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Buch

Der Magier Pug wird von einem prophetischen Traum heimgesucht: Ein mächtiger Feind wird in naher Zukunft über Midkemia herfallen und das Land in tiefe Finsternis stürzen. Sofort lässt Pug das Konklave der Schatten einberufen, um vor der fremden Bedrohung zu warnen. Von alldem bekommt Pugs Sohn Magnus aber nur wenig mit. Er befindet sich auf Forschungsreise in Kelewan, da dort ein bislang unbekanntes Volk – die Talnoy – entdeckt wurde. Doch die scheinbar so friedlichen Wesen bergen ein hochgefährliches Geheimnis …

Au­tor

Raymond Feist wurde 1945 in Los Angeles geboren und lebt in San Diego im Süden Kaliforniens. Viele Jahre lang hat er Rollenspiele und Computerspiele entwickelt. Aus dieser Tätigkeit entstand auch die fantastische Welt seiner Romane: Midkemia. Die in den 80er Jahren begonnene Saga ist bereits ein Klassiker des Fantasy-Genres, und Feist gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Fantasy in der Tradition Tolkiens.

Von Raymond Feist bereits erschienen

Die Midkemia-Saga

Die Midkemia-Chronik

Die Schlangenkrieg-Saga

Die Erben von Midkemia

Der dunkle Krieg von Midkemia

Die Kelewan-Saga

Die Krondor-Saga

Die Legenden von Midkemia

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Raymond Feist

Der dunkle Krieg
von Midkemia 1

Der Flug der Nachtfalken

Roman

Deutsch von
Regina Winter

Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Flight of the Nighthawks. The Darkwar (Vol 1)« bei Voyager/Harper Collins Publishers, London.

Der vorliegende Roman ist 2006 bereits im Blanvalet Verlag erschienen unter dem Titel: »Die Erben von Midkemia 4: Der Flug der Nachtfalken«.

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Copyright der Originalausgabe © 2004 by Raymond E. Feist

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2006 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Peter Thannisch

Umschlaggestaltung und -illustration: © Isabelle Hirtz, Inkcraft

Karten: © Melanie Korte, Inkcraft

DN · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werk­statt GmbH, Bad Aib­ling

ISBN 978-3-641-24880-2
V001

www.blanvalet.de

Prolog

Der Vorbote

Der Sturm war losgebrochen.

Pug tänzelte am Rand der Felsen entlang und konnte auf seinem Weg zu den Gezeitentümpeln kaum Halt finden. Er sah sich aufgeregt um, spähte in jeden Tümpel unterhalb der Klippe und hielt Ausschau nach den stachligen Geschöpfen, die der Sturm dorthin getrieben hatte.

Seine jungenhaften Muskeln spannten sich unter dem dünnen Hemd, als er den Sack voller Sandkriecher und Krebse, die er in diesem Wassergarten geerntet hatte, auf der Schulter zurechtrückte. Die Nachmittagssonne brachte die Gischt, die um ihn herumwirbelte, zum Glitzern, und der Westwind zerzauste sein braunes Haar, das von der Sonne viel heller geworden war.

Pug setzte den Sack ab, überzeugte sich noch einmal, dass er gut zugebunden war, und hockte sich dann auf eine sandige Fläche. Der Sack war noch nicht ganz voll, aber Pug freute sich auf eine zusätzliche Stunde der Ruhe. Megar, der Koch, würde ihn nicht schelten, wenn er länger wegblieb, solange der Sack nur einigermaßen voll war.

Er lehnte sich an einen großen Stein und begann sich zu entspannen. Dann öffnete er plötzlich die Augen. Er war eingeschlafen. Oder zumindest wusste er, dass er hier einmal eingeschlafen war … Er setzte sich aufrecht hin.

Kühle Gischt traf ihn im Gesicht. Irgendwie war Zeit vergangen, ohne dass er auch nur die Augen geschlossen hatte. Angst stieg in ihm auf, und er wusste, dass er viel zu lange weggeblieben war. Im Westen, über dem Meer, ballten sich dunkle Gewitterwolken über den schwarzen Umrissen der Sechs Schwestern, den kleinen Inseln am Horizont. Die brodelnden Wolken, die Regen wie einen rußigen Schleier hinter sich herzogen, kündigten ein weiteres plötzliches Unwetter an, wie sie im Frühsommer an diesem Teil der Küste so häufig waren. Der Wind trieb die Wolken mit unnatürlicher Heftigkeit vor sich her, und das entfernte Donnern wurde jeden Augenblick lauter.

Pug drehte sich um, sah in alle Richtungen. Irgendetwas stimmte nicht. Er wusste, dass er viele Male zuvor hier gewesen war, aber … Nein, er war schon einmal hier gewesen! Nicht nur an diesem Ort, sondern er hatte genau diesen Augenblick schon einmal erlebt!

Im Süden erhoben sich die hohen Klippen von Seglers Gram, an die sich die Wellen brachen. Die Wellen hinter den Brechern hatten nun weiße Gischtkappen, ein untrügliches Zeichen, dass das Unwetter schnell zuschlagen würde.

Pug wusste, er war in Gefahr, denn bei einem solchen Sommerunwetter ertranken immer wieder Leute am Strand oder, wenn sie noch schlimmer waren, sogar im Tiefland dahinter. Er griff nach seinem Sack und machte sich auf nach Norden, zur Burg.

Als er an den Tümpeln entlangrannte, spürte er, wie die Kühle im Wind einer tieferen, nasseren Kälte wich. Der Tag wurde von einem Flickwerk von Schatten gebrochen, als die ersten Wolken vor die Sonne zogen, bunte Farben verblassten zu Grau in unterschiedlichen Tönen. Draußen über dem Meer zuckten Blitze vor den schwarzen Wolken, und das Donnergrollen war bald schon lauter als das Rauschen der Wellen.

Pug wurde schneller, als er ein Stück offenen Sandstrand erreichte.

Der Sturm näherte sich rascher, als er es für möglich gehalten hätte, trieb die schnell ansteigende Flut vor sich her. Bis er den zweiten Streifen von Gezeitentümpeln erreichte, gab es nur noch zehn Fuß trockenen Sands zwischen dem Wasser und den Klippen. Pug rannte so schnell, wie es auf diesen Steinen möglich war, und wäre zweimal beinahe mit dem Fuß umgeknickt. Als er die nächste Sandfläche erreichte, verschätzte er sich beim Sprung vom letzten Felsen und kam falsch auf, wobei er sich den Knöchel verrenkte.

