Cover

Autor

Gaur Gopal Das, geboren 1973, ist ein indischer Mönch und hat ursprünglich Elektroingenieurwesen in Pune studiert. Nach einer kurzen beruflichen Etappe bei Hewlett Packard erkannte er, dass seine wahren Talente anderswo liegen. 1996 schloss er sich der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISCON) an. Seither ist er als spiritueller Lehrer, Life-Coach, Motivationstrainer und Speaker aktiv. Mit seiner klaren warmherzigen Botschaft begeistert er weltweit Millionen von Menschen.

Gaur Gopal Das

Sorge
dich nicht,
frage!

Mit drei Fragen
zu innerer Kraft und
Zufriedenheit

Why worry?
Die geniale Glücksphilosophie
eines indischen Mönchs

Aus dem Englischen
von Claudia Seele-Nyima

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Life’s Amazing Secrets – How to Find Balance and Purpose in Your Life« bei Penguin Ananda, einem Imprint von Penguin Random House India, in DLF Cyber City, Indien.

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Deutsche Erstausgabe

© 2019 Arkana, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Originalausgabe Copyright © by Gaur Gopal Das 2018

Lektorat: Ralf Lay

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München, Daniela Hofer, unter Verwendung der Layoutvorlage der Originalausgabe

Umschlagfoto: © Satya Gaud

Bildnachweis: Teile-Illustrationen: 1, 2, 3, 4: © Bettina Stickel
unter Verwendung einer Vorlage von

© Satyagopinath Das und © Akangksha Sarmah;

Punkte: © iStock/Afanasia;

Zitat (Kapitel 14) mit freundlicher Genehmigung: aus Paulo Coelho Handbuch des Kriegers des Lichts aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2001,

2006 Diogenes Verlag AG Zürich

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-24908-3
V001

www.arkana-verlag.de

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Für meine geliebte Mutter und
meinen verstorbenen Vater,
meine Großmutter und Schwester –
eure Liebe ist stets die Grundlage
all meiner Bestrebungen!

Inhalt

Vorwort

Vorbemerkung des Autors

1. Die Schlüssel vergessen

2. Hinter den äußeren Anschein blicken

3. Der Weg beginnt

ERSTES RAD Persönlicher Lebensbereich

4. Durch Dankbarkeit wachsen

5. Auf »Pause« drücken

6. Wozu sich Sorgen machen?

7. Spirituelle Praxis

ZWEITES RAD Beziehungen

8. Einfühlsam sprechen

9. Das Gute sehen

10. Andere behutsam korrigieren

11. Vergebung

12. Mit wem umgeben wir uns?

DRITTES RAD Arbeitsleben

13. Verschiedene Arten der Konkurrenz

14. Selbsterforschung

15. Spiritualität am Arbeitsplatz

16. Integrität und Charakter

VIERTES RAD Gesellschaftlicher Beitrag

17. Selbstlose Aufopferung

18. Die Familie geht vor

19. Einsatz für die Nation

20. Uneigennütziges Dienen macht Freude

Dank

Arbeitsblatt zur Vergebung

Ikigai-Arbeitsblatt

Vorwort

Haben Sie schon einmal den indischen Monsun miterlebt? Er bringt heftige Wolkenbrüche mit sich, die donnernd vom Himmel herabprasseln. Wer in diesen starken Regen gerät, hat kaum eine Chance, trocken zu bleiben. In vergleichbarer Weise ist es schwierig, nicht in die Herausforderungen und negativen Situationen der Welt zu geraten. Friedvoll, glücklich und zufrieden werden wir jedoch nicht dadurch, dass wir die Stolpersteine des Lebens meiden, sondern es kommt vielmehr darauf an, wie wir durch diese Schwierigkeiten hindurchnavigieren, um das Leben führen zu können, das wir führen wollen.

Aldous Huxley hat einmal gesagt: »Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen geschieht. Sie ist das, was ein Mensch aus dem macht, was mit ihm geschieht.« Der entscheidende Unterschied liegt in unserer Reaktion. Unser kostbarster Besitz – das, was unser Leben wirklich durch und durch verändern kann – ist unser freier Wille. Wir selbst sind die Autoren unserer Lebensgeschichte. Herausforderungen und Schwierigkeiten hageln vielleicht auf uns nieder wie der Monsunregen auf unseren Kopf. Wir haben sie weder angestrebt noch darum gebeten. Sie kommen einfach auf uns zu. Doch die Entscheidung, wie wir darauf reagieren wollen, liegt bei uns.

Glück stellt sich nicht automatisch ein. Wir erhalten zwar schon von klein auf eine systematische Ausbildung in verschiedenen Bereichen und Fachgebieten, doch so etwas wie ein Unterricht im Glücklichsein gehört normalerweise nicht dazu. Die Kunst, ein zufriedenes Leben zu führen, integer und ausgeglichen zu bleiben, ist eines der wunderbaren Geheimnisse, denen wir in diesem Buch auf den Grund gehen wollen. Es basiert auf einfachen Prinzipien, die sich jeder zunutze machen kann, der nach Zufriedenheit strebt.

