Buch
Balbina von Buntschuhs eintöniges Witwenleben wird durch eine unerwartete Erbschaft gehörig auf den Kopf gestellt. Nicht genug damit, dass sie ein völlig heruntergekommenes Haus ihr Eigen nennen kann, nein, darin campieren auch noch zwei Hausbesetzer. Eigentlich müsste sie die beiden hochkant auf die Straße setzen, doch die Studenten unterbreiten ihr ein unwiderstehliches Angebot: Gemeinsam mit ein paar Freunden wollen sie ihr beim Renovieren helfen und die Zimmer anschließend zu einem fairen Preis mieten. Balbina willigt ein. Wenn sie allerdings gewusst hätte, mit wie vielen Pannen, Turbulenzen und Missgeschicken der Weg zum Happy End gepflastert sein würde, hätte sie sich das Ganze noch mal gründlich überlegt. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste! Andererseits: Alter war ja eigentlich noch nie von Bedeutung, es sei denn, man ist eine Flasche Wein. Als sie dann noch eine überraschende Entdeckung macht, ist sie endgültig überzeugt: Ganz egal wie viele Jahre man auf dem Buckel hat – es ist nie zu spät für die beste Zeit des Lebens …
Autor
Lilli Marbach wurde im romantischen Waldnaabtal geboren, hat große Lieben und viele berufliche Höhepunkte erlebt und ist doch der Meinung, dass die besten Zeiten noch lange nicht vorbei sind – eine Erkenntnis, die ihren Leserinnen Mut machen soll, an sich und ihre Träume zu glauben. Sie selbst träumt davon, ein Haus zu erben und darin all ihre Freunde zu versammeln. Bis das in Erfüllung geht, konzentriert sie sich ganz auf ihre größte Leidenschaft, das Schreiben. Lilli Marbach wohnt und arbeitet in München.
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Lilli Marbach
Das Beste wartet
noch auf dich
Roman

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Copyright © 2020 by Lilli Marbach
© 2020 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Angela Kuepper
Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de
KW·Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-24742-3
V002
www.blanvalet.de
Es ist nie zu spät für große Träume
1
Veränderungen sind immer eine Herausforderung, steht auf dem Kalenderblatt. Treffer! Heute ist nämlich Haarfärben angesagt. Auf diese Weise verwandle ich mich von der ollen Witwe in die Frau ohne Alter, deren Haar rötlich braun glänzt wie frisch gefallene Kastanien. Die Herausforderung ist das gleichmäßige Verteilen der Haarfarbe, vor allem am Hinterkopf, wofür man ein achtarmiger Tintenfisch sein müsste. Das sollte in der Gebrauchsanleitung stehen. Dann würde jeder verstehen, wie schwierig es ist, die Pampe überall auf dem Kopf zu verteilen. Allerdings gehöre ich ja zu den Menschen, die Gebrauchsanleitungen nur überfliegen, den Text als viel zu lang empfinden und ihn nie zu Ende lesen. Mit dem Ergebnis, dass ich einmal drei verschiedene Farbtöne auf dem Kopf hatte. Dumm gelaufen, habe ich geflucht, aber Albert, mein geliebter und vor zehn Jahren verstorbener Gatte, hat nur lachend gemeint: »Jetzt siehst du aus wie eine Glückskatze.«
Also los! Farbe mischen, auftragen und auf ein tadelloses Ergebnis hoffen, denn frisch gefärbtes Haar verjüngt locker um fünf Jahre. Eine Weile habe ich es gewagt, die Farbe rauswachsen zu lassen, und stolz mein ergrautes Haar getragen. Aber irgendwann war ich es leid, unsichtbar für meine Umwelt zu sein, an der Supermarktkasse weggeschubst oder auf der Rolltreppe halb umgerannt zu werden. Bei Männern steht graues Haar ja für Reife, gar für Erfolg, und die Werbeindustrie vermarktet den ergrauten Herrn als »interessanten Typen«. Einer grauhaarigen Frau aber wird insgeheim das wenig schmeichelhafte Etikett »alte Schachtel« verpasst. Es sei denn, sie ist dürr wie eine Salzlette und trägt schrille Designerklamotten, dann kann sie es sogar auf das Cover der Oldie-Vogue schaffen. Ein Ziel, das nicht auf meiner Wunschliste steht. Und das hat gute Gründe.
Für meine Figur trifft eher das Prädikat XL-Lette zu, und wenn ich in den Spiegel gucke, weiß ich oft nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat meine Statur sich von einem zierlichen Sommer- in einen drallen Winterkörper verändert. Für den nur noch geblümte Säcke hergestellt werden und schon gar keine Badeanzüge, deren raffinierter Schnitt ein paar Kilo zu viel geschickt verdecken würde. Ich vermute, die meisten Designer sind der Meinung: Wo kämen wir denn hin, wenn Frauen auch mit über sechzig noch attraktiv aussähen. Seit meiner körperlichen Verwandlung liebe ich den Frühling und den Herbst. Den Sommer würde ich gern überspringen. Erst recht, wenn er bereits im Mai mit tropischen Temperaturen beginnt, was in mir regelmäßig die Sehnsucht weckt, in einer Tiefkühltruhe zu leben.
Selbstredend hat der Sommer Vorteile: Man benötigt weniger Klamotten, spart Heizung und auch Strom, weil die Waschmaschine seltener zum Einsatz kommt. Auf den Märkten werden heimische Beeren, knackiges Gemüse und schmackhafte Tomaten verkauft statt der spanischen Wasserbomben, die gerade noch an der roten Farbe zu erkennen sind. Und auf meinem Bio-Balkon wachsen süß-säuerliche köstliche Kirschtomaten.
