Cover

Buch

Nur die Topagenten des wissenschaftlichen Geheimdienstes Sigma Force können das Ende der Menschheit noch verhindern. Es begann im Jahre 1903, als einige Wissenschaftler ein Artefakt entdeckten, das die Hölle auf Erden loslassen sollte. Sie wagten nicht, es zu zerstören. Stattdessen vergruben sie es wieder und gelobten Schweigen. Doch nichts bleibt ewig verborgen. Heute, mitten in Washington D. C., wird es erneut geborgen und seine Macht von skrupellosen Menschen freigesetzt. Und Commander Grayson Pierce von der Sigma Force steht vor der schwersten Entscheidung seines Lebens. Um die Menschheit zu retten, muss er sich mit seinen Feinden verbünden – doch die fordern für ihre Unterstützung das Leben eines seiner Leute! ((Nur E-Book ENDE))

Autor

Der New-York-Times-Bestsellerautor James Rollins hat einen Doktorgrad in Tiermedizin. Als begeisterter Höhlenforscher und ebenso eifriger Taucher ist er häufig unter Wasser oder unter der Erde anzutreffen. Er wohnt in den Bergen der Sierra Nevada in Kalifornien, USA.

Von James Rollins bei Blanvalet erschienen:

Sigma-Force:

Der Genesis-Plan, Feuermönche, Sandsturm, Der Judas-Code, Das Messias-Gen, Feuerflut, Mission Ewigkeit, Das Auge Gottes, Projekt Chimera, Das Knochenlabyrinth, Die siebte Plage, Die Höllenkrone

Tucker Wayne:

Killercode

Die Bruderschaft der Christuskrieger:

Das Evangelium des Blutes, Das Blut des Verräters, Die Apokalypse des Blutes

Außerdem:

Sub Terra, Im Dreieck des Drachen, Das Flammenzeichen, Operation Amazonas, Das Blut des Teufels, Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.twitter.com/BlanvaletVerlag

James Rollins

Die Höllenkrone

Roman

Aus dem Englischen
von Norbert Stöbe

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Demon Crown (Sigma Force 13)« bei William Morrow, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2017 by Jim Czajkowski

Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc. Armonk, New York, U.S.A.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019
by Blanvalet Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (iulias; Martin Capek; Gile68; Spring Bine; Milan M; NOPPHARAT STUDIO 969)

Redaktion: text in form / Gerhard Seidl

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-24911-3
V001

www.blanvalet.de

Für Mama Carol, zum Dank für alles, was sie ihren Nächsten gab, immerzu selbstlos und liebevoll

Vorbemerkung
zum historischen
Hintergrund

Der Ursprung der Sigma Force liegt unter dem Smithsonian Castle, einem wuchtigen, mit Türmen versehenen Gebäude aus rotem Sandstein, das 1849 am Rande der National Mall in Washington errichtet wurde. An diesem ehrwürdigen Bauwerk nahm der weitläufige Komplex der Museen, Forschungsstätten und Labors der Smithsonian Institution seinen Ausgang. Während der Zeit des Bürgerkriegs beheimatete das Bauwerk sämtliche Sammlungen des Smithsonian.

Wie aber ist dieses leuchtende Zeugnis der Wissenschaft überhaupt entstanden?

Erstaunlicherweise wurde die Institution nicht von einem Amerikaner gegründet, sondern von einem recht exzentrischen britischen Chemiker und Mineralogen namens James Smithson. Als er im Jahr 1829 starb, hinterließ er den Vereinigten Staaten eine halbe Million Dollar (heutiger Wert etwa zwölf Millionen Dollar oder ein Sechsundsechzigstel des damaligen Bundeshaushalts). Das Geld sollte zur Gründung einer »Einrichtung zur Mehrung und Verbreitung des Wissens der Menschheit« verwendet werden.

Bis heute ist der Wohltäter geheimnisumwoben. Zum einen hat James Smithson niemals amerikanischen Boden betreten, sein Vermögen und eine umfangreiche Mineraliensammlung aber dieser jungen Nation vermacht. Des Weiteren hat Smithson zu keinem Zeitpunkt seine Absicht kundgetan, den Vereinigten Staaten ein solches Vermächtnis zu machen, und seltsamerweise bestattete sein Neffe ihn im italienischen Genua und nicht in England. Wenig bekannt ist der Umstand, dass im Jahr 1865, gegen Ende des Bürgerkriegs, in der Burg ein verheerendes Feuer ausbrach. Die unteren Etagen hatten nur Wasserschäden zu verzeichnen, die oberen Stockwerke aber sind ausgebrannt. Der Großteil der handschriftlichen Aufzeichnungen Smithsons – darunter seine Tagebücher und wissenschaftlichen Journale – wurde vernichtet. Bei dem Brand ging das Lebenswerk dieses Mannes unwiederbringlich verloren.

Doch die Merkwürdigkeiten nahmen mit seinem Tod kein Ende. Im Winter 1903 reiste der berühmte amerikanische Erfinder Alexander Graham Bell gegen den ausdrücklichen Wunsch des Verwaltungsrats der Smithsonian Institution nach Italien und verschaffte sich Zugang zu Smithsons Grab in Genua, verstaute die Gebeine in einem Zinksarg und brachte sie mit einem Dampfer in die Vereinigten Staaten. Nach seiner Rückkehr setzte er sie in der Burg bei, wo sie sich heute noch befinden.