Er war schon einmal hier gewesen, hatte sich schon einmal den Knöchel verrenkt, als er gesprungen war, und einen Augenblick später war eine große Welle über ihn hinweggerauscht.

Pug drehte sich um, starrte zum Meer, doch statt über ihn hinwegzuspülen, zog sich das Wasser zurück! Es schien sich zu sammeln, und dabei stieg es höher und höher, und bald schon erhob sich eine Mauer aus Wasser bis zum Himmel. Ein Donnerschlag explodierte direkt über Pugs Kopf, und er duckte sich unwillkürlich. Er wagte einen Blick nach oben und fragte sich, wie sich die Wolken so schnell hatten über ihn zusammenballen können. Wohin war die Sonne verschwunden?

Die brodelnden Brecher stiegen weiter auf, und nun entdeckte der entsetzte Pug, dass sich etwas innerhalb der flüssigen Mauer bewegte. Sie erinnerte an eine Barriere aus seegrünem Glas, mit Wolken aus sandigen Gebilden und Luftblasen, aber durchsichtig genug, dass man die Gestalten darin erkennen konnte.

Bewaffnete Geschöpfe standen in militärischer Formation und warteten darauf, Crydee zu erobern, und ein Wort drängte sich in Pugs Kopf: Dasati!

Er drehte sich um und ließ den Sack fallen, während er versuchte, auf höheren Boden zu gelangen. Er musste Herzog Borric warnen! Der Herzog würde wissen, was zu tun war!

Aber der Herzog war tot, schon seit über einem Jahrhundert.

Voller Panik versuchte der Junge, die niedrige Anhöhe hinaufzuklettern, aber seine Hände und Füße fanden keinen Halt. Er spürte, wie ihm vor Enttäuschung und Wut Tränen in die Augen traten, und blickte über die Schulter zurück.

Die schwarzen Gestalten setzten sich in der höher werdenden Wassermauer in Bewegung. Als sie vorwärtsmarschierten, erhob sich die Welle zu noch unmöglicherer Höhe und verdeckte den bereits sturmgrauen Himmel. Über und hinter der massiven Welle zeigte sich ein Etwas aus finsterem Zorn, eine mächtige Präsenz, die ein Ziel und ein Bewusstsein hatte. Aus ihr ergoss sich reine Böswilligkeit, ein Miasma der Finsternis, so gewaltig, dass der Junge hintenüberfiel und hilflos sitzen blieb.

Pug sah die dunkle Armee der Dasati, die auf ihn zumarschierte, direkt aus den Wellen heraus, die das hassenswerte Ding am Himmel schwarz gefärbt hatte. Er kam langsam auf die Beine, ballte die Hände zu Fäusten und blieb trotzig stehen, aber er wusste, er war machtlos. Er war nur ein Junge, nicht einmal vierzehn Sommer alt, nicht einmal ausgewählt, Lehrling eines Handwerksmeisters zu werden, ein Junge ohne Familie und Namen, der in der Burg wohnte.

Dann hob der Dasati-Krieger, der Pug am nächsten stand, sein Schwert, und ein böswilliger Triumphschrei erklang wie ein Glockenschlag, der den Jungen in die Knie zwang. Pug erwartete, dass die Klinge nach unten gerissen wurde, aber er sah, dass der Dasati zögerte. Hinter ihm schien auch die Welle – die nun höher war als der höchste Turm der Burg Crydee – einen Augenblick innezuhalten, dann raste sie auf ihn zu und riss den Dasati, bevor er das Schwert auf den Jungen hinabsausen lassen konnte, mit sich.

Pug schrie auf – und setzte sich im Bett auf. Er war vollkommen nass geschwitzt.

»Was ist denn?«, fragte die Frau neben ihm erschrocken.

Pug drehte sich zu seiner Gattin um, die er in der Dunkelheit ihres Schlafzimmers eher spürte als sah. Er riss sich zusammen und sagte: »Ein Traum. Nichts weiter.«

Miranda setzte sich aufrecht hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. Mit einer beiläufigen Geste der anderen Hand ließ sie alle Kerzen im Schlafzimmer aufflackern. In deren sanftem Licht sah sie, dass seine Haut vor Schweiß glänzte. »Es muss ein ziemlich schlimmer Traum gewesen sein«, sagte sie leise. »Du bist völlig verschwitzt.«

Pug sah sie in dem warmen Licht an. Er war nun mehr als sein halbes Leben mit Miranda verheiratet, und sie war immer noch ein Rätsel für ihn und manchmal auch eine Herausforderung. Aber in Augenblicken wie diesem war er dankbar, sie in seiner Nähe zu haben.

Ihre Verbindung war von seltsamer Art, denn sie gehörten zu den mächtigsten Magiern von Midkemia, und das allein schon machte sie beide einzigartig. Darüber hinaus hatten sich ihre Geschichten schon überschnitten, bevor sie einander begegnet waren. Pugs Leben war von Mirandas Vater, Macros dem Schwarzen, beeinflusst worden, und immer noch fragten sie sich hin und wieder, ob ihre Ehe nicht zu Macros’ schlauen Plänen gehörte. Aber wie auch immer, sie hatten im jeweils anderen eine Person gefunden, die die Lasten und Heraus­forderungen ihres Lebens verstand, wie es sonst niemand konnte.