Die Kehrseite: Seit meinem Fünfzigsten leide ich bei über fünfundzwanzig Grad unter scheußlichen Hitzeattacken. Und jetzt, mit sechsundsechzig, steuert frau so langsam auf das Ende zu. Glaubt man den Statistiken, bleiben mir noch locker fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre. Aber ich sage immer: Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
Im Grund ist das Alter auch nicht von Bedeutung, es sei denn, man ist eine Flasche Wein. Ich jedenfalls halte es mit Udo Jürgens, der behauptet hat, mit sechsundsechzig Jahren würde das Leben erst anfangen, man wäre doch noch gut in Schuss, und es sei auch noch lange nicht Schluss. Wenn Udo recht hat, dann wartet das Beste noch auf mich.
Nur der Blick in den Spiegel gerät inzwischen wie gesagt zu einer echten Mutprobe. Meinen Winterkörper gar nackt zu betrachten, habe ich das letzte Mal mit sechzig gewagt, prompt ein graues Schamhaar entdeckt und mich seither nie wieder unbekleidet davorgestellt. Nicht allein wegen meines ergrauten Eroscenters, auch wegen des Hüftgolds und der Dellen an den Oberschenkeln. Von makelloser Schönheit bin ich Lichtjahre entfernt, aber solange ich die Wellenlandschaft nicht sehe, stört sie weder mich noch sonst jemanden. Und Saunabesuche stehen ohnehin nicht auf meiner Wunschliste. Fürs Schwitzen zu bezahlen wäre Geldverschwendung, denn das ist sozusagen ein kostenloser Service der Firma »Wechseljahre«.
Ich suche auch keinen Mann, denn der Prinz auf dem weißen Pferd, vor dem ich mich ausziehen würde, hat längst ein anderes Prinzesschen auf sein edles Tier gehoben. Außerdem sind Männer pflegeintensiv, müssen bekocht und bespielt werden, da bliebe mir ja kaum noch Zeit für meine Lieblingsbeschäftigung: das Lesen.
Neulich stieß ich auf einen Artikel zum Thema Alter. An dem Fünfzigsten sei das Alter noch ein weit entferntes, dunkles Land, doch bald befände man sich auf einem abschüssigen Pfad, der mit jedem Jahr steiler würde und direkt in die Grube führe. Als ich das las, habe ich beschlossen, beim Altwerden nicht mitzumachen. Basta. Aber irgendwie schleicht es sich doch unbemerkt ein. Es beginnt ganz harmlos mit zwei, drei grauen Haaren, als Nächstes verschwimmen die Buchstaben, und zack, hat man eine Lesebrille auf der Nase. Dann schlabbern die Oberarme, sodass man lieber langärmlige Oberteile trägt, man quetscht die dicken Hüften ins Miederhöschen, und bis zum Gebiss ist es auch nicht mehr weit. Das Ganze endet mit einem Rollator. Normalerweise kann ich darüber nur lachen, schließlich trifft es irgendwann jeden. Nur heute ist mir melancholisch zumute. Es sind die bittersüßen Erinnerungen an den Sommer 1974 auf Ibiza, die mich in letzter Zeit quälen. An heiße Küsse, trunkene Liebesnächte, tausend Treueschwüre …
An tropischen Sommertagen sehe ich mich in den Armen eines Mannes liegen, den ich glaubte, längst vergessen zu haben. Manchmal habe ich das Gefühl, mir alles nur einzubilden. Dass Tom, der Sohn und Erbe einer renommierten Papierfabrik, mich, eine kleine Buchhändlerin, heiraten wollte. Damals, als ich weder Bauch noch Cellulitis und höchstens ein paar kleidsame Lachfältchen hatte. Als wir leidenschaftlich verliebt waren und glaubten, durch die Liebe für immer jung zu bleiben und niemals grauhaarig zu werden.
Wie Tom heute wohl aussieht, frage ich mich, während ich mir die Arme verrenke, um vom Deckhaar ein paar Strähnen abzuteilen, die ich mit Alufolie umwickle, damit sie grau bleiben und als Highlights wirken. Helle Strähnen hatte doch auch Audrey Hepburn als Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany, ich finde, sie wirken cool und völlig altersunabhängig. Auf dem Ansatz verteile ich gleichmäßig Kastanienbraun.
Ich würde zu gern wissen, warum Toms Traum von der Schriftstellerkarriere geplatzt ist. Dass er nie ein Buch veröffentlicht hat, weiß ich aus sicherer Quelle. In der Buchhandlung meiner Eltern erhielten wir regelmäßig die Vorschaukataloge der großen Verlage, einen Roman von Tom konnte ich in keinem entdecken.
Bis vor einigen Monaten hatte ich jede Erinnerung an die Zeit mit ihm, ja sogar seinen Namen, erfolgreich verdrängt. Doch 2018, in jenem tropischen Endlossommer, kamen die Bilder zurück. Es scheint, als ließen sich solch prägende Erlebnisse doch nicht im Abfalleimer der Vergangenheit entsorgen, wie die Urlaubsfotos, die Tom mit einer Polaroidkamera schoss. In Tränen aufgelöst, habe ich die Bilder verbrannt und gehofft, mein Schmerz würde sich genauso in Rauch auflösen wie diese Fotografien aus glücklichen Tagen oder das von Tom verfasste Liebesgedicht.