Aber weshalb widersetzte sich der Erfinder des Telefons den Wünschen seiner Kollegen im Verwaltungsrat auf solch eklatante Weise? Tat er es nur deshalb, wie die meisten annahmen, weil Smithsons Grab in einem sich ausdehnenden italienischen Steinbruch zu verschwinden drohte? Oder steckt noch mehr hinter dem exzentrischen James Smithson und seinem unerwarteten Vermächtnis, dem mysteriösen Feuer, das seine Hinterlassenschaft zerstörte, und der merkwürdigen Reise Alexander Graham Bells, der seine Gebeine barg?

Lesen Sie weiter, um die schockierende Wahrheit über ein dunkles amerikanisches Geheimnis zu erfahren …

Vorbemerkung zum wissenschaftlichen Hintergrund

Palaeovespa florissantia, eine Feldwespe, die vor vierunddreißig Millionen Jahren lebte

Bildrechte: National Park Service

Welches ist das gefährlichste Tier auf Erden? Überlegen wir mal. Haie töten durchschnittlich sechs Menschen pro Jahr, während Löwen für etwa zweiundzwanzig Todesfälle verantwortlich sind. Durch Angriffe von Elefanten kommen erstaunliche fünfhundert Menschen um. Schlangenbisse fordern jährlich tausend Opfer. Wir Menschen übertreffen diese Zahlen natürlich erheblich, denn wir massakrieren Jahr für Jahr vierhunderttausend Artgenossen. Der wahre Killer der Tierwelt aber ist viel kleiner und weit gefährlicher. Gemeint ist die bescheidene Mücke. Als Überträger zahlreicher Krankheiten wie Malaria, Gelbfieber, West-Nil-Fieber und neuerdings Zika sind diese fliegenden Blutsauger für über eine Million Todesfälle jährlich verantwortlich. Mückenstiche sind die Haupttodesursache bei Kindern unter fünf Jahren.

Andere kleine Tiere aber machen der Mücke diesen zweifelhaften Rekord streitig. Tsetsefliegen verursachen alljährlich zehntausend Todesfälle. Die Wanze Reduviidae, auch treffend Mordwanze genannt, erweist sich mit zwölftausend Opfern als noch gefährlicher. Letzten Endes fällt jedes Jahr einer von sechzig Menschen einem Insekt zum Opfer.

Weshalb ist das wichtig? Es dient der Erinnerung daran, dass wir nicht im Zeitalter des Menschen leben, sondern im Zeitalter der Insekten, das schon länger als vierhundert Millionen Jahre währt. Menschen leben auf diesem Planeten seit gerade mal dreihunderttausend Jahren, Insekten hingegen gab es schon lange vor den Dinosauriern. Sie vermehrten sich, breiteten sich aus und eroberten sämtliche Umweltnischen. Inzwischen scheint es sogar denkbar, dass die Insekten zur Auslöschung der Dinosaurier beigetragen oder sie sogar herbeigeführt haben. Wie das? Bei der Untersuchung alter Fossilien kam heraus, dass diese kleinen Raubtiere scharenweise über die schwerfälligen Saurier herfielen, als diese aufgrund der klimatischen Veränderungen zum Ende der Kreidezeit geschwächt waren, und durch ihr räuberisches Verhalten und die Übertragung von Krankheiten maßgeblich zu deren Aussterben beitrugen. In der Vorzeit nutzten sie die Gelegenheit, um sich des Hauptkonkurrenten bei der Nutzung all der neuen Pflanzen und Blumen zu entledigen – und machten dem Zeitalter der Dinosaurier auf einen Schlag ein Ende.

Was natürlich eine Frage hinsichtlich des neuesten Konkurrenten der Insekten beim Kampf um die schwindenden natürlichen Ressourcen aufwirft: Könnten wir das nächste Opfer sein?

Ich vermag nicht zu glauben, dass die Ichneumonidae [parasitäre Wespen], deren Larven sich von lebenden Raupen nähren, absichtsvoll von einem wohlwollenden, allmächtigen Gott erschaffen wurden …

Charles Darwin in einem Brief vom 22. Mai 1860 an den Botaniker Asa Gray

Das sind schwerstens missverstandene Geschöpfe.

J. K. Rowling, Harry Potter und der Feuerkelch

Prolog

11:07 CET
31. Dezember 1903
Genua, Italien

Für die Passagiere der Kutsche, die aus dem verschneiten Genua kam und in halsbrecherischem Tempo die Steigung hochfuhr, war es eine strapaziöse Fahrt. Das Gefährt schwankte um eine scharfe Biegung der schmalen Straße.