Sind Sie häufig gereizt oder frustriert? Werden Sie des Öfteren das Gefühl nicht los, dass das Leben anders verläuft, als Sie es gern hätten? Haben Sie zuweilen den Eindruck, dass ein zentraler Teil Ihres Lebens immer wieder mehr Aufmerksamkeit erfordert als andere? Wenn die Antwort auf mindestens eine dieser Fragen Ja lautet, dann ist das wahrscheinlich ein Hinweis darauf, dass Ihr Leben aus der Balance geraten ist. Das Geheimnis des Daseins liegt jedoch darin, im Gleichgewicht zu sein: damit das Pendel der Lebensbereiche nicht zu sehr in nur eine Richtung ausschlägt, aber auch nicht stillsteht. Ähnlich wie ein Auto, das auf vier Rädern steht, sich in einem stabilen Gleichgewicht befindet, so müssen wir die vier maßgebenden Bereiche unseres Lebens in die Balance bringen: unseren persönlichen Lebensbereich, unsere Beziehungen, unser Berufsleben und unseren Beitrag für die Gesellschaft.

Beim Gleichgewicht auf der äußeren Ebene geht es um die »Ausrichtung der Räder«, darum, unsere Prioritäten den Erfordernissen des Augenblicks anzupassen und uns auf ein bestimmtes Rad zu konzentrieren, das nicht in der Spur ist. Manchmal, an einem bestimmten Punkt in unserem Leben, erfordert unser Job vielleicht mehr Aufmerksamkeit als das Privatleben. Wollten Sie schon einmal Zeit mit jemandem verbringen, der beruflich stark eingespannt ist, weil er eine Deadline einhalten muss? Es ist unmöglich. Der Betreffende hat schon genug damit zu tun, sein Ziel zu erreichen. Zu anderen Zeiten hat wiederum unser Privatleben Vorrang vor allem anderen. Haben Sie schon einmal ein Paar, das gerade seine Hochzeit organisiert, gebeten, mehr Zeit bei der Arbeit zu verbringen? Es ist zwecklos, denn sie planen einen der wichtigsten Tage ihres Lebens. Liebe Freunde, wir müssen bereit sein, unsere Prioritäten anzupassen, um alle Bereiche unseres Lebens in die Balance zu bringen.

Ein tieferer Aspekt des Gleichgewichts liegt jedoch in unserem Inneren: Er betrifft unsere Einstellungen und Werte, mit denen wir uns in den verschiedenen Abschnitten dieses Buches näher befassen. Unsere Einstellungen entsprechen der Luft in den Reifen. Stimmt der Reifendruck nicht, kann es zu einer Autopanne kommen, die uns daran hindert, unser Ziel zu erreichen. Darum müssen wir die inneren Aspekte des Gleichgewichts im Auge behalten. Wenn die Grundsätze des äußeren Gleichgewichts Anpassung und Ausrichtung sind, dann sind die inneren die der Einstellung und der Werte.

Während wir uns außen und innen ins Gleichgewicht bringen, ist es für unseren Erfolg von grundlegender Bedeutung, dass wir das Lenkrad – unsere Spiritualität – nie loslassen. Denn wenn alle Räder richtig ausgerichtet sind und der Reifendruck optimal ist, wir aber das Lenkrad aus der Hand geben, erreichen wir unser Fahrtziel trotzdem nicht. Der Buddha hat gesagt: »So wie eine Kerze nicht ohne Feuer brennen kann, können Menschen nicht ohne Spiritualität leben.« Sofern sie aufrichtig praktiziert wird, bringt Spiritualität unabhängig vom jeweiligen Bekenntnis Sinn in unser Leben und gibt uns ein erstrebenswertes Ziel. Mitunter fühlen wir uns leer oder verloren, oder wir geraten – wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen – in eine existenzielle Krise. In solchen Zeiten müssen wir das Lenkrad der Spiritualität fest in der Hand behalten und weitermachen.

Und das Steuer besteht aus vier Teilen: unsere spirituelle Praxis (sadhana), die Menschen, mit denen wir zusammen sind, beziehungsweise der Umgang, den wir pflegen (sanga), unseren Charakter (sadachar) und unseren Dienst an Gott und an anderen (seva). Wenn wir all diese Aspekte angemessen berücksichtigen, sind wir in der Lage, das Auto unseres Lebens ans Ziel zu fahren.

Legen wir los!

Vorbemerkung des Autors

Am 9. Mai 2017 erhielt ich einen Anruf von Vaishali Mathur, Programmleiterin für Publikationen indischer Autoren und verantwortlich für Rechte und Lizenzen bei Penguin Random House, Indien. Sie hatte einige meiner Videos online gesehen und erkundigte sich, ob ich bereit sei, bei ihnen ein Buch zu veröffentlichen. Es klang sehr aufregend! Ich hatte schon immer geglaubt, man könne das Leben der Menschen dadurch verändern, dass man ihnen hilft, ihr Denken neu zu orientieren. Seit über zwanzig Jahren hatte ich das dadurch versucht, dass ich zu ihnen sprach und Vorträge hielt. Hier bot sich nun die einmalige Gelegenheit, mein Vorhaben auf die nächste Ebene zu bringen.