Ich wusste nichts von Liebe, bevor ich dich traf – so lautete die erste Zeile auf einem handgeschriebenen Blatt, das ich ebenfalls dem Feuer geopfert habe. Ich war fest davon überzeugt, dass er mich genauso liebte wie ich ihn. Doch dann ist er einfach verschwunden. Ohne ein Wort. Spurlos. Ich war zutiefst verzweifelt und wollte alles vernichten, was mich auch nur im Entferntesten an ihn erinnert. Inzwischen bedauere ich, seine Liebesbeweise zerstört und das zauberhafte bunte Glasperlenarmband, das Tom mir auf Ibiza geschenkt hatte, im Müll entsorgt zu haben …
Jetzt reicht’s aber mit den melancholischen Rückblicken, rüge ich mich. Konzentriere dich lieber auf das Hier und Jetzt. Auf die Quark-Eigelb-Maske, die angeblich Falten mildert und die ich jetzt, wo die Haarfarbe einwirkt, auch noch auftrage. In dreißig Minuten werde ich fast wieder wie neu sein. Dann werde ich hinter dem Abbild der sechsundsechzigjährigen Frau wieder das junge Mädchen mit dem Porzellanteint entdecken, das ich in Gedanken noch immer bin.
Während Farbe und Maske ihre Wirkung entfalten, brühe ich frischen Tee auf und begebe mich in das ehemalige Gästezimmer, das ich zu meiner privaten Bibliothek umgestaltet habe. Aufatmend sinke ich in den bequemen roten Samtsessel und greife nach dem Roman, der auf dem zierlichen Jugendstiltisch bereitliegt. Von knapp fünfhundert Seiten fehlten noch zwanzig, bis ich erfahre, welch dunkles Geheimnis die Protagonistin hütete. Ich liebe spannende Schicksalsromane, aber auch humorvolle Geschichten und Werke über Kunst. Insgesamt besitze ich eine stattliche Anzahl an Büchern, die sich in sieben Metern Regalwand stapeln. Dieser Schatz stammt, bis auf wenige Ausnahmen wie das neue Buch über den Bio-Balkon oder diverse Backbücher, aus dem Buchladen meiner Eltern. Sie erinnern mich nicht nur an meine Mutter, die genau wie ich in jeder freien Minute gelesen hat, und an meinen Vater mit seiner Vorliebe für unblutige Krimis, sondern auch an die glückseligen Stunden, die ich im elterlichen Buchladen verbracht habe. An das Auspacken neu eingetroffener Bücher und diesen ganz speziellen Duft, den ich am liebsten in Parfümflakons einfangen würde, um immer mal wieder daran zu schnuppern. Gegründet wurde das Geschäft 1950 von meinen Großeltern und später von meinen Eltern rentabel weitergeführt. Erst als der Onlinehandel spürbar zunahm, mussten sie Personal entlassen, und 2010 war es dann endgültig vorbei. Denn der ständig gestresste Kunde kauft heutzutage im Internet, das ist bequem und lässt sich vom Sofa aus erledigen. Das daraus folgende Ladensterben in den Städten entlockt vielen uneinsichtigen Onlinekäufern höchstens ein müdes Schulterzucken. Ein Account bei dieser monströsen amerikanischen Krake, die Einzelhändler im Sekundentakt vertilgt wie Plankton, ist einfach todschick. Es ist wohl auch zu verlockend, um Mitternacht die Fortsetzungen einer Buchserie in Sekundenschnelle auf den Reader laden zu können. Wie gern würde ich diese Ignoranten bei den Schultern packen und ihnen erklären, wie wundervoll es ist, in realen Buchläden zu stöbern, frisch gedruckte Bücher aufzuschlagen, den holzigen Duft des Papiers einzuatmen, die jungfräulichen Seiten zu befühlen, ein in vielen Stunden gelesenes Werk tatsächlich umarmen zu können. Aber es ist eine schöne neue, brutale Welt, die auch den Kunsthandel von Albert von Buntschuh auf dem Gewissen hat.
Seufzend nehme ich einen Schluck Tee und werde vom Schrillen der Klingel unterbrochen. Hastig begebe ich mich zur Tür. Als meine Hand auf der Klinke liegt, fällt mir ein, dass ich mit Haarfarbe und Gesichtsmaske zum Fürchten aussehen muss.
»Wer ist da?«, rufe ich vorsichtshalber.
»Hallihallöchen, wir sind es«, dringt es durch das Türblatt.
Ich erkenne die Stimmen des Hausmeisterpaares Müller & Müller. Kurioserweise hießen beide schon vor ihrer Heirat Müller, was unsere Doppelmüller gern erzählen und als schicksalhaft bezeichnen.
Ich öffne die Tür und entschuldige mich für mein Aussehen.
»Ich bitte Sie, Frau von Buntschuh«, winkt Ignaz, der gelernter Installateur ist, galant ab. »Wahre Schönheit kann nichts entstellen.«
»Mein Goldfasan kennt sich aus mit Schönheit, deshalb hat er mich geheiratet«, erklärt Korbinian, der Elektriker mit der roten Knubbelnase, gibt Ignaz einen Schmatz auf die Wange und hält mir die Tageszeitung entgegen. »Wir müssen in den Baumarkt und wollten fragen, ob Sie unsere Süße für ein paar Stündchen hüten könnten?«
Die »Süße« ist natürlich nicht die Zeitung, sondern Liza Minnelli, Müllers einjähriges Mopsweibchen, die mich längst als Ersatzmama akzeptiert hat und bereits an meinen Beinen vorbei in die Wohnung marschiert ist. Der Lesestoff ist als kleine Aufmerksamkeit gedacht. Irgendwann einmal erwähnte ich beiläufig, dass ich ausgelesene Zeitungen für den Biomüll benötige. Nicht die volle Wahrheit, natürlich lese ich das Blatt zuerst. Ein eigenes Abonnement erlaubt meine Witwenrente leider nicht. Mich darüber zu beklagen käme mir aber nie in den Sinn, mit Fremden über Geld zu sprechen ist vulgär. Wenngleich dieses reizende, stets gut gelaunte, hilfsbereite Ehepaar mir ans Herz gewachsen ist, als wäre es mein Kind. Theoretisch könnten die beiden fünfunddreißigjährigen Männer mit den borstigen rötlichen Haaren es auch sein.
