof schied aus, und dorthin zurück, wo er hergekommen war, konnte er auch nicht, weil er dann in jedem Fall den Weg der Attentäter gekreuzt hätte.

Also musste Lex sich unter die Menschen mischen, die die mauergesäumte Altstadt von Mdina besuchen wollten. Dazu musste er die uralte steinerne Brücke überqueren, die zu dem historischen Stadttor führte. Die Touristen dienten als Deckung. So schnell er nur konnte, hastete er vorwärts, während schon wieder stechende Schmerzen sein Bein durchzuckten; dabei duckte er sich hinter ein paar lachenden Besuchern, die eifrig ein Selfie nach dem nächsten machten.

Während er sich dem barocken Portal näherte, kam er sich seltsam entwurzelt vor. Er wusste nicht viel über Mdinas Geschichte, aber dieses Bauwerk kannte er gut, weil es gleich in mehreren Fantasy-Serien als geheimnisumwobene Schlosskulisse gedient hatte. In den langen, einsamen Nächten, während sein Laptop mit der Kompilierung diverser Codetexte beschäftigt gewesen war, hatte Lex diese Serien regelrecht verschlungen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn die Leute auf der Brücke Schwerter gezogen und sich auf ihn gestürzt hätten. Irgendwie hatte er das Gefühl, als sei die ganze Welt hinter ihm her.

Er verspannte sich mit jedem Schritt, erwartete den nächsten lautlosen Schuss, rechnete fest mit einer Kugel zwischen seinen Schulterblättern, aber nichts dergleichen geschah. Als er die schattigen Straßen der mittelalterlichen Burgfeste betrat, zitterte er unwillkürlich.

Kurz hinter dem Stadttor gabelte sich der Weg in drei Teile. Die Touristen zogen weiter und gingen schnurstracks geradeaus die Triq Villegaignon entlang, vorbei an der St.-Agatha-Kapelle, der ersten von insgesamt einem halben Dutzend Kapellen in der über tausend Jahre alten Festungsanlage. Lex löste sich von ihnen und huschte in eine Nebenstraße, die sich an der südlichen Stadtmauer entlangzog. Aus dem Taxi, mit dem er hier angekommen war, hatte er gesehen, dass es im Westen noch ein zweites Stadttor gab. Wenn er es bis dorthin schaffte und dann einen Haken schlug, hatte er immer noch eine Chance, ungesehen zu entkommen.

Er fing an zu laufen, doch es fiel ihm schwer: Jedes Mal, wenn er mit seinem versehrten Bein auf das Kopfsteinpflaster trat, durchfuhr ihn ein schmerzhafter Stich. Schon bald wurde die Gasse enger, rückten die Mauern näher, sodass er sie schließlich links und rechts gleichzeitig berühren konnte, wenn er die Arme seitlich ausstreckte. Trotz der Enge fiel an etlichen Stellen Sonnenlicht auf die Sandsteinmauern und warf Schatten, die ihm die Möglichkeit boten, kurz stehen zu bleiben und sich zu sammeln. Jenseits der touristischen Trampelpfade schien Mdina menschenleer zu sein, was das seltsame Gefühl, sich in einer Filmkulisse zu befinden, noch verstärkte. Doch Lex konnte es sich nicht erlauben, lange zu verschnaufen, nicht jetzt, wo die Attentäter ihm so dicht auf den Fersen waren.

Schlingernd hastete er um die nächste Ecke und entdeckte den Bogen des westlichen Tors. Von den Einheimischen wurde Mdina die »Stille Stadt« genannt, weil im Inneren des Mauerrings nur einige wenige Autos zugelassen waren. Aber es gab noch einen anderen Grund. Die engen Gassen schienen jedes Geräusch in ein seltsames, gespenstisches Echo zu verwandeln oder gleich ganz zu verschlucken. Lex wusste nicht, ob es sich bei den hastigen Schritten, die er hinter sich wahrnahm, um den Nachhall seiner eigenen oder doch um die einer der Killer handelte. Aber er wagte nicht, langsamer zu werden und der Sache auf den Grund zu gehen.

Dann hatte er das Tor erreicht und rannte hindurch, gelangte wieder ins grelle Tageslicht und stand nun am oberen Ende einer Rampe, die hinunter zur Straße führte.

Doch die Frau mit der Mütze und der Sonnenbrille hatte seinen Plan durchschaut. Mit schnellen Schritten kam sie die Rampe heraufgelaufen, das Gesicht von der Anstrengung gerötet. Ihre Waffe hielt sie eng an die Hüfte gedrückt. Als sie einander sahen, verharrten sie beide für einen Augenblick.

