Buch
Als die junge Tess in ihr Heimatdorf Ribblemill zurückkehrt, versucht sie, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Sie hatte zwar gehofft, den Ort ihrer Kindheit für immer hinter sich gelassen zu haben, aber ein paar Monate wird sie hier schon überstehen. Um rasch wieder Anschluss in Ribblemill zu finden, gründet Tess einen kleinen Chor und engagiert sich bei der Renovierung des Gartens von Ramblings, dem großen Herrenhaus, das zu dem Dorf gehört. Es gibt nur ein Problem: ihren Mitbewohner. Tess muss sich ihr Cottage mit einem jungen Mann teilen, der abweisender ist als das Dornengestrüpp im Garten. Je näher der Winter kommt, desto mehr schlägt Tess im Ort neue Wurzeln. Doch wenn sie hier eine Zukunft finden will, muss sie sich den Dämonen ihrer Kindheit stellen – und womöglich den zarten Anfängen einer großen Liebe …
Autorin
Kate Field lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und einer Katze im englischen Lancashire. Ihr Debütroman »Der Zauber des Hauses Ramblings« wurde mit dem Romantic Novelists’ Association Award für Nachwuchsautoren ausgezeichnet.
Kate Field

Der Garten des
Hauses Ramblings
Roman
Aus dem Englischen
von Ulrike Laszlo

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Winter that Made Us« bei Accent Press Ltd.
This translation published by arrangement with Summersdale Publishers Ltd.
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Deutsche Erstveröffentlichung November 2019
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Kate Field
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagfoto: mauritius images/Stephen Porritt/Alamy
Martin Bennie/getty images
Ildiko Neer/Arcangel
Redaktion: Gerhard Seidl
AB • Herstellung: kw
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-25328-8
V001
www.goldmann-verlag.de
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1
Es war immer noch das schönste Grab auf dem Friedhof. Ein Meer von Blumen in prächtigen Farben erstreckte sich vom Fuß des behauenen Grabsteins über das kleine Stück Erde. Zinnien. Tess strich mit den Fingern über die samtenen Blütenblätter, deren Oberfläche sie an die Flanellpuppen erinnerte, mit denen sie in ihrer Kindheit gespielt hatte. Die Blüten in leuchtendem Rot, Lila und Orange sahen aus, als wären sie am Morgen im Gewächshaus gepflückt und sofort hierhergebracht worden.
Tess kniete sich auf das sorgfältig gemähte Gras neben dem Grab; die harten Halme zerkratzten ihr die Knie.
»Hallo, ich bin’s«, flüsterte sie und fuhr mit der Hand über die geschwungene Kante des Gedenksteins. »Ich bin wieder hier. Hast du mich vermisst?«
Keine Antwort. Heute vermittelten ihr nicht einmal die im Wind raschelnden Blätter des Kastanienbaums die Illusion einer Erwiderung. Tess zeichnete mit den Fingern die ausgestreckten Flügel des in die Schieferplatte gehauenen Vogels nach.
»Alles ist schiefgelaufen«, sagte sie. »Ich habe es wirklich versucht, so gut ich konnte, aber das war nicht genug. Ich bin gescheitert. Und es tut mir so leid, dass ich uns beide nicht retten konnte. Du hättest das nicht in den Sand gesetzt, so wie ich es getan habe, richtig? Sie wird bitter enttäuscht sein. Ich kann es ihr nicht sagen. Noch nicht. Das verstehst du doch, oder? Ich wünschte, du wärst hier. Ich brauche dich.«
Die Wolken, die den ganzen Tag gezögert hatten, ließen nun einen sanften Nieselregen auf die Erde fallen. Tess lehnte sich gegen den Grabstein.
»Verdammt, warum funktionierst du nicht richtig?«
Einige Gräber weiter stand ein Mann in gebückter Haltung; mit einer Hand stützte er sich auf den Kopf eines Granitengels, mit der anderen schlug er sich gegen sein Knie. Als Tess sich umdrehte, schaute er auf, und trotz der vielen vergangenen Jahre glaubte sie, ihn als einen der Thornton-Brüder zu erkennen – drei rauflustige Jungs, die sich ähnelten wie Drillinge –, die mit ihr die Grundschule des Dorfs besucht hatten. Aber beim nochmaligen Hinsehen fragte sie sich, ob sie sich nicht doch irrte. Die Thorntons waren lebensfrohe, fröhliche Jungen gewesen, die immer Unfug im Kopf hatten, aber dieser Mann wirkte so, als hätten ihn seine Lebensgeister schon vor langer Zeit verlassen.
Tess wischte sich übers Gesicht und hoffte, dass der Regen ihre Tränen verschleierte. Der Mann richtete sich auf, und sie drückte sich an den Grabstein, als er sie anstarrte. Offensichtlich zögerte er und dachte darüber nach, ob er zu ihr herüberkommen sollte. Doch dann überlegte er es sich anders, drehte sich um und ging in die entgegengesetzte Richtung davon, wobei er das rechte Bein leicht nachzog.
Sie stand auf, klopfte sich die Grashalme von den Beinen und schaute ihm nach, bis er außer Sichtweite war. Dann nahm sie den gleichen Weg durch den Friedhof und ging in Richtung Dorf nach Hause.
Zehn Minuten später blieb Tess auf der Treppe vor dem frei stehenden Steinhaus stehen, das in ihrer Kindheit ihr Zuhause gewesen war. Es lag in einer kleinen ruhigen Straße, die vom Dorfanger in Ribblemill abging. Seit ihrem letzten Besuch vor vielen Monaten hatte sich hier nichts verändert. Ebenso wenig wie in den Jahren zuvor, eigentlich so lange, wie sie sich zurückerinnern konnte. An allen Fenstern hingen noch dieselben Vorhänge, bei denen mittlerweile die Farbe an den Kanten fast weiß verblichen war, auf den Fensterbrettern stand noch derselbe Zierrat, der das Haus in einem anderen Jahrzehnt gefangen hielt, und dieselbe leidvolle Atmosphäre presste die Steine ebenso fest zusammen wie der Kalkmörtel.
Sie atmete tief durch, wappnete sich für das, was dort drin auf sie wartete, schlug leicht den Türklopfer gegen das Holz und öffnete die Tür.
