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Sterbetag

Buch

Lisa Yyland war sechzehn und hochschwanger, als sie entführt wurde. Doch eines war sie nie: ein Opfer. Eine Fehleinschätzung, die ihre Entführer – brutale Handlanger eines internationalen Verbrecherrings – mit dem Leben bezahlten. Achtzehn Jahre später ist aus dem Mädchen eine Frau geworden, ein eiskalter Racheengel, der nicht ruhen wird, bis diese Organisation vollständig zerschlagen ist. Lisa hat ihre Vergeltung minutiös geplant – und der Tag der Abrechnung naht: Alle zwanzig Jahre unterwirft der mächtige wie gefährliche Drahtzieher im Hintergrund zwei Frauen einem grausamen Ritual. Hier will Lisa ihn stellen. Doch dieses mörderische Spiel fordert einen hohen Einsatz: ihr Leben.



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Shannon Kirk

Sterbetag

Psychothriller

Übersetzt von
Verena Kilchling

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Deutsche Erstveröffentlichung April 2020
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Shannon Kirk
Der Titel der amerikanischen Originalausgabe lautet »Plan 15/33«
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: Stocksy/Duet Postscriptum; FinePic®, München
Redaktion: Alexander Groß
KS · Herstellung: kw
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-25376-9
V001
www.goldmann-verlag.de

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Allen rebellischen Wissenschaftlern gewidmet

Du kennst meine Angst nicht

Ich fürchte mich

vor etwas Ungezähmtem, Unbekanntem,

wende mich ab,

verstecke mich vor der Wahrheit.

Die Sinne, nein, sie sind trügerisch,

der Tastsinn gebändigt, die Blicke zahm.

Die Grenzen des Hörens, des Schmeckens,

ich ertrage sie,

trotze der Leere des Raums,

den dunklen Löchern voll Nichts.

Unerbittliche, rachsüchtige Angst.

Eine Ewigkeit, völlig wertlos.

SCK, 24.02.2017

KAPITEL EINS

Ein neuer Zustand für Lisa Yyland, 34

In diesem Moment stelle ich infrage, wer ich bin, ob ich stehe, ob ich fliege, ob ich zerfalle. Ich überlege, ob ich nichts bin, vielleicht nur Schall oder Licht, abgetrennt von allem, was mich am Boden verankert. Doch das würde nicht erklären, woher ich weiß, dass ich sie im Arm halte. Also versuche ich, mich zu konzentrieren. Versuche, die Gefühle auszuschalten, die mich im Schock überwältigt haben.

Ihr Blut tropft von meinen Händen und bildet Netze in den Zwischenräumen meiner Finger. Ich habe gerade die Lache berührt, die sich unter ihr gebildet hat – das Blut stammt von ihrem Rücken, wo die lautlose Kugel wieder ausgetreten ist.

Herbstblätter bedecken die Erde und formen einen Teppich aus Rot, Orange, Braun und Gelb – denselben Farben, die sich in den noch vollen Baumkronen wiederfinden. Es ist mitten im Herbst, die Jahreszeit der Indian-Summer-Touristen. Die Luft ist spätsommerlich warm, aber vielleicht ist mir auch nur heiß von unserer Joggingrunde, die jäh unterbrochen wurde, als der SUV um die Ecke bog, ein SUV, der aussah wie all die anderen Luxusschlitten in diesem Küstenort in Massachusetts.

Ich gehe die letzte Minute noch einmal in sämtlichen, mikroskopisch kleinen Details durch: Ein schwarzer SUV biegt von der Harbor Lane in die Beach Street ein, die hintere, getönte Scheibe auf der Fahrerseite ist heruntergefahren. Mein Blick wandert zu meiner Begleiterin, der Frau, die jetzt am Boden liegt, vor einer Minute jedoch noch aufrecht neben mir her joggte und dabei durch eine Playlist auf ihrem iPhone scrollte. Während ich kurz den Kopf zu ihr drehte und auf den Bildschirm ihres Handys blickte, entging mir offenbar der Lauf einer auf sie gerichteten Waffe im offenen Fenster des eingebogenen SUV. Dann sackte sie, ohne jedes Geräusch oder eine ersichtliche Ursache, seitlich nach hinten weg wie eine sterbende Giraffe. Während der SUV beschleunigte und stadtauswärts davonrauschte, glitt ihr das iPhone aus der Hand und landete irgendwo unter einem verblühten Hortensienstrauch, der jetzt gerade meine Achillessehne streift. Als ich ihr das iPhone letztes Jahr zu Weihnachten schenkte, stellte ich den Zeitraum, bis es sich von selbst verschlüsselt, auf drei Minuten ein, man kann das Gerät also drei Minuten lang bedienen, bevor man ein Passwort braucht. Wenn mir mein derzeitiger Schockzustand keinen Streich spielt, müsste es jetzt zwei Minuten her sein, dass meine Begleiterin zuletzt aufs Bedienfeld gedrückt hat.

Ich brauche ihr Handy. Darf nicht zulassen, dass es der Polizei oder jemand anderem in die Hände fällt.

Unglücklicherweise habe ich es versäumt, mir das Nummernschild des Tatfahrzeugs einzuprägen. Ein unverzeihlicher Fehler. Wären sie wirklich so dumm, mit Nummernschildern herumzufahren, die sich zurückverfolgen lassen? Vielleicht war mein Versäumnis doch nicht so unverzeihlich.

An der Vorderseite ihres leblosen Körpers sind keine Spuren einer eingedrungenen Kugel zu erkennen. An ihrem Rücken klafft hingegen eine offene Wunde – ihrem Rücken, der jetzt auf dem Schotter des Joggingpfads liegt. Vor knapp zwei Minuten bin ich auf die Knie gesunken, habe sie auf die Seite gerollt, die Kieselsteinchen in ihrer Wunde gesehen, sie in meine Arme gezogen und mich hyperventilierend in einen Zustand versetzt, der mir buchstäblich den Atem raubte und mir völlig den Verstand vernebelte. Fast alle Emotionsschalter in meinem Kopf legten sich von selbst um, ohne meine Erlaubnis. Wer schreit da so? Ich glaube, das bin ich.

Der Hafen liegt hinter mir. Bootshörner tuten, der Schiffsverkehr geht unbeirrt weiter. Im Meeresarm, der kaum Wasser führt, weil gerade Ebbe herrscht, watscheln die Enten so vergnügt zum hohen Gras der Salzmarsch, als hätte die Erde nicht soeben aufgehört, sich zu drehen, als wäre nicht gerade die Hölle über diesen Ort hereingebrochen, als wäre nicht gnadenloses Unheil auf mich niedergegangen, auf Mutter, die sterbend am Boden liegt, während Schotter in ihrem Fleisch steckt und Dreck in ihre geborstene Wirbelsäule eindringt. Ich muss sämtliche Gefühle ausschalten und wieder Herrin über meinen Verstand werden, die Kontrolle über diese Situation zurückgewinnen.