Sie schüttelte ihre Verblüffung als Erste wieder ab und riss ihre Waffe nach oben. Der klobige schwarze Revolver wirkte fast zu groß für ihre langen, schlanken Finger. Lex wurde kurz geblendet, dann erkannte er, dass die Waffe eine Laser-Zielvorrichtung besaß, dass ein roter Punkt über sein Gesicht, seine Kehle, seine Brust wanderte.

Er war bereits wieder auf dem Weg zurück zum Tor, als sie zwei Schüsse abgab. Die Waffe gab ein leises metallisches Klirren von sich, das sich eher nach klapperndem Schlüsselbund als nach Schuss anhörte. Gelbe Steinbröckchen splitterten aus dem Torbogen, und Lex spürte, wie etwas Heißes unmittelbar an seiner Wange vorbeizischte.

Er jagte den Weg zurück, den er gekommen war, bog jedoch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ab, bohrte sich tiefer in die Stadt, um aus dem Blickfeld der Frau zu gelangen. Noch während er um die Kurve schlitterte, schlug eine dritte Kugel krachend in die Gehwegplatten vor seinen Füßen ein. Die Erbauer der schmalen Straßen von Mdina hatten die Gässchen ganz bewusst nicht länger gehalten, als ein Pfeil an Reichweite besaß – dadurch hatten eventuelle Eindringlinge keine Möglichkeit gehabt, sich zu formieren und weiter vorzustoßen –; doch im Zeitalter moderner Schusswaffen hatten solche Überlegungen keine Bedeutung mehr. Lex hastete einen sanften Hügel hinauf, unter farbigen Glaslaternen hindurch, die in Reihen quer über die Straße gespannt waren, an vergitterten Fenstern und verriegelten Türen vorbei. Er entdeckte den roten Punkt des Lasers vor sich auf einer Mauer und warf sich erneut zur Seite, bevor er noch in das Schussfeld der Attentäterin geriet.

Schließlich landete er auf einer weitläufigen Piazza. Auf der gegenüberliegenden Seite ragten die helle Fassade und die Glockentürme der Kathedrale St. Paul in die Höhe. Davor drängten sich jede Menge Touristen, ältere Leute von den Kreuzfahrtschiffen, die unten in Valetta angelegt hatten, oder Familien mit aufgeregten Kindern. Sie waren damit beschäftigt, zu fotografieren oder den jeweiligen Fremdenführern zuzuhören. Lex sah sich um, er musste einen anderen Ausweg finden.

Die wenigen Autos, die im Inneren der Altstadt erlaubt waren, parkten hier auf diesem Platz, und er musterte sie voller Verzweiflung. Vielleicht konnte er ja ein Fahrzeug stehlen.

Da fiel sein Blick auf den zweiten Attentäter. Der Mann war auf der anderen Seite des Platzes stehen geblieben und tat so, als interessierte er sich brennend für die komplizierten Schnörkel des gusseisernen Geländers eines Balkons im ersten Stock. Eine Hand hatte er vor dem Bauch unter seine Jacke geschoben. Jetzt drehte sich der Mann in Lex’ Richtung, mit einer Bewegung, die bewusst beiläufig und unauffällig wirken sollte.

Erneut wurde Lex von Panik erfasst. Er blickte in die Gesichter der ahnungslosen Urlauber. Am liebsten hätte er laut um Hilfe gebrüllt. Aber was hätte er damit erreicht? Vor seinem geistigen Auge sah er, wie die beiden Killer wild drauflos in die Menge feuerten und bei dem Versuch, ihn zu ermorden, zahlreiche andere Menschen töteten.

Lex ging los, schnell und zielstrebig. Er zog seine Jacke fester. Einen letzten Trumpf hatte er noch im Ärmel, ein letztes riskantes Manöver, mit dem er womöglich entkommen konnte. Aber dafür musste er auf eine gewisse Höhe gelangen.

Er kam an einer Boutique mit teurer Glaskunst vorbei, die im Erdgeschoss einer ehemaligen mittelalterlichen Herberge untergebracht war. Er legte den Kopf in den Nacken und fragte sich für einen Moment, ob er von dem Verkaufsraum wohl bis aufs Dach des Gebäudes gelangen konnte. Vor der Boutique stand die lebensgroße Figur eines Malteserritters, der jetzt schlagartig zurückgerissen und gegen die Mauer geschleudert wurde. Die Bruchstücke landeten vor Lex’ Füßen. Er registrierte die hellen silbrigen Kanten an den Rändern des Einschusslochs in der Brustplatte des Ritters und stolperte rückwärts. Dabei fiel sein Blick auf die Frau, die in der Mündung einer kleinen Gasse stand. Sie hielt ihre Waffe genauso versteckt wie ihr Partner. Ihr Schuss war mitten durch die Menschenmenge gegangen und hätte sein Ziel um ein Haar getroffen. Sämtliche Touristen blickten jetzt in Lex’ Richtung. Das Durcheinander irritierte sie, aber immer noch ahnte keiner von ihnen, dass sich ganz in der Nähe zwei zu allem entschlossene Attentäter befanden.