Alexander Graham Bell, der auf dem Rücksitz saß, stöhnte. Nach einem Fieber, das er sich während der Transatlantiküberfahrt in Begleitung seiner Frau zugezogen hatte, war er noch immer nicht ganz genesen. Zu allem Unglück war nach seiner zwei Wochen zurückliegenden Ankunft in Italien eine Menge schiefgegangen. Die italienischen Behörden hatten sein Vorhaben behindert, die sterblichen Überreste James Smithsons zu bergen, des Gründers der Smithsonian Institution. Um den Grabraub durchführen zu können, war er gezwungen gewesen, sich als Spion und Botschafter zu betätigen, zu bestechen und zu täuschen. Dies war ein Spiel für einen weit Jüngeren, aber nicht für einen Mann Mitte fünfzig. Die nervliche Anspannung hatte ihren Tribut gefordert.

Seine Frau umklammerte seinen Arm. »Alec, vielleicht sollten wir den Kutscher bitten, langsamer zu fahren.«

Er tätschelte ihr die Hand. »Nein, Mabel, das Wetter bessert sich gerade. Außerdem sitzen uns die Franzosen im Nacken. Entweder jetzt oder nie.«

Vor drei Tagen, als er endlich die erforderlichen Genehmigungen beisammenhatte, waren irgendwelche französischen Verwandten von Smithson, die keine Ahnung hatten, was auf dem Spiel stand, auf der Bildfläche erschienen und hatten Anspruch auf den Leichnam erhoben. Bevor die Hindernisse unüberwindlich wurden, hatte er gegenüber den italienischen Behörden geltend gemacht, dass Smithson den Vereinigten Staaten seinen gesamten Besitz vermacht habe, was auch für dessen sterbliche Überreste gelte. Er untermauerte diese Position mit haufenweise Lire, die er in die richtigen Hände drückte, und behauptete kurzerhand, Präsident Theodore Roosevelt unterstütze sein Anliegen.

Obwohl er mit seiner List durchgekommen war, wollte er sich nicht darauf verlassen, dass sein Glück von Dauer war.

Entweder jetzt oder nie.

Er legte die Hand auf seine Brusttasche, in der ein gefalteter, angekohlter Papierfetzen steckte.

Mabel war die Bewegung nicht entgangen. »Glaubst du, es ist noch da? Dass es zusammen mit ihm begraben wurde?«

»Wir müssen uns Gewissheit verschaffen. Vor einem halben Jahrhundert wäre das Geheimnis beinahe zerstört worden. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Italiener vollenden, woran andere gescheitert sind.«

Im Jahr 1829 war James Smithson von seinem Neffen in Genua auf einer Landzunge bestattet worden. Der kleine Friedhof gehörte damals den Briten, doch später hatten die Italiener das Eigentumsrecht zurückerlangt. In den letzten Jahren hatte sich ein angrenzender Steinbruch langsam durchs Gestein gefressen, und nun wollte die Firma alles niederreißen, auch den Friedhof.

Als die Mitglieder des Verwaltungsrats des Smithsonian Museums erfuhren, dass die Gebeine ihres Gründers in Gefahr waren, hatten sie darüber gesprochen, ob sie die sterblichen Überreste bergen sollten, bevor der Boden gesprengt wurde und im Meer verschwand. In dieser Zeit gelangte ein alter Brief in Alexanders Besitz. Der Verfasser war Joseph Henry, der erste Sekretär der Smithsonian Institution, der Mann, der den Bau der Burg beaufsichtigt hatte und schließlich in ihren Mauern gestorben war.

»Henry war kein Idiot«, murmelte er vor sich hin und strich sich über den üppigen Bart.

»Ich weiß, wie sehr du ihn bewundert hast«, sagte Mabel aufmunternd. »Und wie viel dir seine Freundschaft bedeutet hat.«

Er nickte.

Genug, um ihm bis zu seinem Grab in Italien zu folgen.

In dem Brief, verfasst ein Jahr vor seinem Tod, erzählte Henry eine Geschichte, die bis zum Bürgerkrieg zurückreichte, als sich das Blatt gegen den Süden zu wenden begann. Henry war in einem von Smithsons Tagebüchern auf einen merkwürdigen Eintrag gestoßen. Er war nur deshalb darüber gestolpert, weil er nach weiteren Informationen zu Smithsons Vermächtnis suchte und wissen wollte, weshalb sich der Mann einem Land gegenüber, das er nie besucht hatte, als so großzügig erwiesen hatte. Im Zuge der Nachforschungen stellte er fest, dass Smithson eine Ausnahme gemacht hatte. Es gab etwas, das er nicht den Vereinigten Staaten vermacht hatte. Seine komplette Mineraliensammlung – sein Lebenswerk – befand sich in der Burg, doch ein Artefakt hatte er davon ausgenommen. Seinen Neffen hatte er angewiesen, diesen Gegenstand zusammen mit seinem Leichnam beizusetzen.

Diese Merkwürdigkeit weckte Henrys Interesse und veranlasste ihn, die Tagebücher und Journale gründlich durchzusehen. Schließlich stieß er auf einen Hinweis, auf etwas, das Smithson als Höllenkrone bezeichnete. Er äußerte sein Bedauern darüber, dass er sie bei einer Reise an die Ostsee ausgegraben hatte. Er behauptete, sie könne etwas Grauenhaftes freisetzen.

»›Die Horden der Hölle auf die Welt loszulassen …‹«, zitierte Alexander flüsternd aus einem von Smithsons Tagebüchern.

