Cover

Niemand kennt den Bundesliga-Spitzenklub Borussia Dortmund besser als »Aki« Watzke, der ihn seit 2005 lenkt. Echte Liebe erzählt, wie es gelang, in einer immer zynischeren Geld- und Glamourbranche eine Stadt und eine ganze Region aufs Engste mit dem bodenständig gebliebenen BVB-Fußball zu verbinden. Der BVB-Boss berichtet außerdem von seiner tiefen Freundschaft mit Jürgen Klopp, dem Gewinn des Doubles, der Niederlage im Champions-League-Endspiel gegen die Bayern, der Rivalität zu Uli Hoeneß sowie dem niederschmetternden Attentat auf den BVB-Bus, als er kurz vor seinem Rücktritt stand, vom entfesselten Kommerz, der das Herz des Fußballs zu verraten droht, und davon, wie man ihn für den »normalen« Fan retten kann.

HANS-JOACHIMAKI«) WATZKE, Jahrgang 1959, war nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre als Unternehmer tätig. Beim Traditionsclub Borussia Dortmund amtierte er ab 2001 als Schatzmeister, bevor er 2005 Geschäftsführer wurde.

MICHAEL HORENI, Jahrgang 1965, ist Sport-Korrespondent der FAZ und veröffentlichte u. a. »Klinsmann« (2005) und »Die Brüder Boateng« (2012).

Hans-Joachim Watzke ∙ Michael Horeni

ECHTE LIEBE

EIN LEBEN MIT DEM BVB

C. Bertelsmann

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Ein Dank geht an die Autoren Sascha und Frank Fligge sowie
den Econ Verlag für die Titelnutzung von »Echte Liebe«.


© 2019 C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Bürosüd nach einem Entwurf von Büro Jorge Schmidt, München
Covermotiv:© Sven Grundmann/dpa (Porträt) © imago/DeFodi/Alex Gottschalk
(Tribüne – 10.11.2018, BV Borussia Dortmund – FC Bayern München)

Bildredaktion: Annette Baur

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-24952-6
V004


www.cbertelsmann.de

In Erinnerung an Franz und Hans, unsere Väter

INHALT

1. Vorspiel

2. Herkunft

3. Malocher und Millionäre

4. Unter Lichtgestalten

5. Echte Liebe, die Rettung des BVB

6. Ware Liebe – Basis und Börse

7. Aki & Kloppo, eine Beziehungsgeschichte

8. Jürgen Klopp: Aki, der BVB und ich

9. Das Attentat

10. Die neue Borussia

11. Rettet den Fußball für die Fans!

12. Endspiel

Namensregister

Bildnachweis

Bildteil

1

VORSPIEL

Und dann ist da diese riesige Wand, gelb und schwarz und ungezähmt. Sie kann es kaum erwarten zu explodieren. Sie will dieses Gefühl zurück, diesen Rausch, dieses Glück. Seit Jahren verzehrt sie sich danach. Es hat sich aber nicht zurückholen lassen, sosehr sie es auch wollte. Nun aber, an diesem Abend des 10. November 2018, läuft Paco Alcácer der Wand entgegen. Niemand kann ihm folgen, kein Mats Hummels, kein Jérôme Boateng. Niemand. Er hat alle abgeschüttelt, nur der Ball ist noch bei ihm. Mit jedem seiner Schritte kommt nun auch ein bisschen von jenem Glück zurück zum wilden Herzen der Borussia, zur Südtribüne, zur Wand, zu jedem Gelb und zu jedem Schwarz. Und zur Ehrentribüne kommt es auch. Zu Hans-Joachim Watzke, der den Atem anhält.

Nur noch Manuel Neuer steht zwischen Paco Alcácer und der Explosion; noch vierzig Meter, noch dreißig, noch zwanzig. Jeder seiner Schritte ist für die Wand jetzt wie ein Versprechen. Mit jedem Schritt wogt sie stärker und wilder, wie eine riesige Welle, auf und ab, hin und her. Die Welle verwandelt jeden Schritt Alcácers in ihre eigene riesenhafte Bewegung, und als er in den Strafraum eindringt, türmen sich das Schwarz und das Gelb auf. Wie eine Welle, bevor sie bricht. Manuel Neuer stemmt sich der Naturgewalt mit ausgebreiteten Baumstamm-Armen entgegen, ganz allein.

Watzke wird auf der Tribüne von der Welle erfasst. Sein Oberkörper schnellt nach vorne, näher ans Geländer heran, ans Spielfeld. Als sich Alcácer und der Riese im Tor nun im Strafraum Auge in Auge gegenüberstehen, scheint das gesamte Stadion zu verstummen. Stille, wie im Auge eines Orkans. In diese angespannte Ruhe hinein zuckt Alcácer kurz mit der Hüfte, fast unmerklich. Neuer erliegt diesem kaum sichtbaren Reiz, erst als er fällt, merkt er, dass er in die Falle gegangen ist. Aber da ist es zu spät. Alcácer hat nicht geschossen, er hat den Schuss nur angedeutet, verzögert. Als wollte er den Moment vor der Explosion noch ein wenig hinauszögern, ihn noch ein bisschen länger genießen. Dann schießt er, nicht hart, ein gefühlvoller Lupfer bloß. Es sieht aus wie ein Kinderspiel, so einfach und leicht. Als Neuer zu Boden sinkt und der Ball ganz langsam, fast wie in Zeitlupe, an ihm vorbei seinen Weg in die linke, hintere Torecke findet, erbebt die Wand. Was folgt, ist ein einziger Schrei: kehlig, animalisch. Alles, was sich an ungelebten Gefühlen und enttäuschten Hoffnungen aufgestaut hat in den vergangenen Jahren, entlädt sich nun, bricht ekstatisch hervor. Eigentlich ist es ist nur ein Tor, aber dieser Moment ist für die Wand wie eine Erlösung.