Vielleicht höre ich Sirenen. Vielleicht rennt gerade eine andere Joggerin auf mich zu. Ich glaube, sie trägt einen rosa Tennisrock. Jetzt ist sie näher herangekommen, beugt sich über mein Gesicht. Sie hat weiße Haare, und auf dem Schirm ihrer Schildmütze steht Saleo Country Club. »Gaaanz ruhig!«, schreit sie mir zu, was überhaupt nicht hilft, weil es das Gegenteil bewirkt und mich erst recht aufregt. Wie sehr diese Frau auch brüllt, es macht den leblosen, schlaff in meinen Armen hängenden Körper auch nicht wieder lebendig. »Gaaanz ruhig«, wiederholt die Frau. »Gaaanz ruhig, gaaanz ruhig, gaaanz ruhig.« Die Art, wie sie mit ihrem Bostoner Akzent das »a« in die Länge zieht, bringt mich zur Weißglut, meine Augen verengen sich zu Schlitzen, und meine Nasenlöcher blähen sich. Ihre Saleo-Country-Club-Kappe beschirmt eine schwarze Sonnenbrille.

Im Saleo Country Club ist weiße Sportkleidung vorgeschrieben. Ihr Rock ist rosa.

Der Country Club liegt zehn Minuten die Straße hinunter, hinter Fry Rock Beach, wohin wir gerade joggend unterwegs gewesen waren. »Im Saleo Country Club spielen Firmenbosse, Vorstandsvorsitzende, Richter, Lokalpolitiker und Speichellecker Golf oder Tennis und meinen, sie würden die Welt regieren.« So hat mir Mutter diesen Club einmal beschrieben, mit höhnischen Adjektiven und abfälligem Tonfall, wie es ihre Art ist. War.

Ich muss mich konzentrieren, darf nicht so viel Entsetzen und Wut empfinden. Ich muss meine Gefühle ausschalten, muss den Arm unter Mutter hervorziehen und mir ihr Handy schnappen, ohne dass es jemand sieht.

Zu meiner Linken kommen schlitternd einige Fahrzeuge zum Stehen. Ein Mercedes-Oldtimer. Ein neuer BMW. Mehrere Volvos und SUVs. Ein alter Audi. Ich denke an meinen Sohn Vantaggio, dessen Audi vermutlich auf dem Studentenparkplatz steht. Vanty ist in Sicherheit, er absolviert sein erstes Collegejahr in Princeton. Sarge ist bei ihm, der Mann, den ich bezahle, damit er ihn beschützt.

Ich rufe Vanty an. Nein, ich rufe Lenny an und bitte ihn, sich zu vergewissern, dass es unserem Sohn gut geht, unserem Vanty.

Der Park mit seinem von Bäumen gesäumten Jogging-Pfad, seinem rautenförmigen Baselballfeld, seiner weißen Rotunde und seinem Klettergerüst grenzt zu meiner Rechten an den Hafen. Kindermädchen, die noch Augenblicke zuvor tratschend auf Bänken saßen, während ihre Schützlinge sich auf dem Spielplatz vergnügten, haben sich zusammen mit Horden von Pseudo-Joggern und einem ganzen Yoga-Kurs in meiner Nähe versammelt. Geräusche, Gemurmel, Geschrei vermischt sich mit dem bunten Herbstlaub zu einem wirbelnden Kaleidoskop aus verschwommenen Sinneswahrnehmungen.

Ich fixiere eine Kumuluswolke am Himmel. Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine traumatische Erfahrung mache. Ich kann meine Gefühle einfrieren. Einfrieren. Ich zähle die weißen Wölbungen der Wolke, es sind elf. Nicht ein Fleckchen Dunkelheit, keine Gewitterwolke. Ich könnte diese Wolke malen, zuerst eine rosafarbene Unterseite und dann immer mehr Konturen in verschiedenen Weißtönen und einem ganz hellen Grau, vielleicht auch einem winzig kleinen Pinselstrich in Blau. Während ich weiter die hellen Farbpixel am Himmel studiere, kämpfe ich gegen die Schalter an, die sich in meinem Inneren umgelegt haben. Angst schalte ich energisch aus, Wut ebenso. Hass, Trauer, Kummer, Fassungslosigkeit – alles wird deaktiviert. Ich werde völlig gefühllos. Bin innerlich tot. Gefühle kann ich mir derzeit nicht erlauben.

Nichts von alldem hätte passieren dürfen. Nichts von alldem war Teil des Plans. Eine gewaltige Abweichung, mit der ich nun klarkommen muss.

Ein Zupfen am Band meiner Sweatshirt-Kapuze bringt mich dazu, mich tiefer über Mutters Mund zu beugen, in dem das Blut ihre perfekten weißen Zähne rot färbt. Als mein Ohr dicht über ihren Lippen ist, höre ich sie gurgeln und würgen, als hätte sich ihr Inneres verflüssigt und als würde sie daran ersticken.

»Richter Rasper«, stößt sie mühsam hervor.

»Was? Wer?«, frage ich, obwohl ich ihre Worte so klar und deutlich vernommen habe, als hätte ich sie selbst gesagt. Ich brauche Bestätigung und spüre, wie in mir ein neuer Zustand heranreift, wie der Plan angepasst und um eine zusätzliche Ebene erweitert wird. Dieser Plan – mein Plan – existiert seit nunmehr achtzehn Jahren und wird fortlaufend aktualisiert. Er besteht darin, die Strippenzieher zu entlarven, die damals, vor mehr als achtzehn Jahren, für meine Entführung verantwortlich waren und im Zentrum eines bis heute aktiven Verbrecherrings stehen. Offenbar hat Mutter auf eigene Faust herumgeschnüffelt, hat sich in einem verhängnisvollen Netz verfangen und muss nun dafür sterben.

»Richter Rasper«, wiederholt sie. »In deine Entführung verwickelt.« Ihre Augen verdrehen sich, und ihr Kopf fällt nach hinten über meinen Unterarm. Sie ist nicht mehr da. Sie ist tot. Erneut werde ich von einem Ansturm der Gefühle überwältigt. Ich sehe nur noch weiß, meine Kehle und meine Lunge brennen vor Sauerstoffmangel. Ich muss gegen mich selbst ankämpfen, darf nicht in eine Abwärtsspirale geraten. Wieder konzentriere ich mich darauf, die Wolke zu malen. Die Wolke, die Wolke ist mein Anker. Erneut deaktiviere ich mühsam sämtliche Emotionshebel. Am schwierigsten von allen, aber ich schaffe es mit schmerzhafter Anstrengung: Schuldgefühle. Es ist meine Schuld, dass Mutter tot ist. Endlich, alle Gefühle ausgeschaltet.

Ich ziehe meinen Arm unter ihr hervor.

Schnappe mir mit einer schnellen, fließenden Bewegung ihr iPhone.