»Hallo, Mum. Ich bin’s, Tess!«
Vor dem Spiegel im Flur hielt sie kurz inne, um zu überprüfen, ob sie trotz ihrer Tränen so aussah, wie man es von Tess Bailey erwartete: blonde Locken, die ihr perfekt frisiert über die Schultern fielen, und ein hübsches geblümtes Kleid in dem gleichen Stil, den sie seit ihrer Kindheit trug. Nur das Lächeln fehlte noch, aber das ließ sich rasch beheben. Wie auch sonst zu jeder Gelegenheit gelang es ihr, rasch ein überzeugendes Lächeln aufzusetzen, bevor sie die Wohnzimmertür aufstieß.
Sie wurde überschwänglich begrüßt – laute Ausrufe der Überraschung, und alle strahlten sie an. Es waren mehr Gäste da, als Tess erwartet hatte. Grace, ihre Mum, saß in ihrem Lehnstuhl vor dem Kaminofen, der trotz des feuchten Septemberwetters auf höchster Stufe brannte, und drei ihrer Freundinnen standen schwitzend am anderen Ende des Zimmers.
»Hallo, alle zusammen!« Tess küsste jede der Frauen auf die Wange – Joyce, Ruth und Marjorie, Grace’ treueste Freundinnen. »Wie schön, euch alle zu sehen!«
»Oh, Tess, du siehst wieder bildhübsch aus!« Marjorie nahm ihre Hand und musterte Tess von oben bis unten. »Grace hat uns nicht gesagt, dass du heute kommst.«
»Nein, das ist ein Überraschungsbesuch. Ist das nicht nett?« Tess bückte sich, um ihrer Mutter ebenfalls einen Kuss auf die Wange zu geben, und ignorierte Ruths hochgezogene Augenbrauen. Grace mochte keine Überraschungen, das war allgemein bekannt. »Hallo, Mum, wie geht es dir?«
Manchmal träumte Tess davon, dass ihre Mutter mit einem Lächeln reagierte – vielleicht sogar lachte –, sie für diese dumme Frage schalt und erklärte, dass es ihr hervorragend gehe. Heute war das nicht der Fall. Sie fuhr mit den Händen durch die Luft, die Sorgenfalten auf ihrem Gesicht vertieften sich, und sie starrte Tess an, als … als sei sie ein Geist. Nein, dachte Tess, einen Geist würde sie wahrscheinlich mit einem Lächeln besänftigen.
»Tess?« Grace beugte sich auf ihrem Stuhl vor. »Warum bist du hier? Was ist los?«
»Nichts! Ich komme nur, um dich und Dad zu besuchen.« Tess setzte sich auf die Armlehne von Grace’ Stuhl. »Allerdings habe ich ein paar Neuigkeiten …«
»Schlechte Nachrichten?« Einen Moment lang verstärkte sich das Zittern von Grace’ Händen, dann griff sie nach Tess’ Arm und strahlte sie an. »Oh, Tess. Ein Baby? Bist du endlich schwanger?«
»Nein, bin ich nicht.« Ein paar einfache Worte, aber Tess fiel es schwer, ihr Lächeln beizubehalten, da sich dahinter große Trauer verbarg. Die fröhliche Erwartung auf Grace’ Miene verschwand, und Tess wusste, dass sie sie nicht mehr zurückbringen konnte. »Aber …«
»Wo ist Tim?« Grace spähte an Tess vorbei zur Tür. »Wir haben ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Bringt er das Gepäck herein?«
»Tim ist dieses Mal nicht mitgekommen.« Tess lächelte alle im Zimmer an, senkte aber rasch den Blick, als Ruth sie neugierig anstarrte. Sie hatte nicht erwartet, sich bei dieser Ankündigung gleich einer ganzen Mannschaft stellen zu müssen.
»Tim ist nicht da? Aber er war schon beim letzten Mal nicht dabei. Oh, Tess, er ist doch nicht wieder krank, oder?«
»Keine Sorge, es geht ihm gut.« Tess griff nach den Händen ihrer Mutter und hielt sie fest. »Tatsächlich geht es bei den Neuigkeiten um ihn.« Sie hielt kurz inne. Das würde sie wohl doch jetzt schaffen – sie hatte es oft genug in Gedanken geübt. Wie schwer konnte es sein, ein paar Worte aneinanderzureihen und auszusprechen? Sie waren nur Schall, der sofort wieder verflog. »Tim wurde ein großartiger Job angeboten. Als Vizepräsident einer angesehenen Baufirma. Eine solche Chance bekommt man nur einmal im Leben, und er erhält dafür ein fürstliches Gehalt. Ist das nicht toll?«
Beeindruckte »Oohs!« wurden laut.
»Vizepräsident!«, wiederholte Marjorie. »Das klingt sehr wichtig.«
»Wird er in London arbeiten?«, erkundigte sich Joyce. »Dann werdet ihr wohl nicht wieder in den Norden ziehen?«
»Nun, tatsächlich …«
Obwohl Tess sich bemühte, ihre Stimme fröhlich klingen zu lassen, sah Grace sie besorgt an.
»Diese Möglichkeit ist noch viel besser als ein Job in London. Er wird in Dubai arbeiten. Ist das nicht fantastisch?«
»Tess, du kannst doch nicht nach Dubai ziehen!« Grace’ Augen wurden feucht. »Das ist viel zu weit weg. Ich habe doch schon Max verloren …«
»Unsinn«, warf Ruth ein. »Max ist in Australien. Und ein Flug nach Dubai dauert sicher nicht länger als eine Fahrt nach Sussex.«
Alle wussten, dass es eigentlich überflüssig war, darüber zu reden. Grace verließ Ribblemill nie – sie ging sogar ganz selten aus dem Haus. Sie hatte Tess noch nie in Sussex besucht, und es machte keinen Unterschied, ob sie zehn Minuten oder zehn Stunden von hier entfernt wohnte.
»Die Sonne wird dir sicher guttun, Tess. Genieße ein wenig Glamour, solange du kannst. Lerne Bauchtanzen, und wenn du wieder hier bist, bringst du es uns bei! Ich wollte schon immer diesen exotischen Tanz lernen, und den nötigen Bauchspeck dafür habe ich bereits!«
Alle außer Grace lachten. Tess nutzte diese Ablenkung, um weitere Neuigkeiten loszuwerden.
»Ich werde nicht mit ihm gehen. Er hat einen auf ein Jahr befristeten Vertrag und wird sechs Tage die Woche sehr hart arbeiten müssen, also …«
»Aber du kannst doch nicht ohne ihn hierbleiben. Tim ist dein Mann.« Grace griff nach einem der gerahmten Fotos auf dem Regal neben ihr und schwenkte es durch die Luft, als müsse sie Tess daran erinnern.