Eigentlich wollte ich sofort Ja sagen, doch etwas in mir hielt mich zurück. So gab ich ihr zunächst eine unbestimmte Antwort: »Lassen Sie mich darüber nachdenken. Ich melde mich wieder.« Rückblickend muss das für sie frustrierend gewesen sein. Meine Zurückhaltung rührte daher, dass ich kein Schriftsteller bin. Abgesehen von einigen Artikeln und Gedichten, die ich Jahre vorher geschrieben hatte, nutzte ich einen Stift, um Geschäftsdokumente zu unterzeichnen, und eine Tastatur, um mein Tagebuch zu schreiben und meine Aufzeichnungen zu verfassen.

Einige Tage später, als sich die erste Aufregung gelegt hatte und ich begann, ernsthaft über das Angebot nachzudenken, erhielt ich einen Anruf von einem alten Freund in London, Sruti Dharma Das. Schon lange bevor meine Onlinepräsenz gewachsen war, hatte er mich stets unterstützt. Jetzt rief er mich aus heiterem Himmel an, um mich daran zu erinnern, dass ich ein Buch schreiben müsse. »Das ist der nächste Schritt für dich«, sagte er. »Ein Redner sollte seine Vorträge durch ein Buch ergänzen, denn für die Zuhörer ist das wirklich nützlich. Sie können deinen Vortrag dann mit nach Hause nehmen! Und Schreiben sollte für jemanden, der regelmäßig spricht, sowieso nicht allzu schwer sein.« Seine freundlichen Worte schmeichelten mir.

Mangelnde Schreiberfahrung war jedoch nicht das einzige Problem. Ich reise viel und halte Vorträge auf der ganzen Welt. Ich wusste, dass das Schreiben eines Buchs Zeit der Konzentration erfordern würde; also brauchte ich einen festen Aufenthaltsort, um gründlich darüber nachzudenken, was ich der Welt anbieten wollte. Das wiederum bedeutete, dass ich zahlreiche Vortragsverpflichtungen absagen und viele Menschen enttäuschen musste.

Damals stieß ich online zufällig auf ein Zitat von Sir Richard Branson. Es besagte, wenn uns jemand eine wunderbare Geschäftsmöglichkeit anbiete und wir nicht sicher seien, ob wir es können, sollten wir Ja sagen, es einfach machen und später lernen, wie es funktioniert. Das war ein Zeichen – nun konnte ich meine Antwort nicht länger hinauszögern. Ich rief Frau Mathur zurück und nahm ihr Angebot an: Ich wollte den Schritt wagen und versuchen, ein Autor zu werden.

Wie Sie im weiteren Verlauf der Lektüre noch feststellen werden, kann es passieren, dass ich in einer Stadt aufwache und in einer anderen schlafen gehe. Zu reisen, um meine Erkenntnisse an andere weiterzugeben, ist zu einem Teil meiner selbst geworden. Als der Sommer in den Herbst überging und sich der Monsun allmählich legte, machte sich der Gedanke, das Buch zu schreiben, immer stärker bemerkbar. Ein paar Monate später, im Dezember, nahm ich mir schließlich einen Monat frei, um zu meditieren und die Lektionen, die ich im Lauf meines Lebens gelernt hatte, tiefgehender zu betrachten.

Dabei brachte ich viele Geschichten und Prinzipien zu Papier, die ich mit den Jahren gelernt hatte. Doch wie sollte ich sie miteinander verbinden? Ich beschloss, aus meinen Interaktionen mit sehr vielen verschiedenen Menschen eine Geschichte mit zwei Charakteren zu stricken: Harry und Lalita Iyer. Ihr moderner Weg entspricht dem Pfad vieler, zusammengefasst in einem. Das Leben ist ein Weg. Wenn wir aus den Fehlern und bewährten Vorgehensweisen anderer lernen, können wir unseren Weg lohnend und freudvoll gestalten.

Während des Schreibens wurde mir klar, dass das viel schwieriger ist, als einen Vortrag zu halten, aber ich habe mich damit arrangiert: Wenn ich dem Leben eines anderen Menschen etwas mehr Sinn verleihen kann, bin ich bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Ich bete nur darum, dass dieses Buch von Gott gesegnet sein möge, um das Leben der Leser zum Positiven hin zu verändern.

1
Die Schlüssel vergessen

Vergiss auf dem Weg zum Erfolg nicht die Schlüssel zum Glücklichsein.

»Das Glück wohnt nicht im Besitz und nicht im Gold, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.«

DEMOKRIT

Vielleicht war es ein Fehler, öffentlich zu erwähnen, dass meine Lieblingsküche die südindische ist, denn von da an gab es für mich das ganze Jahr über nur noch Sambar zum Frühstück, Sambar zum Mittagessen und Sambar zum Abendessen. Wohin ich auch ging, Sambars folgten mir. Für diejenigen unter Ihnen, die es nicht wissen: Sambar ist eine Art Soße oder Gemüseeintopf auf Linsenbasis, der zu den üblichen auf Reis basierenden Gerichten wie Dosas oder Idli serviert wird. Von Großbritannien bis Australien gaben mir alle, die mich zu sich nach Hause einluden, ihre Version dieser beliebten Linsensuppe zu kosten. Nachdem ich so viel davon gegessen hatte, war es nur natürlich, dass ich ein Kenner des Gerichts wurde und schließlich in jeder Stadt wusste, wo ich das beste Sambar finden konnte – und mein eigenes war natürlich auch nicht schlecht. An diesem Punkt beginnt unsere Geschichte.