Auf der Tribüne springt Watzke von seinem Sitz auf, in den er sich zuvor das gesamte Spiel gezwungen hatte, als ob er sich selbst daran fesseln müsste, um seine Emotionen zu bändigen. Jetzt steht er mit aufgerissenem Mund an der Brüstung. Ein stummer Schrei in die Nacht, die Faust dem Orkan entgegengestreckt. Ein paar Sekunden, dann hat er sich wieder unter Kontrolle. Watzke schaut zu Matthias Sammer, der direkt neben ihm auf der Tribüne sitzt. Er umarmt ihn nicht in diesem Moment, er sagt auch nichts, muss er auch nicht. Beide spüren, was dieses Tor bedeutet: den Anfang einer neuen Zeit.

Mit dem Treffer von Paco Alcácer, mit diesem 3 : 2 für Borussia Dortmund, enden sechs Jahre Alleinherrschaft des FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga. Die Diktatur des deutschen Rekordmeisters löst sich in diesem Augenblick auf. Das scheint ein ganzes Stadion zu ahnen, zu spüren, zu hoffen.

Denn noch ist das Spiel nicht vorbei. Und schon zweimal hat der wankende Gigant in diesem Duell seine enormen Kräfte mobilisieren können, von denen viele glaubten, er habe sie bereits verloren. In der gesamten ersten Halbzeit waren die Bayern stark und unverwundbar gewesen, wie immer in den vergangenen Jahren. Sie spielen von Beginn an besser, schneller und entschlossener als der BVB. Und sie führen bald 1 : 0 durch Robert Lewandowski. Seine Tore versetzen Watzke und allen anderen Borussen im Stadion immer einen Stich. Der tiefer geht, als wenn ein anderer Bayern-Spieler trifft. Ausgerechnet ihr einstiger Held, ihr Liebling. Watzke sinkt beim 0 : 1 von Lewandowski in sich zusammen. Sein Kopf fällt in den Nacken, als wäre die Kraft aus allen Muskeln gewichen, die ihn halten. Seine geschlossenen Augen sind auf einen schwarzen Himmel gerichtet, den er nicht sieht.

Ich bin immer sehr konzentriert während des Spiels. Viele meinen, dass ich dann grimmig gucke, aber das ist nicht der Fall. Ich bin einfach komplett konzentriert. Ich sehe nichts anderes, ich denke nichts anderes. Nur das Spiel, wie es sich entwickelt. Ich versuche immer, ein oder zwei Züge vorauszudenken. Das Tor von Lewandowski habe ich schon in der Entstehung kommen sehen, weil wir Serge Gnabry zu sorglos flanken lassen. Ich habe den Moment des Gegentores schon zwei Sekunden vorher durchlitten, bevor es dann wirklich passiert ist. Und so ein Tor in so einem Spiel, von dem du weißt, wie schwierig es ist, das noch auszugleichen, das ist ein Stich, ein tiefer Stich.

In der Pause wechseln Watzke und Sammer ein paar Worte auf der Tribüne, sie gehen die erste Halbzeit durch. Watzke steht mit eingefrorenen Gesichtszügen da, wie versteinert. Als der Vater eines kleinen Borussen-Fans ihn um ein Selfie mit seinem Jungen bittet, nickt Watzke wie ferngesteuert. Er stellt sich steif dazu und blickt ins Leere.

Watzke und Sammer sind zur Halbzeit froh, dass noch nicht alles verloren ist. Es hätte schlimmer kommen können, auch ein 0 : 2 oder 0 : 3 war möglich, ein aussichtsloser Rückstand. Beide hoffen, dass Trainer Lucien Favre in der Pause umstellt. Das Mittelfeld ist in der ersten Halbzeit das Problem des BVB. Das sieht auch Favre von der Trainerbank so. Er stellt in der Pause um. Mahmoud (»Mo«) Dahoud kommt für Julian Weigl, sofort ändert sich das Spiel, und nach wenigen Minuten ist auch die erste Dortmunder Chance zum Ausgleich da. Marco Reus stürmt in den Strafraum, und Manuel Neuer macht in diesem Moment, was er in all den Jahren zuvor nicht gemacht hat: Er verschätzt sich bei seiner Abwehraktion und bringt Reus zu Fall. Elfmeter.

Watzke kann nicht hinsehen. Reus läuft an. Die gelbe Wand, auf die er zuläuft, zittert vor Erregung. Und dann ein Schrei, zehntausendfach. Watzke schlägt die Augen auf, 1 : 1.

Die alte Macht wankt, aber sie gibt nicht auf. Als sich die jungen Dortmunder noch an ihrem Ausgleichstreffer begeistern und an dem Aufbruch, der in diesem 1 : 1 zu stecken scheint, schlägt das Imperium zurück, keine drei Minuten später. Unbarmherzig, wie es nur die Bayern können.

Es ist wieder Robert Lewandowski, der die Borussen ins Herz trifft. Eiskalt, 2 : 1. Nach seinem zweiten Tor steht der Pole vor dem Bayern-Block, kerzengerade wie ein Soldat, die Arme über der Brust gekreuzt, beide Zeigefinger streben in den Himmel wie Ausrufezeichen, jeder für eines seiner beiden Tore. Das Schwarz und das Gelb erstarren. In der Wand. Und auf der Ehrentribüne.