Rosa Röckchen beobachtet mich ein wenig zu aufmerksam dabei, wie ich es in die Bauchtasche meines Sweatshirts stopfe.

KAPITEL ZWEI

Lisa Yyland: Verrückt

Im Laufe der letzten achtzehn Jahre habe ich mir Tausende Selbstverteidigungsvideos angesehen, und in einem davon empfahl ein Bodyguard, man solle verrücktspielen, wenn man verfolgt werde. Man solle einfach mit sich selbst reden, wild um sich schlagen, Glupschaugen machen, mit Südstaatenakzent auf ein unsichtbares Kätzchen an einer unsichtbaren Leine einreden – was auch immer nötig sei, um als geistesgestört eingestuft zu werden. »Manchmal«, hatte der Bodyguard erklärt, »wollen Verrückte nämlich nichts mit anderen Verrückten zu tun haben.« Ich hatte Nana gebeten, »verrückt« für mich näher zu definieren. Durch meine Fähigkeit, mich von meinen Gefühlen abzukoppeln und Emotionen einfach auszuschalten, habe ich gewisse Defizite, was die Einschätzung von zwischenmenschlichem Verhalten angeht. Nana erklärte mir: »Wenn man verrücktspielt, tut und sagt man Dinge, die sich vom Verhalten der anderen Menschen um einen herum unterscheiden und dadurch auffallen.« Das ergab schon mehr Sinn für mich. Ich beschließe, mich dieser Methode zu bedienen, um mir die Schaulustigen und die Frau im rosa Röckchen vom Leib zu halten.

Nachdem ich noch ein letztes Mal über die Wange von Mutters leblosem Körper gestrichen habe, stehe ich auf, indem ich jeden Muskel und jedes Gelenk nacheinander in Bewegung setze, wie der erbarmungslose metallene Kampfroboter aus den Terminator-Filmen. Ich erwache zu neuem Leben, bin ein leeres, hohles Gefäß. Mutters Kopf sackt auf dem Pfad zur Seite, während sich die Schaulustigen um sie herum scharen. Ihre Wange schmiegt sich in den Kies.

Ich hole tief durch die Nase Luft, mit geschlossenen Augen.

Alles ist ausgeschaltet.

Ich bin wieder ich selbst.

Ein rotes, blutverschmiertes Herbstblatt klebt an der verstärkten Schuhspitze meines spezialangefertigten rechten Nike-Laufschuhs, unter der sich zwei Zehenprothesen verbergen. Die »Gaaanz ruhig«-Frau mit dem rosa Röckchen steht vor mir und legt ihre Hand auf meinen Arm; vielleicht ist sie Krankenschwester, denn sie ist die Einzige in der anschwellenden Menschenmenge, die weder zurückweicht noch weint oder schreit noch hektisch auf ihrem Handy den Notruf wählt.

»Am besten gehen Sie ein paar Schritte mit mir. Gehen und atmen«, schlägt Rosa Röckchen vor. Ihr Griff um meinen Unterarm wirkt fachmännisch und energisch, er scheint gleichzeitig zu signalisieren Ich kümmere mich um Sie und Ich habe alles unter Kontrolle. Aber diese Frau wird mich nicht kontrollieren.

Ich drücke in der Bauchtasche meines Sweatshirts auf Mutters iPhone herum, obwohl erst zehn Sekunden vergangen sind, seit ich das Display das letzte Mal reaktiviert habe. In mir erwacht das dringende Bedürfnis, mich in ihr Handy zu hacken und ihre E-Mails zu lesen, ihr Arbeitszimmer zu durchwühlen und in ihren Anwaltsunterlagen nach Informationen über diesen Richter Rasper zu suchen, um herauszufinden, was er mit ihrer Ermordung und meiner damaligen Entführung zu tun hat.

Der Griff von Rosa Röckchen ist nun eindeutig zu fest, zu kontrolliert. Ich scanne ihr Gesicht: Muttermal an der linken Schläfe, weiße Haare, Haaransatz dichter und tiefer als bei den meisten Frauen ihres Alters. Eine weiße Perücke? Schwer zu sagen unter dem weißen Schild ihrer Schirmmütze. Ich schätze sie auf Ende vierzig oder Anfang fünfzig: runzlige Nase, hängende, von Zellulitis gezeichnete Arme, die bei einer echten Tennisspielerin eigentlich muskulös und definiert sein müssten. Ihr Tennisoutfit ist professionell und sieht neu und unbenutzt aus. Während sie mit der einen Hand weiter meinen rechten Arm umklammert, legt sie mit der anderen ihren Tennisschläger auf den Boden, wobei sie den Griff mit der Fußspitze so dreht, dass er auf mich und auf Mutter zeigt, die hinter mir auf dem Boden liegt.

Ich winde mich aus Rosa Röckchens Griff und öffne meine Haare, die so lang sind, dass sie mir fast bis zum Steißbein reichen. Durch ein eingearbeitetes künstliches Haarteil sind sie außerdem besonders dicht, und ich lasse sie langsam hin und her schwingen, als wollte ich mit meiner glänzenden, schweren Haarpracht angeben. Dabei hat mein künstliches Haarteil keinesfalls eine ästhetische, sondern eine ganz andere Funktion.

Ich rede, ohne dabei irgendjemanden anzusehen, werfe zwischen den schreienden Menschen wirre Blicke ins Leere. »Könnte jemand dafür sorgen, dass Mutters Wunde gereinigt wird und dass sie ein Pflaster bekommt und nach Hause geschickt wird?«, frage ich mit kühler, gleichmütiger Stimme. Mit weit aufgerissenen Augen betrachte ich die weiße, regenlose Wolke am Himmel und trotte dabei rückwärts aus dem Gedränge, weg von Mutters leblosem Körper. »Mutter mag keine Unordnung. Wir sollten ihr helfen, sich zu säubern.«

Die E-Mails auf Mutters Handy lesen. In ihr Arbeitszimmer gehen und ihre Notizen durchsehen.

Zwei Männer in Golfhemden greifen nach meinen Armen und halten mich fest, obwohl ich voller Blut bin. Ich schüttle sie ab. Während ich noch durch die Männer abgelenkt und vollauf damit beschäftigt bin verrücktzuspielen, stürzt sich erneut Rosa Röckchen auf mich und zieht mich weg. Schon hat sie mich wieder im Klammergriff und schiebt mich gegen den breiten Stamm einer alten Eiche.

»Rufen Sie einen Krankenwagen! Sie steht unter Schock. Ich halte sie hier fest«, informiert sie die Umstehenden.

Reiß dich zusammen. Hör auf, dich ständig zu verkalkulieren. Kontrolliere die Situation. Keine Trauer.