Obwohl ich in Pune aufgewachsen bin, liegt die Wohnstatt meines Herzens in einem einfachen Ashram, der sich seltsamerweise mitten unter der Skyline im Stadtkern von Mumbai befindet, das bis zum Jahr 1996 »Bombay« hieß. Seit über zwanzig Jahren lebe ich dort als Mönch und studiere die alte östliche Weisheit, was nicht nur mir zugutekommt, sondern auch anderen, denn dabei lerne ich auch, in welcher Weise man sie an die Welt weitergibt, wie man sie praktisch anwendet. Mit schöner Regelmäßigkeit laden mich Besucher meiner Vorträge zum Mittagessen zu sich nach Hause ein, doch normalerweise lehne ich das zu ihrer Enttäuschung ab. Als Mönch muss ich darauf achten, nicht in Schwelgerei zu verfallen und in meinen Gewohnheiten mäßig zu bleiben; das ist wichtig. Nach Monaten wiederholter Bitten nahm ich jedoch schließlich zögernd eine Einladung von Herrn und Frau Iyer an – eine Entscheidung, die meine Auffassung vom Glücklichsein langfristig vertiefen sollte.

Mumbai ist berüchtigt dafür, im Mai sehr schwül zu sein. Es ist die Art klebriger Feuchtigkeit, bei der einem das Hemd durch den Schweiß am Rücken haftet. Doch diese Empfindung hat man nur auf Meereshöhe, nicht in den luftigen Höhen der Wohnung von Hariprasad und Lalita Iyer in einem Hochhaus der eleganten Wohngegend Worli. Dieser Teil der Stadt ist für Mumbai das, was die Fifth Avenue für New York oder die Park Lane für London ist. Gäbe es eine Version des Brettspiels Monopoly für Mumbai, dann würden Sie einen hohen Preis zahlen, wenn Sie auf Worlis vornehmen Türmen stehen bleiben müssten: auf dem Palais Royale oder auf Omkar 1973, zwei Wolkenkratzer, die gerade gebaut werden.

Da war ich nun, ein Mönch mit kaum einem Cent in der Tasche, und genoss die kühle Brise, die sich aus dem Arabischen Meer erhob, im 28. Stock des Hauses meiner liebenswürdigen Gastgeber. Ein Hinweis vorab: Ich habe die Namen in dieser Geschichte geändert, nicht nur, um die Privatsphäre des Paares zu schützen, dessen Geheimnisse ich im Folgenden teilen werde, sondern auch, um nicht diejenigen zu beleidigen, die mir ein Sambar serviert haben, das nicht an das der Iyers heranreichen konnte.

Das Mittagessen begann damit, dass ich in Verwirrung geriet. Ich hatte Sambar noch nie auch nur mit einem Löffel gegessen, geschweige denn mit dreien. Die beiden platzierten mich am Kopfende ihres schweren Eichenesstischs mit Blick über das Meer. Ein fein gearbeiteter glänzender Tafelaufsatz ließ den Raum aufleuchten, als er in der Mittagssonne schimmerte. Der Tisch war nur für mich gedeckt: ein schwerer Teller in Form eines goldenen Blatts mit einer zu einem Schwan gefalteten Satinserviette und Besteck in verschiedenen Formen und Größen um den Teller herum. Die drei Löffel lagen vor mir, zwei Messer zu meiner Rechten und vier Gabeln links. Vier Gabeln! Ich war mir nicht sicher, ob wir in unserem gesamten Ashram vier Gabeln hatten, da fast jeder nur seine fünf Finger benutzt.

Etwas unbehaglich sah ich Herrn Iyer an und bat ihn und seine Frau flehentlich, sich mir anzuschließen und ebenfalls etwas zu essen, nicht nur, um mich durch das Labyrinth des Bestecks zu führen, sondern auch, um mir Gesellschaft zu leisten. Es macht keinen Spaß, allein zu essen. Herr Iyer wollte mir das Mittagessen persönlich servieren, aber auf meine Überredung hin schloss er sich mir schließlich doch an. Seine Frau dagegen sträubte sich gegen das Angebot und bestand darauf, uns persönlich heiße Dosas und andere Gerichte zu servieren, zubereitet vom Heer der Köche in ihrer betriebsamen Küche.

Und so versuchte ich – bewaffnet mit einem Dessertmesser in der einen Hand und einer Salatgabel in der anderen –, den Dosa zu schneiden. Es war nur zu deutlich, dass dies eine ungewohnte Situation für mich war. Hariprasad lächelte mich herzlich an, rollte die Ärmel hoch und begann, mit den Händen zu essen, und signalisierte mir dadurch, dass es in Ordnung war, dasselbe zu tun. Ich freute mich. Ich war immer schon der Ansicht, dass es besser schmeckt, wenn man mit der Hand isst. Obwohl Hariprasad wohlhabend war, wirkte er überhaupt nicht überheblich.