»Glaubst du wirklich, es könnte dazu kommen?«, fragte Mabel.

»Zu Zeiten des Bürgerkriegs hat jemand so fest daran geglaubt, dass er versucht hat, das Smithsonian Castle niederzubrennen.«

Jedenfalls hat Henry das angenommen.

Als er Smithsons Geheimnis entdeckte, hatte er mit anderen Vorstandsmitgliedern darüber gesprochen und sogar ausdrücklich gefragt, ob man das Artefakt als Waffe nutzen könne. Drei Tage später war in der Burg das mysteriöse Feuer ausgebrochen, das anscheinend darauf abzielte, Smithsons Aufzeichnungen und seine Mineraliensammlung zu vernichten – sein Vermächtnis.

Der Zeitpunkt des Brandes weckte bei Henry den Verdacht, jemand von der Smithsonian habe seine Befürchtungen der Konföderation anvertraut. Zum Glück hatte Henry Smithsons Journal mit den Hinweisen auf das Artefakt in seinem eigenen Büro verwahrt, sodass es das Feuer, wenn auch in angesengtem Zustand und mit teilweise unleserlichen Seiten, überstanden hatte. Henry sagte sich, dass es am klügsten sei, seine Entdeckung unter Verschluss zu halten und nur den engsten Kreis seiner Vertrauten einzuweihen. Sie bildeten am Museum eine verschworene Gruppe, der die dunkelsten Geheimnisse der Smithsonian Institution anvertraut wurden, Informationen, die bisweilen sogar dem Präsidenten vorenthalten wurden.

Ein Beispiel dafür war die mysteriöse Tätowierung am Handgelenk eines Halunken, den Henry schließlich mit dem Brand in Verbindung brachte. Bevor er verhört werden konnte, schlitzte der Mann sich mit einem Dolch den Hals auf und verstarb. Henry hatte seinem Brief als Warnung für zukünftige Generationen eine Zeichnung des Symbols beigefügt.

Das Zeichen erinnerte an das Freimaurersymbol, doch niemand konnte sagen, welche Gruppe diese spezielle Variante verwendete. Jahrzehnte später, als Smithsons Grab in Gefahr war, wandten Henrys Vertraute sich an Alexander und zeigten ihm den Brief. Sie warben ihn für ihre Sache an, denn um ein solches Husarenstück auf italienischem Boden durchzuziehen, waren sie auf einen prominenten, exzentrischen Verbündeten angewiesen.

Alexander war sich zwar nicht sicher, was er in Smithsons Grab vorfinden würde oder ob überhaupt etwas darin war, erklärte sich aber bereit, den Plan in die Tat umzusetzen, und finanzierte die Unternehmung sogar mit seinem eigenen Geld. Wie die Sache auch ausgehen mochte, er konnte sich nicht verweigern.

Das bin ich Henry schuldig.

Die Kutsche rumpelte um die letzte Biegung und erreichte die Anhöhe der Landspitze. Sie bot Ausblick auf die Stadt Genua mit ihrem Hafen, in dem sich so viele mit Kohle beladenen Kähne drängten, dass es aussah, als könnte man die Bucht überqueren, indem man von einem zum anderen sprang. In der Nähe lag der kleine Friedhof, umgeben von einer weißen Mauer, die von Glasscherben gekrönt war.

»Sind wir zu spät gekommen?«, fragte Mabel.

Ihre Sorge war nicht unberechtigt. Eine Ecke des Friedhofs war bereits verschwunden und in den nahe gelegenen Marmorsteinbruch gestürzt. Als Alexander ausstieg und vom eiskalten Wind erfasst wurde, machte er in der Tiefe zwei zerschellte Särge aus. Er fröstelte, jedoch nicht wegen der Kälte.

»Wir sollten uns beeilen«, sagte er.

Er geleitete seine Frau zum Friedhofstor. Auf dem Gelände machte er eine Gruppe von Männern in warmen Mänteln aus. Dies waren Behördenvertreter und drei Arbeiter. Sie hatten sich an einer auffälligen Gruft versammelt, die von einem Zaun mit Spitzen umgeben war. Alexander eilte hinüber, vorgebeugt wegen des Winds und einen Arm um seine Frau gelegt.

Er nickte dem amerikanischen Konsul William Bishop zu.

Bishop trat ihm entgegen und tippte auf seine Uhr. »Wie ich gehört habe, ist ein französischer Anwalt mit dem Zug von Paris hierher unterwegs. Wir sollten uns sputen.«

»Einverstanden. Je eher wir mit den Gebeinen unseres geschätzten Kollegen an Bord der Princess Irene gehen und die Rückfahrt nach Amerika antreten, desto besser.«

Als Alexander sich der Grabstätte näherte, begann es zu schneien. Er las die Inschrift auf dem Marmorpodest.

Bishop ging zu den Italienern hinüber und sprach kurz mit ihnen. Zwei der Arbeiter machten sich mit Brechstangen an die Arbeit. Sie stemmten den Marmordeckel hoch und hoben ihn ab. Der dritte Arbeiter bereitete einen Zinksarg vor. Wenn Smithsons Gebeine darin lagen, würde er für die Reise über den Atlantik verschlossen werden.