»Ah, das war ein herrlicher Tag«, schwärmte Marjorie. »Eine solche Hochzeit wird es in diesem Dorf nie wieder geben. Diese Pferdekutsche! Da wurde wirklich ein Märchen wahr!«
Tess nahm Grace das Bild aus der Hand. Es zeigte sie und Tim an ihrem Hochzeitstag; sie sahen aus wie das perfekte Paar. Zwei blonde Menschen schmiegten sich aneinander und zeigten mit einem strahlenden Lächeln, wie glücklich sie waren. Es war ein wunderschöner Tag gewesen, das hatten alle gesagt – ein romantischer Tag, wie er im Buche steht. Genau so, wie ihn ihre Mum geplant hatte, nachdem sie sich so lange Zeit eine Hochzeit für Tess gewünscht hatte. Tess stellte das Bild zurück auf das Regal.
»Aber wie willst du denn ohne ihn zurechtkommen?«, fragte Grace.
»Das wird sie ohne Probleme meistern«, warf Ruth ein, bevor Tess etwas erwidern konnte – sogar noch, bevor sie über eine Antwort nachdenken konnte. »So wie alle Ehefrauen, deren Männer in den Krieg gezogen sind. Noch besser, weil sie weiß, dass er zurückkommen wird.«
Ruth lächelte Tess ermutigend an. Sie erwiderte ihr Lächeln und hoffte, dass es überzeugend wirkte.
»Wirst du dich nicht einsam fühlen, wenn du allein lebst?«
»Das ist die nächste aufregende Neuigkeit!« Tess drückte Grace’ Hände. »Ich habe mir darüber Gedanken gemacht und beschlossen, mich ein Jahr beurlauben zu lassen und eine Weile hierzubleiben. Dann kann ich Dad und dich immer sehen. Freust du dich darüber?«
»Oh, Tess, es wird wunderbar, wenn du wieder in deinem alten Zimmer wohnst.«
Tess dachte an das Zimmer im oberen Stockwerk: ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit in kreischendem Pink mit zwei durch einen Nachttisch getrennten Betten, die an der Wand befestigt waren, damit sie sich nicht zusammenschieben ließen. Tim und sie hatten das bei ihrem ersten Besuch hier mit unterdrücktem Kichern festgestellt. Ein Jahr eingepfercht in diesem Zimmer? Nein, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie warf Ruth einen Blick zu.
»Sie braucht ein eigenes Zuhause«, stellte Ruth fest. »Tim wird sicher hin und wieder Urlaub haben und zu Besuch kommen, und dann wollen die beiden ungestört sein. Ein junges Paar kann sich unter dem Dach der Eltern nicht ausleben.«
»Mel vermietet Zimmer im No Name«, warf Joyce ein. Tess spürte, wie Grace bei dem Gedanken, dass ihre Tochter im Pub des Dorfs wohnen würde, ein Schauder überlief. »Und Brenda Thornton nimmt auch Untermieter auf, oder? Allerdings glaube ich, dass sie im Augenblick keinen Platz hat, vor allem weil Noah aufgetaucht ist.«
Noah? Das war der mittlere der Brüder. Tess fragte sich, ob es sich bei ihm um den Mann handelte, den sie auf dem Friedhof gesehen hatte.
»Ich glaube, ich weiß die perfekte Lösung«, erklärte Ruth. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Wenn wir sofort losgehen, könnten wir Cassie noch in der Bücherei antreffen, bevor sie schließt. Vielleicht könnt ihr euch beide gegenseitig helfen.«
Tess warf einen Blick auf Cobweb Cottage und wusste sofort, dass sie unbedingt dort wohnen wollte. Es stand abseits der anderen Gebäude auf halbem Weg des Pfads, der durch das Anwesen um das große Herrenhaus Ramblings am Rande des Dorfs Ribblemill führte. In vielerlei Hinsicht sah das Häuschen eigenartig aus. Es besaß zwar, wie es hier Tradition war, auf jeder Seite der Haustür ein Fenster, aber es war auf der rechten Seite breiter als auf der linken, so als hätte der ständige Wind in Lancashire es aus der Balance gebracht. Aber die mit frischem Mörtel verputzten Steine schimmerten, die Fenster hatten neue Rahmen aus Eichenholz, und die geschnitzte Haustür mit dem eisernen Klopfer wirkte einladend für Besucher und schützte gleichzeitig die Bewohner. Das Cottage sah warm und freundlich aus und lag ein gutes Stück entfernt von dem Haus, das sie vor wenigen Minuten verlassen hatte. Es war perfekt.
Der erste Eindruck von außen wurde durch den Gang durch das Häuschen noch bestätigt. Es war erst vor Kurzem renoviert worden, und der Geruch nach Farbe hing noch in der Luft. Der Grundriss war einfach, aber gut durchdacht: An den beiden Seiten der Diele lagen das Wohnzimmer und das Esszimmer, und im hinteren Teil befand sich die Küche. Im ersten Stock gab es zwei große Schlafzimmer mit je einem angeschlossenen Bad, wofür man auf das dritte Schlafzimmer verzichtet hatte.
Tess’ Erwartungen auf ein neues Zuhause waren bei Weitem übertroffen, und das Beste daran war, dass es günstig zu mieten war. Ruth arbeitete als Haushälterin in Ramblings und hatte Tess Cassie vorgestellt, eine der Treuhänderinnen der gemeinnützigen Stiftung, die das Anwesen verwaltete. Cassie hatte ihr erklärt, dass die Stiftung unter anderem zum Ziel hatte, für Bedürftige eine erschwingliche Unterkunft zur Verfügung zu stellen: junge Menschen aus dem Dorf, die nach einem ersten Heim suchten, ehemalige Ribblemiller, die in das Dorf zurückkehrten, und alle, die vorübergehend Zuflucht suchten und nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Cobweb Cottage war das erste Haus auf dem Anwesen, das renoviert worden war, und Cassie freute sich darauf, dass jemand die Unterkunft testete und eine Rückmeldung gab, die bei der weiteren Arbeit berücksichtigt werden konnte.