»Wie kommt es, dass Sie als angesehener Mann so bescheiden sind?«, fragte ich ihn.

»Ich halte mich zwar selbst nicht für bescheiden, aber jegliche Bescheidenheit, die ich in Ihren Augen vielleicht habe, ist meinen einfachen südindischen Eltern zu verdanken, die mich mit sehr viel Liebe großgezogen haben«, antwortete er.

Hariprasad wurde nicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren, obwohl heute viele davon um seinen Teller herum aufgereiht waren. »Ich bin in einem kleinen Dorf bei Chennai aufgewachsen …«, begann er, als er einen Dosa ins Sambar tauchte (Chennai hieß bis zum Jahr 1996 »Madras«). Seine Frau Lalita kam mit einer weiteren Runde Dosas herein, setzte sich kurzzeitig zu uns und hörte ihrem Mann interessiert zu. »Mein Vater arbeitete in einer Textilfabrik«, fuhr Hariprasad fort. »Sein Lohn ernährte unsere Familie. Von der Fabrik erhielten wir kostenlose Baumwollkleidung, die von meinen älteren Brüdern und Schwestern an die jüngeren weitergegeben wurde. Ich bin der Jüngste, also trugen die meisten meiner Kleider die Namen meiner Brüder auf dem Etikett. Mein Vater arbeitete sehr hart für uns.«

»Aber sieh dir mal an, was du jetzt trägst! Das kannst du dir nur deswegen leisten, weil du von all deinen Geschwistern der Klügste bist«, warf Lalita ein, während sie ihm einen weiteren heißen Dosa servierte. Sie lächelten sich liebevoll an.

Mir fiel auf, dass er in seiner Gucci-Aufmachung tatsächlich wie ein eleganter Staatsmann aussah.

»Und Ihre Mutter?«, fragte ich.

»Meine Mutter blieb bei uns Kindern zu Hause. Sie holte uns von der Schule ab, bereitete all unsere Mahlzeiten zu und gab uns in schwierigen Momenten ihren Rat. Sie trug ihr Haar zwar in einem strengen Haarknoten, aber ihre Arme waren immer offen für eine Umarmung. Unsere Ausbildung war ihre höchste Priorität, weil sie wollte, dass wir es einmal besser haben sollten.«

»Nun, das haben Sie ja offensichtlich jetzt in Ihrem Leben verwirklicht«, sagte ich.

Hariprasad überhörte meine Bemerkung und fuhr fort: »Ich erinnere mich daran, wie anstrengend es war, am Indian Institute of Technology Bombay aufgenommen zu werden und dann dort gut abzuschneiden. Es hat sich aber gelohnt, denn ich wurde sofort für den Harvard-MBA-Studiengang angenommen, weil ich mir am IIT eine Goldmedaille gesichert hatte.«

Der Anblick von Mango Kulfi, einem indischen Eis, das Lalita auf einem Silbertablett kredenzte, brachte unser Gespräch vorübergehend zum Erliegen.

»Sprichst du von Harvard?«, fragte Lalita, während sie mir trotz meiner Proteste zwei Kugeln Kulfi auftat. »Dort haben wir uns kennengelernt«, erklärte sie mir. »Ich war Medizinstudentin, als wir uns in der Harvard India Student Group begegnet sind, und es war Liebe auf den ersten Blick. Aber damals traf ich nicht den südindischen Hariprasad, sondern ›Harry‹, wie ihn seine amerikanischen Freunde nannten.«

»Na gut, dann nenne ich ihn von nun an ›Harry‹!«, lachte ich.

Als das Mittagessen sich dem Ende zuneigte, sprach Harry über seine Arbeit als Geschäftsführer einer multinationalen Consultingfirma. Harrys Erfolg in Harvard gab ihm einen Karriereschub – mit Mitte dreißig war er bereits Geschäftsführer, einer der jüngsten in der Geschichte des Unternehmens, und verantwortete die Asienaktivitäten der Firma.

»Wir beide versuchen, so vielen Leuten wie möglich zu helfen, bevor wir an Kinder denken. Wir wollen Menschen stärken und dazu befähigen, erfolgreich zu sein«, sagte Harry und hielt die Hand seiner Frau.

Ich war angenehm überrascht, wie kultiviert und zuvorkommend dieses Paar war. Lalitas Weltklasse-Sambar symbolisierte auch die Wärme und Liebe zwischen ihnen.