Eine Reihe über Watzke und seinen Kollegen aus der Chefetage des BVB, quer versetzt, springt Uli Hoeneß auf, sein Gesicht glüht vor Freude. Sein rot-weißer Schal leuchtet im Dortmunder Kosmos, der ihn, den menschgewordenen FC Bayern, auf der Ehrentribüne umgibt wie ein schwarz-gelber Ozean. Wenn es dabei bleibt, bei diesem 2 : 1 für die Bayern, dann beträgt der Rückstand der Münchner auf die Dortmunder nur noch einen einzigen Punkt. Nicht mehr weit, und die Machtverhältnisse wären wieder die alten, sie wären sich schon wieder ganz nah, bevor die Bayern in den nächsten Wochen vorbeizögen. Ewigen Machtverhältnissen gleich, geschaffen und geformt aus Uli Hoeneß’ unbändigem Willen, der auch in diesem Moment stärker zu sein scheint als die zehntausendfachen Sehnsüchte in Dortmund. So wünscht sich Hoeneß das. Und so ist es bisher immer gekommen, fast immer.

An diesem Abend ist es anders. Der zweite Schlag des FC Bayern ist nicht der Knock-out für das junge Dortmund. Der Gegentreffer wirft das Team nicht um, im Gegenteil, er spornt es an. Plötzlich sind so viel Kraft und Wille in der neu formierten Mannschaft, die selbst nicht ahnt, dass sie davon schon so viel besitzt. Watzke glaubt in diesem Moment jedoch nicht mehr an eine Dortmunder Wende, an einen Sieg. In der zweiten Hälfte hält er es kaum aus auf seinem Platz. Als Reus und Alcácer innerhalb von drei Minuten zwei große Chancen zum 2 : 2 vergeben, die man, wie es ein ungeschriebenes Fußballgesetz besagt, eigentlich nicht vergeben darf, wenn man die Bayern schlagen will, fühlt er sich in seinen Zweifeln bestätigt. Die Borussia lässt sich an diesem Abend trotzdem nicht aufhalten. Nicht von den Toren der Bayern, auch nicht von den Toren, die ihr selbst nicht gelingen wollen.

In der 67. Minute ist es Axel Witsel, der einen der ungezählten Dortmunder Angriffe mit großer Ruhe und Klarheit aufbaut. Über Dahoud landet der Ball auf dem rechten Flügel bei Łukasz Piszczek, der eine präzise Flanke in den Strafraum der Bayern schlägt. Dort erwartet sie Marco Reus, er fixiert den Ball, der ist aber extrem schwer zu verarbeiten. Eine echte Chance wird nur daraus, wenn er ihn mit vollem Risiko nimmt, volley. In diesem Spiel hat der Dortmunder Kapitän schon drei Chancen vergeben, alle waren besser als die, die sich ihm jetzt bietet.

Auf der Tribüne ist Watzke, als er den Bewegungsablauf von Marco Reus sieht, felsenfest davon überzeugt, dass Reus diesmal trifft. Denn eine perfekte Direktabnahme aus dieser Position, flach und aus vollem Lauf, ist eine Spezialität von ihm. Watzke hat im Training schon dutzendfach beobachtet und bewundert, wie Reus diese schwierigen Dinger nimmt und sie in der Kiste versenkt. Und genau so ist es in diesem Moment. Reus trifft in einer fließenden Bewegung perfekt mit dem Spann – und der Ball landet hart und unhaltbar in der hinteren Ecke, in die der Riese im Bayern-Tor nicht hinkommt. Dortmund ist zurück.

Und dann, nur sechs Minuten später, läuft Paco Alcácer alleine der Wand entgegen – das 3 : 2 für Dortmund.

Als Sancho in der eigenen Hälfte dem Ribéry den Ball abluchst und ihn dann sehr gut weiterspielt und Witsel dann diesen perfekten Pass perfekt in den Lauf von Alcácer spielt, da habe ich gedacht: Das kann was werden. Und dann ist es tatsächlich passiert. Aber ich habe dann ja immer noch Matthias Sammer an meiner Seite, der mir selbst das letzte bisschen Hoffnung nimmt, das in mir ist. In der Sekunde, als das 3 : 2 für uns gefallen ist und ich mich endlich einmal gefreut habe, hat er nur zu mir gesagt: »Das kam ein bisschen früh.«

Mit dem 3 : 2 ist das Spiel ja auch tatsächlich noch nicht vorbei. Es dauert noch 17 Minuten, Nachspielzeit obendrauf. Jede Minute dehnt sich für Watzke, die Wand und alle Borussen nun wie Stunden. Als Manuel Akanji kurz vor Schluss den Ball aus der Gefahrenzone drischt, tritt auch der zweite BVB-Geschäftsführer Thomas Treß, der rechts neben Watzke auf der Tribüne sitzt, mit seinen feinen Lederschuhen den imaginären Ball von der Tribüne, nahezu synchron.

Nachspielzeit. Fünf Minuten werden angezeigt. Watzke stöhnt auf. Ein Entlastungsangriff des BVB über Witsel verfehlt sein Ziel, aber die Aktion bringt etwas Zeit. Und ein bisschen Ruhe in der Nervenschlacht. Ein Dortmunder Balljunge wirft den Ball, der im Aus gelandet ist, jedoch umgehend zurück zu Manuel Neuer, der postwendend den Abschlag ausführt. Und so läuft das Spiel gleich weiter in Richtung Dortmunder Tor. Watzke springt auf und brüllt in Richtung des Kindes: »Der kommt nie wieder ins Stadion!«

95. Minute. Lewandowski lauert wieder im Strafraum auf den Ball. Er bekommt ihn durch eine Flanke von Joshua Kimmich und trifft mit einem Hackentrick, ein herrliches Tor. Watzke versinkt wieder in seinem Sitz, 3 : 3. Doch die Fahne des Linienrichters ist oben, Abseits. Watzke sammelt sich, aber das Spiel ist immer noch nicht vorbei. 96. Minute. Der Schiedsrichter pfeift einfach nicht ab, Watzke wird fast verrückt. Es springt wieder auf und tritt dabei fast den kleinen Bildschirm um, auf dem er zu seinen Füßen das Spiel auch im Fernsehen verfolgen kann. Watzke brüllt: »Pfeif ab, Mensch! So eine Scheiße!«

Und dann pfeift Schiedsrichter Manuel Gräfe tatsächlich ab. Watzke wird später, als er wieder klar denken kann, den Unparteiischen für seine überragende Leistung in höchsten Tönen loben. Ein solches Spitzenspiel könne man kaum besser leiten, sagt er am nächsten Tag, als er im Fernsehstudio sitzt und nichts mehr an den BVB-Fan in ihm mit seinen Verwünschungen und Beschimpfungen erinnert.