Jetzt endlich warf Lex alle Zurückhaltung über Bord, versuchte nicht länger, sich irgendwie in die harmlose Touristenschar einzufügen. Er rannte los, schlängelte sich zwischen den Menschen hindurch, die die Hauptstraße entlangschlenderten, ohne auf die Schreie und Beschimpfungen zu achten, die ihm hinterhergebrüllt wurden. Er setzte darauf, dass seine Verfolger etwas vorsichtiger vorgehen würden als er, weil sie wussten, dass der von ihm eingeschlagene Weg an einem ganz bestimmten Punkt zu Ende war. Lex lief absichtlich in eine Sackgasse, schnitt sich sämtliche anderen Fluchtwege ab.

Die Gasse führte auf die Piazza Tas-Sur, besser bekannt als »Bastion Square«. Die restaurierten Palazzi mit ihren roten Türen, die den Platz umschlossen, dienten nun als Museen oder Terrassenrestaurants und boten einen herrlichen Blick über die nördlichen Schutzwälle der Altstadt. Auf den breiten Stufen, die zu den Zinnen der Festungsmauer führten, standen zahlreiche Besucher und genossen den Blick an der steilen Felswand hinab oder über das kleine Dorf Ta’Qali bis zu den dahinter liegenden Weinbergen. An einem klaren Tag, so wie heute, konnte man bis auf die St. Paul’s Bay oder die Feriensiedlung Buggiba an der Nordküste Maltas blicken.

Die Schmerzen in Lex’ verletztem Bein sammelten sich rund um das Kniegelenk, und er verzog das Gesicht, während er seine Schritte verlangsamte und wieder in ein zügiges Schritttempo wechselte. Dann kontrollierte er jeden Reißverschluss und jede Schnalle an seiner Kleidung. Unter anderen Umständen hätte das, was er jetzt vorhatte, ihm einen positiven Adrenalinschub versetzt. Er hätte sich eine GoPro auf den Helm geschnallt und alles mitgefilmt. Stattdessen empfand er mehr Angst als je zuvor in seinem ganzen Leben. Dieses Mal war seine Triebfeder nicht die Gier auf ein actiongeladenes Abenteuer, sondern nur seine erbärmliche Furcht.

Lex zog den Reißverschluss seines Kapuzenpullovers zu und holte einen Behälter aus einer Tasche seiner Cargohose. Er hatte ungefähr die Größe einer großen Bierdose und hing an einem Leinengeflecht, das er sich jetzt über die Schulter schlang und mit einem Karabiner sicherte. Er zog die Leinen fest, und der Behälter stabilisierte sich zwischen seinen Schulterblättern auf dem Rücken.

Lex holte tief Luft und stieg die Stufen bis zu den Zinnen hinauf, immer zwei auf einmal nehmend. Oben angekommen, spürte er angesichts der steil abfallenden Felsenkante ein leises Ziehen in der Magengrube.

Wenn ich jetzt einen Fehler mache, dann war’s das, sagte er sich. Aber wenn er nichts machte, dann würden die Attentäter ihn hier vor aller Augen erschießen. Er drehte sich um und machte die Augen zu, spürte den Wind auf seinen Wangen, fühlte die Richtung, aus der die Böen kamen.

Dann legte er eine Hand auf den Rücken und bekam den roten Plastikgriff an der Unterseite des Behälters zu fassen. Mit einem Schritt ließ er die Warnschilder hinter sich und kam auf der Kante der Festungsmauer zum Stehen.

Lex’ Verfolger hatten ihre Revolver eng an die Hüften gedrückt, versteckt in den Falten ihrer Jacken. Sie schossen, doch obwohl sie ausgezeichnete Schützen waren, verfehlten sie ihr Ziel. Ein Schuss traf eine verlassene Wasserflasche auf einer Treppenstufe, der zweite riss etliche Zentimeter vom Fuß der Zielperson entfernt eine Staubwolke aus dem Mauerwerk. Wieder drehten sich die Gesichter der Umstehenden in seine Richtung.