»Danke für das wunderbare Mittagessen!«, sagte ich zu ihnen und gab ihnen damit zu verstehen, dass ich gehen musste. »Ich würde liebend gern länger bleiben, aber in einer Stunde haben wir eine Versammlung im Ashram. Könnten Sie mir ein Taxi rufen?«

»Ein Taxi!«, rief Harry aus, als sei er beleidigt. »Aber ich kann Sie doch zurückbringen. Der Ashram ist nur eine halbe Stunde entfernt.«

Mir fiel ein, dass Harry einen Mercedes besaß. Was für eine schnelle Heimfahrt das wäre! Ich bedankte mich bei Lalita für das köstliche Essen. Auch sie dankte mir und lächelte, aber ich bemerkte, dass sie ihren Bauch hielt, als fühlte sie sich nicht ganz wohl. Ich dachte mir nichts weiter dabei, ebenso wenig wie Harry. Wir eilten zum Aufzug, der uns im Handumdrehen aus den Wolken in die Tiefgarage beförderte.

Als sich die Aufzugstüren öffneten, tastete Harry panisch seine Kleidung ab – mit einem Gesichtsausdruck, den jemand hat, der sein Handy nicht in der Jackentasche spürt. »Ich habe meine Schlüssel vergessen«, sagte er, während er energisch auf den Aufzugknopf drückte, um zurück in den 28. Stock zu fahren. »Ich bin gleich wieder da.« Er ließ mich zurück in einer menschenleeren Tiefgarage.

Als ich mich dort weiter vorwagte, gingen automatisch Lichter an, und zum Vorschein kam das Paradies eines kleinen Jungen: ein Festival der teuersten Autos, die man sich nur vorstellen kann. Ich lief durch die Garage und erinnerte mich, wie sehr mich Autos als Kind faszinierten. Als ich mein Spiegelbild im Fenster eines Ferrari erblickte, der den gleichen Orangeton hatte wie meine Roben, musste ich lachen. Harrys Mercedes entdeckte ich jedoch nirgendwo. Schließlich öffneten sich die Aufzugtüren, und heraus sprang ein atemloser Harry, der mit seinen Schlüsseln klimperte.

»Wo ist denn Ihr Mercedes?«, fragte ich neugierig.

»Ich musste ihn leider verkaufen. Das Fahrwerk war zu tief für die Straßen von Mumbai. Stattdessen habe ich einen Lexus gekauft. Ich habe mir sagen lassen, dass ein Lexus ein Zeichen dafür sein soll, dass der Besitzer etwas auf sich hält.«

»Es dürfte ein angenehmes Problem sein, vor der Frage zu stehen, ob man seinen Mercedes verkaufen und lieber einen Lexus kaufen soll!«

Wir lachten beide wie alte Freunde. Während wir zügig auf seinen glänzenden Wagen zugingen, äußerte ich meine Verwunderung darüber, dass ein Paar ihres Formats, mit ihrem Vermögen und Einfluss, wieder zu seinen spirituellen Wurzeln zurückkehrte.

»Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Ich glaube, sie wird Ihnen gefallen.«

Harry nickte, während wir es uns für die kurze Fahrt durch die Stadt bequem machten. Er schaltete das Beifahrerlicht ein und blickte mich aufmerksam an, als ich zu sprechen begann.

»Mit Freunden in Urlaub zu fahren ist eine der besten Erfahrungen überhaupt. Einmal – damals war ich noch kein Mönch – beschlossen drei gute Studienfreunde der Universität in Pune und ich, gemeinsam einen Kurztrip nach Neu-Delhi zu machen. Wir hatten vorab ein Hotel gebucht, aber kaum darauf geachtet, dass sich unser Zimmer im achtzehnten Stock eines Hochhauses befand«, erzählte ich, während ich Harry beobachtete, wie er den Wagen rückwärts aus der Parklücke hinausmanövrierte. »Nachdem wir kurz unser Gepäck abgestellt hatten, beschlossen wir, die Stadt mit der Autorikscha zu erkunden. Wir begannen mit dem Red Fort, aßen im geschäftigen Marktviertel Chandni Chowk in Old Delhi zu Mittag, meditierten im Bahai-Lotus-Tempel und ruhten uns dann auf den Rasenflächen am India Gate aus. Es war ein schöner Tag gewesen. Müde und etwas hungrig beschlossen wir, in unser Hotel zurückzukehren und den Zimmerservice zu bestellen. Kurz nach Sonnenuntergang erreichten wir das Hotel, nur um zu erfahren, dass der Aufzug außer Betrieb war.«

Harry sog hörbar die Luft ein. »Was haben Sie dann gemacht?«

»Wir waren jung, also beschlossen wir, alle achtzehn Etagen zu unserem Zimmer hochzulaufen.«

»Das ist Wahnwitz! Ich würde meine Mitgliedschaft im Fitnessstudio kündigen, wenn ich über die Treppe zu meiner Wohnung hochsteigen müsste. Und Lalita müsste ich wahrscheinlich auf dem Rücken tragen«, scherzte er.

»Gegen Ende hin waren wir erschöpft, aber wie es so schön heißt: Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Fluge. Mit Freunden zu reden und zu lachen macht alles leichter.«

»Stimmt«, sagte er und nickte. »Worüber haben Sie denn so gesprochen auf dem Weg nach oben?«

»Wir haben Witze gemacht und Geschichten erzählt, uns gegenseitig zum Lachen gebracht, uns auf den Arm genommen. Wir zogen von Stockwerk zu Stockwerk, ohne dass jemand sich beklagte. Im fünfzehnten Stock fiel uns dann auf, dass einer der Freunde, der ein bisschen mollig war, nicht viel redete. ›Alles okay?‹, fragte ich ihn. ›Ja‹, erwiderte er schroff. Haben wir nicht alle so einen Freund, der einfach furchtbar unbeholfen darin ist, etwas Lustiges zu erzählen? Genau solch ein Typ war er.«

»Meine Freunde sind alle lustig«, rief Harry aus.