Auf der Ehrentribüne kommt Karl-Heinz Rummenigge nach dem Abpfiff zu Watzke. Er gratuliert seinem Dortmunder Kollegen mit Handschlag zum Sieg. Watzke wiederum entschuldigt sich für die Bierdusche, die Rummenigge und Hoeneß nach dem Dortmunder Siegtreffer zum 3 : 2 von einem BVB-Fan auf der Tribüne abbekommen hatten. Rummenigge winkt ab, die Sache ist für ihn nicht der Rede wert. Kurz darauf folgt Uli Hoeneß mit dem Rest der Bayern-Delegation zur Gratulation, auch sie schütteln nun den Dortmunder Kollegen die Hände. Aber es knistert, als Hoeneß durch die Reihen geht, das Adrenalin ist noch immer voll da.

Eine Viertelstunde nach Spielschluss sitzt Watzke zusammen mit seinen engsten Freunden und Mitarbeitern an einem Holztisch im Stadion, auch seine beiden erwachsenen Kinder sind dabei. Nach dem Schlusspfiff waren sie sofort zu ihm auf die Ehrentribüne gelaufen und hatten ihren Vater umarmt, so fest und innig wie sonst niemand nach diesem Sieg. Sie wissen genau, was dieser Erfolg für ihn bedeutet.

Kurzer Rückblick: Schon rund zwei Stunden vor dem Spiel hat sich die kleine Gruppe, die mit Watzke auch nach dem Spiel zusammenkommt, im Stadion getroffen. Zu keiner festen Uhrzeit, nach und nach trudeln alle ein. Das Treffen ist ein Ritual. Bei jedem Heimspiel sind jene Menschen um Hans-Joachim Watzke, die ihm nahestehen. Er nennt sie seinen inner circle.

Ich brauche das. Das sind meine engsten Vertrauten, meine Familie. Da kann ich sein, wie ich bin, sonst würde ich das gar nicht aushalten. Und ich brauche so eine Runde, in der mir meine Leute auch ungeschminkt die Wahrheit sagen. Ich habe die Runde extra so zusammengestellt, wie sie ist: gemischt, nicht nur Männer. Alle sind jünger als ich, einige sogar sehr viel jünger. Ich mag und brauche auch die Hinweise, wie jüngere Leute die Dinge sehen. Wenn man als Sechzigjähriger nur mit Sechzigjährigen zusammen ist, fühlt man sich schnell wie siebzig.

Seit einiger Zeit gehört auch Matthias Sammer zum inner circle. Er war in den Neunzigerjahren derjenige BVB-Spieler, über den Watzke den damaligen Verantwortlichen des Klubs näherkam. Sammer war das Ticket zu seinem Aufstieg bei Borussia Dortmund. Aber dann trübte sich ihr Verhältnis ein. Es kam zum Bruch. Seit dem Sommer 2018 ist Sammer ihm und dem Klub wieder nahe, als externer sportlicher Berater des BVB und auch als persönlicher Ratgeber von Watzke.

Zur Runde gehört seit ewigen Zeiten ein Landwirt mit seiner Ehefrau aus Marsberg-Erlinghausen, aus Watzkes Heimatort im Sauerland. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des örtlichen Fußballklubs, des Landesligisten SV Rot-Weiß Erlinghausen. Watzke ist dort Vorsitzender. Beide Männer haben die jeweiligen Rollen im Klub von ihren Vätern übernommen, die den Verein über Jahrzehnte genau in derselben Konstellation geführt haben. Watzke war früher auch Trainer dieses Klubs, nachdem er selbst alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte und später in der ersten Mannschaft spielte. Mittlerweile kickt dort in der Landesliga sein Sohn André, den Watzke als einen seiner wichtigsten Ratgeber bezeichnet.

Vor dem Anstoß geht es in der Runde nur ums Spiel gegen die Bayern. Watzke und Sammer rechnen mit einer Niederlage. Ein Unentschieden würden beide in diesem Moment sofort mitnehmen, schon wegen der akuten Personalprobleme. Das sagen sie zumindest. Torwart Roman Bürki ist nicht rechtzeitig fit geworden, der hochgewachsene Innenverteidiger Abdou Diallo auch nicht. Watzke geht nun jeden einzelnen Bayern- und BVB-Spieler durch, auch wenn er die genaue Aufstellung noch nicht kennt. Ihm fehlt es nach dem Ausfall von Diallo an diesem Tag an Größe im Dortmunder Team, nicht zuletzt wegen der Standardsituationen. Er zitiert Otto Rehhagel: »1,90 Meter kannst du nicht lernen.«

Als Sammer in der Runde erklärt, weshalb eine Niederlage des BVB gegen die Bayern eigentlich besser sei für die weitere Entwicklung des Teams, hängen alle an seinen Lippen. Wenn die junge Mannschaft das Spiel gewinnt und dann sieben Punkte vor den Bayern liegt, fährt er ruhig fort, dann könne sich das Team in dieser Saison nicht mehr normal weiterentwickeln, alles ginge viel zu schnell, die Erwartungen würden riesig groß. Und das sei nicht gut auf lange Sicht. Eine Niederlage gegen Bayern sei ohnehin normal angesichts der Kräfteverhältnisse, fügt er hinzu. Und wenn es so komme, dann könne es auch ganz normal weitergehen auf dem neuen Weg des BVB, mit dann immer noch einem Punkt Vorsprung auf die Bayern. Das sei nicht nur völlig in Ordnung, sagt Sammer. Es sei sogar besser. Denn für eine erfolgreiche langfristige Entwicklung brauche es unbedingt Normalität, anders funktioniere es nicht. Und das müsse man den Leuten immer wieder sagen. Man könne einfach nicht schneller sein als die Zeit, die man brauche.