Tess warf einen Blick aus dem Fenster des schmaleren Schlafzimmers – obwohl es kleiner war als das zweite, gefiel es ihr wegen des altmodischen Kamins und des Badezimmers besser –, als sie hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und das Lachen eines Manns nach oben schallte. Cassie schien das nicht zu beunruhigen – im Gegenteil: Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie lief rasch die Treppe hinunter. Tess folgte ihr ins Wohnzimmer, wo Cassie die Hand eines attraktiven dunkelhaarigen Manns ergriffen hatte. Er kam ihr irgendwie bekannt vor, ebenso wie die vierte Person im Raum. Es war der Thornton-Bruder von vorhin. Obwohl er sich in eine Ecke drückte, schien er mit seiner an einen Rugbyspieler erinnernden Gestalt den ganzen Raum einzunehmen.
»Tess, das ist Barney«, stellte Cassie ihr den Mann an ihrer Seite vor. Mehr musste sie dazu nicht sagen. Tess hatte auf dem kurzen Weg von Ramblings zum Cobweb Cottage schon eine Menge über Barney erfahren.
»Tess?« Barney lächelte. »Tess Green, richtig? Warst du nicht in der Dorfschule ein Jahr unter uns?«
»Das stimmt, aber ich heiße jetzt Tess Bailey. Wie schön, dich wiederzusehen!«
»Noah kennst du ja bereits. Noah, du erinnerst dich an Tess?«
Noah musterte sie von oben bis unten. »Nur noch vage.« Seine Miene war undurchdringlich, und seine Stimme verriet, dass ihn weder die Erinnerung an sie noch das Wiedersehen mit ihr interessierte.
»Noah möchte das Cottage mieten«, sagte Barney zu Cassie. »Ich wollte ihn gerade herumführen. Vielleicht wird er unser erster Mieter.«
»Aber ich habe das Haus gerade Tess gezeigt …«
»Und ich finde es großartig!«, warf Tess ein. »Ihr habt es wunderbar renoviert. Ich würde es gern mieten. Tut mir leid«, fügte sie mit einem Lächeln in Noahs Richtung hinzu.
»Dafür gibt es keinen Grund. Ich habe es vor zehn Minuten bereits gemietet.«
»Ohne es besichtigt zu haben?«
Er zuckte mit den Schultern. »Alles ist besser, als auf einem Sofa in einem Haus zu schlafen, wo mehr los ist als im Old Trafford.«
Da war sich Tess nicht sicher – er hatte das Doppelzimmer im Haus ihrer Eltern noch nicht gesehen.
»Wann werdet ihr ein weiteres Häuschen fertig haben?«, fragte sie. Noah konnte vielleicht noch zwei oder drei Wochen warten und dann eine andere Unterkunft beziehen. Ganz offensichtlich ging es ihm nicht speziell um Cobweb Cottage, wohingegen sie in Gedanken bereits hier eingezogen war und es zu ihrem Heim machte.
»Die Wohnungen in den Stallungen werden nicht vor nächstem Jahr fertig, oder, Cassie?«
»Nein, die Umbauarbeiten haben erst vor einigen Wochen begonnen, nachdem sie hier beendet worden waren.« Cassie wandte sich an Tess und sah sie verständnisvoll an. »Ich weiß, dass du rasch eine Unterkunft brauchst.« Sie schaute zwischen Tess und Noah hin und her. »Mir ist klar, dass das keine ideale Lösung ist, aber könntet ihr euch vorstellen, das Häuschen gemeinsam zu bewohnen? Ihr hättet jeder ein eigenes Schlafzimmer mit Bad, und sogar ein eigenes Wohnzimmer, wenn wir das Esszimmer ein wenig umgestalten. Das ist mehr, als vielen Menschen zur Verfügung steht. Mehr, als ich früher hatte. Und ihr seid euch ja nicht ganz fremd.«
Tess wollte instinktiv ablehnen – das war eine verrückte Idee, oder? Sie warf einen Blick hinüber zu der Ecke, in der Noah stand, und erwartete eine ähnliche Reaktion von ihm, doch seine Miene war unbewegt, und der Ausdruck in seinen Augen – so blass, dass sie beinahe aussahen wie klares Glas – war nicht zu deuten. Er war kein Fremder, nicht im herkömmlichen Sinn, aber sie hatte ihn seit Jahren nicht gesehen, und er gehörte nicht zu der Art von Männern, mit denen sie vertraut war. Tim war umgänglich, höflich, gelassen und absolut ungefährlich. Noah hingegen sah aus, als sollte man ihn möglichst nicht ohne Leine und Maulkorb auf die Menschheit loslassen. Grace würde ihn verabscheuen. Er gehörte zu der Gattung der Männer, vor denen sie Tess in ihrer Jugend gewarnt hatte – unberechenbar und gefährlich. Aber welche Alternative gab es? Schließlich ging es nur darum, sich für ein paar Monate eine Unterkunft zu teilen, nicht um eine lebenslange Verpflichtung. Wie schlimm konnte das schon werden?
»Das ist eine großartige Idee!« Sie lächelte Noah an, aber er zeigte keine Reaktion. »Hier ist genug Platz. Wir werden uns kaum über den Weg laufen.«
Endlich kam er aus der Ecke hervor und schien den gesamten Raum in Besitz zu nehmen.
»Ich hoffe, das ist ein Versprechen.«
2
Tess nahm eine Abkürzung durch das Waldstück, das Ramblings umgab, zur Rückseite des Cobweb Cottage. Heute durfte sie endlich einziehen – nur eine Woche nach ihrer Rückkehr nach Ribblemill, aber nach der kurzen Zeit mit ihrer ständig besorgten Mutter hätte sie das Haus sogar mit Jack the Ripper geteilt. Da war Noah Thornton kein Problem für sie. Sie hatte ihn in den letzten Tagen nicht gesehen, wusste aber von Cassie, dass er auch heute hier einziehen würde. Das Haus war mittlerweile möbliert, und sie hatte beschlossen, rechtzeitig da zu sein, um das schönere Schlafzimmer mit dem anschließenden Bad für sich in Anspruch zu nehmen.
Sie ging um das Haus herum und lief prompt Noah über den Weg. Er lehnte mit geschlossenen Augen an einem der Fenstersimse an der Vorderseite des Hauses und rauchte.
»Was tust du hier?«, fragte Tess. Sie hatte ihn nicht als Frühaufsteher eingeschätzt. Ganz im Gegenteil – beide Male, als sie ihn vor Kurzem gesehen hatte, hatte er so zerknautscht ausgesehen, als wäre er soeben aus dem Bett gestiegen.