Während die Männer arbeiteten, betrachtete Alexander die Inschrift mit einem tiefen Stirnrunzeln. »Das ist eigenartig …«

»Was meinst du?«, fragte Mabel.

»Hier steht, Smithson wäre im Alter von fünfundsiebzig Jahren gestorben.«

»Und?«

Er schüttelte den Kopf. »Smithson wurde am fünften Juni 1765 geboren. Nach meiner Berechnung war er vierundsechzig Jahre alt, als er gestorben ist. Die Inschrift liegt elf Jahre daneben.«

»Ist das wichtig?«

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber man sollte annehmen, dass sein Neffe das wahre Alter seines Onkels gekannt hat, zumal er es in Stein hat meißeln lassen.«

Bishop winkte Alexander näher ans Grab, als die Gruftplatte weggetragen wurde. »Vielleicht sollten Sie den Vortritt haben.«

Er wusste die Geste zu schätzen, schreckte aber dennoch davor zurück. Andererseits war er bereits zu weit gegangen, um jetzt einen Rückzieher zu machen.

Mitgegangen, mitgehangen.

Er stellte sich neben Bishop vor das offene Grab und blickte hinein. Der Holzsarg war längst verrottet, zurückgeblieben war eine dicke Staubschicht, welche die Gebeine bedeckte. Ehrfurchtsvoll langte er hinein, teilte die Rückstände und hob den Schädel hoch, der erstaunlicherweise unversehrt war. Eigentlich hatte er erwartet, er werde in seiner Hand zerbröseln.

Er trat zurück und starrte in die Augenhöhlen des Gründers der Smithsonian Institution.

Wie in der Inschrift aufgeführt, war Smithson ein angesehenes Mitglied der British Royal Society gewesen, einer der angesehensten Wissenschaftsgesellschaften der Welt. Trotz seines jungen Alters genoss er bereits Anerkennung als Wissenschaftler. In seiner Eigenschaft als Chemiker und Mineraloge verbrachte er einen großen Teil seines Lebens mit Reisen in Europa, auf denen er Mineralien und Gesteinsproben sammelte.

Gleichwohl lag bei ihm immer noch vieles im Dunkeln.

Zum Beispiel der Grund, weshalb er sein Vermögen und seine Sammlung den Vereinigten Staaten vermacht hatte.

Eines war hingegen unbestritten.

»Wir haben dir viel zu verdanken«, murmelte Alexander über dem Schädel. »Mit deiner Großzügigkeit hast du unser junges Land für immer verändert. Dein Vermächtnis hat Amerikas größte Geister gelehrt, sich über ihre Animositäten hinwegzusetzen und gemeinsam für das Allgemeinwohl zu arbeiten.«

»Gut gesprochen«, sagte Bishop und streckte die behandschuhte Hand aus. Das Wetter wurde von Minute zu Minute unangenehmer, und der Konsul wollte die Angelegenheit offenbar abschließen.

Alexander hatte nichts dagegen. Er übergab den Schädel, der daraufhin in den Zinksarg gelegt wurde, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder aufs Grab. Der rechteckige Gegenstand in der einen Ecke war ihm bereits aufgefallen.

Er langte erneut hinein und wischte den Staub weg. Darunter kam eine kleine Metalltruhe zum Vorschein.

Und deswegen all das Aufheben?

Er musste seine ganze Körperkraft aufbieten, um die Truhe aus dem Grab zu heben. Sie war furchtbar schwer. Er schleppte sie ein Stück beiseite und setzte sie auf einem Grabstein ab. Bishop wies die Arbeiter an weiterzumachen und kam dann mit Mabel herüber.

»Ist es das?«, fragte sie.

Alexander wandte sich an Bishop. »Nur zur Erinnerung: Dieses Ding darf weder offiziell noch inoffiziell erwähnt werden. Haben Sie mich verstanden?«

Bishop nickte und blickte zu den fleißigen Arbeitern hinüber. »Sie haben die Leute gut für ihr Schweigen bezahlt.«

Zufrieden mit Bishops Antwort klappte Alexander den Deckel der Truhe auf. Auf einer Sandschicht lag etwas von der Größe und Farbe eines Kürbisses. Einen Moment lang betrachtete er es atemlos.

»Was ist das?«, fragte Mabel.

»Sieht aus wie … ein Stück Bernstein.«

»Bernstein?« Ein Anflug von Habgier schwang in Bishops Stimme mit. »Ist der wertvoll?«

»Es geht so. Aber eigentlich ist das nichts Besonderes. Er besteht im Wesentlichen aus Baumharz.« Stirnrunzelnd beugte er sich vor. »Bishop, würden Sie den Arbeiter bitten, mir seine Laterne auszuleihen?«

»Warum …?«

»Tun Sie’s einfach, Mann. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Bishop eilte zu dem Arbeiter.

Mabel blickte ihrem Mann über die Schulter. »Was meinst du, Alex?«

»Ich erkenne da etwas. Im Bernstein. Aber nur undeutlich.«

Bishop kam mit der Laterne zurück.

Alexander nahm sie ihm ab, stellte die Flamme heller und hielt sie dicht an den durchscheinenden Bernsteinklumpen. Er leuchtete honigfarben, und jetzt konnte man erkennen, was sich darin befand.