Die Runde schweigt, und Watzke nickt. Er findet vernünftig, was Sammer sagt. Aber die Normalität einer Niederlage gegen den FC Bayern kann ihm an diesem Tag gestohlen bleiben. Und auch mit Sammers Warnung vor einem möglichen Kontrollverlust durch den Rausch eines gefährlichen Siegs kann sein Fußballerherz in diesem Augenblick nicht viel anfangen. Aber das sagt er nicht. Watzke nickt bloß, dafür kennt er Sammer zu gut. Er weiß genau, dass sich auch Sammer in Wahrheit nie mit zweiten Plätzen und normalen Entwicklungen zufriedengibt. Zumindest dann nicht, wenn auch nur eine klitzekleine Chance besteht, alles zu gewinnen. Vor allem aber weiß er, dass in Sammer ein notorischer Skeptiker steckt, ein großer Skeptiker, genau wie er selbst einer ist.

Und so sitzen kurz vor dem großen Spiel zwei Schwarzmaler nebeneinander, die in ihrem Innersten inständig auf einen Dortmunder Sieg hoffen, aber nicht aus ihrer Haut können. Und beschwören gemeinsam herauf, was sie eigentlich unbedingt verhindern wollen, schützen damit vermutlich vor allem sich selbst, weil sie wissen, wie weh es sonst tut: eine Niederlage gegen den größten Konkurrenten, eine Niederlage gegen den FC Bayern, jetzt, wo man wieder ganz nah an ihm dran ist.

Bis zum Anpfiff sind Watzke und Sammer äußerlich cool, fachlich aber reden sie sich die Köpfe heiß. Die wichtigste, vielleicht spielentscheidende Frage knapp zwei Stunden vor dem Spitzenduell lautet für sie: Wer spielt im BVB-Mittelfeld – Delaney oder Dahoud? Das ist für beide die große Frage, und sie wird immer größer, je länger sie darüber reden. Sie diskutieren über die Stärken und Schwächen, über die möglichen Vor- und Nachteile, die diese Varianten für die Partie bedeuten könnten. Watzke und Sammer kennen zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht die endgültige Aufstellung von Trainer Favre. Dann sickert sie in der Runde durch: Weigl spielt! Watzke und Sammer machen große Augen.

Vor dem Spiel hat Watzke noch einen Termin, ein spätes Mittagessen der beiden Klubführungen. Borussen-Präsident Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke als Geschäftsführer empfangen ihre Kollegen aus der Bayern-Führung, Präsident Uli Hoeneß und den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge. Früher haben sich die Chefs der beiden Vereine vor dem Spiel bei einem Italiener in Dortmund getroffen, aber der Aufwand ist allen inzwischen zu groß.

In diesen Tagen brodelt es im Fußball. Die Pläne von europäischen Topklubs für eine neue Super League sind ans Licht gekommen. Die Idee: eine geschlossene, privatwirtschaftlich organisierte und hochlukrative Liga mit sechzehn Top-Mannschaften, ohne Absteiger. Ein elitärer Fußballzirkel mit dem FC Bayern, einem der Drahtzieher der Aktion, als einzigem deutschen von elf Gründungsmitgliedern. Borussia Dortmund wäre demnach nur als einer von insgesamt fünf sogenannten Gästen in der Eliterunde vorgesehen. Die Super League ist seit Tagen das große Thema in den Medien und unter den Fans. Es gibt Gesprächsbedarf.

Auch die denkwürdige Pressekonferenz des FC Bayern ist noch in aller Munde, bei der Karl-Heinz Rummenigge es nicht unter Artikel 1 des Grundgesetzes tut und angesichts zunehmend kritischer Berichterstattung die Achtung der Menschenwürde seiner Spieler anmahnt, während Uli Hoeneß wenige Minuten später einen Bayern-Abgänger niedermacht. Der geplante Befreiungsschlag in der sich anbahnenden sportlichen Krise erscheint wie Realsatire, die dem Klub ordentlich Spott und Schaden einträgt. Die Bayern-Granden wirken wie aus der Zeit gefallen, vor allem Uli Hoeneß. »Jeder hat gesehen, wie die Dinge bei uns speziell in den zwei Monaten Oktober und November schiefgelaufen sind. So was geht dann bei uns radikal durch den ganzen Klub. Fehler sind da überall gemacht worden: von mir und Uli, auch bei der Taktik, bei der Aufstellung – frag’ mich nicht, was noch alles«, wird Rummenigge ein paar Monate später über diese schwierige Münchner Zeit sagen, als er über das Verhältnis des FC Bayern zu Borussia Dortmund und seine persönliche Beziehung zu Hans-Joachim Watzke für dieses Buch spricht.