Er sah auf, wirkte aber trotzdem nicht viel munterer und blickte sie mit ausdrucksloser Miene an. »Ich ziehe hier ein.«
»Du kannst es wohl kaum erwarten.« Tess lächelte. Sie hatte damit gerechnet, allein zu sein, und ganz vergessen, ein freundliches Gesicht aufzusetzen. »Oder versuchst du auf raffinierte Weise, vor mir die besten Zimmer zu belegen?«
»Das ist nicht meine Art.« Er blies eine Rauchwolke aus. »Such dir aus, was du willst.«
»Okay. Danke.« Das war kein befriedigender Sieg, vor allem weil er sich damit moralisch überlegen gezeigt hatte – und sie hatte das ungute Gefühl, dass ihm das bewusst war. Der Wind wehte ihr eine Rauchfahne ins Gesicht. »Du wirst doch nicht etwa im Haus rauchen?« Tess deutete auf seine Zigarette.
»Gibt es schon eine Hausordnung?« Er warf den Zigarettenstummel auf den Pfad vor dem Haus und ging einen Schritt nach vorne, um ihn auszutreten. »Ich schlage dir einen Kompromiss vor: Ich werde nicht im Haus rauchen, wenn du keine dieser grässlichen Duftkerzen anzündest.«
»Von mir aus gerne.« Dieser Mann war nervtötend. Das würde ihr Badevergnügen deutlich beeinträchtigen. Woher wusste er überhaupt, dass sie Duftkerzen liebte? »Gehen wir hinein?«
Sie erreichten beide gleichzeitig mit dem Schlüssel in der Hand die Haustür.
Tess lachte. »Nach dir.«
Noah drehte den Schlüssel im Schloss und stieß die Tür auf. Sie zögerten beide kurz an der Türschwelle, und Tess zuckte die Erinnerung an Tims Wohnung durch den Kopf. Als sie dort eingezogen war, hatte sie auf den Beginn einer langen gemeinsamen Zukunft gehofft, darauf, dass das die feste Beziehung war, nach der sie sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte. Genau einen Monat zuvor hatte er sie mit einer Wochenendreise nach Rom überrascht und ihr, sehr zur Erheiterung vieler Touristen und Einheimischen, am Trevi-Brunnen vor ihr kniend einen Heiratsantrag gemacht. Sie hatte sofort ihre Mum angerufen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, welche Aufregung dieser unvorhergesehene Anruf mit sich bringen konnte, denn sie war sich ganz sicher gewesen, dass diese Neuigkeit ihre Mutter glücklich machen würde. Und dann hatte Tess zum ersten Mal mit einem Mann unter einem Dach gelebt – mit Ausnahme ihres Vaters. Sie hatte sich das bis dahin nicht vorstellen können.
»Hast du deine Meinung geändert?«
Das Bild von Tim – elegant, gepflegt, kultiviert – zersplitterte in tausend Stücke und wurde durch die raue Wirklichkeit ersetzt. Neben ihr stand Noah mit schlammverschmierten Stiefeln, einer Lederjacke und … Das Wort erdig fiel ihr plötzlich ein. Jedoch nicht im Sinne von muffig. Sie stand nahe genug neben ihm, um den frischen Geruch nach salzigem Meerwasser wahrzunehmen, den er ausströmte – von dem Zigarettenrauch abgesehen –, aber er hatte etwas Rohes, Ursprüngliches an sich, als hätte er sich erst am Morgen zwischen den Bäumen aus der Erde erhoben und wäre direkt hierhergestapft. Wie ging man mit einem solchen Mann um? Damit hatte Tess keine Erfahrung. Sie lachte und hoffte, dass sich ihre übliche Taktik bewähren würde.
»Natürlich nicht! Ich freue mich schon darauf!«
Sie schob sich an ihm vorbei, vorsichtig darauf bedacht, ihn dabei nicht zu berühren, und betrat Cobweb Cottage. Bei ihrer Besichtigung vor einer Woche war es noch eine leere Hülle gewesen, doch nun wirkte es wie ein warmes, einladendes Heim. Der Holzboden im Flur, der zur Küche führte, glänzte, einige Haken an der Wand warteten geduldig auf Mäntel, auf einem Konsolentisch stand ein großer Krug mit Blumen und Ziergrün, die, wie Tess annahm, auf dem Grundstück gepflückt worden waren. Davor lag eine Karte. Tess hob sie auf.
»Willkommen im neuen Heim!«, hieß es auf der Vorderseite, und innen war in akkurater Handschrift hinzugefügt worden: »Für Tess und Noah. Wir wünschen euch viel Glück in Cobweb Cottage. Liebe Grüße von Cassie und Barney.«
»Ist das nicht nett?« Tess drehte sich um, um Noah die Karte zu zeigen, stellte aber fest, dass er ihr bereits über die Schulter geschaut hatte. Er brummte etwas Unverständliches, was nicht begeistert klang, aber Tess lächelte trotzdem. »Schauen wir uns jetzt das Haus an?«
Das größere Zimmer auf der rechten Seite des Flurs war hell und modern eingerichtet mit einem weich gepolsterten Sofa, einem Sessel und einem hochflorigen Läufer in neutralen Farben. Auf einem Schränkchen aus heller Eiche stand ein Fernseher, und ein kleines Regal war bereits zur Hälfte mit einer diversen Auswahl von Büchern gefüllt.
»Ein wunderschöner Ort, um sich zu entspannen«, erklärte Tess, bekam aber keine Antwort. Vielleicht legte Noah keinen Wert auf Entspannung? Tess verstärkte ihr Lächeln und ging über den Flur zu dem kleineren Zimmer, das ursprünglich als Esszimmer vorgesehen gewesen war.
Der Kontrast war verblüffend. Das erste Zimmer wirkte modern und minimalistisch. Dieses jedoch war beinahe mit Möbeln überfüllt, die alle aus einem Antiquitätenladen zu stammen schienen. An einer Wand stand eine Chaiselongue mit Klauenfüßen und taubenblauem Damastbezug, die dazu einlud, sich mit einem Buch darauf niederzulassen. Zwei mit verblichenem Chintz bezogene Sessel waren an den Kamin gerückt, zwischen ihnen ein kleiner, kunstvoll verzierter Mahagonitisch. Auf einem dazu passenden Schränkchen in der Ecke befand sich ein kleiner tragbarer Fernseher. Alles sah alt und oft benützt, aber sehr hübsch aus. Tess war begeistert.