»Die Süße ist bei mir in besten Händen«, versichere ich und nehme die Hundeleine entgegen, die Ignaz mir reicht. »Wenn mein Haar trocken ist, machen wir einen ausgiebigen Spaziergang, das Wetter ist ja herrlich.«
»Ganz reizend, liebe Frau von Buntschuh, dann bis später«, flöten Doppelmüller und hüpfen die Treppen nach unten wie freche Schulbuben.
Ich folge Madame Minnelli in die Küche, wo ich ihre Schüssel mit Wasser fülle.
Liza schlabbert einige Male, mehr aus Höflichkeit, wie mir scheint, dann begeben wir uns gemeinsam ins Lesezimmer. Kaum sitze ich bequem, Müllers Mops zu meinen Füßen, klingelt es erneut.
»Deine Papas haben wohl was vergessen«, sage ich an Liza gerichtet, die schwanzwedelnd losrennt.
Ich sause hinterher und öffne schwungvoll die Tür. Statt des schwulen Hausmeisterpaars steht ein stattlicher Postbote mit Vollbart davor, der mich entgeistert anstarrt.
»Öhm … Verzeihung, ich habe einen Brief für Frau von Buntschuh.«
Liza Minnelli gibt ein freundliches Begrüßungs-Wuff von sich. Sie scheint den Boten zu kennen.
»Steht höchstpersönlich vor Ihnen«, murmele ich und erinnere mich im selben Augenblick, noch immer die Quarkmaske im Gesicht zu haben, plus der Aluantennen und der dunkelbraunen Pampe auf dem Kopf. Vermutlich sehe ich aus, als wollte ich für ein extra schräges Cover von Punk 60-plus posieren. Logisch, dass sich der arme Mann erschrocken hat. »Möchten Sie meinen Ausweis sehen?«, füge ich deshalb freundlich hinzu.
»Nein, nein, schon in Ordnung. Cooler Style übrigens.« Grinsend wedelt er mit einem weißen Briefumschlag und hält mir mit der anderen Hand dieses Digitalgerät zur Unterschrift entgegen. »Einschreiben.«
Ich zögere. Eingeschriebene Briefe erhalten meiner Erfahrung nach selten gute Nachrichten. Ich erinnere mich da an einen Brief von der Bank, als Alberts Kunsthandel in finanzielle Schieflage geraten war.
»Nur zu, wird schon keine Bombe sein«, scherzt der Bote.
»Von wem ist es denn?«
Entsetzt reißt er die Augen auf. »Ich soll Ihre Post lesen? Das ist uns nicht erlaubt.«
»Ich erlaube es Ihnen. Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre stark sehbehindert«, erwidere ich grinsend.
Ohne auf den Absender zu blicken, erklärt er mit unschuldigem Augenaufschlag: »Notariat Clemens Nolte.«
Ich kenne keinen Nolte, und mein letzter Kontakt zu einem Notar ist etliche Jahre her. Der war damals, als wir den Kunsthandel auflösen mussten. Neugierig bin ich dennoch. Ich unterschreibe, nehme den Brief entgegen und noch ein Päckchen für die Nachbarn. Eines von Amazon – woher sonst.
Zurück in meiner Bibliothek sinke ich in den Lesesessel und mustere unschlüssig den Umschlag. Den erhofften Lotto-Hauptgewinn enthält er sicher nicht. Meine wöchentlich getippten Zahlen waren am letzten Samstag jedenfalls nicht dabei.
Ein Lottogewinn steht ganz oben auf meiner persönlichen Wunschliste, die seit Alberts Tod auf fünfzig Punkte angewachsen ist. Jeder der neunundvierzig anderen würde sich nach einem Gewinn automatisch erfüllen. Wie zum Beispiel eine Reise nach New York, zu den berühmten Galerien, Museen und natürlich in die Metropolitan Opera. Überhaupt würde ich gern noch ein bisschen reisen, bevor ich zu alt und zu krank dafür werde und statt schicker Garderobe einen prall gefüllten Medikamentenkoffer mitnehmen müsste. Albert hatte mir nach der Geschäftsaufgabe eine USA-Reise versprochen, doch als sämtliche Schulden getilgt waren, reichten die restlichen Finanzen noch für den Umzug in diese Drei-Zimmer-Wohnung am Münchner Ostfriedhof. Mit dem Rest wäre gerade mal eine Kaffeefahrt an den Staffelsee zu finanzieren gewesen – worauf ich selbstredend verzichtet habe.
Ich halte Liza Minnelli den Umschlag vor die Nase. »Riech mal, ob es sich lohnt.«
Die Hündin schnüffelt eine Minisekunde am Kuvert, schnappt es sich dann und rast damit durch die Räume, als wär’s eine leckere Beute.