Pug stand auf, und während er zum Waschbecken ging, um dort ein Tuch ins Wasser zu tunken, sagte sie: »Erzähl mir von dem Traum, Pug.«

»Ich war wieder ein Junge. Ich habe dir doch erzählt, wie ich am Strand einmal beinahe ertrunken wäre, am selben Tag, als mich Kulgans Helfer Meecham vor dem Eber rettete.« Pug begann sich zu waschen. »Diesmal konnte ich den Strand nicht verlassen, und die Dasati kamen aus dem Unwetter.«

Miranda lehnte sich an das kunstvolle Kopfteil des Bettes, das Pug ihr vor vielen Jahren geschenkt hatte. »Es ist verständlich, dass du so etwas träumst. Du fühlst dich einfach überfordert.«

Er nickte, und für einen Moment sah sie im weichen Licht der Kerzen den Jungen, der er einmal gewesen sein musste. Solche Augenblicke waren selten. Miranda war älter als ihr Mann – mehr als fünfzig Jahre älter –, aber Pug trug eine größere Verantwortung als jeder andere im Konklave der Schatten. Er sprach selten darüber, aber sie wusste, dass er während des Krieges gegen die Smaragdkönigin vor vielen Jahren von einem mächtigen Dämon so schwer verbrannt worden war, dass er bereits im Sterben gelegen hatte. Seitdem hatte er sich verändert, war demütiger und weniger selbstsicher. Die Veränderung fiel lediglich denen auf, die Pug sehr nahestanden, und auch das nur selten, aber sie war vorhanden.

»Ja, ich fühle mich überfordert«, gestand Pug ein. »Das Ausmaß dieser Dinge … Es bewirkt, dass ich mich manchmal … nun ja, unbedeutend fühle.«

Sie lächelte, stand auf und stellte sich hinter ihren Mann. Pug war über hundert Jahre alt, aber er sah nicht älter aus als vierzig. Sein Körper war immer noch fest und muskulös, obwohl sich in seinem Haar nun eine erste Spur von Grau zeigte. Er hatte bereits die Spanne zweier normaler Menschenleben hinter sich, und Miranda war zwar älter, aber Pug hatte weitaus mehr gelitten. Er war vier Jahre lang Gefangener und Sklave der Tsurani gewesen und dann zu einem der mächtigsten Männer dieses Reiches aufgestiegen: Er war ein Erhabener geworden, eine Schwarze Robe, ein Magier und Mitglied der Versammlung.

Katala, seine erste Frau, hatte ihn verlassen, um nach Hause zurückzukehren und bei ihrem Volk zu sterben. Gegen die Krankheit, unter der sie gelitten hatte, hatten weder Priester noch Heiler etwas ausrichten können. Dann hatte Pug seine Kinder verloren, etwas, das kein Vater je erleben sollte. Von seinen alten Freunden war nur noch Tomas am Leben. Miranda hatte einige der anderen kurz gekannt, aber die meisten waren für sie nur Namen, an die sie sich aus seinen Geschichten erinnerte: Prinz Arutha, von dem Pug nach all den Jahren immer noch voller Ehrfurcht sprach; Herzog Borric, der Vater des Prinzen, der Pug einen Familiennamen gegeben hatte; Prinzessin Carline, in die er als junger Mann verliebt gewesen war; Kulgan, sein erster Lehrer, und Meecham, Kulgans Helfer.

Die Liste der Namen ging noch weiter, aber diese Leute waren alle tot. Laurie, sein Kamerad aus den Sklavensümpfen auf Kelewan, Junker Roland, Katala … und William und Gamina, Pugs und Katalas Kinder.

Gerade dachte er an seine beiden noch lebenden Söhne. »Ich mache mir Sorgen um Magnus und Caleb«, sagte er leise, und sein Tonfall verriet ebenso viel über seine Gefühle wie seine Worte.

Sie stand immer noch hinter ihm und schlang die Arme um ihn. Seine Haut fühlte sich feucht und kalt an. »Magnus arbeitet mit den Magiern der Versammlung auf Kelewan zusammen, und Caleb sollte morgen in Stardock ankommen. Jetzt komm wieder ins Bett und lass mich dich trösten.«

»Du bist mir immer ein Trost«, sagte er liebevoll. Er drehte sich langsam in ihren Armen. Als er ihr gegenüberstand, staunte er wieder einmal über das Aussehen seiner Frau. Sie war schön und zugleich stark. Ihre Gesichtszüge wirkten durch die hohe Stirn und das zarte Kinn weicher, ihre Augen waren dunkel, ihr Blick durchdringend. »Es gibt Zeiten, in denen ich denke, dass ich dich kaum kenne, denn du neigst zu Geheimnissen. Aber manchmal habe ich wiederum das Gefühl, dich besser zu kennen als jeden anderen, mich selbst eingeschlossen. Und ich bin sicher, dass mich niemand besser versteht als du.« Er drückte sie einen Augenblick fest an sich, dann fragte er leise: »Was sollen wir nur tun?«

»Was wir tun müssen, Liebster«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Und jetzt komm wieder ins Bett. Es sind noch Stunden bis zum Morgengrauen.«

Mit einem Winken löschte Miranda alle Kerzen, und im Raum war es wieder dunkel. Pug folgte seiner Frau zum Bett, und sie schmiegten sich aneinander und suchten Trost in der Umarmung.

Pugs Geist rang immer noch mit den Bildern seines Traums, aber dann schob er sie beiseite. Er wusste, was ihn beunruhigte: Wieder einmal zwangen ihn die Umstände, gegen übermächtige Gegner anzutreten, und wieder bekam er es mit den Folgen von Ereignissen zu tun, die lange vor seiner Geburt stattgefunden hatten.

Warum, dachte er, muss ich mein Leben damit verbringen, hinter anderen Leuten sauber zu machen? Aber noch während diese Frage in seinen Gedanken Form annahm, wusste er die Antwort. Er hatte sich schon vor Jahren mit seiner Begabung abgefunden, ebenso wie damit, dass ein solches Talent auch Verantwortung mit sich brachte. Sosehr er sich mitunter auch darüber ärgerte, es lag einfach in seinem Wesen, sich verantwortlich zu fühlen.

Dennoch, dachte er, bevor er wieder einschlief, es wäre schön zurückzukehren, und sei es nur für einen einzigen Tag, in diese Zeit, als ich und Tomas Jungen waren, voll mit den Erwartungen und Hoffnungen der Jugend, eine Zeit, in der die Welt ein so viel einfacherer Ort gewesen war.

Die Brüder

Die Jungen stürzten nach draußen.

Hühner flohen. Im einen Augenblick hatten sie noch friedlich nach verschüttetem Getreide und Insekten gepickt, im nächsten gackerten sie protestierend und flatterten in alle Richtungen davon, als die beiden Jungen an ihnen vorbeikullerten und mit lautem Schimpfen auf der Dorfstraße landeten.