»Na, dann sind Sie wahrscheinlich selbst derjenige, der nicht lustig ist«, frotzelte ich. »Wie auch immer, nach einigen Minuten der Überredung brachten wir diesen Freund schließlich dazu, uns eine Geschichte zu erzählen. Zuerst stammelte er herum, doch dann platzte er heraus: ›Meine lustige Geschichte ist, dass ich die Schlüssel zu unserem Zimmer in der Rikscha vergessen habe.‹ Uns allen fiel die Kinnlade herunter. Im Lotustempel hatten wir gerade etwas über das Prinzip der Gewaltlosigkeit – Ahimsa – gelernt, aber in dieser Situation war es unmöglich, Ahimsa zu praktizieren! Mit all der Selbstbeherrschung, die wir aufbringen konnten, begannen wir unseren schweigenden Abstieg zur Rezeption und beteten, dass das Hotel noch einen Ersatzschlüssel hatte.«

Harry lachte schallend. »Ich sehe förmlich Ihre gequälten Gesichter vor mir, als er Ihnen offenbarte, dass er den Schlüssel vergessen hatte!«

Ich nickte. »Aber die Lektion hinter dieser Geschichte ist mir erst Jahre später klar geworden. Auch vorhin musste ich wieder daran denken, als Sie Ihre Autoschlüssel vergessen hatten. Harry, Sie haben Unglaubliches im Leben erreicht. Viele träumen davon, so erfolgreich zu sein wie Sie. Von Ihrem Studium an renommierten Institutionen auf der ganzen Welt bis hin zu einer liebenden Partnerin, einer Wohnung im Obergeschoss eines Wolkenkratzers, einem siebenstelligen Gehalt und einem beruflichen Ansehen, mit dem Sie Ihre Altersgenossen weit überflügeln, haben Sie einen langen Weg hinter sich gebracht. Aber ich bin sehr froh, dass Sie die Schlüssel zu Ihrem Glück nicht vergessen haben, als Sie auf der Erfolgsleiter nach oben geklettert sind. Denn in unserer Gesellschaft sind wir oft allzu schnell dabei, uns auf die äußeren Leistungen zu konzentrieren, und vergessen darüber die Frage, ob wir mit unserem Leben, so wie es derzeit ist, überhaupt zufrieden sind. Ich bin erleichtert, dass Sie diesen Aspekt nicht vernachlässigt haben.«

»Nun ja, das kann wohl sein …«, bemerkte Harry, wobei ich das Gefühl hatte, es sei ihm etwas unbehaglich zumute. Er lächelte nicht mehr. Ich spürte die Veränderung in seinem Tonfall. Eine etwas peinliche Stille senkte sich über uns, als wir aus der Tiefgarage herausfuhren.

Sofort bemerkten die Passanten das Auto und starrten es an.

Ich hatte das Gefühl, dass Harry etwas sagen wollte, wusste aber nicht, was.

2
Hinter den äußeren Anschein blicken

Hinter dem Lächeln macht jeder Mensch persönliche Kämpfe durch, von denen wir nichts wissen.

»In erster Linie muss man sich selbst gegenüber ehrlich sein. Wer sich nicht selbst geändert hat, kann unmöglich in der Gesellschaft etwas bewirken …
Große Friedensstifter sind stets integer und ehrlich, aber bescheiden.«

NELSON MANDELA

Haben Sie schon einmal ein Zimmer betreten, in dem sich gerade zwei Personen gestritten hatten? Man spürt sofort die schale Energie im Raum; das Schweigen zwischen ihnen kann ohrenbetäubend sein. Eine Unstimmigkeit in der Kommunikation löst mitunter eine ähnliche Anspannung aus. Als Harry verstummte, fragte ich mich: Hatte ich etwas Falsches gesagt? Hatte ich ihn beleidigt? Jemanden zu beleidigen, der einen gastfreundlich in seinem Heim empfangen hat, ist eines der bedauerlichsten Dinge, die man tun kann. Zwei Minuten vergingen, bevor ich mich entschied, die Blockade zu lösen.

»Wo haben Sie denn diesen Wagen gekauft?«, fragte ich, um das Gespräch auf ein unverfängliches Thema zu lenken.

Harry wusste es offenbar zu schätzen, dass ich versuchte, wieder eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden, und ging darauf ein. Er fühlte sich anscheinend immer noch nicht wohl dabei, das, was ihn gerade gedanklich beschäftigte, mit mir zu teilen. »Na ja, ich musste ein Auto kaufen, nachdem ich den Mercedes verkauft hatte. In den ersten Wochen nahmen meine Frau und ich überall ein Taxi. Eines Tages, als wir Freunde in Juhu besuchten, hielt das Taxi an einer Ampel direkt vor dem Lexus-Showroom. Da sah ich diesen Wagen hinter der polierten Scheibe funkeln. Ich habe mich auf den ersten Blick in ihn verliebt!« Die Erinnerung munterte ihn auf.