»Da sind Knochen drin«, sagte Mabel atemlos.

»Sieht so aus.«

Offenbar enthielt Smithsons Grab mehr als nur seine eigenen morschen Gebeine.

»Aber von welchem Lebewesen stammen sie?«, fragte Bishop.

»Keine Ahnung. Bestimmt von einem prähistorischen.«

Er beugte sich weiter vor und kniff die Augen zusammen. Im Bernstein war ein faustgroßer rechteckiger Schädel mit einer Reihe scharfer Zähne eingeschlossen. Er wirkte reptilienhaft, vielleicht stammte er von einem kleinen Dinosaurier. Um den Schädel herum schwammen mehrere kleinere Knochen im leuchtenden Stein. Alexander stellte sich vor, wie das Baumharz seinerzeit über das Grab des Tieres geflossen war und die Knochen auf ewig in dieser Lage fixiert hatte.

Die kleinen Knochen bildeten ein unheimliches Halo um den Schädel.

Sie sehen aus wie eine Krone.

Er blickte Mabel an, die scharf den Atem einsog, als sie die Form erkannte. Auch ihr war klar, dass dies die von Smithson erwähnte Höllenkrone sein musste.

»Das kann nicht sein«, flüsterte sie.

Er nickte. In seiner Tasche steckte eine versengte Seite aus Smithsons Tagebuch, auf der er eine erstaunliche Anmerkung zu dem Artefakt gemacht hatte.

Es konnte nicht sein, wie Mabel bereits gesagt hatte.

Seid gewarnt, denn das, was die Höllenkrone in sich birgt, es lebt …

Ein eiskalter Schauer lief Alexander über den Rücken.

und ist bereit, die Horden der Hölle auf die Welt loszulassen.

20:34 EDT
3. November 1944
Washington, D. C.

»Hüten Sie sich vor den Ratten«, sagte James Reardon warnend an der Eingangstür des Tunnels. »Hier im Dunkeln gibt es richtige Biester. Letzten Monat hat eine einem Arbeiter ein Stück vom Daumen abgebissen.«

Archibald MacLeish unterdrückte seinen Ekel und hängte seine Jacke an einen Haken neben der Tür. Eigentlich war er für einen Ausflug unter die Erde nicht ausgerüstet, doch da die Besprechung in der Kongressbibliothek so lange gedauert hatte, war er zu spät hier angekommen.

Er sah auf die fünf Stufen nieder, die zu dem alten Gang hinunterführten, der das Smithsonian Castle mit dem Museumsneubau an der anderen Seite der Mall verband. Das Museum für Naturgeschichte war 1910 fertiggestellt worden, nachdem man mit Pferdekarren zehn Millionen Objekte in das neue Gebäude gebracht hatte. In den folgenden zehn Jahren hatten die beiden Museen Materialien und Exponate durch den zweihundertfünfzig Meter langen Tunnel transportiert, doch im Zuge der Modernisierung war der Gang schließlich verschlossen worden und wurde seitdem nur sporadisch von Wartungskräften betreten.

Für das Ungeziefer gilt diese Einschränkung anscheinend nicht.

Archibald sah eine neue Verwendung für den verlassenen Tunnel. Als Leiter der Kongressbibliothek und Vorsitzender des Komitees für den Erhalt von Kulturgütern war er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit der sicheren Unterbringung der nationalen Kulturschätze beauftragt worden. Da man Bombenangriffe befürchtete, wie sie London während des Blitzkriegs heimgesucht hatten, hatte er persönlich die Verlegung unersetzlicher Dokumente nach Fort Knox beaufsichtigt, darunter die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung und ein Exemplar der Gutenberg-Bibel. Die Nationale Kunstgalerie hatte die meisten kostbaren Meisterwerke nach Biltmore House in North Carolina geschafft, während das Smithsonian das Sternenbanner tief unter dem Shenandoah National Park versteckt hatte.

Archibald missfiel die unsystematische Vorgehensweise. Im Jahr 1940 hatte er sich für eine dauerhafte Lösung und den Bau eines bombensicheren Depots unter der National Mall ausgesprochen. Bedauerlicherweise hatte der Kongress seinen Vorschlag wegen zu hoher Kosten abgelehnt.

Ungeachtet des Rückschlags hatte Archibald an seiner Idee festgehalten, und dies war der Grund, weshalb er sich nun im Keller des Smithsonian Castle befand, wo man für das Museumspersonal provisorische Schutzräume eingerichtet hatte. Vor drei Wochen hatte Archibald zwei Ingenieure mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Sie sollten feststellen, ob sich im Geheimen ein vom Tunnel abzweigender Bunker errichten lasse. Vor zwei Tagen hatten die beiden bei einer Ortsbegehung im Tunnel auf halbem Weg zur Mall eine Seitentür entdeckt. Sie war hinter Rohren versteckt und zugemauert.

Archibald hatte unverzüglich James Reardon informiert, den Untersekretär des Smithsonian. Als langjähriger Freund unterstützte James Archibalds Plan für die Errichtung eines bombensicheren Gewölbes. Beide hofften, dass die Entdeckung neues Interesse an dem Bunker wecken könnte, zumal in Anbetracht der Person, die den Raum mutmaßlich versteckt hatte. Ihr Name stand auf einer an der Stahltür angebrachten Plakette, die hinter dem Gemäuer zum Vorschein gekommen war.