Für Passanten wirkten die zwei wie ein Wirbel von Fäusten, Ellbogen und Knien, der über den von den Hühnern sauber gepickten Boden rollte. Sie schlugen wild aufeinander ein, mit Hieben, die ebenso aufrichtig wie wirkungslos waren, während beide Jungen versuchten, sich weit genug voneinander loszureißen, um einen entscheidenden Schwinger zu landen, und sie gleichzeitig verhindern wollten, dass ihr Gegner einen wirkungsvollen Treffer landete. Das Ergebnis sah eher aus wie sinnloses Ringen als wie eine ernsthafte Prügelei.

Die Jungen waren etwa gleich groß und gleich alt, um die sechzehn Sommer. Der Dunkelhaarige trug ein kastanienbraunes Hemd und eine Lederhose. Er hatte breitere Schultern und war vermutlich der Stärkere von beiden. Auch der Junge mit dem dunkelblonden Haar hatte eine Lederhose an, dazu aber ein blaues Hemd. Er hatte die größere Reichweite und war ein wenig schneller.

Sie waren beinahe wie Brüder aufgewachsen, und wie es bei Brüdern nun einmal ist, neigten sie dazu, sich selbst wegen Kleinigkeiten zu streiten. Beide sahen auf eine raue Art gut aus: Sie waren sonnenverbrannt und verfügten über die zähe Kraft, die man durch lange Stunden schwerer Arbeit und kaum ausreichende Ernährung erhält. Sie waren beide nicht dumm, aber im Augenblick verhielten sie sich nicht besonders intelligent.

Der Grund ihres derzeitigen Konflikts kam hinter ihnen zur Tür hinausgeeilt und schrie zornig: »Tad! Zane! Hört sofort auf, oder ich gehe mit keinem von euch zum Fest!«

»Er hat angefangen!«, rief der Dunkelhaarige.

»Nein, hab ich nicht!«, erwiderte der andere.

Das Mädchen war im gleichen Alter wie die beiden Rivalen. Sie hatte braunes Haar wie Zane und grüne Augen wie Tad, und sie war klüger als beide zusammen und wahrscheinlich das hübscheste Mädchen in Stardockstedt.

Eine Frau war Ellie aus dem Haus gefolgt, und nun goss sie den Eimer Brunnenwasser, den sie mitgebracht hatte, kurz entschlossen über den Jungen aus.

Beide schrien erschrocken auf, ließen voneinander ab und setzten sich hin. »Ma!«, rief der Blonde. »Warum hast du das getan? Jetzt bin ich überall schlammig.«

»Dann geh und wasch den Schlamm ab, Tad.« Die Frau war hochgewachsen und sah selbst in ihrem schlichten Kleid aus grob gesponnener Wolle herrschaftlich aus. In ihrem hellbraunen Haar gab es schon ein wenig Grau, und ihr Gesicht war sonnenverbrannt und nicht ohne Falten, aber ihre Haltung war die einer viel jüngeren Frau.

Nach einem Blick auf den dunkelhaarigen Jungen fügte sie hinzu: »Du auch, Zane.« Ihre braunen Augen blitzten trotz ihrer strengen Miene vergnügt. »Caleb wird bald hier sein, und dann werden wir aufbrechen, ob mit euch beiden Raufbolde oder ohne euch.«

Die beiden Jungen standen auf und klopften sich den Staub ab, so gut es ging. Die Frau warf ihnen ein großes Tuch zu. »Reibt euch damit den Schlamm ab, und dann geht zum Brunnen, und wascht es aus! Es ist eins von meinen guten Küchentüchern.«

Ellie sah sich die beiden Streithähne mürrisch an. »Ihr seid wirklich Idioten. Ich hab doch gesagt, ich werde mit euch beiden gehen.«

»Aber du hast es zuerst zu mir gesagt«, maulte Tad. »Das bedeutet, dass du zuerst mit mir tanzen wirst.«

»Nein, tut es nicht«, widersprach Zane, bereit, erneut die Fäuste einzusetzen.

»Hört auf!«, rief die ältere Frau. »Geht und macht euch sauber!«

Murrend gehorchten die beiden.

»Marie, warum streiten sie sich dauernd?«, fragte Ellie.

»Sie langweilen sich nur.« Die Frau sah das Mädchen an. »Wann wirst du es ihnen sagen?«

Ellie stellte sich unwissend. »Was sagen?«

Marie lachte. »Du solltest es ihnen lieber bald erzählen, Mädchen. Es ist ein ziemlich schlecht gehütetes Geheimnis, und wahrscheinlich werden sie schon auf dem Fest davon erfahren.«

Das Mädchen krauste die Stirn und setzte eine gereizte Miene auf. »Wir waren einmal wie eine Familie.«

»Dinge ändern sich.« Die ältere Frau sah sich um. »Als ich mit meinen Eltern hierherkam, war Stardockstedt ein kleines Dorf. Jetzt ist es doppelt so groß. Die Akademie war erst halb fertig, und schau sie dir jetzt an!«

Beide spähten zu der Insel, die in einiger Entfernung aus dem See aufragte. »Ich sehe es jeden Tag, Marie. Genau wie du.«

Das massive Gebäude dominierte die Insel in der Mitte des Großen Sternsees, wo es sich erhob wie ein dunkler Berg. Das Dorf am Rand der Akademie nahm nun den gesamten Nordostteil der Insel ein. Nur jene, die in der Akademie der Magier arbeiteten, wohnten dort. Stardockstedt war um die Fährstation zur Insel hin gewachsen. Es hatte mit einem kleinen Laden und ein paar Häusern angefangen, aber inzwischen war es das Handelszentrum für die gesamte Region.

»Nun, wenn Grame Hodover seinem Vater auch nur im Geringsten ähnlich ist«, meinte Marie, »wird er anfangen zu reden, sobald er einen Schluck Bier intus hat.«

»Und Tad und Zane werden wieder aufeinander losgehen«, schloss Ellie.