Sie streckt die Ellbogen durch und drückt mich mit geraden Armen gegen den Stamm. Die Rinde fühlt sich rau an unter meinem Sweatshirt, und ich stecke fest zwischen Baum und Rosa Röckchen, die mich mit ihrem ganzen Körpergewicht fixiert. Sie ist offenbar darin ausgebildet, Menschen zu überwältigen und festzuhalten, denn sie hat effektiv dafür gesorgt, dass ich meine Hände nicht mehr benutzen kann und nicht an ihren Kopf herankomme. Den muss ich aber erreichen, wenn ich sie kampfunfähig machen und unter meine Kontrolle bringen will.

Ich begegne ihrem Blick. Wir starren uns an. Sie grinst. Niemand sonst kann es sehen. Dann flüstert sie: »Gib mir das Handy deiner Mutter, Lisa, und sag mir, wo sie ihre Notizen aufbewahrt, dann lassen wir Vanty in Ruhe.«

Jetzt weiß ich, dass ich ihr wehtun werde.

Sie senkt den Blick zur Bauchtasche meines Sweatshirts. »Jetzt gleich!«, befiehlt sie. Wenn sie selbst nach dem Handy greifen oder zulassen will, dass ich es ihr gebe, muss sie ihre Umklammerung meiner Handgelenke lockern. Ich sehe, wie sie zögert, mich abschätzend mustert.

Inzwischen sind eindeutig Polizeisirenen zu hören, die sich von der Wache her nähern.

Es ist sinnlos, Kraft zu vergeuden, indem ich meine Arme zu befreien versuche. Stattdessen ramme ich Rosa Röckchen mein Knie in den Schritt, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als sie erschrocken nach hinten taumelt und die Ellbogen beugt, drehe ich meine Arme und ziehe sie unter ihren Fingern heraus. Nachdem meine Hände frei sind, schlage ich ihr mit einer schnellen Bewegung die Sonnenbrille und die Schirmmütze vom Kopf, klatsche ihr meine Handflächen seitlich ans Gesicht, ramme ihr die Daumen in die Augen und kralle meine Finger in den harten Knorpel ihrer Ohren, bohre meine Nägel tief hinein.

Jetzt gehört sie mir. Ihr Kopf wird sich dorthin bewegen, wo ich ihn hindirigiere, solange ich meine Daumen in ihren Augen habe. Ruckartig stoße ich sie nach hinten, sie stolpert und stürzt zu Boden.

Ich renne los.

Kurz darauf habe ich Mutters Leiche weit hinter mir gelassen und erklimme den Hügel, der zu ihrem Haus führt.

Obwohl ich in Vorbereitung auf den Plan, zu dessen Durchführung ich in Massachusetts bin, mehrere Kampfsportarten erlernt habe, sind es Mutters Lektionen zum Thema Selbstverteidigung, die mir nun einfallen. Sie war es, die mich nach meiner Entführung dazu brachte, mich mithilfe von Videos auf sämtliche Eventualitäten vorzubereiten. Ihre begleitenden mütterlichen Belehrungen basierten auf folgenden Bausteinen: Was gilt es zu vermeiden, was muss bekämpft werden, was ist unschön, wie plant man etwas, wie überaus wichtig ist dabei Effizienz. Es waren wertvolle Lektionen.

Wertvolle Lektionen.

Danke, Mutter.

Am höchsten Punkt des Hügels angekommen, bleibe ich stehen und sehe, dass Rosa Röckchen mittlerweile zu ihrem Schläger gekrochen ist. Sie setzt sich mühsam auf, hält sich die Hand vor den Mund, während sie mit ihrem Handy telefoniert, und klemmt sich die Schlagfläche ihres Schlägers unter den Arm. Der Griff ist eindeutig auf mich gerichtet.

Die versammelten Schaulustigen drehen die Köpfe, um erst zu mir nach oben zu blicken und dann zu der Frau mit dem rosa Röckchen, die ihre Sonnenbrille wieder aufgesetzt hat und hinter den dunklen Gläsern ebenfalls in meine Richtung zu starren scheint. Sie zeigt hinter mir ein Stück die Straße entlang. Ganz offensichtlich weiß sie, wohin ich unterwegs bin. Ich ziehe Mutters iPhone aus der Tasche, klicke auf das Kamera-Symbol, zoome mich heran, drücke den Auslöser. Da ich erhöht stehe, sehe ich jenseits des Hafens und der Menschenmenge die blauroten Lichter der Streifenwagen näher kommen. Sie sind unterwegs.

Ich muss weiter. Weiter. Zu Mutters Notizen.

KAPITEL DREI

Lisa Yyland: Mutters Notizen

Nana würde mich jetzt zweifellos zurückhalten und zur Vorsicht mahnen: Jeder normale Mensch werde nach einem derart traumatischen Erlebnis von den unterschiedlichsten, Verwirrung stiftenden Emotionen heimgesucht und sei daher nicht uneingeschränkt handlungsfähig. Ich bin vierunddreißig Jahre alt und habe ihren Belehrungen oft genug gelauscht, um das zu wissen. Dennoch: Für solcherlei Bedenken fehlt mir schlicht die Zeit. Es geht um zu viele Menschenleben. Wenn wir es wirklich schaffen wollen, ein Haus voller Mädchen und junger Frauen vor Folter und Tod zu retten und gleichzeitig die Menschenhändler und ihre mächtige Kundschaft dingfest zu machen, müssen wir meinen Plan innerhalb der nächsten zwei Tage durchziehen. Dieser Menschenhändlerring, dieser kleine Kreis aus sadistischen Ungeheuern, steht mit den Männern in Verbindung, die mich damals entführt und festgehalten haben. Und diese Verbindung ist der Strang, an dem ich seit meiner Befreiung zupfe und zerre, um ihn aufzudröseln und an den Punkt zu gelangen, an dem wir uns heute befinden. Ich habe achtzehn lange Jahre damit verbracht, Hinweise auf das Wer, das Was, das Wann und das Wo zu sammeln, achtzehn Jahre, um Pluspunkte anzuhäufen, die es mir erlauben, diese Monster in die Falle zu locken, sie auf frischer Tat zu ertappen und ihnen auf diese Weise keinerlei juristischen Spielraum zum Abstreiten oder Rechtfertigen zu lassen. Wie Mutter in die Sache hineingeraten und auf diesen Richter Rasper gestoßen ist, von dem sie behauptet, er sei ebenfalls involviert, ist mir ein Rätsel.

Trotzdem: Nichts wird mich aufhalten. Nicht Mutters Ermordung. Ganz sicher keine Gefühle. Nichts. Weil wir nur diese eine Chance haben.

Ich sprinte einen bewaldeten Pfad hinunter, der in eine Wohnstraße mündet. Von hier ist es nicht mehr weit bis zu Mutters Haus. Meinen Vater werde ich dort nicht antreffen, er ist vor einem Jahr »von uns gegangen«. In meinem Kopf gerät alles in Aufruhr, wenn ich darüber nachdenke, es fühlt sich an wie ein tosender Strudel in meinem Kleinhirn, wie surrende Bienen in meinen Schläfenlappen. Aber ich unterdrücke das stürmische Geschehen in meinem Hirn und beschleunige meine Schritte.