Alexander Graham Bell.

Was hinter dieser Tür verborgen liegt, ist ein Wunder und eine Gefahr sondergleichen. Es könnte den Verlauf der Menschheitsgeschichte verändern oder unser aller Untergang bedeuten, wenn es in die falschen Hände gerät. Wir, die Unterzeichner, erachten das Artefakt für zu gefährlich, als dass es ans Licht geraten dürfte, wagen aber auch nicht, es zu zerstören, denn in seinem Innern befindet sich der Schlüssel zum Leben nach dem Tod.

Das war eine bemerkenswerte Behauptung, doch sie wurde bekräftigt durch die Unterschriften von fünf Mitgliedern des Aufsichtsrats des Smithsonian. James hatte die Namen verifiziert. Die Männer waren mittlerweile verstorben, und es fanden sich auch keine weiteren Informationen zu den Umständen, die Bell sowie fünf weitere Personen veranlasst hatten, etwas unter der National Mall zu verstecken und den Vorgang vor den anderen Aufsichtsratsmitgliedern geheim zu halten.

Archibald hatte sich ein Beispiel an ihnen genommen und nur mit seinem Freund James über die Entdeckung der Tür gesprochen. Die beiden Ingenieure hatten Stillschweigen gelobt und erwarteten sie im Tunnel, bereit, das Schloss aufzubrechen und herauszufinden, was vor fast vierzig Jahren eine solche Geheimhaltung notwendig gemacht hatte.

»Wir sollten uns sputen«, sagte James und warf einen Blick auf seine Taschenuhr.

Archibald zeigte Verständnis. Da er aufgehalten worden war, hatten sie sich um mehr als eine Stunde verspätet. »Geh du voran.«

James trat geduckt durch die Tür und stieg flink die Stufen hinunter, während Archibald auf der schmalen, steilen Treppe seine Mühe hatte. James war nun mal fünfzehn Jahre jünger und verbrachte als Geologe mehr Zeit mit Feldforschung. Archibald war ein vierundfünfzigjähriger Dichter, der von Franklin D. Roosevelt ins Aufsichtsgremium berufen worden war – oder wie Archibald es seinerzeit formuliert hatte: Der Präsident hat beschlossen, dass ich Leiter der Kongressbibliothek werden will.

Er trat in den Gang, erhellt von drahtgittergeschützten Glühbirnen, die an einem Deckenkabel befestigt waren. Mehrere waren zerbrochen, und einige fehlten, sodass stellenweise Dunkelheit herrschte.

James schaltete eine dicke Taschenlampe ein und marschierte los.

Archibald folgte ihm. Obwohl der Gang hoch genug war, um aufrecht zu gehen, krümmte er den Rücken und senkte den Kopf, denn er wollte Abstand von den dunklen Rohren wahren, die an der Decke entlangliefen. Besonders in Anbetracht der darauf entlanghuschenden Tiere.

Nach einer Weile hielt James plötzlich an.

Archibald wäre beinahe gegen ihn geprallt. »Was ist …?«

Vor ihnen knallte es mehrfach laut.

James blickte sich um, die Augenbrauen besorgt zusammengezogen. »Schüsse.« Er schaltete die Taschenlampe aus und zog eine Pistole von Smith & Wesson aus dem Schulterhalfter unter seiner Arbeitsjacke. Archibald hatte nicht gewusst, dass sein Begleiter bewaffnet war, doch angesichts der Ratten im Tunnel erschien ihm das durchaus vernünftig.

»Geh zurück!« James reichte ihm die Taschenlampe, dann legte er beide Hände um den Griff der Waffe. »Hol Hilfe!«

»Wo? Die Burg ist um diese Uhrzeit menschenleer. Wenn es mir gelingt, Alarm zu schlagen, könnte es zu spät sein.« Archibald schwang die lange Taschenlampe wie einen Knüppel. »Wir bleiben zusammen.«

Eine gedämpfte Explosion entschied die Angelegenheit.

James verzog das Gesicht und übernahm die Führung. Er ging dicht an der Wand entlang und hielt sich nach Möglichkeit im Schatten. Archibald folgte seinem Beispiel.

Nach ein paar Schritten hüllte die von der Explosion hervorgerufene Staubwolke sie ein. Archibald kämpfte gegen den Hustenreiz, doch die Luft wurde bald wieder sauberer. Vom Gang konnte man das nicht sagen. Dunkle Tiere liefen über den Boden und die Deckenrohre.

Ratten … Hunderte.

Archibald unterdrückte einen Schrei und drückte sich flach an die Wand. Etwas fiel von oben herab, landete auf seiner Schulter und sprang fiepend auf den Boden. Andere Ratten huschten über seine Schuhe. Ein paar kletterten an seinen Hosenbeinen hoch wie an einem Baum im Überschwemmungsgebiet.

James ging unbeirrt weiter, ohne die umherwimmelnden Tiere zu beachten.