»Also solltest du es ihnen lieber so bald wie möglich sagen«, riet Marie und bedeutete dem Mädchen, ihr wieder ins Haus zu folgen. Sie betraten den einzigen Raum, der gerade genug Platz für eine Feuerstelle, einen Tisch und Bettzeug für drei bot. Sobald sie drinnen waren, sagte Marie: »Die Jungen sind deine besten Freunde, aber das wissen sie im Augenblick nicht. Sie bilden sich beide ein, in dich verliebt zu sein, aber das hat mehr mit Rivalität als mit irgendeinem ernst zu nehmenden Grund zu tun.«

Ellie nickte. »Ich habe sie sehr gern, aber sie sind wie Brüder für mich. Außerdem würde Vater, selbst wenn ich einen von ihnen heiraten wollte …«

»Ich weiß. Dein Vater ist der reichste Fuhrunternehmer in Stardockstedt, und Grames Vater ist der einzige Müller, also würde das prima passen.«

»Ich liebe Grame wirklich«, sagte Ellie. »Zumindest genug, um mit ihm den Rest meines Lebens verbringen zu wollen.«

»Liebe hat nicht viel mit den Gefühlen zu tun, die in romantischen Geschichten beschrieben werden«, warnte Marie. »Tads Vater war ein guter Mann, aber wir hatten unsere Probleme. Zanes Vater hat seine Mutter meist gut behandelt, aber wenn er trank, konnte er sehr aufbrausend sein. Bei einer Ehe muss man das Schlechte ebenso wie das Gute akzeptieren, Ellie. Zanes Mutter liebte ihre Familie, ganz gleich, welchen Ärger das mit sich brachte, und da sie meine beste Freundin war, war es nur natürlich, Zane aufzunehmen, nachdem sie starb.« Sie streckte die Hand aus und berührte sanft Ellies Arm. »So, wie ich auch dich aufgenommen hätte, wenn dein Vater nicht überlebt hätte.«

Zanes Eltern und Ellies Mutter waren bei dem letzten Troll­überfall auf die Region umgekommen, bei dem Dutzende von Dorfbewohnern ums Leben gekommen waren, bevor die Magier auf der Insel reagiert und die Ungeheuer vertrieben hatten.

»Ich weiß, Marie«, sagte das Mädchen. »Du bist den größten Teil meines Lebens wie eine Mutter für mich gewesen. Ich meine, ich kann mich noch an meine Mutter erinnern, etwa an ihre Stimme und wie sie immer vor sich hin gesummt hat, wenn sie kochte und ich auf dem Boden spielte. Und ich erinnere mich daran, wie sie mich im Arm gehalten hat.« Ellies Blick war für einen Moment in die Ferne gerichtet, dann sah sie Marie wieder an. »Aber in Wahrheit bist du die einzige Mutter, die ich wirklich hatte.« Sie lachte. »Und mein Vater hat mir nie gesagt, wie ich mit Jungen umgehen soll. Er wollte nur immer, dass ich mich von ihnen fernhalte!«

Marie lachte und umarmte das Mädchen. »Und du bist für mich die Tochter, die ich nie hatte.«

Die beiden Jungen kehrten zurück, und Tads Mutter begutachtete sie. »Ihr werdet trocken sein, bevor der Spaß anfängt«, meinte sie. »Und jetzt möchte ich, dass ihr versprecht, dass es heute keine Schlägereien mehr gibt.«

»Also gut«, sagte Tad.

»In Ordnung«, murmelte auch Zane.

»Warum macht ihr drei euch nicht schon mal auf den Weg? Ich bin sicher, alle anderen jungen Leute tun es auch.«

»Was ist mit dir?«, fragte Zane, aber sein Gesicht verriet, dass er es kaum erwarten konnte zu gehen.

»Ich warte auf Caleb. Er sollte bald hier sein.«

Zane und Ellie verabschiedeten sich und gingen, aber Tad blieb noch. Einen Moment sah es so aus, als drohte er an seinen Worten zu ersticken, aber schließlich brachte er hervor: »Mutter, wirst du Caleb heiraten?«

Marie lachte. »Wie kommst du denn darauf?«

»Nun, er war in den letzten zwei Monaten dreimal hier, und du siehst ihn oft.«

»Sein Vater hat Stardock gegründet, falls du dich erinnerst.« Sie schüttelte den Kopf. »Machst du dir Sorgen, dass ich es tue oder dass ich es nicht tue?«

Der Junge zuckte mit den Schultern, und trotz seiner schlaksigen Gestalt kam er seiner Mutter plötzlich viel erwachsener vor. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Caleb ist wohl ein guter Mann. Aber es ist einfach …«

»Er ist nicht dein Vater«, sagte sie.

»Das meinte ich nicht. Es ist nur … Na ja, er ist so oft weg.«

Marie lächelte verschmitzt. »Es gibt mehr als eine Frau, die es für einen Segen hält, dass ihr Mann oft weg ist.« Dann legte sie ihm die Hände auf die Schultern und drehte ihn zur Tür. »Und jetzt sieh zu, dass du die anderen einholst. Ich komm bald nach.«

Tad rannte hinter den anderen her, und Marie wandte ihre Aufmerksamkeit ihrem kleinen Heim zu. Alles war aufgeräumt und sauber. Sie mochte arm sein, aber Marie war stolz auf ihren ordentlichen Haushalt. Mit zwei Jungen im Haus war es nicht immer einfach, alles sauber zu halten, aber für gewöhnlich gehorchten die beiden ihr ohne Widerspruch.

Marie sah nach der Suppe, die auf dem Herd vor sich hin köchelte, und kam zu dem Schluss, dass sie fertig war. Alle im Dorf trugen zum Erntefest bei, und Maries Suppe war zwar schlicht, aber köstlich, sodass auch jene, die viel mehr zum Festmahl beisteuerten, sie stets lobten.

Als Marie einen Blick zur Tür warf, erwartete sie halb, die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes im Licht zu sehen, und für einen kurzen bitteren Moment begriff sie, dass sie nicht sicher war, wen sie sich mehr wünschte, dort zu erblicken, ihren verstorbenen Mann oder Caleb. Dann jedoch ermahnte sie sich, dass es sinnlos war, sich nach etwas zu sehnen, was man nicht haben konnte. Sie war eine Bauersfrau und kannte sich mit dem Leben aus: Es ließ einem selten eine Wahl, und um zu überleben, musste man nach vorn schauen, nicht zurück.