Mutters Audi parkt in der Einfahrt. Ich wünschte, ihr Nummernschild wäre nicht so verdammt einprägsam: SHARKK. Es war sicher ein Kinderspiel, ihr zu folgen, sie aufzuspüren. Jeder konnte mich dabei gesehen haben, wie ich letzte Woche dieses Auto fuhr. Ich drehe meine Haare wieder zu einem losen Knoten und stecke sie fest, wobei ich darauf achte, nicht an den dicken, künstlichen Strähnen an meinem Hinterkopf zu reißen. Dem SHARKK-Nummernschild werfe ich noch einen letzten bösen Blick zu.

Während ich Mutters Haus mit seiner Granitfassade und dem kleinen Türmchen umrunde, in dem ihr Arbeitszimmer untergebracht ist, ignoriere ich die Blutflecken auf meinem Sweatshirt, auf den verstärkten Zehenkappen meiner Nike-Turnschuhe und auf meinen Schienbeinen. Mutters Blut, nicht meins.

Mutter wohnt hier – wohnte hier – zusammen mit ihrer Hausangestellten und Köchin, einer Polin, Ende dreißig, namens Barbara. Barbaras Personalwohnung ist in der Remise untergebracht, neben der Garage, an der ich nun vorbeikomme, um den Garten zu betreten und auf den Hintereingang zuzusteuern. Salzige Luft weht vom Hügel herüber, als wäre sie mir gefolgt. Sie erinnert mich daran, wie nah das Meer ist.

Barbara ist tot, jemand hat ihr von hinten in den Brustkorb geschossen, auf der Herzseite. Sie liegt zusammengesunken auf den Stufen der rückwärtigen Veranda. Ihre Arme sind über dem Kopf erhoben, ein eindeutiges Zeichen für eine Exekution. Während ich vom Park hierhergerannt bin, habe ich so etwas im Grunde schon vermutet, auch wenn ich inständig gehofft hatte, dass sie Barb verschonen würden. Natürlich nicht. Ich konzentriere mich auf das Grauschwarz der Schieferplatten, auf die staublosen Ecken der Veranda, die Winkel, aus denen das Licht auf den Boden fällt und ihn kreuzförmig schraffiert. Nur nicht auf Barbara blicken.

Du musst den Plan durchziehen. Auf keinen Fall darfst du wieder versagen, so wie damals, als du es nicht geschafft hast, Dorothy zu retten.

Die Hintertür steht offen. Ich mache einen Schritt über Barbs Leiche hinweg. Die Alarmanlage heult nicht, der Eindringling muss Barb mit vorgehaltener Waffe gezwungen haben, den Code einzugeben.

Mutters Katze Vanessa steht an der Wendeltreppe, die von der Küche in den Keller hinunterführt. Sie faucht und macht einen Buckel. Barbaras Mörder ist also noch im Haus. Mir fällt ein Fußabdruck auf dem Küchenboden auf, der größer ist als meiner, Mutters oder Barbs. Er ist dabei zu verblassen, doch man erkennt ihn noch: ein einzelner Abdruck, kaum sichtbar, eindeutig frisch, vielleicht ein paar Minuten alt. Geschätzte Schuhgröße 44, vermutlich Männerstiefel, vermutlich schwarz.

Ich habe keine Zeit, mich um den Mörder zu kümmern, der vermutlich nach der gleichen Information sucht wie ich. Worauf Mutter auch gestoßen ist, diese Leute wollen es unbedingt vom Erdboden tilgen, aus Mutters Gehirn, ihrem Handy, ihren Notizen. Ich muss diese Notizen finden, bevor die Polizei mitmischt, denn wir wissen inzwischen, dass auch Gesetzeshüter ihre Hände im Spiel haben bei dem verbrecherischen System, das wir aufdecken wollen. Dass es diese Verstrickungen gibt, ist erwiesen, auch wenn wir keine konkreten Namen kennen. Wir: ich und mein kleines Team aus Verbündeten.

Lautlos gleite ich zu einem kleinen Raum ohne Tür, der vom Eingangsbereich abzweigt. Darin sind mehrere Überwachungsmonitore installiert, zu deren Anschaffung ich Mutter letztes Jahr überredet habe. Ich studiere aufmerksam die Bildschirme, die sämtliche Räume im Haus zeigen. Mörder ertappt, steht in Mutters Waschküche im Keller. Er ist mitten in der Bewegung erstarrt und scheint zu lauschen. Vermutlich hat er gehört, wie ich das Haus betreten habe. Ich drücke auf den Knopf der Sprechanlage.

»Lassen Sie die Waffe fallen! Das Haus ist umstellt. Keine Bewegung!«, sage ich.

Er murmelt etwas vor sich hin, das ich nicht hören kann – die Monitore übertragen keine Geräusche. Dann schlägt er aufgebracht mit seiner Waffe gegen seinen Oberschenkel. Offenbar ist der Kerl nicht der hellste.

Die Polizeisirenen werden lauter, je mehr Zeit verstreicht.

»Legen Sie Ihre verdammte Waffe auf den Trockner, und zwar sofort, Sie Mistkerl!«, rufe ich in die Sprechanlage.

Er folgt meiner Anweisung, hält die Arme hoch und geht einige Schritte rückwärts.

»Stehen bleiben! Sie bewegen sich keinen Zentimeter weiter!«

Ich werfe einen Blick durch die Hintertür nach draußen auf Barbs leblosen Körper. Zu gern würde ich das dämliche Arschloch persönlich bestrafen, das sie umgebracht hat, doch dafür bleibt keine Zeit. Der Kerl rührt sich nicht mehr, steht stocksteif in der Waschküche und glaubt, er säße dort in der Falle. Ich habe schätzungsweise vier Minuten, um zu finden, was ich suche. Die Polizei wird schon sehr bald ermittelt haben, wer Mutter ist und wo sie wohnt, wird von den Augenzeugen hören, dass ich Rosa Röckchen überwältigt habe und hierhergerannt bin. Ich hätte diesem Miststück das Genick brechen sollen.

Auf dem Weg in Mutters Arbeitszimmer streife ich meine blutverschmierten Kleider ab und kicke meine blutigen Schuhe weg. Meine Zehenprothesen sitzen perfekt und kommen auch mit weniger Verstärkung aus. Bevor ich die Treppe zum Türmchen hinaufeile, schnappe ich mir ein zusammengefaltetes graues T-Shirt mit der Aufschrift NOPE, meine SEVEN-Jeans und ein Handtuch aus dem Wäschekorb, den Barbara auf dem Wohnzimmertisch abgestellt hat. Ich wische mir das Blut von den Beinen, werfe das Handtuch in eine Ecke und ziehe im Gehen die sauberen Sachen an. Für meine Füße müssen die Stoffturnschuhe herhalten, die Mutter bei der Gartenarbeit trägt. Ich schlüpfe hinein, binde die Schnürsenkel zu und steige eilig weiter die Treppe hinauf.