Archibald biss die Zähne zusammen und wartete, bis der Großteil der Horde ihn passiert hatte, dann eilte er seinem Freund hinterher.

Als sie zu einem unbeleuchteten Gangabschnitt gelangten, machten sie zwei auf dem Boden stehende Laternen aus. In deren Lichtschein zeichnete sich ein Toter ab.

Einer der beiden Ingenieure.

Weitere Schattengestalten gelangten von links in Sicht.

Drei maskierte Männer.

James ließ sich auf ein Knie nieder und feuerte, ohne zu zögern. Archibald zuckte vom lauten Knall zusammen, vorübergehend taub geworden.

Einer der Eindringlinge wirbelte herum und prallte gegen die Wand.

James richtete sich auf, feuerte einen weiteren Schuss ab und rannte los. Archibald stockte der Atem, dann stürmte auch er los. In dem darauf folgenden Tumult, erhellt von Mündungsblitzen, sah er, wie einer der Maskierten seinen verletzten Kumpel auf die Beine zu ziehen versuchte, doch James kannte keine Nachsicht und drückte im Laufen immer wieder ab. Querschläger prallten von Rohren und Betonwänden ab.

Der dritte Eindringling flüchtete durch den Tunnel und feuerte über die Schulter hinweg, in der anderen Hand eine schwere Tasche. Seine Schüsse verfehlten ihr Ziel, da ihm vor allem an der Flucht gelegen war. Sein Begleiter, bedrängt durch James’ Kugelhagel, ließ den am Boden liegenden Verletzten im Stich und folgte seinem Kumpan.

Als James und Archibald sich ihm näherten, wurden sie von einer zweiten Druckwelle getroffen. Flammen schlugen aus der Tür an der linken Seite.

Archibald schlug schützend den Arm vors Gesicht.

Gleich darauf erlosch das Feuer, und James übernahm wieder die Führung.

Als sie die Tür erreichten, verschaffte Archibald sich rasch einen Überblick. Der Ingenieur lag auf der Schwelle, getötet von einem Schuss in den Hinterkopf. Sein Kollege lag tot im Nebenraum, seine Kleidung brannte. Auch an der Rückwand loderten Flammen und verwandelten die kleine Betonkammer in einen Glutofen. Genährt wurden sie von einem brennenden Regal und den darin befindlichen Büchern. Brennende Buchseiten trudelten durch die raucherfüllte Luft.

James kümmerte sich um den am Boden liegenden Angreifer. Er klopfte die Flammen aus, dann durchsuchte er die Taschen.

Archibald blickte sich im Raum um. In der Mitte stand ein hüfthoher Marmorsockel. Daneben lag eine kleine offene Metalltruhe. Vermutlich war sie von der Druckwelle auf den Boden geschleudert worden. Die Truhe war anscheinend leer gewesen, abgesehen von dem Sand, der sich beim Aufprall auf den Boden ergossen hatte.

Er dachte an die schwere Tasche, die der flüchtende Mann bei sich gehabt hatte. Niedergeschlagen machte er sich klar, dass das, was Bell und dessen Gefolgsleute hier versteckt hatten, verschwunden war. Trotzdem hielt er sich den Arm vor Mund und Nase und drang in den Hitzeschwall vor, angelockt von etwas, das aus dem Sand hervorschaute.

Er trat um den toten Ingenieur herum, ging in die Hocke und ergriff den fraglichen Gegenstand. Offenbar handelte es sich um die Überreste eines alten Reisenotizbuchs oder Arbeitsjournals. Der lederne Einband war von einem früheren Feuer versengt worden. Ein rascher Blick ergab, dass die meisten Seiten verkohlt waren oder fehlten – jedoch nicht alle.

Die Diebe hatten das im Sand am Boden der Truhe verborgene Journal anscheinend übersehen. Mit seiner kostbaren Entdeckung zog er sich zurück.

»Sieh dir das mal an«, sagte James, als er in den Tunnel zurückkehrte.

James hatte sich hingehockt und dem Eindringling die Gesichtsmaske abgenommen.

Archibald reagierte mit Bestürzung. »Mein Gott … das ist eine Frau.«

Doch das war nicht die einzige Überraschung. Die Diebin hatte schwarzes Haar und breite Wangenknochen, und die schmalen, leblosen Augen verrieten ihre Herkunft.

»Eine Japanerin«, murmelte Archibald.

James nickte. »Vermutlich eine japanische Spionin. Aber ich wollte dir etwas anderes zeigen.« Er hob ihren Arm an. Das Handgelenk der Diebin war tätowiert. »Was hältst du davon?«

Archibald beugte sich vor und betrachtete das Symbol.

»Hast du eine Ahnung, was das bedeutet?«, fragte James.

Archibald blickte in den brennenden Raum hinein. Die verbeulte Tür lag auf dem Boden, von der Explosion aus den Angeln gerissen. Die Metallplakette funkelte im Feuerschein und bekräftigte die Warnung vor dem, was hier versteckt gewesen war.

… eine Gefahr sondergleichen.

»Nein«, sagte Archibald, »aber im Interesse unseres Landes – und vielleicht dem der ganzen Welt – müssen wir es herausfinden.«

Teil 1
Besiedlung