Kurze Zeit später hörte Marie, dass jemand auf das Haus zukam, und als sie sich umdrehte, stand Caleb in der Tür. Mit einem kleinen Lächeln fragte er: »Erwartest du jemanden?«

Sie verschränkte die Arme und sah ihn abschätzend an. Er war nur ein paar Jahre jünger als sie, aber sein glatt rasiertes Kinn und das faltenlose Gesicht ließen ihn jung wirken, obwohl sich immer mehr Grau in sein schulterlanges braunes Haar einschlich. Seine Augen waren ebenfalls braun, und er hatte den aufmerksamen Blick eines Jägers. Zudem trug er die gut gearbeitete, aber schlicht geschnittene Kleidung eines Waldläufers: einen Schlapphut aus schwarzem Filz, eine dunkelgrüne Wolltunika, die sich eng um seine breiten Schultern schmiegte, und eine Lederhose, die in wadenhohen Hirschlederstiefel steckten. Sein Gesicht war lang und schmal, aber sie fand, dass er recht gut aussah. Er war stets rücksichtsvoll, und er hatte keine Angst vor länger anhaltendem Schweigen. Aber vor allem fühlte sie sich wegen der Art, wie er sie ansah, zu ihm hingezogen – es war, als sähe er in ihr etwas Wertvolles.

Caleb lächelte. »Bin ich spät dran?«

»Wie immer«, antwortete sie, dann musste sie lachen, und ihre Augen strahlten. »Aber nicht zu spät.« Sie ging auf ihn zu, umarmte und küsste ihn. »Die Jungen sind vor ein paar Minuten gegangen.«

Er erwiderte die Umarmung. »Wie viel Zeit haben wir?«

Marie sah ihn an. »Nicht genug, wenn ich deine Stimmung richtig deute.« Sie nickte zur Feuerstelle hin. »Hilf mir mit dem Kessel.« Sie griff nach einem langen Eichenstock, der neben dem gemauerten Kamin lehnte.

Caleb legte seinen Bogen, den Köcher und den Rucksack ab und stellte alles in eine Ecke. Als Marie den Stock durch den Eisengriff des großen Kessels steckte, nahm er ein Ende davon.

Mithilfe des Stocks hoben sie den Kessel gemeinsam vom Haken, der ihn über den Flammen gehalten hatte, und gingen auf die Tür zu. »Du zuerst«, sagte Caleb.

Sobald sie draußen waren, drehte er sich, sodass sie nebeneinander hergehen konnten, den Kessel zwischen sich. »Wie war der Weg hierher?«, fragte Marie.

»Ereignislos«, antwortete er.

Sie hatte gelernt, ihn nicht danach zu fragen, was er getan hatte oder wo er gewesen war, denn sie wusste, dass er für seinen Vater arbeitete. Es gab Leute, die behaupteten, Calebs Vater sei einmal Herzog von Stardock gewesen, aber derzeit beanspruchte niemand die Herrschaft über die Insel oder den kleinen Ort am gegenüberliegenden Ufer. Patrouillen aus der Garnison des Königreichs in Shamata verbrachten hin und wieder einen Tag im Dorfgasthaus, oder eine Patrouille aus Kesh ritt aus der Grenzfestung in Nar Ayab herauf, aber beide Seiten erhoben keinen Anspruch auf den Großen Sternsee oder die Umgebung. Diese Region stand unter der Herrschaft der Akademie der Magier auf der Insel, und niemand stellte das infrage.

Pug leitete die Akademie schon lange nicht mehr, und wie alle in Stardockstedt war Marie nicht sicher, wie es dazu gekommen war. Seine Söhne – Caleb und sein älterer Bruder Magnus – besuchten die Akademie allerdings noch hin und wieder. Wie immer die Beziehung zwischen Pug und dem herrschenden Rat der Stadt der Magier sein mochte, sie blieb bestehen, ganz gleich, wie sehr sich beide Seiten in der Vergangenheit voneinander entfremdet haben mochten.

Marie hatte Caleb kennengelernt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und er kaum mehr als ein zerzauster Waldjunge. Sie hatten hin und wieder miteinander gespielt, aber dann war er verschwunden. Einige sagten, er hätte auf einer Insel im Bitteren Meer gelebt, während andere behaupteten, er sei zu den Elben zurückgekehrt. Sie hatten sich wiedergesehen, als Caleb so alt gewesen war wie Tad und Zane heute und Marie nur vier Jahre älter. Maries Eltern waren dagegen gewesen, dass sich ihre Tochter mit Caleb traf, hatten aber nichts gesagt, weil sie gewusst hatten, wer sein Vater war.

Aber nach einem Sommer, in dem sie zu einem Liebespaar geworden waren, war er erneut verschwunden. Er hatte erklärt, er müsse im Auftrag seines Vaters etwas erledigen, hatte aber versprochen zurückzukehren. Marie hatte länger als ein Jahr gewartet, bis sie sich dem Druck der Familie gebeugt und den jungen Brendan geheiratet hatte, einen Mann, den sie schließlich sehr lieb gewann, aber nie hatte ihr Herz um seinetwillen so schnell geschlagen wie für Caleb. Jahre waren vergangen, und Caleb war nicht wiedergekommen.

Was immer der Grund für seine lange Abwesenheit gewesen sein mochte, Marie hatte geheiratet, zwei Söhne zur Welt gebracht – einer war als Baby gestorben – und ihren Mann verloren, bevor Caleb vollkommen überraschend vor drei Jahren zum Mittsommerfest Banapis wiederaufgetaucht war.

Ihr Herz hatte begonnen zu rasen, als sie davon hörte, und sie hatte sich zwar dafür getadelt, sich von den Erinnerungen eines albernen Mädchens überwältigen zu lassen, aber sie war dennoch zu ihm gegangen, sobald sie gewusst hatte, wo er sich aufhielt.

An diesem Abend hatte sie viel zu viel getrunken und getanzt und zum ersten Mal seit dem Tod ihres Mannes wieder richtig Spaß gehabt. Und nachdem die Jungen fest eingeschlafen waren, hatte sie in Calebs Armen gelegen.

Am nächsten Tag war er wieder gegangen.