Sie wandte sich an Noah. Er wirkte hier völlig fehl am Platz – wie ein Riese in einem Puppenhaus. Trotzdem sollte sie nicht vorschnell über seinen Geschmack urteilen.
»Was gefällt dir besser?«, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. »Such du dir ein Zimmer aus. Ich nehme das, was du nicht haben möchtest.«
»Großartig! Dann nehme ich dieses, und du bekommst das größere.«
Er nickte und ging an ihr vorbei. Kurz darauf hörte sie seine schweren Schritte auf den Stufen. Sie lief ihm rasch nach und holte ihn auf dem Treppenabsatz ein. Noah spähte gerade in das kleinere Schlafzimmer. Es war schlicht möbliert – ein Doppelbett, ein einfacher weißer Kleiderschrank und ein beigefarbener Läufer, der über den Flur in das zweite Schlafzimmer führte. Tess hoffte, dass er nicht hineinging, denn das war ihr Schlafzimmer.
»Ich nehme dieses hier, denn ich habe unten bereits das größere Zimmer bekommen«, erklärte Noah.
»Nein!«
Er sah sie an und musterte ihr Gesicht, als würden ihre Gedanken dort für alle sichtbar in Großbuchstaben stehen.
Tess lachte. »Nett von dir, aber das ist nicht nötig. Du bist größer als ich, also ist es sinnvoll, das Haus entsprechend zwischen uns aufzuteilen, oder?« Sein Schweigen bewirkte mehr als ein Dutzend bohrender Fragen. Sie lächelte. »Würde es dir etwas ausmachen, mir dieses Schlafzimmer zu überlassen? Das anschließende Badezimmer hat nämlich …«
Noah hob den Arm, als wolle er weitere unerwünschte Informationen damit abblocken.
»Nimm es. Nimm alles, was du willst. Ich möchte hier nur Ruhe und Frieden haben.«
Er drehte sich um, ging in das andere Schlafzimmer und schloss nachdrücklich die Tür hinter sich. Tess ließ sich in ihrem Schlafzimmer aufs Bett fallen und seufzte. Es konnte alles nur besser werden, oder?
Die erste Person, die diese Ruhe und den Frieden störte, war Tess’ Vater Len, der in Tess’ Wagen vor dem Cobweb Cottage hielt, um ihr dabei zu helfen, die aus Sussex mitgebrachten Kisten auszuladen. »Bist du sicher, dass du dich hier draußen nicht einsam fühlen wirst, Liebling? Mich würde das nervös machen. Stell dir nur vor, was hier nachts alles um die Bäume schleicht.«
»Vor ein paar Eulen und Dachsen habe ich keine Angst. Und ich bin ja nicht allein.«
»Natürlich – der Junge von den Thorntons.« Ihr Dad lachte. »Ich hoffe, er schleicht nicht auch nachts umher. Er weiß doch, dass du in festen Händen bist, oder?«
Glücklicherweise schob Len mit der Schulter die Tür auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Was hätte Tess darauf auch sagen sollen? Dass sie sich mit dem Mann, mit dem sie nun unter einem Dach wohnen würde, noch nicht richtig unterhalten hatte? Schon gar nicht über ihren oder seinen Beziehungsstatus. Sie fragte sich, in welcher Situation er sich befand. Hatte er vielleicht eine Freundin – oder sogar mehrere –, die ihn regelmäßig besuchten? Möglicherweise hätte Tess ebenfalls klarstellen sollen, dass ihr Ruhe und Frieden wichtig waren.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte Len, als er den Flur betrat und Noah aus seinem Zimmer kommen sah. »Machen Sie sich nützlich und nehmen Sie mir das hier ab, junger Mann.« Len reichte ihm die Kiste, die er hereingeschleppt hatte, und Noah blieb nichts anderes übrig, als sie entgegenzunehmen. »Was hast du da hineingepackt, Tess? Töpfe und Pfannen? Ich habe gedacht, du hättest dein Haus vermietet. Kochen deine Mieter nicht?«
»Keine Ahnung.« Tess grinste. »Das sind meine Töpfe von Le Creuset. Die konnte ich nicht zurücklassen. Du hast doch nicht etwa auch Töpfe mitgebracht?«, fragte sie Noah, nachdem er die Kiste in der Küche abgestellt hatte.
»Nein. Das Haus ist möbliert, also bin ich davon ausgegangen, dass es auch Küchenutensilien gibt.«
»Genau das habe ich auch gesagt, aber anscheinend handelt es sich hier um ein typisches Beispiel für männliche Kurzsichtigkeit.« Len lachte. Das rief bei Noah ein Lächeln hervor – ein kurzer, unerwarteter Anblick, der ihn verwandelte, nicht gerade in eine Schönheit, aber weiter weg von einem Biest. Allerdings erstreckte sich das Lächeln nicht bis zu seinen Augen. »Können Sie mir dabei helfen, den Rest hereinzuholen? Unsere Tess reist nicht mit leichtem Gepäck. Bei dem ganzen Krempel könnte man glauben, sie sei nicht nur für ein Jahr, sondern für immer zurückgekehrt.«
Noahs unergründlicher Blick ruhte einen Moment lang auf Tess.
»Schon in Ordnung, du musst uns nicht helfen …«, begann sie und lächelte ihn an.
»Kein Problem.« Tess glaubte, an seinem Tonfall zu erkennen, dass sie ihn gestört hatten. Er folgte ihr nach draußen und blieb beim Anblick des vor dem Cottage geparkten Wagens stehen. Er war Tess’ ganzer Stolz – ein knallgelber VW Käfer, verziert mit aufgemalten Gänseblümchen.
»Mein Auto heißt Betty«, verkündete Tess. »Sieht es nicht toll aus?«
»Es hat ein Blumenmuster.«
Offensichtlich war das nicht nach seinem Geschmack. Bevor Tess ihm das krummnehmen konnte, öffnete Noah bereits die Autotür und spähte in den Wagen. Die Rückbank war ebenso vollgestopft wie der Kofferraum, und auch auf dem Beifahrersitz war kein Zentimeter Platz mehr übrig.