In Mutters Arbeitszimmer sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Das dämliche Arschloch aus der Waschküche hat es offenbar zuerst hier probiert, das Gesuchte jedoch nicht gefunden. Natürlich nicht. Er konnte ja nicht ahnen, dass Mutter ihre Gedanken und Erkenntnisse in Notizbüchern festhält, die von außen aussehen wie alte Schinken. An den Wänden ihres Arbeitszimmers stehen deckenhohe Regale, in denen sich scheinbar ausschließlich historische juristische Werke reihen, während in Wirklichkeit ihre Notizen vieler Jahre daruntergemischt sind. Sie wollte es so und betonte stets: »Meine Arbeit ist streng vertraulich, und ich muss sie gut verstecken, manchmal sogar vor mir selbst. Auf diese Weise sind die Informationen, die mir meine Klienten anvertrauen, und meine Gedanken dazu gleichzeitig verborgen und doch direkt vor meiner Nase. Lass ja die Finger davon, Lisa. Du weißt: Anwaltsgeheimnis!«

Mutter konnte streng sein, wenn es um solche Dinge ging. Aber jetzt ist sie tot, es wäre also müßig, mich weiterhin an Regeln zu halten, die nicht mehr gelten.

Der Schwachkopf aus der Waschküche hat ein paar echte Bücher aus den Regalen gezogen, festgestellt, dass sie mit Juristenjargon in altertümlicher Schrift vollgeschrieben sind, und sich aus dem Staub gemacht, um woanders weiterzusuchen.

Ich weiß, dass Mutter das Datum jedes Notizbuchs in verschlüsselter Form auf dem Einband notiert hat, und nehme die neuesten drei Bände aus dem Regal. Aus einem davon fällt mir ein dünnes Notizheft entgegen. Hastig überfliege ich ihre handschriftlichen Einträge der letzten Wochen und entdecke immer wieder die Wörter »Velada«, »Mariana Kirche«, »Richter Rasper« und »Zahnarzt«, beziehungsweise deren Abkürzungen: »V«, »Mariana«, »R.R.« und »Zahna«. Mir bleibt keine Zeit, die Einträge wirklich zu lesen, aber ich weiß auch so genug. »Velada« und »Mariana Kirche« verraten mir, dass Mutter auf etwas gestoßen ist, das elementarer Bestandteil meines Plans ist. Doch dieser »Richter Rasper« ist eine neue Information, und ich habe keine Ahnung, auf was sich »Zahnarzt« bezieht.

Ich werde vor Ort weiterforschen müssen, um herauszufinden, welche Rolle Rasper und der Zahnarzt spielen. Bleib auf Kurs und zieh den Plan durch. Wir legen heute los, früher als geplant.

Mein eigenes iPhone liegt in einem Safe in meinem Zimmer im rechten Gebäudeflügel, der auf der anderen Seite der Küche abzweigt. Also greife ich stattdessen nach Mutters schnurlosem Festnetztelefon und wähle die Handynummer des pensionierten FBI-Agenten, der für meine Beratungsfirma arbeitet – und zufällig eben jener Mann ist, der vor achtzehn Jahren bei meiner Rettung half: Special Agent Roger Liu. Während ich auf das Freizeichen warte, überfliege ich einen Klebezettel an Mutters Computer, auf dem sie ihre Passwörter notiert hat.

»Liu«, meldet er sich. Wenn er in unserem Firmensitz in Indiana wäre, hätte er sich mit »15/33, Inc.« gemeldet.

»Hör zu«, sage ich und zerreiße den Klebezettel mit den Passwörtern. »Mutter hat Velada gefunden oder von ihr gehört. Mutter wurde erschossen. In ihrem Notizbuch steht Mariana Kirche. Und etwas über einen Richter Rasper und einen Zahnarzt …«

Donnernde Schritte auf der Treppe unterbrechen mich. Boden und Wände vibrieren förmlich, denn das Türmchen mit dem Arbeitszimmer liegt im alten Teil des Hauses. Ich werfe das schnurlose Telefon auf den Schreibtisch und Mutters Notizbuch auf ihren bequemen Drehsessel und wappne mich für den Angriff. Mutters iPhone steckt in der Gesäßtasche meiner Jeans.

Als ich aufblicke, sehe ich das dämliche Arschloch aus der Waschküche die letzten Stufen heraufkommen.

Ich positioniere den Drehsessel so, dass das Polster mit dem Notizbuch in meine Richtung zeigt und die Rückenlehne zur Tür, in der das Arschloch nun steht und mir den Weg versperrt. Hinter mir ist ein geschlossenes Fenster, das sich in rund sechs Metern Höhe befindet, weshalb ich ernsthafte Verletzungen oder sogar den Tod riskiere, wenn ich hinausspringe, zumal meine Stoffturnschuhe nicht stoßdämpfend sind und das Gebäude außen keine Vorsprünge oder Kanten hat, an denen ich mich zu Boden hangeln könnte. Das Arschloch ist einen guten Kopf größer als ich.

Lius Stimme dringt aus dem Schnurlostelefon auf dem Schreibtisch: »Lisa, was ist da los? Lisa … Scheiße … Lisa!«

»Notizen. Sofort«, befiehlt der Kerl aus der Waschküche und betritt das Arbeitszimmer, wobei er unter der Klimmzugstange in der Tür hindurchgeht und auf den Drehsessel zukommt. Er bewegt sich mit Bedacht, hält die Arme vor den Körper und ist kampfbereit. Offensichtlich wurde er vor mir gewarnt. Er arbeitet für die Personen, die mich morgen erneut gefangen nehmen und in ihrem kranken Gruselkabinett von Haus als Opfer ihres Menschenhändlerrings missbrauchen wollen. Was diese Leute nicht ahnen, ist, dass ich von ihrem Vorhaben weiß und ebenfalls eine Falle für sie geplant habe. Zumindest glaube ich, dass sie nichts davon ahnen.

Ich beobachte den Gang meines Gegners genau. Er ist Linksfüßer.

Als er nur noch vier Schritte vom Drehsessel entfernt ist, drehe ich die Seite mit dem Polster und dem Notizbuch zu ihm nach vorn.

»Hier«, sage ich.

Er bleibt verblüfft stehen.