Seitdem hatte sie sich daran gewöhnt, dass er im Allgemeinen ohne Vorankündigung erschien und dann wieder verschwand. Er versprach ihr nichts, und sie bat um keine Versprechen, aber Marie war sicher, dass keine andere Frau irgendwo auf ihn wartete, auch wenn sie nicht zu sagen vermocht hätte, woher sie das wusste.

»Bleibst du lange?«

»Das hängt von verschiedenen Dingen ab. Ich muss dem Rat auf der Insel eine Botschaft überbringen, und sie brauchen vielleicht eine Weile, um sich die Antwort zu überlegen. Also vielleicht nur bis morgen, vielleicht eine Woche.«

»Kannst du darüber reden?«

Er lächelte. »Nicht wirklich. Sagen wir einfach, es ist wieder eine der sehr wichtigen Botschaften meines Vaters.«

»Aber du bleibst dennoch hier, um mit mir zum Fest zu gehen?« Sie lächelte wissend.

»Ein Tag macht auch keinen Unterschied mehr.« Er grinste sie an. »Außerdem habe ich hier ebenfalls etwas zu erledigen.«

»Ach, tatsächlich?«

»Ja.« Er lachte. »Wie du sehr genau weißt.«

Als sie sich dem Marktplatz näherten, grüßten mehrere Leute Marie. »Nun«, flüsterte sie, nachdem sie die Grüße erwidert hatte, »wir können später über das reden, was du zu erledigen hast.«

Caleb besah sich die ungewöhnlich große Menschenmenge und fragte: »Sind noch mehr Leute hierhergezogen?«

»Einige«, antwortete sie. »Ein Frachtunternehmen aus Shamata hat an der südlichen Straße ein Gebäude errichtet, ganz in der Nähe der alten Steinbrücke. Drei neue Familien und ein paar alleinstehende Männer aus dem Ort arbeiten für sie. Sie machen Ellies Vater nervös. Ich glaube, das ist ein wichtiger Grund, wieso er seine Tochter so schnell mit Grame, dem Jungen von Müller Hodover, verheiraten will. Er will dafür sorgen, dass er die Aufträge für die Getreidetransporte nach Meersburg und Krondor ganz sicher behält.«

»Das ist bestimmt ein guter Grund für eine Heirat«, sagte Caleb, »wenn man so etwas wie Liebe außer Acht lässt.«

Sie richtete den Blick auf ihn, um zu sehen, ob er es ernst meinte, und stellte wieder einmal fest, dass sie seine Stimmung nicht deuten konnte. Manchmal war Caleb so leicht zu durchschauen wie ein Kind. Zu anderen Zeiten hatte sie keine Ahnung, was er dachte, und zu ihrer Enttäuschung war das auch diesmal so.

Sie trugen den Kessel zu einem der großen Holztische, die aus einem Gasthaus in der Nähe stammten, und stellten ihn an die Stelle, die ihnen eine der Organisatorinnen zuwies. Eine andere Frau blickte auf. »Marie, Caleb«, sagte sie und lächelte dünn.

»Tessa«, erwiderte Marie.

Die Frau hatte ein rotes Gesicht mit geplatzten Äderchen an den Wangen, als wäre sie eine Trinkerin, und verzog den schmalen Mund zu einem gequälten Lächeln. »Du hast wieder einen Kessel von deiner netten kleinen Suppe gebracht«, stellte sie in herablassendem Ton fest. Tessa war die Frau des Müllers und würde bald Ellies Schwiegermutter sein. Sie nahm Maries Hand, tätschelte sie ein wenig verächtlich und nickte dann. »Das verstehen wir, meine Liebe.« Ihr Tonfall hätte nicht gönnerhafter sein können.

Calebs Lächeln blieb, aber um seine Augen war ihm eine gewisse Anspannung anzusehen. »Das ist nur der Anfang.« Er zeigte auf eine Feuergrube, die auf der anderen Seite des Platzes gegraben worden war. »Wir haben auch diesen Ochsen mitgebracht, der dort gebraten wird.« Er zwinkerte Marie so zu, dass Tessa es nicht sehen konnte. »Und den Wagen.« Er zeigte auf einen Wagen, der gerade auf den Platz rollte. »Er bringt zwei Fässer Zwergenbier aus Dorgin und sechs Kisten Wein aus Ravensburg.«

Tessa blinzelte wie eine Eule im Laternenlicht. »Tatsächlich?«, fragte sie.

Caleb nickte lächelnd.

Die verlegene Müllersfrau murmelte etwas vor sich hin, zwang sich noch einmal zu einem Lächeln und eilte davon.

Marie sah Caleb an. »Warum hast du das getan?«

Caleb zuckte mit den Schultern. »Ich weiß doch, wie sehr du dich beim letzten Banapis-Fest über sie geärgert hast. Außerdem habe ich letztes Jahr nicht mehr zum Fest beigetragen als zwei Schneehühner und ein paar Kaninchen.«

»Nein, ich meinte, wieso hast du wir gesagt, wenn doch du derjenige bist, der den Ochsen und den Wagen gebracht hat?«

»Weil ich diese Dinge für dich hergebracht habe.«

Marie schwieg einen Moment, dann lächelte sie, aber in ihren Augen lag keine Heiterkeit. »Ich danke dir für die Geste, Caleb.«

»Es war mir ein Vergnügen«, sagte er. »Und, soll ich jetzt Schalen und einen Schöpflöffel holen?«

»Nein, ich gehe zum Haus zurück und hole die Sachen. Würdest du stattdessen die Jungen suchen und zusehen, dass sie keinen Ärger machen? Ich bin ein wenig besorgt.«

Er nickte und machte sich auf den Weg. Immer mehr Menschen kamen auf den Marktplatz, und Caleb war gleichzeitig überrascht und amüsiert darüber, wie sehr sich die kleine Stadt seit seiner Kindheit verändert hatte. Seine Familie hatte nie in Stardockstedt gewohnt, aber sie waren öfter hergekommen.

Die Beziehungen von Calebs Vater zum Rat der Akademie konnte man bestenfalls als gespannt bezeichnen. Caleb hatte oft genug gehört, wie Pug sich darüber beschwerte, um die Gründe hinter der Entfremdung vollkommen zu verstehen, aber das waren die Gründe seines Vaters und nicht die seinen.