»Dein Dad hat nicht übertrieben«, stellte er fest. »Das muss dein halber Hausrat sein.«
»Nein! Na ja, ich meine …« Tess hielt inne, als Noah sie wieder ansah. Sie beschlich das unbehagliche Gefühl, dass er zu den Menschen gehörte, die wenig sagten, aber alles wahrnahmen, die nicht nur zwischen den Zeilen lesen konnten, sondern auch das ganze Drumherum genau einzuschätzen wussten. Sie hatte nicht damit gerechnet, jemandem wie ihm zu begegnen – jemandem, der das Bild, das sie der Welt gern von sich vermittelte, durchschauen konnte, wenn sie nicht aufpasste. Sie lachte, aber dieses Mal klang es nicht so überzeugend wie sonst. »Das ist nur das Notwendigste. Du solltest mal sehen, was ich alles zurückgelassen habe! Um das alles zu transportieren, hätte ich einen Lkw statt Betty gebraucht.«
Am frühen Abend befanden sich ausreichend Lebensmittel für einen Monat im Kühl- und Gefrierschrank – und genügend Kuchen und Kekse, um Tess’ Gewicht zu verdoppeln, wenn sie alles allein aufessen würde. Die gefühlte Hälfte der Dorfbevölkerung war vorbeigekommen, um Tess in ihrem neuen Heim willkommen zu heißen, und alle hatten Geschenke mitgebracht und in der Küche abgestellt. Tess hatte nicht erwartet, dass man sich noch an sie erinnerte, und schon gar nicht mit einem so herzlichen Empfang gerechnet, nachdem sie fast zehn Jahre im Süden verbracht hatte. Es kostete sie einige Mühe, ihr Lächeln beizubehalten und nicht in Tränen auszubrechen. Ribblemill war einzigartig. Es war nicht nur der Ort, an dem sie aufgewachsen war, es war ihre Heimat.
»Gütiger Gott, hört das denn nie auf?« Noah schlenderte in die Küche, wo Tess gerade frischen Tee für Ethel zubereitete, die den Gemischtwarenladen und das Postamt im Dorf betrieb. »Ist das Dorf etwa evakuiert worden?«
»Sei nicht so frech, Noah Thornton«, wies Ethel ihn zurecht. »Und bitte keine Gotteslästerung. Deine Mutter hat dir eine solche Ausdrucksweise nicht beigebracht. Und glaube ja nicht, dass ich ihr das nicht erzählen werde!«
»Ich bin mir sicher, dass du es ihr sagen wirst, Tante Ethel.«
Zu Tess’ Überraschung umarmte Noah Ethel. Waren sie tatsächlich miteinander verwandt? Eine Ähnlichkeit war nicht festzustellen. Im Gegenteil – es sah so aus, als wäre ein Spatz in die Klauen eines Katers geraten. Aber Noahs Miene war plötzlicher weicher geworden, und zum ersten Mal sah sie eine Spur von Leben und Zuneigung in seinen kristallblauen Augen. Bis er sie ansah und jegliche Emotion wieder verschwand.
»Warum bist du hier?«, fragte er Ethel, aber seine Stimme klang sanfter als seine Worte.
»Um Tess zu sehen natürlich.«
»Du und die Hälfte der Dorfbewohner.«
»Was hast du denn erwartet? Alle mögen Tess.« Nicht alle, wenn man dem Zucken von Noahs Augenbrauen glauben durfte, mit dem er seinen Zweifel daran ausdrückte. »Und ich habe euch beiden ein paar Konservendosen mitgebracht. Bei allen ist das Haltbarkeitsdatum nur kurz überschritten. Sie werden euch sicher nicht schaden.«
Der Klang des Türklopfers schallte durch die Küche.
»Das sind sicher Ruth und Becca«, erklärte Ethel. »Sie waren soeben bei mir im Laden und sagten, sie würden vielleicht vorbeikommen. Soll ich sie hereinlassen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie zur Haustür.
»Tee?«, fragte Tess und nahm ein paar Tassen aus dem Schrank.
Noah schüttelte den Kopf. »Bier.« Er nahm sich eine Flasche aus dem Kühlschrank, und kurz darauf wurde seine Tür zwar nicht zugeknallt, aber nachdrücklich geschlossen.
»Wie verstehst du dich mit deinem neuen Mitbewohner?«, fragte Ruth lächelnd, als sie die Küche betrat. Sie sah sich um. »Hübsch sieht es hier aus. Die Sachen von Cath Kidston gefallen mir sehr gut.«
»Sie passen gut hierher, nicht wahr?« Ein paar farbenfrohe Stücke hatten den Raum in eine richtige Landhausküche verwandelt. Tatsächlich wirkten sie hier besser als in dem Neubau, den sie mit Tim bezogen hatte. Das schicke moderne Haus war seine Wahl gewesen, nicht ihre. Es war doppelt so groß, aber nicht so warm und gemütlich wie Cobweb Cottage. »Wenn wir uns erst aneinander gewöhnt haben, werden Noah und ich sicher gut zurechtkommen.«
»Er ist nicht sehr gesprächig, richtig?« Ruths Stimme war so laut, dass Tess befürchtete, Noah könnte sie hören.
»Lass ihn einfach in Ruhe«, empfahl Ethel und reichte die Teetassen herum. »Er hat eine schwere Zeit hinter sich. Und es geht ihm jetzt schon etwas besser.«
Es war schwer, sich vorzustellen, wie er sich wohl vorher benommen haben musste. Tess hätte gern mehr über diese schwere Zeit erfahren und gewusst, ob sie sich, jetzt wo sie mit ihm in einem Haus wohnte, über irgendetwas Sorgen machen musste. Aber Ruth, ihre Tochter Becca und Ethel hatten bereits am Küchentisch Platz genommen, und schon bald lenkte sie der ausführliche Dorfklatsch von den Gedanken an Noah ab.