»Na los, greifen Sie zu.«

Noch während er sich vorbeugt, drehe ich das Polster zu mir zurück, schnappe mir das Notizbuch und stopfe es mir vorne in die Jeans. Ich klettere blitzschnell auf den Sitz, stoße mich ab und springe mit gespreizten Beinen auf seine Schultern, sodass sich sein Gesicht an meinem Schritt befindet. Ich drücke ihm mit den Oberschenkeln die Luft ab und nutze den Schwung meines Sprungs dazu, mich nach vorn zu werfen und ihn mitzureißen. Während er rücklings zu Boden fällt, greife ich nach der Klimmzugstange und halte mich daran fest. Ich hänge an der Stange, und er liegt unter mir, halb auf dem Treppenabsatz, halb in Mutters Arbeitszimmer. Nachdem ich mit den Füßen auf sein Gesicht gezielt habe, lasse ich los, spanne den Körper an und lande mit meinen ganzen dreiundfünfzig Kilo auf seiner Nase, seinen Augen und seinem Mund. Von seinem Gesicht springe ich auf den Boden weiter und renne zur Treppe.

Aber ich habe ihn unterschätzt, als ich davon ausging, er würde seine Aufmerksamkeit wie Rosa Röckchen auf die Schmerzen in seinem Gesicht richten und sich davon ablenken lassen. Irrtum. Er zuckt nicht einmal, hebt keine Hand, um seine zertrümmerte Nase oder seine blutenden Lippen zu berühren. Stattdessen ignoriert er die Verletzungen, macht eine Rumpfbeuge und schnellt auf die Füße. Das Knarren seiner schwarzen Stiefel auf Mutters Parkettboden hallt von den blauen Wänden des offenen Treppenhauses wider. Bevor ich ihm entkommen kann, zieht das Arschloch eine Waffe und schlägt sie mir gegen die Schläfe. Jetzt bin ich diejenige, die rücklings auf dem Boden liegt. In meinem Schädel klingelt es, die Bienen kehren summend in mein Gehirn zurück, Sterne explodieren vor meinen Augen. Ein verzerrter, unscharfer Blick verrät mir, dass mein Gegner den Fuß hebt und mir mit seinem Stiefel gegen die schmerzende Schläfe treten will. Ich kämpfe gegen den Impuls an, meine Schmerzen anzuerkennen, mich in ihnen zu verkriechen, als würde das quälende Pochen dadurch schwächer werden, und denke an die wichtigste Lektion zurück, die ich von Sarge gelernt habe: Deine Schmerzen sind ein Vorteil für deinen Gegner. Verschaffe deinem Gegner niemals Vorteile. Erst als mir Sarge während unseres Trainings zum dritten Mal die Nase brach, hörte ich auf, vor dem Schmerz zurückzuweichen. Auch jetzt weiche ich nicht zurück, gönne mir keine tröstliche Verschnaufpause. Stattdessen rolle ich mich blitzschnell zur Seite.

Das Sirenengeheul der Streifenwagen erfüllt nun das ganze Haus. Vom Erdgeschoss her ist Gebrüll zu hören, dann rennende Schritte. Ich bin zur obersten Treppenstufe gerollt und will aufspringen, als das Arschloch erneut mit erhobener Waffe auf mich zustürmt.

»Keine Bewegung!«, höre ich vom Fuß der Treppe. »Lassen Sie die Waffe fallen!«

Ich weiß, dass ich vor der Polizei den falschen Eindruck erwecke, wenn ich mich jetzt bewege, also verharre ich stocksteif.

Nichts läuft nach Plan.

Wut kocht in mir hoch, und ich versuche, sie zu unterdrücken. Du musst auch mit dieser Planänderung fertigwerden.

Versag bloß nicht, wie du bei Dorothy versagt hast. Auf keinen Fall.

KAPITEL VIER

Lisa Yyland: Polizeiwache

Die Polizeiwache von East Hanson ist im selben Gebäude untergebracht wie das Rathaus und sieht nicht aus, als würden hier behördliche oder polizeiliche Vorgänge stattfinden. Stattdessen erinnert mich das Haus an die Südstaatenvillen, die ich aus Nanas Heimat Savannah kenne: ein weiß getünchtes, rechteckiges Backsteingebäude mit einer herrschaftlichen, von Säulen gesäumten Eingangsveranda. Von der Decke dieser Veranda hängen Töpfe mit großen, üppig grünen Farnen. Den Parkplatz teilt sich das Gebäude mit den Nutzern der Bootsrampe, die zu ihren Motorboot-Liegeplätzen im Meeresarm wollen. Jenseits des Meeresarms und eines Kanals, über den ein Pendelzug verkehrt, befindet sich der Hafen, wo millionenteure Yachten und Segelboote im Wasser schaukeln.

Mutters Leiche wiederum liegt im angrenzenden Park und ist inzwischen vermutlich mit einem weißen Laken abgedeckt. Ich starre durch das offene Fenster in diese Richtung, während ich im Büro der Polizeichefin sitze, die gerade einen Stapel Internet-Ausdrucke überfliegt.

Meine mangelhaften menschlichen Augen dringen natürlich nicht bis jenseits des Meeresarms vor, jenseits des von einer Brücke überspannten Kanals, können nicht durch die Segel der Boote im Hafen blicken oder durch die Bäume im Park. Trotzdem sehe ich plötzlich deutlich Mutters Leiche unter dem weißen Laken vor mir.

»Lisa.«

Ich entdecke eine Stofffalte oberhalb ihrer Zehen.

»Lisa.«

Mein Blick wandert über ihren Körper, und ich stelle fest, dass das Laken sich über ihrem Gesicht nicht auf und ab bewegt. Sie wird nie wieder atmen.

»Lisa!«

Die Polizeichefin hustet, um mich aus meiner Träumerei zu reißen und meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie heißt Castile. Ich wende mich ihr zu, und sie macht ein bedauerndes Gesicht.

»Mein herzliches Beileid, Lisa. Das muss ein furchtbarer Schock für Sie gewesen sein.«

Wir sitzen in der Polizeiwache eines wohlhabenden Küstenorts, untergebracht in einem prächtigen Südstaatengebäude am Meer. Hier gibt es keine fensterlosen Vernehmungszimmer, denn die sind schlicht unnötig. In der einzigen existierenden Zelle sitzt momentan das Arschloch, das Barbara umgebracht hat, doch normalerweise steht sie leer und wird von Chief Castiles Team zum Kartenspielen genutzt. Das habe ich zumindest den Gesprächsfetzen vor ihrem Büro entnommen, denen ich gelauscht habe, während Castile sich von ihren Mitarbeitern sämtliche Google-Suchergebnisse über mich zusammenstellen und ausdrucken ließ. Der Großteil ihrer Leute ist momentan ausgeflogen und untersucht zusammen mit den Kollegen der State Police die Tatorte in Mutters Haus und am Hafen. Allerdings hat es sich die Polizeichefin nicht nehmen lassen, persönlich hier in ihrem Büro mit mir zu sprechen, mir, ihrer Hauptzeugin und dem einzigen überlebenden Opfer.

Also gut. Zeit für Fragen ohne Antworten.