Ich sause der frechen Mopshündin hinterher. Mit Bei-Fuß-Kommandos versuche ich sie zu stoppen, doch ich könnte die Befehle genauso gut gegen die Wand rufen. Liza hält das Gerenne für einen prächtigen Spaß und denkt gar nicht daran, das »Spielzeug« abzugeben. Erst als ich in die Küche abbiege und den Kühlschrank öffne, steht sie plötzlich hechelnd neben mir, und der Notarbrief landet auf dem hellgrauen Kachelboden. Liza kriegt eine Belohnungsscheibe Bierschinken und ich ein angesabbertes Kuvert mit Bissabdrücken, das ich erst mit einem Küchentuch trocken reiben muss.
Der Umschlag enthält einen einseitigen Brief. Natürlich ist die Schrift mal wieder zu klein, und ich muss die Lesebrille aus dem Bücherzimmer holen. Beim Aufsetzen verschmiert ein Brillenglas wegen der Quarkmaske, und ich muss zurück in die Küche, um es gründlich zu waschen. Dann erst kann ich die wenigen Zeilen lesen. Die Worte lösen einen kleinen Schock in mir aus. Aufgeregt sause ich in den Salon, um Albert die unfassbare Neuigkeit vorzulesen.
Mein Gatte residiert seit gut zehn Jahren in einer sternenverzierten Emaille-Urne in Königsblau auf der Biedermeierkommode. Das ist illegal, auch wenn es mir nicht in den Kopf will, warum. Es sind nichts als staubige Überreste in einem Topf, und da es in einem Haushalt permanent staubt, würde man doch meinen, dass etwas mehr davon nicht gleich den Weltuntergang bedeutet. Alberts Asche konnte ich nur mit einem Trick heimbringen. Es ist den Bestattungsinstituten nämlich erlaubt, sterbliche Überreste per Post zu verschicken. Angenommen, jemand wünscht eine Seebestattung, kommt die Urne in eine Spezialverpackung, bruchsicher und vor allem staubdicht, sonst krabbeln am Ende noch ein paar Milben dazu, und das Ganze wird an ein entsprechendes Unternehmen versandt. So trat Albert seine letzte Reise offiziell per Post an. Ich hatte keine Wahl, mir war nur die karge Witwenrente geblieben, und selbst ein mickriges Urnengrab in der hintersten Reihe wäre zu teuer gewesen. Die Lösung birgt jedoch noch weitere Vorteile: Alberts Asche auf der Kommode erspart mir nicht nur die ebenso lästige wie kostspielige Grabpflege, ich kann mich auch jederzeit mit ihm unterhalten. Selbstredend könnte ich das auch mit dem gerahmten Foto, das auf meinem Nachttisch steht – darauf sitzt er entspannt auf der Terrasse unserer früheren Villa und blickt auf den Starnberger See –, aber mit der Asche ist es irgendwie persönlicher. Den gleichen Effekt hat ja auch eine Grabstätte: Man steht davor und hält Zwiesprache mit dem Verblichenen, dabei ist es nichts weiter als ein Erdhaufen, garniert mit einem beschrifteten Stein. Wie auch immer, damit kein Besucher die Urne entdeckt und mich an irgendein Amt verpfeifen kann, habe ich sie mit einer hohlen Bronzebüste von Kaiser Wilhelm II. getarnt.
»Weißt du, wer gestorben ist?«, frage ich beim Abnehmen der Kaiserbüste und beantworte meine Frage wie üblich selbst. »Deine Taufpatin Theodora von Treuenfels.«
Falls es ein Jenseits gibt, hat Albert die Neuigkeit natürlich längst vernommen, trifft seine Patentante gar regelmäßig, und beide amüsieren sich nun prächtig über meine Frage.
Ich erinnere mich noch lebhaft an die Gräfin von Treuenfels. Eine zierliche Frau mit goldbraunen Augen, dunkler Kurzhaarfrisur und cremefarbener Garderobe, die sie ausschließlich in Paris erstand. In jungen Jahren muss sie eine umwerfende Schönheit gewesen sein, mit geschätzten zehn Verehrern an jedem Finger. Das Rennen machte dann ein zwanzig Jahre älterer Landgraf, der nicht sonderlich attraktiv, aber unermesslich reich war. Theodoras Wahlspruch lautete: Schönheit vergeht, Baugrund besteht. Nach zehnjähriger Ehe starb der Graf, ließ Theodora wohlversorgt zurück, und sie zog nach Teneriffa, der Sonne wegen. Bei ihrer letzten Stippvisite in der alten Heimat hat Theodora uns besucht. Damals residierten Albert und ich noch standesgemäß in unserer weißen Villa am Starnberger See mit parkartigem Garten und eigenem Strandabschnitt. Theodora meinte, es sei doch sehr bedauerlich, dass wir so beengt leben müssten, und nahm sich eine 5-Sterne-Suite im Hotel Vier Jahreszeiten, mit genügend Platz zum Umdrehen. Heute würde die kapriziöse Exzentrikerin nur naserümpfend durch meine schuhschachtelgroße Etagenwohnung am Giesinger Ostfriedhof schreiten, so sie überhaupt nach oben käme, und mich bedauern, weil drei Zimmer für eine alleinstehende Frau doch »enorm beengt« seien.
Amüsiert wende ich mich wieder an Albert. »Ich wurde zu Theodoras Testamentseröffnung geladen. Das wäre ja ein Knaller, wenn sie mir diese traumhafte Cartieruhr vermachen würde, die ich oft an ihr bewundert habe.«
2
Eine Woche später fülle ich eines der kostbaren Kristallgläser mit Merlot aus dem weltberühmten französischen Weingut Château Latour und nehme eine Havanna aus der Zigarrenkiste.