»Wie auch immer«, sagte Ruth nach einer qualvollen Stunde, in der Tess das Gefühl bekam, dass sie nicht interessant genug war, um wieder in Ribblemill zu leben. »Wir sind nur vorbeigekommen, um dir das zu geben.« Sie kramte in ihrer Segeltuchtasche, zog ein Blatt Papier heraus und schob es über den Tisch zu Tess hinüber. »Das ist eine Liste aller unserer Aktivitäten auf Ramblings. Wir sind immer auf der Suche nach Helfern oder neuen Mitgliedern. Ich nehme an, du hast gehört, dass unser Gemeindehaus zurzeit nicht zur Verfügung steht.«
»Ja. Ethel hat mir von dem Unwetter in Ribblemill berichtet.« Tess lachte. Sie war noch nicht einmal fünf Minuten in dem Laden gewesen, als Ethel ihr in aller Breite die Geschichte darüber erzählt hatte, die sich mehr nach einem Katastrophenfilm aus Hollywood als nach einem Ereignis in diesem Dorf angehört hatte. »Aber warum konnte es noch nicht repariert werden?«
»Wegen des Streits mit der Versicherung«, erwiderte Ruth. »Sie behaupten, dass das Dach, durch das der Baum beim Sturm gekracht ist, bereits vorher baufällig gewesen sei. Also geben sie dem Eigentümer die Schuld daran, weil er es vorher nicht rechtzeitig instand gesetzt hat.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe das nicht. Glücklicherweise haben wir den Colonel und Barney, die sich darum kümmern. Vielleicht kannst du ihnen einen Rat geben? Du bist doch Anwältin, oder? Sie würden sich bestimmt darüber freuen, selbst wenn du dir gerade eine Auszeit nimmst oder wie immer du das nennen magst.«
»Ich wünschte, das könnte ich, aber das ist leider ein juristisches Gebiet, auf dem ich mich nicht auskenne«, erwiderte Tess. Sie nahm die Liste mit den Aktivitäten in die Hand und überflog sie. »Aber ich würde euch sehr gern bei einigen dieser Projekte helfen. Je mehr, desto besser. Das wird mich beschäftigten und mich davon abhalten, Tim allzu sehr zu vermissen. Ihr tut mir einen großen Gefallen, wenn ihr mir etwas zu tun gebt.«
»Wie wäre es mit dem Buchklub?«, schlug Ruth vor. »Cassie hat ihn ins Leben gerufen. Du darfst allerdings nicht zimperlich sein. Wir wechseln uns bei der Auswahl der Bücher ab, und in letzter Zeit lesen wir viel über Serienmörder. Im letzten Monat hatte ich etliche Albträume darüber, aufgehängt oder gevierteilt zu werden.«
»Das klingt wunderbar! Was kann ich sonst noch tun?«
»Da wäre noch der Klub der Senioren, die sich regelmäßig zum Mittagessen treffen. Wir bräuchten noch jemanden, der sie nach Ramblings und anschließend wieder nach Hause fährt.«
»Kein Problem!«
»Und dann gibt es noch den Bastelverein. Da du so nahe am Haus wohnst, könntest du dabei helfen, alles vorzubereiten und nachher aufzuräumen.«
»Natürlich!«
»Die Frauengruppe, Pilates, der Jugendklub am Freitagabend …« Tess nickte jedes Mal, während Ruth die Punkte auf der Liste abhakte. »Der Klub der Schmetterlingssammler …«
Tess zögerte. Für die meisten Dinge konnte sie Begeisterung heucheln, aber das ging zu weit.
»Das ist wohl nicht nach deinem Geschmack, oder?« Ruth grinste.
»Vielleicht sollte ich diesen Klub lieber auslassen.« Tess lachte. »Gibt es nichts mit Musik?«
»Wir veranstalten einmal im Monat einen Tanztee«, erwiderte Ruth. »Bei unseren Senioren ist er sehr beliebt.«
»Wie schön!« Das war nicht das, was Tess sich erhofft hatte, aber sie fand es bewundernswert, dass Ethel sich selbst nicht zu den Senioren zählte. Schließlich war sie auch schon fast siebzig. »Gibt es dort Livemusik? Ich könnte Klavier spielen oder singen …«
»Oh, das wäre dann ja wie bei Let’s Dance.« Ethel war begeistert. »Derzeit haben sie nur einen CD-Player. Kannst du denn singen?«
»Ich war Mitglied in einem Chor in London. Wir sind sogar einmal in der Royal Albert Hall aufgetreten.«
Ethel zeigte sich beeindruckt – das schien ihr als Qualifikation zu genügen. Becca hingegen verzog das Gesicht.
»Falls du an den Kirchenchor gedacht hast, vergiss es. Er besteht nur aus sechs Mitgliedern, und das Durchschnittsalter liegt bei neunzig. Es wäre ein Wunder, wenn sie lange genug leben, um im Dezember auf meiner Hochzeit zu singen. Wahrscheinlich werden wir die Heiratsurkunde zu den Klängen von Spotify unterzeichnen.«
Tess lachte, aber ein weiterer Blick auf die Liste sagte ihr, dass in dem Angebot etwas fehlte. Es gab zwar einiges für jeden Geschmack und für jedes Alter, aber nichts für diejenigen, die gern sangen oder ein Musikinstrument spielten – beides gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Vielleicht konnte sie damit ihre Zeit in Ribblemill sinnvoll gestalten. Sie hatte so viel zurücklassen müssen, aber Musik war ihr Lebenselixier. Das durfte sie nicht auch noch verlieren.
»Soll ich dich also überall eintragen, wo noch freiwillige Helfer fehlen?«, fragte Ruth.
»Ja, natürlich. Ich helfe gern, während ich hier bin.«
»Großartig. Du kannst am Mittwochmorgen bei der Gruppe für Mütter und Kleinkinder anfangen.«
»Mütter und Kleinkinder?« Tess schaute von der Liste auf. Sie hatte versucht, diese Gruppe zu ignorieren, denn dort konnte sie unmöglich teilnehmen. War es zu spät, sich stattdessen für die Schmetterlingssammler zu entscheiden? »Machen die Mütter dort nicht alles selbst?«
»Schon, aber wir haben jetzt dort auch eine Leseecke und brauchen jemanden, der die Kisten mit den Kinderbüchern dorthin bringt und darauf achtet, dass am Ende alle wieder eingesammelt werden. Einige Kinder freuen sich auch, wenn man ihnen etwas vorliest. Schau nicht so beunruhigt drein«, fügte Ruth hinzu und lachte. »Sie beißen nicht. Zumindest nicht alle. Und für dich ist das eine gute Übung, oder? Wenn dein Tim in Dubai genügend Geld verdient hat, wollt ihr doch sicher auch eine eigene Familie gründen.« Sie schaute Tess an und erwartete offensichtlich eine Antwort, aber dazu war Tess nicht bereit.
»Uns bleibt noch genug Zeit«, sagte sie schließlich, wich aber Ruths Blick aus und zwang sich zu einem Lächeln, das eher wie eine Grimasse wirkte.
Ruth seufzte und tätschelte ihr die Hand. »Warte nicht zu lange, Schätzchen. Manchmal glaube ich, die Hoffnung ist alles, was deine Mutter noch am Leben erhält.«