An jenem Tag ahnt Rummenigge noch nicht, dass die Bayern am Ende doch wieder deutscher Meister sein werden. Dass sie einen Rückstand von zwischenzeitlich neun Punkten auf den BVB aufholen. Dass sie die Tabellenführung in der Rückrunde dann trotzdem noch einmal an den BVB abgeben müssen und die Bundesliga mit dem erneuerten Duell der großen Rivalen die spannendste Saison in diesem Jahrzehnt erlebt, mit der endgültigen Entscheidung zugunsten der Münchner Meister erst am allerletzten Spieltag.

»Viel Spaß in der Höhle der Löwen, Aki«, sagt einer seiner Freunde am Tisch, als sich Watzke kurz vor dem Duell zum Meeting mit Rummenigge und Hoeneß verabschiedet und noch alles offen ist. Watzke lacht. Auch da müsse man durch, sagt er.

Ich bin stolz auf diese Runde. Dass so was gelingt, dass du so etwas im Leben hast, das dich immer wieder auffängt, aufbaut oder in die Spur bringt – das ist großartig. Das ist für mich das A und O.

Eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn kehrt Watzke wieder in seine Runde zurück. Er verliert kaum ein Wort über das Treffen mit der Bayern-Führung. Über die Super League habe man nicht miteinander gesprochen. Und auch sonst nicht viel. Ein Pflichttermin, mehr nicht. Und auch ein bisschen lästig, so wirkt es. In Gedanken ist Watzke ohnehin schon beim Spiel.

Dann geht’s los. Die neunzig Minuten, auf die Watzke so lange gewartet hat – als Tabellenführer den Bayern zu begegnen, wieder ohne Weiteres in der Lage, sie geschlagen nach Hause zu schicken. Nach dem Raubzug der Bayern am BVB-Personal vor einigen Jahren, nach all den Demütigungen, den eigenen Fehlern, dem Attentat.

Als der Sieg dann tatsächlich geschafft ist, nach neunzig Minuten und sechs Minuten Nachspielzeit, und sich das Gefühl des Triumphs erstaunlich langsam in ihm auszubreiten beginnt, ist Watzke schon zu seinen Freunden und seiner Familie in den Bauch des Stadions zurückgekehrt. Erst dort lässt er sich fallen, aber selbst in vertrauter Umgebung weicht die Anspannung erst allmählich aus seinem Körper. Es dauert seine Zeit, wie nach einer schweren Prüfung.

In den ersten Minuten nach dem Schlusspfiff habe ich eigentlich gar nichts gefühlt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal mehr, was ich direkt nach dem Schlusspfiff gemacht habe. Ich kann mich nur erinnern, dass ich versucht habe, eine Mitarbeiterin, die eine Reihe vor mir saß und die aus der Emotion über unseren Sieg gegen die Bayern heraus die ganze Zeit geweint hat, etwas zu beruhigen. Aber das war bestimmt schon ein paar Minuten nach dem Schlusspfiff. Dann habe ich noch die Mannschaft beobachtet, das mache ich immer nach dem Spiel. Wer mit wem kommuniziert, wer auch mit den Bayern kommuniziert. Ich bin dann zusammen mit der Bayern-Führung über den Platz gegangen. Ich weiß nur, dass es faktisch so war, aber ich weiß nicht mehr, wie es war. Da war ich noch gar nicht bei mir.

Als Watzke an den Tisch kommt, ist es auch dort seltsam still. Keine überschäumende Freude wie in der Kabine, kein Abklatschen wie auf der Tribüne, keine großen Sprüche wie in der Kneipe. Watzke hatte sich schon vor dem Spiel zwei Zigarren mitgebracht, zur Belohnung oder zum Trost, je nachdem. Die dünne bei Niederlage, die dicke bei Sieg. Aber jetzt rührt er beide nicht an. In der ersten halben Stunde wird fast überhaupt nicht über das Spiel gesprochen, zu stark wirkt es nach. In der Loge mit Watzkes engsten Vertrauten – Carsten Cramer aus der BVB-Geschäftsführung, die beiden Klub-Juristen Robin Steden und Thilo Igwecks sowie seine langjährige Assistentin Sarah Reichert – spielt der Fußball in den Gesprächen noch keine große Rolle.

Am Tisch sitzt auch Thomas Steg. Er war sieben Jahre stellvertretender Pressesprecher der Bundesregierung, erst unter Kanzler Gerhard Schröder, dann unter Angela Merkel, seitdem ist er Politik- und Kommunikationsberater. Steg ist einer der zahlreichen Bekannten und Partner von Watzke aus dem politischen Geschäft. In Berlin organsiert Steg für ihn seit dem Jahr 2010 einen Gesprächskreis mit ausgesuchten Hauptstadt-Journalisten. Watzke wollte den BVB damals auf eine neue gesellschaftliche Stufe bringen, aber auch sich selbst bekannter machen.

Nach dem 3 : 2 geht es an Watzkes Tisch zunächst um Politik, um das nächste große Duell: den Kampf um den CDU-Vorsitz, der im November 2018 in vollem Gange ist. Watzke ist ein einflussreiches CDU-Mitglied in Nordrhein-Westfalen. Mit Friedrich Merz ist Watzke befreundet, seit sie in den Achtzigerjahren im Sauerland zusammen im Vorstand der Jungen Union saßen. Auch zu Jens Spahn hat er einen engen Draht. Er hält ihn für einen richtig guten Typen. Wenige Monate zuvor war er zu Spahns Hochzeitsfeier nach Berlin eingeladen gewesen, ist aber nicht hin, weil er fürchtete, das könne medial ausgeschlachtet werden. Diese Form der Öffentlichkeit braucht Watzke heute nicht mehr, und Promi-PR mochte er nie. Auch der spätere neue CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, damals noch Chef der Jungen Union, sowie Carsten Linnemann, der Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gehören zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Alle sind sie auch Mitglieder beim BVB, manche zudem in den Gremien des Klubs aktiv, ebenso wie FDP-Chef Christian Lindner. Watzke hat bei der Borussia ein politisches Netzwerk aufgebaut, das im deutschen Fußball seinesgleichen sucht.