»Er bringt sich um«, sagte der männliche Attentäter über sein Kehlkopfmikro. Damit hatte er nicht gerechnet.

»Nein«, erwiderte die Frau, und ihre Antwort löste ein Kribbeln auf seiner Haut aus. »Das glaube ich nicht …«

Die Zielperson machte eine ruckartige Armbewegung, und der Behälter auf ihrem Rücken platzte auf. Leuchtend orangefarbener Stoff und weiße Leinen kamen zum Vorschein. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte sich das hauchdünne Material in der Brise zu einem schmalen Rechteck entfaltet.

»Ein Fallschirm?« Der Mann vergaß jede Einsatzregel und sprang in der Hoffnung vorwärts, die Zielperson noch zu erwischen, bevor sie endgültig abspringen konnte.

Das kleine luftgefüllte Stoffviereck entlockte den umstehenden Touristen verblüffte Schreie, dann stieß die Zielperson sich ab und schwebte davon.

Die Frau packte ihren Partner an der Schulter und zog ihn zurück. »Warte.« Sie war bereits dabei, ihre Pistole einzustecken.

Er wehrte sich, wollte noch nicht aufgeben, war verärgert, weil sie ihren Auftrag nicht zu Ende gebracht hatten. Der Schirm war kaum mehr als ein Spielzeug und würde den Absturz der Zielperson nur unwesentlich bremsen. Wenn er sich über die Kante beugen, wenn die Frau ihm Deckung geben würde, dann konnte er vielleicht doch noch einen tödlichen Schuss abgeben. Die Vorstellung, dass dieser Zivilist ihnen entkommen würde, war mehr als ekelerregend.

»Ihr zieht euch zurück, und zwar alle beide«, meldete sich da eine dritte Stimme zu Wort. »Ich übernehme.«

Lex hatte klammheimlich befürchtet, dass der Mikroschirm sich nicht sauber öffnen, sondern nur als verheddertes Knäuel zum Vorschein kommen würde – das hätte für ihn das Ende bedeutet –, aber jetzt zeigte sich, dass er sich grundlos gesorgt hatte. Ein kräftiger Stoß jagte durch seine Schultern und seine Brust, als der Fallschirm sein Gewicht auffing. Das Gurtzeug schnitt sich in sein Fleisch, aber das war ein geringer Preis dafür, den lautlosen Schützen zu entkommen. Eine plötzliche Thermikblase, die sich vom Fuß des steilen Abhangs gelöst hatte, trug ihn von der Kante der Festungsstadt weg und auf die unten liegenden Bauernhäuser zu. Euphorie durchströmte seinen Körper.

Es würde eine harte Landung werden, das war klar. Die Sinkgeschwindigkeit war zu hoch, und der Schirm flatterte viel zu sehr, aber er würde es überleben und entkommen können – nichts anderes zählte. Lex überlegte sich bereits die nächsten Schritte – ein Fahrzeug auftreiben, irgendwie an die Küste kommen und dann nichts wie weg von diesem Felsen –, da hob der Wind ihn erneut ein kleines Stückchen höher, sodass er die Kirchtürme und die Ziegeldächer von Mdina und Rabat sehen konnte.

Im höchsten Turm wurde das Sonnenlicht vom kleinen gläsernen Auge eines Zielfernrohrs reflektiert.

Einen Augenblick später schlug ein einzelnes stahlummanteltes 7,62-Millimeter-Projektil nur wenige Zentimeter von Lex’ Brustbein entfernt in seinen Körper ein. Es drehte sich mehrfach mit roher Gewalt um die eigene Achse, während es sich durch seinen Brustkorb bohrte. Im Lauf der wenigen Sekundenbruchteile, die das Geschoss brauchte, um vorne in Lex’ Brust einzudringen und auf seinem Rücken wieder ins Freie zu schießen, zerfetzte es Teile des Lungengewebes und rupturierte den Herzmuskel. Blut floss in die zerklüftete Leere, die die Kugel hinterlassen hatte, und Lex zuckte und verkrampfte sich, während sein Körper von einem Moment auf den anderen den Dienst versagte.

Lex starb, noch während er dem Erdboden entgegenschwebte. Als sein Leichnam schließlich zwischen ein paar Weinstöcken unten im Tal aufschlug, waren seine Kleider und der orangefarbene Fallschirm über und über mit dunkelrotem Blut verschmiert.

Ein Tourist deutete über die Zinnen und schrie laut auf. Andere reckten ihre Handys in die Höhe, um das Ereignis zu filmen, sodass Cat und Dog schnellstmöglich das Weite suchten, aus Angst, womöglich auf das Video irgendeines Vollidioten zu geraten.