Magnus, sein älterer Bruder, war ein Magier wie ihre Eltern, aber Caleb war stets der Außenseiter in der Familie gewesen, das Kind, das über keinerlei magische Fähigkeiten verfügte.

Der Rest der Familie betrachtete Stardock durch einen Nebel politischer Auseinandersetzungen, aber für Caleb war es einfach der Ort, an dem er in seiner Kindheit Spaß gehabt hatte. In Stardockstedt hatte er Kinder wie sich selbst gefunden, normale Jungen und Mädchen, die mit normalen Dingen beschäftigt waren wie aufzuwachsen, Liebe, Hass und Vergebung zu lernen, der Arbeit aus dem Weg zu gehen und Spielgefährten zu finden. All diese alltäglichen Dinge, die Caleb zuvor nicht gekannt hatte.

Seine ungewöhnliche Erziehung hatte ihm zweifellos viel genützt. Er hatte einen großen Teil seiner Kindheit in langweiligen Unterrichtsstunden verbracht, die auf Kinder mit magischen Fähigkeiten zugeschnitten waren. Erst jetzt erkannte er, dass das durchaus sinnvoll gewesen war, denn anders als die meisten Nicht-Magier konnte er zumindest spüren, wenn irgendwo Magie gewirkt wurde. Und da die mächtigsten Feinde des Konklaves der Schatten Magier waren, hielt Caleb diese Fähigkeit für einen großen Vorteil.

Für die Kinder auf der Insel des Zauberers hatte Magie zum Alltag gehört – selbst ihre Spiele hatten damit zu tun gehabt, häufig zum Ärger ihrer Lehrer. Den größten Teil seiner Kindheit war Caleb dort ein Außenseiter gewesen. Er war zwar ein guter Läufer und konnte besser mit einem Ball umgehen als die meisten Jungen seines Alters, aber er blieb oft allein und musste zusehen, wie die anderen sich mit Illusionsspielen vergnügten, an denen er bestenfalls als Gegenstand grausamer Scherze teilnehmen konnte. Wie oft hatten sich Dinge, nach denen er griff, von ihm wegbewegt, oder er hatte hindurchgegriffen!

Die Wunden der Kindheit waren manchmal die tiefsten. Im Laufe der Zeit wandte sich das Interesse der übrigen Jungen anderen Dingen zu, doch selbst wenn Caleb derjenige war, der einen Streich ausheckte, fühlte er sich immer noch anders.

Es hatte nur zwei Orte gegeben, an denen er sich als Kind wirklich frei und zu Hause fühlen konnte. Als er zehn Jahre alt gewesen war, hatte man ihn nach Elvandar gebracht, wo er fünf Jahre unter Elben lebte.

Caleb hatte so viel wie möglich über die Lebensweise der Elben gelernt. Der Gemahl der Königin persönlich, Lord Tomas, Kriegsherr von Elvandar, hatte ihn im Schwertkampf unterrichtet, und Prinz Calin und sein Halbbruder Prinz Calis hatten ihm beigebracht, wie man einen Bogen benutzte. Sowohl Tomas als auch Prinz Calin hatten oft Bemerkungen darüber gemacht, dass Caleb ebenso gut mit den Waffen umgehen konnte wie ein Mann namens Martin Langbogen, der, wie sie sagten, bis dahin der beste Bogenschütze der Menschen gewesen war, den die Elben gekannt hatten.

Caleb wusste, dass Elben nicht zur Schmeichelei neigten, also hatte er solche Bemerkungen als Kompliment und als Lob angesehen für das, was er nach langen Stunden des Übens erreicht hatte. Es hatte ihn gelehrt, dass man selbst ein unmöglich scheinendes Ziel erreichen konnte, wenn man sich nur genug anstrengte und aufopferte. Inzwischen dachte er manchmal, dass die Elben wohl nie gesehen hatten, wie Talwin Falkner schoss; er war mindestens so gut wie Caleb, wenn nicht besser. Dennoch, selbst der zweitbeste Bogenschütze unter den Menschen zu sein war nicht übel.

Caleb liebte die Elben und Elvandar, und er beherrschte ihre Sprache gut. Aber es war in Stardockstedt gewesen, wo er seine ersten Lektionen über das normale Leben gelernt hatte.

Nun schlenderte er weiter über den geschäftigen Marktplatz. Wenn es ähnlich zuging wie bei den vorherigen Festen, würden sich die Jungen zusammen mit anderen jungen Leuten in der Nähe des Brunnens aufhalten.

Er erwiderte Grüße von vielen, an denen er vorbeikam. Es waren jene Leute, mit denen er vor dreißig Jahren gespielt hatte, als sie alle noch Kinder gewesen waren. Einige Männer waren dick geworden, andere hatten graues Haar – wenn sie überhaupt noch Haare hatten. Die Frauen, die er als Mädchen gekannt hatte, waren gereift, und die, die nicht fett geworden waren, hatten das hagere, ausgemergelte Aussehen, das von zu viel schwerer Arbeit und zu wenig Ruhe herrührt. Nur einige wenige hatten sich wie Marie ihr gutes Aussehen trotz der harten Lebensbedingungen bewahrt.

Aber an diesem Tag machten sie alle einen glücklichen und zufriedenen Eindruck, denn es war Erntefest, und wenn das, was man auf den Tischen sah, einen Schluss auf die Ernte zuließ, war es ein gutes Jahr gewesen. Getreidewagen würden die Straßen zum Bitteren Meer entlangrumpeln, und Frachtkähne würden vom Großen Sternsee flussabwärts zum Meer der Träume und zu den Handelshäfen von Shamata oder Landreth fahren. Das Vieh auf den Feldern ging fett in den Winter, und die Schafe, denen jetzt die neue Wolle für die kältere Jahreszeit wuchs, sahen gesund aus. Wohin Caleb auch blickte, sah er Zeichen des Wohlstands: Fässer mit frisch gepflückten Äpfeln, Körbe mit Beeren, Kirschen und Feigen, alle Arten von Gemüse, und auf den Bauernhöfen, an denen er vorbeigekommen war, hatte er mehr Hühner und Schweine gesehen als je zuvor.