Im Herbst 2018 wünscht sich Watzke, dass Merz den Parteivorsitz übernimmt, dass in der CDU die Merkel-Zeit endet. Und dass mit diesem Wechsel auch die Zeit ein wenig zurückgedreht wird, dass seine Partei, in der er seit rund vierzig Jahren Mitglied ist, wieder zu ihrem wertkonservativen Kern zurückfindet. Dafür engagiert sich Watzke. Mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin hatte er nie etwas anfangen können, er sieht darin einen schweren Fehler. Aber auch der gesamte Modernisierungskurs unter Merkel und die konservative Entkernung seiner Partei gehen ihm gegen den Strich.

Der BVB ist selbst Volkspartei in Nordrhein-Westfalen. Mit über 150 000 Mitgliedern ist der Klub dort größer als CDU und SPD, bundesweit stehen rund zehn Millionen Anhänger hinter dem BVB. Und Watzke führt die Borussia seit Jahren so, wie er sich wohl vorstellt, dass man das Land führen sollte: mit einem verlässlichen Kompass. Und am besten mit einem Mann an der Spitze, der sagt, wie es laufen soll. Leidenschaftlich, nicht bloß sachlich.

Ich bin immer ein politischer Mensch geblieben. Fußball, Arbeit und Politik – darum hat sich mein ganzes Leben gedreht. Ich glaube, dass ich ein wenig politischen Einfluss habe. Und dass ich gerne ein bisschen Patriarch bin – zugegeben, ja.

Dass Watzke den Patriarchen immer wieder herauskehrt, lässt sich nicht leugnen. Ein paar Wochen später in einer Berliner Journalistenrunde, die im Separee des Promilokals Borchardt stattfindet und die ziemlich exakt zwischen dem 3 : 2-Sieg gegen den FC Bayern und dem CDU-Parteitag in Hamburg liegt, sitzen keine Aki-Freunde und Aki-Freundinnen wie im Stadion am Tisch. Watzke aber ist derselbe, er redet, wie er es gewohnt ist und wie es in seinem inner circle gut ankommt. Die Atmosphäre im Borchardt ist aber eine andere, und die Reaktionen auf Watzke sind es auch. Einige Teilnehmer werden später sagen, da nur Watzke aus der vielköpfigen BVB-Entourage an diesem Abend spricht und sich später als Einziger einen Aschenbecher während des Gesprächs reichen lässt, dass sie sich im Jahr 2018 wieder in Gerhard-Schröder-Zeiten zurückversetzt fühlten. An Zigarren- und Rotwein-Runden, an Basta und Gedöns. Old School, irgendwie, aber eher uncool.

Zurück ins Stadion, an den Watzke-Tisch, an dem nach dem Sieg die Chancen für Merz ausgelotet und die Stimmungen und Interessenlagen der Delegierten intensiv diskutiert werden. Den FC Bayern hat der BVB an diesem Abend gepackt, der CDU-Vorsitz soll der nächste Sieg sein. Es werde eng, ganz eng, das sei vollkommen klar, sagt Watzke. Auf jede Stimme komme es an. Nordrhein-Westfalen hat die meisten Stimmen, es ist der stärkste CDU-Landesverband, fast 300 von 1001 Delegierten. Aber schon an diesem Abend zweifelt die Runde, ob sich die Delegierten geschlossen hinter ihre NRW-Kandidaten Merz und Spahn stellen.

Wochenlang hat Watzke zu diesem Zeitpunkt schon telefoniert. Und er wird dies bis zum letzten Tag tun, jeden Tag: Stimmungen ausloten, Strippen ziehen, um Stimmen für Merz werben. Watzke wird auch beim Wahl-Parteitag am 7. Dezember in Hamburg dabei sein, einen Tag vor dem Derby bei Schalke 04. Den Moment, da seine Partei wieder einen konservativeren Weg einschlägt und womöglich wieder einen Mann an die Spitze wählt, den will er auf keinen Fall verpassen. Ein Weg, der auch sein Weg wäre. Und ein Sieg von Merz würde sich für Watzke auch ein bisschen wie sein eigener Sieg anfühlen. Watzke kniet sich für Merz wirklich rein, aber in den Tagen vor dem CDU-Parteitag ist von ihm auch zu hören:

Ein Derby-Sieg auf Schalke ist mir wichtiger.

Der BVB, das ist neben der CDU die andere Volkspartei in seinem Leben. Und das ist seine Volkspartei, nicht die eines Vorsitzenden Friedrich Merz oder einer Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Oder die von Angela Merkel.

Am Vorabend der CDU-Wahl wird Merz zusammen mit Watzke auf dem Treffen der nordrhein-westfälischen Delegierten in einem Hamburger Lokal erscheinen. Aber die Sache geht schief am nächsten Tag, denkbar knapp, 18 Stimmen fehlen Merz am Ende für den Vorsitz. Damit scheitert auch der Versuch, eine bald zwei Jahrzehnte währende Phase weiblicher Dominanz in der CDU und in der deutschen Politik zu beenden und als Episode erscheinen zu lassen. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer setzt sich wieder eine Frau durch, und mit ihr auch eine etwas andere Art der Führung, in Stil, Form und Habitus.

Diese Niederlage fühlt sich an jenem Abend für Watzke wie seine eigene Niederlage an. Mit der Wahl von Kramp-Karrenbauer lässt sich nicht mehr leugnen, dass die alten Zeiten einer bis in die Spitze konsequent männlich geprägten CDU unwiderruflich vorbei sind, vielleicht sogar im ganzen Land. Eine Ausnahme gibt es nach diesem Abend aber weiterhin in Deutschland: den deutschen Profifußball, das vielleicht letzte große Männer-Refugium der Republik. Watzkes Refugium.