»Offenbar ist dieser Wagen Ihr ganzer Stolz«, antwortete ich.

Er nickte mehrmals. »Es gibt nicht viele Dinge auf der Welt, die einem mehr Freude machen können als so ein Wagen. Achten Sie mal auf die Details der Anzeigen auf dem Armaturenbrett, die Nähte an den weißen Kunstledersitzen und darauf, wie das Lenkrad in der Hand liegt … Er kann tatsächlich von null auf hundert beschleunigen in derselben Zeit, in der ein Mercedes …« Harry trat hart auf die Bremse, unsere Sicherheitsgurte strafften sich, und ich sah, wie er das Lenkrad fest packte. Wir kamen plötzlich zum Stehen. Von seinen Gedanken fortgetragen hatte er nicht bemerkt, dass sich vor uns ein Stau gebildet hatte. »Tut mir leid. Ich frage mich, woran es liegt, dass es hier nicht weitergeht«, sagte er entschuldigend und blickte suchend nach vorn.

»Kein Problem«, antwortete ich und fügte etwas beunruhigt hinzu: »Alles in Ordnung bei Ihnen?«

Harry versuchte in der Ferne die Ursache des Problems zu erkennen, hatte jedoch keinen Erfolg. »Ja, alles okay, aber ich bin überrascht. Hier ist sonst nie so viel Verkehr.« Er klang enttäuscht.

Mumbai ist immer noch als Indiens »Crash-Hauptstadt« bekannt, obwohl sich die Situation etwas gebessert hat. Es gibt dort grob geschätzt ebenso viele Autos wie in London, aber mehr als viermal so viele Verkehrstote. Autofahrer sind bisweilen leichtsinnig, wenn sie rote Ampeln überfahren und alles versuchen, um sich im Zickzack durch den dichten Verkehr zu schlängeln.

Doch im Moment waren wir in seinem Auto gefangen und kamen überhaupt nicht vom Fleck. Ich informierte einen Kollegen mit einer Sprachnachricht, dass ich zu spät zu dem Treffen kommen würde. »Wir stecken im Stau fest«, rief ich und tat mein Bestes, um den Lärm der unablässig, aber vergeblich hupenden Autos zu übertönen.

»Sogar mit meinem neuen Wagen stecke ich fest. Es spielt keine Rolle, wie schnell er ist. Ich stecke einfach fest!« Harrys Stimme brach. »Warum fühle ich mich so gefangen?«, rief er und schlug auf das Lenkrad seines Glanzstücks ein. »Sind die Leute in den Autos vor mir schuld? Haben die den Stau verursacht? Oder liegt es daran, dass die Straßen nicht breit genug sind? Ich habe sie nicht gebaut. Oder ist es meine Schuld?« Seine Stimme zitterte. »Habe ich das falsche Auto gekauft? Hätte ich ein Motorrad kaufen sollen? Ist es zu spät, um ein Motorrad zu kaufen?«

Ich hatte den Eindruck, dass es etwas in seinem Leben gab, von dem er mir nichts erzählte, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Sein Kopf sank herab, und er legte die Hände in den Schoß. Mit zitternden Lippen blickte er von mir weg aus dem Fenster. In der Spiegelung der Seitenscheibe sah ich, dass einige einsame Tränen aus seinen traurigen Augen traten. »Entschuldigung«, sagte er. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wir alle haben manchmal das Gefühl, festgefahren zu sein. Warum geht es Ihnen denn so?«, fragte ich möglichst einfühlsam.

»Für all das haben Sie bestimmt keine Zeit.«

»Ich habe alle Zeit der Welt für Sie. Erstens, weil wir hier ohnehin für eine ganze Weile festsitzen werden, und zweitens, weil Sie mir den besten Sambar vorgesetzt haben, den ich je in meinem Leben gekostet habe!«

Er lachte leise, während er sich die Augen mit einem Seidentaschentuch trocknete. Es war ihm bewusst, dass ich ihn aufmuntern wollte. Wenn wir eine Person trösten, kann es leicht passieren, dass wir ebenfalls in ihre traurige Energie verfallen, wodurch wiederum ihr Kummer noch länger anhalten könnte. Darum ist es wichtig, positive, nicht urteilende Energie in solche Gespräche einzubringen.

»Womit soll ich anfangen?«

»Womit auch immer Sie sich wohlfühlen«, flüsterte ich. »Ich höre zu.«

Er stieß einen Seufzer aus und begann. »Nur ein Trottel würde sagen, dass er ein solches Auto fährt und dabei unglücklich ist, aber wahrscheinlich bin ich so ein Trottel. Ich habe alles, was ich mir nur hätte erträumen können, aber innerlich habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt.«

Wieder schaute er hinaus, so als erblickte er dort die verlorene Vergangenheit, die er mir gleich offenbaren würde.