Wer nun glaubt, ich sei total gaga, würde mich im stillen Kämmerlein betüddeln und dazu eine Zigarre paffen, der ist auf dem Holzweg, denn auf diese Weise gedenke ich meines seligen Gatten in liebevoller Erinnerung. Jedes Jahr an Alberts Geburtstag entzünde ich ihm eine der kubanischen Zigarren, lasse sie neben seiner Urne in einem weißen Marmoraschenbecher verglimmen und süffle an seiner Stelle den Rotwein. Dieses feierliche Ritual, inklusive eines fiesen Hustenanfalls nach dem ersten Zug an der Kubanischen, wiederholt sich auch an seinem Todestag. Ich gebe gerne zu, es ist eine absonderliche Gewohnheit, aber was wäre das Leben ohne Schrullen? Weitaus schrulliger war doch Queen Victoria, die nach dem Tod ihres viel zu früh verblichenen Göttergatten – der übrigens auch Albert hieß – vierzig Jahre lang täglich Kleidung für ihn herauslegen, warmes Wasser bereitstellen und in seinem Schlafzimmer Bettlaken und Handtücher wechseln ließ. Dagegen sind Rotwein mit Zigarre doch harmlos. Und weil ich sonst keinen Alkohol trinke, bin ich nach ein, zwei Gläsern Wein ziemlich beschwipst und falle dann schon mal laut singend ins Bett.
Mit dem Glas in der Hand setze ich mich in Alberts braunen Ledersessel.
»Auf dich, mein Guter!« Ehrfürchtig trinke ich einen kleinen Schluck in Erinnerung an seine ebenso ausufernde wie blumige Beschreibung des Bouquets. Albert hat immer gemahnt, edle Weine stets mit Andacht zu genießen. Er hat mir auch gezeigt, wie genau man das macht (Schluck im Mund behalten, Luft einsaugen, schlürfen und das ganze Pipapo), aber trotz aller Hochachtung schmeckt mir das teure Tröpfchen nicht besonders. Vermutlich sind zwei Flaschen pro Jahr zu wenig, um Weinkenner zu werden. Oder es liegt an meiner Vorliebe für Schaumweine. Ein kühles Glas Prosecco ist mir allemal lieber als jeglicher Château Dingenskirchen.
Nach dem zweiten Glas habe ich mich an den herben Geschmack des Rotweins gewöhnt und erzähle Albert von der Testamentseröffnung, die am Vormittag in der Kanzlei Nolte stattgefunden hat. Ausführlich schildere ich ihm die steifen Formalitäten.
»Stell dir vor! Der Notar setzte etwas umständlich seine Brille auf, brach bedachtsam das Siegel eines Umschlags, entnahm das handgeschriebene Testament und räusperte sich mehrmals, bevor er in feierlichem Tonfall zu lesen begann. Sabrina und Stefan, Theodoras Kinder, haben die väterlichen Landgüter, Wälder und obendrauf ein ansehnliches Vermögen geerbt. Den insgesamt sechs Enkelkindern hat die spendable Großmama gewinnträchtige Aktienpakete, Rennwagen und Rennpferde mit exotischen Namen hinterlassen.« Darauf nehme ich einen Schluck Wein. »Und dann war da noch ein Mietshaus in München, das sie – du glaubst es nicht! – mir hinterlassen hat. Hättest du das gedacht, Albert?« Ich kann es jedenfalls immer noch nicht fassen, es fühlt sich nach wie vor so unwirklich an. Da rechne ich mit einer goldenen Uhr, die leider mit keiner Silbe erwähnt wurde, und dann haut es mich fast vom Polsterstuhl, als dieser Nolte meinen Namen sagt und mit gelassener Stimme verliest: »Balbina von Buntschuh, der Witwe meines verstorbenen Patensohnes Albert von Buntschuh, vermache ich mein Anwesen ›Am Rosenberg‹.«
Ich nippe am Wein und wende mich wieder Albert zu. »Du kannst dir sicher denken, wie ich nach Luft geschnappt habe. Ich, die ich gerade so über die Runden komme, mir jedes Vergnügen verkneife und in Uralt-Klamotten rumrenne, erbe eine Immobilie. Mein Anwesen …«, ich lausche dem Klang dieses märchenhaften Wortes nach, »liegt im Stadtteil Thalkirchen, Nähe Isar und Tierpark. Kennst du das Haus? Ich kann dir leider kein Foto zeigen, der Notar hatte keines, meinte aber, falls ich es verkaufen wolle, fänden sich sofort Interessenten, die dafür ein hübsches Sümmchen im hohen siebenstelligen Bereich bieten würden. Siebenstellig! Eine berauschende Zahl. Stell dir das mal vor, Albert … Weißt du, was das bedeutet? Ich werde Stammkundin bei Feinkost Käfer und kann den Bettlern auf der Straße endlich wieder was in die Pappbecher werfen.« Albert hüllt sich trotz der Sensationsnachrichten wie üblich in Schweigen, nicht überraschend, zu Lebzeiten war er auch keine Plaudertasche.