»Zurück zum Treffpunkt!«, wies Dog an und trat von der Festungsmauer zurück. Er ging los und streifte Cat mit einem kaum wahrnehmbaren Seitenblick, als hätten sie nicht das Geringste miteinander zu tun. »Du nimmst den Hauptausgang. Ich das Westtor.«

»Verstanden«, erwiderte Cat, ohne die Lippen zu bewegen. Das Kehlkopfmikrofon spürte die halb geformten Wörter in ihrer Kehle und wandelte sie in ein akustisches Signal um. Das Vibrieren hinterließ ein leichtes Hautjucken, und sie unterdrückte den Drang, sich im Gesicht zu kratzen, sondern rückte stattdessen die Sonnenbrille auf ihrem schmalen Nasenrücken zurecht.

»Ich gehe jetzt zum Wagen«, erklärte Fox. Cat wandte den Blick unwillkürlich nach oben, auch wenn sie den hochgelegenen Standort des Scharfschützen von hier aus nicht sehen konnte. »Die Polizei ist schon am Ort des ersten Versuchs. Ich schlage vor, wir entscheiden uns für die zweite Rückzugsoption.«

Dog war der Kommandeur der Einheit, darum war es seine Entscheidung, aber sowohl er als auch Cat respektierten die Erfahrung des älteren Fox, darum fiel die Antwort genau so aus, wie sie es erwartet hatte. »Einverstanden.«

Sie kam an der Kathedrale vorbei und beschleunigte ihre Schritte. Ihr Kollege war bereits in einer Seitenstraße verschwunden. »Was ist mit der Zielperson?«

»Ich habe gesehen, wo er gelandet ist«, gab Dog zurück. »Wir müssen schnell sein, wenn wir als Erste dort sein wollen.«

»Ich musste das Gewehr zurücklassen«, gestand Fox.

»Hast du es gründlich abgewischt?«, wollte Dog wissen.

»Selbstverständlich.«

»Dann ist das kein Problem«, meinte Dog. »Rückzug fortsetzen.«

Als Cat das Mdina-Tor durchquerte, verlangsamte sie ihre Schritte und kaufte sich an einem Verkaufsstand eine Flasche Wasser, so wie viele der Touristen auch. Sie bezahlte, und dann kam der grüne Fiat, der ihnen zur Verfügung gestellt worden war, um die Ecke gebogen und hielt an. Cat ging auf den Wagen zu und setzte sich auf die Rückbank.

Fox nickte knapp und fuhr weiter. An der nächsten Kreuzung hielt er erneut an und ließ Dog einsteigen. Kaum hatten sie sich wieder in Bewegung gesetzt, kam ihnen ein silberner Streifenwagen mit blau-karierter Beschriftung entgegen und raste an ihnen vorbei. Sobald er hinter der nächsten Hügelspitze verschwunden war, gab Fox Gas und lenkte den Fiat Richtung Ta’Qali.

»Warum ist er nicht schon mit dem ersten Schuss ausgeschaltet worden?« Fox Stimme klang mürrisch. Weder Dog noch Cat machte er direkt einen Vorwurf, aber trotzdem starrte Dog zunächst aus dem Fenster und ließ sich durch nichts anmerken, dass er überhaupt zugehört hatte.

»Der Grieche und der Leibwächter waren die größere Gefahr«, sagte Cat nach kurzem Schweigen, während sie das Pflaster mit dem Kehlkopfmikro von ihrem Hals zupfte. »Sie waren bewaffnet. Wir mussten zuerst sie neutralisieren.« Es war immer ein merkwürdiges Gefühl, wieder normal zu sprechen, ohne das Kehlkopfmikro. Sie musste sich jedes Mal wieder bewusst machen, dass sie nicht mehr zu flüstern brauchte.

Fox wollte gerade etwas hinzufügen, da wandte Dog sich an ihn. »Fahr einfach«, sagte er. »Wenn wir das Objekt nicht in die Finger bekommen, dann müssen wir uns etwas anderes überlegen. Und das würde eine Verlängerung unserer Mission bedeuten.« Er warf Cat einen Blick zu. »Niemand von uns will schließlich länger hierbleiben als unbedingt nötig, oder?«

Cat schüttelte den Kopf und fing an, ihren Revolver nachzuladen. Sie klappte die Trommel auf, nahm die verbrauchten Hülsen heraus und schob neue Patronen in die Öffnungen. Womöglich gab es Zeugen am Ort des Aufschlags, und falls das der Fall war, dann mussten sie ebenfalls zum Schweigen gebracht werden.