Sie sieht mich an, und ich überlege, wie viel Erfahrung sie hier, im idyllischen Küstenörtchen East Hanson, wohl in Sachen Mordermittlung haben kann. Einerseits bin ich überzeugt, dass ihr Berufsleben äußerst langweilig ist und sich darauf beschränkt, telefonische Beschwerden über Touristen entgegenzunehmen, die unerlaubt Privatstrände betreten, andererseits habe ich keinerlei gesicherte Beweise für ihre Harmlosigkeit und kann nicht darauf bauen, dass ich ihr – oder den Mitarbeitern, die Zugang zu ihren Dateien haben – trauen kann. Ich werde also keine relevanten Informationen preisgeben.

Der Raum ist erfüllt von salziger Luft und dem Geruch, den die Ebbe mit sich bringt. Eine grauweiße, räudig wirkende Möwe landet auf Castiles Fenstersims. Der Vogel scheint es auf Castiles üppiges und vermutlich schwer zu verspeisendes Sandwich abgesehen zu haben, das mit Kopfsalat und Bergen von Fleisch belegt ist. Castile steht auf, verscheucht die Möwe und knallt das Fenster zu.

»Geier«, sagt sie kopfschüttelnd und lächelt. »Der Kerl versucht, mir jeden Tag das Mittagessen zu stibitzen.«

Ich spähe zu dem Aktenschrank hinter Castile, in dem sie Mutters iPhone eingeschlossen hat. Einer ihrer Männer hat es auf dem Treppenabsatz in Mutters Haus sichergestellt und in eine verschließbare Asservatentüte gesteckt – es war mir aus der Tasche gefallen und ein Stück über den Boden gerutscht. Da Mutter es mit einem Aufkleber versehen hat, auf dem ihr Name und ihre Festnetznummer stehen, konnte ich nicht einfach behaupten, es sei meins. Mutters Notizheft steckt immer noch vorn in meiner Hose, verborgen unter dem T-Shirt mit der Aufschrift NOPE. Ich brauche ihr iPhone. Wenn ich mich nicht irre, hat Castile die Kombination 8933 in das Zahlenschloss des Aktenschranks eingegeben, nachdem sie mit mir ihr Büro betreten und mir ihren Gästestuhl zugewiesen hat. Allerdings könnte ich auch um eine oder mehrere Zahlen danebenliegen.

Bevor die Polizei mich und das Arschloch aus Mutters Haus eskortierte, hörte Liu irgendwann auf, aus Mutters Festnetztelefon zu brüllen, und fing an zu lauschen. Davon gehe ich zumindest aus. »Ich bin eins der Opfer«, sagte ich immer wieder zu den Beamten, die dem Arschloch Handschellen anlegten und Mutters Handy eintüteten. Da die Männer jedoch nicht wussten, was sich genau abgespielt hatte, und da sie Berichte darüber gehört hatten, wie ich Rosa Röckchen – die im Übrigen kurz nach mir vom Tatort geflüchtet war – das Gesicht zerkratzt hatte, näherten sie sich vorerst nicht. Sie durchsuchten mich auch nicht, hielten mich jedoch am Tatort fest und forderten mich auf, sie auf die Wache zu begleiten, um dort einige Fragen zu beantworten. Manchmal geht alles schneller, wenn man sich fügt, und deshalb sitze ich nun hier.

»Hat Boston schon zurückgerufen? Mir ist wichtig, dass das sichergestellte Handy schnellstmöglich kriminaltechnisch untersucht wird!«, ruft Castile von ihrem Schreibtisch nach draußen in den Flur.

»Noch nicht, Chief!«, ruft irgendeine Frauenstimme zurück.

»Sie brauchen bei diesem Handy keine kriminaltechnische Untersuchung«, werfe ich ein.

»Ach nein?«

»Eine solche Untersuchung wird Ihnen nicht verraten, was Sie wissen wollen. Sie ist unnötig.«

Castile beugt sich über ihrem Schreibtisch nach vorn, stützt ihr Kinn in die Hand und taxiert mich. In den Lachfältchen um ihre Augen ist die Haut heller, ansonsten ist sie tief gebräunt. Jeder Teil ihres Körpers, auch ihr Gesicht, wirkt muskulös. Die Wand hinter ihrem Rücken hängt voll mit Auszeichnungen und Andenken: Urkunden, akademischen Graden, einem orange angemalten Surfbrett und, im Zentrum all dessen, einer Biathlonsiegerplakette. Diese Frau kann also nicht nur gut schießen, sondern auch Ski fahren. Ihr Schreibtisch ist vollgestellt mit gerahmten Fotos von einem Jungen in verschiedenen Sportoutfits, beim Fußball, Stehpaddeln, Skifahren, Basketball. Auf einigen Fotos steht sie daneben und legt den Arm um seine Schultern. Seine Trikots tragen allesamt die Nummer 33. Die Bilder von Castile und ihrem Sohn bilden einen farbenfrohen Regenbogen. Die beiden ähneln in gewisser Weise mir und Vanty, nur dass die stumpfen braunen Augen ihres Jungen nicht so funkeln wie Vantys kristallklare blaue Augen. Castiles Dienstwaffe steckt in einem Holster an ihrer Brust.

Meine Hände liegen flach auf meinen Oberschenkeln, ich sitze kerzengerade auf dem harten Holzstuhl vor dem Schreibtisch.

»Na schön. Was Kriminaltechnik angeht, sind Sie die Expertin, und das meine ich keineswegs ironisch. Ihnen gehört eins der bekanntesten privaten kriminaltechnischen Labors im Land«, sagt Castile anerkennend und greift zu den Internet-Ausdrucken, die sie soeben durchgelesen hat.

»Mein Unternehmen bietet keine IT-Forensik an. Wir beschränken uns darauf, Strafbehörden und private Sicherheitsfirmen in den Bereichen Physik und Biologie zu beraten, manchmal auch in Metallurgie und Chemie. Ich weiß trotzdem, dass Sie keine kriminaltechnische Untersuchung dieses Handys benötigen.«

Normalerweise würde ich nie so viel reden und auch niemandem derartige Belehrungen erteilen, aber ich muss Castile irgendwie davon abhalten, Mutters Telefon in ein Labor zu schicken, wo es für mich nicht mehr erreichbar ist. Liu ist bestimmt längst unterwegs hierher, ich muss also einen Weg finden, mich und Mutters Handy aus diesem Zimmer zu befreien. Zum Glück existieren im Internet keinerlei Fotos von Liu.

»Hm«, brummt Castile und blättert zu einem bestimmten Google-Ausdruck weiter. »Wenn man online nach Lisa Yyland sucht, taucht so einiges auf. Es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag über Sie. Hier steht, dass Sie als schwangere Sechzehnjährige in Ihrem damaligen Wohnort in New Hampshire entführt wurden und fliehen konnten, nachdem Sie Ihren Kidnapper eigenhändig umgebracht hatten. Die Einzelheiten sind einigermaßen verstörend. Tod durch Stromschlag? Oder war es durch Ertrinken?«

Beides.

FBI