»Nun denn, ich werde mein Millionenerbe baldmöglichst in Augenschein nehmen.« Zur Feier des Tages gieße ich Rotwein nach und sehe mich in einer weißen Limousine nach Thalkirchen fahren. Hach, so lässt es sich aushalten. Bliebe noch die Frage, wie ich schnellstens zu etwas Bargeld komme. Meine Witwenrente reicht nämlich für solche Limousinenmätzchen nicht aus, ich muss wohl bei der Bank einen Kleinkredit beantragen. Auch wenn es für mich eine bittere Pille ist, mit Fremden über meine finanzielle Misere zu reden … Aber ich werde mich überwinden. Als reiche Erbin mit dem Omnibus zu meinem Anwesen zu fahren ist nicht gerade standesgemäß. Außerdem möchte ich zukünftig nur noch cool gestylt sein und mich nie wieder von einem Postboten schwach anreden lassen. Mir regelmäßige Friseurbesuche gönnen und endlich kleine Wünsche erfüllen können, wie Theater- oder Opernbesuche oder eine frische, ungelesene Tageszeitung, auf die ich seit Jahren verzichte. Nicht nur, weil mir das nötige Kleingeld fehlt, für manche Unternehmungen mangelt es auch an der nötigen Ausstattung. Das einzige vorzeigbare Stück in meinem überschaubaren Kleiderschrank ist ein Chanel-Kostüm mit breiten Schultern, die einen aussehen lassen wie ein Kampfweib. Wie meine gesamte Garderobe stammt es aus der Zeit, als wir noch am Starnberger See residierten und uns nicht zum Etagenadel zählen mussten. Aber nichts währt ewig. Etwa um das Jahr 2005 stand Albert oft tagelang allein in unserem Antiquitätenladen und vertrieb sich die Zeit mit dem Polieren der wenigen Silberstücke. Ich leistete ihm Gesellschaft oder half beim Aufwirbeln der Staubmäuse. Schließlich mussten wir akzeptieren, dass die Zeiten kleiner Kunsthändler vor Ort unwiderruflich zu Ende gingen, einerlei, wie sehnsüchtig wir zurückblickten. Ehe es zu einem peinlichen Konkurs oder gar Offenbarungseid gekommen wäre, gab Albert das Geschäft auf. Nach seinem Tod habe ich dann sämtlichen wertvollen Schmuck, Designerkleider und Antiquitäten verscherbelt. Und das auch noch bei genau diesem Online-Auktions-Händler, der mitschuldig am Konkurs von Alberts Kunsthandel war – welch eine Ironie. So viel zum Thema Veränderungen sind immer eine Herausforderung.
Schluss mit Erinnerungen, jetzt fängt ein neues Leben an! Eines, in dem ich mir täglich ein Gläschen Schampus leisten könnte. Übermütig trällere ich den Song von Peggy March vor mich hin, in dem es um Träume ging, die in den Himmel der Liebe wachsen … Stopp, meine großen Träume gingen ja alle den Bach runter, also realistisch bleiben, einen Kleinkredit beantragen und es gleich mal ein bisschen krachen lassen. Geld allein macht nicht glücklich, wird ja allgemein behauptet, aber kein Geld macht genauso wenig glücklich. Und wenn schon unglücklich, dann weint es sich doch weitaus angenehmer in einer herrschaftlichen Villa am See als in einer schäbigen Etagenwohnung.
In Chanel aus den Neunzigern, die Haut matt gepudert, die Lippen in dezentem Rot geschminkt, die Wimpern getuscht – ohne Lidschatten, denn alte, faltige Augenlider wirken schnell wie die eines Leguans – und dem Notarbrief in der nachgemachten Chanel-Handtasche aus billigem Kunstleder begebe ich mich auf den Weg. Es herrscht tadelloses Wetter, die Sonne strahlt von einem knallblauen Himmel, den weiße Wattewölkchen zieren. Mein Albert hätte gesagt: ein Tag zum Heldenzeugen. Und als mir in der Trambahn ein junger Mann zuzwinkert, weiß ich, die Quarkmaske hat gewirkt.
Bestens gelaunt erreiche ich das Kreditinstitut und steuere mit hoch erhobener Nase auf den Kundenschalter zu. Doch anstatt Frau Seltmann, meiner langjährigen Beraterin, die mir so vertraut ist wie eine lieb gewonnene Bekannte, begrüßt mich ein junger Mann, kaum älter als fünfundzwanzig, mit Fusselbart im Kindergesicht.
Meine Frage nach Frau Seltmann beantwortet er mit einem ungeduldigen: »Wurde in den Vorruhestand versetzt.«
Ich verlange den Filialleiter zu sprechen, worauf der junge Berater mich höflich unterrichtet: »Dafür müssen Sie einen Termin vereinbaren. Worum handelt es sich?«
Aus den Zeiten unseres Kunsthandels besitze ich ausreichend Erfahrung mit Banken und weiß sehr genau, wie man hochnäsigen Schnöseln, die sich in einer Machtposition wähnen, Manieren beibringt.
»Um eine Immobilie«, antworte ich knapp.
Das trifft ins Schwarze seiner ewig hungrigen Bankerseele. Seine babyblauen Augen glitzern gierig, von einer Sekunde zur anderen bittet er mich ausnehmend höflich in einen abgeschlossenen Büroraum und stellt sich als Kevin Hausmann vor. Freundlich offeriert er mir einen bequemen Stuhl und Kaffee.
Mit einem Kopfnicken nehme ich Platz. »Danke, mit Milch und Zucker bitte.« Mit diesem Lackaffen meine finanziellen Angelegenheiten besprechen zu müssen ist mir zwar eine gallenbittere Pille, aber es scheint, als könnte nur er mir das nötige Kleingeld verschaffen. Also muss ich sie schlucken.
»Mein verstorbener Mann und ich sind hier schon jahrelang Kunden, und nun habe ich eine Immobilie geerbt, auf die ich einen Kredit oder eine Hypothek aufnehmen möchte.« Ich angele die notarielle Erbschaftsbestätigung aus meiner Handtasche.