Seinen inner circle aus dem Stadion hat der BVB-Geschäftsführer mit zur CDU-Wahl nach Hamburg genommen. Primär zu dem Zweck, um mit ihm den möglichen Sieg von Friedrich Merz zu feiern. Sie kippen schließlich in der Nacht vor dem Derby gegen Schalke gemeinsam die politische Niederlage runter, und das ziemlich ordentlich. Tief in der Nacht landen sie in einem proppenvollen Laden in Hamburg, einer Mischung aus Club und Shisha-Bar. Es sind fast nur junge Leute da, überall wird geraucht, die Watzke-Gruppe gehört eindeutig einer anderen Zielgruppe an. »Ist er das wirklich?«, fragen sich ein paar Jungs neugierig am Nebentisch. Und raunen sich dann ungläubig zu: »Hey, der kifft ja am Tag vor dem Derby gegen Schalke!« Watzke hat sich nur einen Zigarillo angesteckt, aber der Geruch von Gras schlägt in diesem Laden voll durch.

Ein paar Wochen nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer scheint der Frust verflogen. Watzke sagt, er sei nun »komplett fein« mit der Entscheidung der CDU-Mitglieder. Annegret Kramp-Karrenbauer kennt er ohnehin schon seit Jahren. Und nach ihrer Wahl haben sich die beiden recht bald getroffen. Sie habe einen guten Start hingelegt und sie besitze wirklich ein Gespür für die ganze Bandbreite der Partei, sagt Watzke. Und sie habe schnell eigene Akzente gesetzt. Das gefällt ihm. »Außerdem wirkt sie sehr authentisch, sympathisch und vor allem zuverlässig.«

Zurück nach Dortmund, ins Stadion: Eine gute halbe Stunde nach dem Sieg gegen die Bayern ist im inner circle der Fußball wieder das Gesprächsthema Nummer eins. Merz und die CDU sind abgehakt. Watzke und Sammer erzählen nun, dass man vor dem Spiel darüber nachgedacht habe, den Profis eine Extraprämie für einen Sieg gegen den Erzrivalen anzubieten, um sie zusätzlich anzustacheln. Man wollte nichts unversucht lassen. Sebastian Kehl jedoch, der neue Leiter der Lizenzspielerabteilung, war gegen den Vorschlag. Er wollte von dieser alten Motivationsmethode nichts wissen. Dann wurde der Mannschaftsrat hinzugezogen, aber auch die Spieler lehnten das Angebot ab. Sie wollten bloß das Spiel gewinnen, sagten sie, wie jedes andere auch. Das hat Watzke beeindruckt. Er sei sicher, dass die Mannschaft aus der vergangenen Saison anders reagiert hätte, sagt er. Da hätten einige genommen, was sie kriegen konnten. So wie das eigentlich die Regel ist im Profifußball, gestern wie heute.

Nach dem Spiel wurde zunächst über Politik und die anstehende Wahl gesprochen, damit man runterkommt. Meine Leute wissen, dass ich erst vom Fußball anfange, wenn ich es brauche und so weit bin. In der ersten halben Stunde geht das einfach nicht. Da bin ich zu emotional, da fälle ich dann auch zu vernichtende Urteile.

Auf Watzkes Zeichen verteilt die Gruppe irgendwann ihre Noten für die Dortmunder Spieler, wie nach jedem Heimspiel. Auch das ist ein Ritual in der Runde. Jeder BVB-Profi wird nun bewertet, von 1 bis 6, in halben Notenschritten, wie das auch das Fachblatt Kicker macht. Es geht reihum, im Uhrzeigersinn, immer fängt jemand anders an. Ohne Erklärung, nur die Note. Watzke liebt dieses Ritual, überhaupt liebt er Rituale, feste Gewohnheiten, klare Strukturen.

Die Notengebung ist eine Angelegenheit, bei der man noch mal das ganze Spiel reflektiert. Das hat was. Und keiner in der Runde macht das lapidar. Das nehmen alle ernst.

Die Stimmung ist jetzt gelöst, ein, zwei Stunden nach dem Spiel. Watzke ist sichtlich entspannt, seine Gesichtszüge sind weich. Es wird viel geraucht und gelacht. Sammer ist beim dritten Glas Rotwein, das kommt auch nicht oft vor. Watzke und Sammer sitzen wieder nebeneinander, wie auf der Tribüne und wie schon vor dem Spiel. Watzke dreht plötzlich den Kopf zu Sammer. Sie tuscheln miteinander, man kann nicht hören, was sie sagen.

Es dauert keine Minute, dann wendet sich Watzke wieder der gesamten Runde zu. Da wird klar: Dieser kurze Austausch war der Moment, in dem offenbar eine wichtige Entscheidung gefallen ist – eine, die die nächste Stufe im großen Duell des deutschen Fußballs markiert.

»Im Sommer wollen wir wieder investieren«, sagt Watzke. »Das kann auch dreistellig werden!«

Die bittere Erfahrung nach den Meisterschaften 2011 und 2012 und dem Champions-League-Finale 2013, als der FC Bayern die Dortmunder Mannschaft sprengte, soll sich jetzt nicht wiederholen. Watzke steckt dieses Erlebnis noch immer in den Knochen, diese Hilflosigkeit. Es ist sein Trauma, aber es ist auch eine Triebkraft. Watzke lehnt sich zurück und zieht an seiner Zigarette. Er sieht zufrieden aus.

Der nächste Kampf gegen den FC Bayern hat begonnen.