»Erlauben Sie?«, fragt er mit gierigem Blick auf das Kuvert, nachdem er mir ein Minitablett mit meinem Kaffee serviert hat.
Ich reiche ihm das Gewünschte.
Während er das Schreiben studiert, bewegen sich seine Lippen wie bei einem Grundschüler, der noch immer halb laut mitlesen muss, um sich den Inhalt einzuprägen.
Als er mir schließlich den Notarbrief über den Tisch zurückschiebt, fragt er nach meiner Kontonummer. Etliche Mausklicks später sieht er mich über den Monitor hinweg an und murmelt: »Leider fallen Sie in die Rubrik Risikokundin.«
»Wie bitte?« Selbstverständlich ist mir das Wort »Risikokundin« geläufig, und ich weiß nur zu gut, was es bedeutet. Doch mich in diese Schublade zu quetschen empfinde ich als Unverschämtheit. Ich bin kein Risiko, sondern stolze Hausbesitzerin.
»Die Eingänge auf Ihrem Konto sind zwar regelmäßig, beschränken sich aber lediglich auf die monatliche Rente«, verkündet er in aalglattem Tonfall, den er vermutlich auf einem Wie-demoralisiere-ich-Kunden-Lehrgang perfektioniert hat.
»Erzählen Sie mir etwas Neues«, schnappe ich zurück.
Zwischen seinen hellen Augenbrauen bildet sich eine steile Unmutsfalte. »Selbst für einen Kleinkredit von, sagen wir, zehntausend Euro, könnten Sie die monatliche Tilgung nicht bedienen. Von der Belastung durch eine Hypothek wollen wir gar nicht erst reden«, entgegnet er ungerührt und fügt noch hinzu: »Und mit einer lukrativen Beschäftigung, die an der Misere etwas ändern würde, wird in Ihrem Alter wohl auch nicht mehr zu rechnen sein. Würden Sie mir da zustimmen?«
Einen Augenblick lang bin ich platt, dann hole ich tief Luft, straffe die Kampfweibschultern und schiebe ihm das notarielle Schreiben wieder über den Tisch. »Womöglich haben Sie überlesen«, beginne ich und bemühe mich weiterhin um einen freundlichen Tonfall, »dass es sich um ein Mietshaus mit mehreren Parteien handelt?«
»Schön und gut, doch hier steht, das Haus ist unbewohnt – da sieht es mit Mieteinnahmen nicht gerade rosig aus. Und offen gestanden zählt Thalkirchen auch nicht zu den begehrtesten Gegenden.« Abfällig zieht er den Namen des Stadtteils in die Länge. »Im Monopoly würde die Straße zu den billigsten …«
»Monopoly?«, fahre ich wütend dazwischen. »Sie mögen mich für eine naive alte Frau halten, doch ich weiß sehr genau, dass, im Gegensatz zu Monopoly, in ganz München, selbst in der Peripherie, keine guten oder schlechten Gegenden existieren. Jeder Acker im Umkreis von rund fünfzig Kilometern zählt zu den begehrten Gegenden. Überall sind die Preise pro Quadratmeter die höchsten der gesamten Republik, falls Ihnen das entgangen ist.«
Nachdenklich befummelt er sein Bärtchen, meine Zurechtweisung scheint ihn wohl doch zu jucken. Konzentriert starrt er auf den Monitor.
»Es gäbe da eine Möglichkeit …«
Na bitte, geht doch, denke ich siegessicher. Und jetzt, wo er die Hand so exponiert am Kinn platziert hat, fällt mir der lange Ringfinger auf, der bei Männern ein Indiz für Risikobereitschaft sein soll. Will heißen: Er wird mir den Kredit geben.
»Nun, es ist doch so, dass eine baufällige Immobilie gerade in Ihrem Alter eher einer Belastung gleichkommt. Ich meine, was könnten Sie schon damit anfangen? Sie können nicht einziehen, und Renovierungen in Eigenarbeit fallen wohl auch flach. Würden Sie mir in diesem Punkt zustimmen?«
Ah, die Technik des Herunterredens. Ist mir bekannt. Wenn Albert den Preis für ein zu teures Gemälde drücken wollte, erfand er tausend Mängel, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aber wenn der Kerl glaubt, ich falle darauf rein, hat er sich geschnitten. »Nun reden Sie nicht um den heißen Brei herum, ich habe nicht ewig Zeit wie manche Bankangestellte«, fahre ich ihn an.
»Verkaufen Sie das Anwesen!« Er angelt einen Stift aus einem roten Kaffeebecher, kritzelt etwas auf einen Notizzettel und schiebt ihn mir zu. »Wir bieten einen ansehnlichen Preis.«
Ich werfe einen Blick auf das Angebot, sage lachend: »Träumen Sie weiter«, und verabschiede mich mit einem knappen Kopfnicken.
Der hingekritzelte Betrag liegt eine Million unter dem, den Nolte angedeutet hat. Dennoch verwirren mich siebenstellige Summen mindestens so sehr, als hätte ich den sagenumwobenen Goldtopf am Ende des Regenbogens gefunden. Bei dem Gedanken, nicht mehr auf jeden Cent achten zu müssen, mir ein paar Wünsche von meiner Liste zu erfüllen, tanzen Glitzersternchen vor meinen Augen. Als Erstes werde ich meine schrabbelige Handtasche gegen eine aus echtem Leder tauschen. Aber das Angebot sofort anzunehmen wäre unklug. Ärgerlich nur, dass ich nun doch nicht so flüssig bin wie erhofft und wieder mit der Trambahn nach Hause fahren muss.